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Full text of "Nord und Süd"

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LIBRARY OF THE 
UNIVERSITY OF ILLINOIS 
AT URBANA-CHAMPAIGN 


053 

NO 

v. < 5> e 5- lOO 



















































Digitized by the Internet Archive 
in 2020 with funding from 
University of Illinois Urbana-Champaign 


https://archive.org/details/nordundsud9910unse 







j Heununbrteunjigfter Banb 


31 Breslau, t 
5. Scfyottlaenber, 












































































































































































































































































































/ 

2Iorb nnb Sü6. 

<Eine öeutfdje JTlonatsfcfjrtft. 


Qerausgegeben 


paul Ctttbau. 


✓ 




l'teimunbneimjigftei' Sattb. 


Ittit ben portraits oont 

JDilfyelm uoit Pole « 3 , 3uliusStettertfyetm, £)eittricfy Bitter oott Heber, rabtrt oott 

3oI)antt Ctttbtter irt ITlundjen. 




25 r e £ I a u 

3djleftfdje Sudjbrucf eret, Kunft* unb Perlags*21nfialt 

v. 5. Sdjottlaenber. 










3nfyalt bes 99. Banbes. 
(Octofiet — ^obemfier — ^Etemfier. 

1901 


-o§ü°- 

Seite 

K. ZT. Kpucfytin. 

^tnifdjen bem Hobe unb bem £ebett. pfyantaftifcfye <Er3äfylung . .. 293 

T}ans Ben3mann in ZDilmersborf bei Berlin. 

bjetnricfy Hitter ron Heber. 3\8 

Karl Blinb in £onbon. 

Hebe* uttb pregfreifyeit am Kap unb in 3^ an ^ unb ber Krieg .... 2\8 

£u6or>ica Freifrau non Bobenfyaufen in Berlin. 

Haterina Sforja, eine £?elbin bes XV. 3afyrfy u uberts. Btograpfyifcfye 
Sf^e . 376 

£. (Eayley in Hamburg. 

paftor £arfen. 4U 

ZTTar (Etuert in ^annoner. 

§>tnei 3ugenber3ätjlungen non IDilltbalb Klents. \o^ 

(Eyffenfyarbt in Hamburg. 

^ayüm. ^03 

Cuötoig ^uI6 in DTain3. 

Der Staat unb bie Hftiengefelifdjaften. 355 

Dagobert non <5erfyaröbKmyntor in Potsbam. 

Höntgenftrafylen. Honelle. \ 155 

^ran3 £)ertr>ig in Dan3ig. 

Die rDelt als iDilie. HO 

ZlTay fjoffmann in Berlin. 

Der le^te Husflug. Üon (Suy be UTaupaffant. 198 

(Eugen 3f°^ an ^ ™ Berlin. 

Heues non (Suftan Kiit}ne. 204 

Cony Kellen in (Effen a. Kufyr. 

Kunbgebungen im Hljeater. 92 


187838 















-3 nt t aIt ‘ 5es 99‘ Banbes. 


Seite 


Kbolf Kofyut in Stegli^. 

3ultus Stettenfyeim. c£trt biograpfyifcfy'Iitteratifdjes portrait. 256 


Kuguft ^riebrid} Kraufe in Breslau. 

tDilfyelm non polens. \22 

b)ans £inbau in Konftantinopel. 

§ur (Sefcfyid)te bes (Sottesbegriffes. t?3 

Knfa ZTtann in Altona. 

Bofenlegenbe. 27^ 

Sigmar BTehring in Berlin. 

3« ber Borbfee. 4^7 

b}ans Sdjmibfuns in Berlin4}alenfee. 

Die päbagogif urtb itjr publtfum. 365 

Ztlfreö Semerau in dfyarlottenburg. 

Ejerman (Srtmm. 84 

3ofef Steinbad} in ^ransensbab. 

Der Bpoftet. Don Blejanber petöft. 23 

3°fef Cfyeobor in Breslau. 

3unggef eilen. 278 

(£ugen Xüolff in Kiel. 


Die Deutfcfyen (Sefettfdjaften bes ad^efynten 3 a ^ ir ^ un ^ >cr ^ s • • • 225 336 


* * 

* 

(Eruft unb Staat. 242 

Bibliographie. 282 ^5 

Bibliographie Hotten.t52 286 $22 


Ueberfidjt ber toidjtigften §eit(djriften=2tuffä^e non (Ernft lt>eilanb*£übec? t53 290 428 


Uiit ben portraits oon: 

tDilfyelm non polens, 3 u t' us Stettenfyeim, Ejeinrid? Bitter non Beber, 

rabirt non 3h ann £inbner in miincfyen. 



♦ 


) 




1 


Sr~ . 


























f - 






* 





















SditesisckVerk^dRSfdli v SSchoftkndermBreslau 





2torö unb Süb. 


(Eine b e u t f di e ZTTonatsfdjrift. 


I)erausgegeben 

non 

Paul Ctrtbau. 

' 


IC. 23anb. — ®ctober H90H- — fjeft 295. 

(ITltt einem Portrait in Kabiruttg: lüilt)elm oon Polenj.) 



25 r c £ l a n 

Sdjleftfdje ^udjbrucf eret, Kunft* unb Derlags»2lnftalt 

o. 5. Sdjottlaenber. 















Höntgmftrafjlen. 

HoDelle 
Don 

^aga&ert hon a5Etf|arbt*$llmpntnr. 

— potsbam. — 

aS -iUteer! $DaS $fteer! SHjatatta! S^alatta! fo hätte er, toie 
jene fyeimfefjrenben ©rieten unter 36enophon, auSrufen mögen. 
£)enn btefe^ ©eegeftabe, an bem er eben eingetroffen mar, mar 
feine Heimat. 2luf bem nur menige Seiten non bem ^abeorte entfernten 
©nte Dftesfetb, mo er jept ats Eigentümer mattete, batte er feine Nnaben= 
jabre uerftürmt; bort bjatte er ben testen ©egenSfuf; ber fterbenben Butter 
empfangen; bort hatte er feinen erften, filmen Siebestraum geträumt. Dber 
mar es mehr ats ein bräunt gemefen? 

Er ftanb am noch menfcbenteeren ©tranbe — es mar am frühen 
borgen — unb flaute begtücft unb bod) auch non einer teifen Sßehmuth 
beraegt hinaus in baS fdjäumenbe ©emoge. ^edjtS non ihm ftredten itcfj 
bie beiben SSettenbrecher, mie gmei fdjüfeenbe 2Irme, meit in bie ©ee hinaus, 
um ben anfommenben ©duffen einen fixeren §afeneingang gu gemähren. 
$on bem ©otbgeftimmer beS öfttidjen §origonteS hoben fid) ber Seuchtthurm 
auf bem einen SMenenbe nnb bie SBinbmühtenbafe auf bem anbern mie 
fdjarf gefd)nittene ©djattenbitber ab. 3 ur ßwfen fprang baS lauft ge^ 
fchranngene ©eftabe in einer Entfernung non gehn bis gmötf Nitometern 
ebenfalls meit in baS SJteer nor, fo bah baS gefammte Sanbfdjaftsbitb 
rao'ht an ben ©otf non Neapel erinnern tonnte. $Der im Stnfchauen $er= 
torene bachte in ber ^tjat auch an Neapel, baS er bei feiner TOctfehr nach 

Europa getreugt hatte; er bticfte in ber Dichtung, mo er etma hätte Eapri 

l* 





























































2 


Dagobert oon (SerharbtsUmyntor trt potsbam. 

»ermüden fönnen; aber fein fcliarfeS, an roeite ^orijonte gewöhnte«.Singe 
entbeefte feine Qnfet, fonbern nur bie fdjtootie 9lctud)faf)iie eine§ fernen 
"Dampfer?, ber quer noriiberjog unb bent Singe eine? roeniger Scbarfiiditigen 

luofjl faunt itod) fenutlicfi geroefen märe. 

©in ©eufger hob bie Vruft beS ©ebanenben, ein nnr teifetr ©eiliger, 
ber non bem mastig ctuffrifc^enben Vorbwinbe uerfdjtungen würbe. Vreite 
tfßogen wälgten fid) aufgeregt bent ©tranbe gu; ftotg erhoben fie ilpe: Mmrne, 
bie fid) im flaueren SBaffer in gifdjenbe ©epaumfronen wanbeiten, bann 
übergingen unb gute^t als flache, genäfcf)ige Bungen am llferjanbe 
hinauf lecften. Die foldjer 2öeife unfcpäblidj geworbenen Sßogen mürben non 
ber ©ee mieber gurüdgefcplürft, wäprenb über fie hinweg fdjon wieber neue 
febaumgefrönte ^Selten heranftürmten unb über bie gebrochenen Vorgängerinnen 
triumnbirenb tü^egbranbeten. ft$ enbloS mieberpoleubes ©piel in 

faleiboffopifdj wecbfelnben garben unb ©eftaltungen. 

©er Dr. Dtto VMlbentpal, ber in biefeS bernfteinfarbene, nur ab unb 
gu graublau überpaudjte ©pooS traumnerloren pineinftarrte, uerglid) eS um 
milifürlicb mit bem menfdjlicben Seben. ©o gcrfloffen unb gerftäubten audj) 
bie SebenStage; fo fcpwollen aud) bie menfd)lid)en Hoffnungen ftolg empor, 
um an ben SBiberjtänben ber gemeinen SBirflidjfeit jäh gu gerfcpetlen unb 
fiep in ©epaum unb ©unft aufgulöfen. 2öo mochte jeßt Slnfe fein, ber. er 
bie Vlüthen feinet erften SiebeSlengeS geopfert batte? Db . fie ihn ni<$t 
längft nergeffen haben würbe? Hotte er bureb fein ©eftänbniß 

jemals errötpen gemacht, burch fein ©eiübbe je gebunben. ©tumtn unb 
unbeholfen wie ein ©datier war er neben ihr bingemanbeit, baS fierg ö e? 
fd)weüt non fehnenbem Verlangen, unb hoch unfähig, ihr baS gu enthüllen, 
tnaS ihn innerlich gu erftiden brobjte. Unb ba hotte baS ^iaditwort beS 
Vaters ihn aufgefdjredt unb banongefd)eud)t. ©er alte Herr hotte ent* 
fdjieben, baß baS Sanbgut VieSfelb bereinft bem erftgeborenen ©ohne 
Wilhelm gehören, baß Dtto aber, ber gmeite ©ohn unb ©oftor ber 
fopl)ie, norerft auf einer Sßeltreife feine ©dfwingen prüfen, bann aber ben 
Veruf, gu bem er bie meifte Veigung nerrletlj, ben eines ©tbnograppen unb 
gorfcpungSreifenben, erwählen fotfte. Unb fo war Dtto abgereijt, . ohne 
baß er ber non ihm ftillfdjweigeub geliebten nnb auf einem Vefucpe in ber 
Vefibeng gerabe abwefettben 3lnna non ^roSfa, ber ©oepter beS ^ommam 
banten ber bem uäterlicpen ($ute benachbarten ©eefeftung, noch hätte £ebe? 
wol)t fagen fönnen. Vidjt einmal ©rüße an fie hotte er gu pintertaffen 
nermodjt, benn weber fein Vater noch fein Vrubex uerfeprten im Haufe 
beS Dberften, unb an 3lnna — ober 2lnfe, wie er fie in feinen ©räumen 
immer genannt hotte — gu fepreiben, bagu hotte ihm bie unerläßliche 
VorauSfeßung gefehlt: ber »tp, mit einer überfommenen, gefeüfcpaftlicben 
gorm gu bredjen, bie eine ^orrefponbeng gwifdjen jüngeren, miteinanber 
nid)t nerwanbten Vertretern ber beiben ©efeptedüer als unfcpidlich oerur^ 
tpeilt pötte. 







Höntgenftratilen. 


3 


gtnei gapre war er nun abwefenb gewesen, in benen er ben ©tbball 
umgreift unb feinem SBiffenStriebe reidjfie SBeftiebigung gemährt patte. 3n 
^airo, mo er einige f£age rafteu wollte, traf il)n bie 9^ad)rid)t non einer 
fein Seben non ©runb au§ neränbetnbeu fcpmerglidjen Maftroppe. ©ine 
Spppuseptbemie batte in feiner Heimat gemütbet, unb ber unheimliche 3Bürg- 
engel batte ipm binnen einer 2Bocpe ben Mer nnb ben einzigen trüber 
geraubt. Oer Dr. Otto Mbentpal mar plöplidj Erbe nnb alleiniger M 
fiper non 9Ue3felb gemorben unb mupte ga(3 über $opf beimfepten, um 
fein Erbe angutreten unb Orbnung in bie maprfcpetnlid) redjt burdjeinanber 
gerätsenen Mpältniffe gu bringen. Se^t mar bie Ernte unter Oacp unb 
gad), unb ber Ooftot mar nad» arbeitreidjen unb burcp mandje mebmütbige 
Erinnerung getrübten Soeben gum erften 9Me mieber an ben ©tranb ge-- 
fahren, um feinen Sungeu eine ganbnoll ©eeluft gu gönnen jener £uft, 
bie er auf feiner langen dieife fo reichlich gettunfen batte unb bie ibm gu 
einem nur ferner gu entbebrenben 53ebürfniß gemorben mar. 

«göber ftieg bie ©onne über ben beiben Stolen, 2Iuf einer Untiefe 
im Gaffer ftanben dJiönen unb fepnitten mit ihrem filbern fepimmernben 
©efieber fid) fdjarf au3 bem grünlid) trüben Elemente; mie aber eine breite 
SBoge porantollte, bie bie Untiefe gu überflntben brobte, ba hoben fid) bie 
fingen Spiere mit fcprillem Sone po<$ in bie Suft unb warfen fid) mit ge-- 
breiteten ©cpmingen jaud)genb in ben faufenbeu Sßorbwiub. 

2Bie oft batte ber Ooftor gufammen mit Me bem gtuge biefer 
fturmfiebenben $ögel gugefdjaut! 2luöp jept benft er mieber an ba3 Stäbchen 
unb wirb fid) bewupt, bap er fid) nod) gar niept nach ihr erfunbigt, noch 
nicht einmal erforfdjt bat, ob ber «gett Oberft non ^io3fa überhaupt nod) 
Äommanbant ber naben geftnng fei. Slber er mill aud) nid)t fragen; er 
miU fid) bie £ufi ber angeneb men ©pannung nnb Ermattung nicht ntinbern. 

; Müeicpt laßt il)n ein freunbli^e^ Ungefähr Stufe* ©puren unnermutbet 
freugen; nietteiept trifft er honte noch l)i er fnx ©eebabe mit ihr gufammen. 
Ob fie ihn miebererfennen wirb? ob fie nnneränbert geblieben, ober nod) 
pübfcper, nod) pMeliger gemorben fein mag? Unb mie mirb fiep fein 
$erfebr mit il)r geftalten? Serben fie einanber frernb gemorben fein, 
ober merben fie fofort mieber auf freunbfdjattlicpem; gupe ftetjen? SSirb 
nieüeicbt jenes Sßort, baS er bamalS in unbegteiflid) fnabenpafter ©cpüd)terns 
beit nicht gu finben nermoepte, fiep bteSmal mit elementarer (bemalt auf 
feine 3unge brängen? dummes geugl Sm mirft mir boep niept fenti* 
mental merben? raunt er fid) fpöttifcp gu matte erft bie Sbieberbegeg- 
nung mit ipr ab, unb bann lieb §u, was non Seinem bamatigen Empftnben 
in Sir mieber etma lebenbig merben will; benn manch’ ein (Pefcpöpf, bas 
ein ^arabie^nogel gu merben nerfprad), foü fid) fpäter niept fetten gut 
Eule ober <Rräpe entmidelt haben. 

Sittfs non ipm, in ber 9täbe beS in bie ©ee pinauSgebauten gerren-- 
babeS, fängt es jept an lebenbig gu werben. Einige grüpauffteber finben 









^ - Dagobert oon (5er^arbt*llmYtttor in potsbam. - 

fi(5 gmifhen ben (Stranbförben ein, ober fie manbeln unmittelbar an ber 
®renge beS emportedenben SßafferS entlang, um fih gelegentlich gu bilden 
unb moht ein Stüddjen angefpiibten 23ernfteinS aufgulefen. SBilbenthal 
lächelt. @r fennt biefen (Sport noch non feinen $nabenjal)ren her. 2Xu<h 
fpäter ift er manchmal mit gerrn non $roSfa unb beffen ^öd)terlein hier 
gemanbelt unb ^at mit Slnfe um bie Sßette 23ernftein gefammelt. 9Jhtf} 
er fchon mieber an baS blonbe ^ommanbanten^ö^terlein benfen? ©i, er 
ift hoch fein nerliebter Träumer, fein fentimentaler SßolfenfududSbeimer! 
gaft ärgerlich macht er eine SinfSmenbung unb geht ausgiebigen Schrittes 
auf baS gerrenbab gu. ©r miß unter Menfhen unb fo auf anbere ©e^ 
banfen fomnten. 

2ln bem 23retterftege, ber non ber 3)üne gum Straube hinab gelegt 
ift, unb oon bem mieber eine golgtreppe gu ber 23rüde emporführt, bie 
ben gugang gum gerrenbabe oermittelt, ftefjt ein Wiener. 

„2öaS miüft £>u, Johann?" 

„gerr $)oftor, f ollen mir mit bem Magen oben märten, ober nach 
bem tohaufe fahren?" 

„Qa fo, ich nergafj . . . fahrt nur nach bem ^urhaufe unb fpannt 
aus. Sab S)ir bort gu effen geben, auch ber ^utfcher foü fxch nerpflegen 
taffen. Mir bleiben ben £ag über hier; erft gum Slbenb fehren mir nach 
SftieSfelb heim." 

„3u Befehl, gerr SDoftor!" 

lieber QohannS breites, ehrliches ©tefidü geht ein Shmungeln. £)ie 
Sfunbe, bab man ben £ag über hier bleiben mirb, oernimmt er mit grober 
©tenugthuung; in ber Gliche beS $urbaufeS Ijnntirt ein fommerfproffigeS 
fRothföpfchen oon üppig fhlanfem MudjS, baS eS ihm fchon feit Mouben 
angethan §at. ©r macht $ehrt, fe|t ben betreten gut mieber auf unb 
geht, laut ftapfenb, über ben ißretterfteg gur ©ünenftrabe empor, um bem 
bort mit bem Magen horrenben roffetenfenben Bottegen ben herrfhaftliheu 
SBefheib gu überbringen, ©r fhmingt fih auf ben 33od beS ©efäfjrteS unb 
raunt bem ^utfdjer ein paar Morte gu. 23eibe grinfen erfreut, ©in 
fßeitfhenfnatt — unb baS mit gmei flotten braunen Arabern befpannte 
(Sefährt rollt in ber Dichtung beS ^urljaufeS baoon. 

Dtto Mitbenthal muftert, beim gerrenbabe tangfam oorübermanbelnb, 
bie ihm begegnenben SBabegäfte. Sauter frembe ©efihter, barunter unoer- 
fennbar oiele berliner. 3 un Ö unb 2ltt in einfachen, bequemen 2lngügen, 
braungetbe Säjulje ober Sanbalen an ben güfcen, auf ben köpfen bie raeiß* 
teudjtenben, luftigen Stranbmiihen. 2lb unb gu taucht auh fh°n eine 
luftmanbetnbe ©ante auf, bie ftdj fhon geitig ootn Säger erhoben hat, um 
bie herbe, fräftige Morgenluft gu athmen. £>ie Stranbförbe fdjeinen heut 
teer bleiben gu mollen; gu fräftig bläft ber s Jtorb; bie leiht erfd)auernben 
^öabegäfte gieljen bie SBemegung am (Straube oor. 

2)a ift ber Seefteg, ber gu bem im Maffer erbauten ©rfrifhungStofat 







HSntgenftraf} len. 


5 


mit Wuftfpaoillon unb Sefejintmer btnüberfiihrt. SBitbentbal fdjreitet unter 
bem Stege Ijinburcf) unb nriH roeiter nad) bet ©egenb beS ©amenbabeS, 
ofö er mit erhobenem Kopfe pt5fclid& nertnunbert ftehen bleibt. Kaum er= 
fennt er baS ©eftabe mieber. Qn bcn jmei Sauren feiner 3IbraefenEieit 
finb ba oben auf ber ©üne gans neue unb imponirenbe 33 aulid|feiten er* 
ftanben BefonberS ein ftattlicfieS ©ebäube mit breiter unb meit auSlabem 
ber ©erraffe feffelt feinen »lief. gft eS ein grobes «priuat^auS ober ein 
Uteftaurant ober ein neues Kafino? 

„aterjeiben Sie, mein £err," roenbet er fiel) an einen iljm entgegen-- 
fontmenben, febmargbaarigen unb bebrillten jQerrn, inbem er l)öflid) feinen 
; £ut lüftet, „ment gehört bieS neue Calais ba oben?" 

©er Gefragte bleibt artig ftehen unb ennibert mit einem feinen 
Sädjetn ber ©enugtbuung: 

„®aS • ift unfere neue Stranbljatle, ein Slppenbip ju unferem alten 
Kurl)aufe!" 

„©in ftotjer Sau, ber bem SBabe jum Sdpnucfe gereicht. 

„®aS freut mich ju hören. Sie machen mir bamit unabfidjtlid) ein 

Kompliment." 

„Sie finb ber Slrdjiteft . . .?" 

„Dtein, mein §err, id) bin ber SÖabearjt, ber jur ©rridjtung biefeS 
©erraff enbaueS mit ben Slntrieb gegeben bat. Wein 9fante ift Saren . . 
Dr. gab Saren." 

„©er meine ift SBilbentbal . . . Dr. Otto aBilbenttial. 

„ein Kollege?" 

„®a§ nicht. 33 iu nur ein überftüfnger ©oltor ber ißbilofopfne unb 
habe in meinem Seben nod) feinem notbleibenben Wenden helfen fönnen." 

„®ann finb Sie alfo audf fein bptiilologe." 

„®em Simmel fei ©anf, nein, geh bin ein Wifcbprobuft ber neuen 

3 eit, "halb ©utsbefiber, halb ©lobetrotter." 

1 „Sie SeneibenSmertber! Sie finb ein freier Wann, ber feinen tniffem 

' fcbaftlicben Neigungen nöUig ungebunben naebgeben fann. gd) non aller 
SBett in Jlniprudi genommener Strjt liege an ber Kette. SSeitn Sie btet 
fremb finb, ftetle icb mich Sbnen gern sur Verfügung . . . nicht als Slrst, 
ben febeint ein non ©efunbbeit ftrobenber 9lecfe,^ tnie Sie, nicht notlng 51 t 
haben . . . aber als DrtSfenner unb ©icerone." 

„gib nehme Sie beim äSort, £err ©oltor, unb ftetle fofort eine mir 
äufjerft nächtige grage. 2Bo ftnbet ein gefunber norbbeutfdier Wagen hier 
baS befömtulichfte unb mohl)d)mecfenbfte grübftitcl? ©entt ich geftelje, tc) 

! habe einen redjtfchaffenen junger." 

©er 2lr;t fpitjte oerftänDnifiooll bie Sippen. 

„geh b“tte non 9 bis 10 Uhr meine Sprechftunbe im Kurbaufe. 
©leich nach 10 Ulgr ftehe ich 5 « Sh«« ®ienften «ab Mte um bie ©hre. 









6 - Dagobert von (5er^atbt«2tmyntor tu potsbam. - 

3ßnen im „Seehunb" einen ausgezeichneten SrüßflüdStifch nadjmeifen 
zu bürfen." 

„©harmant. Dann früßftüden mir gufammen. 3$ roerbe widj 
pünftlicß einfinben. Der Seehunb liegt?" 

„©(eid) hinter bem ßurha-ufe, immer bie Dünenftraße entlang. SBerben 
Sie längere Seit Ijier bleiben?" j 

„Seiber nur bis heute Slbenb, bann !el)re ich nach StieSfelb gurücf." 

„Stad) Stiesfelb? «göre ich recht? Dann finb Sie ber Sol)n unb 
©rbe beS prächtigen alten gerrn SBilbenthal, ber uns leiber burd) bie 
©ptbemie im Frühjahr fo jäh entriffen mürbe?" 

„«Stimmt. 3ch habe nie! SdjmerglicheS burchgemacfjt; aber h eu t bin 
id) ber ©infamfeit unb allen trüben Erinnerungen entflohen; id) betrete 
mieber bie S3rüde zur 2Belt unb rcill einmal mieber froh unb unbefangen 
genießen." 

„Denn ber Sebenbe (mt Stedjt," ergänzte ber Slrzt mit freubigem 
Slufblid z u bem ßochgemadifenen, breitfdjultrigen jungen SJtann, beffen non 
ber Dropenfonne gebräuntes ©efidjt non einem leicht geträufelten blonben 
SMbart eingerahmt mürbe. 

Stad) anberthalb Stunben faßen bie beiben fo fcßnett mit einanber 
befannt geroorbenen SJtänner im „Seeßunbe" an einem blütßenmeiß gebedten 
unb mit allerlei guten ‘Dingen reid) befehlen Difdj. 

Der Doftor Saren crraieS fich als ein trefflidßer ©efeßfchafter unb 
fließ mit Söilbentßal auf bie ©rneuerung ber heutigen Begegnung an. 

„Sie mürben mir eine befonbere ©ßre unb greube ermeifen," fagte 
er zu bem blonben ©utSßemt, „menn Sie mir in meiner gütte einmal 
einen S3efucß inadjen moßten, ben ich freilid) erft nach Sdjluß ber Saifon 
in StieSfelb ermibern fönnte, benn bis baß in bin ich Silane unb fann nicht 
non ßier fort." 

„Unb rao liegt Qßre gütte?" fragte SBilbentßal, ber lädjelnb biefeS 
SBort beS SlrzteS mieberßolte. 

„Sie müffen norßin bei ißr norübergegangen fein. Sie ift burd) fecßs 
forintßifdie Säulen gefenngeicßnet." 

„9JUt ber Qnfcßrift SSiUa Slnna?" ergänzte fragenb ber S3(onbe. Unb 1 
mie ber Slrzt fcßmunzelnb nidte, fußr Sßilbenthal fort: „Stun, eine folcße 
gütte (affe id) mir gefallen. Sille Sichtung! 3ßr fßala^o fteßt auf bem * 
hcrrlicßftcn Sßunft am Straube. SßaS muß Sßnen Qßre fjßrayis einbringen, 
baß Sie fich einen fo pracßtuollen SMenbau geftatten burftenl" 

„3d) bin mit meiner $rapiS gang gufrieben/' fagte ber Slrzt, inbem 
er Söilbentßal unb fid) auf’s Steue aus ber glafd)e ©ßateau SBrillette ein* 
fcßenfte, „aber halten Sie mich um ©otteS mißen nicht etma für einen 
gonorarfpefulanten." Sein jonialeS ©efid)t mürbe um eineu ©rab ernfter; 
er fußr fid) mit ben Ringern ber Stedden burd) feinen mirren, (ungehaltenen 
unb faft bis unter bie Slugen hinaufreicßenben fchnmnen SBoßbart unb 






Höntgenftrafylett. 


7 


fpritfjte burdj bie C55Iäfer feirter Warfen Vritte aus feinen bunflen, flugen 
Slugen einen feurigen Vticf nah feinem (Gegenüber. „Raiten Sie mih 
um (Sollet mitten für feinen ©elbf^neiber/' mieberholte er mit feierlichem 
Vadjbrucf. „Qh bin burd) ein gütiges ©efcßid non £aufe aus mol)lbabenb 
genug unb treibe meine ärdtidje ^ßrajri^ mehr jum Vergnügen, non bem 
©ränge befeelt, mich bocf) auf irgettb eine SBeife nüßlid) ju machen. Qa, 
ich §abt eine gemiffe Scheu nor hohen Honoraren. 2Ber als praftifcher 
2lrgt bei fchnettent SöahSthum feines ©rfolgeS unb feiner ©innahmen bennod) 
ein ©entletnan bleibt, ber ift eine rara avis." 

„3ft baS Qh r @tuft, -ßerr ©oftor?" 

„Vtein nottfommener ©ruft. ©eben Sie, ein Wlann ber Wahrheit 
unb inneren Vornehmheit ift immer eine Seltenheit, ©ar gu leicht fcheitert 
ber ttttenfch im 2trgte am eigenen ©rfolge; er mirb bann ein (Mbfpefulant 
unb ein Pfleger ber ©borbeit beS SßublifumS, bie ißm gitm Kapital mirb, 
non beffen ginfen er fein V3of)tteben beftreitet." 

2 öi£bentljal ftredte feinem (Gegenüber bie §anb Ipm „‘©aS ftnb 
2Infid)ten, bie Qbneu alle @h re machen. Qdj nerftehe Sie uottfommen, unb 
id) gratulire 3b ne n W Sb^er Vuffaffung. 3Jftt meinem Hochgefühl mitffen 
Sie fich nach einem ©age nott Viübe unb Arbeit beS VbenbS gu Sette legen!" 

„Vun ja, ich banfe, ich erfreue mich eines uortrefflidjen Sd)lafeS," 
ermiberte Saren in fherghaft- munterem ©on. „Loben Sie mich übrigens 
nicht attgu fehr, id) bin ein arger Sonberling unb entgieße mit meinen 
Liebhabereien unb allerlei frembartigen Vebenbingen nietteid)t bod) manche 
Stunbe ber leibenben ttJIenfcßbeit. 2lber man fann eben nicht aus feiner 
Haut fcßlüpfen. So hübe ich mir erft füglich etmaS eingerichtet, baS mein 
ganzer Stolg ift, mit bem ich auch wobt gelegentlich gang gute ©teufte 
leiften fann, baS aber recht eigentlich nur meinem ©riebe gur Saftetet ein 
(Genüge thut — ratl)en Sie, maS?" 

„Vielleicht eine SBerfftätte? ober eine Sternmarte? ober? —" 

„Vein, nein. Sie ratben es nicht. ©in Vöntgenftrabten^abinet habe 
ich mir eingerichtet, in meinem eigenen Haufe, unb fo uottfommen unb mit 
fo ftarfem Strome, baß mich mancher ^ßrofeffor in ber §auplftabt barum 
beneiben mürbe." 

„©aS ift mir in hohem ©rabe intereffant. Qcß bin gmei Qaßre non 
ben Stätten ber Vilbung fern gemefen unb h a ^ e non ber epochemachenben 
Verroenbung ber Vöntgenftrahlen nur burd) flüchtige unb ungenügenbe 
geitungSnotigen etmaS erfahren. Söürben Sie bie große LiebenSmürbigfeit 
haben, mir einen Vlid in 3h r ^abinet gu geflattert?" 

„Vber mit bem größten Vergnügen. Vefuhen Sie mid) heut Vach 5 
mittag." 

„Um raetcße Stunbe?" 

©er 2lrgt überlegte. 

„ttöarten Sie einmal. 3h habe noch nerfchiebene ßraufenbefudje gu 









8 


Dagobert üon (Serfiarbt = 2Jmyntor in potsbam. -- 

mauert. 23i§ bret U^r werbe id) aber fertig fein. Sagen wir für alle 
gäüe: um halb oier . . . bann bin icb lieber zu £aufe." 

„3lbgemad)t," ftimmte Sßilbentbal bei. „Um batb oier Ubr werbe id) 
in Sbrer $ütte mit ben torintbifeben Säulen fein. 23i3 babin werbe id) 
oerfueben, bie geit aufs Stngenebmfte tobtgnfcblagen." 1 

„2Ba§ werben Sie beginnen? SßoHen Sie einen Spazierritt am 
Straube machen? 3u biefem gwede giebt e£ fykx ganz anftänbige 3Kietb^ 
pferbe . . 

SBilbentbal Rüttelte fid) in tomifdjer Abwehr. 

„Unfere pommerfeben SRiethSgäute — nein, id) baute. gd) habe 
meinen Söagen im ßurbaufe, id) tonnte ja fahren, aber ich ziehe oor, zu 
guß z u geben nnb zu feben, ob ich nicht alten kannten begegne. Um 
brei Uhr 'werbe ich ein Seebab nehmen nnb mich hinterher fofort bei . 
gtmen einftetlen." 

,,©ann auf Sßieberfeben. gdj baute 3 bnen für bie angenehme 
grübftüdSftunbe." 

£5 er Slrzt erhob fidj nnb oerließ grüßenb ben „Seeßunb". 

Sind) Söilbenthal brad) halb auf. 

@r fdtfenberte wieber am Straube entlang, ber jefet um bie Mittags« 
ftnnbe ftart beoöltert war. 

$er fteife Stforb hatte abgeflaut; bie Sommerfonne tbat ihre ootle 
SBirtung, nnb e 3 war recht warm geworben. Slber noch immer rollte bie 
See in raitfdienben, fdjaumgefrönten Söogen gegen ben Straub, nnb um 
biefem Sdjanfpiel in aller 23ef)aglid)feit zu genießen, b°dten Herren nnb 
tarnen in ihren Stranbtörben, ba<S Slntliß ber See zugewenbet, gegen bie 
Strahlen ber Sonne geidüßt burd) bie fchattenben SBölbnngen ihrer Siße. 

SBilbenthal ging unmittelbar am SBaffer entlang, fobaß er in bie $örbe 
hineinbliden tonnte, @r fah nid)t riet ©rfreulid)e§. @3 gab ba riet alte 
nnb gebred)lidje Ißerfonen, einige gefärnadtoS getleibete jüngere ©amen nnb 
refibenzlidje Stußer, bie mit ihren weißen glanellanzügen, rothen Slraoatten 
nnb aufgetrempelten SSeintleibern gigerlhaft parabirten. ©ort bie üppige 
grau in ber himmelblauen Seibenbtufe, bereu golbblonbeS £>aar oon einem 
fofetten £ütd)en bebedt war, tamite er bie benn nid)t? Nichtigl ©aS war 
Ja bie ©attin be§ 9 iotbweiwgmporteurS in ber geftung. Sßie oft hatte 
er in ber gemütblidien «ßrobirftube beS SBein^anfmannS beim ©lafe ge* 
feffenl Slber bamals heilte bie bübfebe grau bnnfleS faftanienbrauneS §aar 
gehabt, nnb jeßt ftroßte ihr ein golbblonber, mit einem feinen Stich in’3 
SRöthliche überhauchter ^aartnoten am fd)ön geformten ßinterbaupte? ©3 
war jeßt alfo SJiobe, baS £>aar rötblid)dlonb zu färben? SBerwunbert 
fdjaute er wieber nad) ber alfo gewanbelten grau. Sie warf ihm einen 
gefaüfüdjtigen, leid)t heranSforbernben 25lid zu . . . ©b fie ihn and) erfannt 
hatte? Slngewibert wanbte er fid) ab . . . biefe gefärbten SBeiber waren 
ihm ein ©reuet. @r fdjlenberte weiter nnb bacfjte an Slnna oon £roSfa. 





Kontiert ftrafylen. 


9 


2ludj biefe batte golbblonbeS £>aar; aber btefe garbe war wur^eledjt unb 
baS £aar buftete — er batte es einmal erfahren, als er fidj gleichzeitig 
mit il;r nach einem 23ernfteinftüdd)en büdte unb feine Nafe babei um 
mittelbar mit ihrem Sfopfe zufamntenftief} — ja, wonach buftete es benn? 
Nach einem jungen, fcpönen, gefunben betttfchen Niäbdjen, beffen berbe, 
feufcpe 2ltmofpl)äre ihn immer beraufdft hatte. 

2ßar er mit feinen ©ebanfen fchon wieber bei 2lmta? Nterfwitrbig! 
Noch nie in biefen lebten fahren war ihm bie Erinnerung an jene gugenb^ 
frcunbin fo bartnäcfig unb aufbringlid) anfgetaucht, wie I;eute. SBürbe er 
ihr niedeidjt hoch nod) begegnen, unb warf bieS Ereignis etwa fdjon feinen 
©chatten norauS? Er prüfte mit weit fd)weifenbent 23lide ben ©tranb 
bis gur fernen 2Me, aber nirgenbs fonnte er eine Oame erbliden, bie 
and) nur flüchtig au bie Erfetjnte erinnert hätte. 

2Bieberum gudte er im Norübergeljen in bie ©tranbförbe. Nirgenbs 
war Stufe zu entbeden. ,,©ie ift nid)t f)ter," murmelte er unpfrieben oor 
fich hin, „wabrfcheintidj ift fte bort (er flaute in bie Stiftung ber geftmtg) 
unb fc^altet im §aufe beS «gerrn ^apa." 

Slber was war baS? 2lu3 betn norlepten ber in langer Neihe auf* 
geftellten ©tranbförbe war ein junges Stäbchen f)erau§getreten, baS ihn um 
wiüfürlid) an 2lnna gemahnte. SÜefelbe feöfy ber ©eftalt, berfelbe leichte 
fdjwebenbe ©ang, baSfelbe einfache nur mit rothern 23anbe gefdmxüdte niebere 
©trobhütchen, baS 2lnna im ©egenfape zu ben hoh^n unb überlabenen $uU 
Ungeheuern ber Ntobenärrinnen immer ju tragen geliebt hatte. Er fcpritt 
fdjneller aus, um bie ftd) na$ ber SJtole zu Entfernenbe einzupofen. Oocfj 
nein, baS fonnte nimmermehr 2lnna feiul 2113 er näher gekommen war, 
entbedte er bie wahrhaft zerbrechliche 2öe3pentaille ber nor ihm ©cpreitem 
ben. Entweber war biefeS infeftenäl)nlid)e ©efcpöpf ein fteifcplofeS ©erippe, 
ober eS t;atte fiep fo unoernünftig unb gefcpmadloS jufammengefchnürt, baft 
allen feinen inneren Organen ber ©chwunb bropen mnftte. OaS waren 
ja faum nodj 40 (Zentimeter £aillenumfang. Ou lieber ©ott, wie fonnte 
ein fo wibernatürlicp geformtes Räbchen noch barauf regnen, je einem 
gefunben jungen -Scanne gu gefallen 1 Eine foldje gigur war ja ber ©ipfel 
beS UnoerftanbeS unb abftoßenber JMppelhaftigfeit. 2So blieben ba bie 
entgüdenb fcpwellenben gönnen eines normalen jungfräulichen Körpers? 
Sßilöenthal tjatte feifte Orientalinnen, ^erliche gapaueriunen, aalglatte 
gefcpmeibige Negerinnen gefepen; aber feine biefer Naffen fudfte burcp eine 
unnatürliche Eirderbung beS 2Bud)feS über ben lüften baS ©efallen ber 
Niännerwelt zu erregen; es blieb nur einigen non allen ©ra$ien nerlaffenen 
mobetotlen Europäerinnen norbehalten, ihren Körper fo wiberlich z u ners 
Mppeln unb mit folcper Nerfrüppetung noch ©taat machen z u wollen. 
OaS war nid)t Stufe, baS wuftte er im Voraus. Stber um bie Nicptigfeit 
feiner ©cpluftfolgerung auch nod) burcp ben 2lugenfchein zu beftätigen, ging 
er bei ber jungen Oame norbei unb wenbete fid) bann unauffällig ein 







](0 - Dagobert cort <Serhcu‘M»UtnYtttor in potsbam. - 

roenig rtad) it»r um. ©ott fei ®anü et hatte 9tec(jt gehabt: ein itim 
gätiglid) un6efannte§ aber gonj (lübfcfjes ©eficfit Schaute nach iijm bin mit 
freimblidjen, beinahe auffotbernben Süden, ©in leifer Omaner iibertief 
it)n. Gr niat non heftiger Slbneigung gegen alles Unnatürliche befeelt unb 
befdiiennigte feinen Schritt, um aus bem Bereiche be§ armfetigen Dpferä j 

einer wabnfinnigen Sftobe gu fomtnen.> 

33iS gur SJiote mar er fo gelangt. Tie Sonne fyatte ihre SDiittagSs | 
höbe Übertritten; bei* gange Straub mar non einem ftimmernben ©lange 
üb erbittert. Ter Sßinb batte fid; uöüig gelegt: nur bie Unruhe ber See 
war geblieben, fdjäumenbe Sßogen raufiten nod) immer gegen baS ©eftabe. 

©in weife Ieudjtenber Dampfer glitt majeftätifcb gwifd)en ben beiben SMen- 
brecljern ber freien See gu. ©ine Sßeite lang nerfolgte ber ft eben ge^ j 

btiebene Toftor ben Sauf beS SdjiffeS. ©r fab bie auf bem SSerbed unter 
bem Sonnenfeget nerfammetten gabrgäfte, bie tbeitweife über bie Meeting 
binauSlugteu, um noch einen lebten S3(id nach bem gefilanbe gu weifen, 
benor fie in bie Unficbertjeit beS tüdifd)en SJieereS btoauSgtitten. So gab 
e§ überall im SJienfcbenleben bie Unruhe ber ©rwartung, baS Sagen unb 
langen nor möglichen ©efabren, baS Sßünfcben unb Selben nach bem 
ewig 1 unerreichbaren ©lüde. 2Bar es wirlticb unerreid)bar? SBenn er, 
Ctto SBilbentbat, jefet nor baS blonbe ®ommanbantewTöd)terlein beträte 
unb befeligt au^riefe: „Ta bin ich wieber, Stufe! Stuf gweijäbriger Steife 
um bie ©rbe habe ^ aUegeit $dn im & er 3 en ödragen,. unter ber 
Tropeufonne unb in ben nerberbenbrobenben Sßirbeln ber Taifune. Ta 
bin id) wieber! greuft Tu Tid), Teineu einftigen Spielgefährten wieber* 
gubaben? ©eftatteft Tu ihm, baf er Tid) an feine SSruft giebt unb Tir 
nur brei Sßorte in Tein Heiner, reigenb mobeHirteS Debrdjen Wert — 
bie brei SBorte: id) liebe Tid)!" SBürbe fie il)m bann willenlos nadjgeben 
unb in feiner Umarmung felig erfdjauern? 

S©ar er benn beute förmlich behext, baff er rou bem ©ebanfen an 
jenes SMbcben nid)t mehr toSfam? Sßabrpeinlich b^tte fie ihn längft 
uergeffen. ©in SJiann, ber, wie er, fo ed)t botlänbifcben Stbfcbieb genommen 
unb gwei Sabre lang nichts mehr non fid) batte hören taffen, fonnte bod) 
unmöglich uorauSfepen, baf ihm baS bewegliche §erg eines jungen SüctödjenS 
bie ©rinnerung bewahren unb bei feinem plöplicben SSieberauftaudien ent- 
gücft auf jubeln würbe, ©r gog feine Tafcbenubr. Salb eins! SU jo noch 
brei Stunben bis gum uerabrebeten S3efud)e beS SÖabeargteS. ©r madite 
^ebrt, um fid) in baS Sefegimmer beS SeeftegeS gu begeben unb bei einer 
©igarre unb beim Tur<bblättern ber gournale bie Sdt ab 5 

gufürgen. 

©r febtenberte ben Sßeg am Straube guriid. Tie Stranbförbe waren 
jefct uerl affen, bie gähnen auf bem fienen* unb bem Tamenbabe ein* 
gegogen. Tie meiften SSabegäfte hatten wol)t fd)on nad) fleinbürgertidber 
Strt bie SJlittagStifdje aufgefudjt. ©r fetbft hatte fid) auf feiner SSeltreifc 






K3ntgenjirat)ten. 


u 


eine anbere ®age?eintfeeilung angemöfent; nacfe bem opulenten Sfrüfeftüd, 
ba? er mit bem Slrjte eingenommen, fonnte er io mie fo nidjt nor 6 Ufer 
an ein 3Kittag?ntafel benten; oiefleicfet mürbe ifetn Dr. ©aren aucfe bei 
biefer SOia^tjeit ©eietlfcEiaft leifteit. 

Um fealb jtnei IXtsr fafe er im Sefejimttter unb nahm eine ber nieten 
auSgetegteu ®age?jeitungen in bie ijanb. ®u lieber ©ott! ®iefe 2trt 
Settüre befriebigte ifen ni<fet mefer. (Sr tjatte allen ©efcfemacf an irgenb 
roelcfeer grattion?politif nertoren. ®iefe tämpfenben «Parteiführer unb 
ihre leitartifelnben ®eftnnung?genoffen tarnen ifem fo unenblicfe ipiefebürgerlidh 
unb «entliefe, oft nur mie bejafette Klopffester nor. SBenn man fo ein 
paar Qafere braufeen in fremben ©rbtfeeilett getnefen mar unb ben Kampf 
ber roimmetnben «Dtenicfefeeit im ©rofeen unb ©anjen, geroiffermafeen au? 
ber tBogetperfpeftine, überbaut hatte, bann fühlte man fo reifet, mie alle 
biefe totalen 2lufrequngen, biefe ©türme im ©lafe Söaffer, biefe Nörgeleien 
ber ficfe al? IBotfStribunert ge6erbenben ipferaienbrefcfeer bocfe ofene jebe 
ernftere Söebeutung maren: für ein 3Sott, ba? in ben SBettfeänbetn mitreben 
unb ficfe eine einflußreiche unb acfetunggebietenbe ©tedung erringen roollte, 
gab e? ja julefet bod) nur ein einzige? Biel: Ntacfetentfaltung jur ©ee. 
©in bie ©rbtuget umfaffenber hanbet unb eine biefen hanbel fräftig 6e* 
fcfeüfeenbe glotte — ba? mufete ber ®eutfcfee erftreben. ®er ©nglänber 
hatte e? längft erftrebt unb aucfe nod erreicht — bafeer feine unnerglei^licfe 
fturmfreie ©tellung, fein Neicfetfeum, fein Uebergeroicfet. Iber ber ©ng* 
länber, fo mie ifen SBilbentfeal braufeen lernten gelernt hatte, mar ein ein* 
feitiger, in ©etbftfudjt unb ©elbftanbetung nerrannter unb brutaler ©efett, 

1 allejeit bereit jur Nidjtacfetung unb Unterbrüctung frember Necfete, Ille? 

I für ficfe begeferenb, raub* unb lanbergierig, ein neibtfcfeer, mifegünftiger, 

ränfefiicfetiger unb treulofer Konfurrent. 2Bie anber?, menn einmal ber 
©eutfcfee mit feinem unau?rottbaren Necfet?gefüfel, mit feiner Sichtung nor 
ben ©eboten be? ©ittengefefee?, mit feiner ®reue unb gunertäffigfeit, bie* 
jenige '«teufet jur ©ee feinter ficfe feaben mürbe, beren er bebarf, um adelt 
i «Recfet?brücfeen unb bem anmafeenben nerlefeenben ©ebaren llbion? ein 

„SBafere ®icfe!" pjurufen! ©r legte ba? 3eitunq?blatt au? ber hanb, 
jünbete ficfe eine ©igarette an unb griff nacfe einem ber illuftrirten 

SBifebtätter. 

®er gufad hatte ifen eine gute 2Bafel treffen taffen, ©in feefeaglicfee? 
Sächeln «erfcfeönte fein mctmtltcfee? SXnttitj. ©r erfreute unb erfrifcfete ficfe 
an bem mofeltfeuenbeit tgumor, ber in biefem Sflatte mattete, unb an bett 
j fein empfunbenett unb genial feingeroorfeuen geicfenungen. ®er Suttior 

mar nocfe nicht au?geftorben in ®eutfd)tanb, unb fo lange ein SSolf nocfe 
humor ju erjeugen nerntag, fo lange e? nocfe nicht gänglidj bttrcfe politifcfee 
33egriff?fpaltcreien unb bie Serfeefeungen ber ffrattion?tpranni? in ülnfprudj 
genommen unb «erbittert ift, fo lange barf e? nocfe bie Hoffnung im ibufen 
tragen, bafe e? ein entfcfeeibenbe? SBort in adern mitfprecfeen mirb, ma? 













\2 


Dagobert non (5ertjarbt*21myntor ttt potsbam. 


bie ÜJJenf^eit auf ber S3al;n einer tüchtigen uub üttlichen ©ntwidlung 
oorwärtS treibt. 

©3 war fdjon in ber britten ©tunbe. SBilbenttjal hatte auch ba§ 
burdjblätterte SBifcMatt §ur ©eite gelegt, ©eine ©igarette war iängft in 
Slfdje oerwanbett. ©rmübet hatte er fidj auf feinen ©effet jurüdgelehut, 
unb mit tei^t gefdjloffenen Singen befanb er fid) in jenem erquidlicheu 
Oämtnerung^uftanb, ber ben Uebergang oom SBadjen §um Schlummer 
bitbet. — 

$E)er lebhafte ©intritt mehrerer tarnen unb Herren machte ihn auf- 
fahren, ©r fefete ficf) wieber aufrecht, nahm ein S3latt in bie ganb unb 
vertiefte fidj fdjeinbar wieber in beffen Sefung. 

„«gaben ©ie oorhin bie grau Dr. ©aren gefehen?" fragte einer ber 
eingetretenen gerren feine Stachbarin, eine bide Patrone. 

„Sßie werbe ich fie nicht gefehen haben," oerfeüte biefer mit fpöttifdjer 
©timme. 

„Stun ... unb . 

„Stun . . . unb . . wieberhotte bie S)ame. „©öd idj etwa ba3 
Sobtieb fingen, ba£ ©ie non mir erwarten? gef) weifj ja bodh, bafj ©ie 
für nierunbjwan^ig ©tunben unzurechnungsfähig finb, fobalb ©ie biefer 
grau einmal begegnet finb." 

„©ie treffen ben Stagel auf ben $opf," bemerfte gutgelaunt ber gerr. 
„ga, meine gnäbige grau, man wirb oötlig unzurechnungsfähig, man 
belirirt nor ©ntziiden, wenn man biefeS SMfterwerk aus beut Sitetier beS 
großen SJlenfd)enbitbnerS wieber einmal angeftaunt hat. Schabe, bafj man 
biefe Stofe nom Oftfeeftranbe nur fo fetten zu fef;en bekommt. ©ntweber 
ift ihr ©Satte eiferfüdjtig unb hütet fie ängfttich nor fremben SBliden, ober 
fie ift fo nernarrt in ben (Satten, baj 3 ihr nie bie Suft kommt, ft<$ einmal 
nach anberen Scannern umjufehen." 

Unwillkürlich war SBUbenthat aufnterkfam geworben. Sltfo ber S3abes 
ar§t, ben er oorhin kennen unb fdj%n gelernt hatte, war oertjeirathet? 
Unb feine grau war eine anerkannte Schönheit? Oaoon hatte ihm ©aren 
ja kein Sterbenswörtchen gefagt. Sinn, er, Söilbentljal, würbe ja halb baS 
gauS beS SlrzteS betreten, nietleicht würbe er bie gepriefene Schönheit zu 
fehen bekommen, unb bann konnte er ja beurteilen, ob ber ©nthufiaSmuS 
biefer lauten S3abegafteS begrünbet war ober nicht, ©in fpöttifdjeS Sächeln 
zudte aber faft unmerflidj um feine SJhtnbwinket. Sßie ftörenb benahmen 
fit hoch biefe Meinftäbter in einem öffentlichen ßefejimmer. ©ie ptauberten 
fo taut unb zwanglos, als ob fie ganz unter fid; im eigenen gaufe wären. 

„©ie hätte auch ein Siecht, in einen foldjen (hatten oernarrt zu fein," 
hob ein anberer gerr jenes Greifes an. ©r hatte blaufcfjwarzeS gaar, 
tiefbunkte Slugen, eine lange, gekrümmte, gurkenähnlid;e Slafe, breite wutftige 
Sippen, wiegte beim ©Sange ben Oberkörper unb oerrieth einige Schwierig¬ 
keiten bei ber SluSfprache beS ^onfonanten ©. 







- Kötttgettftrafjlert. - f3 

„Sßäre idj ein grauenzimmer, mabrbaftig, it märe and) nernarrt in 
biefen gerrn Saren." 

„Um ©otte^mitten, gerr Slbenbbuft," fiel ihm eine ber jüngeren 
kanten in’§ SBort, „fangen Sie nic§t rnieber Fljre ^ßrekbpmne auf Dr. 
Saren an. 2Bir fdjctljen ihn Sitte, gemifh er ift ein lieben§mürbiger SOtann 
unb mag and) ein trefflicher SIrgt fein; aber e§> giebt bot aut not anbere 
Sler§te hier, bie fieser ebenfalls ihre Beriten Ijaben." 

„(Sie meinen ben ©obn? ober ben Sanitäkratl) £ömenftein? Sftag 
fein. 2lud) biefe gerren mögen ihre $unft nerfteljen. SXber miffen Sie, 
marnnt mir ber Saren non Sitten ber Siebfte ift? ©r ift fein güb\" 

®ie lebten SBorte hatte ber Spreter, ber eben erft bie SJHtanmefen* 
beit Sßilbentbak bemerft haben mo^te, mit erhobener Stimme nadj biefem 
bin ertönen taffen, mie um ibm unrüiberleglidb) z u beraeifen, baj 3 er felbft 
fein Qttbe fei. ©egen biefe S3eraekfübrung fd)ien aber fein ganzem Sleufjereä, 
fein merfmürbiger Staute unb feine eigentümliche Spretmeife ben ent= 
ftiebenften Sßiberfprut einzulegen. 

Ta3 Süden um SBilbentbak ttftunbminfel nerftärfte fid). Sltfo aut 
hier in biefem Stefte an ber Dftfee biefetbe ©rfteinung, bie ihm fton an 
ben 2Birtt)3tafetn frember Erbteile unb an ben Sttittagtiften ber fdjaufetm 
ben ^affagierbampfer fo niet Spafj gematt batte. ^ein not f° erbifeter 
Slntifemit griff je bie gaben fo leibenftaftlit unb fo hartnäckig an, mie 
e3 gerabe getaufte ober auch freiretigiöfe ungetaufte guben zu tun pflegen. 
Slucb gerr Slbenbbuft glaubte feine Siaffenmerfmale unfenntlit z u wachen, 
menn er eine ftarfe Slbneigung gegen ben Stamm, bem er felbft entfproffen 
mar, recht gefliffentlit z ur Stau trug. SBitbenthal batte an ba£ SBort 
non ber Stmalbe, bie ihr eigenem Steft nitt beftmupt; mar in einem 
Stwafbenbirn benn mehr Klugheit unb 23efonnenbeit, ak in bem Stabet 
biefem gemiff ftarf retnenben unb fein fpefutirenben gernt Slbenbbuft? 

Ter blonbe ©ukbefter ftanb auf unb uerliefj ba3 ihm unleibtit ge= 
morbene Sefezimmer. @r ftritt über ben Seefteg, unter bem not immer 
bie erregten SBogen rauftten, nat beut ©eftabe unb ftieg non bort zur 
Tüne empor. Tie Seit zum S3efudje be§ Saren'ften gaufeg mar not 
immer nitt gefommen. SBilbentbal fpazierte oben an ben 33erfauf£ftänben 
entlang unb ermarb einige Stteinigfeiten für feine Seute. ©r hatte eine 
an^gezeitnete ©rnte gehabt; feine Speiter maren bk zum Tatftrft gefüllt, 
unb ber Sfeft beg (Srntefegeng, ben er nitt mehr batte bergen fönnen, ftanb 
in bot getürmten Kiemen auf ben gelbem. Tie SSerbältniffe auf feinem 
©ute maren non ihm ftnett unb unftmer georbnet morben; er fab einem 
forgenfreien Sßinter entgegen unb mottte, non Tanfbarfeit gegen bag gütige 
©eftid erfüllt, nun aut feinem gauggefinbe eine Heine greube bereiten. 
Tag junge Sftäbten, bag ihm in einer ber 33uben eine furze Tabakpfeife 
für feinen $utfter nerfaufte, nannte ihn artig „gerr Toltor". 

„Sie fennen mit, mein gräulein?" 







^ - Dagobert rott (8erharbt«2Jm yrttor ttt potsbam. - 

„Wu freilich . . . idj habe bod) bie ©hre, «gerrn £>oftor SBilbenthat | 
au £ ^ie^felb gu bebienen?" t I 

„2l(lerbing3, ber bin idj. Sie firtb au3 ber naben Stabt?" 

„3a, £err SDoftor. 2Sir haben ja unteren Saben in ber ^irdjftrafee. I 
®er '.gerr $Doftor haben als Stubent gar mandjmal etmaS bei uns i 
eingefauft." 

„21b, jefet entfinne ich mich • • • 3 a ng ri<5tig. <5ie maren bantals 
nod) eine „lütte £)irn" nnb finb nun eine fo ftattlidje junge £>ame ge* 1 
roorben." 

<£)ie 23ertäuferin errötbete bis unter ihr glängenbeS fladjSgelbeS I 

Stirnhaar. t ' 

Sßilbenthal iah fie freunblich an. Sie mar ein hübfdjeS, frifdjeS ©efdjöpf. 
$Die fiuft tarn ihm, [ich tn er nac£) bem Hommanbanten unb beffen I 
Tochter gu erfunbigen. S)ie Verkäuferin muhte gräulein 2lnna non tosfa I 
unbebingt nom 2lnjehen f ernten, baS fd)öne junge Dberftentöchterlein mar ja 1 
bamalS ber Stolg ber ganzen geftung gemefett. <3d)on fdjmebte ihm eine I 
begüglidje grage auf ber gunge — aber er unterbriidte fie. ©r freute j 
[ich, an bieS £Ijema gu rühren unb in feinen dienen am ©nbe ben 2lm j 
tljeit gu nerrathen, ben er an 2lnna nahm, ©r galjlte unb bat, ben ©intauf j 
nad) bem ^urhaufe gu fenben unb bort für ihn beim Pförtner abgeben j 
gu (affen; bann nidte er ber noch immer rofig erglühenben Verkäuferin j 

freunblich gu unb manbte fid) meiter. I 

©ine Ul)r in einem ber offen ftehenben $erfaufSgemölbe fdhlug groei 1 
Schläge, ©r ftufcte unb gog feine Safdjenuhr. fHid)tig! ©S mar nun j 

bod) halb nier gemorben, unb er burfte bem 2lrgte feinen Vefucf) machen. 1 
3Jterfmürbig! 2Eie er fid) bem ftattlidjen ViUenbau SarenS näherte, 1 
mürbe er non einer 2irt 23eflemmnng befallen. 2ßaS mar baS für ein ihm j 
fonft gänglidj unbefannteS (Gefühl? ©ab eS benn 2lhnungen, bie fid) j 
• förperlid) fo eigentümlich bemerkbar malten? Stanb ihm im «gaufe beS 
2lrgteS irgenb eine Unannehmlichkeit benor? Sßie er auf ben $nopf ber 
eleftrifdjen ©lode neben bem portal brüdte, gudte es ihm förmlich burd) 
ben 2lrm. Sollte er utnfehren unb ben Vefucb) aufgeben? ^Belebe toüe j 
grage! 2ßaS mürbe ber liebenSmürbige 2lrgt non feiner Unpünktlichkeit 
bann beiden müffen? ©r klingelte herghaft noch einmal unb fdjritt bann 
tapfer burch baS fich fofort aufthuenbe portal beS <gaufeS. ; 

25on einem fauber gekleiöeten SDienftmäbchen, baS auf fein kommen 
fdjon norbereitet gu fein fdjien, mürbe er in einen Salon beS ©rb= ^ 

gefchoffeS geführt. f '] 

„£)er gnäbige «gerr mosten hier eintreten, ber .gerr Doktor mirb 

gleich erfdjeinen." 

£>aS Räbchen hatte eS artig gejagt unb nerfchroanb rnieber nad) bem 
Vorflur. 

SBilbenthal befanb fid) in einem lichten, breifenftrigen, reignoü betorirten 





^öntgenftrafylen. 


*5 

(Sentach, ba3 einen leisten Beilcbenbuft atmete. £)ie heitere ^racfjt be£ 
Nofofo umfing ihn. Qn bie in fetten gebrochenen SJönen gehaltenen 2®anb= 
flächen waren golbig umranfte Spiegel eingelaffen; Porzellane aller Stil¬ 
arten parabirten auf .^onfolen unb in einer ganz eigenartig oerfchnörfelten 
Seroante. ©in djinefifcher, mit leudjtenber Seibe beftidter breitljeiliger 
Schirm, ber in ben Niärchenzauber be§ Nofofo oortrefflicl) h^cinpaßte, 
ma^firte einen J^antin, beffen mufdjelförmig au§ labenber, mit penbüle unb 
nielarmigen Bronzeleudjterrt gefchmücfter SimS noch gerabe über ben Nanb 
be§ Schirmet emporragte, gmifchen ben Spiegeln befanben fich oergolbete, 
mit 2Badj8fer§en befteclte SBanbleuchter, hinter beiten mufcbelartig gefchroeifte 
metallene Becfen al§ Nefleftoren fdjimmerten. ©in fofetter Kronleuchter, 

• mit ben (Sla§birnen einer eleKrifdjen Beleuchtung nerfeben, fdjwebte oon ber 
■ mit Amoretten bemalten gimmerbede fjerrtieber. Schwere refebafarbene 
I Brofatoorhänge mit erhaben eingewirften golbenen Blumen umrahmten bie 
: genfter, unb buftige, mit bunten Bögelit gemufterte Spißenftoreä bämpften 
?ba§ grelle Sicht be§ £age3. 

2Bilbenthal ! fpähte nergebenl na(h einem Porträt ber ihm unbefannteit, 
aber al§ Ntärcbenfcbönbeit gepriefenen ^au^frau. 3^ur ein paar alte 
^upferftidje, bie non bolzgefdmißten, rergolbeten, in ^ierlichie Nofenf noppen 
aufblühenben bahnten eingefaßt waren, fteüten ben einzigen Bilberfdjmudf bar. 

©r ßatte fich auf ben erhoben unb ftubirte gerabe einen biefer 
Stiche, al3 fich bie i£tmr z u einem Nebenzimmer öffnete unb Dr. Saren 
eilfertig h^eintrat. 

„Beleihen Sie, «ßerr ©oftor, wenn ich ^ie ein paar Minuten lang 
warten ließ. 3ch h^be in meinem gauberfabinet erft Drbnung fchaffen 
muffen — e3 barf mir in meiner Nbwefenheit bort grunbfätdicb nie ein 
bienftbarer (Seift öineinfommen — jetzt ift 3lffe§ z um ©mpfange bereit, unb 
wenn e§ 3h n ^^ recht ift, fo geleite ich ©te." 

©r fchob feinen 2lrm nertrauticb unter ben feinet (Saftet unb führte 
biefen bnr(h mehrere ebenfalls al§ (Sefellfd;aft§räume eingerichtete ftxmxvc, 
jbann bitrch eine Keine anheimelnde Bibliotbef unb burd) ein an biefe an- 
ftoßenbeS Nrbeitäzimmer. hinter biefent befand fich nach bem «gofe zn 
gelegen ein z^eifenftrigeg (Semach. 2113 fie biefe3 erreicht hatten, fagte 
Saren: 

„£)a wären wir. Bitte, hängen Sie 3h r ^n <ßut bort an ben Nagel 
unb machen Sie e3 fich bequem, foweit bie3 ber etwa3 enge Naum 
geftattet." 

SBilbenthal legte ab unb fab fich wißbegierig in bem 3intnter um. 
3n ber SNitte ftanb ein oblonger £ifdj, beffen glatte einen ©infcßnitt seigte, 
fo baß e3 fehlen, al3 ob man ben £ifd) im Bebarf§faüe au^einanberziehen 
fönnte. Heber bem SSifcß glißerte ein (Sla3förper, ber einer Keinen Sßaffer* 
faraffe nicht unähnlich fab, non einem «ßolzgefteü getragen unb burch £)rat)t- 
jleitungen mit einem an ber Söanb auf einer ^onfole ruhenben Apparat 

Sftorb imb @iib. IC. 295. 2 






Dagobert t>ort (Sertjarbt^myntor in potsbam. 


16 

uerbwtben mar. Unter biefem Apparate befanb ftc§ ebenfalls an ber 2Baub 
ein 93rett mit uerfdjiebeiten knöpfen unb (Griffen gur dteguürung unb 
(Sin? ober 2Xusfd)altunp beS eleftrifchen Stromes. ©ine fdjmale %l)üv, bie 
gefdjtoffen mar, führte, mie ber 9Xr§t erftärte, gu einem bunffen Gebens 
rannte, in bent bie burdj 9töntgenftraf)ten bemirften p£)otograpt)ifd)ßn 2Iuf- 
nahmen fad)gemäf; ijeroorgerufen unb fipirt merben konnten. 

„£>ie 9tatur ber 9totgenftraf)ten ift gtjnen betont?" hob ber 2lrgt 
mieber an. Unb ba ber tobere lebhaft niefte, fuhr Saren fort: „(So habe 
id) ghnen nur bie Apparate gu erftären. SDiefer ©taSförper ijier ift bie 
betonte ©eipter’fdje 9töhre in einer für nuferen gmed befonberS geeigneten 
gönn, $Die au ben ©üben eingefdimotgenen trabte, bie ©teftroben, finb s 
mit ben Sßoteu beS bort befinbtichen" — er beutete nach ber SBanb — 
„tohntforfffdjen guufeninbuftorS uerbunben." 

„2öogu ift biefer tohmforff erforberticij?" fragte Sßitbenthat. „©S 
giebt bod) l)ter fdjou eine eteftrijdje Straßenbeleuchtung." 

„Unb id) i)ätte ben Strom non nuferem ©teftricitätSroerfe begießen 
fönnen," ergänzte ber Slrjt. „©ang richtig . . . aber mie id) ghnen heute 
fdjoit einmat fagte, id) habe greube am SBaftetn unb ©pperimentiren; id) 
modte mich non nuferem ©feftricitätSmerf unabhängig machen unb mir ben 
erforb erlichen Strom fetbft erzeugen, betrachten Sie einmat ben gnöuftor. ■ 
©r ift ein gar kräftiger ©efett. Sie miffen von ber Schute her, baß bie 
Starte beS gnbuftionSfiromeS mit ber SßinbungSgaht beS $DrahteS mäd)ft. 
9tun, id) hübe mir ba einen Apparat mit 45 Nitometer $Drat)ttänge fertigen 
taffen, um and) bie ftärfften SpannungSerf Meinungen hetmorgubringen; ich ; 
ton ghnen, menn Sie eS münfdjen, ein fteineS ©emitter mit gang refpef^ ] 
tabten btipfd)tägen uorfüfjren." v 

„£)aooit bin id) bei fo rieftger ®ral)ttänge uotKfommen überzeugt. 2ßaS 
ift baS für ein Stüdcßen 9ftetall in ber ©eißter’fcßen 9tö£)re?" 

„£)aS ift ber Spieget, mit bem mir bie 9Bntgenftrat)ten auf ben gu 
burd)teud)tenben ©egenftanb gu merfen nermögeu. ®iefe ©etßter’fdje 9töt)re; 
ift, mie Sie fet)en, in ihrem ©eftett bemegtid)." ©r ergriff ben ©taSförper; 
unb breßte ihn t)iu unb her: in jeber ihm gegebenen Stellung btieb baS! 
©taS rut)ig ftet)en. „SBir fönneu atfo beginnen, geh beabsichtige, eine 
rabiograpf)ifche Aufnahme gßrer ,gaub gu machen, mir fet)tt aber noch ein 
©et)itfe. gd) ntufäte meinen Wiener, ben ich ouf baS ©efchäft eines v 
2lffiftenteu eingefudjft hübe, mit einem gieberthermometer gu einem meiner 
Patienten feßiden. geh merbe bat)er meine grau bitten, uns ©ienfte gu 
teiften; fie t)nt baS ebenfalls bei mir geternt." | 

©r ging au baS £auStetepf)ou unb rief in ben Apparat; 

„3lnna . . . bift Srn ba? ... Sd)ön. 23itte, fomme gu mir iu’S ’ 
Dtöntgenfabinet. geh hübe 93efud) unb bebarf deiner Unterftüßung." IS 
©r hing ben «görer mieber au ben «gafen, manbte fid) gu SBitbentßat 
gurüd unb jagte: j 


/ 


’*'■ ■ ~mXiirthi.il 











Bontaenftrafytßn. 




„kleine grau wirb gleich erfdjeinen." 

lieber entpfanb ber ferngefunbe uub fortft {einerlei SReroenf^roa^e 
fennenbe fiiine jene eigenartige Veflemmung. ©c begriff fid) nidjt. 9SaS 
: ging ihn grau Dr. Saren an? Uub wenn fie wirflic^ fo fdjön war, wie 
norl)in non einem ihrer Vewunberer behauptet worben war — fürchtete er 

1 fid) benn uor einem frönen Sßeibe? 

©er Slrgt hantirte nodj an feinen Apparaten, unb SBilbenthat flaute 
' ihm fcheinbar p, währenb er mit feinen ©ebanfen gan^ wo anberl war, 
als fiel) bie ©hür, burch bte bie beiben Herren gefommen waren, geräufd)tol 
öffnete unb eine majeftätifdje grauengeftatt über bie (Schwelle trat, ©in 
tabeüofer Sffiu^S, junonifd)e »performen unb ein orales, fiaffifd) ge; 

I fdjnittenel ©efiebt non bepubernber Holbfeligleit. ©in orangefarbenes ßleib 
I aus leidster Seibe, mit gelbli^en Spieen gefdmüdt, hüllte bie uornehme 
©rfdjeinung ein; ein paar frifd) erblühte ©heerofen ftedten ihr im ©ürtel. 

’ „Siebe SInna," fagte ber 2ftjt, „geftatte, ba& idj ©ir Herrn ©oftor 
' 3Bilbenthal aul SHelfelb norfteile." 

I ©er Vorgefteüte ftanb wie eine Vilbfäute. 3Rit weit aufgeriffenen 
Singen ftarrte er bie fdjöne grau an. 2öar fie ein ©rugbilb feiner Sinne? 
j Ober war ba ptöbtid) bie ben ganzen ©ag lang ©efudjte, bie ©od)ter bei 
i Eommanbanten, feine fytxvtixfyt gugenbflamme, ftrahlenb unb bejauberitb 
; uor ihm aufgetaucht? 

„gd) glaube . . . gnäbige grau .. . wir fennen uni ft^ort/' ftammette 
er ner wirrt. „5öenn Sie fid) — meiner noch erinnern . . ." 

| „SIber freilich) erinnere ich mich ghrer, Sie niel ©ereifter unb enblidj 
Seimgelehrter/' fiel ihm SInna gänzlich unbefangen unb mit freunbtidjem 
Sädjeln, bei bem fie ihre wei&fdjimmernben gähne 3 e tgte, in’l 3Bort. 
„©er <§err ©oftor hat uni nämlich uor galten manchmal mit feinem 
Vejudj beehrt/ wanbte fie fid) erflärenb an ihren überrafcht breinfebauen^ 
ben ©entahl, „er war ein befonberer ©ünftling meinel ^ßapal." 

I „Unb wo ift 3hr Herr 3Sater Jefct?" fragte SBilbenthal, nur um 
etwal p fagen unb fo feine Verwirrung p perbergen. 

; „©r h^t im norigen gafjre feinen Slbfdüeb genommen unb fich in 

i Verlin pr SMje gefegt." 

| ©iefe Antwort hatte SBUbentihat nur mit bem äußeren D£)r nernomnten. 
gwei einanber gänzlich wiberftrebenbe ©utpfinbungen ftritten fid) in feinem 
■ gnnern. ©inerfeitl hätte er auf jubeln mögen, baf$ er SInna wieber* 
gefunben, unb baf) fie noch niel, niel herrlicher erblüht war, all er el fid) 
in feinen nerpcfteften ©räumen aulgemalt hatte, unb anbererfeitl fühlte 
) er fich um alle feine Hoffnungen betrogen, benn ber unenblid) reiche Shatj, 
ben er uor gahren uieUeicht fpielenb hätte heben können, war nun non 
i einem Slnberen gehoben, unb er felbft hatte nidptl all bal teere Stachfehen, 
all bie unfruchtbare Vene über feine bamatige, unbegreifltd^e gurüdhaltung 

unb Schwerfälligkeit. Unb jefet, gerabe jetü, wo bal entpdenbe ©efdjöpf 

2 * 










\S 


Dagobert roit <5erwarbt*2lmyntor in potsbam. 


olS baS (Sheweib eines SInberert unerreichbar vor ihm fianb, ging ihm erft 
baS volle Berftänbniß für baS auf, was ihm 2Inna bamals gemefeit unb 
fie ihm für immer hätte werben können; jefet begriff er bie Um 
ermeßlidjkeit feinet BerlufteS, urtb ein boßerfüllter, blutiger dteib gegen 
«Soren, ben bevorzugten äftitberoerber nrn biefe königliche Schönheit, wollte 
in feinem Serben ^ßloß greifen, £)od) was tonnte Soren bofür, baß er, 
Dtto SMbentßal, ein fo einfältiger unb fdjülerßaft verlegener Burfdj ge= 
wefen war, ber bie «§onb nidjt auSgeftredt hotte nod) bent ßöcßften nnb 
ßerrlicf)ften greife, ben biefeS ormfeligc Seben überhaupt zu ertheilen 
vermochte? — 

Blißartig pdten biefe ©ebanten burcß fein Sirn nnb fpiegelten fid). 
in jähem 2Be<hfel onf feinem männlich frönen Sintiiß wieber, baS bolb 
in einer SXrt Bertlärung, bolb ftnfler unb tobeStraurig onf ben ©egenftonb 
feiner oHergeßeimften unb ßeißeften B>iinid)e gerichtet war. 

tiefer wechfelnbe dluSbrud feiner dienen fonnte bent (Sßepaar, bent 
er fo unmittelbar gegenüberftonb, unmöglich entgegen. 2lnna begann burcß 
fein Verhalten beunruhigt ju werben. 2ftit ber Feinfühligkeit nnb treffe 
fixeren Qntuition beS 2ßeibeS ahnte fie, was in ihm vorging. Dßne eitet 
nnb gefallfüdjtig zu fein, wußte fie, boß fie fd)ön nnb begehrenswert!) war; 
fie erinnerte fich auch fofort au baS einfüge Verhalten SBilbenthalS, ber 
ihr auf feine ftumme unb ungewonbte döeife ein wenig ben Sof gemadjt 
hoben mochte, nnb ein gewiffeS fDiitleib mit bent fdjeinbar fo bitter ©nt- 
täufchten melbete fich iu ihrem guten nnb menfcbenfreunblidjen §erzen. Sie 
bemühte fich baßer aud), fo weit fie ißrerfeits bazu beitrogen fonnte, ißm 
über baS peinliche — baS nur für ihn peinliche — biefer Sßieber* 
begegnnng inögtid)ft glatt hitttneggnhelfen, nnb ihm noch einmal, wie zum 
3)ant, bie «gonb bietenb, fogte fie freunblid): 

„3<h werbe es meinem $apa fTreiben, boß Sie feiner fofort gebacht 
hoben, unb werbe, wenn Sie bieS wünfcßen, ihm 3hre ©rüße befteden." j 
,/3<h bitte bornnt, gnäbige grau/' brod)te dßilbentbot mit nur ntühfom 
gewonnener goffuug hervor. 2)ie Berührung ihrer ^onb hotte ihn wieber 
eleftrifirt; ont liebften hätte er fie an fein «§er$ geriffelt unb ihr in’S Dßr 
gerannt: Sinke, worum fpielen wir benn biefe ^omöbie nnb fteden uns fo 
fremb nnb förmlich gu einonber? — SIber hätte er benn bieS fogen bürfen? 
war fie nicht baS döeib, baS anfcßeinenb glückliche SBeib eines SInberen ?' 
Satte er etwa baS Siecht, fich auf irgenb ein Berfpredjeit, onf nur einen 
einzigen verheißungsvollen Blid beS Fräulein von Prosta berufen zu bürfen?! 

(Sr ließ ihre Sanb loS, trat einen Schritt zurüd unb wonbte fid), 
jeßt wieber völlig «gerr feiner felbft, in erzwungen munterem Xon an* 
SInnoS ©atten: 

„Sie fehen, mein lieber Qen Doktor, wie klein bie SBelt ift: überall 
trifft man alte Bekannte. Qd) bebonre nur, wenn Sie meinetwegen 3h re ; 
Frau (Gemahlin bemüht hoben." 






K Ö tt t g e n ft r a h I e n. 


<9 


SarertS fonft immer Weiteres Bngefidjt mar bodj um einen ®rab 
ernfter geworben. $Die Beftürzuug SßilbentbatS, bie befonbere Sßärme, mit 
Der er Stnna begrüßt hatte, fein Gingen nach einer möglidjft unbefangenen 
Haftung, fein jefet fo erzwungen letzter Son, befrembeten ibn. Er mar 
Der bodjbegiüdte ©atte feinet non ibnt ßeiß nnb leibenfdjaftlidj geliebten 
föeibeS; Stnna batte ibm noch nie ©runb §u irgenb melier Eiferfudjt ge¬ 
geben; fie mar fo buräj nnb bttrdj oornefjm, ein fo reines nnb fittenftrengeS 
Jßeib, baü er fie audj nur burch ben leifefien ^weifet ein ber BormurfS- 
: reibeit ihre» früheren £ebenS gerabezu befeibigt hätte. Slber heute, jnm 
[rften Btal in feiner erft einjährigen Ef;e, fühlte er, mie auch fein ^erj 
Doch nicht gegen alle Eiferfudjt gewappnet mar. äöilbenthat hatte fid) gar 
,u fonberbar benommen. Ratten gwifdjen biefent btonben Beden nnb Slnna 
rüber Beziehungen beftanben, bie ihm oießleidjt unbelannt geblieben maren? 
mb mollten biefe Beziehungen jebt, ba ber BMtreifenbe mieber heimgelehrt 
mar, etma mieber aufleben? Söarnm hatte Buna bem fid) fo merlwürbig 
geberbenben Scanne nidjt einfach ben Büden gelehrt? marnm bemühte fie 
id) fo wtoerlennbar, ihm bei ber SBiebergeminnung feiner Setbftbeherrfdjung 
ieijilftidj z u feiu? 2ßar es nicht eine 2trt Bvaufepuber, baS fie bem Er¬ 
regten oorforglid) eingab, als fie ihm ganz ahne zmingenben ©runb noch 
ein zweites 9Jtat bie «ganb bot? 3Boüte fie ihn burch ben leifen S)rud 
ihrer <£janb befänftigen nnb etma zur Borget mahnen? 

?ßfnil ein häjslicher Berbad)t, für ben er im Stillen fein ebleS Sßeib 
um Berzeihnng bat. Er fühlte, bafc er fidj mit feinen Bermuthnngen in» 
Bobenlofe oerinte. SaS, was er gefehen ober gefehen zu haben glaubte, 
wollte er auStöfdjen non ber tidjtempfinbtidjen glatte feinet ©ebädjtniffeS; 
in möglichfter Unbefangenheit wollte er feine 3 u fage erfüllen nnb ben ©aft 
an einer rabiographtfehen Aufnahme theilnehmen taffen . . . menn fich 
nichts Befremdliches mehr ereignete, bann hatte er fich eben geirrt nnb 
■ganz unnöthig beunruhigt; fottte aber ein neues Moment feinen Berbadjt 
beftätigen, bann mehe bem QubaS, ber bie ©aftfreunbfdjaft täufdjte nnb 
unter ber 9Jtaste beS .garmtofen in ben grieben einer jungen Ehe ein- 
gebrodjen mar! 

„2Boßten mir beginnen?" fragte er mit ruhiger Stimme nnb fdjeinbar 
!anSfd)liehlich mit feiner Aufgabe befdjäftigt. „Buna, Sn haft motjl bie 
©iite, baS Weitere zu beforgen. Qd) mißt nur fchnetl bie Raffelte zur ?tuß 
nähme holen." 

Er eilte in baS bnulle Bebengemach, aus bem er fofort mieber mit 
bem gefuchten ©egenftanb, einem größeren flauen iQot§faften, zurüdlehrte. 
Er fegte ihn auf ben Sifd) nnb erfülle SBitbenthal, am Sifd) ^ßlaß zu 
nehmen nnb feine Bechte auf ben haften zu legen. 

Buna hatte fid) inzwifdjen an bem Brette unter bem gunfeninbultor 
Zu fdjaffen gemalt. 

Ein eigentümliches ©eräufd) ließ fich oernehmen, nnb fofort fprühte 












20 


Dagobert ron (Scrfyarbt’Zlmyntor ttt potsbam. - 

ein irttenfiner Sidjtfdjein in ber ©eißier’i^en «Rötjre auf. ©aren [teilte bie 
gföfjre richtig ein, fo bag bet Spiegel in itjr ben ©traljlen feget bireft auf 

SBilbentßalg §anb warf. , 1 

„(So. 3tt wenigen Minuten wirb bie Slufnaßme beenbet fein, «galt! 
ba faßt mir etwas ein. Slnna, ©u fönnteft bie ©iite ßaben, ©eine £anb 
ebenfalls auf bie Äaffette p (egen — eg ift 9 ?aum genug vorßanben — 
id) ßabe bag größte gormat meiner glatten gewählt. I 

(Sr rüdte einen peilen Stuhl an ben ©ifcß itnb nötßigte feine ©attinJ 
barauf $laß p nehmen unb ihre 9M)te bidjt neben bie SSitbentßalg p 
legen. SBäre er befragt worben, wag er eigentlich bannt bepedte, fo hätte 
er bie Antwort fcßutbig bleiben müffen; ber ©ebanfe war ihm unvermittelt 
aug ber Stacßt beg Unbewußten aufgeftiegen. SMeid)t wollte er bemj 
©oftor nur bie harter bereiten, ftid unb unbeweglich neben Slnna fifeenj 
unb babei bie Stäbe ihrer §anb fühlen p müffen. (Sr fetbft ftanb aufrecht 
am ©ifcß unb beobachtete mit Slrgugbliden fein Sßeib unb ben ©aft, ber 
jtd) ihm fo oerbäcßüg gemalt hatte. Unoerwanbt faß er auf bie bei ben 
§änbe hin; fie lagen fo, baß [ich bie beiberfeitigen ©aumen feife berührten.] 
2ßenn irgenb eine licßtfdjeue SBepßung pifdjett beut hier fißenben 
Sßaar befiehl, bachte er, fo muß jep püfcßen ben ft(h beriihrenben gingernj 
ein Strom ßin unb her gehen, ber bie geftgebannten nieüeidü mit geheimer 
SBoIIuft, ficher aber aud) mit läßmenbem Soßred unb (Sntfeüen erfüllt, 
©enn ber berufene Fächer ber oerleßten (Sßre fleht neben ihnen unb beob* 
achtet aucß bag leifefte Sittern ißrer ©liebmaßen. 

Sßag war ba»? Saß er recßt ober täufcßte ißn fein bis pm, 
Sdjmer§ gefpannter Sehnerv? gitterte benn nicht bie £anb Sßilbentßats? 
S3ebte nicht and) Innag S?ed)te? (Sr fcßloß bie Singen, um fie nach einer 
SBeite wteber 511 öffnen unb nun nod) einmal fcßärfer ßinpfeßen. (Sr 
mußte [ich oorßin getäufcßt ßaben: bie beiben ^änbe tagen unveränberfl 
rußig neben einanber. 

„(Ss ift genug." j 

SJtit etwas rauß geworbener Stimme ßatte er es gefagt. 

©te beiben Sißenben erßoben ficß. 

Sille ©rei faßen einanber mit erßeucßeltent ©leidjntutß an, ber nur 
fcßledjt baS Mißtrauen oerbarg, bag in ißren SBliden lag. ©enn nidjfl 
nur Söilbentßal, fonbern aucß Slnna befürchtete, ber ^augßerr formte burdj 
bag SBeneßmen beg ©afteS aufmerffant geworben fein unb einen gan§ unJ 
begrünbeten S^erbacßt gefdjöpft ßaben. (Sine fdjwüle, gewitterßafte Spannung 
lag in ber Suft; jeber non ben ©reien glaubte bie fcßleidjenben Stritte 
p ßören, mit beiten fid) ein furdjt,bareg SSerßängniß näßern wollte. 

„3cß will nur fcßnell bie glatte entwidetn," fagte Saren p 2öilbew : 
tßal, „Sie föniten bei biefer ©elegenßeit meine ©unfelfammer fennen lernen.'] 
(Sr war norangefcßritten in bag benachbarte fenfterlofe ©emacß. (Sh 
breßte bort am ©riff ber eleftrifcßen ^Beleuchtungsanlage: ein feitteg gäbcßen 




Höntgeuftrablen. 


2\ 


glühte in einer an ber ©ede beftnbiic^en rotljen ©laSbirne auf itnb ner* 
breitete jo nie! ©ämmerlidjt, wie etwa eine i)el( bremtenbe Nacht lampe. 

Sßilbenthal nnb Nnna waren bent Hausherrn gefolgt. $Der oblonge 
Naunt war aufeerorbentlidj eng; ber ©ifd), ber an ber SängSwanb ftanb 
nnb mit allerlei ©eräthen jur ©ntwidlung ber Nufüabmen bebecft war, 
liefe nnr gerabe ttodj fo nie! s f3lafe übrig, bafe fiel) bie brei ^erfonen -fnapp 
bewegen fonnten. 

(Saren feantirte an ben Behältern anf bent ©ifdj, ooit benen ein 
fänerlicfeer, leidet ftedjenber ©erud) ausging. ©amt breljte er baS ©lüljlicfjt 
aus nnb ergriff jenen eigentümlichen Nahmen, beffen mit einer gelblichen 
Ntaffe überzogene ^apierfüüung bie ©igenfd)aft befifet, unter ber ©inwirfuug 
nnfiefetbarer Nöntgenftrahlen auch im ©unflen aufzuflimmern nnb jebett 
bafeinter befinblicfeen ©egenftanb burdjleucbtet ptr Nnfdjauuug zu bringen. 

@r wollte eben bie Natur biefeS mit SBariumplatincpanür geträntten 
gluoreScenzfchirnteS erflären nnb ben beiben Nnberen burdj ben Slugenfcfeein 
ben Beweis erbringen, bafe bie im Nebenzimmer erzengten Nöntgenftrahlen 
aud) bnrd) bie gesoffene ©hür, ja felbft bnrefe bie maffioe giegelfteinwanb 
hinburd) wirften. ©r batte ben Schirm in Nugenfeöbe erhoben, nnb int 
begriff, feinen ertlärenben Nortrag zu beginnen, bemerfte er zufällig ein 
©twaS in bent (Schirm, beffen Nnblid ihn mit ber ©ewalt eine» Feniern 
fdjlageS traf nnb ihm bie kehle berart würgte, bafe er norerft fein SBort 
heroorzubringen nernto<hte. 

Sßifbenthal hatte nämlich fo bidjt neben Nnna Nufftedung nehmen 
ntüffen, bafe er ben feinen Neild)enbuft ihrer ©oifette nnb bie beraitfdjenbe 
Ntntofphäre ihres Körpers fdjauernb empfanb. ©ie, an bie er gahre lang 
als an baS Süfeefte nnb SöegehrenSwerthefte, waS ihm in ber fieintat lebte, 
Zitrüdgebadjt bjatte; bie, mit bereit 23übe er fich heute nnanSgefefet befchäftigt, 
bie er fehnettb gefugt hülfe auf allen SBegen, auf benen er einft mit ihr 
gewanbelt war, bie ftanb nun neben ihm in ber Stille nnb ^eimlidjfeit biefeS 
bnnflen NaunteS. ©r h^te ihre Nthemzüge, er fog ben ©uft ihres Blonb^ 
feaareS ein, er fühlte jebe Bewegung ihres junonifdjen Körpers, ©in 
©aumel ftieg ifem zu Raupten; er nergafe, bafe fie baS ©fjeweib eines 
Nnberen war. Nur ein einziges Wal wollte er feine Sippen auf biefe 
föfttidje, an ben gfaum einer reifen ^firfidj gemahnenbe «gaut brüefen, 
nnr einen einzigen ^ufe trinfen non bieferrt wonnig geformten Nad'en, beffen 
fein gefefewungene Sinie nnb beffen entzüdenbeS «gärdjengefräufet er norhin 
im ©tanze beS ©ageSlidjteS wie ein ©antaluS betrachtet hatte. ©r wufete 
nicht mehr, was er tf;at; alle Ueberlegung, alle Selbftbeherrfdjung war in 
ihm auSgelöfcht; bent elementaren Swänge beS Naturtriebes willenlos 
folgenb, beugte er fid) nieber nnb traf mit feinen Sippen in einem leifen 
kuffe ben «galS ber ahnungSlofen Nadjbarin. 

2 Bie non einer ©arantet geflogen fdjredte biefe zufammen, faft hätte 
fie laut aufgefdjrieen. ©in ©lüd, bafe fie ben Schrei nod) unterbrüdt 










22 


Dagobert non (Sertjarbt^Umyntor in potsbam. 


batte, beim tbr ®atte, ber %xoax meift ein befomtener 9Jlann mar, aber 
gereift and) ju witbefter £eibenfcbaftli$feit aufflammen tonnte, mürbe fonft 
Slufflärung gefordert ^aben, unb bann niedeicbt §u einer raffen unb nie 
mehr wieber gnt macbenben Xfycit ber 9fadje ^irtgcriffen worben fein. 
■Kur einen furzen, abwebrenben ©tofc mit ihrer fCeinen, aber kräftigen unb 
burd) bie Empörung nodj ftärfer geworbenen §anb batte fie unwillfürlidj 
nadj beut Verwegenen auSgefüfjrt, ber feine SßfCic^t als ©aftfreunb fo fdmöbe 
»erlebte; bann ftanb fie unbeweglich, aber in banger, fcbaubernber (Sr* 
Wartung, ob ber Unglütffelige etwa fein uerbredjerifcbeS Xfym noieber- 
bolen fidj erbreiften würbe. 


(©djlufc folgt.) 







Der 2lpofteI.*) 

Don 

SClcratiiJEE 

Deutfd? pon Stciu&ad), ^ranjensbab. 

I. 

©ie (Stabt ift finfter, tief in Üßadjt gefüllt, 

©er 2ftonb irrt abenteuernb in ber f^erne, 

©ie golbnen (Sterne fdjtoffen fdjlummerfanft 
©ie lidjten klugen. 

©djtoarg ift bie Sßelt, 

(So fdjioarg mie ein gehungertes ©etoiffett. 

9iur nocf) bort oben btintt ein mingger (Sdjein, 

SDiatt unb erfterbenb, 

(So ioie ber fßlicf beS traumüertornen «Sieben, 

(So tote ber lefcte, letzte ipoffnungSftraljt. 

* ' 

©eit matten (Sdjein mirft ein 9ttanfarbentäm£>djert. 
SBer njacfjt fo fbät bei fatjtem Sambenlidjt ? 

2Öer mad)t bort oben in oertaffner ipöfje? 

SIdC), fftot unb ©ugenb: ein ©efdjioifterpaar! 

@rof3, unermefjlid) grofj ift f)ier baS (Stenb, 

$aunt, baff eS fRaum tjat in ber Meinen (Stube. 

(Sin loingig (Stübchen, mie ein (Scfjmatbenneft 
Unb fdjntucfloS audj, fo tote baS fReft ber (ScEjtoalbe. 
23ier öbe Söänbe, untjeimtidj unb faljt, 

2ßaS fag’ idj fafjt? — bom mudjernben ©efpinfte 
©er (Sdjimmetfäben fdjnörfetljaft üerbrämt, 

Unb buntgefdbjecft 

S3om fliegen, ber burdjS ©ad) Ijernieberträufelt . . . . 
(Sr fdjtängett fitf) 

$n bieten <Strid)en an ber Sßanb fjerab, 

2Bie ©toctenfdjnüre im ©entad) ber fReidjen. , 

©ie gimmerluft, 

33on (Seufzern unb bon (Sdjimmetbunft getränft, 

(Sie ift erbrücfeitb fdjtt)üt unb atemtoürgenb. 

^itrmafjr, bie beffre Unterfunft gemotjnt, 

©ie ebten $öter fjotjer Herren gingen 
2tn biefem Ort erbarmungslos gu ©runb. 


*) 2Btr beröffenttidjen btefe tn SDeutfdjlanb nodj toentg befamtte SDldjtung $etöft§ jugtei$ als 
Ueberfe^uttg^probe au§ ber bentnädjft im Verlage bieder Beilfdjrift erfdjeinenben erftett b otlftanb (gen 
:beutfdien 2lu3gabe bon SpetöfiS tyrifdjen unb ebifdjen ®id)tungen, benen erft bie bortreffCictje 33erbeutfd)ung 
3ofef @tetnbadj§ itt boCtem 2ttaBe gerecht uitb snr gebfrtjremert 28ertf)id)ä§img bei uns oerb elfen tuirb. 2), 31. 




















2« 


3ofef Steinbad} tu ^ran^ensbab. 


t 


(gilt SBett, ein Dtfd), 

Stuf Dröbelmärften faunt mefjr feitgubieten, 

(Sin alter Stroljfad an be§ $8ette§ ^jufj, 
fJitngS um beit Difd) paar ftrof)umflodjtne Stühle, 
3u 53ette3f)äupten mottenangenagt 
Der £Reft oon einer Drulje: 

Der gattge Möbelreidjtum biefer Stube. 

2Ber mag f)ier mofinen? . 

SSeint mübeit 3 uc ^ cn biefey £ampenltdjt§ 
dämpft §elt unb Dunfel; 

Die ©eftalten finb, 

£jtn gmielicfjtfcfjeine geiftertjaft untriffen, 
SBerfdjmomtnen, mie bie SSttber eiltet DrauntsS. 

$ft e§ bie Santpe, bie ba» 5luge täufdjt? 

Söte, ober finb bie (Siebter biefer 3 c ^ e 
£>it Sßirflidjteifc fo bleid) unb geifterljaft? 

O arme, ungtüdfetige gantilie! 

Die Butter liegt, beit (Säugling auf bem 5lrm, 
Dem SSett gu §äupten, auf ber morfdjen Drufje. 
Der arme Säugling! 

(Sr faugt unb faugt mit Reiferem ©eftöfjit 
5lit feiner Mutter biirrer, metfer SSruft 
Unb' faugt üergeblicfj. 

Die Mutter finnt, öertoren in ©ebanfen. 

51 dj, bie ©ebanfen muffen fdjmerälidj fein, 

Denn mie gefdjmoläner Sdjitee öom girft be3 DadjeS' 
<So rinnen ifjr bie Dfjränen au§ bem 5lug r , 

5tufg SäuglingSantlitj ftrommei§ niebertriefenb . - . 
$ielleidjt, bielleidjt aitcfj benft bie 5lrme nichts 
Unb itjre Dljränen ftür^en au§ bem 5luge 
9htr unbemufjt, gemofmljeitSmäjjig nur, . 

2öie Ouellen au» bem 3' e ^ en - 

Da§ ältere ®inb, e§ fdjlummert, ©ott fei Dan!, 
(2Bie ober fdjeiitt e§ bloß, al3 ob e3 fdjliefe?) 

Dort auf ber morfdjen, manbgetefjnten Drutje, 

5Iu§ bereit grobem Seiniudjübermurf 

Da3 nadte Strolj mit feder Neugier btingett. 

Schlaf, Heiner $unge, fcfjlafe immerzu, 

Unb träume trodneä 35rot Dir in bie §änbdjen. 
Damit Dein Draunt ein föniglidjer feil 

©in junger Mann, ber SSater ber gamitie 
(Sitjt mit ummötfter (Stinte an bem Difdj .... 
©rgiefst btelleidjt 001 t biefer trüben (Stirne 
<Sid) alt ba§ Dunfet, ba» bie (Stube füllt? 

5Id), biefe Stirne ift ein gan§e§ SBudj, 

Söorin bie Sorgen einer Sßett gefdjrieben; 

©in S3ilb, auf bem mit farbeitreidjent Stift 
Die Dualen oon Millionen aufgeftapelt. 





Der Upoftel. Don Ulejanber petöfi. 


3 )od) unter btefer biiftern ©tirne glängt 
(gilt Slugenpaar, 

2 ßie gwci am £immel flammenbe Kometen, 
£)ie niemanb’ fürsten auf bem ©rbenrunb, 

3 Sor benen aber eine SBelt erbittert. 

(Sein lichter 35ticf 

(Strebt immer weiter, immer mepr empor, 

S3i§ er fidf) im Unenblicpen berlor, 

So Wie ber Sföler in ben luftgen Söolfen! 



ir. 


griebe perrfcpt auf weiter ©rbe, 
f^riebe perrfdjt im engen fHaume, 
fftur ber ^erbftwinb wimmert braunen, 

Unb bie Butter brin, Jnt Xraume. 

^Xn bie 2 öanb bie fdjwadjen ©lieber ftemmenb, 

£ebt baS Shtäblein fiep am Säger fadjte, 

Unb fein flägtid) gliiftern tönt als tiirne 
©ine Stimme auS bem fyriebpofraume: 

„2lcp, miep pungert, SSater! 

Sßie id) miep auep quäle, immer quäle, 

£5 dp bermag bor junger nidjt gu fcplafen; 

©ieb mir 33 rot, ber junger tput fo wepe, 

Ober geig mirS blo§, um miep gu laben '/ 7 

„Sart' mein Söpnlein, warte nur bfe morgen, 
borgen follft £>u weipen Shtdjen pabeit, 

SSeip unb Weidp, mit ^imntelStau gebaden!" 
„Sieber peute fdjwarge, trodne fftinbe, 

2113 erft morgen weipen, weiepen $ud)en, 

£)enn bis morgen fann icp fterben, 23ater, 

Unb icp Weip auep, weip auep, bap icp fterbe . . . . . 
0 wie fdjwer, wie langfam napt baS „morgen 77 ; 
borgen, morgen fagft ®u fdpon fo. lange, 

(Stets iftS peute unb mid) pungertS ewig. 

SBenn wir einft geftorben, lieber SSater, 
pungertS unS auep noep im ©rabe unten?! 77 

„Sftein, mein Söpnlein, wenn wir einft geftorben, 
i)ort im ©cabe giebt eS leinen junger ! 77 

„D bann möcpt icp lieber fterben, SSater! 

Sap mir eine Xotentrupe gimmern, 

©ine Heine, Weipe £otentrupe, 

üffieip, wie meiner Butter bleicpeS 2lnttiji; 

Sap mid) auf ben ©otteSader tragen, 

Unb miep in bie Heine ©rube fenfen. 








2(5 


3ofef Steinbad] in ^rangensbab. 


0, rote glüdlid) fiub bod) nur bie ©oten, 

Sßemt fic feinen junger rneljr oerfpüren!" 

2Öer öermödjte nod) beit 9)2unb beS $iitbcS 
UnfdjulbSnoIl gu nennen? 

©old) nnb ©djmert, 

^öitnt’ eS jemals tiefre Söunben fdjlageit, 

511S bie bleidjen, garten SHnberlippen 
©ent gequälten SSaterljergen fd)lugctt ? 

Slrmer SSater! 

2Bie er aucfj gefämbft, fid) gu benteiftern, 
fßlöülidj fprang bie ©fjräne iljnt inS Singe 
Unb bie §anb fuljr ängftlid) an bie Sßange, 

Um fie abgumifdjcn; * 

©enn if)nt marS, als märe il)m ein ©ropfcit 
^rifdjen SBlutS aus beut geborftnen §ergen 

©iebeitbljeifj inS Slngefidjt gefpri^t. 

©ent bie $Iage immer frerntb geblieben, 

£jetd entftrömte fie il)m unaufljaltfam: 

„§err ber SBelt, maS jjaff ©u mid) erfcfjaffert ? 
2BaS entriff’ft ©u mid) bent emgen 9?id)tS, 

©effeit 9?ad)t id) mir fo fyeifj erfefjue. 

Ober aud), maS fc^itfft ©u mid) gunt 9ftenfd)en, 
©ent ©u SBetb nnb ®iitb aitS §er§ gebrüdt, 
SBemt id) fie nid)t gleid) bent ^ßelifane 
ÜDiit bent eignen |)ergblut näl)ren famt? . . . 

©od) üerftuntme SBort an meinem SJlunb! 

©ott, ber §err, fennt feines ^anbelnS giele; 

SBir, nur mir ftel)it blinb bor feinem ^plan, 

2Ber aud) mollt’ iljn Oor bie ©djranlen forbern? 
(Sr l;at mid) aufs meite Sfteer entfenbet, 

SD^ir ben J^ombafj in bie ©eele legenb: 

Unb id) gel), mol)iit mid) biefer lenlt. 

^)ier, mein ©öfjttlein, nimm bieS ©tüddjcn 23rot, 
SUmntS unb ifj eS; 

©ei bergnügt, eS ift ber lepte Riffen, 

(Srft für morgen galt er — ifjt ©u il)it, 

SBeifj ber §immel, maS ©id) morgen fättigt!" 

$rol) unb Ijaftig griff ber Heine $unge 
9?ad) bent 93rot; 

dauerte gurüd aufs Ijarte SSettdjen 
Unb oerfd)lang baS trodne 2D?al)l fo fröljlid), 

©afj itjrn beibe Sleuglein aufgeleudjtet, 

2Bie berliebte gmei ^ol)aitniS!äfer. 

SllS bie letzte $rume 33rotS gu (Snbe, 

©anf ber ©raum, mie meid)er Slbenbnebel 
Sluf baS ©l)al, il)m auf bie Slugenliber, 

Unb baS $öbfd)cn leis aufs Riffen neigenb 

©d)lief er ein unb lächelte int ©raunte 
SBaS ifjm träumen ntocfjte ?! 

SSarS ein ©ärqdien? marS ein ©tiiddjen 33rot? — 















Der Upoftel. Don Ulßjanber pctöfi. 


27 


2 lud) bie Butter fdjludjgte fiel) fjimiber 
$n ben (Scfjtaf — 

$f)ren (Säugling 51 t bent ®näblein tagernb, 
(Sdjlang fie fonft bie Sinne um bie beibett 
Unb entfdjlief am garten ©rufjeitranb. 

©a ertjob ber SSater fid) üorrt ©ifd)e, 

©rat auf teifen (Sollen att ba3 SBett 
Unb öerfGelungnen Slrmeg inneljattenb 
<Sann er ftill: 

„(Snblid) feib £$I)r gtüdlid), meine Sieben 
Hub üerfpürt beä SebenS Saft niefjt rnefjrl 
Slbgeljoben l)at fie (Sud) ber ©raum 
£5on ben (Schultern, 

©ie fie ©ag unb SJacfjt getragen Ijaben. 
iperr be§ §immetö, liebt atfo ber ©raum 
ÜDieine feuern mefjr, al3 id) fie liebe, 

©afj er jene gtüdlid) machen tonnte, 

©ie id) fetbft nid)t glüdtid) mad)en tann? 
©od) gleidjüiet, ioenn fie nur glüdtid) finb . . 
(Sdjtaft, 0 fcfjlaft, £$l)r teuren, gute 9^acf;t!" 

Unb nun tilgte er bie brei (Sntfdjlafnen, 

©iefe tjeilge ©reifalt feinet §aufe§. 

(Segnenb l)ub er über itjren Häuptern 
©eine §anb (bie §anb, bie itjnen eben 
9Ud)t§ al§ blofj ben ©egen bieten tonnt!) 

Unb begab fid) mieber an ben ©tfd). 

9?ad) ber bollbelabneit ©rutje aber 
(Sanbte er nod) einen fanften $ 8 tid, 

(Sinen fanften, feetenmarmen 33licf, 

©er begtüdenb in ben ©raum ber (Sdjläfer 
diofen fpamt unb (Saget fdjtoeben lief). 

©amt öerfentte er ben SBlid burefjä fyenfter 
$n bie finftre, tof)leitfd)lt)ar§e 9?ad)t; 

(Starr unb unüertoanbt fat) er itt§ ©uitfel, 

Stt§ ob er mit feinet QÜammenaugg 
Üftorblidjtfdjein bie jftadjt ent§ünben mellte. 


III. 

2Bo mag be§ Cannes mad)e (Seele fdjtneifen? 
SBeit fudjt if;r £)od)flug unb auf loeldjer 33afjn? 
(Sie irrt in jenen tuftgen SBoltenftreifen, 

!pn bie ein Halbgott ober nur ein SBalgt 
©ie ®raft unb SHtjntjeit tjat emüorgugreifen! 

(Sr fdjüttelte bie (Srbenforgeit ab, 

(So toie ber S5ogel bie geborftrte (Sdjale, 

(SI) er entfliegt; 

©er Sdienfd) erftarb unb nur ber Bürger lebt; 












28 


3ofe'f Steirtbad] in ^rdnjensbab. 


©er eben ber gamitie angetjörte, 

©epört ber 2£ett; 

©ergeben brei ©efdjöpfe nur umarmt, 

Umarmt jefct eine SBctt üon Millionen: 

©ort oben raufdjen feiner (Seele ^tilget, 

Son mo ber ©rbbalt miitgigcr er fd) eint, 
auf öertof)tten Stoffen üon papieren 

(Sin ^ünfdjen ©tut. 

er im fcparfen ging oorbeigefauft, 

Erbitterten bie (Sterne in ber ipötje, 

2 öie ^ergenftammen, atemangernept. 

©r flog unb flog. 

SDMUionen unb Sflitlionen Seiten ftefjt 
©in §immet3förper ferne öon bem anbern, 

§Utein, fie mieten fjinter itjm im glug 
©o rafd) guriief, 

SBie Saum um Saum 

$m ftüdjtgen Reiter, ber ben gorft burcEjfcfjneibet. 

Unb at§ er fidj fdjon über SDUtliarben 
Son gotbnen (Sternen f)od) hinauf gefdjttmngen 

©etangte er. 

$n§ ©nbe biefeS 2Bettenatt§ oietteidbjt ? 
gfjein, in be§ SßettattS tidjterfüttte Sföittel 

Unb bor itjrn fafj, 

©er mit bem teifen 3 u ^‘ en f cilte5 
©ie Söelten teuft. 

©e3 SBefen ©lang, 

SluS beffen 2Iuge jeber $unfe ßidjt§ 

©in (Sonnenbatt, 

Um ben fidj ©rbe, äßonb unb (Sterne bretjn. 

Unb, mie ber Sdjman in ber frpftattnen gtut, 

©ie gittidje im Urgeift*©tange babenb, 

Sftaljm bie berftärte Seele je|t ba3 2Sort: 

„Sei mir gegrüßt, o £>err, unb augebetet! 

©in Staubtorn, flog id) auf gu ©einem ©Ijron, 

Um mid) bor ©ir gu neigen, 

©ir fünbenb: £>err, id) bin ©ein treuer Sopn! 

Stuf Ijarte Sapnen t)aft ©u mid) geteuft, 

©od) murr’ idj nidjt; 

fftein, nein, idj fegne ©id), benn ©u begeugft, 

©aff ©u mid) liebft, baff id) ©ein Sluäermaljlter. 
©ntartet finb bie ©rbenfiebter, §err, 

Sie fielen ab oon ©ir unb mürben Sftaben .... 
©ie Shtedjtfdjaft aber ift bie SZutterfünbe, 

©ie anbern alt nur ifjre junge Srut; 

Sor einem Sftenfdjen beugt bet Sienfd) ba§ §aupt! 
©od) mer ba§ $aupt üor einem SQienfdjen beugt, 
Jpöfjnt ©id), o ©ott! \ 





Unb auf ber ©rbe, £)err, bift ©u üert)öf)rtt! 
gür immer faitrt unb barf e3 nidjt fo bleiben, 
©ein fRu^meggtanj, er foll aufs neu erftetin. 
©u fdjenftcft mir ein Sebeit, emget SJater, 

^d) treibe biefe§ Sebeit ©einem ©ienft. 

2Ba3 einft mein Sot)it, unb ob mir einer mirb, 
^d) frage nidjt; 

©er niebrigfte ber ©Haben ift bereit 
(©id) abguntüljn, menn if)m ein (Entgelt lächelt, 
^d) müfyte ntid) unb miU)’ ntid) fitrberfjin 
«Boit Söunfd) unb Hoffnung febe§ Sollte» ferne. 
SHlein mir mirb ein fd)öner, großer Sofm, 

©ef) id) bereinft, mie meine ©rbenbrüber 
Slu§ feigen ©Haben mteber SRettfdjen merben; 
©enn ob and) füitbljaft, fünb^aft bis in§ StRarf, 
£$d) Hebe fie inmitten ifjrer ©ünbeit. 

© gieb mir Shaft, gieb mir ©rleudjtung, §err, 
©afj id) für meine SOienfdjenbrüber mir!e!" 

©o fprad) bie ©eele; 

©ann fdjmebte fie bont Ijof>en ^immelSraum 
3ur ©rbe nieber, in bie Heine ©tube, 

28o itjrer ber erftarrte Seib gedarrt. 


©er SS)lann fdjra! auf, 

(gilt Mter ©djauer fuf)r ifjrn burd) bie ©lieber 
Unb boit ber ©tirne tropfte if)m ber ©djmeifj. 
§at er gemadjt? geträumt? er muftt e§ nidjt . . . 

ÜRur ber fid) bleiern auf bie Siber fenfte, 

©er ©d)laf gemahnte ipn, baß er gemadjt. 

©r raffte bie erlahmten ©Heber auf 
Unb trug fie taumelnb 
' 3Iuf einen nafjen ©trotjfad auf beut 53oben. 

.©er eben trunten ©ott §u ^iifsen fafj, 

Stuf raufjem ©tropfad mät§t er jetjt bie ©lieber! 
£$nbe§ bie genfer biefer irbfdjeit 2BeIt 
Stuf ©eibentiffen meiner fRufje fröpnen, 

SBirft er fid), biefer 2Bof)Itf)äter ber SRenfdjpeit 
Stuf fjartem Säger Hägtid) l)in unb per. 

©od) fiel), bie Sampe §uc!t ginn leptenmat, 

$pr matte§, faple§ Seben au^upauepen; 
SHlmäpUd) löft unb Iidjtet fiep bie SRacpt, 

SBie ein ©epeimnig, meiter fortgeflüftert; 

©a§ fyrüprot ftreut gleicp einer 23lumenmaib 
SQZit lidjten Ringern fftofen auf bie ^enfter 
Unb auf be3 ©tübd)en§ nadte, fapte Söaitb, 

Unb an be§ ©cpläfers? mannorbletdjer ©tirne 
©rgliipt be§ £)ftett§ erfter $ßurpurftrapl, 

©o mie ber ©traplenglan 3 ber ©loriole, 

©o mie ein Itcpter, mariner ©otteSfufj! 








30 


3ofef Steinbad) in ^rattjcnsbab. 


IV. 

28er bift ©u, nmnbertid) ©efdjöpf, 

28er bift ©u, 99?aitn? 

Um ©eine ©ecte ftiefst ein ©tratjtenfteib 
2 Iu§ ©ternengtanä, 

Unb ©einen Seib 
23ebeden alte ^e^en. 

©te ©einen tjungern unb ©n Ijungerft mit; 

(Sin (Sonntag iftS, 

28enn auf ben nugebecften ©ifd) 

S3ott ungefähr fiel) toetdjeS 2kot oerirrt; 

Unb n>a3 ©u fite bie ©einen niefjt ücrmagft 
Unb niefjt für ©icT;: 

©te grofce 28ett, 

©te fudjft ©u §u begtücfen; 

§immelretdf) fielet ©ir ber (Eintritt frei, 

Unb podjteft ©u an§ ©t)or be3 £errent)aufe 3 , 

$or ©einen dugen fdjtügeit fie e 3 511 ; 

©u fprid)ft mit ©ott, 

Unb fprädjft ©u einen f)ot)en Herren an, 

(Sr loeigerte ©ir jebe 28edjfetrcbe. 

(Sin ©eit ber fDtenfdjen 

9?ennt ©id) in ©Ijrfurdjt: tjeitigen 2 Ipoftct, 

©er anbre ©eit: rudjtafen SOUffettjäter. 

28er bift ©u, tocr, unb toem entftammft ©u, fprid;! 
flennt 23ater, SJhitter ftotgerfüttt ©id) ©ofjn, 

28ie ober lobert if)r ©efid)t bor ©djant 
28emt man ©id) nennt? 

Söarbft ©u auf ©preu, toarbft ©u auf ©amt geboren? 

©ott id) fie (Sud) ersten, bie ©efd)idjte, 

©en £eben§tauf be§ rätfelfjaften 2ftann3? 

28oljtan e§ fei.trenn id) it)n ntaten toottte, 

$d) matte einen unfdjeittbaren 23adj, 

©er unbetanntem getfengrunb entquotten, 

©urd) eine enge, bunfte ©t)atfd)tud)t brauft, 

©ie fftabenfdjtoärme fräd)§eitb iiberfjorften 
Unb beffen gtuten, fid) auf ©d)ritt unb ©ritt 
2 In ©teinen ftofjenb, fdjmer^erriffen fd)äumen. 


V. 

©er ©tode gtntge tönte: fDUtternadjt. 

©in grimmig fatter 28inter tag auf ©rben. 
©er 28interuäd)te raut) ©efpotcitpaar 
©af 3 auf bem ©fjrone: §infterni§ unb ®ätte. 
©a§ Sid)t berbarg fid) gerne unterm ©ad); 


\ 





Der Upoftel. Don Ulejanber petöfi. 


5\ 


äßer mollte ©ott aud) unter freiem Rummel 
ßu folgen Qdttn in Sßerfudjung führen? 

©ie (Straften, mo fidC^ I;ette SDfcnfdjenfdjaren 
fftod) furg guüor mirr burcfjeinanbgebrangt, 

(Sie mären leer, 

(So mie bag (Strombett, beffen glut üertrocfnet. 

$m SBinfelmerf ber oben (Straften flog 
sftur ein SSerrüdter l)in unb I;er: ber (Sturm. 

(Sr jagte atemlos bie $reug unb Duer, 

2113 fäfte iftm ber ©eufel auf bem fKücfen 
Unb [tiefte ifjrn ben (Sporn in! blutge gleifcf). 

$n toller 2But fprang er bie ©äd)er an 
Unb fjeulte pfeifenb burdj bie (Sdjorn[teinl)öf)len. 

©ann flog er meiter, um aug ö ollem §alg 
^uneingubrüllen in bag taube Dljr 
©er blinben Sftacfjt. 

$e|t griff er in bie SBolfen ftoef) hinauf 
Unb rift fie frallenfdjarf in taufenb geften; 

(Sin ßittern ging burcf) bie erfdjredften (Sterne. 

Unb gmifdjen Söolfenftüden l)in unb l)er 
SBarf ficf> ber 9J£onb, 

(So mie ein ©oter auf ben Sßellen treibenb. 

©amt blieg er bie gerriffnen SSolfenfeften 
gjiit ftartem 2ltem mieber fnauelbicfjt, 

Unb fdfjoft aug feiner Jpölje auf bie ©rbe, 

@o mie ber ©eier auf bie Söeute fcftieftt; 

(Srgriff gemaltig einen genfterflügel 
Unb ljub ifjn rüttelnb aug bem 2lngelmerf; 

2Ilg bie 33emoIjner, aufgefdjredt Pont ©raume, 
(Smporgefcftrien, 

^lol) er,. gefpenftifcft ladjenb, in bie $erne. 

©ie (Stabt ift leer.men gäb’g gu folcfter 3 e ^ 

$ludj untermegg?.unb bodj, unb bodj. 

(Sin leibhaft SBefen?.ober ein ©efpenft? 

©er ©ang fürmaljr ift geiftert;aft genug. 

(Sg fdjleidjt Ijeran — bem (Scheine nad) ein 2Beib, 

9htr iftg ber tiefen ^inftternig ©etjeimnig 
Dbg eine ©ante, obg ein 23ettelmeib; 

Sßlidt lauernb um, 

$$r S31id erfpäftt ein natjeg SDUetgefäljrte, 

(Sie nähert ficE) mit (eifern ©iebegfdjritt. 

©er $utfd)er mar am 23ode eingefdjlafen. 

©eräufdjlog öffnet fie ben ÜBagenfdfjlag 

Unb ftiefjlt öielleidjt? — 33ei Seibe nein, fie fcfjiebt 

©in SBünbel ein unb fcfjlieftt bie Söagentljüre, 

Um flugg, mie ber ©ebanfe, gu enteilen. — 

$lnt nafjen §aufe flirrt bag (Scftloft am ©Ijor 
Unb §err unb ©ame treten auf bie (Strafte; 

(Sie [teigen in ben Süöagen; 

©er $utfd)er muntert feine Stoffe an, 

©er SBagen fliegt; 


■Jlotb unb @üb IC. 295. 


3 









32 


3<>fef Steinbad} in ^rangensbab. 


23orerft ©emimmer, — fjinterbretn ein ©djrei! 
©er Sluffdjrei mar ein ©djrecfenSruf ber ©ante, 
©emt if)r gu ^üfjen mimmerte eilt ®iub. 

©ie Shitfdje tjielt; 

©ie iperrenleute ftiegen" aus bent SBagen; 

©ie ©ante fpraef} mit liebenStoürbgem §oI)n: 

„§ier ift ©ein Sofjn, 

©a§ ©rinfgelb tlingelt ©ir im üföagenraunte, 

©in hübfdjeS ®inb, 

©ieb acf)t barauf, eS ift ja ©otteS ©abe!" 

@o f)öl)ttte fie unb bann berfdjmanb baS $ßaar. 

©u arme§ ÜESürmdjen bort int ÜESagenraume! 

S5iel beffer ioarS, ©u märpt als §unb geboren! 

$fnt ©bfjofje biefer ©ame mär ber Ort, 

2Bo ©u erlogen mürbeft; 

©ort mürbeft ©u boll 3äitlid^leit gepflegt; 

©a ©u gunt 9D?enfcf)en, nicht gum §unbe marbft, 
Sßeifj ©ott, gu meldjern ©djicffal ©u erforen! 

©er ®utfdjer traute fidf) an ®opf unb ©h r ' 

Unb, ob gunt ^tubfje ober gum ©ebete, 

©aS metfj nur ©ott — gebrummt f)at er boitauf, 

©er ©otteSfegen motlt ihm nicht gefallen. 

©r grübelte, maS mit bem 33atg gu tfjun? 

9?abh §aufe bringen? 

©er gufjr^err fdjleubert ihm ben gunb gum $opf, 
Unb fefjt fie beibe bor bic ©^üre! 

©r peitfdjt ben eigenen ^ngrimm in bie ©äule 
Unb jagt ioie toll. 

$it einer rufjgefbfjmärgten Sßorftabttneipe 
2Birb noch gegecf)t. 

©aS 2BirtShauSfenfter glüht in Ijeller 9töte, 

©o ioie bie 9?afe eines ©runfenboIbS. 

SD^e^r mar bem fcfjlauen ^utfdjer nibbjt bonnöten; 

©r legt ben ©egen an bie SBtrtSfyauSfdjmelle 
Unb taubfit beflügelt in bie 9?adjt gurüct. 

®aunt mar er fort, 

©a lallt ein ©üffling bent ®umpanentifdj 

©ein „gute SRadjt", um fidj nach £auS gu fchaufeln. 

©r mantt ^inauS, 

©och an ber ©djmelle fliegt er nafeitüber, 

©o, bafj er in bem hartgefrorenen ©bC;nee 
SD?it bem ©efidjt bie tühnften furchen adert. 

©er ©hrenmann h u & ein ©egeter an, 

©ajj feine 2öürbe foldjeit ©tofe erlitten. 

„33erbammteS $eug, bk ©cfjioeXte ift gemadjfen" 

Ütuft er, „benn geftern mar fie nicht fo hoch; 

2öär fie’S gemefen. 




Der Upoftel. Don Ulejanber petöfi. 


33 


(So Tjätt ich bod) auch geftern [träufeln müffen! 

©eftraudjelt aber bin id) geftern nidjt. 

Unb bemtodj tränt id) geftern juft mie tjente, 

Senn eines meifj tcf): id) bin tjaargenau 
Unb meidje feinen Sag Oon meiner Ouote." 

@o brummte er, fidj auf bie S3eirte frabbetnb, 

Unb feßte taumetnb fein ©ebruntnte fort: 

„Sie Sdjmelte ift, if)r fdjmaßt mir ba Oergeben», 

Um bieleS f)ö^er, als fie geftern mar, 

$d) bleib' babei, baran mirb nid)t gerüttelt 

2Bie f)odj, gurn Seufel, hob id) nicht beit $ufj 

Unb bodj gingS fo erbärmlich . . . (Schmach unb Sdjanbet 

Sie Sdjmelte ift, bie Sdjmelte ift gemadjfen . , . 

2£ie, ober follte femanb einen Stein . . . ? 

Sein tonnt' eS fdhon, bie 2Bett ift teuflifdj fdjtedjt 
Unb liebt eS eben, ^änfelei'n gu treibem , 

Sie böfen SDtenfdjen, biefe böfe $8rut — 

Sie foltern einem Steine üor bie güfje, 

Sann büfjtS bie 9£afe, baß bie Sot)te blinb. 

SJtidj tröftet nur, bafj beim -ftachhaufemanbern 
Sie anbern audj fein beffreS So» ereilt. 

$aft hätt ich ß. u ft &en SBcrlen aufgutauern, 

Um Zürgelbaum auf Z ur ä e ^ aum 5 U fef)u r 

ÜESenn fie gur St)ür heraus finb, ha, h a / h<r- • • • • .' 

Sodj alter SJfann, maS fbridjft Su ba für $eug? 
©egiemt fidj baS? 

Sdhidt fich für Sich uncbte Sdjabenfreube? 

Sie in, nein, mahrljaftig, baS gegiemt fidj nicht! 

Unb, um midj augenblidlidj gu üerbeffern, 

$ehr idh fe|t um, unb rolle oon ber Shür 
Sen Stein tßumeg. 

$dj bin ein Sieb unb, memtS bie 9?ot erheifdht, 

©in Räuber auch, 

$a, gilt eS mehr, ■ 

So fdjlag ich <rudj e ^ n Sftenfdjenljaubt in Scherben, 
Sodj bafj fidh jcntanb fo bie 9?afe bricht, 

SaS mag id) nicht auf mein ©emiffen nehmen." 

Ser fromme Sllte manbette gurüd, 

Sen böfen Stein üom $tcd hürmeggurüden. 

©r greift banadh unb fdjmenft ihn in ber Suft . , 

§a, meldj ©equietfd)! 

Ser SUte fteht betroffen bor bem §unb 
Unb murmelt teife: 

„Zof$element, ein fotd)er Söunberftein 

$ft mir noch niemals in bie £>anb gefommen. 

So meidh unb jammerfetig! 

©in Stein, ber quietfdjt, fürmaljt ein fettfam Sing! 

Sehn mir ihn unS beim genfter an .... . fgofyo, 

©in ®inb, bei ©ott, baS ift ja bodh ein ®inb! 


3* 










3ofef Steinbadj in ^ranjensbab. 


©rüfj ©ott, mein ©ohn, 

2Öie, ober fag idj beffer meine ©oct)ter! 
geh b°b ja Jeine SDjnung, toa§ ©u bift. 

3um,- teufet, mie gerietft ©u benn hierher? 

9^id)t toat)r, ©u bift bern ©tternf)au3 entlaufen, 
©u Heiner SBidjt? 

©och toa§ §um ©eier fcfjtoafj ich ba fcfjon toieber 
gür totte§ ßeug? 

©tecft hoch ber arme üföurnt noch in ben SSinbctn 
Unb !am öietteid^t erft beute auf bie 2Bett! 

•Eßer nur bie ©ttern fiub? 

ga, toüfjt ich ba3, ich brächt* e§ fdfpn nach $au3. 

©oct) nieberträdtjtig bteibt e§ immerhin, 

©in $inb fo toegsufchteubern, 

Söic abgetragne ©tiefet — niebertradjtig! 

©a3 thun auch Räuber, thun auch ©äue nicht . . . 
©ie ÜBinbet ein gerfdhtiffiter, morfcher ge&en, 

©rgo, ba§ ®inb — ba3 eines armen 2ßeibS; 

§m! hm! unb ioenn’S bodj eine§ reidhen märe? 
•Eßenn e§ bie Butter nur fo fatg umhüllt, 
©amit man nicht ben £)errenurft>rung af;ne! 

23ßer ioeifj, mer toeifj? 

©a§ ift unb bteibt loof)t eitrig ein ©eheintniS. 

©u armer !Eßurm, loer lotrb ©ir 5Sater fein? 
2öa§? 2öer? geh fetbft! 

$8ei ©ott, ich mitt ©tr fetber Sßater fein! 

■Eßarum auch nicht? geh gteh ©ich rebtidh auf. 
geh fteht* für ©ich, fo taug ich e§ imftanbe, 

Unb altr* idh aus ber Strbcit einft herauS, 
©tiehtft ©u für mich- ©a3 ift fo Söettentauf, 
gm Seben toäfdht bie eine §anb bie anbre. 

©S toirb fdhon gehn. 9D?ein ©iebftat)t lotrb tegater, 
©a ich in 3ütunft für un-3 beibe fleht*, 
geh fiihtö/ bon nun ab flicht mich ba§ ©etoiffen 
Sftoch meniger. 

©och ei, ber ©eufet, ®inb ©u brauchft ja SD^itdh, 
©u loittft ja trinfen . . . h a / ba§ fdtjicft fid} gut, 
©ie Nachbarin t)ut geftern erft ihr ®mb 
gnd ©rab gelegt, 

©ie toirb un§ fdjon ba§ ©äugen übernehmen, 
©etoifj, geloifj; für ©etb unb gute SBorte 
£egt bie ben ©eufet fetber an bie $8ruft." 

©o fann ber 2ttte im iftachhaufefchtenbern. 
©etounbne, abgelegne ©äfjdhen führten 
3u feiner -Eßohnung, 

©em engen ßoch im bumpfen ®etterraum. 

Sttit berben gäuften an bie ©tjüre boltentb, 

©ie fnarrenb in ben 5tngetn aufgeädhät, 

Sftifj er bie -ftachbarSfrau auS tiefem ©chtafe. 



Der Upoftel. Don Ulejanber petöfi. 


35 


„grau S^adjbaHtt, £)e r $er$e ober Sampe!" 

©o rief ber Sitte, „$er$e Ijer im SJu, 

Sonft jejj id) ©ucf) beu roten §al)n auf§ ©ad(j! 

Söogu? SBo^u? 2ßa§ fott ba» etoge gragen? 

£id)t, menn tdj jage, augenbtidlidfj ßicfyt! 

(So. 

ge|jt aber fäugt mir biefe3 burftge SBürmdjen! 

2ßof)er id)3 naljm? ©i, nun id> IjabS gefunben, 

©er liebe (Sott §at midj bamit beftjjcnft. 

(Sagt’ idj§ bod) immer, bafj ber §err midj liebe, 

Hub, in ber ©ijat, er ift mir mei)r getoogen, 

StB ^faffenboSfjeit e§ mir glauben miU. 

4?m, tüelc^ ein Sdjatj! Stur ©ud£|, grau 5?acE)bartn, 

SSertran idj ifjn; gf)r merbet itjn mir tjüten; \ 

©od) beffer, mertt ©ucf)3, aB ben eignen Soljn! 

<Sr§ieX)t mir ifjtt, bie Soften ber ©rgiefjung 
Steljm idj auf midj. 

©in§ rnirb man fdjon, toenit man fidj nur öerfteljt; 

2Bot)l ift e§ maljr: §ur fjentgen 3 e ^ gebeizt 
©a§ (Selb nur targ, benn tueijj ber liebe (Satan, 

©ie Sttenfdjen ijaben alle fjunbert Slugen; 

©odj ma§ öerfdjtägB? gdj milt ©ud)3 fürftlidfj lohnen, 

(Sott.fjilft mir fdjon. 

©a§aber fag idj ©udj, gebt adjt auf itjn, 

(Sebt adjt, aB märend ©ure Stugenfterne, 

©enn meinet Sllterä Hoffnung ift bie§ $inb." 

(Sie tnurben ein§. 

©er Ijatberfrorne «Säugling taute auf 

Sin ifjrer 33ruft, au§ ber er, feftgettammert, 

©e§ bittern £eben§ füjge ©ropfen fog. 

(Eintägig !aum, fdjon ^irt unb fjer geioorfen, 

Unb mieüiel meljr mirb er§ nodj fpater fein! 


VI 

©e§ anbern ©ag3 in aller (SotteSfriüje 
Staub fdjon ber Sitte öor ber Stadjbartljür 
Unb blinzelte hinein: „grau Stadjbarin! 
üBa§ madjt ber (Saft? gdj fjoff’ eB geljt iljm gut. 
©odj Stadjbarin, l)ier ifB ein menig tüljt, 

ßu allen §ejen, f>ört gljr, ^ei§t bodj ein. 

2Bie oietmat foll idj ©udj§ benn mieberfjoten, 

©afj idj3 bejaljl’? . . . bodj Ije, ma§ ifB benn audj? 
Sftann ober Söeib? gdj bab ja teine SUjnung." 

„©in S3ub’, §err Stadjbar, freilich ifB ein S3ub’, 

Unb ma§ für einer! SSie ber gint am Slfte." 







36 


3ofef Steinbacp in ^ran 3 ensbab. 


„fflun unt fo beffer. ^urge fed)g, ad^t $aljre, 

Unb CEtjriftuS ift ein ©tümper gegen iljn; 

©a§ folt ein ©ieb, ein gloriofer merben!. 

©in 30?ann, ein Bort; unb idj öcrftef) mid) brauf, 

©in foldjcü 33ürfdjdjcu richtig §u erziehen, 

£$a, bag ocrftef) icf), mie fein groeiter nteljr. 

©en btinben ©Ijomag f)ab icfj aud) erlogen, 

©en fie oor {urgent eben aufgefnüpft. 

©ag*Wr ein ©ieb! 

©inäugig gmar, pat er ben lieben ©ott 
9Äit feinen taufenb klugen bod) beftofjfen. — 

2fudj ©u, mein kleiner, fei nur unbeforgt, 

£;dj fdjrnör eg ©ir, ©u foltft fein ©tümper merben. 
©odj •iftadjbarin, midj bünft, eg tfjäte not, 

©af 3 man if)nt bod) aud) einen tarnen gäbe, 

©eit er mit fftufmt unb ©tanz bebeden folt! 

Bag benft $pr, Säuberen? 

Bie follen mir if)n nennen? . . . ßafjt bod) feljit, 
Bag marg nur geftern? 

©plbeftertag! fftmt gut, 

©o fei’g ©tjlbefter! Pfaffe bin idj fefbft, 

$ljr 9?adjbarin, $f)r merbet fßatin fein. 

.Öafjt i^n mtg taufen, bafj er feinen kanten 
©efeplidj trägt; 

©afj er ein ©Ijrift fei unb fein §eibenbalg, 

©en einft ©t. fßetrug üon ber ^immefSpforte 
Unmirfdj öerjagt. 

$ft Baffer in bem ©opfe? . . . $a, moplan, 

Jpebt mir ben ffeinen jungen in bie £)öf)e 
Unb bringt if)n per . . . bod) palt, idj bin ja fpfaff 
Unb oljne Sutte barf idj nidjtg beginnen . . . 

©ort liegt ein ©ad, idj netjrn if)n um ben §alg." 

©er Sitte marf bie glitte um ben §alg; 

Slatjm fatbunggüotl ben Baffertopf entgegen 
Unb taufte mit befonbrem ©tanz unb fßornp 
©ag junge $inb. 

©o piefj eg benn für affe 3 e ^ ©plöefter. 


VII. 

SSier $aljre §ogen fjin, 

©er ©äugfing marb gum Knaben; 

©ort in ber bunfefn, unterirbfd)en §öljte 
£$m Sßunb mit ©Ünbe unb mit Ungeziefer 
Budjg er empor. 

©eg §immeS reinem Sletfjer fog er nie, 

©er ©rbe Sfteige blieben if)m öerborgen, 

©r lebte mopl, allein er glidj bem ©ob. 

©er alte §err fanb feine Suft am ®inb; 
©efepid unb ©eift entfprüfjten feinem Befen, 


1 





Der Hpoftel. Don Ule^anber petöft. 


57 


@o mie bem ßünbfteiit Junten; 

©er 2tlte aber bad)te ftillüergnügt: 

SSo gunfen finb, ba fann eS flammen geben. 

SSierjäljrig faurn, begann bet 33ub gu [teilen; 

©ent Höfermeib ftal)l er baS ©bft üont $orb, 

©em bfinben ^Bettler aus bent §ut ben breiiger, 
gür jeben <Streidj bot Ujnt ber gute Seigrer 
©in gutes 2Bort unb audj ein ©tüddjen 23rot; 

©od) aud) an prügeln gab eS feinen fanget, 

Söenn ifjrn ber ©iebftaf)! unöerfeljnS mißlang. 

©er Unfall bot fid) freilief) feiten bar, 

Unb fidjtfidj mudjfen 

©ie Hoffnungen beS guten, alten Herrn, 

Unb raftloS baute er inS S3lau ber ßufunft 
©in ßuftfdjloft nad) bem aitbern, 

Unb baute Ijodj unb baute immer Ijöfjer 
33iS er, ber gute, forgfame ©rgieljer 
©inft in ben Süften felber fangen blieb! 

©er SIrme mujste auf ben ©algen flettern 
Unb f)ätte bod) fürmaljr öielmeljr berbient. 

grau Sftadjbarin mar felber Sfugengeuge 
©er ®reugerf)öf)ung; 

(Sie faf), mie if)m ber Stteifter mit ber ©dringe 
©en umfdjnürt; 

<Saf) if)n bte 3 un 9 e au ^ * )ent H a *F e re ^ ert , 

©er 2ßeft gurn H 0 *) 11 ' 

©ie iljn fo unüerantmortlidj entehrte. 

Unb als fie nadj ber mürb’gen .geremonie 
Sftadj -H au f e lernt, 

(Sprad) fie, boll (Sanftmut, milb gum fleinen Knaben: 

„Unb je|t mein «Sofjn fann ©id) ber ©eufel Ijolen; 
©rolf ©idj Ijinmeg, gef), trolle ©idj mit ©ott. 

©ie galjlung ^) at e * n traurig ©nb’ genommen, 

Unb bafj idj ©id) auf eigne Soften näljre 
2öie ©anS unb H u *) n / berlangft ©u felber faum. 
®omm, ben ©efalfen milf idj ©ir ertoeifen, 

©afj idj ©id) nodj gum ©fjor IjinauSgefeit. 

©odj feljrft ©u Ijeirn, merf idj ©idj in bie ^fütje." 

©er kleine fonnf bie <Sadje nidjt begreifen 
Unb folgte ftumm. 

SffS f)inter iljm bie ©Ijüt inS <SdjIofj gefallen, 
SBanbt' er fidj aufs ©effirr’ nodj einmal um, 

©ann machte er fiefj fdjlenbentb auf bie 2Banbet: 

©r ging unb ging; 

SfuS einer <Strafje bog et in bie anbre. 

(So lange 2Bege madjte er nod) nie. 

SßaS er erblidte, altes mar iljm neu: 





38 


3ofef Steinbad) in ^ran 3 ensbab. 


©ie bunten ßäben unb bie bunten s JJtenfdjen; 

(Er ftaunte, ftaunte, mo er ging unb ftanb. 

Verlief} er eine (Strafe, !ant bie anbre, 

©ann eine näd^fte unb fo fort unb fort: 

©e§ 2Beidjbitb3 (Enbe tonnte er nidjt finben. 

SSont bieten (Staunen unb bont bieten ©et)n 
(Ermattete ber arme tteine ®nabe; 

(Er lauerte an einer Straftenede, 

©a3 §aupt an einen (Edftein teljnenb, nieber. 

^t)in gegenüber trieben muntre ®inber 
2D?it buntem Spielzeug tjotbe ©änbetei; 

(Er btidte t)in unb tädjette, at* nannte 
(Er fetber teil an iprent fropen (Spiet. 

(Er fdjmetgte lange, tange in bem Stnbtid; 

Slttmatjtidj lam ber Sdjtumnter über itjn. 

(Sr fdjtief unb fdjtief; 

©a träumte ipm, at§ näherten fic^ teife 
3mei gtiitjnbe 3 an Ö eit feinem Stngefid)t, 

©ie teife, teife immer näijer rüdten, 

Um itjrn bie öligen au§ bem ®opf §u brennen .... 
(Er mimmerte bor Slttgft unb Sdjred im Sdjtafe 
Unb fufjr bergrueifett au3 bem ©raum empor .... 

S?ad)t mar§ unb fpät — 

Stm glimmet gtänjten taufenb tickte (Sterne, 

©ie Strafen aber mären menfdjenteer, 

S?ur bor ipm ftanb 

(Ein atte§ SBeib mit gtopenbftarren Singen, 

SSor benen e§ bem ®inbe rneüjr gegraut, 

Sltd bor ben gtütjnbcn 3 an 0 en au§ bem Traume . . . . 

Sd)eu 30 g er an ben (Ecfftein fidj §urüd 

Unb brüdte fidj ba» ®öpfdjeit faft in Sdjerben; 

$aitm magte er e3, auf ba3 alte SBeib, 

Unb bodj auch faurn bon itjm pinmeg^ubtiden. 

©ie Sitte ftridj ifjm fdjmeidjelnb ba§ ©efidjt 
Unb tifpette 

SDUt altem Stufmanb iljreS fanften 28efen§: 

„ 2 Bie tjeifjt ©u, $inb? 

2 Bcr ift ©ein Später ober ©eine Butter? 

2 So mot)nt $t) r benn? $dj füfjr ©idj fdjon nadj §au 3 , 
^omm nur mein Sotjn, fomm, gieb mir ©eine £>anb." 

„$dj Ije^ Sptbefter; (Ettern pab f idj leine, 

Unb patt' fie nie; idj mürbe fo gefunben; 

Iftadj §aufe aber barf id) nidjt rneljr geljn. 

©ie üftadjbarin batjeim Ijat mir berfprodjen, 

Sie mirft mid) in bie $ßfü{je, menn idj fomm J ". 


f 


„So fomm mit mir, 

$omnt nur mein Sotjn, id) bin ©ir gerne 9}?utter, 
Unb eine gute, fanfte Sftutter . . . fomm." 






Der Upoftel. Don 2üejanber petöfi* 


39 


©ie Sitte napnt ben Knaben an ber £mnb; 
©er SHeine folgte ipr mit bangem gittern, 
Söie finnbermirrt, 

(Sr tourte nidjt, ma§ mit ipm merben füllte. 


„©iepft ©u, mein ©opncpen, ba§ ift unfer §eim" 
©prad), angelangt, bie §ere 511 bent Knaben. 

„§ier, biefe ©tube ift mein SSopngemadj, 

©u aber, ®inb, mirft in ber ^EüdC^e Raufen. 

©u mirft nidjt einfam mopnen . . . |)unberl, pe, 

4 ?e, ^punberl! fdjau . . . ift ba§ fein fcf)öne§ ©iercpen? 
SDcit ipm alfo mirft ©u ba3 Dbbacp teilen. 

Stuf biefem ®open pabt $pr beibe Staunt, 

(Sin beffre§ Säger liefje fid^ faum münfdjen, 

Unb §unberl pält ©icp mie ein Ofen marm. 

©ei unbeforgt, e§ tput ©ir nidjt» guleibe; 

©iep nur, mie fanft e3 ©ir in3 Singe fdjaut 
Unb freubig mebelt! 

$d) gmeifle nidjt, 

£$pt merbet (Sud) mie gmei ©efcpmifter lieben; 

Seg ©id) ju ipm unb fcplaf mein liebet, SHub. 

(S§ hungert ©id)? $dj möcpt’ ©icp gerne füttern, 

©od) ifts §u fpät; id) fep, e§ fcpläfert ©idj. 

Unb fnapp bornt ©djlafe tput ba§ (Sffen Äinbern 
33efanntlidj fdjledjt; 

(Sie träumen gern bon ©cufel unb ©efpenftern. 

Seg ©idj alfo unb fd)lafe nur, mein ©opn!" 


©ie Sille ging unb lieft ba» ®inb allein; 

©er Heine ®ttabe trippelte in Slengften 
Stn§ ^openbett, auf bem ba§ ipünbdjen lag, 

'mb lagerte fiep fdjeu am ©edenranbe; 

(Sr magte bem ©enoffen nidjt §u napn. 

©a§ ^jünbdjen aber fdjmiegte fid) an ipn 
©leidj einem f^reunb; 

©ein pellet Slug’ 

©urcpfcpimmerte bie giujterniS ber Stadjt 
©0 fanft unb milb unb fo gefcpmifterlid), 

©aB e§ in3 $erg be3 fleinen Knaben 
Vertrauen goft. 

©ie rüdten nap unb näper aneinanb 
Unb immer näper; 

©er fleine $unge ftreidpelte ben §unb, 

©a§ ^jünbdjen ledte ipm bertraut bie Söangen; 
gumeilen fpradj ber $nabe aud) mit ipm, 

Unb bann begann ein leife» SlntmortSminfeln. 
©0 mürben beibe mapre SSufenfreunbe. 

©e§ anbern SJtorgenS aber fprad) bie §eje 
2öie folgt §um SHnb: 










^0 


- 3ofef Steinbacp in rangettsbab. — 

„SJtein lieber (Sopn, jept ijord^e auf mein 2Bort: 
©ah id) ©id) opne Entgelt nidjt ermatte, 

33egreifft ©u teicf)t, 

51ucp (Sprifti ©arg toirb nicht umfonft gehütet. 

©n arbeiteft, toie eS bie (Schrift berlangt: 

2Ber ba nid)tS tput, ber braucht auch nichts gu effen. 
©od) ©eine Arbeit ift ein ®inberfpiel, 

(Sin loapreS ^ürftenleben! 

©u thuft nichts anbreS, als bloS betteln geh«. 

$d) bin ber Arbeit nun fd)oit überbrüffig, 

$d) bin gu feift, 

Unb bettte ich, f° jagt man mich don bannen, 

©ie hatten SDlenfdjen jagen mich babon; 

©u atfo toirft an meiner (Stelle betteln. 

©ir tommt bie Söelt erbarmungSdoII entgegen 
Unb fchenft ©ir ttmS. 

©u ftammetft leifc, bah ©u eine SÖaife, 

©ein 33ater ftarb, 

Unb ©eine Butter hungert frant gu §aufe. 

$d) laure in ber $erne, ©ich 5 U fdjüjjen, 

©od), rat' id) ©ir, nimm ©id) auch felbft in acht, 
(Sonft mirft ©u feine guten ©age haben, 

SOtein (Sprentoort! 

$d) bin bie ©üte felbft, folang idh gut, 

©odh toenn ich &9f' bin, bin id) grünbtid) böfe: 

©aS fcpreibe ©ir nur tief in §erg unb §irn, 

SDleiit lieber (Sohn. 

Slnbetteln aber toirft ©u jebermann, 

©er nur ein beffreS $leib trägt als ©u felber, 
llnb folcpe fiitbft ©u fd)on, fei unbeforgt. 

©u firedft bie §anb auS 

Unb neigft baS Köpfchen leife auf bie (Seite, 

3iehft rungelnb ©eine trauen in bie §öp’ 

Unb Iaht bie Sippe traurig nieberpangen; 

23efeud)teft ©ir baS trodne Slugenlib 
Unb ioimmerft bann 

$n ©otteS unb ber franfen 9D?utter tarnen. 

$aft ©u mich audh öerftanben, lieber (Sopn? 

2öo nicpt, mill id) ©irS nocp einmal erflären; 
SSegreifft ©u aber biefe Söiffenfcpaft 
^n Söorten nicpt, 

(So bläu' icp fie mit bem <Stode ein." 

©er $nabe meinte, bah er alles ioiffe, 

Unb auch lein SBort babon bergeffen toerbe. 

©ie Sllte pielt nun (Sgenenprobe ab, 

Unb ftaunte bah ob biefer underpofften 
Unb meifterpaften Sluffaffung bcS SlinbS. 

„(Sin ©olbfcpadjt iftS, ben id) in ©ir gefunben, 

SDlein (Sopn, ein toaprer ©olbfd)ad)t, pi, pi, pit" 

(So rief bie Sitte freubig grinfenb auS. 





- Der Upoftel. Don Ulejanber petöfi. - ^ 

,,©aS wirb ein wahres ©rafenleben werben, 

©in ©rafenleben, Wie'S fein gWeiteS giebt; 

©eljn. Wir nun unbergüglid) an bie ©rnte! v 
©id) hungert SÜtnb? 9£un, wenn Wir fjeintgefommen, 

$ßt ©u ©id) fatt. 

OTein gu biel, mein Sof)n, barfft ©u nicht effen, 

©u wirft §u fett, §u wohlbeleibt, wie id); 

©ann aber f^ringt ber £>afe aus bem Strand) 

Unb mit bem Stod triffft ©u nur feinen Sdjatten: 

©em fetten Settier winft nur magre SHoft! 

Sie wanberten in eine laute «Straße. 

§ier [teilte fie ben Knaben auf ben Staub 
Unb fd)Iug fid) in bie nahgelegne Scheute, 

Um auSäufpaljn; 

Unb wenn bem Knaben irgenb ein SImofen 
$nS Häubchen flang, 

§ub fie baS üolle Schnapsglas in bie §öh' 

Unb gludfte eins unb grinfte bor Sel)agen. 


VIII. 

©in ©ag berging genau fo wie ber anbre: 

©er ®nabe mußte barbettb betteln gehn. 

©ie alte §eje Wußte fein gu forgen, 

©aß ihr ber SIrme nic^t §u fett gebieh- 
©r bettelte unb barbte: nidjtS bom Seben, 
9£ur bie gwei fünfte waren ihm befannt. 

Oft fah er gu, 

2Öie feine fleinen ^amerabeit fpielten; 

©r ftarrte hin unb backte ftill für fid) 

Spiel unb greube bocl) fo fuß fein mögen! 
So reifte ihm allmählich ber Serftanb 
Unb er empfanb 

2öie er fo unglüdfelig. 

«ßiuei $al)re waren bettelnb htngefriftet; 

©S that nicht not, 

Sidj aud) nod) jeßt bie Sugcu §u befeuchten, 
Sie füllten fid) mit ©hrätten fd)on bon felbft. 
Sftur einen einigen $reunb hat er gefurtben, 
©er milben 5IugS unb gerne an il)m hing, 

©en er geliebt unb ber ihn wieber liebte, 

SDUt bem er gern, bie er baheint erhielt, 

Unb bie er bettelnb in ber Stabt erworben, 

©ie magern Siffen brüberlid) geteilt: 

Unb biefer $reunb, baS War ber flehte §uitb. 
Sein Schlafgenoß. 


2ßie fehnte er fich, wenn er frühen Borgens 
Sott hnmen ging — unb wenn er abenbS fam. 







3ofef Steinbacfj in ^ranjensbab. 


SIßaS gab eS ba für irecfjfetfettge $reube! „ 

(Schon marb bie ^reunbfcljaft, meldje beibe fdjloffen, 
©em alten ©rachen ©egenftanb beS 9?etb§; 

SDUt fcfjeelem Sluge fat) fie, baß ber $unb 
©ent fteinen jungen mehr als ihr gemogen, 

Unb fdjtug baS ©ier. 

©er ®nabe aber fdjlud^te laut empor 

(So oft ber §unb in bittrem (Schmerle fytnl te. 

©a nahm baS alte SBeib baS fromme ©ier 
Unb jagte eS erbarmungslos üont §aufc; 

Unb mehr als einmal jagte fie eS fort. 

©aS §ünbd)en aber lehrte immer mieber 
Unb fdjloß fidh immer treuer an baS ®inb. 

©o floß bie Seit. ©edjS $af)re mar er alt, 

©od) marS ber Jammer bon fedhShunbert fahren, 
©en er burdjtebt; bie ^reuben aber farg. 

©a ftanb er einft an einer ©traßenecfe 
Unb fröftette; fpätfüßle §erbftnad)t marS. 

©ie ©traße mar ein ®otmeer; überm $ot 
Sag fernerer Siebet; barfuß im Sttoraft, 

(Entblößten ^paupteS mitten brin im Siebet, 

©o ftredte er bie fteine, gelbe §anb 
SDHt leifem Söimmern, mer ba ging, entgegen. 

©aS ©timmdjen bohrte, mie ein glühnber ©chnterg, 
©idj tief inS §er§, . 

Unb flang fo, mie in ftiller ©terbeftunbe 
©eS SügenglödleiitS fdjauerlidjer ©on. 

(Ein alter §err, ein mahrer Stturrfopf, blieb 
§art bei ihm ftehn, ihn näher ju betrachten; 
©urdjbohrenb fdjarf fah er ihm inS ©efidjt, 

©o, baß ber $nabe fdjeu entlaufen moltte. 

„tgatt!" brummte ihm ber alte Stßurrfopf nach- 
©er ®nabe hielt unb magte !aum §u atmen; 

,,§ 0)1 ©u auch Eltern ?" frug ber alte §err. 

^ 3 tf) h^öe meldje . . . mollt’ baS $tnb ermibern, 

©ie Butter läge ljungerSfranf baljeim, 

©er SSater fei ihm eben abgeftorben; 

Ellbein bor biefem mürrifchen ©efidjt 
$omtt r er nicht lügen, 

©ie Süge ftarb ihm tief im SXehtengrunb. 

^hnt marS, als ob ber Sitte alles müßte, 

Unb fpradj: „SXein, nein, ich h a & e feine (Eitert*,, 
(ES märe benn, baß idj eS fetbft nicht müßte, 

©enit, mie man fagt, bin id) ein ginbelfinb." 

,,©o folge mir/ 7 fpradj ber betgrämte §err, 

Unb trippelitb folgte ißm ber fleine $nabe. 

©a fuhr baS alte Söeib auS bem 33erfted 
Unb fcßrie ihn an: ,,©u bleibft auf ©einem $tecf 




Der Upojiel. Don Ule^anber petöfi. 


^3 


©u .^ligenbalg! 

§err, biefer Shtabe pier, er ift mein eigen!" 


„^tein, ©uer ©naben/ 7 nummerte ber $nabe, 

„9?ein, ©uer ©naben, id) bin nidpt ipr <Sopn. 
©rretten ©ie mid), nehmen (Sie mid) mit, 

$d) fiel) (Sie an, in ©otted peilgem kanten! 

©ad 23ettelngepn, id) pabd gerabe fatt. 

$d) mufjte ipr ben Unterhalt erbetteln, 

9ttid) aber lieft fie, baft mein 5lngefid)t 
9?ur fapl genug, ©rbarmen gu erregen, 

$n §ungerdquaten barben unb bergepn. 

©u lieber ©ott, toie id) and) jeftt fo pungre!" 

(So fprad) bad $inb, ben 23lid gum ftrengen §errn 
©mporgetoanbt — unb and bem flepttben 5luge 
$ant ©prän J auf ©präne, ibie ein diegengufr. 

,,©u etenb 5lad, ©u ©ottedleugner ©u, 

©u muratgernagte gfrudjt am ^öllenbaunte!" 

(So 'praffelte ber §eje 3 orn au f^ ®tnb. 

,,©u räubig 5lntIi$, fcplecpt gu <Soplenteber, 

©u Sügenpalm, 

©u böd ©efcpnmr, ©u Üiaupenfraft bed ©Uten! . . . . 
Unb nocp für mid) mit! er gebettelt paben! 

§ür mid), bie id) mid) in bie (Seele fcpänte, 

$pn betteln fepn — unb biefem Safter fröpnt er, 
(Sobalb id) nur bad 2luge abgeloanbt. 

Unb toie biet mal pab icp ipn fcpon gegücptigt, 

©aft er mein £)aupt mit biefer (Scpmacp bebedt! 

2öo^t bin id) arm, allein nid)t bettelbürftig, 

©a id) mid) eprlicp bon ber Arbeit napr 7 . 

Unb auep nod) barben pätt id) ipn gelaffen! 

$d)! ©ie id) mir bie beften SBiffen gern 
S3om Sdhmbe fpar', um fie in ipn gu pfropfen! 

©od) alt bad fei.allein mid) gu berleugneu! 

©putd ©ir nid)t mep, ©u ßotterfeele ©u, 

©u -iDUftgeburt, bie Butter gu berleugneu? 

©ad eigne gleifd)? 

©aft ©ir, in pellern 5tufrupr, mit bem 2Bort 
•fticftt §erg unb Bunge aud bem Beibe plapten! 

2Bo gab ed eine ©roftmutter auf ©rben 
©ie beffer mär 7 ? Unb er ein folcper ©nfel! 

•ftun ift mopl aud) bad 2ßeltgerid)t nicpt fern. 

©en fleifcplid) eignen Beib ber armen Butter, 

©er fie gebar, 

5Iudp ipn berleugneu fd)on bie peutgen $inber!" 

$n einem Sltem flapperte unb maplte 
©ad alte SLRüplrab all bad burepeinanb. 

9?mt aber napm ber ftrenge §err bad 2Bort 
Unb fprad) mie folgt; 









3 ofcf Steinbad) in ^ rangeusbab. 


„©enug üon tiefer wibertidjen ©gene, 

©onft fdfjliejj icf) ©ir mit biefem ©tocf ben Sttunb, 

©u eile $röte! 

©u bift ja üollqefoffen, wie ein ftafj; 

©rnücffterft ©u ©icf), 

Somm mit bem ©auffdjein iit ber §anb gu mir, 

($cf) wof)ne bort in jenem großen fpaufe). 

Unb nimm ben Knaben wicber mit ©ir fjeim. 

©od) onber§ nid)t — ben ©auffdjein in ben fpänben! 
$ej 3 t aber troll’ ©icf), trolle ©icf) Ijinweg, 

Unb ©u, mein $unge, folg mir auf bem fjufje." 

©er $nabe folgte. 

ßuWeilen freitief) manbte er fiel) um, 

3 « banger £$?urd)t, ber alte ©rad)e tonnte 
Jyfjn bocf) erl)afd)en unb am fragen faffen. 

©ie §eje aber wagte nicf)t gu naf)n; 

2Bie feftgeWurgelt blieb fie an ber ©teile, 

©oef) fdjwang fie brobertb bie geballte ^auft 
Unb rollte toilb bie glutentflammten klugen, 

©o mie ber ©cT)mieb ein glüfjenb ©ifenftücf. 


IX. 

©e§ Knaben So§ war freunblidjer geworben, 
©r muffte nicf)t mef)r auf ben ©iebftaljl lauern, 
Unb aud) ba§ Zetteln l)atte nun ein ©nb’. 
Stcf), weld)e 2 öof)Itf)at, weld) uttenblicf) ©lücf! 
9 ?ur fenfte fid) bon $eit 3 U 8 C ^ b er ® e * er 
©er $urd)t auf il)n: unb wenn bie alte §eje 
©oef) mit bem ©auffdjein irgenbwie erfd)ien’, 
2 Ba§ follte ba, wa3 fottte aus if)m werben? . 


©in anbermat umflatterte bie ©aube 

©e§ ©ram§ fein §aupt: wenn er be3 treuen §unb3, 

©e§ ©djlafgenoffen unb be3 greunbä gebaute. 

©ft war e§ iljm, al§ foltt er il)m gu Sieb’ 

$n 3 §au§ be§ alten ©d)eufal§ wieber!el)ren, 

Unb betteln gef)n, um nur bei if)nt gu fein. 

Oft fd)lid) er fid) bem ®inbe in ben ©raum, 

©a§ ifjn mit aller gärtlidjfeit umtjalfte, 

$nbe§ ber Jpunb if)m $atö unb Slug' geteeft. 

Unb wenn e§ bann, erwart, ben greunb öermifjte, 
S 3 egamt ’3 gu weinen, ad), unb weinte lang. 

SIl§ ©eine ©naben mit bem Keinen Knaben 

jftad) §au§ gelangte, übergab er if)n 

©em §au 3 gefinb. ©a§ wufd) ben alten ©d)mu|, 

©er if)m wie prüften an ben Seib gewadffen, 
Sllfmäl)lid) ab; unb ftatt ber alten Süden 





Der 2XpofteI. Don Uleranber petöft. 


^5 


CSrf)ieIt er reine, nagelneue Kleiber. 

Sßte mofjl ba§ tl;at! 

mar% als Ijatt er faunt nodj redjt gelebt, 
$I)m marS, als ob er neugeboren märe! ; 

©a lieft ber §,err baS $inb §u fidj befdjeiben 
Unb fprad^ geftreng: 

„£)en ©u ftier fieljft, ber $nabe, ift mein ©oftn, 
©u mirft if)n ©einen grtäbgeu Runter nennen; 

S5on fteute ab fteftft ©u in feinem ©ienft, 

©f)u ©eine ^pflidjt; 

(Sr ift ber §err, ©u aber bift ber Shtedjt. 

©u ftaft tein anbreS 5lmt, als §u geljordjen, 

©ent aber fudje püntttid^ boräufteljn. 

©er 2Binf beS 2IugeS,..ift für ©id) $efel)l: 
(Srfüllft ©u iljn, mirft ©u ©ein (Sdfidfal fegnen, 
5ln iftafjrung, ®leibung fennft ©u feine üftot. 

2öo nid)t, fo ftäng id) ©ir bie alten geften, 

©ie ©u getragen, mieber um ben ipalS, 

©ann fannft ©u manbern, 

Unb mieber betteln, betteln nad) mie üor. 


@0 biente bentt ber arme SBaifenfnabe 
©em $unfer §errn. 

(Sr ging unb ftanb, als mare er fein (Scfjatten 
(Stets ftinter iftnt; 

(Sr laufcfjte jebent 3uden feines Sftunbs 
Unb ber SSefeftl, gur §älfte auSgefprodjen, 
2öar fdjon erfüllt. 

Unb bocfj, unb bocf), 

2öaS fjat ber arme $mtge nidjt gelitten! 

©enn Runter iperrcften mar ein foldfer SSidjt, 
•ESie Runter §errd)en in ber fftegel eben, 

Unb lieft eS it)n §n jeher (Stunbe füfjlen, 

©aft er ber £>err. 

•ZBenn er an (Suftfte fidj ben 9J?unb berbrüftte, 
©djlug er bem fleinen ©iener inS ©efidjt; 
2Bcnn irgenb jentanb iljm ben ©ruft oermeigert, 
(Sdjlug er ben fjut bem ©ienerdjen bont fjauftt; 
Unb feinen ©iener faftte er am (Sdjopf, 

SBenn iljm ber Samm im ©aare fteden blieben; 
®ein 23ubenftreid) unb feine SUebertradjt, 

©ie er am armen ©iener itid)t berübte, 
(Sobalb eS iljm nur burdj ben (Sdjäbel fuljr. 
©efliffentlidj trat er iljm auf ben $uft, 

Unb ftieft iljn fort, meSljalb er iljm im SBege? 
SSefubelte iljn erft mit (Sdjmuft unb $ot 
Unb fdjlug iljn bann, baft er fo fdjmeinifdj märe, 
^ofjnladjenb goft er iljn mit Söaffer an, 

Unb überfam ben 2lrmen fdjmerflidj Söeinen, 
§ieft er iljn einen SBeidjlmg bon SSaftarb. 









46 


3ofef Steinbad) in ^ranjensbab. 


©er arme $unge fatte toiet ju leiben, 

Unb Sag lim ^°9 ^ucf)§ feiner £eiben 3 a ^- 
(Sr titt unb fdjmieg, 

(Sr butbcte entfdjtoffen, mie ein Sflamt, 

$n bent fid) eine grofee ©eete fünbet. 

Söarum er titt, marunt er nidjt ben Ort 
©o oieter Ouat, mie er oft mottt’, üerlaffeit? 

Sld), memt it)r§ müfetet! 

©ie guten SSiffen unb ba§ gute ®teib, 

©ie maren» nid)t, bie, memt er aufgebrodjen, 

Um fortäumanbent, ifjn gurüdgetodt 
3'ürmafjr, fein Sßorbitb mar nid)t ©an§ unb ^ufen, 
©ie, fernt)infd)mürmenb, mieber feeimrnärtgfefjren, 
©obatb ber junger ntafjnenb fie befdjteidjt, 

$nbe§ gum SBeifpiel 0?acl)tigatt unb £erd)e, 

SBcnn fid) ber fHiegct ifjrer §aft erfdjtofe, 

©a§ befte gutter unberührt öerfdjmäljenb, 

Stuf immer ftiet)n, gufrieben unb begtüdt 
SDUt bem geringen, ba3 bie greifleit bietet. 

2öie biefe 5$ögct gtüfjte aud) ber $nabe 
33on greif)eit§burft; 

Unb bod), unb bod), er btieb mie §uljn unb ©an§, 
Unb §og er fort, er feferte immer mieber. 
ü©ay todte ifjn? 

©ie £uft am Sernen roar’3, bie ifen gefeffett. 

©r teilte feiltet gunferä Unterrid)t. 

©aitg unbemerft ftanb er ifern bicfet im fRüden 
Unb fcf)ielte it)m in§ 33ud), 

Unabgemanbt be§ SefererS SBorten taufd)eub. 

Unb ma§ er einmat in fid) aufgenommen, 

23ergafe er nie. 

©o tonnte er and) früfjer tefcn, fc^reiben 
5lt§ Runter £err. 

Stttmäfjtid) mud)3, mie auf bem Raufet be§ §irfdjen 
©er $at)re§trieb be§ äftigen ©emeit)§, 

${udj SBiffen^meig um 2öiffen§§meig be§ Knaben, 

Unb er begann fie ftot§ §u übergäben. 

Unb menn ber Runter, 

2Bie er§ gemofent mar, bumme§ 3 eu 9 gefdjmafet, 

©a fcfemunsette ber Stnabe überlegen 
Unb befferte für fid) ba§ gatfdje au§. 

©ie fjofee Uebertegenfjeit be3 ©iener§ 

(Sntging bem ©d)arfbtid be§ ©r§ie^er§ nid)t; 

Unb menn ber ©cfeüter feine Slntmort mufete, 

©rieb er if)m gern bie Ütöte inä ©efidjt 
Unb tiefe fid) ben SSefcfeeib üom ©iener geben, 

©er bie Seftion nad) bem ©efeör gemufet. 

©ereidjte bie§ bem ©iener audj jur (Sfere, 





Der Upojiel. Dort Ulejanber peiöfi* 




gut greube nid^t; 

©er $odpmut liejj ipn’g alljupart empftnben, 

©afc erg gemagt, 

©en eigenen ©ebieter $u befdpämen. 

©agtäglicp fant Verfolgung auf Verfolgung, 

9fn fRopeit fteigenb, auggefudpt an Vrt, 

(So bafj ber arme $unge ©cpinacp unb ©dpanbe 
5D^it jebem ©ag fiep mepr §u ^ergen napnt; 

Unb fdptug ber $unfer mieber auf i^n log, 

©mpfanbg nid)t mepr ber Seib, empfanbg bie (Seele; 
©ie SRöte, bie fein 2Intli| überflog, 

©alt nidpt ben Körper*, nein, ben (Seelenqualen. 


Vei fed^§e^n $apren mar er angelangt. 

©in jeber ©ag marf einen neuen ©trapl 
^n ben öermepnben Diebel feinet ©eifteg, 

Unb .jeber ©trapl gticp einer golbnen Setter, 

©ie Settern aber fügten fiep §ur ©dirift: 

„9CRit meldpern fRedpte rnerb’ id) pier gefdjtagen? 

9Rit meinem fRedjt tput SCRenfdp beut SCRenfcpen Setbg? 
(Sd^uf ©ott ben einen pöper atg ben anbern? 

(Sie preifen ©otteg Vllgerecptigfeit: 

$ft er geredet, mar bag fein 2ßitle nicpt, 

©r liebt ung alle mit ber gleichen 2öärme. 

2Rag fünftigpin mag immer aug mir merben, 
SIRifjpanbtungen erbutb’ icp feine mepr. 

2Benn fie mir fRaprmtg, kleibuttg, ©bbadp bieten, 
Viel* icp bafür beg ©ienerg parten ©ienft, 

Unb jebe SBopttpat ift bamit getilgt. 

©g ift ipr fRedf)t, mir Vrbeit aufgubürben, 

©odp midp gu fcptagen pabeit fie fein 3ftecpt. 

ÜRur einmal nocp, bafj fie bie §anb erhüben, 

©in gmeitegmal, id) fcpmötg bei ©ott, nicpt mepr!" 


(Bo fam eg audp. Veim näcpften Saunenaugbrudp, 
(gürmapr, er liefj nidpt lange auf fiep märten) 

Vtg ;Qunfer §err §um ©cplage auggepott, 
fRief jener aug: 

„©emadp mein §err! 

©ie §anb pinmeg, fonft fcplage idp §urüd, 

©afj ©ie eg all $pr Sebetag bereuen. 

©eg ^unbetofeg bin icp enbtidp fatt; 

$Rur §unbe taffen ftd) mit $ ü & en treten, 

Von peute ab üertangtg midp, V^enfd) §u fein. 

$a mopl, ja mopt, unb 2Renfd) ift aud) ber $nedjt! 
$d) leugne nid)t, baft eine §anb im £>attfe 
SBopttpat um Söopttpat mir aufg £>aupt gepäuft, 
©od) fdjtug fie mir ber anbern ©tod perunter; 
Vetradpten mirg fomit bet reeptem Sicpt, 

©inb mir einanber feinen fetter fdjulbig." 


üJtorb unb ©üb IC. 295. 


4 





48 


3ofef Steinbad? in £ rangensbab. 


©er junge §err erbtajjte öor (Stttfejjen 
TO if)m ber frembe %on gu ©b^n fdjtug; 

©djaumüberquottnen 90htnb3 rief er int 3 orne: 

„jga, $ned)tenpad, ©u fdjurüfdjer Rebell!" 

©er $nabe aber fprad) gelaffnen Sttuteg, 

33erad)tung in ©cbärbe unb in ©on: 

„$m, ^nedjtenfmd? ©ilt e§ fdjon bie ©eburt, 

©o nmr üietteidjt mein Sater f)öf)ern ©tanbeS 
TO alte W)Mii ©eine§ eignen (Stammt. 

©afj er mid) etenb in bie SBett geftofjen, 

$ft feine ©djulb, bie meine ift e§ nicht. 

©odj finb bie Runter alte fo üermorfen, 

2öie ©u e§ bift, 

2ßar§ mir gum ^eif, bafc er mich meggefdjleubert, 

©enn mentt icf) einft gunt (Sbrenmantte marb, 
ipab idjS nur feiner ÜDUffetbot gu bauten. 

fftun unb Rebelt!.Söenn ba§ fftebettion, 

©ab e§ ber Sftenfdj embfinbet unb üerfünbet, 

(Sr fetber fei, mie irgeitb einer, Sttenfdj, 

©ann ruf idj3 ftotg, bann bin icb ein fftebett! 

Unb tonnt' icb ollem, altem, ma§ idj fübte, J 

©o mie idjä fübte, rechten TOSbrud teibn, 

(Srnpörten ficb bereint mit mir SDUllionen, 

Unb gittern füllte biefe§ (Srbenrunb, „ 

2Bie fftont öor ©partatu», 

$TO, bie gerriffnen betten in ben Rauften, 

©ie ©tabiatoren 

©ie emgen dauern gornentftammt gebeitfdjt!. 

fftun aber, gnäbger Runter, ©ott befohlen, 

Un3 bulbetä nimmer unter einem ©acb! 

$d) höbe mie ein freier 9Jienfdb gebrochen, 

Unb bot ber ®ned)t 

©idj nur gum SDtenfcben erft emporgerungen, 

©ann ftirbt er $uttger3 ober am ©djafott, 

3um $nedjte aber tann er nicht mehr merben!" 

Sftadj biefen SBorten manbf er ficb unb ging, 
gür emge 3 e *ten au§ bem §aufe fdjeibenb, 

2Bo ibm bie $inbbeit, mie bie frifd^e Slume 
5tuf fdjlammgen fluten, trag babingefcbmommen. 

(Sr ging, mo ibn ba3 5luge bwgefübrt, 

Um giettoS in bie meite SBelt gu manbern. 

$bnt mar bie $ugenb in ber Sruft entbrannt, 

Unb toberte, mie eine ©tabt in flammen, 

5luf bie be3 ©turme3 TOfentungentraft 
©en 5ttem blie3; 

Unb metdb bhontaftifdj fabetbafte Silber 
(Sntftiegen mirbetnb biefent Flammenmeer! 

©od) horteten bie flammen ihm bie ©eete, 

2ßie (Sffengtut ben meicben (Sifentern ..... 

5lnt fernen ©tabtenb* ^olte ihn be3 $unfer3 
(Srgieber etn. 


Der Upoftet. Don Utejanber petoft. 



©er gute ^ortn bermocßte faurn ^u fcßnaufen 
©r tief gemattig, um ißn gu erretten. 

©ag Stntlifc triefte ifjm bort falberem ©dj'toeiß, 

Unb mätjrenb er eg, trodnenb, mifdfyte, mifdßte, 

«Sprach er, in tofem ©urcßetnanb, mie folgt 
3um jungen -äftann: 

„§ier, unb bertoafjre ©ir bag ©etb, mein Soljtt, 

©g ift bie grud&t ber Arbeit eineg $af)reg; 

©g bient ©ir lang, 

SBeißt ©u bomit nur reblidj tjaugguljalten. 

5Iug ©ir, mein (Soljn, mirb, bag berfünb idj ©ir, 
(Sin großer 9ftamt: 

$d) fab nocf) feinen gtän^enberen jungen! 

2ßag ©u empfinbefl, füf)P icf) SBort für 2Bort, 

©oct) fanb icf) nie ben 9ttut, eg augäufbrecfjen. 
gurctjt unb SBemunbrung faxten rnicf) bor ©ir 
5Itg ©u fo fprac^ft. 

©ott fegne ©icf) für jebeg ©einer üEöorte. 

$cf) rate ©ir — nein, icf) befefjfe ©ir, 

$a, id) befefjP eg ©ir, mein lieber $unge, 

©ef) fjitt unb lerne, madf)* bie (Stuten burcß; 

©fjuft ©u eg nidjt, 

gofgt ©ir mein gfucfj, folgt ©ir beg §immetg (Strafe, 
©u rtmrbeft nidjt für ©id) allein geboren, 
fftein, ©u gefjörft bem SSaterfanb, ber ÜBett! 
gd) mieberfjof ©irg, gefje f)in unb lerne, 

ÜBa? ©ir im ©runb 

©rft eingufcfjärfen nicfjt bonnöten ift, 

©a ©icf) ja gfüfjnber SBiffcngbrang burcfjfobert. 

Unb nun, mein gmtge, nun befjüf ©icfj ©ott, 

Seb mofjt, leb mofjf, 

Unb benfe meiner mandjntat in ber gerne! 

©treuft ©u jebocfj mein Sfftafjnmort in ben dßtnb 
©ann ttjuft ©u beffer, meiner ju bergeffen." 


©er $nabe neigte fidj, 

©ein braben SiRantt bie biebre $anb §u füffen; 
©er Sefjrer aber fiet it)m. um ben §afg 
Unb füßte feinen Siebfing auf bie ÜBange, 
©ann manbte er fid) tfjränenb um unb ging. 
Sfcf), mie bem armen Knaben alt bie ©üte, 

<So munberbar, fo moljf umg £)er§ getränt 
©ag toar bie erfte Siebe auf ber Sßelt, 

©er er begegnet; 

gaft fedfjgetyn galjre mußte er burdjteben 
$u Ouat unb Seib, 

$Big er bod) enbficf) einen 9D2enfcfjen fanb, 

©er ifjn nidjt fjart unb fd)roff bon fidj geftoßen, 
©er if>n umarmt! 


4* 





50 


3 ofef Stetnbacfy tu ^rattgensbab. 


X. 

©er Jüngling mar gur (Stabt l)inauSgelangt. 

3US (Stabt urtb dauern ib)m im fRiiden fdjmanben,, 
2£arS iljm, als mär’ er bumpfer §aft entflo^n, 

Unb Saftig fdjlürfte er ben reinen Setljer, 

(Dies föftlidje ©efdjcn! auS ©otteS §anb, 

Söooon bem gufj betcbenb frtfdje Kräfte, 

©er (Seele aber gotbite Sdjmingen madjfen. 

©attn manbt’ er fidj uitb bticfte lang §urücf: 

(Sin tiicf)tger 2Bcg! ©ie (Stabt lag in ber gerne, 

©ie buntten Käufer fdjmolgen ineinanb, 

©ie bramteit ©iirnte 

Serbämmerten im ©unft beS blauen Gebete 
Unb Sienenfummcn gtirif) ber £ärm ber Stabt. 

©er Jüngling aber fporttte ftdf) geheim: 

„9c ur meiter, tueiter! 

$dj mag nidjtS )‘ct)n unb l)örett öon bem Ort, 

2Bo td) bisher gelebt, 

SBcnn man baS aitberS leben nennen fann" 

Unb ging, als ob er ©eitfelfbitjen füllte. 

(Srft als bie (Stabt ben Süden gang entfdjmunben, 
Unb er allein ftanb in bem meiten fftaum, 

(Srft ba empfanb er. boll baS ©lüd ber greifjeit. 

„$e|t bin idj frei!" rief er begeiftert auS, 

„$ejjt bin idj frei!" rneljr tonnte er nidjt fagen. 
Serebter mar ber Ijelle ©l) r ÄKcnftrom 
Unb fünbete bie innerften ©efiiljle 
Siel tlarer, als bie $unge e * öermodjt. 

51dj, meldj ein gluten, 2ßogeit in ber Seele, 
güfjlt fidj ber 3DZenfcf) gum erftenmale frei! 

Unb öormärtS ging eS, mie befdjmingten gufjeS; 

(Sr ging unb ging, 

SBofjin ber Sanbfcfjaft Speise if>n gelodt. 

©ebirg unb ©bne faf) er ftaunenb an, 

©ie flache glur, beS SergeS bunüe SBälber 
Unb alles, alles, maS baS 5Iuge traf, 

©eitn alles mar iljm neu unb fremb crfdjienen: 
9?atur unb 2Belt falj er baS erftemal, 

©aS erftemal bie Sdjönljeit biefer (Srbe. 

Unb bort in ber geljeimniSüollen SESilbniS, 
inmitten gelfen, 

©ie fid; titanifd) an bie Söolfen Ijeben, 

2Bo Stromgebraus gu bumbfem ©onner mirb, 

©er ©onner felbft gur 2BeItgeridjtSJ>ofaune. 

Unb mieber audj auf meitem S u B tcn b^ an / 

2ßo fid) baS Siidjlein unüerneljmlidj fdjlängelt, 

Unb ^äferfummen fdjon ein lauter ßärm. 

©a fjielt ber Jüngling gerne ein im Söanbertt, 

Um anbadjtSüoll im ®reiS umbergufdjaun; 







Der Upofiel. Don 2Uejanber petöfi. 


5t 


Unb trenn er Ütug unb (Seele an ben Söunbern 
©e3 §origonte§ trunfen fidj gefefjn, 

©a fafete i^n tief£)eiüge§ Qsmpfinben 
Unb nieberfnienb ljub er gu Beten an: 

„$ßrei§ ©ir o £>err! $efet meife idj, mer ©u Bift. 
$dj IjaB itjn oft genannt nnb oft rernommen, 
Sßerftanben IjaB idj ©einen kanten nie. 

©rft bie Statur erläutert meinem §ergen 

©ie ©röfee ©einer ©üte, ©einer SD^ad^t. 

©elobt feift ©u in alte ©migleiteit! 

$rei§ ©ir o §err! $efet meife idj, mer ©u Bift!' 7 
Stuf Stritt unb ©ritt, moljin er fidj getrenbet, 
giel iljm bie Sdjönfjeit ber 9^atur in§ ^lug’, 

©odj fal) er audj inmitten alt ber Sdjönljeit, 

Sßie ungtüdtidj unb etenb ad), ber 9Jienfdj, 

©en üBeratt nur 9?ot unb Sfoljeit martern. 

$t)n über!am§, 

5113 fei er fetbft ber Unglüdlidjfte nidjt; 

Unb bafe e3 nodj ©rbarrnen3mertre giebt, 

©a3 tfjat iljm mefj. 

©a§ eigne ßeib fdjien ifjm mit jebern ©age 
•ättefjr eingufdjrumpfen, 

23i3 er e3 enbltdj gang unb gar üergafe, 

Unb fein nidjt acfjtenb, 

Stet3 nur ben Sdjmerg ber anbern Oor fief) fatj. 

Unb auf ben falten (Stein bie «Stirn gefenft, 

SBergofe er, fdjtudjgenb, Bittre, t>ei^e ©ljränen. 


XI. 

©ief eingegraBett trug er im ©ebädjtni3, 

2ßa3 ber ©rgieljer iljm in3 §erg geprägt, 

©a er Beim 5CBfdjieb 

$Ijm üäterlidj ba3 3 e *j r 9 t 'ft eingefjänbigt; 

©ief eingegraBen trug er3 im ©ebädjtni3 
Unb tiefe e3 audj fürmafjr nidjt unerfüllt. 

3ur Sdjule ging3, 

2öo er bem Sernett emfig oBgetegen. 

©r mar inmitten feiner Sdjutgenoffen, 

2öa§ fo ber SDtonb im meiten Sternenfrei?. 

©r marb bemunbert, aber nidjt getiebt; 

©ie überlegne tpoljeit feiner Seele, 

Sie brüdte mie ein gelfenbtod auf fie, 

Unb 5teib unb §oljn ertjob fidj roiber ifjn, 

Um ^ßfeil um $ßfeil, 

23ermunbenb, gegen feine 33ruft gu fdjteubern. 

„JßJnS tljat ief) @udj, bag Sfjr mid) immer quält?“ 

Spradj er gumeilen 

©utmütig gu ben anbern $ameraben; 






52 


3ofef 5teinbadt in ^ranjensböb. 


„2Ba§ t^at idj C^ud^ r bafj $f)r mid) immer quält? 
JJdj lerne nidjt §u meinem eignen 2Bof)te, 

£$cf) lern’ für CSucf); 

SDiein SBiffen, glaubt mirg, anbern fommtg bereinft 
Qu ©ute, 

2ßent immer audj — mir felfter ficfjer nid^t. 

£) tonntet $f)r in meine (Seele flauen, 

$f)r guten jungen, ginget $fjr an mir 

Unb liebtet mid), mie mid) jetd nidjt liebt, 

2Bie id) ©udj tiefte. 

D tonntet £$ljr in meine (Seele fdjauen, 

$I)r mürbet ©urer Sdjmädje ©udj bemufjt 
Unb fdjnittet nidjt beg SBaumeg riefte an, 

©er grudjt unb Sdjatten 

©ereinfteng bodj nur ©udj gemäßen mirb, 

£$ljr fur§fidjtigen jungen! 

©odj tommt bie 3eit, mo $f>r rnidj einft nodj liebt, 

33ei ©ott, fie tommt, mo $l)r midj lieben merbet." 

©in §ol)ngelädjter folgte fotzen Sieben, 

©ie auf beg (Spottet ftraffer Sßogenfeljne 
Qu fßfeilen mürben, 

Um an fein eigen §er§ §urüd§uftiegen. 


(So marb er ft^eu, üermilbert, mettentfrembet 
Unb teerte immer tiefer in fidE) ein; 

©r mieb bie Sftenfdjen.mag iljm Ijotb geblieben, 

2Bar nur bie [title, traute ©infamfeit. 

©r lebte gern inmitten jener Silber, 

©ie biefe 2Belt für teere ©räume fjätt, 

$f)m aber tebengbolle SBefen maren, 

Sebenbige ©eftalten jener ßufunft, 

©ie bämmerflar 

$ljm aug ber gerne in bie (Seele minfte. 

$n ungeftörter, ftiller ©infamfeit 

Sag er, mie gläubge Sttoglemin ben $oran, 

2öie fromme $uben iljren Sßibelfdjafc, 

SD^it bienenfjaftem, unabläßgem gteifj 
©ie ÜEöeltgefdjidjte. 

$a üßeltgefdjidjte, munberfameg 23udj! 

5lug bem ein jeher etmag anbreg lieft: 

©er eine §eil, ber anbere SBerbammnig, 

©er eine Seben unb ber anbre ©ob. 

©en gürtet fie mit blanfem Sdjmert unb fftridjt: 

,,©elj Ijiit unb färnftf! ©u fämftfeft nidjt öergebeng, 
©er gangen.-•’D f £enfdjf)eit mirb geholfen fein ! /7 
©en anbern malmt fie: „Seg bie Lüftung ab, 

©u fäm^fft nergeblid), - 

©ie 2öelt mirb emig unglüdfelig fein, 

2öie fie eg feit $afjrf)unberten gemefen." 



Der Upoftel, Don Ulejanber petofi. 


53 


sftun uitb ber Jüngling? 

2 Ba§ Jjatte er au» jenem 23ud) getefen? 

2 £ag badjte-er, 

5113 erg, an Rauben gitternb, §ugetet)nt? 

©r backte fo: 

,,©ie ©raubenbeere, met$e min§ge grud)t! 

Unb Braucf)t boctj einen (Sommer, um §u reifen. 

5 tuct) unfer ©rbbatt ift nur eine grucfjt, 

£)b größer audj; 

23rauc^t nun bie Heine 33eere einen (Sommer, 

Söetd)’ ©migfeit 

SBebarf bie groBe grudjt, um reif §u toerben? 
^atjrtaufenbe, bietteid)t ^atjrmittionen. 

«Reif aber mirb fie guberfidittid) einft, 

Unb bann bermag bie 9 Jtenfd)t)cit fid) an ifjr 
©etroft big an bag Sßettenenb’ §u laben. 

S)ie ©raube reift am golbnen Sonnenftratjt; 

©od) Big fie füB, mie biete Sonnenftratjten 
' ©urcfjmärmen fie mit iljrer SeBenggtut, 

2Bic biete ©aufenb, 9ftittionen Straften? .... 
5tud) unfre ©rbe reift an Stratjtengtut, 

©odj biefe Straften 

£eif)t nidjt bie Sonne, nein, bie ^enf^enfeete. 

©in fotdjer Straft ift jebe groBe Seele, 

©ocfj nur bie grofje, bie fo fetten ift. 

2Bie tonnten mir eg atfo audj Begehren, 

©uB unfre ©rbe rafcf) gur ^ ei f e . . . . 

£;d) fetber, füf>r id), bin ein fotdjer Strahl, 

©er unfrer ©rbe Reifung mitbeförbert. 

©ent Stratjt ift nur ein ftüdjtger ©ag Belieben: 
^d) meiB bafjer, bafj menn bie groBe £efe , 
©ereinfteng nat)t, 

$d) tängft erbtidjen, 

Unb meineg Sirfeng fdjmadje, Blaffe Spur, 
inmitten all beg fftiefenmerfg ertofdjen. 

©od) giebt eg meinem ßeben p^re Shaft 
Unb meinem ©obe tröfttidjeren grieben 
£u miffen, baB idj fetbft ein fotdjer Straft! 

5 tuf, auf §ur Arbeit, 

Sßotjtan benn, meine Seele, auf §ur ©^at! 
tein ©ag, fein 5tugenbticf gef) ung bertoren. 

©roB ift bag 3 iet unb rafd) berraufdjt bie ßeit, 
Unb fur§ unb flüchtig ift bag SDienfdjenteben. 

2 öag ift ber ©nb^med biefer ©rbenmett? 
©tüdfetigfeit! 

Unb metd)eg bittet Pft fie ung erreichen? 

©ie greifjeit! 

2 Iudj idj atfo muB für bie greifet fämpfen, 

2 Bic biete anbre fd)on für fie gefämpft! 

Unb muB, menng not tfjut, audj für fie berbtuten, 
2 Bie biete anbre fdjon berbtutet finb! 

So netjmt midj auf, $fjr 9 ^B ett 3 re ^ e *^ e ^ en / 








5^ 


3 ofef Steinbad? in ^ranjensbab. 


© neftrnt ntidj auf in (Sure fyeitgen ffteitj’nt 
$d> fd^möre ©urer gatjne emge ©reue, 

Unb rollt ein tropfen abtrünnigen SötutS 
$n meinen Bibern, 

Scfttift ic^ fie auf, um iftn tjinauSgufpriften 
Unb fäft er mir im tiefften $er§en§grunb !" 

©aS'mar fein Sdjmur . . . teilt 5!Xenfd) ftat ifjn gehört, 
■SJ^itr ©ott im §immet, er ftat iftn üentommen; 

©r ftub baS 33ud), baS Ijeitge in bie £>öt)’, 

Sßorin bie tarnen ber SCftärtftrer glanzen, 

Unb §eicf)nete SfttbefterS tarnen ein. 


XII. 

©er Änabe marb §um Jüngling, 

©er Jüngling marb §um Sftann. 

©in $at)r um§ anbre tarn, 

©er ©rbe aufgumarten 

Unb abfdjiebtoS fidj mieber §u entfernen. 

5Iud) iftm mar teinS ber $aftre auSgemidfen, 

©etreulidj teftrte jebeS bei iftnt ein 

Unb tieft an £er§ unb Stnttift feine (Spuren. 

©t ftatte tängft bie Sdjutbant fjinter fidf), 

©ie Einberfcftufte maren ausgetreten 
Unb mitten inne ftanb er in ber 2Bett, 

$m $ampf beS ßebenS, im ©emüftl ber SCftenfdjen, 
23o man auf Schritt unb ©ritt geftoften mirb; 
2öo jeber Stoft oom Scftmetje unfrer Seele 
Unb üon ber garbe unfreS 2lngefid)tS 
©in Stüd üermifcftt. 

2öie anberS, anberS faf) er jeftt bie ÜESelt 
2lt§ einft §uoor! 

Sftm fcfjienS, atS ob fie täglirfj fteiner mürbe; 

©er SXenfd), ben ©ott nacft feinem S3ilbe fcftuf. 
Schien iftm gefunfen, 

©er SXenfd), ber mit ertjobnem, freiem 23ticf 

©ie Sonne fudfen müftte 

Unb mit gefenftem 5tug ben 23oben ftreift, 

5ttS fudjte er im Staube nadj ©emürme, 

Um iftnt baS feige Shiedjen absulernen! .... 
Unb je geringer iftm ber 9Xenfd) erfcftien, 

Um fo gemattger bäucftte iftm bie Arbeit, 

©ie er gu teiften ben $8eruf gefügt. 

©od) er ertaftmte nid)t. 

Unb marS aud) min^ig, mie Slrneifenmerf, 

2öaS er oottbringt, 

So gticft er bodj ber rafttofen Slmeife. 




Der 21 pofteI. Don Ulejartber petöfi. 


55 


©ein $reis mar eng, 

©ocf) bie[en engen ®reiS 

(Erfüllte er mit [einer fidjtcn ©eefe. 

©cfjon in beit ©cf)ufen 

Errang fein Btffen, feine ©ugenb SRufjrn. 

Unb afS er feine ©tubienbafjn befcf)foffen, 

Erging an ifjn ber SRuf fo mandjeS §errn 
Qu reidjbotiertem, einflußreichem 5fmte 
9Rit fofgenber Sßerfocfuitg: 

„S^intm ©ienft bei mir; gemiß, ©u mirft ein ®nedjt, 
®ocß einem £errn, mie td) eS bin, gu bienen, 

$ft eitel fRuf)nt, 

Unb mußt ©u fdjoit ben fRücfen bor mir beugen, 

©o beugen ißn bodj ©aufeitbe bor ©ir. 

®ein ganges tot, ©ein gaitgeS Balten ift 
fRidjtS anbreS, als bie ©aufenbe gu fcßinben, 

Unb biefe feidjte Arbeit madfjt ©idf) reich." 


(Spfbefter banfte für bie leidste Arbeit 
Unb fprach mie folgt: 

■„©arnit id) felber meine $necfjte habe, 

Um biefen fßreiS 

Berb* icf) auf ©rben feines 9Renfcf)en ®nedjt. 

$ch forbre nicht, baß meine SRebenmenfdjen 
SSor mir fich bücfen, 

©oc^ auch bon mir foff eS fein SRenfcfj begehren, 
©aß ich ben fRücfen bor ihm beugen foff.' 

$ch fenne feinen steinern auf ber ©rbe, 

Sfffein aud) feinen ©rößern, afS icfj fefbft. 

Unb ^nbficf), maS ben [Reichtum anbefangt, 

©o roürb’ er mich, bieffeicht, gefcfjenft faum freuen, 
©efdjmeige benn um folgen hohen ^SreiS, 

&aß id) bafür noch anbre fcfjinoen folfe." 

©o fprad) er öfter 

9Rit abgehobnem §ut, bod) mit erhobnem §aupt. 

©aS fjope tott, er hat eS auSgefd^fagen; 

5US ftcf) if)m aber arnteS fßoff genagt, 

^fjn afS 9?otar inS ©örfcfjen gu berufen, 

©a ging ber Jüngling, 

$on bergen gerne ging er unb begfücft. 

2IfS er, beftafft, im ©orfe angefommen 
Unb bie 33emof)ner ifjn im SheiS umringt, 

©pracf) er gu ihnen mit entflammten togen: 

,,©ei mir gegrüßt, ©u fdjmerbebrücfteS Sßoff! 

Bie ©u mich anfiehft, brenn’ ich bor Verfangen 
Ö n Einern 55ater, Sefjrer ©ir gu fein. 

$on ®inbf)eit an, maS loarb ©ir eingebfäut? 

[Rur ©eine Pflichten; 

aber miff ©ich ©eine [Rechte feeren!" 


/ 






56 


3 ofcf steinbad] in ^ranjensbab. 


Unb er erfüllte fein gegebneg 2Bort. 

©er Ü8auergmann ging nadj beg ©ageg SDlüfjen 
SKidjt in bie ©djente, 

2Bic erg feit altem Urbegittn getljan; 

$m §atb!reig fdjarten fid) bie alten Männer 
Um ben jftotar bor bem ©emeinbeljaug 
Unb laufd)ten it)m gefpannter alg bem Pfarrer, 
©enn beffer- alg beg fßfarrerg Hang fein 2öort. 
Unb mag fie lernten, trugen fie nadj §aug, 

Um eg baljeim ben (Söljnen gu eruiert, 

Unb ber $ftotar marb Ijodjgcetjrt im 23otf. 
ßmei § auf er aber gab eg bod) im Ort, 

©ie auf bag §aupt beg jungen SSollgapoftelg 
(Statt ©egengmünfdje gtüdje nieberftetjten; 

©ag eine, mo ber ©iencr ©otteg moljnte, 

©ag anbre, mo ber ©runbljerr fid^ gebläijt: 

S3urg unb Pfarrei. 

beiben Käufern marb bon ©ag gu ©ag 
©eg ©orfnotarg ©ebaren nur berfjafjter, 
befürchteter; 

©ie fdjmiebeten benn aud) $ernid)tunggptäne, 

©a fie fidh eben, Ijielt fid) ber 9?otar, 

©elbft ber SBernidjtung preiggegeben fallen. 

Allein im Surgfdjlofj lebte ein ©efd)öpf, 

©ag gteidh bem 23olt 

©em $otfgtribunen t)of)e ©fjren sollte. 

©em’g mot)lgetfjan, menn eg fein £ob bernaljm, 
©em’g met) getljan, menn eg ii)n tabeln t)örte. 
2Ber mar bag 2Befen, 

©ag and) im Bmietidjt fätfd)lid)er $eleud)tung 
gftit fdjarfem 23lid ben SBert beg S3itbg erlannt 
Unb ficf) beg ridjtgen Urteilg nid)t begeben, 

2Ber mar eg rnoijt? 

2ßer anberg, alg beg ©djtoffeg ©betfräutein! 

©ag £er§ ber grauen ift ein l)ef)rer Ort, 

©ein ©f)or bem fdjnöben ©igennu£ berfdjloffen; 

Unb bringt er ein: 

$ftg nur berftoljlen ober mit ©ematt. 

©od) offen allem ©d)önen, allem ©uten, 

Unb bie berfotgte 2Bat)rf)eit finbet brin, 

$on überall erbarmunggtog berbannt, 

©ie lepte 3uflud)tgftütte. 

© grauenljerg, ©u l)ef)rer, l)et)rer Ortl 
©afj iljm im ftolgen £errenf)aufe oben 
©in mariner greunb unb mafjrer ©önner motjnt, 
©ag tonnte ber 9?otar mol)l nimmer at)nen. 

Unb meid) ein fd)öner, l)olber - ©önner bag! 

SSon geit gu Beit er & ag TObc j) en ' 

2Benn eg luftmanbelnb fid) im ©orf erging, 
Bumeilen audj, menn eg am genfter träumte. 
Unb falj er eg, befdjlid) il)n ©räumerei. 
gn folgen ©tunben 



Der Upoftel. Don 2tlejanber petöfi. 


57 


(Srfafjte tyn ein munöerfam ©efü$, 

©a3 teife fprad): 

„ffticht Bürger bto§ — e§ ift ber Sftenfd) auch 5D^enfd^; 
©oll er nur immer, immer anbern leben, 

Unb nie fid) fetbft? 

©u armer $unge, hämmert einft bie 
2öo ©u ©ir felber, ©ir allein mirft leben? 

©u teilft bie eigne ©eele anbern au»: 

Söirb ©ir einft jemanb aud) bie feine fdjenfen, 

(Sin Vrurteil feiner ©eele, einen Vlicf, 

©er ahnen lief}', ma§ ©eligfeit bebeute? ..... 

9ftein §erg ift burftig, 

©afj e§ ben 2öolfenbrud) üerfd)tingen fönnte. 

Unb, acf), üielleidjt, 

Vielteidjt ift iljm fein ©ropfen ©au’3 befdjieben! 
S3efdb)eibe ©ich, mein greunb, mit ©einem £o£, 

(Srtrage ftill be§ Sebent öbe Vürbe, 

Vegtiicfe anbre, menn e3 ©ir gelingt 
Unb bleibe felber, felber unglüdfetig! 

©ei mie bie (Srbe, bie (betreibe reift, 

©amit e§ anbre ernten; 

©ei mie bie Sampe, bie ben anbern leudjtenb, 

©a§ eigne Seben bh» §um ©runb üergehrt." 

(Sin glücflid) ober unglücflid) ©efehief 
Vermittelte ein unüerhofft Vegegnen, 

Unb 2Sed)felrebe Ijiett ba§ junge $ßaar. 

23ie bie Begegnung felber fur§ unb flüchtig, 

2öar aud) bie 3 ir, ^ e fb ra( ^ un ^ iu^altlo». 

Von nun ab aber fal)en fie fid) öfter; 

Db e§ ein 3 u f a ^ ob e3 Vbfid)t mar, 

©a§ mufjte meber junger 9C*tanu nod) Stäbchen. 

Vud) mürbe bie Vegegnung immer länger, 

Vertraulicher, 

©och Don fiel) felbft fprad) feinet Don ben beiben. 


(Sinmal jebod) (ob üon ihr aufgeforbert, 

£)b freimütig fein §er§ fid) ihr erfd)tof3, 

2Bar ihm nicht flar) erzählte ihr ber Jüngling 
©ein gangei ßeben; 

SBie einfam er auf biefer meiten 2öelt, 

Unb mie ihn niemanb auf ber meiten (Srbe 
greunb ober Vruber ober JsKnb genannt. 

Unb er erzählte ber (Srimtrung nach, 

Sßie ihn ein ©ieb am ©trafjenmeg gefunben, 
(Sin Vettelmeib in ihre ©ienfte nahm, 

Unb mie-er fdjliefjlid) jum Vebienten mürbe. 
$ur§, mie er ftahl unb bettelte unb biente. 

©o find) bie ^inbheit unb bie ^ugenb h^ n - 
(Sr fdjilberte bie ungeheure ücot, 

©ie felfenfdhmer auf feiner ^inb^eit lag, 

(Sr fdjilberte bie I> e ^^n ©eelenqualen, 







58 


3 ofef Steinbad) in ^ ran 3 ensbab. 


©ie feine $ugenb namenlos gebriidt, 

©ie weit entfe^Iidjer alg alleg QUenb; 

Unb mie er fo Ijinabfaf) in fein Beben, 

$n biefen SIbgrunb, 

Slug bem er fiel) mitT)feTig aufgerungen, 

Slug beffen liefen feiner Dualen $tut, 

©o tute ein fdjmar§er ©ee §itr Jpötje ftarrte, 

©a taumelte~il)m fcljmeräbetäubt bie ©eele, 

Unb aug ben Singen ftürjten i^m bie ©bränen 
2 Bie ein berfprengteg §ecr bom ©djladjtgefilb . . 
Unb aucl) bag SUiäbdEjen fdjlitd)äte tieferfcf)üttert. 


XIII. 

Slm feiben ©age gab eg mit bem SSater 
©e§ SD^äbcf)en§ eine anbre Slrt Begegnung, 
©er ftotge ©runbfjerr ^atte ifjn befdjieben, 

Um itjn in hartem ©one ab§ufan§eln, 

©afj er ifjm feine porigen betört, 

3 nm Slbfall lodt unb §u Gebellen madjt, 

Unb fdjlofj geftreng: 

SBenn er bie SBütjterarbeit meitertreibe 
2 Birb er berjagt. 

©er junge Sftann ertoiberte mit Söürbe: 

„£err, bag SSermeifen möd)t idj mir berbitten, 
$d) ^ab’ bie ©djule glüdlid) hinter mir, 

Slllein audj bort mar icf) bag nid)t gemölfnt. 
§ab’ idj gefehlt, — bin idj ein Slufrufjtftifter, 
©ort bag ©efe& — eg ridjte über mid)! 

©odj menn idj fdjulblog, 

gjtit meinem 9 ?ed)te tabein ©ie mid) fo? 

2 hm unb bie ©roljung: 

9 JUt bem Verjagen fdjteden ©ie midj nid)t; 
$d) mill mir immer nodj fo biel ermerben, 

©afj id) bamit mein Beben friften fann. 

Slltein idj merbe nid)t bou Rinnen meinen, 
Sßeil idj eg füf)f, bafj id) ^ier nütjlid) bin; 
©ie aber merben midj §um eigenen 33eften 
2 Bol)l-!aum berjagen, 

©onft folgt entmeber mir bag ganse ©orf, 

2 öo nidjt, fo mären ©ie’g, ber meid)en müfjte. 
^d) fage bag entfernt nid)t, um gu brol)en, 
$d) fag’g bielmeljr atg mof)lgemeinten 2 iat; 

$dj fenn* bie ©orfbemot)ner, 

$dj meifj genau mie mid) bie Beute lieben 
Unb meife, mag fie für mid) §u tf)un bereit." 

©o fpradj er unb berneigte fid) unb ging. 





Der Upoflel. Don Ulejanber pet5ft. 


59 


91nt näc^ften (Sonntag 

Sot her fßotar ben (Stoff sur ®ir<henprebigt. 

©er Pfarrer tfjat ben ©läubgen fdjaubernb funb, 
2Beld) ©ottegläftrer, roetef) (Empörunggftifter 
©er junge Sttann; 

(Er warnte fie, bafj fie in beiben SBelten 
Verloren finb, wenn fie ihn weiter bulben; 

©er ®önig liefce fie alg ^elfergljelfer 
©eg Umftursmanneg alle niebermepeln, 

©er §immel aber nimmt beg ®e|erg greunbe 
•ftadj ihrem ©obe nicht in ©naben auf. 

(Er mahnte, bat in flehentlichem ©oite 
©en Sinn §11 beffern, 

(Eh fidh noch Unheil unb ©ericht erfüllt: 

SD^it ©hränen in ben klugen bat er fie, 

Öhr irbifch unb ihr hiwmlifch ©lüd hüten, 
Unb ftatt beg Sebeng unb beg lünftgen ^geilg 
9Ziif)t ruchlog ©ob unb ^öllenqual §u wählen. 
(Empört berliefj bag aufgewühlte Sol! 

©ie Kirche 

(©ie h e it 0 en fallen ©otteg unb beg f^riebeng) 
Unb rafte wie befeffen sunt S^otar, 

Um ihm, ben eg nodj gefiern Sater nannte, 
(Entmenfcht s u brohn: 

Sßenn er fid) nädjften ©agg §u gleicher Stunbe 
Sftoch bliden läfjt, erfcfjlägt eg ihn fofort. 

©er Jüngling fpra<h mit dllem ^ebnerglange, 

(Er fprach begeiftert, fdjwungboll Wie noch nie. 

(Eg war umfonft. 2Bo bie Soutane fprach, 

©a wirb bie 2Sal)rheit, (Ehriftug gleidC), gelreugigt, 
©a ftirbt bie ÜBahrljeit eineg jähen ©obg. 

Sei jebem ÜESort aug fdhlauem fpfaffenmunbe 
©audht Satan auf, 

Unb ob er auch nicht mächtiger atg ©ott, 
üföeif} Seelgebub hoch glänsenber %vl reben, 

Unb wo er burch bie ©hat nicht fiegen lann, 
Serfüljrt er eben. — 

SQHt ftuchbegleitet brohenben ©ebärben 
Serliefj bag Sol! ben jungen ©orfnotar. 

ö>nt erften fftu war er üont Sdhmer§ gebrochen; 

Sersweifelnbe ©ebanlen 

Umflatterten fein fdhwergebeitgteg ipaupt, 

28 ie fHabenfchwärme ben oerlaffnen Seidjnant. 
,,©ag wär* bag Sol!/' rief er entfett empor, 
,,©ag Wär bag Sol!, bag ich fr rrtrtig liebe, 

§ür bag ich leben ober fterben Will! 

So warg Oor taufenb ö a ^ rcn . 

©od) einerlei! Sftadh taufenb ö a ^ ren ^irb'g 
©ans etnberg fein; heut ift eg nodj ein ®inb 
Unb läfct fich eben leitet ben $opf berüdeit; 







60 


3 ofef Stetnba’d? in ^ranjensbab. r 


Slllmählid) aber reifte unb toirb jurn Sttamt! 

£>od) grabe weit’S nodj'äinb, bebarfS ber ©tü|c. 

2Öaö Sßunber audj, bom Urfprung aller 3 e ^ elt 
SBar ^ßfaff unb ®önig — biefe ©rbengötter — 

(Stets nur baran, 

©aS 3$otf in ewger ÜÖlinbfjeit gu erhalten; 

©ie wollen herrfdjen, 

Unb tjerrfd^en fann ntan über 33tinbe nur. 

©aS arme, arme SSotfl 2Bte icf)§ beflage; 

©od) 1)aK"iü) für fein 2Sol)l bis nun gefämpft, 

2Bitl ich bafür in §infmtft bo^pett ringen/' 

©er SCbenb fam, eS !am bie ftitte ^adjt, 

Sin biefem Ort bie tefcte SRadjt beS ^üngtingS. 

SSerbiillt bom bunllen ©Ratten ber Slltee 
S3lidt er hinauf put ^enfter beS $afteltS, 

SluS bem baS Räbchen oft ^ernieberfc^aute. 

Sittein baS genfter ift bermaift unb teer, 

©aS Räbchen fehlt, beS genftcrS ©djmud unb 33tume. 
Unb bennod) blicft ber Jüngling ftarr empor, 

2Bie ein berfteinert überirbfcher (Seift: 

Sluf feinem SIntliß einen bleiben ©chleier 
SluS Sttonbenfd)ein unb wehmutSboltem ©rarn. 

©a fühlte er fidj an ber $anb gefaxt. 

^m Slugenbtid marb er fidj ber Berührung, 

$n ©räumerei berfunfcn, !aum bemüht; 

©rft umgewanbt, erfannte er §ur ©eite, 

©ie er am fünfter beS ^aftellS gefudjt. 

„Sich, ©uer harrt* ich," h^b ber Jüngling an, 

„Sich ©uer harrt’ ich in ber f tiaen Hoffnung, 

©ud) einmal noch am genfter §u erfdjaun, 

Um ©uch ben lepten Slbfdjieb gusuwinfen, 

Unb bann für immer, immer fortäu^iehn. 

©aS ©djidfal ift mir unerwartet gnäbig; 

$e£t fann bie Sippe ftatt ber Slugen reben, 

©ie §anb begtüdt erfaffen biefe §anb. 

S3ehüt’ ©ich ©ott, ® u teure ^ halbes Sßcfen, 

©u einzig ©ineS auf ber weiten 2Bett, 

©aS fein Siebenten trug mich $reunb gu nennen, 

Unb baS ich Wohl and) 5 reunb i rt nennen barf. 

SCTUr mangelt eS an teuern Slngebenfen: 

$n meinem §er§en wirft ©u einfam fteljn, 

SSie ein Sflarienbitb in ber armen £ütte, 

33or bem ber fromme ©iebter abenblidj 
©ie Shtiee beugt unb fein ©cbet ücrrid)tet; 

©od) war mein §er$ bon ^oftbarfeiten üolt, 

S3on ®oftbarfeiten an ©rinnrungSfdjäßen, 

£jd) ftreute fie in biefem S?u hinaus 
Unb ließe ©ich allein ÖOrt alten binnen. 

33ehüt ©ich ©ott! fliegt ©ir einft ®unbe gu, 

Um ©ir üon mir ©rhebenbeS §u melben, 


I 









Der 2Ipofiel. Don Ulejanber petofi. —■ 


©amt, glaube mir, ift eg nur ©ein 9Jerbienfl. 

$cp mill berfudjen gut unb groft gu Serben, 

©amit nur ©u eg nicpt bereuft, beüagft, 

^m ©egenteil, ben pöcpften Stolg empfinbefit, 

©af} ©u micp eirtft gu ©einem greunb erforft. 

23epüt ©idp ©ott, Sdpujjengel meiner (Seele !" 

©er Jüngling patte fiep gunt ©epn gemenbet, 

2111eitt bag 9D?äbcpen 

§ielt iprn bie §anb mit frampfpafter ©emalt. 

Sie mollte reben, bod) ber ©on berfagte, 

Unb bange Stille perrfcpte eine 3 e *t 

23i3 fie gunt Stammeln enblid) Straft gefunben: 

„23epüt ©idp ©ott! 3iep pin unb lebe mopl, 

©u ebelfter ber Jünglinge auf ©rben! • 

3iep pin, §iep pin! 0 bafj icp mit ©ir fönnf 
23ie ging icp gerne, ad) bon £>ergen gerne! 

Unb bürfen mir uttg niemals mieberfepn? 

Sinfft ©it bon meinem Fimmel, licpter Stern, 

©en icp fo liebe! 

©enn enblicp, enblicp mup icp eg geftepn, 

Sonft fdjleubertg mir bie Seele aug bem Seibe, 

So mie ber 23efttb einen glüpnben Stein: 

$cp liebe ©idp, bocp fann icp ©ein nicpt fein! 

Allein bei ©ott! 

SBenn fcpon nicpt ©ein, aucp bie nidpt eineg anbern! 
tpier, nimm ben 9?ing, nimm ben SBerlobunggring . . . 
Unb eper bricpt ber ©emantftein entgmei 
211g meine ©reue. 

©u, meinet Sebeng fdjönfter ©raum, leb mopl!" 

©in ganger §immel boller Seligkeiten 
23rad) auf bag §aupt beg jungen Sftanng pernieber; 
Unb pingefdjmolgen gu beg SQiäbcpeng güfjen 
Umllammerte er, lüffenb, ipr bag ®nie. 

©eg anbern ©agg, alg er bag ©orf berließ, 

S'capm er bag fRinglein punbertmal borg 21uge, 

©enn nur menn er eg leibpaft bor fiep fap 
33erfdjmanb ber 

©afj bag 23egebnig ber bermidpnen Üftacpt 
2lud) SBirllicpfeit, 

Unb nicpt ber $rrmapn feiner Iranlen Seele. 

©r napm ben ©Beg (rnarurn, marutn audp nidpt, 

23ag mufjte er?) fepnurgrab gur Metropole, 

2Bo er alg ®inb 

©eftoplen unb gebettelt unb gebient. 

$ern in ber 23orftabt 
23egog er eine Heine ©berftube. 

23ag nun beginnen, mar ipm nodp nidjt flar: 






62 


3ofef Stetnbad) in ^rangensbab. 


©a pocht e§ eineg ^ a 9 e§ an bie . ^ üre , 

Unb tieföerfd)teiert tritt ein 23eib herein. 

«Kit rafdjem (griffe lüftet e§ ben ©Fleier 
Unb ftebjt bann flamm unb unbeweglich ba; 

©er Jüngling fchwantte wie gelähmten ©eiftö: 

©ie grembe mar bie $reunbin au§ bem ©orf. 

„ftdj folgte ©ir," fo h«ö ba§ Räbchen an, 
folgte ©ir. ©odj bin id) ©ir gur Saft, 

^annft ©u mich rul)ig au§ ber (Stube weifen, 

©ei unbeforgt, bajj ich öerarg. 

M taffe mich an ©einer ©Zweite nteber 
Unb harre braunen, bi§ ba» $er§ mir bricht. 

SM) folgte ©ir, ich konnte nimmer bleiben. 

Sluf ©djritt unb ©ritt war ich 3M r auf ber ®P ur ' 
m ©Aritt unb ©ritt, bi§ ich ©ich aufgefunben; t 
§ier bin ich! (Sprich, wa§ thuft ©u nun mit mir. 
©er Jüngling fiel iljr weinenb an bie SSruft 
Unb bie SSeglüdten fdjtudjgten lange, lange. 

©u jagft mich alfo nicht bon ©einer ©bür?' 7 
begann ba§ Räbchen, „!ann ich bei ©ir bleiben? 
S\d) bleib unb teile jeben (Sdjmerg mit ©ir, 
c^ch bleib unb fdjenf ©ir alle meine $reuben! 

S<a ©ram unb 9?ot, 

^d) will fie im herein mit ©ir erbulben, 

Unb murre ich auch nur ein c * n ^9 mat ' 

©ann glaube mir nid)t mehr, baß ich SHdj ^ ebe ' 
©ann glaube nid)t, baj3 id) ©ich i e 9 e ^ eb ^ 


XIV. 


©o blieben fie al§ fOiann unb $ rau beifammen. 

©ott unb bie Siebe, 

9Hd)t ^riefterfegen fnüpfte ihren 23unb. 

Slein wedjfelfeitger ©djwitr ber ewgen ©reue! 
sftte hat ihr STCunb ba3 heilge 2ßort entweiht, 

©ic liefen e§ 

©ana unberührt im tiefften geraenigtunbe, 

äBohin’S gehört; t 

©o blieb e§ rein, rein wie ber (Slang ber ©terne, 

©en leineä 2ltem3 bunftger §aud) erreicht. 


°^n ©eligleit berraufdjte ©ag um ©ag 

Unb SWonb um 9Jionb . . . ben 9Jlenfd)en bheb§ »erborgen, 

0b fie am Seben; ihnen blieb» geheim, 

0b§ SWenfdhen gicbt. 


©od) enblid) regte fic^ be» Jüngling» Seele 
Unb rief ihm in geftrengem ©one gu: 

„$luf, auf! ©u wurbeft nicht für ©id) allem, 
Um anbrer willen wurbeft ©u geboren; 



Der Upoftet. Don Ulejanber petöft. 


63 


Sßergifjt ©u ©einen ^eiligen 33eruf? 

5Iuf, auf, mein Sot)n, unb mache ©ich an3 ütöerf!" 
SftodE) ftrenger aber mecfte ihn ber fRuf 
©er biiftern (Sorge um bic jRot be§ Sebent: 

„5In3 2Berf, an§ SBert! ©ie 3eit be<3 ®arbeit§ naht, 
Unb ijeute, morgen barbet $fm gu breien!" 

(Sr raffte fidj gur Arbeit auf unb — fdjrieb. 

(Sr fcfjrieb, mie’3 ihm bie Seele gugeftüftert, 
SRaitnljaft unb frei unb mürbig feiner fetbft. 

©ie Arbeit gab er einem fRebafteur. 

©er tag fie unb ermiberte bem 2tutor: 

„SRein §err, gemifj, Sie fiitb ein großer ©enter, 
©ocf), mit 23erlaub, audf) ein gemaltger ©^or! 

©in großer ©enter, benn $f)r 2Berf ift tlaffifcf), 

Unb $Iaffifcf)ere3 fchrieb auch fein fftouffeau; 

©odj ein gemattger ©t;or, fich eingubilben, 

©afj man ba§ 2öerf gum 2lbbrucf bringen fann. 

®am ^nen nie im Seben buntte ®unbe 

$oit ber 3 e ^fur?.3Benn ba§ nun möglich mär', 

So mitt iä) $h neit , 3 en [ ur ift/ fagen: 
ßenfur ift jener muchtge ^öttenbenget, 

©em toir bie ©arben unterhalten müffen; 

SJBemt er ba3 ®orn ber S2öaf)rheit au§gebrofchen, 

©ann mirft er un§ ba§ leere Stroh gurücf: 

3tn biefem Strohreft nagt bas> ^ßubtifum. 

SRifjtraun Sie mir, mohtan, berfudjen Ste’3, 

$dh mit! für jebe§ Hörnchen golbner Söabjrtjeit, 

©a§ in ben ©arben $h re £ (Schrift oerbleibt, 
ßur Sühne ein Stüdt Angelblei berfdhtingen. 

Verlangt e§ Sie nun, biefem §öttenbenget 
Rieht gu oerfatten: fäen Sie nicht SSeigen, 

Rur Untraut, ba§ Oergiftet unb betäubt. 

©a3 tonnen Sie getroft umherfrebengen, 

Unb ernten fchliefjlidh auch noch guten Sohn." 

©er Jüngling taumelte Oerftört nadh §aufe, 

RB mär er hä u UtIing§ an bie 2Banb gerannt. 

©r griff gur $eber unb gelobte fidh 

S5on nun ab fanft unb gähnt unb glatt gu fchreiben, 

So glatt, bafj auch be3 3 en f° rg tGufje §anb 
2Bie über Samt, barüber gleiten rnüfjte. 

RB er ba3 Sßerf üoltenbet, 

©ernährte er, bafj e§ um üiete§ freier 
Unb bittrer tlänge, aB ba3 erfte ftang. 

So fchrieb er§ gehnmal, fnutbertmat aufs neu, 

Um ba§ ©efchriebne mieber gu Oernichten, 

©enn er empfanb, 

©afj er bodj nimmer in§ ©eteife täme. 

Ruch fchtug in ihm bie Sehre tiefre 2BurgeI, 

©afj man au§ bem, ma§ in ben ©ruct gelangt 
Nichts lernen fann, 


SRotb unb 6üb IC. 295. 


5 






64 


3°f c f Steinbarf? tn ^rangensbab. 


Uitb eben bag, moraug man lernen fönnte, 
®od) nie unb nie bag Sagegtidjt crblidt. 


,,©ntferlief)!" rief er; 

,,y[\)o fein Spittel, um gehört gu merben? 

Sftuji idj bag $euer meiner gtüljnben Seele, 

®ag biefe Sßelt in flammen fefjen fönnt, 

$n mir ermürgen, 

©amit e^ fidf;, unmirffam, felbft bergeljrt? 

Unb leben muf} idj bodj.mobon, mobon? 

SBie ober follt’ idj meinen Ijeitgen ©runbfa£ 

Srenlog berleugnen 

Unb meine geber Sdjurlenbienften leiljn, 

Unb ben SBerbtenbern biefer 2Belt berbingen? 

Sfoin, nein bei ©ott! 

S^ein, lieber fterb’ idj £ungerg auf bem Sünger, 

9^ein, lieber enb f id), fo mie id) begann, 

$a moljl, idj fteljle, bettle, biene lieber 
2llg bafj idj nur ein einzig 2Börtdjen fdjrieb’, 

©ag nid)t aug tiefftem Seelengrmtb entquollen, 

2Ug bafj idj auf ben mingigften ©ebanfen 
©in falfdjeg Sieget briid! 

So lebt benn mol)l, $Ijr toogenben ©ebanfen, 
ftummen, eingemauerten ©efangtten, 

Sflein §auf)t fei ©uer Werfer, ©uer Sarg!. 

Unb bodj nein, nein, $ljr follt nnb biirft nidjt fterben: 
©g fommt ber Sag, meil er einft fommen mufj, 

2öo fidj bie Spüren ©ureg ®erferg öffnen, 

Unb $f)r bag meite ©rbenrunb umfreift, 

Unb ©fang unb SBärnte int ©efolge führet, 

So mie beg Sommerg marme Sonnenftrabten !" 

S)er Jüngling lieft bie eigenen ©ebanfen 
$n ^rieben rufjn; 

®od) um beg 23rotg nidjt böllig gu ermangeln, 

®oftierte er, Oon anbern bie ©ebanfen: 

©in bittreg S3rot, 

©in bittrereg bielleidjt alg £>olg gu fpalten. 

©r fd)rieb unb fd)rieb oom borgen big gunt Slbenb, 

Unb ntel)r alg einmal fab bag £ambenlicf|t 
2lud) feine 9?ödjte [tili borübergleiten, 

2Benn eg nidjt grabe bor it)m fdjlafen ging; 

Unb bodj bei. aller SDUüjfal, aller Arbeit 
Staub oft genug ber Sifdj beg £aufeg teer; 

Unb nur gu Ijäufig malte iljm ber Söinter 
©igblumen au bie ftarren 0?enfterfdjei&en, 

Unb lief; bie Sfträneit in ben feudjten klugen 
S)eg SBeibg gefrieren, üftur bie emgen ©luten 
£>er ^rauenliebe trotten biefem groft. 

So famen $aljre unb fo gingen $aljrc. 

S)er Heine ^augftanb Ijatte fidj bernteljrt; 






Der 21 po fiel. Don 211 eja über p et oft. 


65 


Slug gnteien bret, aug breiert mürben bter 
Unb bierfad), bierfadj mürbe audj bag ©lenb 
©ort oben in bem min^gen Sßobenraunt, 

2Bo 2öanb unt 2Banb 

SBorn SRegenträufeln fcßedig marb gemalt, 

93on ©djimmelneftern fd^nörfltg marb berbrämt, 

S2Bo je|t in einem SSette breie fcfjlafen, 

©ie Butter mit bem bteidjen ®inber;paar, 

3u beren $üßen 

SXuf rauhem ©trolffad fidj ber $ater mäljt. 

5Tn feiner ©tirne glüljt ber erfte ©trafjt 
©eg ©ämmerrotg 

©o mie ber ©trafjtenglang ber ©loriole 
©o mie ein lidjter, marmer ©ottegfuß. 


XV. 

SUImäljttd) machte bie Familie attf: 

3uerft ber $ater, ber suleßt entfdjjlief, 

©ie Butter bann unb bann bag fteine ©öfjndjen. 

9?un unb ber ©äugling? 

©er fdjläft $u tief, o ber ermadjt nocß nicfjt ..... 

©ie fdfteidjen fadste, fadste auf bett 3 e ^ en 
Unb bämpfen bag ©efßräd) §u teifern ^lüftern, 
üftur um beg ©äuglingg ©djtutnmer nicßt ju ftören. 

SD gute ©Itern, guteg SBrüberleitt, 

2Bogu ber teife ©ritt, bag §age gtüftern? 

$ßod)t, f)ämmert, tobt!. 

©eib unbeforgt, 

©er arme ©äugling, er mirb nidEjt ermaßen, 

©enn ad), bie ©oten l)ören feinen ßärnt. 

©ag $inb ift tot — ber junger ßatg getötet. 

Sßag mag bag £er§, bag <Stternf)er§ emßfinben, 

2Benn ifjrn ber ©ob ein teurem ®inb entreißt? 

2Bag aber erft bag §er§ ber armen ©Itern, 

©ie unabmenbbar bag geliebte ®inb, 

23ont ^pungertob ermürgt, erbleidjen feßn!? 

Unb göffe ©ott bie $raft ber eignen 9£e<f)ten 
SD^ir in bie §anb, 

2Bär’ id) imftanb bie fftiefenquat §u fdjilbern, 

©ie mit SDUlIionen mefferfdfjarfen Uralten 
©ag §erg beg armen, armen SBeibg gerriß? 

SD laßt fie, Ungebeugt auf tl)ren ©oten, 

©in 9Jta don ©fjränen meinen, meinen, meinen, 

2BeI)rt if)rem ©d)Iudjjen, ißrern Etagen nid)t. 

SD laßt fie aug bem ^Xbgrunb iljreg ©djmer^eg 
3um §immet fdjrein, 

Unb ©otteg Stntliß mit bem ©cfjmuß ber ©eele, 

5* 








3ofef Stetnbadj ttt ^ra'ngensbab. 


9DUt gludj unb ^äftrung ungestraft beiuerfen, 

0 lafjt fie, lafet fie, 

©tört nidjt beg ©djmergeg ^eilge fKaferei! 

©er SSater ftanb, gebannt, in ftummem ©dljmerg 
SSortn toten ®inb; 

2ßer meifj, bielleicfjt mit freubigem ©efüljl, 

©ajs bag gequälte ÜEöürmdjen auggelitten; 

©ag tleine ©öfjncfjen aber btictte ftarr 
51ujg SBrüberdjen unb grübelte im ©tillen, 

Ob eg mofjl auct) fo bleidj unb regungglog, 
ÜBenn eg einft ftirbt, 

Unb bann auch felber nidjt meljr fjmtgern mu&. 
©o floffen, ob audj langfam nur, bie ©tunben; 
©er bremtenb Ijeifje @d)merg ber armen grau 
©djmolg, felbft erfterbenb, in gelinben ©roj)fen 
51ufg tote $inb, 

Unb leidjt unb leichter mürbe iljr umg ^perg. 
©ie aufgepeitfdjten SBogen il)rer ©eele, 

©ie fcfjlugen nicljt meljr Ijodj ang §immelggelt, 
©ie gitterten nur nodj in leifern ©cfjmanfen 
üBie bolle Sleljren, bie ber 2Binb geftreift. 

©ie naljm ben tleinen ©oten auf ben ©cfjofj 
Unb flüfterte, fo mie am ©pätljerbftabenb, 

©ag minbburdjfjaucljte £aub beg fallen SBalbg 
(Sin leifeg Sieb: 

„©cEjlummerft ©u 
9Jtein füfceg $inb: 

©ag’ mir, mag ©eine 
©räume finb? 

S^idjt maljr, ©u fcfjmelgft 
!gm fdjönften ©raum? 

S5irgt ©idfj ja nodj 
$ein ©rabegraum, 

■Biegt ©idj ja nodj 
©er ÜDhttter ©djofc; 

©djlummre fanft 
5U?ein füfcer @profj, 

©u reiner ©traljl, 

©u «Blüte, füll, 

©ie mir bie ©rbe 
fKauben mill. 

©er §immel glüljt 
S5om ©onnenfufc 
©er ©ämntetung; 

©ir glüljn fie rticfjt, 

$üf3 idj ©ir audj 
©ie Bangen, jung. 

Barum bemt nidjt? 

0 lädjle bod) 

©em SDUtttergram 
9?ur einmal blog, 




Der Upoftel. Don Ulejanber petöfi. 


67 


ÜDiein tper§en3tinb 
SD^eirt füget ©prog! 

5ln grünem ©rab 
©in ®reugdE)en falb, 

©arunter ©u, 

$dj oberhalb: 

2öa§ riefelt brauf? 

©er Siegen nidjt — 

SDiein ©fjränenftrom, 

©er nieberbricfjt. 

Slfagientaub 
$m $riebf)ofraum, 

£) fd^roetg, o fcgmeig, 
ftüftre ki§ 

■SUt meinem $inb 
SSiel fcgöneg $eug: 

£) fefjmeig, o fctjmeig! 

Z^vit ©ir ber ßopf, 

©a§ §erg nidjt met)? 

©rüdft ©ich nie fyt, SHnb 
©er ©Rotten §öh’? 

Siegft ©u im ©arg, 

2Bie mir im Slrrn, 

©o meich, fo tinb? 

0 fd^taf, o fcf)Iaf 
SDiein ^ergenSfprog, 

©ut Stacht, mein ®tnb! 

©och, bitt' ich, träum', 

SSon mir, bag mir 
SSeifammen finb ! /y 

Unb mäfjtenb fie ba§ tote ®inb fo lullte, 

23efiet ber ©chtummer il;re Stugentiber. 

^ngmifdgen fann ber Sttamt betrübten ^jer^enS 
©en Mitteln nach, moljer ben ©arg befd^affen, 
2Bomit ba§ ©rab be§ kleinen fc^aufetn taffen? 
$t)tn mangelte ber tefcte fetter ©etb3. 

Umflorten SBtidfö burchforfctjte er bie ©tube 
©b er bietteidjt nicht bodlj etmaä erfpäht, 

2ßa§ SSert befitst? 

2Ba§ boc(j etma b er tauf tief): nichts unb nichts! 

2öa§ mar ifjm ptö^tidC) burct) ben ©inn geflogen, 
©ag er, erbteiefienb, jäh gufammenfuhr? 

©ein $tuge ftreifte ben 23crlobung3ring 

Sin feiner tpanb — ba3 teure Sfngebenfen. 

©a§ mitt atfo ihm ba§ ©efchitf entreißen, 

©amit fein SHnb nicht naeft au ©rabe geh’? 

$on biefem teuren SHeinob fott et fegeibett, 

©a§ er gehütet, mie fein Slugenticgt; 

©a§ i^m fo bieter $af)re Stot unb ©rangfat 
Stiegt rauben tonnt', 

Stun mug atfo aueg ba3 geopfert merben? 



68 


3 ofef Steinbad] in ^ranjettsbab. 


©ag igaar ergraute if>m öor ©tarn unb (Sorge — 
3«r Rettung gab eg feinen anbern 2Beg! 

9U3 er ben gofbnen fReif bom Ringer töfte, 

©a mar eg ifjm, afg mürbe ifjnt bag §er§ 

SD^it allen 2Bur§efn aug ber SBruft geriffen; 
©ntgmeigefdjnitten maren ©inft unb $e|t; 

©ie Seng unb hinter miteinanb Oerbunbett, 

©ie 23rüde fiel; 

©ie Xreppe bradj, auf ber er üon ber ©rbe 
3unt Stimme! ftieg! 

©g rnufcte fein, 

©amit fein $ittb nid)t nadt $u ©rabe gefje. 

Sie brauten ifjren Säugling fd)ön §u ©rabe. 

©ag Heine Särgctjen mar aug fjartem §otj, 

©ag $8af)rtud) toar aug meidjer, feiner Seibe 
Unb and) ein 9Rerfftein fdjmüdte if)tn bag ©rab, 
©enn I;ocf> im greife toarb ber fRing öeräufeert 
Unb jeber Pfennig auf ben Schmers getoanbt. 

2fug bem ©rföfe beg 33erfobitnggringeg 
SInf 23rot nur einen §effer aufgufbaren, 

2Bie bringenb er beg ^8iffen§ aucf) beburft, 

©ag nafjm ber arme 50iattn nidjt aufg ©emiffett. 

$f)tn mär’ - bag 23rot int, Seib §u ©ift getoorben 
Unb fjätt’ ifjn fjingemorbet, 

©r aber mufj nodj fange, fange feben! 


XVI. 

Sagt erg ja bocf), eg fönnen bie ©ebanfen 
giir immerbar in feinem $opf nicfyt fterben, 

©§ fommt ber ©ag, ba fie aug il)rer $erferl)aft entffofm, 
©ie gange SBeft im gfug burdjmanbern mürben. 

So fam eg aucf). 

2Bag jafjrefangeg gingen nid)t üermodjte, 

2Bag $ambf unb 9Rüf)faf nidjt guftanb gebracht, 

©er gufaff eineg Sfugenbfidg befdjieb eg. 

2fn meftOerborgner, unterirbfdjer Stätte 
Sag im ©efjeimen eine ©ruderei; 

§ier fiefj er fjeimfid) feine SÖerfe bruden. 

2Bag mar in biefen 2öerfen nun gu fefen ? 

©ie Pfaffen, f)ief 3 eg, feien feine 3D£enfd)en, 

Sie feien ©eufef, 

©ie Könige, fie feien feine ©ötter, 

Sie feien SRenfdjen, 

©ie SfRenfdjen aber feien affe gteicf). 

©g fei bafjer nidjt bfog bag fRedjt beg 9Renfd)en, 




Der Upoftel. Don Ulejanber petöfi. 


69 


9?eiit, feine peilge gottentflammte Sßfticpt 
(Sei’S frei 51 t fein. 

Unb mer beS (ScpöpferS loftbarfteS ©efcpeitf 
9JKt güpen tritt, 

©er acptet eben ©ott im §immel aucp tticpt. 

©aS 33ud9 erfcpieit unb flog in alte SBeltett 
Qu. ©aufenben — als patte eS ber 33tip 
Stuf feinen Qrtügeln rafcp bapiitgetrageu. 

©ie burftge SSBett Uerfcplattg beit Karen ©um! 

9DUt petper ©ier 

Unb füllte fiep erfrifcpt an Seib unb (Seele; 
SKtein bie SJtacpt erbleichte — blutger ©rintm 
£iep ihrer (Stirne 3 orne§a > :)ei ' n fepmetten, 

Unb bomternb rief fie in bie 2öett piitauS: 
„fftebettcnbitdp! 

SSexrat, SJerrat am ©lauben unb am .Sperrfeuer! 

Unb ber Verräter büpe naep ©efep!" 

Unb baS erfcprecKe SSotf fpraep mieberpotenb: 
„gutrmapr, ba§ 23ucp tft ein Slebellenbucp 
Unb übt Verrat am ©tauben unb am ^errfeper! 
©er Slutor büpe fireng nach bem ©efep, 

©emt baS ©efep rnup unoerteptiep fein!" 

Unb ber tßerfaffer büpte gan^ entfeptiep. 

Stuf offner Strafe marb er aufgegriffen 
Unb fortgefepteppt. 

„©emaep, gentaep!" rief er int ftepnben ©one, 
„£apt ©nabe matten, ©nabe, paltet ein! 

^cp mitt nidht ftiepn, 

$ep folge ©uep, mopin $pr miep aucp füprt, 
üftur einen furzen Slugenbticf, ©ebutb! 

(Sept, jenes genfter: 

©aS genfter meiner Keinen (Stube iftS 
Unb Söeib unb $inb pab idt) bort oben mopitett. 
$üprt miep §u ipnen 

Unb feiS auep nur für einen Slugenbtid! 

$cp mitt fie nur ein ein^igmat umarmen, 

©in flüchtig ßebemopt ben Sinnen fagen, 

©amt, meinetmegen, fepteppt mich, fepteppt mich fort, 
©oep opne Slbfcpieb lann icp nimmer gepn. 

$cp gepe ttadp bem Stbfcpieb in bie Spotte 
SBiet tieber, 

SltS opne Slbfcpieb in baS Spimmetreicp. ■ 

(Seib $pr nidpt ©atten unb gamitientmter? 

2 öa§ fagtet $pr unb maS empfänbet $pr, 
S 3 epanbetten ©uep anbre, mie ^pr miep ? 

Scp pabe niemanb' auf bem ©rbeitrunbe 
Slt§ SBeib unb ®inb, 

Stucp fie befipen niemanb’ auf ber ©rbe 
SftS miep allein: 

0 tapt miep, tapt miep boep, $P r brauen ßeute. 






70 


3 ofef Steinbad) in ^ranjensbab. 


0 tafft ung bod) nocf) einmal mieberfetyn. 

©in ein§igmat, bielleidfjt §um lefjtenmale. 

©rbarmet ©ud), nid)t meinet*, ifjretmegen, 

0ie fdjulblog finb, 

0ie meber ©ud) nod) bag ©efe| beteibigt; 
bringt fie nid)t um! 

0 ©ott, o ©ott, 

2öenn ©uc£) fd)on meine 2ßorte nidjt ermeidjen, 

0od) meine xijränen; biefe 0f)ränen finb 
0ie blutgen SEropfen meinet munben §er§eu§, 

0er 0obegfd)meif3 an meiner (Seele (Stirn!" 

©r fd)lud)gte Irampfljaft auf unb luiete nieber; 

Unb mie in fdjönen 0agen einft ber Siebten, 
Umllammerte er je|t ber §äfd)er $nie. 

(Sie aber l)uben if)n mit §of)ngeläd)ter 
S5om SBoben auf unb fdjleppten i!)n entmenfdjt 
5ln bag ©efpann, bag ifyn ju ffolen, Ijarrte. 

5llg er nun fab), mie fruchtlos fdjöne SBorte, 

0a padte üergmeiflung^öolle SEBut 
Hub, alle Seljnenfraft sufammenraffenb, 

SBollt er gemaltfarn fiegen unb entflieljn. 

©r fämbfte mit bem SUhite eineg Sömen 
Unb mit ber $raft ber blinben Ütaferei; 

SSergeblicf) marg; fie Ijatten ifjn gelnebelt, 

Unb marfen ib)n gefeffelt aufg ©efäl)rt.; 

0ort brüllte er gleid) einem milben 0iere 
Unb ftiefj im S^afen $lud) auf gludj fferöor: 

„gludj ©ud) unb ©uren ®inb* unb SSinbegfinbern, 
Satanerfüllte milbe SBeftien 
$n 9!)lenfd)ettl)aut. 

0ie $ljr im 93ufen flatt beg marmen Jperjen» 

0en falten ©iftleib efler Unfen tragt. 

So mie bie -ißiebertradjt an ©urer Seele, 

SSTcag Sdjmär unb 2lugfafj ©ud) am Seibe haften, 

0er auf bem 9JHft, öon Söürmern untermüfjlt, 
Verfaulen mag! 

g-ludj ©ud) unb ©urem ©behaupt, bem $önig, 

$n beffen tarnen Stör bie arme 0ugenb 
3ur Sd)lad)tbanf füf)rt! 

glud) 0ir, 0u SBüt’rid)/ auf bem [folgen 0f)rone, 

0er fid) für ©ott plt unb ein* 0eufel ift, 

0er ßüge 0eufel!. 

2Ber Ijat 0ir bie äftillioiten anbertraut? 

0em SBolf bie iperbe? 

fRot mie 0ein $ßurpur ift aud) 0eine fpanb, 

gafffgelb 0ein Stntlifc, fo mie 0eine $rone, 

Unb fdjmarg 0ein §er§, fdjmarg mie bie emge 0rauer, 
0ie 0einen Späten auf bem $ufje folgt, 

So mie bem 0ag beg 5lbenbg finftre Statten. 

2ßie lange nod) rul)t bie geraubte 9!Jiacf)t ' 

Unb bag geraubte' SRedjt in 0einen §änben? 

0 bafj 0ein ®ol! fid) ^ie & er £> 3 °™, 




Per 2tpofteI. Pott Ulejanber pctöft. 


n 


$m toilben ©türme miber ©icp empöre! 

Unb fept ©u ©icp mit ©einer ©ötbnerfdpar 
(Srboft gur Süßepr, 

$erpüt’ e3 ©ott, baft ©n auf btutgem gelbe 
2ßieB Männern gientt, aB §etb im Kampfe fättft. 
©er erfte geigting, ber bie gtudpt ergreift, 

©eift ©u — 

gtiep’ unb ber!rie^ f ©icp pinter ©einem ©prone, 
ÜBie ber erfepreefte Plöter pinterm 33ett! 

5Iu§ bem SSerftecfe aber ftöbre ©icp 

(Sin ©eptrarm öon $inbern unb üon alten 2öeibern, 

©ie pöpnenb ©ir ÜB ftepnbe 5luge fpeitt. 

Unb bie ©ir fdpmadpüotl einft ben gufi gefügt, 

$n tiefrer ©epmaep foüft ©n nun ipren füffen; 
©ie ober mögen ©ir mit berbem ©ritt 
©ie üorgebtöften gäptte au3 bem 9Jhtnbe, 

©ein rucpto§ Seben au§ bem Seibe fto§en. 

SSerenb’ fo etenb, toie ©u midp gemaept!. 

SJtein 2Öeib, mein ®inb!" 


XVII. 

Sßar e§ ein ©raum, au§ bem er jept ertoadpte? 

2Bar er öon ©innen unb öerfcpluanb ber 2Bapn? 

2öar er nur ©tunben, 2öocpen ober SSftonbe 
39efimtung§to3 ? ©ptbefter nrnfü’ e3 niept. 

(Sr fann unb fann, 

ÜBag trar gefepepn unb toa§ gefepiept mit ipnt? 

(Sr fpöpte in bie fftunbe, boep üergebenS, 
fftingä um ipn per ftoeffinftre, biepte 9?adpt. 

„$ein greifet" fP ra ^ er > tie f e 

$dp fdplief unb träumte/' 

SBopt fann icp midp be§ ©rauuB nur patb entfinnen, 

©oep toar§ ein toüfter, fürdpterlieper ©raum; 

$cp mag ipn meiner ©attin niept ergäpten, 

(Sr fdpreefte. fie nur gtoecfto» au3 bem ©eptaf. 

£5, baft e§ boep nur enbtiep tagen rnoüte, 

©o brücfenb feptoer toar mir noep feine S^acpt. 

„©dpläfft ©u mein Sieb? ©dptäfft ©u mein §eraen§tüeib? 
. . . $ein Saut ... fie fdptäft. 


D fdptäft, o fdptäft, 

©dptaft fanft unb füft, $pr meine teuern Sieben! 

Unb noep fein grüprot! Söitt e§ nodp niept tagen? 
©ie biepte Jftacpt erwürgt midp! 

(Srpeb’ ©ein teudptenb Stnttip, potber borgen 
Unb tafj mir§ ftrapten, ober geig mir bodp 
©ie iPurpurfpi^e ©eine§ fftofenfinger§! 





72 


3ofef Steinbad) in £ran 3 ensbab. 


üftir brennt bie ©tim, 

5It§ mär mein §aubt ein gtü^enber Vutfan, 
Unb mein ©etjirn brotjt auSeinanbgufHeben." 


Uttb, um ben Sdjmeift fid) bon ber (Stirn §u mifdjen, 

§ub er bie £anb.tja, metd) ein bumpf ©ettirr! 

®ie ferneren betten fingen an 31 t raffeln. 

£5a fiel itjrn ptö^tid^ atteS, atte^ ein: 

ltnb burdjS ©ebeitt fufjr itjrn ein fatter Stauer, 

So mie ein Binbftofj burdj Ütninen fäljrt. 


Sßitn fietS itjrn ein: 

5tuf offner Strafte meudjtingS aufgegriffen, 
ÜESarb er im $tug gemattfam fortgefdjteppt. 

Sie mehrten itjm, fidj 2Beib unb $inb §u natjn, 
Um ben Vertaffnen Sebemotjt §u fagen; 

©r burfte nimmer in bie klugen fdjaun, 

<Die all fein ©tüd unb feinen dteicfjtum bargen! 
9 ?un ift er tjier, umringt öon Äerlermauern, 
$m Sdjofj ber ©rbe, unb mer meifj, mie tief, 
Vietteidjt nodj tiefer, atS öermefte ßeidjen 
$nt griebtmfgrunb! , 

SBann fiefjt er mieber fjetteS Sonnentidjt? 
SBann barf er feine feuern mieberfeljen? 
Vietteidjt audj nie! 

Unb meStjatb t)ier am Orte ber Verdammnis? 
ÜBeit er, maS it)m ein ©ott inS öer§ gelegt, 
£)en 9 )ienfdjen offenbarte: 

®aj 3 eS auf ©rben ein gemeinfam ©ut, 

5 tn bent mir alte gteidjen 5 lnteit tjaben, 

Unb bafj bic greitjeit bieS ©emeingut fei! 

2 Ber artbcrn bran nur ein 5 ltont berüimntert, 
33cget)t bie fdjmerfte alter XobeSfünben 
Unb barf unb mufj oertitgt, bernidjtet merben! 


„gtir Sid), 0 fjeitge greifet, butbe ic^ ! /7 
(Sprad) er im Ueberquetteu feines SrijmerjeS; 
„Unb ftiinbe idj attein auf biefer 2öett, 

So mie id) einfam unb attein geftanben, 

£d) fäfje t)ier auf biefem fatten Stein 
Stotg, mie ein Ufurpator auf bem Xtjrone; 

$d) trüge biefe fetten fo begtüdt, 

Söie id) einft ben VertobungSring getragen; 
Vttein id) fjabe t)eute 2 öeib unb ®inb .... 

SöaS mirb aus it)nen of)ne mid), ad), merben? 
üBer mirb fie, mer, mit Vrot unb Siebe näfjren? 
Unb otjne fie, maS mirb, maS mirb, aus mir? 

£) §er§, bermagft £)u nic^t §u Stein gu merben? 
2BaS bricijft £)u nid)t? 




Der Upoftel. Don Utejanber petöfi. 


73 


©r meinte, ftagte, tobte; 

©ag emge ©unfet aber faf) üott ©teichmut 
Stuf it)n tjerab; 

5tltmähtich mar er ruhiger gcmorben, 

©ie mübe (Seete hatte fictj ergeben; 

(Sr fafj nun ftumm unb unberoegtid) ba, 

©efüljttog, mie ber (Stein, mo er gefeffen, 

Unb mie bag ©unfet, bag it)n ringg umfdjtoh 

©mpfinbunggtog fpamt er nur noch ©ebanfen- 
SUIein auctj bie ©ebanfen [trieben tief 
21m 23oben f)iu, mie fdjufcgetä^mte $öget: 

„O Werfer, Werter, trüber ©u beg (Sargg, 

28er baute ©icf), mer mirb ©id) nieberreifjen ? 

2Bie tauge fdjon, mie tauge ftefjft ©u nod)? 

28er fafj üor mir auf biefem oben (Steine? 

28arg ein SRärtprer, fo mie id) eg bin, 

2td), ober marg am ©nb’ ein fftaubgefette! 

$ft fein ©ebein an biefem Ort üermobert? 

©rbtidte er nod) ©otteg fd)öne 3öett ? 

©ie 28ett ift fd)ön, bie SBätber unb bie gtureu, 

©ie ^otjen Reffen unb bag ftae£)e Sanb, 

©ie 23tumen unb bie teudfjtenften ©eftirne! 

$dj merbe fie bietteidjt nid)t mieberfet)n; 

2Benn aber bod), ot), bann bietteid)t fo fpät, 

©af) id) auch ihre tarnen tängft öergeffen! 

28emt icf) oietteidjt ein $ahr J)ier fd)mad)ten muj), 

28o bie Minute eine ©migfeit, 

£ter, mo bie Beit M tote ein atter 33ettter 
2luf morfdjen prüden hmnpelnb fortbemegt! 

©in ^atjr, ein $af)r! Unb menn eg sehne merben, 

Betjn ober sttansig ober aud) nod) mehr? 

O fteigt empor, bie $fjr einft t)ier gelitten, 

(Steigt auf, ©oten, aug bem (Schattenreich 
Unb tafjt ung ptaubern! 

Sehrt mich, mie man an biefem (Sdjredengort 
©ie Beit öerbringt! 

O fteigt empor, bie $fjr einft ^icr gelitten, 

3?ietteid)t am ©nbe bin ich fetbft fdjon tot, 

Unb träum' im ©rab, — ein müfter, böfer ©raum — 
28orin fie mid) tebenbgen ßeibg öerfdjarrten; 

<$a, ich bin tot, eg pod)t mein £er§ nid)t mehr. 

©ag Rittern, bag ich «och im Sufen fü^te, 

$ft meiner (Seete ©obegpden bto^." 


Bute^t üerfiegten ihm aud) bie ©ebanfen 

Unb $opf unb §ers 

2Bar teer unb öbe, mie bie tote §eibe. 

©r fafj oerfteinert, mie ein SRarmorbtod, 
©ag 2tuge ftarrte_ ohne SBimperguden 
3itg emge ©unfet' feiner $erfernad)t. 






3<>fef Steinbad] in ^rangensbab. 


£)a nmrben ibnt bie ©lieber fd)mer unb fü^tto^ 

Unb bie umflorten (Sinne fdjmanben ibnt; 

SDiit borgeneigtem §aupt glitt er gu 33oben. 

2öar3 Dbnmacbt ober Sdjlaf, ma3 ibn umfing? 

So lag er lange, lange unbemeglidj 
Unb oljne einen Sltemgug §u tl)un. 

9DUt einemmale ful)r er, mie burcE) ^ßulber 
©mborgefdjleubert, jäljlingl in bie §öb, 

Unb fdjrie fo Ijerggerreifjenb, 

©oft ibnt bie falten Stauern nadjbibrierten: 

„§alt ein, l)aft ein!" 

Unb Ijielt bie Sirnte meitljin au3gebreitet. 

So ftanb er lange ftumm unb regung3lo3; 

£)ann liefj er bie erlahmten Sinne finfen 
Unb brad) entfräftet nieber auf ben Si£. 

®a§ $au:pt borniiber auf bie 33ruft geneigt, 

$m Sluge eine grofte, lidjte Xljräne, 

Unb leifen Xon3, al3 fjaudje er bie Seele 
$n Seufzern au3, bnb er gu ftöljnen an: 

„Sie blieb nicht fteljn, fie ging unb lieft ntid) l;ier; 
Vorbei ift alle3, alte3 ift borbei!" 

2Ba3 fod)t ibn an? SBer mar3, ber ü)n berlaffen? 

2Ba3 ift borbei?.Ijat ifm ein bräunt genedt? 

£>a3 mar fein Sraum, fein leerer, fjofjler Sraum; 
Unmöglid) mofjl, um SBirflidjfeit gu fein, 

Unb bennod) maljr! 

5113 er au3 tiefer O^nmadjt aufgebämmert, 

©rfdjien ibnt eine meiblidje ©eftalt 
9DUt all ben l]olbett gügen fetne§ 2Beibe3; 

Sie neigte fid) ibnt bid)t an3 Ol;r I;erab 
Unb lifbelte in leifem f^tüftertone: 

„$dj l)ab§ bollbradjt, id) habe au3getitten, 

SBebüt* ®id) ©ott!" 

Unb füftte ibnt bie falten, bleidjen üSßangen; 

£>a fftrang er auf. 

5113 er bie fdjmeren Biber aufgefcftlagen 
Sab er fie noch, 

£)ann mar fie il)m im 5lugenblid entfdfmunben; 

$m tidjten Werfer marb e3 mieber üftacftt, 

5113 l)ätt' ibn nur ein ftüdjtger 23li| burcbjleud^tet. 

„^efiüf £)idf ©ott, id) bßb 6 au3gelitten!" 

Sprach er, bie Sßorte leife mieberbolenb, 

„So Hang bie füfte Stimme il)re3 S[ftunb3, 

£)ie mir ba3 0l)r 5 um lefttenmal beraufebte: 

„Sebüt’ ®icb ©ott, i(f) habe au3gelittenl" 

So leb benn mobt, £>u Baubgrüit meiner Seele, 

©a3 mir ber Sturm bom Beben3baume rift. 

5Dicb trug er fort unb mich, ntid) tieft er fteben; 

2Ba3 gilt ber Stamm, menn er be3 Baubfd)mud3 bar? 






Der Upofiel. Don Ulejanber petöft. 


75 


Unb ad), umhin ^at ©id) ber ©turnt gemirbelt? 

So finb id) ©id) unb märS audj nur berborrt, 

Unt meines ßebenS tepte SItemgüge 

33ei ©einen Ijeitgen ©rümmern auSguhaudjen! 

•DUr ift baS Beben nur nodj eine Saft, 

©a mir fein Ijeljrer, ftotger 3tued berlorett: 

©er 3*°^ toarft ©u, 

S?ur burdj ©id), für ©id) ^abe id) gelebt 
SJIabonna meiner -Siebe! 

Sftur ©u allein, nur ©u marft Sirflidjfeit; 

©aS anbre alt, ob 9[ftenfd)I)eit ober Freiheit 
leerer ©djaK, ift eitel $ßhantafie, 

Um bie nur ©hören fäntpfen. 

S2ur ©u allein, nur ©u toarft Sirflidjfeit, 
SJtabomta ^meiner Siebe, 

Unb ©id) ^ab id) für immerbar berloren! 
©urdjtoühlte id) baS meite (Srbenrnnb 
Sftadj SttaufnmrfSart, id) fönnte ©icf) nidjt finbeit. 
©u roirft gu ©taub, toie alles anbre and), 

Sin ©einem ©taube toirb fein Sfterfmal haften, 
Unb fpurloS mengt ©ein ©taub fitf) mit bem anbern 

SU§ tbärft ©u Darren ober Surrn getoefen. 

©od) ad), id) trüge flagloS ben SSerluft, 

©ie fftiefenlaft, id) trüge fie gebulbig 
23iS id), erbrüdt, gufammenbredjen ntufj, 

Senn id) nur Stbfdjieb ptte nehmen fönnen, 

Um if)r ein einggeS BiebeStoort gu fagen, 

C£in flüdjtgeS Sorte' Sinn iftS borbei, borbei, 
Sludj biefen ©roft ^at ©ott mir borentljalten. 


Sie unerbittlich graufam ift hoch ©ott! 

Unb biefem ©otte beugt ber 9ftenfdj baS ®nte, 

Um i^n als feinen 33ater angubeten! 

S?ein, ©ott!’ ©u bift ein furchtbarer ©tjrann, 

©u fip’t bort oben auf bem £)immelStIjrone 
$n fatter §o!jeit unb empfinbungSloS, 

9Udjt anberS als bie irbifd^en ©efpoten, 

Unb perrfdjeft ftolg — unb- färbft ©ir ©ag um ©ag 
©en abgeblafjtem' Purpur ©eines ©IjroneS 
S07it jungem grüljrot unb bem frifdjen 33lut 
©ebrodjner bergen immer mieber neu! 

$cf) fludhe ©ir, ©u größter ber ©prannen! 

©o toie ©u mid), berleugne ich ftudj ®idj; 

Um einen ©ftaben toirft ©u men’ger haben. 

SUmm biefeS Beben, nimm eS ©ir gurüd, 

©aS ©u mir als Sllmofen htugetoorfen, 

S^intm ©irS gurüd unb fdjenfS aufs neue fort, 

S3on nun ab magS ein anbrer toeiter friften. 

3$ hob genug bon bem Sltmofenbafein 
Unb toerp ©irS hin, bafj eS in ©tüde bridht 
Sie fdhtoadjeS ©laS!" 





76 


3ofcf 5teirtbad} in ^rangensbab. 


©er §äftling brüllte, bah bie $infterni3 
gufammenfchrat urtb bor Setöfe bebte. 

(Sr fdjrie unb fdjtug bo§ §au;pt in mitber 2öut 
©o an bie Sßanb, bah er gufammntenftürgte. 
Sßom fürchterlichen ©chtag erttang bie 2öanb, 
3H0 hätte fie bie Schmergen mitempfimben. 

SBtutgerinfet ber §erquetfc£)ten (Stirn 
Siegt er, bafjingefunfen, auf ben (Steinen. 

Sr liegt unb lebt, ber Stob mit! ihm nicht naljn! 
Oa§ bittre Sebert ift mit ihm bermachfen 
Unb h a ftet ihm untrennbar an bem Seib, 

(So mie bie emge Oitat an feiner (Seele, 

Oie emge S^adht an feinem ^erferraum. 


XVIII. 

gehn $ahre fdC;on, bah er im Werfer fchmachtet! 
gehn $at)re, ach, finb auch in Freiheit biet, 

Um mie biet mehr in biefer Schrectenätmhte! 
gu mirren (Strähnen miidjä ihm $8art unb §aar; 
Oft forfcljte er, ob fie nicht grau gemorben, 

Oodj fct)ien§ ihm ftetö, bah fie noch immer fdjmarg; 
Sie flimmerten fchon tängft in» taubengraue, 
5UIein ba§ Ounlet h at 3 ih in nidjt enthüllt. 

gehn $ahre fchon unb hoch, ihm maren fie 
9?ur eine einige, enbto» lange Stacht, 

$n ber er immer auf ba§ ^riihrot h arrte - 
Oft mar e§ ihm, bah er an biefent Ort 
$af)rhunberte, ^ahrtaufenbe berbradjte, 

Oah auch btt jüngfte tag fchon tängft borbei, 

Oafj biefe SBelt bom Srbenrunb berfchmunbeu 
Unb nur fein Werter, nur fein Werter blieb, 

$n beffen dauern er bergeffen morben. 

Oie Seibenfchaft in feiner 23ruft mar tot; 

Sr fanbte teine glücke mehr gum §immet, 

Studj bacht’ er Sottet unb ber SJieitfchcn nie. 

Oer Shtmmer felbft tag tot in feinem §ergeu. 
gumeiten nur, meitn er bom Sdjtaf ermacht, 
pflegt' er gu meinen, 

Oenn immer mieber mar ihm jene $ee, 

Oer Seift ber angebeteten Seticbten, 

Oie it)m auch überS Srab bie treue fjmft, 

$m träum erschienen! 

Ood) !aum ermaetjt, berfchmanb bie ^utbgcftatt — 
Unb er begann gu fdjluchgeu unb gu meinen. 

Stttein marum erfdjieu ihm nie ber Sot)n? 

Sr nannte boef) auch einen ^ohn fein eigen; 
Söarum befuchte er ben $ater nie? 




Der Upoftel. Don Ulejanber petöfi. 


77 


©o frug er ftc^ unb gab fidj felbft §ur 2fnttrort: 
„ilftein Sofjn muB leben, bemt an biefen Ort 
33 er irrt fidj fein Sebenbger, nur bie ©oten, 

SDZein ©ngelSlieb, tjier faitnft nur ©u mir naf)n! 
©etniB er lebt; mie groB rnufj er fdjon fein! 

(Sr I)atte $eit §um Jüngling auSgureifen. 

2öaS ruofjt au» ©ir, mein aruteS SBaifenfinb 
©etrorben ift? 

2Ber treiB tro§u ifjn 9?ot unb ©lenb trieben! 

33ielleid)t fiel er als Stäuber burdj ben genfer. 

Unb trenn er feines 33aterS Spur gefolgt? 

Unb gteidj bent 33ater jejjt int ©rbfdjoB tjauft, 

Unb ad), rielleidjt Ijier in bemfetben Werfer 
©eS eignen 33aterS ftitter Üftadjbar ift? 

SD^ein (Sofjn, mein Sof)n, gebenfft ©u audj beS 33aterS, 
©ebcnfft ©u fein unb tiebft ©u ifjn, mein ®inb?" 

©odj ’fyoxä), todcfj frembe, ungetroljnte ©öne? 

©er §äftling laufet unb folgt bem fettnen ®lang. 
©em SBann beS SaufdjenS böllig Angegeben, 

2ßagt er faunt einen 9ltentjug §u tfjun. 

Unb trie ber 33lumenfeldj rom Sonnenftraljle, 

©ing il)m bie (Seele bon ben ©önen auf, 

(Sr lädjelt fanft, 

©aS erftemal nad) enbloS langen ^a^ren! 

©in 33ögtein lieB fid) in beS fJenfterS üftälie 
3Iuf baS ©efirnS ber ®erfertranb ljerab; 

©a fijjt eS nun unb pfeift unb fingt unb trillert, 

3fd), trie begaubernb unb tote füjj eS fingt! 

Unb ber ©efangne fpracf) — nein, nein er backte, 

©enn laut §u fprecfjen pat er nid)t getragt, 

Um feinen lieben (Saft nidjt fort§ufc£) eueren: 

„© ©ott, o ©ott trie trunberfam baS tput! 
gum erftenmale pör idj biefe ©öne, 

Seitbem icl) f)ier — unb baS ift lange ljer; 

© finge, finge, ©u mein Heiner ßtritfdjrer. 

SDiidj mal)nt ©ein Sieb, 

©aB icb einft lebte unb nodj immer lebe; 

SDHcl} mafint ©ein Sieb an meine $ugenb§eit, 

2ln bie entflofjne, tängft entflopne $ugenb 
3ln biefen grüfjting unb an feine 33liite: 

©ie f)olbe Siebe. 

©ein Sieb ruft meine alten Seiben tracf), 

©od) bringtS and) ©roft, 

Unb troftgeftillter Sdjmerg fann füBer fein 
2llS greube felbft. 

© finge, finge, ©u mein Heiner 3 ft) W) rer - 
2ßer fanbte ©icf) in meine ©infamfeit? 

2Ber f)ief3 ©idj> f)ier an biefer Sttauer niften, 

Stuf bie fiel) bod) nur gludfj §u fenfen pflegt ? 

© fjeilger §immel, biefe innre SHjnung, 




78 


Der Upofiet. Port Utejaitber petofu 


©ie tötet mich, 

©ie tötet mid) mit ihrer ©etigfeit! 

3diir ftüftertg eine 5lt)nung in bie ©eetc, 
gef) merbe frei, 

gd) fterbe nicht im ^ßeftraum biefer §öf)te, 
gd) fterbe frei, bon ©otte3 -Spaucfj umroeht. 

©u Heiner SOoget an ber Stertermauer, 

©u freier SBanbrer einer freien 2Sett, 

©u bift ber greiljeit tjotbcr ©enbting§bote! 
gd) gmeifte nidj/t, e§ ift unb rnirb fo fein. 

(Sei ftarf, mein $erg! $on Kummer ungebrochen, 
23teib ungebrochen aud) üon greub unb Suft! 
ga, fo mirbg fein, ©ie SBett loirbö enbticfj mübe, 
Unb fdjüttelt fid) bom fftaden god) unb (Schmach 
Unb fprengt im gtug bie Pforten biefer ©rüber, 

Um ihrer ©hränen erften greubenftrom 
2tuf§ 3lnttifc jener Kämpfer gu bergiefjen, 

©ie für bie Freiheit in ben Werfern litten. 

©u tleiner SSoget an ber fctermauer, 

©u freier üBanbrer einer freien 2Sett, 

©u bift ber Freiheit h°^ er ©enbting^bote!" 


©er ©cfjtüffel tnarrt im ©djtofc ber ^erterttjür — 
©er «eine SSogel flog erfdjredt bon bannen; 

©ie ©fjüre geht, ber ^erferttmrt erfcheint 
Unb tünbet bem befangnen bie Befreiung! 

©er Häftling fdjluchgt in fü£er 2öonne auf, 

Unb greift an§ §aupt, 

2H§ moltt er ben 93erftanb mit £>änben faffen, 

©er ihm im (Sturme gu entftiehn gebroht. 


„geh hatte i^n ! y/ rief er mit finbfdjer greube, 

„geh hatte ihn, ich tie£ ihn nicht entftiehn; 
gef) bin bei Haren, ungetrübten ©innen 
Unb meifj, ioa§ fidj begeben: ich bin frei! 

90?ein SSolf atfo, mein SSatertanb ift frei?'' 

©er ßertermart ermiberte berbroffen: 

„2Ba§ fdherjt ©u ©ich nm§ SSatertanb, ©u Sump? 
©ei bantbar, bafs ©u felber frei gemorben!" 

©er Häftling aber nahm ben ©chimpf nicht mahr, 
©enn att fein ©innen flog fdjion in ber gerne 
Unb hatte tängft bie hatbe 2Bett burchirrt, 

©a§ ©rab gu fudjen, 

•Jöorin fein treuem SBeib gebettet tag. 

„SKeitt erfter ©ang, ©u ©ote meiner ©eete" 
(Sprad) er für fich, „mein erfter ©ang gitt ©ir, 
gd) fornm», ich fomm’; tuie ©u bei mir erfc^ienen, 
©o fud) id) nun auch ©eine ©puren auf, 

Um jene ©chotte, bie ©ir grieben bietet, 

9DUt Hüffen gu bebeden .... 




Der Upojtel. Don Ulejattber petSft. 


79 


£) metche (Etoigfeit, bi£ mit bie $ette, 

$on §anb unb gufe getöft, herunterfättt: 
©ie paar Minuten, ad), fic mähten tauget, 
2113 bie burd)bangten $ahre f^metet ^ein. 


XIX. 


©0 rnie ba§ $inb bie SDhld) bet SXutterbruft, 
(Sog et bott $aft 

©en mürggen, fügen, fteien ®otte3äther. 

©in jeber 2ttemgug f)ub ihm ein 3N)r 
©urchlebter Oualen öon bet müben (Seele, 

2Si§ fie fid9 miebet leidet genug gefügt, 

Um auf beu jungen fluten bet Statur 
Unb ben (ErinnrungSbtüten feine§ §ergen§ 
(Einherguflattern, mie ein Schmetterling. 

©ie frifd)e Suft Oerjüngte ifjnt bie Seele 
Unb gof$ ifjm neue Kräfte in ben ©eift; 

©od) alt unb bteft^aft Hieb bet fdjlaffe $örber. 
(Et ging nut fd)lotternb auf ben (Stab geftüijt. 
©en langen 23art, bie taugen Sitbetfjaate, 
SBemegten teife Säfte metancholifd). 
gehn $ahre bto§ — et marb um tjunbett älter. 


So langte et bei jenem §aufe an, 

$n beffen £)berftübd)en et einft mofjnte. 

(Et ftarrte jebem 9ttenfd)en in3 ©efid)t, 

Gelaunte fanb et leine unter ihnen. 

S25iettei(f)t, bag fie ba3 §au3 nad) ihm begogen, 
Vielleicht, öietteid)t, bag et fie gang üergeffen. 

(Er ftug unb ftug, ob fie bet armen Seute, 

©ie t)ier im §aufe unterm ©ad) geloofjnt, 

Sid) nid)t erinnern? — freiticf) fei3 fd)on lange! — 
Unb nannte alle ©lieber bet Familie. 

„Ob id)§ nod) ben!’, ad) ©ott, ob id)§ nod) benfe" 
S^rad) eine fromme, fdjnmfjtjafte Patrone, 

,,©a3 arme 2öeibd)en mar ein liebet 2öefen 
Unb f)ergen§gut; allein ber £>err ©emaht 
©ottloS genug, ein rechter SKiffetpter. 

(Et tjat aud) meibtid) all fein ©t)un gebügt, 

Sie fingen ihn, um ihn in§ Soch gu fteden, 

Unb ftarb er nidjt, fo lebt er tyut nod) bort. 

©a§ arme SBetbt^en aber, al3 bie ®unbe, 

(Et fei in £aft, gu if)t gebrungen ioat, 

Starb "augenblicklich an gebrodenem §ergen. 

tannS mit bem Verftanbe nicht erfaffen, 

2Bie man ein fold)e3 Unfraut nur fo liebt, 

Unb für ben Summen aud) noch fterben tonnte/ 7 

'Jiorb unb @ftb IC. 295. 




3ofcf Steinbach in ^ranjensbab. 


(Splbefter fyordjtc fo empfiitbungglog 
©ent fftebefluh, 

$tlg märg nid)t er, tton bent gefprochen mürbe; 
(Er fragte: mo bag ©rab ber jungen grau, 

Unb fd£)tiefjlidh: mag aug ihrem (Sof)n geworben? 
„2Bag aug bem (Sohn geworben, meih td) nicht" 
(Ermiberte bie gute, alte Sttutjme, 

9?ad) bem 93egräbnig fah idf) if)n nid)t mehr; 

Unb mo bic junge grau begraben mürbe, 

(Entging mir auch; 

$d) märe gern gunt Seidjcn^ug gegangen, 

®od) mar ich juft bei einer ©aufe ©aft." 

,,$d) find 1 fie f<hon", fo murmelte ber ©atte, 

„®ort auf bem griebljof finb ich fie gemih- 
£$d) unterfud)e forglich ©rab um ©rab 
23ig idf auf ihre jRufyeftätte ftohe." 

Unb teufte nach bem griebfiof feinen (Stritt. 

(Er ging öon einem $ügel gu bem anbern, 

Unb afg er alte fReiljeu abgefudjt, 
ging er öon neuem an, attein bergeblicf); 

®ag ©rab ber £iebften fanb er, fanb er nicht. 
93ort ifjr atfo ift feine (Spur geblieben! 

®ag f)immtifd)e ©efcfjöpf, eg ift berfdjmunben, 
SSerfcpmunben, fpurlog, mie ein (Sonnenftraf)t. 

®ag ®reug ^at if)r ber (Sturm bom §aupt gemirbett, 
®en finget pat be« fRegen fortgefdbmentmt. 

gn ©otteg kanten! 

©ent armen 2llten fdjnitt eg tief ing §erj, 

©ah er, bie er gejucht, nicht aufgefunben. 

©ah er, mag ihm nach jahrelanger Dual 
2ltt marmen ©hrätten nod) im 3lug geblieben, 

9^id;t auf ben (Staub ber ©euren träufeln fonnt; 
©od) botg ihm ©roft, 

©ah bieg ber lepte (Sdjmerg in feinem Sebett, 
©ah er mit £eib unb greub an biefent Ort 
gür alte, alle 3 e ^ en guitt gemorben, 

Unb fünftig nur alg förperlofer (Sdjatten, 

9?ur alg entfeetter ßeib bie 2Belt burchftreift. 

(Er täufdhte fid). 

5Iud) bag mar nicht fein lepter (Sd)mer§ geblieben. 

Hlg er bie ®erferfchmelte überfdjritten, 

®a fragte er: 

„9D?cin $otf atfo, mein Ißatertanb ift frei ? // 

Unb adjtete ber 5lntmort gar nicht meiter, 

©ettn ihm gattg heilig, bah eg mirflid; frei! 

Unb mag gemährte er? 

©ah bie Nation, ja, bah bie gan§e SBelt 
j)?od) mehr gebeugt, gefnedjtet unb gefnebelt, 




Der 2tpofteI. Port Ulejanber petöfi. 


S\ 


5ItS bagumat, ba er baS 2Sort erpob; 

©ie -äftenfdpentoürbe tägticp nte^r üerfrüppett, 

©ie STtjramtei inS IHtefenf)afte roäd^ft. 

©o trar bettn alte ÜDiarterquat üergebtidp, 
©ergebtidp alle Opfer biefer 2Bett, 

©ie grofte ©eeten 

©em §eit ber 9ttenfdppeit fetbfttoS bargebracpt? 
SSergeblidE) altes ©treben, atteS Gingen? 

Unmögticp, nein unb punbertmat nein, nein! 

33ei bem ©ebanfen fdptrott fein ®raftgefüpt, 

©ie tote ©tut entgtomm ipnt neu im bergen, 

©r recfte bag gebeugte ipaupt empor 

Unb umgegaubert toarb ber ©reis gunt Jüngling; 

2tn feiner ©tirn faft ein geheimer $ßtan, 

©in großes, füpneS, ein getrattgeS 2öagniS, 

5tn bem baS ©cpicffat eineg gangen $otfS, 
33ietteidpt baS ©cpicffat einer 2Bett gegangen. 

9?eu toar ber ^ßtan nicpt, 

©r foftete fcpon ©aufenben baS Sehen; 

SUtein, toemt er bem einen bocp gelingt, 

Unb nun gunt Söeifpiet er ber eine.träre? 

©r barg bie Stbficpt forgticp in ber 35ruft, 

©etbft fdptafen ging er nicpt in anbrer 9Uipe, 
©amit er fie im ©raume nicpt tierrat, 

©amit fie, rucpbar, nicpt bereitett toerbe. 

©enoffen toarb er feine: 

Sftidpt, um aus ©fjrgeig biefe fftiefenarPeit 
Slttein gu tpun; 

9?ur, um üon anbern bie ©efapr gu bannen, 
Sßenn fie mifjtinqt. 

$n ©lang unb ©dpimmer f cp trimmt bie gange ©tabt; 
©ie Sttenfdpen brängen fiep in peilen ©cparen, 

©eS „§ocprufS" Traufen trätgt fiep trie bie gtut 
©eS ufertofen ©tromeS, burcp bie ©tragen. 
©eficf)ter, Kleiber tragen geftgepräge. 

2ßetdp froper $Intaf 3 , tretcp ertefneg geft? 

©tieg ©ott in feiner fjerrlidpfeit pernieber, 

9DUt eigner §anb 

©en SCFcenfcpen, bie in ©ftatierei oerfunfen, 

©ie gotbne greipeit trieber gu erobern? 

©afj ©lang unb greube fotdpe 2Bogen trirft. 

92ein, nein, nidpt ©ott, ein anberer toanbett bort, 
©er Keiner ift, 

©idp aber gern für größer patt: ber SDörtig. 
ÜSetädpttidp bticft er auf bie Sftenfdpenfdpar, 

2öie ©eibenmöpfe auf bie minbern ®öter, 

Unb tro er pinfiept, beugt fiep -frnupt unb ®nie, 

©o toie im ©türm bie §atme eineg fftöprieptS, 


6* 




82 


3 ofef Steinbadj in ^rangensbab. 




Unb teljlenforengenb ruft bie ©llabenljerbe: 

©er dortig ^ocf)!" 

SBer wagte in ben fftuf nicf)t einguftimmen ? 

Süßer gar öermäfs fidj eine? anberen 9luf§ 
inmitten taufenb, aberraufenb Säftenfdjen? 

Süßer’* wagte, wer? ein einziger üon allen, 

Unb biefer eine ruft in einem ©on, 

©er alte anbern Ächten nieberbonnert: 

„Sftein, nieber mit bem Äönig!" 

Unb feuert brötjnenb feine 2ßaffe ab; 

©er ftolge Slönig taumelt jät) gu Soben. 

,,(5:rtjebe©id}, ©u Feigling öon ©tyrann, 

©er ©d)ub ging fetjl, 

©ie Äuget tjat ja nur ©ein Äleib burdt)töct)ert 
Unb nid)t ©ein §erg. 

©em ©u§ to erlauft, ber ©eufel l)at ©ein Seben 
Sefdjüfct, befdjirmt. 

(Srljebe ©idj, ©u geigling öon ©tyrann 
Unb wifdje ©ir ben ©taub oom 5fngefid)te." 

Süßer ift ber Korber, fdjotl e§, wer unb wo? 

©ort fte^t er; bod) er ftet;t nidjt meljr, er liegt, 
©r liegt ijalbtot, fie fdjlugen i$n gu Soben; 

Unb glücflid) jeber, wenn e§ itjm gelingt, 

3nS alte, falt’ge 2tngefid)t gu freien, 

©em weiten Raubte einen ©ritt gu geben. 


Stuf freiem Sßlafje ftanb ein Slutgerüft, 

©in (Silbergreis ftanb auf bem Slutgerüftc. 

3ll§ fidt) ber genfer mit bem lidjten Seil 
©e§ fiuftern ©ob3 bem alten Spanne naljtc, 

©a lieb ber ©rei§ ben wef)mutüollen Süd 
©urd)§ fd)abenfrof)e Sotlägewimmet gleiten, 

Unb SDÜtleibgtfjrönen bebten itjrn hn Slug. 

©ie ifjn getreten unb an feinem ©obe 

©id) weiben tarnen, fie erbarmten iljn. 

Sühtn fiel ba£ SRicfjtbeil faufenb burd) bie ßuft, 
Unb rollenb flog ©QlocfterS §aubt gu Soben. 

©ie Stenge iaudjgte: ,,£)cd) ber Äönig, l)od)!" . . . 
©ann aber fdjarrten ftumrne §enler§lned)te 
©ie Seidje ein am $itfj beä Slutgerüftc. 







Der Upoftcl. Don Ulejanber petöft. 

XX. 


83 


©ie ©flaDenfeelen eiterten unb fdjttmnben. 

3In il)re ©teile trat ein neu ©efdjledjt, 

©ag feine 33ater mit ©rröten nannte, 

©ag fceffer, mutger, ebler Serben toollte 
Unb eg and; toarb; 

©emt ad), eg fontmt nur auf ben SBillen an!. 

(Empörung ging burdjg junge §e!bent>oIf, 

Unb, bie fie bon ben 33eitern Überfamen, 

©ie fdjiittelten bie ©flabenfetten ab 
Unb fcljleuberten fie benen auf bag ©rab, 

©ie fie ermorben, 

©amit fie aufgefdjredt bon bem ©eflirr, 

Sftod) tief im ©rabe fdjamrot merben follten! 

©amt aber brängte fie iljr ^er^engtrieb 
$m ©ieg ber ©rofjen, ^eilgen §u gebenfen, 

©ie in ber ^nedjtfdjaft frei gu fein gemußt, 

Unb ©otteg Söort berfünbeten, 

Unb §ur 33eIof)nung ©djntad) unb ©ob erlitten. 

3ln jene gelben maljnte eg bie ©ieger 
Unb mit bem prange ifjrer fjeilgen tarnen 
©urdjflodjten fie bie Qjreube beg ©riumpfjg, 

Unb mollten fie ing ^antljeon beg fftufjmg 
ßur Ü?uf)e tragen; 

©od) loo fie fudjen, loo bie ©bien ftnben? . . 

©ie maren unterm ©algen längft bertoeftl *) 


*) 3tt ber ^ufenote auf @. 23 haben toir bie borftebenbe Sßetöfi’fdbe Sichtung als „in ®eutfcbtanb 
noch toenig befannt" bezeichnet. @tner uns öon bem $errn Ueberfefcer jugegangeiten ftorreftur ge= 
maß, bie leiber nur für einen fleinen ££kU ber Stuflage noch an ber entfbredjenben ©teile beriieffic^tiflt 
merben tonnte, machen mir hier barauf aufmertfam, bafj es ficb um bie erfte Sßublifation in beutfdier 
Sprache banbeit. 3). 9t. 









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* 

£)erman (ßrimm. 

Don 

SClfceij J&emerau. .1 

— (Ifyarlottenburg. — 

er gefete tum benen, bie um ©oetlje roaren, ift mit ^ermatt 
©rimm babingegangen. fßidjt al? hätte er nod) ©oetbe gelaunt, 
nmr er bodj, al? ber ®id)ter im hoben ©reifeuatter ftarb, erft 
ein SMerjäfjriger; aber er batte feine fjfugenb in einer ganj non ®oetbe= 
Wem SBefen erfüllten Sltmofpfjäre nertebt unb feine ©attin au? einem 
§aufe ficb erroäblt, ba? intimerer ^Beziehungen 51t bem SDicfjter be? gauft 
ficb rübmett bnrfte. Seit feine? geben? blieb er geroijfermafjen in geiftigem 
Sonne? mit ©oetbe, bcffen ©tubium ibn eigentlich unaufhörlich bi? jum 
fEobe befdiäftigte. 2Beil ^erman ©rimm oöflig gentäfs ber ©oetbe’fdien 
SBett: unb fiuuftbetrad)tuug tebte, bie er ficb al? etroa? ganz inbinibuett 
©rroorbene? 511 eigen gemacht batte, gebärt er zu benen, bie um ©oetbe 
roaren, in beffen Seit ja auch feine Sßiege ftanb. •• 

Dbfdion Sitte, bie ©rimm fannten, mufften, bafj and) ibn bie Se< 
fdircerbert be? Stiter? ni<bt nerfcljont, baf; auch itm förderliche? ttngemad) 
oft in feiner geiftigen Sbätigfeit Huberte, fam bie Siadiridjt non bem 
Sobe ©rimm? ihnen bod) unerroartet. Stad) furjem Krantenlager uetfdpeb 
er in ber ©onntag?fritbe be? fechgefirtten Smti. SBer iljn menige SBodjen 
uortjer noch gefeijen, roie er ben beben fdjlanten Körper faft ungebeugt 
unter ber hiirbe ber Qabre trug, roie bie gütigen Stugen noch jugenbltdj 
frifib Hielten, roie er bebädjtig unb ficber einberfcftritt unb lebetibig non 
Slltem, rooran er Slntbeit nahm, plauberte, ber batte ilpn uubefcbnbet ber 
roei&en fd)lid)t au? ber ©tint zuriicfgeftricbenen Qaan unb be? roeifjen 


























£)ermait (Srtmm. 


85 


Barteg, ber bag burdggeiftigte $efi.<ht umrahmte, ein Qagrgcgut mentger 
gegeben unb nie gebaut, bag biefeg anfc^einettb fo fefte Sehen in furjer 
fyrift vergeben mürbe. 

©in gogeg Sllter nach menfcgticben Gegriffen gat ©rirnm erreicht, int 
öierunbfiebgften Qagre f<hieb er. Qm ©runbe feineg £ergeng aber mar 
er jung geblieben, ©r hätte noch gern eine Sßeile ber fülle, galboerborgene 
Sufcgauer ber SDinge biefer SBelt .fein mögen; eine faft jugenblidje 2lufs 
nagmefägigfeit Idem gegenüber, mag bie Qeit nod) an Weitem unb Be^ 
merfengmertgem geroorb rächte, bjatte er ficb bemabrt. Düögtg non bem, mag 
ber Slufnterff amfeit roertb fegien, überfal) er unb fpraeg non ibm gern unb 
eingebenb. Unbefangen unb oorurtgeilgtog trat er an ade £)inge heran, 
prüfte fie langfam unb bebäebtig auf ihre Berechtigung unb ihren Sßertg 
unb beurtbeilte fie feft unb flar unb fegarf. ©r mar ein alter TOun gemorben, 
ber niete SCRenfc^en unb ©inge erlebt unb groge ©rfabrungen gef antinett 
batte, ber atfo norftdbtig in Slnerfennung unb Slburtgeitung mar. 

3 ln feinem Urtbeil, bag er fiel) nad) reiflicher Ueberlegung gebifbet, 
hielt er aber feft atg an etmag Unumftöglicgem. Qgrn farn nie ber ©e- 
banfe, er fönne geirrt höben. Qn ihm mar ber fröhliche SUnberglauben 
tebenbig, ber fich auch nicht beirren lägt. Qn unmiebtigen dtebenfäcgtidjfeiten 
gab er leicht einen Qrrtgum feinerfeitg ju, aber fant eg benit barauf an? 
„£>ie Seute fpreegett fo abfädig non ©urtiug’ grieebifeger ©efcgidjte," fagte 
er einmal, „merfen ihm Fabeleien unb Bb an t a ft ere i en nor, aber ©urtiug 
macht fich ttichtg braug. Qür ihn ift eg nun hoch einmal fo, mie er’g ge= 
fchrieben gat." 2lu<b §erman ©rimnt machte fich nidjtg braug, menn ©iner 
fam unb ihm beroieg, bag er mögt ba ober bort gefehlt. 2tn ben ton 
einer Sache rührten biefe Kleinigkeiten ja hoch nie, unb um ign adein mar 
eg igm §u tgun. ®ie grogen Sinien, in benen er gemiffermagen atg 
toibejeiegnung eine Berfönlicgfeit feftgegatten, nerfchoben fie nicht um eineg 
«gaareg Breite. 

Sangfam unb norfiegtig urtgeilte ©rimnt, gatte er aber einen TOnfcgen 
ober eine Sache gefunben, bie nach feiner Slnftcgt nicht genügenb gefdgägt 
unb geförbert fchien, bann trat er ein mit ber TOcgt unb bem ©inftug 
feiner ^erföntichleit, um fich igrer mit aden Kräften an^unegmen. lieber 
unb mieber ergob er feine Stimme, big er fich ©egor oerfegafft unb bie 
Sgeilnabmgtofen gemecft gatte. 2ßie gat er, um nur ein Beifpiet $u geben, 
non Beter oon ©orneliug gefprochen, atg ber feiger noeg lebte, unb nach 
beffen £obe, um menigfteng ben Schöpfungen bei grogen Künftlerg eine 
mürbige Unterfunft ju fichern! 

TO lebenbiger £geilnagme betrachtete Hermann ©rimnt bag dteue, 
bag bie Qagre brachten, fuegte eg gu oerftegen unb fid) gu eigen $u 
machen. SBogin er feine Gingen auch richtete, überad fag er auch ©eminn; 
er mugte nicht, meggatb 2lnbere ben TOnget an innerem Qrteben, ben 




86 


2Ufreb Semerau in <£t|arlottenburg. 

Sßcvluft an äußerer «Ruße betrauerten unb für unetfeßlicß Inerten. (Sr tßeilte 
au* bie «Sefotgntß nicßt, baß getftige ©üter nertoren geßen formten. ®ie 
Rreibeit bie mir fidjer ßätten unb bie immer nocß anmudjfe, meinte er, 
tritae jebe Strt non ©elbftforreftur in udi. 3 ßm ftanben (Sntroidlungen 
ber SRenfdjßeü uor Singen, bie mitjumadien, roie er mußte, ilnn »erfagt 
fein mürbe, bie ißm aber als fo gtanjenb fcßön erfcßienen, baß er ißreU 
megen baS menfcßlicße ©afein rooßt nocß einmal ßatte beginnen mögen. 

«ruß fdiou lernte er im -öaute feines SaterS Sffiitßetm, beS SRärcßen* 
enäßlerS, unb feineSDnfelS 3 afob, beS ©prad)forfdierS, ade «Mutter unb 
«rauen fennen, bie geiftig irgenb etroaS in ber ureußifcßen §auptftabt be> 
beuteten ade ©roßen‘ber Suuft unb SBiffenfcßaft. SItS er ßerangeroacßfen mar, 
uerbracßte er einige 3 aßre in Berlin unb Sonn mit bem ©tubium bet 
«RecßtSroiffenfcßaften, oßne freiließ in ißm bie genügenbe «Befrtebtgung 511 
finben unb 31t ber Ueberjeugung ju gelangen, baß bie SBefcfiaftigung mit 
jurifttfdien ©tagen jemals ben Snßalt feine? SebenS auSmacßen fonnte. 
(Sr glaubte, in ißm fei eine bicßterifcße Straft »erborgen, bie, nacßbem er 
fie eine Beit lang nicßt beachtet unb surücfgebrängt, jeßt energttdi 
«Betßätigung ftrebe. «ffiäßrenb sroeier 3aßrjeßnte beinaße fucßte er feine 
poetifcßen gäßigfeiten 3U pflegen unb entroideln. 

3lls bie grücßte biefer Beit erroucßfen ißm jmei ‘©tarnen „Strnttn" 
unb „©entetriuS", eine .iprifdnepifcße ©ießtung „©raum unb ©nmicßen , 
ein «Rooedenbanb unb ein großer «Roman, ©eit bem Baßre 1867 , roo. 
ber teßtere neröffentlidft mürbe, ßat Hermann ©rimm nidjts SPoettßßeS meßr 
gefcßrießen ober menigftettS ßerauSgegeben. 

gjde biefe «ffierfe roerben ßeute faum meßr gelefen bis auf bie «Rooeden, 
bereu eine, „®aS ftinb", in ben beutfißen «Rot>edeitfd)aß aufäuneßmenJJauIi 
ßenfe für mertß gefunben ßat. 3n ben Siooeden giebt ©rtmm basJbefte, 
roaS er als ®id)ter 311 geben ßatte, äarte ©timmungSmalerei unb feine 
(Sßarafterseifßmmgen: feine ÜRenfcßen erfcßeinen uns in ben teifen Umriffen, 
roelcße ber ©ilberftift gieljt. ©in origineder 9 ßoet, beffen ©tarfe unb 
©igenart oßne Weiteres in bie Singen fpringt unb unfer Sntereffe fofort 
p feffeln rceiß, ift ^ermann ©rtmm nicßt geroefen, fonberu nur etr 
liebenSmürbige? ©alent oßne fcßarfeS «Profil. | 

(Ss ift ißm and) nicßt gelungen, ficß als ©idjter eine ©tedung 31t ge , 
minnen; balb fam er au<ß felbft }ur ©inficßt, baß auf poetifcßem ©einet 
fein Sorbeer nidit bliiße. bereits in ben leßten 3aßren feiner bid)ternd)ei 
«Betßätigung ßatte er ftcß ber Stunftbetracßtung sujumenben begonnen, be 
«Setracßtung unb (Srforfcßuiig ber Stunft int umfaffenbften ©tnn. (Sr fucßt 1 
ficß flar 3U merben über Stunft unb Stunftfcßöpfungen. ©antals begann e 
feine (SffapS ju fcßreiben, bie erften, beiten fpäter nod) fo niete anbei 
folgten, bie feinen «Rauten roeitßin trugen unb berüßmt macßten. 






Ejcrmatt (Srimm. 


87 


Später eintitat trat er erjagt, wie wobt fein gntereffe für bie .tunft 
entftanben ober geroecft loorben fei. 9 lapf)ael begann früh in ihm 
ba« ©efübl für bie ©rohe unb ©d)önheit ber bilbenbeu fiunft wadfp* 
rufen. Ser italiemfcbe 9 Mfter trat if)tn juerft in nier SJtabonneu nor 
gingen, bie er non Stinb an ftetS nor fid) batte. gm Bintmer feines 
33 aterS hing bie Siftina, bei feiner SDtutter „Stefane ©ärtnerin", bie 
Jungfrau im ©ri'men, bie ffflabonna betla Sebia in Stieben non 3 JMer, 
Slgricola unb SeSnogerS. 

®r fab biefe Silber an als etroaS, olpe baS bie 2 Belt nicht p benfen 
fei, unb fie prägten ficb ibm fo tief ein, baff, nmrbe eines berfelben ge= 
nannt, il)m nicht baS Original, fonbern ber Stich perft nor bie Seele 
trat, ©r erinnerte fid) ber Verwirrung, in bie ihn ber erfte Slnblicl ber 
wirtlichen SERabonna 9 tapl)aels in SreSben uerfefcte; etmaS ihm burdjauS 
Vertrautes ftanb plötstid) in ganj anberer ©eftalt nor ihm, unb er hätte, 
toäre er um eiu Urteil gefragt tnorben, bem Stich ben Sorpg gegeben; 
beim er fannte jebe Schraffirung barauf unb hielt bie ftd) Ereujenben 
Sinien für eine notlpoenbige ©igenfdfaft beS ÜBerEeS. 

355eun er pfammenredmete, toaS in ber ^Bohnung feiner gamilie unb 
benen ihrer greunbe an 35 ?erfen 9 iapbaelS in Stichen norhanben mar, fo 
lonnte er behaupten, im Slnbtid ber gefammten SljätigEeit beS italienifchen 
SMftcrS aufgercachfen p fein. Sei £omeperS, bie neben ©rimntS wohnten, 
hingen bie natifanifchen greSien in SolpatoS Stichen, bei ©erlfarbs Slngeto 
®oni unb feine grau, bie garnefina unb niete Siabonnen. 

ade biefe Stüde tannte er genau, fo wenig lag aber bautals bie 
herrfchenbe dironologifdje 9 lnfd)auung in ber Suft, bah ihm nicht einfiet, 
biefe SBerEe als 9 tefuttate einer SebenSentwicflung anpfehn, beren fehlenbe 
®heile gefudjt werben muhten. 2lud) hörte er nirgenb non dtaphael fpredien; 
es war ihm nur eingepftanst, biefe SarfteKungen als baS Sornehmfte im 
Bereiche ber bilbenben Stunft anpfehn. $ie 9?aphael pgefdjriebenen ®e= 
mälbe beS Berliner «KufeumS, auch bie Seppidie erwedtett feine Sheilnahme 
nicht, ©rft ©ul)ls Stünftterbriefe gaben ihm ben Slnftoh p einer anberen 
Betrachtung ber S)inge. 

®iefe Briefe riefen ptötüidi in Berlin baS gntereffe beS ißubliEumS 
für neuere Sunftgefc(jid)te wach; in ihnen erft würbe perfünlidjer Sufammem 
hang ber fiünftler unb ihrer SBerfe fictitbat*, hier laS man, wie bie gioheit 
fiünftler gebaut hatten, wie baS Beben fie erpg unb formte, wie ihre 
Schöpfungen ficb als SrobuEte ihrer ©piftenj erflären liehen; hier würben 
Dtaphael unb fKidielangelo p «perfönlidjfeiten. 3ugteic§ aber geigte ©uhl 
aud), wie man fel6ftftänbig weiter biefen Singen nadjforfchen fönne. 

Sie non ihm citirten wenig jatjlrcictjeu Bücher ftanben im lebten 
oberften 2 Binfel ber Eöniglichen BibtiotheE, wo fich nun Rennau ©rimm in 




88 


2Ufreb Semevau in dfyar lottcnburg. 


oollfottttiienet Einfamfeit inftattirte unb nidöt efeer rufete, atS bis er in her 
bort aufgeftettten Sitteratur oöttig p gaufe toar, um bie fid) fonft fafl 
JJientanb fümmerte. ®nju bot ba§ föniglkfee Äupferftid)fabinet, in beffen 
füllen Räumen nur feiten ©dritte ober gar Sefpräcfee toiberfeallten, bie 
nötfeige ©rganjung. 

Wicfebem er fid) fo für ba« fiunftftubium ofme Slnteitung oorbereitet 
batte, tarn er ©nbe Wai 1857 junt erften Wat nacfe bem non ben gran= 
pfen beferen 9 iont 93 io 9 tono«, ba§, bntnaß nod) non feiner Eifenbafen 
berührt, oöllig in fid) uerfunfen lag. Sie beifeen, erft 2 IbenbS fid) be= 
lebenben ©trafeen lagen oertaffen, loenn er Worgen für Worgen fid) int 
fcfemalen ©chatten ber Raufer feattenb, 311m fßatifan pitgerte, 100 er bie 
unenbtidjen Sreppen feinaufftieg unb bie mauerfüblen Sänge burdjmanberte, 
31t benett ein Ieifer Suft oon ben int päpftticfeen ©arten felüfeenbeit 
Drangen brang. 

3 ln mancben Sagen begegnete er feiner ©eete auf biefem 3 Bege burä) 
ben ganjen tpalaft; an ber Sfeür, 3U ber er wollte, nntrbe ber'jlnftobe 
burdi langfam oerfeattenbe« ©etäute feerbeigetocft, er liefe ifen ein unb ging 
toieber. ©0 brachte gerntan Stimm bort unb in ber garneftna,' bie 
ebenfo oertaffen tag, tauge, ungeftörte ©tunben 311; feiet lebte er ftcfe ein 
in diapfeaeß SBerfe, attmäblicfe, um enbtidi ju miffen, ioa8 er fäfee. liefet 
fo fcfenelt, fagte er aß reifer Wann, toirb biefeS Stöiffen erlangt. Slhenbs, 
toenn er toieber in feiner ©tube auf bem fiapitot fafe, fdjrieb er nteber, 
toaS er tagsüber gefefeen; an« ber Erinnerung befcferieb er bie Semälbe. 
Seben Umrife, febe garbennuance glaubte er ficfe eingeprägt 3U feaben unb 
mufete bann ftaunen über ben geringen 9 teft biefer ©inbriicfe, roenn er 
fcfereiben loottte. tßon 9 tapfeaet fam er 3U Wicfeetangelo, oon biefem 311 
ben antifen ©futpturen. 

Sa e« in ber Seit, 100 gerntan Stimm fid) ber Smiftbetraditung 
3U loibmen begann, roeber Seferer gab, bie oon ©taaßioegen über ßnnft 
unb fiunftfcfeöpfungen 31t fpredjen featten, notfe niete SBücfeer, bie fid) mit 
funftbifiorifcfeen Singen befafeten, feat er fid) autobibaftifife jum fiigtjh 
ftubium feerangefeilbet. Socfe gerabe babttrd), bafe ifen feine frentbe gaitb 
leitete, bafe er feinen eigenen 3 Beg 3U gefeen geswungen mar, feat ficfe 
•geratan Stimm gerabe feine Eigenart, bie ©cfeöpfungen ber fiunft 3U be= 
tradjten, oöttig geroafert. 3 n feiner Stuffaffung ber fünftlerifcfeen Singe 
ftefet er allein, fie ift nur ifent eigen. 

3 n feinem 9 tontan „llnüberioinbtiifee Wädfete" fpiett ein alter getr 
eine fteine 9 Me, mit bem mir gerntan Stimm oiet Stefenticfefeit ju feaben 
Weint. Surdfe eine furge Efearafteriftif jene« atten gerrn fpringt bie 
Stefentidifeit ftar feeroor, unb beSfealb gebe icfe fie mit toenigen ©äfeen. E« 
toirb oon ifent ersäfett, bafe er ©tubent getoefen, im Qafere 1815 mitge-- 
fämpft feabe, bann aß Dfftjier bei ber Surüdfüferung ber geraubten 



rin an (Srtmm. 


89 


tunftfdjäße mitgewirtt, wobei ihm guerft bte $unft fid) aufc^efcbtoffen hübe¬ 
st roottte SUlaler werben, übernahm jebocf) nach feinet SBaterS Xobe beffert 
3 u<3jtaben, wobei er feine Liebhaberei fortfepte, unb gab fiel), itadjbem ihm 
tt feinem ©ohne ein ©efchäftSnad)folger beranc^ewn^feit war, ihr gang unb 
ar bitt. Als Aufgabe hatte er fid) geftellt, Alles perfönlid) gu unterfingen, 
)aS Europa an ßiunftwerten beherbergte. f£)urd) bert Ernft, mit bent er 
iefe 33 efcf)äftigung auffaßte, nahm er feiner umherfabrenben unftäten 
^iftenj ben «Schein beS Launenhaften, tlnnötbigen, ben fie, oberflächlidj 
itfgefaßt, hätte annebnten tonnen. Er l)a\te fidh ein Amt erwählt in 
üner £l)ätigteit, baS er gewiffenbaft verwaltete; er betrachtete bie bilbenbe 
tunft als eines ber wichttgften SBettmomente unb hielt bte wenigen Leute, 
te gleich ihm eine eigennußlofe SSeauffichttgung ber vorhanbenen Aöerte gu 
hrer Lebensaufgabe gemalt, für StaatSbiener ber böcbften SXrt, bereu 
Serbienfte, je unfeheinbarer unb verborgener fie wirtten, um fo weniger je 
tad) SBürben unb (Gebühr anertannt ober gar belohnt werben tonnten. 

fUtit biefent alten $errn feßeint ^erman ©rimnt Aeßnlichteit gu 
laben, faft biefelbe Eßaratteriftit paßt auf ihn, nur eine Erweiterung 
itüjste fie erfahren, foüte fie auch auf ihn gutreffen. Er hielt nicht nur, 
oie jener alte §err, bie bilbenbe $unft für eines ber widjtigften Sßelt* 
nomente, fonbern er fah vielmehr in ber ^unft im umfaffenbften Sinne 
>ie tone beS Lebens. 

Er gehörte gu ben univerfalen Naturen, bie überall, in totft unb 
Mtteratur aller Böller unb aller geilen 33 ef<heib wiffen. Er fuebte, wie 
;r einmal gefagt hat, alle bie 9 Aenfcben gu erforschen, bie für ihre 
}eit bie fjiegelböhe beS geiftigen guftanbeS begeidjnen, bie wenigen, 
her unverwüftlicßen, bereu tarnen ein gahrßunbert bem anbern übergiebt; 
»ie ewigen Apfelbäume, welche ber ewig nadjwadjfenben Qugenb, foviet 
yrühte auch von ihnen gefchüttelt werben, jeben borgen in vollen f^rüthten 
jetreu wieber entgegenladjen. £>ie Erforfdjung ber ©efeßiebte biefer TOnner 
nußte nach feiner SInficht unfere vornehntfte naturhtftorifche Arbeit fein. 

£>er 33 efchäftigung mit ben ©roßten biefer Erbe, bem Ergrünbett ihrer 
Stopfungen unb ihrer ^erfönlicßteit weihte er fein Leben. £)ie großen 
ßerfönlicßfeiten ftanben ihm über ben geiten, in benen fie lebten; fie batten 
)ie Seiten, nicht bie geiten fie gemacht; fie ftnb ihm bie geiftigen £öl)en 
)er Atenfcßßeit, gu ben en man emporftreben muß. gwei feßr begeießnenbe 
Sorte von ihm fallen mir bei, bie feine Art gu beuten fdjarf in’S Ließt 
'teilen, „«gomer, ©oethe unb fDante, bereu Sßerte von Männern, grauen 
mb ber gugenb getefen werben, fteben auf §ößen über ihren Göttern, gu 
)enen guter Sßille nichts ßinguthun unb von benen böfer nichts hinweg* 
zehnten tann, währenb Könige, Staatsmänner unb gelbßerren ihren -ftad)* 
:uhm vom belieben ber ©eftittsfehreiber gu empfangen hüben, bie einft 
lUeitt ißre 3 )epefd;en in ben Archiven lefen," unb baS anbere 2 Bort, baS 



90 


2Ufreb Semerau tu Cfyarlottenburg. - 

bett „SRidjetangelo" befpeßt: „Sille Italiener füllen, baß neben ©an 
unb fRapßaet er bie brüte ©teile einnimmt (nämlich TOidetangelo) uti 
mit ißnen bie ©rei^atit ber größten SRänner bitbet, bie ißr SSatertanj 
ßeroorgebradjt. ©in Siebter, ein SMer unb einer, ber groß in alle 
Sänften war. SBcr wollte, roo biefe fteßen, einen fvetbfjerrn ober Staat? 
mann ebenbürtig an itjre ©eite [teilen? Sie Äunft allein ift eg, bie bi 
33 tiitl)e ber Stölfer bejeicßnet". ÜRacß Hermann ©riutm roirb immer bc 
ridjtenbe Urtßeit ber ©efcßidbte Corner unb fMibiaS böber als Slleranbi 
unb fßerifleS fteHen. I 

3 iur bie ©roßen liebt uitb oereßrt German ©rintm, über ben Se i 
tehr mit ihnen hat er faft ber Steinen »ergeffeu, unb biefe ©roßen fiir| 
ihm mehr als SRenfcßen, bie einer beftimmten geit angehören, ber ©lat 
ihrer Sianten erhält fiel) fort in alle ©wigfeit, ihr [Ruhm oerblaßt nid 
im SBanbel ber gaßrßunberte. Unb bie SebenSarbeit ©rünmS galt nt 
ben ©roßen, bereu nier er ein ©enfmal gleitßfam in ganjer gigur erriditi 
unb mit feinfter Sünftlerßanb auSgeführt hat: £omer, SRichelangelt 
Dtaphael unb ©oetlje. ©iefe Sier hat er auf ein boßeS ffMebeftal alleJ 
Singen achtbar binge|teHt. Stehen biefen ©enfmälerit aber hat er noch nie! 
Süften gebitbet, bie in ben weiten fallen feiner ©ffatjS flehen, bie bei 
©ebäcbtniß anberer Unfterbüchen geweiht finb: ®a fleht ©ante nehe 
SSülton unb itoltaire; ©ürer neben fRembranbt unb ©orneKuS unb bi 
Slnbent alle, bereu Slamen .gebet - fennt. 

©riutm faß niefit nach fpßilologenart nur bie eine ober anbere ©eil 
einer ©rfcßeinung, fonbern immer baS ©anje, ©roße. gafl fcßeint es, al 
gebe es feine biftorifcße ©utwicflung ber ©inge für ihn; er legte wenigfteit 
niemals baS &auptgeroid)t auf bie seitlichen Umftänbe unb Sebingunget j 
bie baS ©rfcßeinen einer großen fperföntidßfeit möglich gemacht hatten. I 

Siicßt was einen Keinen SreiS non gacbgeleßrten intereffirte, nötßigi : 
ißm feine ©ßeitnaßme ab; bie fogenannte eyafte gorfdhung war ihm nid 
baS ,§ödjfte. ©r mar fein greunb ber «p^itotogen, unb eine gemiffe 211 
Neigung gegen fie fam mandnnal bei ißm bcutlicß jum StuSbrud. Sc 
•gotbeinS Sitb beS ©raSmuS uon fRotterbam fagte er auf bie gefniffene 
Sippen beS £umaniften beutenb: „®aS richtige tphilologengeficßt," unb tjal i 
fdßerjenb fügte er ßinju: „SRit bem SRenfcßen möchte id> nichts su tßu 
ßaben. ©eßr fcßarf unterfcßieb er bie „wiffenfcßaftlidien Beamten", bie fii 
mit ©infammein unb Slnßäufen uon ©ßatfadjen Seit ißreS SebenS jufriebe 
geben unb bie er natürlich auch für eriftensberecfjtigt hielt, uon benen, bi 
©ebanfen probucirten. 

-Öerman ©rimm ift niemals ein ^adjgefebrter getoefert im geioöljn j 
lieben Sinne be 3 SBorteS. ^latürlidj bat er fo gut nnb grünblidj rote nr 
je ein ^ac^pelefyrter feinen Stnbien obgelegen, aber niemals au§ iljren @1 
gebniffen bide SWtö&er gufammengeftellt nnb für fie eine befonbere 2lu| 





fjermon (Srtmtn. 


91 


lerffamfeit beanfprucßt. @r wanbte ftcß aucß niemals an eine befcßränfte 
aßl non 9Jtenf<f)en, um fie um ib;r ttrtßeil gu bitten unb ißteä S 3 eifatt 3 
eilßaftig §u werben; er fprad) $u Sitten unb wollte non Sitten gehört 
erben. @3 machte ißm grenbe, mitgutßeilen non bem, mag er fid) geiftig 
worben ßatte. Sitten wiinl'cßte er bie ©roßen ber ©rbe menfcßlicß fo 
iße $u bringen, baß man in ißnen nid)t Halbgötter, bie unerreichbar 
öifcßen Singen thronten, faß, fonbern bie waßren ©Töpfer aller Sdjönßeit 
\§> Sebent, benen man gu ewigem ^anf unb Siebe nerpflidtfet war. 



: 

! 

! 


( 











üurtbgdmngm im Cfyeater. 

Poti 

Stellen. 

— (Effett a./Huf}r. — 

I. 

ag Seben auf ber 33ühne bringt eg mit fid), bafr fomoht auf ben 

Brettern, bie bie Seit bebeuten, atg auch im 3 u ftf) auetramn 

mancherlei unermartete 3 * ll ^tf) en föWe eintreten, bie gumeift in 
heiterer Seife ertebigt merben. (£g fam aber and) fdjon öfter 5 U ftürmifchen 
CEreigniffert, gu § au Pcim:pfen unb anberen aufregenben Sgenert, bie ur= 

fbrüngtid) nid)t im Sbielbtam- norgefefjen maren. 33efonberg bie franko* 
fifd)e XI)e at er g ef dh i ch t e ift reid) an Vorfällen biefer $trt. 

Qn ben erftert 3 eiten ber ftehenbeit Söü^ite gehörte eg gerabe nicht gunt 
guten 5£on, bag Theater befnchett. (£g maren nteift unfreunblidje, fehlest 
beleuchtete dtäume, in beiten bag ißubtitum ben Vorgängen auf ber 33 ühne 
folgte. SDamatg gab eg gmar and) fdjon eine fcharfe ©Reibung gtoifd^ett 

fühlte unb 3nfd)anerranm, benn bie (Scene beg £h ea * er 3 tm §otet be 
33ourgogne in fßarig mar fogar burd) ein §iemlicf) hoheg ©itter nont 
3ufd)anerraum getrennt, aber eg mürben auf beiben Seiten ber 
35änte aufgeftettt, auf benen benorgugte ©äfte §ßta| nehmen burften. Qiß 
maren öomeljme junge £eute, reid)e ^h e ^eurtbe unb (Gönner, bie fidh 
riet ertauben burften, oft in bag Sbiet tjmeinrebeten unb recht ftörenb 
merben tonnten. 5tuf jeher Seite ber 33üfjne befanben fidh lieim ^ e d) ett 
Si|e, bie burch eine 35atuftrabe öon ben Schaufbietent getrennt maren. 
3tber bie übermütigen Herren, benen biefe 33orgitggbtä|e eingeröuntt maren, 
öerfberrten oft bie Qugänge gu ber SBüIjne. darüber märe g. 35. bie %tfc 
göbie „Childeric“ non 9D7oraub beinahe gefallen (1736). Qn einer befonberg 
bathetifchen Scene fottte ein 33ote mit einem 33rief fomnten, tonnte aber 
burd) bie auf ber 33üf)ne ftehenben 3 u f^) auer nid)t ^trtburdf). £)a rief 




















-Kunbgeburtgen im (Ifyeater. - 93 

Setnanb int parterre: „Place au facteur!“ unb bie emfte Stimmung beS 
(ßubfifuntS mid) einer allgemeinen §eüerfeit. 

®rft Voltaire befreite bie (Bühne bott ben gnfdjauern, bie bis baf)in 
ringsumher an ben ftouliffen ihre S>i|e gehabt Ratten. Der Dichter ©olle, 
ber über alte Vorgänge int Sweater ein Dagebudj führte, berietet baritber 
am 30. 3Ipril 1759: „Qdj- fat) t)ente ben ©aal ber Comedie fran^aise, anf 
beren (Bühne man (Riemanb mehr bntben mill. SBolIte ©ott, baß bem fo 
bliebe! ©S macht ben beften ©inbrud bon ber (Belt; id) meine felbft gu 
Bemerfen, baß man bie (Stimmen ber Schauftneler ungleid) beffer ber* 
Mt. (Die tfjeatralifdje Qllufion ift nun bolllommen; man fieljt feinen 
©äfar mel)r in ©efaljr, einem (Reefen in ber borberften (Reihe ben (puber 
abguftreifen, feinen dRithribateS mehr, ber inmitten nuferer Mannten ber* 
f^eibet, feinen Sdjatten beS (RinuS mehr, ber einem' ©eneratftädjter auf 
bie Hühneraugen tritt!" 

Sange Seit mar eS nicht baS beffere (ßublifum, baS baS Sfjeater ge* 
toö^nlid) mit feinem (Befud) beehrte, unb eS mar ben Damen gang unmög* 
lidj, bort^itt gu gefeit. (Rod) gur geit (RacineS unb dRoliereS fam eS oft 
ku (Sd^lägereien unter bem Dfieaterünblifum. DieS maren aber nur (Raufereien, 
tbie fie anf gahrmärften unter bem (ßöbel borgufontnten pflegen, (Bon 
tittcrarifcfjen £ämbfen feine Spur. 

dRit ber 3eit mürben Qmifdjenrufe unb Qtffyen im D^eater berboten, 
aber gumeilen fam aud) (BeibeS bor, obfdjon eine 5lngagt ©arbiften für 
Die (Ruhe beS (ßublifttmiS gu forgeit Ijatte. ©in eigentümlicher gall et* 
eignete fid) 1750 in (ßariS. 

Sacgueg (Battcanfon, ber (Begrünber ber Seibenmeberei, §atte einen 
lutomatifdjen glötenfpieler fonftruirt, ber bon feinen Qeitgenoffen biel 
jemunbert mürbe. (RlS Seitenftüde l)iergu fertigte er ein anbereS mechanifcheS 
tunftmerf an, nämlich für dRarmontelS DJeaterftürf l e 0 p a t r a" bie 
Rätter, bie fid) bie ©gbpterin anfetjt, um butdj beren (Big, ben Dob gu 
inben. Diefe (Rätter machte getreu alle ringelnben (Bemegungen einer 
'ebenbigen unb fdjneltte fc£)Iie§ticf) gifdjenb an ben (Bufen ber unglüdlidjen 
Königin empor. 21m Slbenb ber erften (Borftellung, als bie (Rätter gum 
nften 2Rale ihre (Rolle fpielte, fchrie eine (Stimme aus bem parterre: 

„©in (Brabo biefer (Rätter !" 

©3 mar ber Dichter (ßirott, ber bamit feine (Bosheit gegen dRarmontel 
tuSlteg. Das (ßublifum gifd)te baS Stüd aus. 

Die berühmte Dragöbin graulein D u m e S n i 1 mar einmal in einer 
ier Hauptfgeneit patljetifcher benn je aufgetreten, als ein leiöenfcJjaftlich 
erregter guljörer ihr grobe dBorte gttrief. gräulein DumeSnil betrachtete 
ne Schmähung aber als ein Kompliment, ba nur ihr naturgetreues Spiet 
ie herborgerufen hatte. 

SRit (Beaumarchais beginnen bie Kunbgebungen politifdjer (Ratur 
nt Dheater. dCtS im grühjaht 1784 bie erfte (Borftellung feines SuftfpietS 




94 


dony Kellen in <£ffen a./Hußr. 




,,©ie ©od) seit beS gigaro" angefünbigt mürbe, brängten fid) bie 
Sßarifer mit einem Ungeftüm, mie eg felbft bei ihnen feiten mar/ öor ben 
Xpren ber Comedie frangaise, bie bamalS feit fturgem in bem ariftofratifd)en 
Stagniertet Saint^ermain eine (Stätte gefunben fjatte. 9D£an ermartete 
einen heiteren, etmaS flanbalöfen Bbenb öott Bnfßielungen gegen bie Slrifto* 
fratie, bie fiel) beStjalb felbft um fo eifriger in ben Sogen einfanb. 
©te oornel)tnen ©amen erfdjienen fdjoit Stunben Dorier in ihren Sogen, 
um fid) ihre $läße 51 t fid>ern. Sie sogen öor, il)r Sftittageffen in bem 
bämmerigen ©heaterfaal eitt^uneljmen, nur um bem pifanten Eingriff gegen 
fie felbft, gegen bie eigene bornehme Bett, beimoljnen gu fönnen. . ©ie 
leidjtfinnige Stenge ahnte aber nicht, baß ber Beifall, ben fie an biefetn 
Bbenb bem Stüde gollte, baS Borffnel ber fftebotution bebentete, bie fid) 

bereits broljenb am § Orient anfünbigte. 

5lu§ ben erften Bestellungen ber „©oeßseit beS gigaro" feßen mir, 
mie bie öffentliche SDZeinung fiel) gn regen begann. Beaumarchais hatte fid) ( 
an bie Sßiße ber fokalen Bemegung geftellt. ©ie Satiren, bie fein Stüd 
enthielt, entgingen üftiemanb, unb ber ©of faltete fid) halb in §mei $ar= 
teieu, oon beueu bie eine bem S 5 erfaffer geneigt mar, mäßrenb bie anbere 
fein Stüd unterbrüdt 51 t feiert münfeßte. ©in $ambl)let, baS einem ©errtt 
be Songeac gugefd)rieben mürbe, hatte einen großen ©rfolg. ©ie Be* 
geifternng beS fpubtifumS für Beaumarchais unb fein Stüd mürbe barin 
berfpottet. ©S heißt barin, jebe fßerfon beS Stüdes [teile ein befonbereS 
Saftet bar, unb eS ffließt mit ben Söorten: 

Um bie Safter bereint 511 fefyen, 

SRief baS ^ublitnm im ©ßor, 

©!)’ eS mollt’ nad) ©aufe geben, 

Sd)tießlid) nod) ben Stutor berbot, 

©er Särm, ben man um fein Stüd machte, mißfiel Beaumarchais 
feiueSmegS. Bm 6 . Stßrit 1784, als bie Buffußrung beginnen follte, murbejfl 
bom hoben ©Ißmf) herab eine SJiaffe bebrndter Bettel herunter gemorfen/j 
bie baS fßubtifum natürlich begierig laS. ©S mar baS ermähnte Spottgebidjt, : 
in bem nod) einige gröbere BuSbrüde eingefügt maren. Beit entfernt, fid) 
burch biefeS «Pamphlet beeinfluffen s u taffen, sollte baS «ßubtifunt bem 
Stüde nur noch lebhafteren «Beifall, meil eS an einen ßämifeßen Streid) bet 
(Gegner glaubte, ©ie Bettet aber hatte nicht etma ber S5erfaffer beS $am* ; 
phtetS, fonbern Beaumarchais felbft iit’S «ßublifunt merfen laffen, meil I 
er bie Birfuug berfelben moht benrtheitte. ©r fchrieb fogar einige Sage 
fpäter bem ©erauSgeber beS „Journal be $ariS" einen Brief, in bent et I 
ihm Oormarf, baß er einen fo midjtigen Borfatt in feiner Bettung uidjl I 
ermähnt hotte. Beaumarchais oerftanb fiel) eben red)t gut auf litterarifcße 

ffteflame. 

Bäßrenb ber fftebolution ging eS in ben Strotern ftürntifd) her. ©ie 
Bufcßauer gemößnten fid) barau, jebeS Bort, baS auf ber Bußne fiel unbil 













Kunbgebungen int (Theater. 


95 


auf bie Eegenmart bezogen merben fomttc, burdj Beifall ober 3ifdjen S u 
begrüben. Anfänglich überzog alterbing3 ber Beifall, al§ mau bie Qufunft 
nod) tit rofigem Sidtte fab). üESemt in einem alten Suftfpiel be§ De§toudje§ 
bon Don $ßfüftPP, beut brauen Aatljgeber feinet $önig§, gefagt mürbe, bafj 
er nid)t3 fenne, aH ba§ Qntereffe feinet §errn unb bafj biefer gu einfidjtig 
fei, um einen fotzen Diener gu entlaffen, fo erhob fid) ba§ gefammte 
Sßublifunt, um ben SDUnifter Aeder gu feiern, an beffen ©turg bie §ofpartei 
fortmährenb arbeitete. Auch Bubmig XVI. erhielt gu jener Qzit nocfj feinen 
Anteil an ber §ulbigung, unb in bentfetben ©tüd mürbe ihm gugejubett, 
als e§ barin bon bem fpanifdjen $önig ^äe§, er fei bom §intmel bagn 
gefdjaffen, über bie §ergen gu regieren. 

Auf ba§ Vertrauen folgte batb eine geit gegenfeitigen §affe<8. Den 
Antafj gab ein junger ©cfjaufpieter, ber fpäter fo berühmte % a I m a. 
§ür Attttmod), ben 4. Aobember 1789 mar bon ber Comedie frangaise 
ein neue§ ©tüd bon Qofepty (Sanier „$arl IX. ober bie ©djute ber 
Könige' 7 angefünbigt, unb bie Ermartungen ber S^eaterbefud)er maren aufg 
§ödjfte gefpannt, meit ba3 ©tüd bie ^Bartholomäusnacht bei)anbette. Qn 
feinen Erinnerungen auS ber ©djredenSgeit berietet E. Dubai: „ES man 
erft gmei Uhr. ©djon mar ber ^ßla| mit 9Aenfd)en bebedt, unb gahlreidje 
jEruppen belebten ben (harten beS Bujembourg. Qn ben benachbarten ®affee^ 
häuferu fanb man feinen ©ijjplä| mehr. Ueberatt geigte fid) grofje $Be= 
megung, unb man fah bie! biiftere uitb broljenbe Eeftatten auftauchen. ES 
fd)ien, als ob man fid) gegenfeitig refognoScirte, mie bor einer ©djladjt. 
Die erfte Aorftettung bon $arl IX. mar eben mehr als ein theatralifdjeS, 
fie mar ein politifdjeS Ereignifj. Qd) mitt nicht bon bem Einbrud ber 
eingetnen ©genen reben; befanntlidj mar ber Erfolg ber Aufführung unge* 
heuer. DaS ©tüd mürbe unter raufdjenbem Aeifalt, Eeftampf, Arabo unb 
ohne baS teifefte SAurren bis gum Enbe gezielt. Qdj glaube, bafj mer fich 
ertaubt hätte gu pfeifen, Ijalbtobt hUtauSgelomjmen märe. 9Xirabeau unb 
einige anbere Abgeorbnete feiner Partei befanben fid) in einer Aalfonloge 
unb gaben baS 3 eichen gum ^Beifall." 

Mehrere fßerfonen, bie ben §ut auf bem ®opfe behalten moltten, 
mürben burdjgeprügelt, unb nur bem Einfdjreiten ber bemaffneten 9Aadjt 
hatten fie es gu berbanfen, bafj fie mit bem Beben babonfamen. Unter ben 
Scannern, bie berljaftet mürben, befaub fich and) Danton. 

DaS antirohaliftifdje ©tüd, in bem Datma bie Aolle beS Königs 
&arl meifterhaft fpiette, hatte bereite mehr als 30 Aufführungen erlebt, 
als ber ®önig bie meitere Aufführung berbot. AH aber am QatjreStag ber 
Eroberung ber Aaftitle ein großem AerbrüberungSfeft gefeiert mürbe unb 
Deputationen aus alten XI feilen beS BanbeS fich ^agu einfanben, forberte 
ba§ parterre ftürmifd) bie 2Bieberaitfnah'me beS ©tüdeS. Der Aegtffeur 
erflärtc, biefe fei megen ber Erfranfung eingetner Zünftler nid)t möglich, 
aber Datma, ber feine banfbare Aolte gern mieber aufnehmen ntod)te, 
?iorb unb Sftb. IC. 295. 7 




C)6 — Sony Kellen in (Effen a./Kußr. - 

ftürmte plöjjticf) auf bie Süljne unb fagtc, bie giuffüfjruttg beä 'Stiideg wäre 
bei gutem ÜBitteu mof)( möglict). DÜ an war nun geäloungen, bas Stiirt ju geben, 
aber SCalntaS toltegen rädjteu ficf) an il)in, inbem fie if)n auf metirere 
Senate fugßenbirten. 

Sag sßublifum mollte fid) bieg nidjt gefallen laffen. Sin ben folgenben 
Sagen brang eg in ben ©aal ein, um bie S 3 orftellung gu ftören. Slm 
17. ©eßtentber, alg fiel) bet Sumult miebetßolt hatte, magte gieutl), bet 
an bet ©ßiße bet (Segnet Salntag ftanb, auf bet 33üf)ue gu etfdfeinen, um 
51 t erflären, et nnb feine Kollegen gälten feine S 5 egießungen meßt git 
Salma, ineil er bie öffentliche Stoße geftört l)abe. Sie Slntmort mar ein 
heillofet Särm. ©in anbetet ©cfjaufpielet ftürgte aug ben Souliffen unb' 
broteftirte gegen bie non gieutl) erhobene SBefdjulbigung. Sag ^ublifuntj 
riß nun bie S3änfe log, tnobei fid) befoitberg einige Qoutnaliften herOortßaten, 
erftürmte bie S3üßne nnb fdjlug bort Sllleg in ©tüde. ^ | 

infolge biefet gmifdjenfälle trennte fiel) bag ©nfemble bet Comedie 
frangaise. Salma grünbete mit einem Shell &£t Zünftler bag ;theater^ 

Rue Richelieu, in bem et ßaußtfädjlid) ©tüde reOolutionären ©ßaraRetg 
gab. Sie anbeten Sftitglieber grünbeten bag „Sßeater bet -Ration", in 
bem eg oft gu antirenolutionären Shmbgebungen fam. §ieß eg in Saßatpeg 
„Sebißug", baß bet $önig größer fei alg fein ©efeßid, fo jubelten bie 
gut föniglichen Partei gehörigen gußörer in ben Sogen, unb ißt S3eifall 
mollte nidjt enbeu, menn fie SSerfe hörten, in benen, mie in bet „Sibo" 
Oon Sefranc be ^omßignan gefagt mürbe, baß bie Könige gleid) ben ©öttern 
übet ben ©efefeen ftänben. Sag Sßublüum Oerlangte in feinet SSegeifterung 
fogat Oom £)rd)efter ben ©ortrag ariftofratifcher ^arteilieber, mobei eg 
felbft mit fang. ©0 mürben bie ©tropßen an bie „teigenbe ©abrielle", bie 
Sitte aug ©tetrbg. Stoßen* Sömenßetg „£) Stofjarb, 0 mein gürft, eg oer* 
läßt bid) bie Söelt" gu mähten ftöntggliebern. 1 

©§ mar begßalb begteiflid), baß man in anbetn Sßeatern ©egenfunb* 
gebungen üeranftaltete. ©ineg Slbenbg mol)ute bie Königin bet Stuf* 
führnng einet Operette in bet fomifdjen Oßet bei, alg bie berühmte ©am 
gerin grau Sugagon in einem Sueft ißt eine Keine §ulbigung bar* 
brachte. Stuf bie Söorte eineg Oertrauten Sienerg ,,©on §ergen lieb T ich 
meinen §errn" mußte fie alg $ammermäbc(jen antmorten: „£>, mie lieb' 
ich meine §ettin!" S5ei biefeu SBorten manbte fie fid) nach bet föniglidjen 
Soge, um fid) Oot Sttarie Slntoinette gu Oerbeugen. Slbet ba entftanb ein 
©türm beg Unmilleng. S3on allen ©eiten tief man, eg gebe feine § et rin 
mehr, man brachte ^odjrufe auf bie greißeit aug unb ntadjtc einen foldjen 
Sumult, baß bie Königin Ooll ©d)teden eiligft bag Xßeatet Oetließ. 

S3alb mürben bie Sheatet gum alltäglichen ^amßfßlaß. Sag fünft* 
lerifdje gntereffe mar gefeßmunben, man bad)te nur meßt an ßoütifdje 
$ämßfe. Sag ^ublifum füßlte fieß am moßlften, menn eg lärmen unb 
toben fonnte, uitb felbft blutige ®ößfe maten nidjtg ©elteneg. ©ine ßeitung 






Kundgebungen im Cgeater. 


97 


fegtug fogar Vor, bie Qufcgauet möchten fid) boef) mit gtinten, Rigolen 
mtb «Säbeln bewaffnen, um fieg grünblid) augeinanberfefcen §u tonnen. Qn 
Dem eben erft eröffneten $aubeVitte §mang bag Sßubtifum. beit Sireftor 
dtteg Sageg, auf ber SSügne ein Stüd Von Seger 51 t Verbrennen, in bem 
Sanier angegriffen mürbe. 

Oft genug tarn eg Vor, baff bie gufdjauer beit Sdjaufgietern vor- 
^rieben, Wetcgeg Stüd fie fgieten foltten. Unb menit bie Zünftler biefett 
Jorberungen niegt nadgfamen, fo fang unb tankte bag ^ubtifum im Sweater 
)ie ©armagnote, big bie Qeit ba mar, loo bag Sweater gefegtoffen merbett 
nugte. 

Unter bem ®onfutat unb bem ®aiferreicg teerte bie fftuge 
vieber in bie Xgeater eilt. üftur bie 23orfteftung Von „Pierre le Grand“ 
)on be ©arrion 97ifag, ber mit iftagoteon bie TOtitärfcgute gu Priemte 
rnfudgt gatte, rief einen fürditerlicgen Sunrutt gerVor, fo bag gmanjig 
junge Beute verhaftet merben mugten. 

2 llg bie Bourbonen wieberfegrten, änberte fieg aueg bie Senbeng 
»er Sgeaterftüde. ©ineg SXbenbg wollte man gräuletn 9 D 7 a r g, bie atg 
ifrige Slngängerin 97agoteong befannt mar, gmingen „Vive le roi“ §u 
ufen. Sie groge ^üngterin aber trotge bem Sturm, ben igre Steigerung 
m Saale entfeffette. 

Später trat mieber eine fReaftton ein, unb S3eranger feierte bie §etben^ 
gateit aug ber geit beg erften ^aiferreiegg. Samatg tarn eg $u bem 
lerügmten „®rieg ber © a t i c 0 t§", ber bureg bie ©rftauffügrung beg 
Dcribe’fcgen Stüdeg „Combat des montagnes“ im SJariete^Sgeater ger= 
•orgerufen mürbe. Sag 97agoteonfieber mar bamatg fo ftarf, bag fogar bie 
:3arifer §anbtungggegütfen in igrer Gattung unb Reibung bie Sotbaten 
/eg ^aiferreiegg naegagmten. Scribe maegte fieg in feinem Stüde gientber 
uftig, iubem er ©altcot, bie §augtgerfoit beg Stüdeg, fgöttifege SBerfe 
iitgen lieg. Sdjon bei ber erften Slorftettung entftanb ein fürcgterlidjer 
^ärnt im Saale. 23ei ben fotgenben Btuffügrungen getiten fieg alte ©aticotg*) 
on $ßctrig ein, unb bie, metege feinen ^>iag im Saat fanben, blieben Vor 
em Sgeater, um bag S5otf aufgumiegetn. Sie Unrugen bauerten megrere 
öocgeit. Sie ©engbarmen ntugten megrmatg einfeg reiten unb bie ärgften 
htgegörer vergaften. 

3 n bemfelbett 3 a g re gab bie 21 uffügruitg beg „©ermanieug" im 
’heätre frangais SXntag gu einer grogartigen heiteret. s D7an bearbeitete 
idg mit Stödeit (bager ber SRante „Bataille de Cannes“), unb man fag 
ogar Säbel btigeit. ©g ftog jebod) fein ÜBlut. Ser S5erfaffer beg Stüdeg 
iar b’SIntautt, ber fgäter üftitgtieb ber fran^öfifegen Stfabemie mürbe. 

Qm Sgeater ber $ßorte Saint*2ft artin gab am 31. guti 1822 eine 
itgtifdje Sdjaufgieter^Srugge eine 35orftetlung Von „Otgetto". 


*) Seitger mürben nämtieg bie £anblung§gegitfen fo genannt. 


7* 






98 




£ony Kellen in <£ffen a./Hußr. - 

@ie fcßeint aber ben Sefucßern trtififctltett gu ßabett, bettn biefe marfen; 
©egenftänbe aller 2 Xrt auf bie Slißne. ©g laut gu einem foicßcn Tumult, 
baß bie grauen oßnmäcßtig mürben, gn ber ©efd)id>te btS frangöfifcßen 
Dealers finb foldße gälle aber feiten, mo bag ^ublifnnt fid) an ben ©cßau* 

freiem öergriff. |’r, 

Stürmifcße Seiten lamen für bie ^arifer Süßnen, alg ber berüßmte- 
(Streit ber ® 1 a f f i 1 e r nnb S o nt a n t i 1 e r augbracß. Sei ber erften 
Suffüßrung öott „§ er na ui" fam eg gu einem Slattbal, ber in ber. 
Sitteraturgefcßicßte einzig haftest. ©g mar am 25. gebruar 1830, mo auf|> 
ber Süßne nnb im Sttfcßauerraunt beg Theätre fran<?ais jener große äftljc- 
tifd)e ^ampf auggefodjtett mürbe, ber bie gebilbeten grangofen jener Qät t| 
laum meniger erregt ßat, alg bie Seöolution, bie im felbett gaßre augbracß. 

(£§ ßerrf d)te bamalg übrigeng in allen Xßeatern eine große Aufregung, 
gn ber Oper fanb Sourrit in Soffinig „Söilßelnt Seil" ftürmifdjen Seif all, 
nnb bag berühmte Ouett ber ,,(Stummen öon ^ortici": „^eilige Siebe beg|V 
Saterlanbeg" mußte bei jeher Suffüßrung mieberßolt merben. Oie Setm* 

Intion lag gemiffermaßen in ber ßuft. 

5lm 7 . Oltober mürbe im Obeon eine Xragöbie bon Sncelot „Le 
Roi faineant“ aufgefüßrt. Oer Oicßter ßatte bem Somantigntug biele 
$ongeffionen gemalt, aber man lacßte barüber. Sd)on im erften 211t gab fid) 
bie Ungufriebenßeit beg ^ublilnmg lunb. Salb mürbe ber Särm größer, nnb 
mäßrenb bie Scßaufpieler ißre Sollen meiter bellamirten, ftanb ein 3u* 
fcßauer auf bem Sallon auf nnb ßielt mit boitnerttber Stimme eine fRebejg j 
über — bie 21dßtnng, bie matt ber Sationalgarbe fdjnlbe. Oag ^ublilitnt j 

mürbe nun rußig nnb ßörte menigfteng ißm gu. 

Unter ber g m e i t e n Sepublil mar eg im parterre im 2lllgenteinen ij 

rußig. Sur bie ©laqueure, bie „Sitter beg Shmnleucßterg", malten ßie nnb 
ba eine lärntenbe Shmbgebuttg entmeber für ober gegen einen Zünftler, je 
nacßbent fie be§aßlt maren ober nicßt. Sur bei ber Suffitßrung bon „Sottte" 
in ber $orte*Saint*9Sartin lam eg gu einem Stimuli, alg ber ©raf SSaftai 
geretti ($apft $iug IX.) auf ber Süqne erfcßien. . V- 

(Sine große ^unbgebnng erfolgte am 18. Oegember 1888, alg int iJ 
Obeontßeater „Germinie Lacerteux“, bag erfte naturaliftifcße Xßeater)tüd, 
nad) bent betannten ©oncourffcßen Sontatt bearbeitet, aufgefüßrt mürbe. 
@g mar „eine Sieberlage mit allen jenen blutigen Scßreden nnb mit ben 

(Greueln beg gallg eineg ©roßen". ( 1 

21 ucß in ben leßten gaßren lam eg nocß ßie nnb ba in ^arifer 
Sßeatern gu $unbgebttngen, fo 1894 bei ber Sorftellung beg „Sollgfetnb ü- 
in ben Bonffes du Nord, bei ber ^onfereng S. Sailßabeg in bem Senaiffance* 
Xßeater, bei ber feiten Suffüßrung beg „Voile“ im Theätre frangais 
nnb fobann bei ber Suffüßrung üon „La Gardienne“ bon §enri be Segnier. 
grancigque Sarceß mußte ficß meßr alg einmal gefallen laffen, berßößnt gu 
merben (bie grangofen ßaben bafür bag fd)öne 2 Bort conspuer), aber biefe 












Kuttbgebungen im {Theater. 


99 


litterarifdßen intb politifdßen künbgebmtgen Ratten f einerlei gefährlichen ©ßa=* 
raftcr. £)aS Qeitdlter ber §elben!äntbfe im parterre fcheint eben befinitiü 
vorüber gu fein. 

2IuS ber ©efdßicßte beS b e u t f dj c n £ßeaterS merben unS meniger 
ftürmifeße ©eenen berichtet. ($3 fam moßl manchmal gu heiteren Qtoifdßen* 
fällen, aber nicht gu großen kunbgebungen. 

(Einen eigenartigen £ßeaterffanbal erlebte ^Berlin am 23. Qanuar 1749. 
2Bäßrenb bie berühmte 23 a r b a r i n i, ber Siebliitg beS berliner $nbü^ 
furnS gur Qeit grtebridßS beS ©roßen, auftrat, bie fidß befanntlicß auch 
befonbereit ©unft beS Königs erfreute, ltub bie eine für jene ©age uner* 
hört ljoh e ©<*ge Don 12 000 ©ßalent begog, tarn eS im Theater gu einer 
feltfamen ©gene. Qu einer SßrofgeniuntSloge hatte ber junge SegationSratß 
üon ©occeji, ein ©oßn beS königlichen kattglerS, 23ereßrer ber 23arbarini, 
Sßlaü genommen, ©r beobachtete jebe 23emegung ber fcßöneit Sängerin, ber 
er mit leibenf(f)aftticb)er Siebe gngethan mar, mit bemunbernbem ©ntgüden. 
Sßlöfclidß bemerfte ber ©iferfücßtige in feiner nädßften 37äße einen jungen 
507anit, ber gleich ißm fein 2luge Oon ber reigeitben Qtalienerin abmanbte. 
kurg entfcßloffen ergriff ber SegationSratß, ein 97iefe Oon ©eftalt, beit 
fdßmädßtigen Qüngling nnb marf ißn über bie Sogenbrüftnng ^ittkneg auf bie 
23üßne, gerabe üor bie grüße ber 23arbarini. £)ie £ßat 9<*b Einlaß gu einem 
allgemeinen ©fanbal. ©lücflicßer Söeife hatte jebocß ber §elb beS unfrei* 
milligeit gußfallS feine erßeblidßen Verlegungen erlitten, ©r erßob fidß nnb 
Oerneigte fidß Oor bem im Sßeater artmefenben könig mit ben 2öorten: 
„gttajeftät, eS ift nießt meine ©cßulb, baß icß ßier bin, ber SegationSratß 
Oon ©occeji ßat mich ßergefdßleubert, eße ich m© ? S Oerfaß." SauteS ©e* 
lädßter folgte biefer 2lufffärung. £)er kaitgler ©occeji begab fidß am nädßften 
j£age gu griebridß, um fidß für feinen ©oßn üt ? S SÜHttel gu legen. Sadßenb 
erflärte ber könig, ),ber ©iferfücßtige müßte auf eine geftung gefdßicft nnb 
ba furirt merben." £)er SegationSratß Oon ©occeji mürbe bann auch nac h 
ber geftung ©logau gefanbt, aber nießt als ©efangener, fonbern als ©e* 
ßeimer Quftigratß. ©egen ©nbe beS QaßreS feßrte er naeß 23erlin gurücf 
nnb feierte feine Vermäßlung mit ber Varbarint. 

2luS bem Seben ber 2Bilßelmine ©cßröber = 3)eürient mirb 
uns berichtet, baß, als bie Muffen 1813 in Hamburg eingegogen maren, fie 
in einem ©tücf bie ruffifeße kofarbe augefteeft ßatte. £)ie 9htffett aber 
mußten bie ©tabt üor ben grattgofen räumen, nnb nun forberte Sftarfdßall 
£)aüouft, baß grau ©dßröber mit ber frangöfifeßen kofarbe auf ber 23üßne 
erfdßeine. ©ie folgte gmar bem 23efeßl, aber fie trat mit einer tellergroßen 
kofarbe auf. £)ieS üerurfaeßte einen fo großen ©fanbal, baß man fie fogar 
Oor'S kriegSgericßt [teilen mollte. ©ie rettete fidß aber burdß bie gtueßt. 

©ine unbänbige §eiterfeit im ?ßuBltfum erregte einmal ber ©cßaufßieler 
^ßeobor Döring Oon ber Verliner §ofbüßne. 23ei einem ©aftfßiel in 
köln (1861) hieb in ©ßafefßeareS „§einricß IV." ber $ßring. ben $erct) 




\oo 


Sony Kellen in (£ffen a./Hugr. 


fo berb auf beit §elnt, baf 3 bad Sßiftr gerunterfiel unb er eine ergeblidje 
Verlegung baüoit trug. (Sr ntugte Oon ber Vügne getragen tu erben, unb 
nun mar ©örtng, ber beit gatftaff barftcttte, in Verlegenheit. (Sr füllte 
nämlich ben ßeicgnam faffen unb fageit: ,,©a gabt Qgr ben ^ßerct)." 
©bring tunfgtc fiel) gu helfen, unb inbent er s $erct)d ©dgoert ergriff, rief 
er ben ^ommenben gu: ,,©a gabt 8h r $erct)d ©egmert, bad ift fo gut,- 
ald memt Qgr ih n felbft hättet/' Ob biefed gelungenen (Sinfalld bradj bad 
^publilum in lautet ($eläd)ter and. 

2(ud bem Sebeit ber V n g n ft e (Srelinger, bie ben £)offd)aufbieler 
©tid) geheirathet hatte, mirb über einen unangenehmen Vorfall berichtet,, 
ber biefer ^ünftlerin guftieg. ©ie mar 1822 bie gefeiertfte beutfege ©d)au* 
fgielerin, bid ed belanitt mürbe, baf 3 fie ihrem (Gemahl bie ©reue gebroden 
haben füllte, ©a bie Qntenbantur bed ionigticgeit ©djaufgielgaufed mitgte, 
mie ftreng moralifd) ihr ^ublifunt fei, hielt fie bie ^ünftleriit Monate lang üon 
ben Vrettent fern. 2X13 fie aber am 8. VXai 1823 mieber auftrat, änf 3 erte 
bad ^nblifnm in fo uitgmeibeutiger ©Seife feilt VXififatten, ba >3 bie ©ante für 
Qagre auf ber Vügne unmöglid) mar. 

Qu Vitguft Semalbd 3 e ^Xfdb>rift „(Suroga" üom ^agre 1836 finbeit 
fid) gmei Veridjte über ©geater^©fanbale, bie gier miebergegebeit feien: 

„Verlin, ben 23. gebruar 1836. SBieber einmal ein ftürmifcher ©geater* 
abenb! „§ermanit unb ©orotgea" unb bad neue Suftfgiel oon Vaugacg: 
„©er Varr feiner gfreigeit" maren geftern Vbenb int ^önigl. ©djaufgiel* 
häufe angefegt. ©ie IRolle ber „©orotgea", iit legter 3eit bon gränlein 
(Sgarlotte 0. §agn gefgielt, befanb fid) in beit §ättben ber ©em. 
(Slara ©tid). gräulein ü. §agn, melche Medntal nur im legten ©tüd 
gu tt)un h^tte unb erft geftern nachmittag Oon ihrer SXmtftreife Oon SDXagbe^ 
bürg gurüdgefegrt mar, reflamirt gletd) baranf bie „©orotgea" unb beftegt 
feft baranf, fie gu fgielen. ©ie barüber cntftaitbenen ©ifferengen bauern felbft 
nad) bent 2Infang bed ©tüded fort, bis bei ber erften ©gelte ber „©orotgea" 
©em. ©tief) geraudtritt, bie DXolle fgielt, $rl. b. §agn aber bad §aud Oer* 
lägt, ©ad ©tüd geht gu (Snbe. §err £emm erfdjeiitt auf bem ^rofeenium 
unb geigt an, bag bie Vuffügrung bed gmeitett ©tüded megeit glöglicger 
Ungäfjlicgfeit bed gräulein 0. §agn nicht ftattfinben tönne, mtb bafür bad 
Suftfpiet: „Vielliebdjen" gegeben mürbe, ©ad ^ßubtifum, bureg eilte unOor* 
fidjtige Klauberei Oon bent Vorgefallenen bereitd in ^enntnig gefegt, be* 
geigt fief) nngnfriebeit mtb Oerlangt bad neue ©tüd gn fegen. §err fftegiffeur 
SBeig erflärt bie Unmö glich feit bem Verlangen gu genügen, gortmägrenb 
Unruhe unb ©efegrei itacg grättlein 0. §agn, bagmifegen Verlangen naeg 
ber Operette „©er reifeitbe ©tubent" unb bem Vattet „©er geftiefelte 
$ater". Qnbeffen ift bie Vuffügruttg bed „Vielliebcgen" Oorbereitet. $aunt 
aber gegt ber Vorgang in bie §öge, fo mirb ber ©umult fo arg, bag 
©em. (Srd unb §err Krüger, meld)e bie erfte ©eene gaben, mieber abtreten, 
ntüffen. Vorgang herunter, ©öägrenb bad pfeifen, giften nnb ©rommein, 





Kunbgcbumjeu im tTpeatcr. 


\0{ 


tro§ mehrerer Slrettirungen, fortbauert, tritt §err fftegiffeur ©taminSfp 
oor, bezeugt ebenfalls bic Unpäßlicpfeit beS gräulein b. $agn, entfdpulbigt 
bamit bie jftidptaufffiprung beS neuen ßuftfpietS, erflärt auep bie Untpun* 
Iicf)?eit ber fofortigen Sarftetlung ber beiben anbereit Oertaugteu ©tüde, 
unb fragt nun, maS baS ^ubtifum gu fepen münfept. „Slbete!" {freien 
bie meiften ©timmen, morauf §crr ©taminSfp fidp eine ©iertelftunbe 3 e ^ 
erbittet. ©nblidp ge^t bie ©arbiite mieber auf, Sem. ©lara ©tidp, auch 
Sem. ©rd inerben bei iprent Auftreten raufdpenb empfangen. SaS Suftfpiet 
ioirb, bom gubet ber Qufcpauer begleitet, opne lueitere ©töruug bis gu 
©nbe gefpiett, unb Sem. ©tid) am ©dpluffe mit taufeub ©timmen gerufen, 
©ie erfdpien banfenb au ber §anb ©taminSfßS. SaS ^ublifum bertieß baS 
§auS in Smutje/' 

Ser aubere 33ericf)t tautet: „gribotin for ever! Sie treffliche Sichtung 
beS §erru §olbein in §annooer hatte baS ©dpidfat and) ueutiep in 
©erlitt, gleich mie pier, auSgelacßt gu m erben. Sort motlte eS baS gmeite 
Speater (gemeint ift baS SlönigSftäbtifcpe) einmal mieber bamit berfudpen. 
Sie „berliner geitung" metbet barüber: „2Beuu mau ein boppelteS ©d)au* 
jptcl haben iuitt, patten bie gnpaber beS fepr gefüllten ßaufeS einen gtüdlidjen 
Sreffer. SaS ^ubtifum ber §öpen, ja fetbft ein Speit beS ^arterreS gab 
fidj ein geft mit manepertei ^leußerungen, bie befoitberS gegen ben (Sparatter 
beS „©urgboigt Robert" fidp riepteten. Ser §aß erpob fidp gleich anfangs 
über bie Unreblidpfeit unb Unmoratitdt biefer fepmarg in f cp in arg gemalten 
Sßerfon, ber nom ©erfaffer and) nidpt ber teifefte ©dp immer non Sftenfcptidpfeit 
gelaffen ift. gebeS fdjnöbe 2öort, baS „Robert" oernepmeu mußte, mürbe- 
mit gubet anfgenommen, bei einer Spätticpfeit gegen ipn berboppelte fidp 
baS gaudjgen. können Sicpter unb Sarftetler tnepr münfepen?" 

git £onbon finb gu allen Qeiten tumuttreidpe ©genen im Speater bor* 
gefommen. ©iner ber größten ©tanbate ereignete fiep am 6. guni 1727. 
Sie italienifdpe ©ängerin graueeSca ©uggoni unb bie berüpmte 
Sßrimabonna g a n ft i n a § a f f e * © o r b i n i, ebenfalls eine gtalienerin, 
ioareit beibe an ber Sonboner Oper engagirt, aber fie Vertrugen fidp perg= 
lidp fdptedpt. Unter ben Speaterbefudjern bilbeten fiep ginei Parteien, bie 
©uggonietteu unb bie ganftianer, bie fidp aufs ©itterfte befepbeten. 
Sie frioote Soitboner ©efettfdpaft tpat SllleS, um burd) bie ©erpeßung ber 
beiben 97ebenbnpterinnen einen öffenttidpen ©fanbat perbeigufnpren. SaS 
gelang ipr benn auep an bem erinäpnten Sage. Sie beiben ©ängerinnen 
gerietpen bei offener ©gelte einanber in bie §aare unb prügelten fidp gegen^ 
feitig bnrep, inäprenb ipre ©npänger flatfdpten, gifdpten unb tobten. 9D7it 
ber ©orftellung mar eS natürtiep gn ©nbe, unb beibe Slnnftterinnen fdpiebeit 
halb barauf auS ©ngtanb. Ser nnerpörte ©fanbat aber befepäftigte ttodp 
lange bie öffentliche Meinung, unb er mürbe fogar nodp bon einer Slngapl 
^ßampptetS breitgetreten. 

©in anberer ©fanbat ift nidpt meniger begeidpneub für eitglifdpe ©er* 




\02 - (Eotty Kellen in (Effen a./Hugr. - 

gältniffe. Qn Sonboit pflegten nämlich früher bie Sgeater ein groge3 
Stüd in fünf Hften aufzuführen, bem ein Keinem Don einem Hft folgte. 
H2an gatte bie ©emogitgeit, beim britten Hft bie gufcgauer, bie nod) tarnen, 
für bie §älfte be§ $ßreife§ §u§utaffen. So fam e§, bag in ber zweiten 
§älfte ber Horftellung bie ßufcgaucr nteift mären al§ in ber 

erften. £)ie Qmprefarii machten babei natürlich fdjlecgte ($efd)äfte. Hl§' 
nun ©arrid, ber grögte englifcge Sdjaufpieler (1716—1779), beffen Hugm 
nid)t einmal Don Valuta unb greberique Semaitre überftrafjlt mürbe, aud) 
bie ©efcgäfte be3 Sruri^Sane^Sgeater» leitete, fitste er jenen (Gebrauch, 
ber fid) fonft nirgenb^ üorfanb, abzufdjaffen. $)a§ mollten fid) bie (Snglänber 
aber nidjt gefallen laffen. Sein (£ntfd)fug, ben er burd) ein $lafat be* 
fannt madjte, erregte in Sottbon „ein Huffegen mie ba§ (Srfdjeinen einer 
feinblidjen Hrmee" (fo berietet ber (Sgronift). Selbft bie, bie nicht bie 
©emogngeit gatten, ba§ Sgeater §u befliegen, fdgloffen fid) bem SBiberftanb 
an. Hm erften Hbenb, mo bie neue Herorbnung in $raft trat, mar ba§ 
©rurb==£ane^£heater fd)on gleid) bei Heghtn fo gefüllt, mie nod) nie zwDor. 
(£§ fjerrftfjte bie größte (Stille, bis bie Horftellung begonnen gatte. (£§ 
entftanb nun eine laute Unterhaltung, nnb al3 bie frieblicgen Sgeater* 
befud)er bie unruhigen ©äfte um Hülfe erfud)ten, fam e§ z u lebhaften H$ort* 
gefed)ten, bie aBbalb in gauftfäntpfe anSarteten. £)ie Hngänger ber „halben 
greife" behielten bie Oberganb; fie riffelt bie Häufe in bem parterre 
unb bem Hmpgitgeater lo§, gertrümmerten bie Sogen, itrtb mit ben lo^ 
geriffeneu §öl§ern jagten fie bie (Gegner in bie gdudjt unb trieben bie 
Scgaufpieler Don ber Hügne. Sogar bie föniglicfje Soge zertrümmerten fie 
unb zogen bann im Sriumpgzug ans bem Xgeater ginau§. 

©arrid lieg nun ben Saal mieber gerftellen, unb al§ ba§ Sgeater 
mieber eröffnet mürbe, farnen auch bie Hngänger ber „halben greife" 
mieber. £)a fie brogten, mieber fo zw häufen mie früher, erfdjien ©arrid 
auf ber Hügne, aber man lieg ign nicht fpredjen, fonberit Derlangte, bag er 
kniefällig ba§ ^ßublifum um Verzeihung bäte, mibrigenfaallg man mieber 
Hlle§ z er f c ^)^ a 9 ert mürbe, ©arrid lieg fid) z u bem bentütgigenben Sdjritt 
herbei, aber ba§ mar aud) fein Hbfcgieb Don ber Hügne, benn tro| aller 
Hüten be3 Hbel§ unb felbft be§ $önig3 ift er nie mieber auf ber Hügne 
aufgetreten. 

®ie Italiener finb befanntlidj geigblütiger al§ alle anbern Hationen. 
Hei ihnen fommt e§ benn aud) bjaufig Dor, bag bie Scgaufpieler burch 
Qurufe unterbrod)en merben. 

Qu $ o l e n erftad) im 17. gagrgunbert ein (£betmann ben Scgaufpieler, 
ber bie Holle eine§ Herrätger§ gefpielt gatte. tiefer gall ftegt mögt einzig 
in ber $utturgefd)id)te ba. 

Hm @nbe be§ 18. QagrhunbertS mad)te fid) ba§ Hationalgefügl ber 
Hmerifaner auch im Sgeater geltenb. 2Benn fid) auf einer Hügne in 
Hofton ober ^gilabelpgia eine englifcge Uniform zeigte, erhoben fid) non 








Kunbgebungen im (Eßeater. 


103 


allen ©eiten mütßenbe ©timnten. £)cr ©dß'anftneter mußte bie amerifanifcße 
Uniform angießen nnb bann auf bie 33üßne gurücffeßren. 2(ucß in unferer 
Seit fontmcn in hinterita nocß ßäufig Shmbgebnngen bor. ©o großartige 
§ulbigungen, mie fie bort 5 . 33. ©araß 33ernßarbt §u £ßeit mürben, finb 
in unferm nüchternen (guro^a ganj unbentbar. 

®iefe 9JHttßeitungen fönnten nocß bebcutenb Uermeßrt merben, aber 
man fießt fcßon au§ ben angegebenen Vorfällen, baß aucß bie Shmbgebungen 
im Sßeater einen Beitrag gur SMturgefcßicßte bilben, ber be§ Qntereffe§ 
nicßt entbeßrt unb ber fogar ben (Sßarafter einzelner 33 ölfer treffticß 
ittuftrirt. 








gtoei 3u9cnöer3ä^Iungcn t>on IDitlibalb ^llepis, 

(Eingeleitet unb fyerausgegeben 
Don 

Ctaett. 

— ^annooer. — 

ber Keinen ©Kgge über SBillibalb Slle^iS, bie icf) im ©ebtember* 
Ijeft 1898 biefer geitfdjrift beröffenKidjte, ermähnte id) auf 

_ ©eite 377 riet Keine ©rgäfjtungen auS ben faßten 1813 nnb 

14, bie bi§ ba^in in litterarifdjen Greifen unbefannt mären, ©ine bon 
ifjuen, „©er $t)naft. ©in ©emälbeau8bemfriif)en2JHtteI* 
alter 1 ', ßabe id) im erften £eft (Oftober 1898) ber 9JZonatSfd)rift 
„SD er fi^naft" (DM>eIn nnb Seidig, ©corg 9ttaSfe) ßerauSgegebcn. 

©ine gmeite, „21 b u", maßrfcßeinKd) bie ältefte bon atlen hier, bürfte faum 
ber $eröffeuKid)ung mnrbig fein. ©inigeS ^ntereffe bietet fie nur burdj 
ben barin gemachten 33erfud), ^ßfyantafien über baS, loaS ber J^'nabe in ber 
©cfjute bon ber ©röße nnb bem ^ufammenfyang ber ©eftirne nnb bon ber J 
gortf?fIan§ungSgefd)tbinbig!eit beS ßidjreS gelernt ßat, mit einer etmaS auS* 
geführten 2tnefbote gu bertnüßfen. 

ißon erfjeblicf) größerer SBebeufctug jinb bie beiben fotgenben ©rgäfj* 
Inn gen. 2öie „©er J^ßnaft", finb fie feinem ©djulfreunbe ©buarb £ubotff*), 
mit bem iljn and) fßäter nod) bauernbe greunbfdfaft berbanb, „eßrfurdjtSboll 
getoibmet". 27ad) beffen ©obe tarnen fie, gu einem ©Kabßeft gufammem 
gebnnben, mieber in ben 23efiß beS ©idjterS, ber fie bis gu feinem ©nbe 
forgfättig aufbemaßrte. $eßt gehören fie feiner einftigen 9Udjte nnb pflege* 
todjter, ber grau §außtmann bon fßeterSborff in Dolberg. ©aS Keine, um 
fd) einbare §cftd)en, mit ben fanber eingeraßmten (©eiten, ben Keinen, gier* 


*) ©eftorben als DberlanbeSgeridjtSratf) in Berlin. 


















§n?ci 3ugeni>ev3äf}lungeu oou lüiltibalö Zllejis. 


*05 


liehen, aber bod) auggefd)riebeuen, oft ferner legbaren Sdjriftzügeu, beit 
Titelblättern mit ben üerfdjuorfelten Vuchftaüeu nnb tjübfdjen bunten, auf 
ben Q uh alt ber Erzählungen bezüglichen Tufdjzeichnungen ift für uni non 
unfd)ä|barem SBerthe, zumal ba mir über bie Qugenbjafjre beg Öfter! 
fo menig unterrichtet fittb. Eg lägt ung einen tiefen Vlid in bie (Sebanlein 
unb ^antafiemelt beg fe^etjnjä^rigett Knaben tgim, ber halb barauf bie 
Sdiutanf öerlaffen nnb atg freimitliger Qäger in ben ®amff für ? g Vaten 
taub gictjeit füllte. Sinb bie beiben Sonetten and) feine herüorragenbeit ^unft= 
merfe, fo mirb i^re Veröffentlichung bod) hoffentlich alten greunben beg 
Tid)terg mittfonnnen fein, Qdj gebe ben Tejt genau nach ber fanbfdjcift 
mieber; nur einige offenbare Verfemen habe idj berichtigt, fomie Orthografie 
nnb Qnterfunftion nad) heutigem (Gebrauch geänbert. 

21uf bie biograf ifdje nnb litterarifdje Vebeutung ber beiben Erzäf)* 
tagen näher einzugehen, farm ich wir hier, mo fie im Wortlaut borliegen, 
berfagen. Tag für einen (Sechzehnjährigen h er borragenbe Erzäfflertafent, 
bie für ben ffäteren Schäfer ber baterlänbifdjen Romane bernerfengmerthe 
Verblüffung ber gefcfjicgtlidjen Erunblage mit einer £iebeggefd)td)te, bie 
Vnfä|e zur Eharafteriftif ber Sßerfoneu unb §n einbrudgbollen ftaturfdjil* 
berungen, alles bag mirb jebem Befer ebenfo anffatten, mie bie (Schmähen 
in ber güljrung ber §anblung. 21uch bag in ber Einleitung gum „(Slauoeng* 
farnff" befonberg betonte, bem (Seifte ber Seit entffrechenbe Vemühen, 
grernbmörter möglich ft zu üermeiben, unb bie auf ben ffäteren SMtifer hin* 
bcutenbe Verurteilung feiueg eigenen SBerfeg merbett jebem ber Veadjtung 
merth erfdjeineu. Vefonberg aber möchte ich auf einen Sßunft hinmeifen, 
ber btefen beiben Erzählungen gerabezu eine titterarhiftorifche Vebeutung 
verleiht, nämlich bie Dichtung, bie in ihnen bie Sßhantafie beg jungen Ver* 
fafferg nimmt. Qu bem „Elaubengfamf " fiub eg bie unheimlichen Sguf* 
gepalten, bie Abenteuer beg §elben in ber finfteren, nur bon Oämoncu be* 
lebten diacljt, bei. bereit Sdjilberung ber ^nabe mit befonberem Vefjagen 
oermeilt, in „Vergeltung'' bie gräflichen, efelhaften «Strafen beg Verbrechen 
faareg, bie er mit faft unnatürlicher Sßolluft augmalt. §ier liegt ber Sleint 
Zu bem, mag man in feinen ffateren Erzählungen immer alg Nachahmung 
E. T. 21. ®offmanng be^eidhnet. (Semig ift ber Vlerfaffer ber „Elixiere 
beg Teufelg" nicht ohne Einflug auf 211e£ig gemefen, aber bie Neigung zum 
Vizarrett, Spufhaften, Oämonifdien mar, mie mir an biefen beiben En 
Zählungen fegen, fchon bem fünfzehnjährigen Knaben eigen. Oie grage 
freilich, moher biefe Neigung rührte, ift fdjmerer zn beantmorten. Sicherlich 
nft non ber ruhigen, fanften, immer freunblichen Butter; ob bom Vater, 
miffen mir nicht, ba ung über beffen Eharafter nichtg überliefert ift — 
ber Eharafter glordjeng, feiner Stieffchmefter, fd)eiut nicht barauf hinzu* 
beuten. So müffen mir ung bamit begnügen, bie äugereit Ereigniffe, bie 
bie ^hantafic beg Knaben fo ungünftig beeinflußt haben fönnen, zufantmen* 
juftellen. Qu feinen 2Iufzei<hnungen über bie bon ihm burdjgemaditen 




IHaj <£n>ert in fjannooer. 


\06 



SBreSlauer SBelagerunggtage fagt er einmal*), denn man iput Vorliebe für 
Sftacptftüde beimeffe, fo rüpre bag oielleicpt Don her lebenbigen Erinnerung 
an eine 1 fdjaurige Sftacpt per, bie er in jener Seit erlebte. $lucp bie 
Impricpten Don ben auf biefeg Japr folgenben Sfriegggreueln unb feine 
eigenen Erlcbniffe dftprenb ber Japre 1812/13**) paben auf bag empfang- . 
liebe Eemütp beg Shtaben fidler großen Einbrud gemadjt. £)agu tarnen 
bann nod) bie folgen einer unbedachten nnb regettofen Seftüre. ©aß er 
mit großem Vergnügen DUtterromane unb fHitterbramen lag, diffen dir 
aug feinen eigenen ©peatererinnerungen; bag boxt erdäpnte, etda in fein 
oiergepnteg 3apr fadenbe Ütitterbrama „£ergog Dtpelrid) oon Böhmen"***)' 
ift ja aug ber Seftüre foldper SBerte peroorgegangen. 9?ocp dieptiger aber § 
finb einige gelegentliche SBemerfungen, bie fid) in fritifepen Arbeiten §ärtngg 
oerftreut finben. ©o macht er am 25. gebruar 1834 in bem oon ijbnt 


geleiteten „greimütpigen" gu einem Sluffap über Erziehung nnb gngenb- 


leftüre bie Slnmerfung: ,,©ie Statur ftreute Eiftpflangen neben ben ©eil* 


pflangen unb ping leine Söarnunggtafcl pin, die ber botanifepe (Partner 


©ie ließ bag Sttenfcpengefcpleept, bag fie ergiepen dollte, burep Jnftinft unb 


Erfahrung fing derben. 3 cp patte a 13 tnabe meine p a u t a f i e 
mit ben fepauberpafteften Witterromanen oergiftet, nnb 
doper? —• deil fie mir üerboten daren. üftadjper, alg mir Stileg erlaubt 
dar, pabe icp fie niept mepr angerüprt . . Unb in bemfelben Japre fagt 
er in ben „blättern für litterarifepe Unterhaltung" (Sftr. 44, 13. gebr.) 
bei (Gelegenheit ber 33efprecpnng oon Emerentiug ©cäoolag Lobelie „Slbolar, 
ber SBeiberüeräcpter": ,,©at miep alten Sefer, ber mit bem fRinalbo ge¬ 
boren unb mit ben gdölf fcplagenben Jungfrauen erlogen ift, ber nod) mit 
«Rubolf oon SB erbenberg nnb ben ßödenrittern Xpränen Oergoß unb mit 
©pieß, Eramer, Shatter, Shufe, ©itbebranb groß durbe, ber aber nun auep 
meinte, Stlleg gu diffen, dag in ber SBelt, nämlicp ber ^omandelt paffiren 

fanu.pat miep bod) felbft, fage icp, biefer „Slbolar" fo gefaßt, 

baß id) eine SRacpt niept feplief unb, dag noep mepr fagen ditl, auep 
an einem fd)dülen ©unbgtage bag ^acpmittaggfdjläfcpen oergaß! 

Söie fepr feine ^pantafie burd) folcpe grobe, rope unb oft lüfterne 
Sitteratur oergiftet durbe, baoon legt befonberg bie gdeite ber Oorliegenben 
Ergäplitngen gengniß ab 


j 




•f 


*) ©.6 ber im Oorigen gapre bon mir neu perauggegebenen „Sebengerinnerungen" 
beg ©iepterg. 

**) „Erinnerungen" 6. 29 — 53 . 

***) „Erinnerungen" ©. 324—326. 














gtrei 3 ngettber 3 äfiluttgen ron rDilltbalb 21le$is. 


(07 


aplaiitien^fianijjf. 

<£ine (EtjäCjIurtg aus ben neueren feiten. 

Port Slilbßlm P)aeritig. 

(£t]rfurdjtst)oIt geipibmct meinem ^reunbe GEtmarb Cnbölff. 



Berlin. JTiihaelis. \ 8 \^. 

Vormort. 

h befdjtofe biefen föerbft, ber mir ferner fftaufjeit megen bagu fo einlabenb fdjien, einmal 
mieber 31t fhreibett nnb 31t berfuhen, ob ich es nidjt verlernt batte. So en U 
ftanb btefe Heine ©rgäfelung, bie id) 3 )ir mit beut SBunfhe, bafe fie $tr nicht 
gan 3 mtfefallen möge, mibme. Sie ift aber garnidjt nach meiner ©rmartung ausgefallen. 
Sie füllte in gebrängter ^ixr^e gefchrieben fein unb ift beim Schreiben meitfhmeifig nnb 
lang gemorben. — Sh toeife nidjt, Ino ran es liegt, fie ift nicht nach meinem SSunfdje 
ausgefallen. — 

Sobiel e§ mir möglich toar, höbe id) mir V?übe gegeben, frentbe SBörter 3U Der« 
meiben. ©ani, um manches nicht gar 31t bolberig 3U machen, habe id) fie nicht bertilgen 
fönnen; ba ich megen ber Sänge ber (Stählung nnb bem VSunfdje, fie ®ir balb 3n iiber= 
geben, fie nicht genau mehr habe burdjlefen fönnen, mögen manche fehler beim Slbfchreiben 
fi<h eingefdhlid)en haben, bie id) bei ber SDurhlefung auSsnrotten bitte. — Sh fing bie 
©ef<hid)te mit Slnfang Septembers an nnb beenbete fie beit 3 . Dfiober. SSon ba au bis 
iej$t fchtieb ich fie ab. 

®er SSerf affer. 

Berlin, am 12 . beS DftoberS 1814 . 


<5Iaubertsfampf. 

I. 

$er ftürmifhe §erbft tobte braufeen. Stuf ben Mähern faitfte ber SStnb, rollte 
Steine herab, unb baS melfenbe Halt ber Vaunte fiel bom heftigen ®range 3ur ©rbe. 
®er Jgimmel mar mit ftetem g-infter bebedt, unb fein Sottnenblicf erhellte ben Vlafe. 

SDa fafe mohlehrbar in feftlihem SonntagSfleibe, mohlgefteiftern Spifeenfragen unb 
glatt gelammten paaren fUteifter Vernharb, ber Vatf)§fhteiber bon ©emünben, unb las 
gar eifrig in alten ^eiligenfagen, mie er bentt immer frommen ©emiitheS mar; bor ihm 
ftanb ein Srugiftg, mtb au ber SSattb hing baS Söilb ber heiligen Vtutter Viaria. 3 a 
ber that er beim oft mit gefalteten Rauben ein Stofegebet, bafe fie bod) ja feinen Sinn, 
fo biel mie’S möglich, bon ben irbifhen Gingen abmenbett möge unb ihn in ber berberbten 
3 eit boit fefeerifcfeem Strglaubeit rein erhalte; benn er mar eifrig ber alten Sehre gu= 
getban unb grämte fih tief im fersen, bafe fo biete ber Bürger bon ©emihtben SuifeerS 
ftefeerthume gefolgt. SDarum betete er leben Slbenb 31t allen ^eiligen, fie möchten bod) 
bie berirrten Schafe 31m alten Kirche mieberführeit, bie bie Verlorenen mit aller fyreube 
empfinge. Sein fromm unb einfältig ©ernüth fouute garitiht begreifen, mie irgenb einer 
je fih bon ben lieben ^eiligen abgemenbet haben fönne, bie bod) fo freunbtich mären, unb 
31t benen jeglid) bebrängteS §er3 um §ilfe flehen förnte. — ©r fuhte auch burd) feilte 
frommen Vebett feine abgefallenen Vefannten gur Vüdfepr 31t ermuntern; bod) ba fie ihn 
üerhöhttten unb bielmehr auf ihre Seite 3U sielten ftrebteu, härmte er fih fefer unb blieb 
jeglid)er 3 eit, menn er bom Vatpe fam mtb feine Arbeiten beenbet, in feiner Seite bei ben 
Vithern einfam berfdjloffen, ftatt bafe anbre nah mohlbollbrahtem Sagemerf im DtathS* 









IHaj Srnert tn fjannooer. 


^08 

feder traulich bet fröhlichen ©efprädjen ber 2öein= unb 23ierfanne gufpradjen. ©r batte 
foitft aud) moht bie ©etage befuc^t, bocf) fürchtete er jeßt immer in feinem füllen Sinn 
ber ©enoffen Uebermutf) unb ber grebler fBerfpottung feines heiligen (SotteSgtaubenS. — 
Sa faß er beim in feiner 3?de bor bem grün behattgenen Sifdje unb las eifrig in beit 
Legeitben, btidte aud) mofjl berftohten pineileit burd) bie bunten runben ^enfterfdieiben 
hinauf nach bem fünfter grabiiber unb lugte, ob bort nicht ein fUtdgblein fäße, bie er 
gans hergttc^ liebte. 

Katharina mar beS mohMjrfamen 23ürgerS unb S3üchfeumeifterS bon ©emünben 
einzig SBdjterlein, fein fittig aufergogen bom echt Iutherifd)en 23ater, ber mit ebenfotdfer 
(Strenge auf feinen ©tauben hielt als 23ernßarb ber dfatbSfchreiber. ©r mar ein au* 
gefehener 2Jtann ber Stabt ©emünben unb baS #aupt feiner ©laubenSpartei. Oft hatte 
er im Diathe bie Sache ber Seinen gegen bie dtömifcfcfatholifchen macfer bertheibigt, uitb 
als eS gar einmal burd) ber ^riefter Stufreben im friebtichen Stäbttein gum blutigen 
Kampfe ber beiben Parteien gefommen, hatte er fo mit bem Sdjmerte in ber £aitb 
feinen Luther unb feine Meinung berfochten, baß bie f athotifen immer ben bürgeren 
gezogen unb fetten mehr ben Streit begannen, ob bod) gleich beS dtattjeS Dberfter unb 
bie meiden dtathSmänner ihres ©taubenS maren. 3mar hatte feine Partei biet gelitten 
unb manche Freiheiten burd) bie fiegenben faifertidjen bertoren; fa, maren ihrer nicht su 
biel gemefen, märe fie moht einft gans unterbrüdt morben; hoch als ber fühne ©uftab 
aus bem rauhen dtorben tarn, ba erhob er fein £aubt mieber unb froßlodte über ben 
Sieg ber ©erechten; ba mußten bie fatholifdjeit Stäbter meichen, unb ©emitttben mar 
atS echt tutherifdje Stabt angufehen. Seinen Sohn ©ottfdjalf, einen friegSrüftigeit Kämpen, 
hatte er bod hoher Freitbe 3 U ber Schmebeit §eer gefdjidt, mo ber als geübter 23üd)fen= 
fdjüfee moht angefehen mar. 

SeS alten Martin Södjterlein nun mar Katharina, nadj beS frommen Luthers 
©hemeibe atfo benannt. Sie liebte ber 3tath§fdjreiber bon ©emünben, üDteifter 23ernt)arb, 
faft feinen Zeitigen gteid), beim fie mar gar fd)ön unb fittig aufermachfen, unb moht 
mattier Süngliug bon ©emünben fetmte fid) nach ihrem SSefifc. Sod) ach! unüberfteig* 
tidje ^inberniffe ftattben bem guten Schreiber im SSege. SeS 23aterS Slnfeljit, beS 23aterS 
Verbot märe 31 t übermäßigen gemefen; bie 3 eü hätte ihm ben 2 Seg gebahnt. Slber ein 
unüberfteigticherer F e t§ hemmte fegtich Fortfdjreiten. Sein dftägbleitt, feine ^ergenSgetiebte 
mar eine f eßerin, mie ihr Skater. 3a, in ihr mar noch biet ärger ber 3rrgtauben ein* 
gegraben: fie berarfjtete feine Zeitigen, fie betete nicht p feiner geliebten 2 Jhttter 2 Raria, 
fie berfd)mät)te fie. 3hr mußten emig beS §immets Pforten berfdjtoffen bleiben. ©r, 
ber fromme, gläubige ©fjrift, hätte lieber fein eigen Sötut bergoffett, beim ein SSeib 3 ur 
Lebensgefährtin genommen, ber er fluchen mußte, bie tief unter ihm ftanb, bie nicht in 
jenes Leben ihn begleiten fonnte. Sarüber härmte er fid) fet)r, unb manche 3ähre entfloß 
feinen SSaugen, menn er eittfam in feiner 3ede faß. 

©S mar ein rauher Sag beS föerbfteS, ein Sonntag, als er lefenb am attbäterlidfen 
Sifdje faß. ©in mächtiger Sag für bie Bürger bon ©emünben: Jgeut mar bie dtad)* 
rid)t beS Sieges ber Scßmeben bet Lüßeit gefommen! Sie ©bangelifd)en frohtodten — 
benn unbefannt noch mar beS Sieges großer $reiS — itub in bem fdjited berufenen 
dtatße hatten bie fathotifchen faunt ben SJinnb öffnen bürfen. Sie Lutheraner rotteten 
fid) gufammen, um am Stbeube, bereint in beit ©etagen, ihr frohes §ers auSsufdjütteu. 

©ine Schaar froher 3ed)britber 30 g bei S3ernharbS fyenfter borbei unb höhnte ben 
Sraurigeit burd) fpottenbe 3 e id)eit nitb mtehernbeS Lad)en. Sie fannteit ihn Stile, maren 
einft feine ©enoffen, aber ber k eßerglaube hatte fie bon ihm geriffen — baS betrübte ihn 
fehr! ©r badite: „O ihr ©otttofeu, habt ihr au eurem eigenen 23erberben nicht genug? 
Söodt ihr and) beit Frommen ttod) betführen?- heilige .^ebmig, mie änbern fid) bie 
3eiten! SCIS bie Und)riften, bie Sartaren iit’S Laub fielen, griff StUeS 31 t beit SBaffen 
unb ließ fid) für feinen ©tauben fdjladjten; jeßt aber fiitb fie freubig über ber Uncßriften- 
Sieg, berfpotten bie ©läubigett!" — ©r maubte fid) mieber 311 m 23ud) unb fdjltig bie Sage 





- gtoei 3 ut 3 cn ‘ :)cr 3^^ un 3 cu 1,0,1 H^tlltbalb Ulcjis.- \09 

ooit ber Zeitigen £>ebtoig auf. föelte Spränen floffeit. ©r badjte: „2Benn Seine Katharina 
eine £>ebtoig toüre; toenn fie, ftatt im Unglauben ertrunfen gu fein, ihr Sebeit für beit 
©tauben tiefte!" Samt blidte er toieber gum gfenfter hinaus, fepnfücptig, ob bie ©etiebte 
fiep nicpt geige. Sa er aber lange fruchtlos pingefepen, fdjämte er fid) ltitb febjrte reuig 
p beit Schriften gurüd, Vergebung ooit ber Butter 9)iaria flepenb, baft toieber fein 
Sradjten uad) irbifdjen Singen gehe. Stber ba§ l^alf itidjts — halb fah er toieber hinaus, 
unb erblidte er Katharinen, toar er fo leicht nicht Dom (Schauen gurüdgubringen. ©S 
entftanb ein Kampf in feinem 3nnern. Seine ©efühte tpeitten fid) gtoifdjen Semuth, 
©taube unb Siebe. Samt flehte er mit gefalteten Rauben, bie ^eiligen möditen fein 
©ebet erhören, möd)ten aus Katharinen ben böfeit ©eift oertreiben, mödjten Sift in ihrem 
bergen faffen unb fie befepreit. 2tdj, toemt er baS badete, freute er fich herginniglid)! — 

Sa faft er toohl eine Stunbe unb träumte fo. ©S fd)toebten üor feinem ©efidjte 
Martins ^od)ter unb ber ©taube. S3alb rief eS ihn ooit ber einen, batb ooit ber aitbern 
Seite, ©r hätte fo gerne JöeibeS Oereint, aber eS getang ihm nicht. — SSüprenb er noch 
fo fiitnenb bafaft, tönte unb toedte ihn ein ©eräufd) auf ber ©affe, ©in $ng beraufcpter 
Sßroteftanten gog unter ^adetfdjein bei feinem fünfter oorbei unb fang Sdjmählieber auf 
feine Sttterheiligfte, auf feine gefegnete Butter ©otteS — Jga! SaS toar für ben frommen 
23ernfjarb gu oiet! ©r tonnte fich nicht mehr hatten, er rift baS f^enfter auf unb fdprie 
ben ©üben p: „3h* ©otteStafterer! Se§ §immets f^luch möge über euch fontmen, 
über eure oerbammteu §üupter uttb möge bis in'S gehnte ©lieb gegen euch toüthen, 
ihr —" 

Sie benebelten 3edjbrüber liefen ihn nicht auSreben; ein Steinhagel aus ihren 
§änben ftog gegen beS Zehners Kopf, tötutenb, betäubt fanf er gu S3obeit. — ©in Wiener 
trug ben Sinnlofen auf fein Säger, unb ber raufdjenbe 3ug entfernte fich, gufrieben mit 
ber Strafe beS $rebigerS. — 


II. 

Sie Spurmgtode Perfüitbete bte gtoölfte Stunbe. Sitter Sarm im Stäbtchen toar 
beenbet. 3eglid) 2tuge genoft beS Schlafs, ermübet Pon ber Oder beS SageS. Sind) 
©ernparb tag fd)tummernb im buntten ©emadhe, nod) nicht ertoacht ooit ber Betäubung. 
SSertoorrene Silber umgaufelten fein Singe im Sraunte. Sa erhoben fid) ptöftlidj fanfte, 
melobtfdje Sone in toeiter $erne unb näherten fid). Ser Sdjläfer ertoad)te unb horste. 
SJlit ben Sonen gugleid) perbreitete fid) ein mitber ©lang über baS 3itotner unb erleuchtete, 
je ftürfer bie Söne brangen, je heiter bie 3eüe. ©S tönte lieblich in feinen Spreu. Sitte 
©efühte toaren gefpannt. Sa ftang’S, als ob an brei filberne ©loden gugteicp gefchtagen 
toürbe, unb mit beS Klanges Sonen fianb, Pon himmtifdjem Sichtgtang übergoffen, mit 
holbent Sächetn bie SJintter ©otteS, angetpan mit aller ihrer ^errticpfeit Por ihm. — 
Ser fromme ftaunte, feine SebenSgeifter toaren ertoedt, feine Seele aufgeregt; bocp fonnte 
er fid) nidjt rühren, fonnte feine Sippen nicht betoegen. ©r toar Pom 3anber gefeffett. 
Sie §immtifd)e fdjaute tpu tauge an; enbltcp begann fie atfo gu fprecheit: (Ad quem sic 

roseo - -w w ore locuta est. Virg. Aen. IX, 5.) „ÜSernharb, eS nahet Seiner SBünfcpe 

3iet- Sein einig Seien hätte Sir nicht ben tpätigen Seiftanb ber ^eiligen oerfdjafft, 
aber Sn palt auch fromm unb gläubig in ber Spat an Seiner Zeitigen gehalten, paft 
fie Pertpeibigt, bift im ©tauben ein TOrtprer getoorben. SaS fott betopnt toerben, barum 
bin icp perabgeeitt, habe ben pimmtifcpen SSobnfifc Pertaffen, Sir ben 2öeg gu Seinem 
©li'td gu üerfünbeit. £>ordj an! f^otge ber Sßeifuugl Sein Sftäbcpen, baS Sn tiebft, 
toirb ioie 3eber, ber bem Unglauben folgt, Pott einem böfeit ©eifte beperrfcpt. So lange 
ber im üFieitfcpen perrfdpt, fault er nidjt belehrt toerben; brum ringe mit ipnt, uttb befiegft 
Su ipn, fiept ihre Seele in Seiner 2ftacpt; Sn fannft fie toeitben, toopin Sn toitlft. 
5tber fcptoer ift ber Kampf, S3iele finb fcpon barin erlegen. —• SSernimtn ieftt febeS meiner 
Sßorte, ioie Sn gum ©eifte getangft, toie Su ringen rnuftt, toaS Su gu fürchten. 
Sdjreiteft Su ben riefetnben 23acp, ber auf ber ©ergpöpe entfpringt, norbtoärts entlang 



UO 


IUaj (£mert in ffannooer. 


unb getangft Su burd) grüne fyturen pm Men, mo baS Saffer fiep bricht uttb im ge= 
madigen Salle herabftürgt, fo Mt ®u rechte einen fchmaten Sufepfab, halb burd) bicfe 
Sangermätber, halb burd) fape gfetsfpriinge fid) minbenb. Senn Su ben smei Stunben 
berfotgft, erpebt fiep eine fdjroffe ^elSmanb bor deinen klugen, Wenigen befannt, unb ein 
fcptängelnber Meg führet pr ftöp’. Sort auf ber Spifee ift ein alt ©emauer, einft bofer 
Dritter Sife. Sn ihm, beut längft berrucpten, häuft ber ©eift, ben Su 3 « itberminben I 
fudjen raufet, bod) mepe bem Sterblichen, ber ohne bintmlifcbeu Beiftanb mit il)tn p 
ringen magte — er märe bertoren! Mt ©ebet, feine Macht tonnte tpu erlöfen. Sodj 
bem mit magifd)em unb gemähtem Sranfe ©efatbten mufe er meicpen. Sen bereite Sir || 
mit ber funbigen £ilfe, unb bemapre Sich mit anbern gläubigen Mitteln; bann fei getroft; 
tafe Sich nicht fdjreden beS geinbeS Srugbitber! £üte Sich, bafe fein MiS ber bom 
Unglauben Befeffenen Sich umringe, baS bringt unabmenbbar Berberben! $elt Sir unb I 

Seinem SBerfe!" — t * 

@o fprad) bie ^eilige unb entfcpmanb ben Bugen beS ftannenben Sterbltcpen. Ser 


« 


ßid)tglan 3 erlofcp, bie Söne berpallten. — 


III. 


6 d)on erleuchteten bie Strahlen ber Sonne bie Sbürme unb ©iebel ber Raufer bon 
©emünbett. Sn beit ©emerfeit arbeitete ber frohe Bürger, auf bem Marfte fammelten 
fid) bie Sanbleute mit ber feilen SSaare, unb Käufer fab man oon adert Seiten pftrömen. 
Sluch bie rüftige £auSfrau hatte fid) eben erhoben unb fdjaftete nach ber SSeife im §au]| K 
ben Mägben gebietenb, adeS anorbuenb. Sod) im §aufe grabüber beS alten Martin 
Biertinger, beS BücpfenmeifterS, Bßobnung mar’S gans ftid, ba bod) fonft ber Bemopner 
mit ber lieben Sonne pgleid) aus bem Bette %\x fteigen pflegte. Srob munberte fid) ber 
alte Martin unb tonnt* eS nicht faffen, toarum benn grab beute ber fonft fo genaue, 
rüftige BatpSfchreiber miber feine ©emohnpeit fo lange ber Bube Pflege, ©üblich nach 
langem Sinnen fd)ob er’S bem geftrigen Berger §u, ben Setter erfahren, unb begab fiel) 
ruhig pr Brbeit. Bidpt fo bie Socpter; bie mufete fid) lange am Seufter gefepäftig p 
machen unb lief nad) einer Sad)e, bte fie bem Bater bringen foUte, fein unb her unb 
fonnte fie nidit finben, ob fie bod) gleich bicht bor ihr lag. ©nblidi, als brüben in beS 
Bath§fd)reiberS Mopnung baS Senfter fid) öffnete, fab fie baS Berlangte unb fonnte fidh 
nicht genug bertonnbern, marunt fie eS nicht fdjon früher gefunben. 

Bernbarb ermaepte erft fpat am borgen. Sie liebe Sonne fdjien freunbtid) burd) 
bie bunten Scheiben unb beleuchtete fein Bett, es mar ihm recht mopl 31 t Mutpe. Seine 
©efiible fonnte er felbft nicht befchreiben. Bm Körper fühlte er fid) geftärft, aufpftehen, 
inbem feine topfmunbe, mie gan* gepeilt, nicht im ©eringften mehr fepmerate. Se§ 
geftrigen SageS Begebenheit, bie ©rfheinung ber Bacpt, BdeS ftanb flar bor feiner Seele, 
unb er entbrannte bor innigem Sanfe gegen bie Sroftgeberin. ©r fniete bor feinem 
Bltar nieber, über melcpetn ihr Bitbnife hing, unb noch nie mar ein fold) perslid) ©ebet 
bon feinen Sippen geftoffen, als baS jefeige. Sreubetrunfen überbaute er nun, mag er 
31 t tpun, unb ermog ber ^eiligen Sorte. Sa öffnete er baS Softer unb . modte bie 
frifche Morgenluft geniefeen; bod) ein perrlidjerer ©enufe marb ihm p Speit: brüben 
jap er bie, bereu Bitb etoig feiner Seele borfepmebte. 3^ar berfepmanb fie halb mieber, 
bod) marb er baburep bon Beuern aufgeregt, bie Busführung feines liebften BlaneS W 

überbenfen. — J 

Unfern ber Stabt, in einem einfam fhaurigen Spale, mopnte feit bieten Sapren 
ein Mann, bon beffen SeiSpeit unb ^unbe in geheimen fünften iegtid)er Bemopner ber 
Stabt 31 t ersäplen mufete. Sebem, ber bon ipnt Batp berlangte, gab er ipn midig. 
Surd) feine gepeimuifeboden Mittet unb bunften Sprüche patte er fdjott manchen Traufen 
genefen, mand)en ©inmetfenben bom Sobe gerettet — ja, ©inige fagten, er habe noch mehr 
getpan. Su baS Snnerfte feiner ptte mar noch Btemanb eingebrungen. Bur aufeerpalb 
empfing er bie 311 ipm Sadenben. Sie fanben ipn aber and) fetten bapeim, er mar ge*. 
möpnlih aus unb fudpte Muter, Sursein, M 00 S unb anber magifcp 3eng, baS i 














- §tt>ßt 3 ugeti&er 3 äf}Iungett oon tDillibalb Hlejts. - \U 

§anb beg totbigen gemaltige Oinge ^eröorBrtttgt. 3nr fftadjtseit traute fich fftientanb, 
31 t if)m fiu fommett; ba mar eg 2 lden m fdjaurig. Sa, ©intge, bte im Stbenbbuufel bei 
ber ©egenb öorbeigefommeit, erzählten gar paarige Oinge, bte fte gefeljen. Schmarre ©e= 
ftalten, halb groft, halb fleht, fcheufifidje Oljiere batten fich ihnen itt beit 2Seg geftettt ltnb 
,mären erft laitgfant itadf) breimal gemachtem breiige geiuidjert. SSibrig fdjadenbeg ©e= 
lädjter hätte mit toiteitbem SBebflageit gemedjfelt. Srrlidjter hätten fie Dom SÖege ab- 
geführt unb in Sümpfe ititb grnnblofen 23obeit geleitet. Salfdjeg ©locfettgetöit hätte fte 
in Ort unb Stunbe getänfd)t, ja, fte hätten ©ott gehäuft, menn fte gefunb unb mahl 
bent Oeitfelgueftc entfontmeit. — Sn biefent nun, ben Seöer ehrte, ben Seber fdjeute, beit 
bie teilte gemöljnlid) nur beit meifen Mugner nannten, befcfjloü $ernl)arb, ber 9 tath§* 
fdjreiber, 31 t gehen. Shm, ber fdjon oft ihm geraden, ihm modte er fein ^er* öffnen, 
feine himntlifdje ©rfdjeiituug entbedeit unb Dtath, Oroft >uitb £ilfe 311 m beginnen etn= 
holen — ber deinen ratl)Iog bott fich lieh, ber fonnt’ auch ihn nidjt ratljlog hetmfdjicfeit. 
So baebte 23ernf)arb unb modte, trenn er ben fftadjinittag bom Uiatbe gefommeit, feinen 
3Seg sunt tbeifen Sftamt antreteit. ©r fcheute nicht bag Ouitfel ber diadjt, er mar freubig 
begeiftert. Seine Sache mar ja and) bie Sache ber ^eiligen, mie fonnte ihm ba ein Hebel 
geichebn? Sreubig, tljätig begann er beg Sageg ©efdjäfte, fobafj feine ©enoffeit fidj nicht 
genug munbern fomtteu, mie er, ber emig Oraiternbe, ber emig Stide, nadj ber geftern 
erfahrnen Seleibigung ^ente fo froh bei ber Arbeit fei. — 

IV. 

) 

Sfein Sternchen leuchtete am §immel, 28olfeit berbargeit ben einzigen ©rljedcr ber 
fdadjt, ben filbernett üdoitb, alg 23erttharb auf ber fütitte beg SSegeg 311 m tougner auf 
fdjtitalem f^Sfabe 3 trifchen gähueitbeu Slbgrüitbett unb jähen Seifen, an benett faum 
kümmerlich bitrreg ©eftrüpp aufmuchg, einherfchritt. Sithlbar fchlug ihm fein §er 3 . 
SSohin modt’ er? ©in f^efjttritt ftürgt ihn in bie Oiefe hinab, er ift uitmieberbringlidj 
Verloren, unb hoch faitn er nur tappen, nidjt feheit feinen 2öeg! ©ine fdjrecflidje Sage, 
bodh ©laubeitgmuth fiegt. ©litcflid) erreicht er eine ihm mofjlbefattitte Stede beg SSegeg, 
mo in Stein, imit frommer §anb gehauen, bag 23ilb ber ddutter ©otteg fteht. $or bem 
mirft er gläubig fich nieber, betet lange unb ergießet fein £>er 3 . Oie gitäbige ddutter 
erhörte ihn unb begabte ihn bon feuern mit fdtutfj unb Stärfe. 0frifd) gerüftet felgte 
er ben 2öeg fort unb befiegte alle §inbentiffe. — Schon führte ber $fab ihn bergab iit’g 
Sljal, ba bliefte plößlidj ber ddonb pedglängenb burdj bte Söolfett unb erleuchtete magifch 
bie gan 3 e ©egeitb. 23erttharb fdjaute umher, ang bem Ouitfel beg SBalbeg fdjritt langfant 
■eine fdjmar^e ©eftalt auf bag fjede S^b. Oent Säuglinge marb unheimlich, Stoch 
zögerte er, mag er ihun, ob er borfchreitett ober bleiben fode, alg ber ddonb mieberum 
üerfdjmaitb unb bag borige Ottufel eintrat, ©r ftarrte unb mu&te nidjt, ob ihm ber 
VBedjfel ermüttfdjt ober unlieb fei. Oamt aber fafcte er mieber fDtuth, fdjlug breimal oor 
ber S3ruft ein tous unb fdjritt 311 m Orte, mo beg Mttgnerg Strobbadj ftanb. Oodj ba 
er taum einige Sdjritte meiter gegangen, bradj 3 um streiten fötale ber ddoitb h^rbor, unb 
Sernharb fah bidjt bor fich bie Sdjredgeftalt fiehenb. ©r bliefte fie an unb erfannte in 
ihr ben ©efndjten. Oie Söorte ftarrten ihm auf ber 3ttnge. ©r fonnte feinen Saut 
herborbringeit, ob er hoch fdjon Sldeg borher bebadit, mie er ben Mugner anreben mode, 
aber bag graufe erliche beg Ortg, ber Seit fdjrecfte ihn. Slttdj hatte er noch nie fo, 
in bon £yellen munberlidj bereitetem bleibe, mit meinen ©ürteln unb geheimnifebodeit 
Seichen, barfufe ben meifen ddamt gefeheit. Sluch märe er itodh lange nicht 31 t ^Sorten 
gefommeit, hätte biefer ihn nicht mit buntpfer Stimme aitgerebet: 

„2Soher fo fpät noch in ber fftadjt? S?ein Sterblicher magt um btefe Seit fich P 
mir. Ou mufet ein grofe SXitliegeit haben, $Sentharb! M 

Oiefeit medte bte Slttrebe mieber aug feinem Sdjredeit. ©r antmortete: „Sa mohl, 
ein groß Slnliegett, meifer fdtanit, treibt mich 31 t Oir, unb fobafb mohl mirb deiner iit 
ber Sadje 31 t Oir fommeit, iit ber ich Oid) um Dtatlj befragen miß." 
ftorb unb @itb. IC. 295. 


8 






\\2 


Was Smert ttt Ejannooer. 


„$u fefeeft midj in ©rftaunen! Sprich! 28o id) Sir Reifen fann, ba fei eS gern 
getfjan; benn Su bift frommen ©emütheS unb feaffeft ben Unglauben, gegen ben aud) id), 
nur anberS, fampfe." 

SBernfearb ergablte iefet feine Siebe gu tatbarinen, feine $tnberniffe, fein einig 23eten, 
bie ©rfcfeeinung ber Butter Hiaria unb ihre Hebe. Samt inanbte er ficb gum SHäuSner, 
ber tnäbrenb ber ©rgäbUmg mit gefalteten Rauben fortbanernb auf ben Söobett gefehen, 
unb bat ibn, bafe er ibm bei feinem großen, gottgefälligen Unternebmen b^tfe, ibm bie 
3)Uttel geige unb fo rnitmirfe am erhabenen SSerfe. Ser SHäuSner fdjmieg eine Beile;! 
bann begann er mit $euer alfo 311 m Jüngling: ] 

„O Su ©efegneter, Su ^immelSgeliefeter, bem bie ^eiligen moblmollen! 2Ber 
iuottte nicht ad feine trafte geben, Sein fromm Berf 31 t unterftüßen! .SaS ift bie J 
$flid)t febioebeS ^Rechtgläubigen, üielmebr aber bie meine. Su fennft nicht mein ge= 
beimeS Sreibeu, mein ftiEeS SSirfen, fonft bdtteft Sn mich tiidjt gebeten; benn mein 
ganges Sehen ift ja baS, toaS Sn jefet tbuu miUft, ein einig Gingen mit bem SBöJen. 
Sie Statur bient mir gur Igilfe nebft ihren nerborgenen träften; bieg ift meine einzige 
(Stühe. Hd), 3 U oft aber nur geiniunt ber $einb bie Oberbanb, unb er ft fehl ift eS ifjnt 
gelungen, ben Unglauben unter ben Eftenfcfeen aitSgufäen, unb td) habe einen fdjioeren 
Staub. Sa ift mir feglidje Jgilfe tnittfommen, 3eglicfeer, ber baS b e ^0 e HSerf unternehmen 
initt, ber fid) rüftet, ben ©eifteSfampf 31 t beginnen. Heb, aber Benige ftnb noch fo fromm. 
Sie ftnb HEe beftridt, HEe oerfübrt. Srum fei, o.Su Seglüdter, bem bie grofee ^eilige 
beS Rimmels felber hilft, fei nielfad) mir inittfommenf Safe ttuS öereint ftretten, mtb 
lafe Sich nicht ber Hrbeit ©röfee fepreden!" _ 

föernfearb ftanb je&t beutlicb ber grofee ißeruf beS Beifen bor ber Seele; fefet fonnte 
er fid) erklären aE bie graufett ©rfdhetnungen, bie bie 23orübergebenben gefepen. ©S traten 
bie ©elfter unb Uitfeolbe, mit betten jener fämpfte. — Srauf reichte er bem Bädjtigenbie 
§aub gur Vereinung, unb 23eibe fnieten nteber, gum Jgöcpften 3 U beten. Sa flog raufchenb 
über ihren Häuptern eine Schaar Hadjtoögel, mit mibrigetn ©eheul unb ^lügelfcplage. 
föernparb fuhr auf, bod) ber Hlte ermunterte ihn tnteber unb fpraep: i 

„Safe Sich nid)t fdjreden beS SeufelS Hnfecptungen. ©S ift nur eitel Hugentrug, 
gefahrlos bem ©rprüften. Heb, glüdtid) ift ber, ben nur ©rfebeittungen bott anfeen 
fdjreden, bie aEe treibt beS SbreugeS £3ilb piumeg. Sn benen aber ber Seufel non innen 
geniftet, ba ift er fdjtoer auSgutreiben." 

Hadjbem fie fid& burch ©ebet geftarft, fefeten fie fid) im 9RottbeSlid)t nieber, unb 
ber Klausner unterrichtete ben Süngling, tnie er ben ©eift beroorloden follte aitS feiner 
Sehattfung, tnie er mit bem ^reuge gegen ihn fämpfen, trelcpe Borte er auSiprecpeti, 
tneldje Stellung er einnehmen ntitffe. Sann fmfe er ihnt nach neun Sagen miebergu 
ihm gurüdgufehren, in melcper 3^it er ihm ben SalbungStrauf unb anbere fräftige üJtittel 
bereiten mofle, bamit er bann geftärft burd) ber Hatur getnaltige Strafte, burch feine 
Sehren unb ^rieftermeihe, gum heiltgften Streite gerüfiet, non ihm sieben folle. 
trennten fie fid). Sernparb lehrte freubig gur Stabt gurüd. — ^ ; 

V. i 

föernparb !am eines Sonntags aus ber Kirche. Hod) fcbaEten in feinem Ohre bie 
©efänge ber frommen ©haften. Oein §erg, ad)! backte fefet nicht an ©efänge, eS trat' 
gar febr mit irbifdjeit ©ebaitfen befdjäftigt; es mifd)ten fid) gtnar gulneilett auch fleift ge 
breht, bod) jene behielten heut immer bie Oberbanb. Sa ging er, faft gang ohne gu 
iniffen, tno, in feinen Rauben mit bem ©efangbuefee fpielenb, burd) bie ©affe einher, 
fßlöfelid) härte er eine tooblhefannte Stimme, ©r blidte um fid) unb fah, bafe er üor 
bem ©arten Hteifter fßiertingerS, beS iöüdhfenmetfterS, tnar. ©r fchaute bod) auf unb 
lonnte nicht begreifen, toie er fid) fo berirret, benn beffen ©arten toar toeit bon feiner 
SBohnung entlegen; bod) toar’S ihm garnicht ungenehm, er fonnte fiefe bielmehr nicht^ er* 
ioehrett, ftehn gu bleiben unb burch ben 3aun gu fdjauen. Sa fah er benn feine liehe 




- groet 3ugenber3ät}Iungen r»ott rOtlltbalb Zllejis. _ \\$ 

Katharina tritt {prent Leiter ititb etlitftt Befanttten tu etttettt leb^tctftetx (Sefbrtidtjc be= 

griffen. 

W vja, ia, fprnd) bet alte Martin. „Seht, fo (Sott totCC, müffeit iotr halb Getiten 
i trüber toteberfebeit, beim er ftreibt: ,Hat ber näcpften gemonneuen ©d)latt fattn nitt§ 
uu§ miberftepen. Huf unferm Bege bis ©emünbeu finb feine SMferlicfjen mehr, unb 
bann fooEen iotr alle SMpoliften auSrotten, ber lutberifrfje (Staube afleiu foE perrften. 
*3$ merbe and) einen ftöuen proteftantiftm Bräutigam meinem ©djlbefterleiu mitbringen i 
’§ ift mein fjreunb, ber mött’S SRäbet nat ber Beitreibung, bie id) ihm üon ihr ge= 
matt, gern haben. ©in maefrer Burft, tapfer im Kampfe, fromm bapeim, rett für 
bte SJatparine gefdjaffeit'. 3a, Babel, fott ’nem geb it Sidj beu Hugenblicf, fe eper, je 
lieber, fott ’nem ruftigen ©lauB'enSfämpen. Balb mu& er nun hier fein, benn eine 
[ ©ttatt ift gewonnen, unb fein faiferlkp £eer fiept im Bege nat ©emimben." 

Berttparb gitterte, für beit ©tauben, für bie Siebe. 

Katharina aber fttoieg, trennte fit niebergefttagenen BlicfeS bon ber ©efeEftaft 
unb fam bid)t bor bem porter borbei. HEe feine Jgör» unb ©epfräfte mären gefpannt 
— er hiett feinen Htpem an, um nitt berratheit zu merben — jept fam fie borbei. ©r 
1 M i eine Snniggeliebte bon Hapern, fap in ihren Hugeu — Spränen unb hörte bon 
ihrem fdjöuen Stabe ben Hamen — Bernharb nennen. SaS entgücfte ihn fo — er 
fonnte fit faum mehr halten, bafe er nitt taut aufgeftrieen hätte: „Su tiebft mit 
alfo, Katharina!" ©anj außer fid) bor $reuben tief er nat £aufe, 3 e£t mär' ihm 
• nidjfS 31 t fditoer getbefen, HlleS hält’ er getbagt, iegiidje Beftmerbe ertragen, um näher 
bem Befifce feiner ©etiebten zu fommen. 

| VI. 

| Ser berpängnifmoEe neunte Sag mar herangerüeft. BernparbS £erz ftopfte füpl= 
bar biefen Sag pinburd); heftiger am Hbenbe. Hot einmal grüßte er am fjeufter bie 
tiebtite ©eftalt brüben, bann matte er fit auf pm harten (Sange, ©r fonnte baS 
Bittern nitt unterbrüefen, als er zum §aufe pinauStrat. Süfter fcptoeigenb ging er bie 
Strafen entlang. Hett mit feiner ©tmermutp parmonirte*) eine Srauermufif, bie er 
bon ferne hörte, ©r matte aus feinen träumen auf. ©in fttoarzer ßeitenpg fam 
ihm entgegen, ein Bürger bott ©emünben marb p ©rabe getragen. Sie langen 
ftmar^en Heipen ber Seibtragenben ftienen ihm rette Begleiter 31 t feinem großen Berfe. 
©r fttofe fit an fie an unb gelangte fo p beu Sporen hinaus. — Huf ber Briicfe, bie 
über ben breiten ©tabtgraben führte, trennte er fit mieberum unb fefete fit auf eine 
fteineme Banf nieber. ©eine Blicfe maren gegen bie (Stabt p geratet, melte bie 
untergebene (Sonne mit ihrem fanften fteuer milb erleuchtete. Sie alten Bauern unb 
©tuötpürme ber ©tabt, bon ben Beüen beS ©rabenS befpütt, erglänzten bon ftraplenbem 
Burpur unb färbten mieberum baS B.ffer baburt. ©S mar ein ftöner Hnbltcf. ©s 
ftien Bernparben, als habe er feine alte Baterftabt not Ute in fo fdjönem Sitte gefepert. 
3n feinen Hugen ftanben Spränen. Baren eS Spränen ber Bepmuth, maren eS Spränen 
ber ftreube? ©r fonnte eS fetber nitt Tagen. — ©nblit ftanb er auf unb moEte eben 
ben Beg zur £>öp’ zum MäuSner einftlagen. Sot fiep! Sa fam ein Banberer auf 
bemfelbeit, feiten fonft betretnen Bfabe ipm entgegen, ©r fam näher unb Bernharb fap 
oor fit — ben SHäuSner bom Spale. 

,,©i, frommer Bann," rief er, „3pr, ber Beife, fommt mir, bem bon ©nt #iffe 
Slepenben, entgegen l 3pr fteut in ©urem Hlter nidjt beS BegeS Büp’, bie mir, bem 
jüngeren, gebührt!" 

„Ber auf guten Begeit manbelt, ben brüefet feine Hrbeit, mein ©opn!" 

„SamopI, eprmürbiger Bater — laßt mit biefent Hauten mit ©ud) nennen, feht 
mit als ©uren ©opn an — ja mopl, gutes Bemufjtfein fiirget fauren Beg; bod) Bhr, 


*) öon §aering berbeffert ftatt beS urfprüngliten „feelenftimmte"! 

8 * 





m 


JTtay (£n?ert in Efannorev. 


bünft rnidj, habt fdjott genug beg (Sitten mit (Suren grauen paaren getfjait, jefct lafet bie 
3ugenb (Sud) folgen!" 

„Aie famt mau beg (Sitten git Diel getfjau haben." t .,, 

ff Sodj fjier in biefem $ade mar eg ja gang beutlidj, bafe idj git ®ud) geben mußte, 

ba eg ja nur meine eigenen Angelegenheiten galt!" r 

„Sage bag uidjt, Jüngling! dßag Su beginnft, fod itid)t allein ^tr frommen, eS 
gilt bag döopl einer Seele, eg gilt bie Verringerung ber Seufelgmacpt, uub barob joden 

alle Vedjtgldubigen fid) freuen!" , m [ 

Mhrenb biefe§ (Sefprckpg batte ber SlüuSner Vernparben einen anbereu Vseg ge* 
führt, beim beit, Don meldjem er gefommen, ttnb inbem fie bie Diebe immer forderten, ge* 
laugten fie 31 t einem im SSalbe üerborgenen Stlofter, an beffeit Vforte ber Rubrer mit Dem 
eiferneu Stlöpfel anfällig. Ventharb fragte, mobin er ihn führen mode, unb tue turge- 
Antmort mar: „3ur Vorbereitung Seitteg Verufg." - Sa öffnete fuh bte Spur ,m 
Veibc f cp ritten in bie grcfee gemölbte Vorpade. Ser Alte fprad) gum Pförtner: JKeug 
bem Vater (Söleftin, mir feien hier. Sfener ging unb tarn balbbarauf mteber, bte 3 remö* 
finge in beg dttöndfeg 3ede gu führen. Sie folgten ihm unb fanbett beit Vater beteub m 
feinem Altar; and) fie !nieten itieber unb beteten — fie Ade baten mobl boit bem5otmtmt| 

fdjeit bagfelbe. m „ 

„<gier," fprad) ber SAäugner, uadjbent fie aufgeftaitben, „pter, ebrmurbtger Vate, 

ftede id) (Sud) beit frommen Säugling üor, ber, mit (Stauben unb Vtiitl) geruftet, ben 
ferneren, gottmoblgefädigeit Stampf gitr (Srrettung einer Seele 00 m Teufel beginnen mtu. 
Sie heilige äftutter Vtaria beguabigte ihn mit ihrer ©rfdjeittuug unb offenbarte ihm bte 
Viittet. Safet auch ititg ihn mit aden Prüften unterftüfeeitl Sag ift ja nufer Ader heuige 
Vflidjt. Shr mögt ihn meihen mit (Surem Segen, ich mid mit ber Aatur gemalttgeit 

Kräften ihm helfen/' _ t , 

Ser Vater entgegitete: „(Sott uub bie ^eiligen fiitb mit deinem Vegtttueit, mte foute 

ber fdjmadje ddeitfd) ba miberftreben?" _ . J| 

Srauf 30 g ber ^Idugiter aitg bem Vitfen ein Vüdjgleiit unb fprad): „Siel), ba» 
ift bie Sfrudjt ber Arbeit boit neun taugen Adepten, aug adelt Speilen ber Aahtr gegogett^ 
traft; mit ber'falbe Sid), unb feiiteg (Seifteg DAacpt faitit Step oerlebeit. ^ 

Ventharb tf)at fogleid) bag (Sepeife. Srauf hing Setter ihm ^ noch an einer Schnur 
boit iteugeborner SHitber .S^aar eine fetten gefititbeite ASurgel in ©eftalt eitteg Sfreugeg unt 
ben §afg. Söleftin aber'führte ben Stampfer in bie Stapede. Söahrenb biefer nun hier 
bor bem gefreugigteit ^peifanb fitiete mtb ein brüitftig (Scbet tf)at, taud)te jener ein rletne» 
Sefugfreug in gemeihet dßaffer unb reidjte eg bem Vetenben. Saun feguete er ihn unb 
entliefe ihn aug bem heiligen (Semadje. 3ept nahm ber SAaitgtter ihn itod) bor, gab thtit 
trauter, Knochen uub Stöitrgelu, mit betten er ben (Seift berborfodeit fode, mieg ihm ihren 
(Sebraudj unb geigte ihm, mie er ben (Seift erft burd) döorte, baitit burd) bag heilige ^reug 
unb eitbfid), itadjbem er ihm burd) biefeg Straft einen StÖrper gegeben, burdj Kämpfen gu 

begmiitgeit fudjen fode. _ „ v .... 

* Ungleich fprad) er 31 t ihm: „tQÜte Sid) aber, bafe. nicht beg Seufelg Srugbtlber 
Sid) abfcpredeit, menn fie and) fo fdjredlid) Ibdreit, bafe bie §öde, ihre Ahitter, fid) bor 
ihnen entfefete. Vor einem Abe Ataria unb bem gemeihteu breiige muffen fie ade meiden, 
unb fliehen fie nicht, fo ift eg ber milbe Säger; ber tpiit Sir uid)tg, er sieht ruhig borbet, 
jaget fein SBilb uub läfet bie Alenfcpen in Aul). — Amt giehe hin, (Sott uub bie ^eiligen 
feien mit Sir! 3cp merbe bie gange Aad)t pinburdj auf ben Stnieeu in ber Stapede mit 
bem Vater für Seilt §eil flehen. — 



A 


1 




YII. 



3m Suitfel ber Aad)t, ben riefetuben Vad) gen Vtorgen entlang, 30 g Ventharb. 
begeiftert mit rafd)em Schritt. 3e&t hatt’ er beit Reifen, mo bag döaffer fid bricht, erreicht, j 
uub redtg modte er eben feinen fyuß meitbeu, alg eine bumpfe Stimme ihm gurief: 







- ^ugenberjäl^Iungen ron XX>tlltbctlb ^fc^ts. - \\5 

„2Sof)in fo fjjatl" — Sodh ohne fich umaumenben, fe^te er beit 2 ßeg fort tntb hob nur 

fein Äreitg mit beit SSorteit: „fcebe Sidj meg öott mir, (Satan!'' in bie £ 01 )’. Äaunt 

batte er bie Stimme gebannt, alg eine Sdjaar fftadjteuleit mit fürchterlichem ©eheule um 
feinen ®obf fich bräitgt. Stucf) biefe üertreibt er ohne Mb’; aber plöfclid) fiebt er ficb itt 
einem Greife non Sobtenföpfen, bie matt Ieudjtenb ibu fdjredlicb aitgrinfen. S^erft entfefet er 
fid) gtüar, bod) bebt er fein ®reua gegen fie auf, unb fie berfdjminbett. 2lber mit jebem Schritt 
merben bie ©rfdjeinuitgen gräulicher. Sobtenlöpfe meinen fid) bor feilte f^i’tfee unb ber= 

Herren ibm beit 2 Beg. Scheußliche ©eftalten brauen ibm tntb empfangen ihn mit ihren 
Sinnen, unb fiitb eg gleid) nur luftige ©etoebe, meichenb bem Sfreuaegaetdhen, fcbredeit fie 
bodb auch beit Obersten tntb fdjmädjen feilten SQMj. ®ein Sternd)eit flimmerte am 
£immet unb beleudjtete beit rechten Sßeg; fo ioalgteit Srrlidjter fid) aus ber Siefe unb 
führten beit Sßanberer in Ungrünbe. Sich, bie tonnt’ er moht bannen, meint er fie trügerifd) 
glaubte, bod) beit rechten 2 Seg 3U fiitbett, hatte er feine 3 Jtodht. — 2 Bie finb bod) beg 

SBöfen Mittel fo üiel, fo mad)tig, beit ©Uten Dom f]Sfabe beg fM)ig in feilte Siefen gu 

leiten! — Sa fcitbarb nicht mußte, mie er beit rechten 2öeg finbeit fodte, auch bie 
©eifterftuube immer näher heraitrücfte, toarf er fid) auf bie ©rbe unb flehte gur SJtutter 
SJtaria: 

„Königin beg £intmelg, Sflutter ©otteg, fei bem Süttber gnäbig, berleih’ ihm 
deinen heiligen S 5 eiftanb fernerhin, mie Sn begonnen! 3 etgemir, £immlifdje, beit mähren 
SBeg aum 3iele, baß nicht ad meine Kräfte burdj tfjöricht Suchen unb Umherirren bem 
groben SSerfe etttjogen merbeit!" * 

Sie £eilige erhörte ihn. SII§ er fid) aufrichtet, erblidt er ein bläulich Slämmleiit 
bor fid) unb hört ben 9 tuf bom Fimmel: „Sag ift Seilt maljrer güljrerl" 

Sem folgt er auch gleich. Seht täufdjt ihn nidjt mehr beg Senfelg glamnte, beg 
£immetg Sid)i leuchtet ihm. Slde ^erfueßungen, ade ©Meinungen, feien’g liebliche, 
feien’g gtaufe, nberminbet er mit bem Slreuae unb bem Slbc Sftaria. Schon nähert er 
fid) bem öerbängnißüoden £ügel, alg bon Often her milbeg ©etön, £öruerflang, $eitfd)en= 
fnad, Sßferbegemieher, £unbebedett fdjadt. ©§ fommt näher. Sein £aar fträubt fich. 

Sßlöhlich fieht er ein SBilb, angftbod geiagt, burdß bie ßüfte ftiehn; ihm folgen mehrere. 

£unbe ftitrgen mit fürchterlichem ©eflaff hinter fie her. Samt folgt mit £örnerton mtb 
Stobftambfen ber milben Säger Schaar. ©g bröhnt iit S 3 ernharbg Ohren. Sie ©r* 
fdheinung ifjt ihm 31t gröblich; er hat nicht bag £er§, fein Kreits 311 erheben, fein 2lbe SJiaria 
3U foredhen. Seht hört er auch SBaffeitgeflirr — Schliffe faden — adeg bureßeinanber — 
£unbegebed, miehernb Sachen, Slitgftgefchrei. Sa gebenft er beim eublich ber Sporte beg 
SHäugnerg: „Ser milbe Säger thut Sir nicht», er läßt bie fdlenfdjen in Sinh’," unb miebernnt 
fammelt er ÜKutß, töricht ein ©ebet unb fdhreitet ben £ügel, auf beffen ©ibfel bag ©e^ 
mäuer fteht, hinan. Sinn fchredt ihn nicht mehr bag Setter, mit bem ber 23 erg nmgoffen 
31t fein fcheint — eg ift eitet Srug — , nicht bag emige SBaffengeräufdh unb Gnaden ber 
Sdjüffe — er erreicht glitcflicß beit ©ibfel. 

£ier legt er nach her gelernten SSeife bie mitgebrachten ^nodhen aununtagifdjen 
Greife 3ufammen unb ent^itnbet in ihrer SJiitte bie heiligen Kräuter, bie blöblidj gur 
Öraffelnben Stamme emporlobern. Ser bide aum Fimmel fteigenbe Sampf mölbt fich, 
unb au» ihm fdhreitet ber ©eift beg Unglaubeng, ber in ^atßarineng Seele geniftet, 
ßeroor. S 3 ernharb fuhr 3mar guerft gurütf; hoch faßte er fich halb mieber, unb eingebeitf, 
baß er suerft burch SBorte ben ©eift 3U befämbfen fudhen fode, entgegnete er jene 
Srage: „SBag midft Su üon mir?" mit ber SIntmort: „S;teh, ©eift, Sn fodft —" 

Sodh feine übrige fftebe marb burch ein fdhadenbeg ©eläd)ter unb berftärften SBaffenftang 
übertönt. Sdg er fruchtlog berfudßt, bag ©erättfdh 31t überfd)reieit, fchritt er sum Kampfe 
mit bem heiligen teuje — hoch mieber nmfonft. Ser milbe Säger jagte ßeulenb 311m 
ameiten 2 Me über feinem £aupte uitb gmifdijen ihm unb bem ©eifte borhei. 3 Jtit feinem 
emigeit, burch bag $reua nicht 3 U bamtenbert 3nge ßinberte er ihn, au ben ©eift 31t 
fdhreiten, unb alg ber 3^0 öorüber mar, hörte er eine ferne Sorfglodfeffchlagett. Sürcßteub 




IHaj (£mert tn ^annorer. 


U6 

bafj bie ©eifter^eit nicht ungenu&t berfttefee — beim ber ®ampf burdj baS Bretts mar 
langmierig — gab er bern Uitholbe burdh bte Berührung beS <pei(igften einen Körper nnb 
modte fo fdjnelXer ben ®ampf beenben — baS SBaffengefürr tönte ftärfer — Semfjarb 
rang mit bem (Seifte — er ftöfmte, er ädjgte — er unterlag! — 

©cptoeben mären in bte ©egeitb ©etnünbenS gebrnngen. 3m SMbeSbunfel batten 
fie fidh mit einigen ®aiferltdjen gefcf)tageit. ©iegeitb brangett fie naher, ©ie umringten ' 
einen £ügef, auf bem fie ein lobernb Reiter gemährten, itnb erftiegett ihn. Der Slnfütjrer 
ber ©treitfdhaar trat aus beit Leihen auf einen fdlenfdjen p, ber am 23oben fich frümmte, 
nnb fah Sernharbett rödjelnb, mit Perbranntem ©efichte, in feinem Hute fich matten. 

@r fuhr prüdf nnb fdhrie: „28aS? SBernharb, Du? ~ hier, fo?" — Der ©terbenbe 
manbte fidh um nnb erfannte in bem ©dhmebenführer ©ottfdbalfen, feiner Katharina 
Söntber, rief mit ader Slnftrengung feiner Kräfte: „Korber Deiner ©dhmefterfeele — 
Katharina!" — nnb Perfchteb. — 

Yin. 

SBohl fein borgen in ©emüttben mar fo lärmeitb, als ber heutige herbeigefommen. 
©d)on in ber Wadht hatte baS emige ©d)iefeen jebeit SBürger gemecft. Des DageS SInbruch 
mar beS Aufruhrs SofuugSgeidhen. Silbe $arteifud)t herrfchte. Die Bürger rotteten 
fich pfammen nnb mären bereit, im Strgerfriege gegeneinanber ihr S3lut 31 t Pergiefeen, 
mährettb bie ©dhmeben über bie 001 t Wenigen Pertheibigte 23riicfe gegen baS Dhor 
[türmten. Der fatholifdhe dtath hatte bie menigeit ber alten Kirche (Setreuen am DtathS* 
häufe perfammelt unb fie bnrch einige flüdhtige Mferlidje Perftarft. ©ben fpradj ber 
föürgermeifter ihnen Suth ein unb ermahnte fie pr Dreue gegen ihren Mfer, ftedte ihnen 
bie (Sefahr, in ber ihr (Slauben fdhmebte, Por unb modte fie fdjon auf bie Sauer führen, 
als bie ©djmeben plö&licb, burdh innere föilfe unterftüfct, prn Dhore htneinbrangen nnb 
ftürmenb burdh ade ©affen fidh Perbreiteten. Der alte Sartin SJiertinger ftanb mit 
einem Raufen bemaffneter fßroteftanten Por feinem §aufe unb modte auf bie $aif erlichen 
loSgeben. Katharina, feine Tochter, fürchtete fich int oben @aufe; fie mar ihm gefolgt 
unb hatte ftd) unter bie ©treiter getnifdjt. ©iebe, ftatt ber ^aiferlidjen fameit ihnen bie 
fiegenben ©dhmeben entgegen; bod) biefe hielten fie für fatbofifche Bürger, feuerten in ben 
Raufen — unb Katharina fiel, Pon ihres 23ruberS Shtgel getroffen. S3alb erfannte man 
ben 3rrthum. ©ottfchalf fah, tuaS er gethan. (Sr raufte fein £>aar aus, gerrifc feine :| 
Kleiber Por SSerpeiflung unb rief in einigem ©dhmerge: „3ch ©chmeftertnörber, ©chmefter* 
mörberl" — 

Katharina lebte noch einige Stugenblide. üdachbetn fie Pon ihren Sieben 9lbfd)ieb • 
genommen, ihrem 23ruber Pergeben, trug fie biefem fettfgenb einen ©rufe an 33ernharb 
auf. 3118 fie aber beffeit ©nbe Pon ihm gehört, ftarb fie feufgenb ohne SHage. — ’ 

©ottfchalf fudhte im nachften Treffen ben freimidigen Dob unb fanb ihn. — 

®ie JOetgeltung. 

<£ine Sage ber Dorseit. 

Don Ödilbetm I)aering. /1j 

©hrfurchtsood gemtbmet meinem ^reunbe CBöuatö Cubolff. 

Berlin. nTidjaelts. 

SSormort. 

ineS 3tbenbS, als ich am „©laubenSfampfe" fdhrieb, fiel mir ein, es märe bod) 
hübfd), menn baS löücheldjen bicfer als baS porige, ber „®pnaft", mürbe. Die. 

I fdhon fo fehr in bie Sänge gezogene ©rphlung „Der ©laubenSfampfe noch 
mehr 31 t Pertängern, fd)ien mir nicht gut; ich badite baher: ©8 fann ja nichts fdhaben, 
menn ich swci ©rgählungen Perfertige. — „Der ©ebaufe mar gut,“ fagte ich p mir 














gipei 3 ugenber 3 äfel ungen nort Xt>tlltbalb 21 lejis. 


U7 


fetbcr, unb beit 2lugeitblicf liefe id) meine 0?eber ritfeeit ttitb bacfete nach, was baS wofei 
für eine ©Täfelung fein !ömte. turj mitfete fee, Weil fee nur ein Slnfeang ift, fein. Scfe 
faim bin unb feer unb erlog mir bie furje Vegebenfeeit, ber id) feen kanten „Sage ber 
Korsett" gegeben feabe. 

2U§ iefe beit „©laubenSfampf" beeubet batte, mad)te id) ntidj au bie OluSfüferung 
nteine§ ©ebanfenS, begann nXfo beit 3. Dftober. Sa id) aber gern früfe eitbett Wollte, 
arbeitete id) fefer fdinett, unb bie ©prad)e ift bafeer feineSWegS naefe meinem Vefeageit 
ausgefallen. Sie ©Täfelung ift nur bie feitefetige SluSfüfjrung eines reifen ©ebanfenS. 

2lucfe abgrfeferieben feabe id) „Sie Vergeltung'', toie id) bie ©age benannt, fefer 
fcfenelt, unb mandfee fyefeter mögen ber Verbefferung fearreu. — ©obiel fealte id) genug 
als Vorwort. — 

2)er Verfaffer. 

Verltn, am 16. beS OttoberS 1814. 

Die Dergeltung. 

„SSelcfe fonberbar geftalteter ©teilt liegt bort, abgefortbert bon alten übrigen?" 
rief ber junge SS.... au feinem pferer, als er burefe bas fteiniefete, obe, menfefeenteere 
©ebirge, welcfeeS feintet bem Sorfe äßangerobe fiefe erfeebt, §u pfee reifte, um an beit 
Staturfcfeöufeeiten fiefe %u ergöfeen. 

„Sine fefeaurige Vegebenfeeit ber grauen Vorzeit," entgegnete ber gebitbete pferer, 
ber ©ofen beS OlmtmaunS m SSangerobe, „beurlaubet beit ©tein unb bie ©egenb. pft 
faßte mau glauben, es fef nur eine biofee ©age, eine ©rbiefetung, im Munbe beS VolfeS 
burd) ber Safere Veifee entftanben; aber nettlid) er ft im Vrcbibe beS ©cfetoffeS ©tettenberg 
borgefunbene Pergamente betätigen bie SSaferfeett ber ©rsäfelung." 

„O peunb, erzählen ©ie mir biefe! ©ie miffen, wie iefe alte ©ageit ber Vorzeit 
beS Mittelalters liebe, wie id) forfefee, unt einige §u erfeatten. Saffen ©ie uns auf biefetn 
Olafen, einer fcfeönen grünen ©teile §Wifdfeen bem raufeen ©eftein, nteberfefeett unb, im 
Olnfd)aun beS SenfmalS mit unfern Slugen üerloren, unfern ©eift in ber Vorgeit fefeaurige 
©efilbe tragen l" 

„Sa'Wofel, fdfeaurige, lieber 28 . . . ., benn was id) Sfeneu erzählen fott, gefeört 
toaferlicfe in feine anberen als fefeaurige ©efiloe. — ©ent erfüll’ iefe Sferen 28uttfcfe, 

boefe laffen ©ie nnS lieber auf jener MooSbanf nieberfefcen. Von bort ans föunett Wir 

außer bem ttmnberlicfeeu plS noefe ein fteinern ^reu§ gewahren." 

Veibe festen fiefe bortfein, itub ber pferer begann atfo: 

„tarn brei Sagereifen bon feier liegen auf einer Olnfeöfee bie Oininen beS einft 
feerrlicfeen ©d)toffeS Vornenau — elenbe Ueberbleibfel efeetttaliger Macfet unb ©röfee. 
§ier feaufte bor ungefähr fecfeS Saferfeunberten ber granfame Ulridfe bon Vornen, baS 
©dferedeit feiner Unterjaffen unb Vafatten. Sod) Wie er ein SSütfeericfe gegen feine Unter= 
tfeanen mar, fo War er es auefe gegen feine Socfeter Olbelfeeib. Surcfe feine ewige, nie 
bon ©üte unterbrochene §ärte featte er fic^ mefer iferen feünfttidjen ©efeorfam als ifere 

finblicfee Siebe erworben. Sa fie fefeon ifer fecfe^efenteS Safer erreicht, fürchtete fie ifen 

noefe immer mefer Wie einen 3 uc fetweifter, als bafe fie ifen liebte, wie einen Vater. 

Sie Statur featte fefeon früfe baS Mägblein mit allen Veiten begabt unb nid)tS an 
ihrem Störper berfaumt; aber aud) ben ©eift ntufjte fie leiten, benn ber Vater forgte nicht 
für ber Socfeter ©rpfeung. ©r featte fie aus einer ©ritte, bie burd) ber früfe beworbenen 
Mutter, anberer VerWanbten unb beS MäbelS 28iberrebeu gum unbiegfamett ©ntfefeluffe 
geWacfefen, für baS ^lofter beftimmt, unb fo fefer aitdfe ber Wilben Olbelfeetb, bie Verge 
unb Vautne biel lieber erftieg, als rufeig im 3tmmer fafe, bor bem gwangbotten, ftitten 
Seben graute, fo änberte bod) bieS beS ftarreir Vaters 28itteit nidfet; bielmefer Warb er 
baburefe immer mefer in bemfelbett beftatigt; beim ÜBiberfprudj butbete Ulrich boit Vornett 
Weber bon feinen Untertfeauen, noefe bon feiner Sodjter, unb Veiber ©trafen waren in 






U8 


ITCaj: Srnert in Sjannooer. 


biefem ^aHe biefelben. Oft mufete baS fdjöne trautem eine gleiche 3ü<htigung mit ber 
gemeinften leibeignen Sauerbirne anshalten. 

So mudjs Slbelljeib iit freier unb bod) harter 3ugenb anf. Sie batte menig 
Spielgenoffen ihres StanbeS; baber nutzte fie, mtr im einigen Umgänge mit ihre* SaterS 
Untertanen, and) mit biefen gan^ Dertraut tnerben. — SSeit Tübinger, ein 2Saffenfnedjt|| 
UlridjS, ein fcfjöner Jüngling, mar halb ber ©egenftaitb ihrer üorsüglicfeften Slufmerffant= ] 
feit. Slugeitfcheinlich 30 g fie ibn adert llebrigett nor. Sind) er mar bafiir nidjt 
uitempfiitblidj. 3hm gefiel bon Oage 3 U Sage fein fcfeöneS gitäbigeS graulein beffer. 

(Sr mar ein junges, feuriges Slut, bad)te menig an ben Uttterfdjieb ber Stäube — beim I 
Slbefheib lebte ja ganj unter ibm unb fetneSgleidjen — unb fo mürbe feine Siebe immer 
größer. (Sr fefete ibr feine ©rennen, unb enblid) mar er fo bermegeit, fie ihr gu entbecfen. 
(Sie fuhr gmar erft, gelualtig fid) bermunbernb, gurücf; bod) halb fanb fie fid) breiit, fie 
bergab ihren Stanb, ihre ^lofterbeftimmung, bte SBilbheit ihres SaterS, unb halb madjte 
fie mit ihrem (beliebten einen fßlan, mie fie entfliehen unb fid) hetrathen loodten. Ob fie 
beit Später bann um Serseifjung flehen ober erft nach beffen Sobe mieberfommen fodten, 
adeS bieS iiberbaditen fie mit jugenblid)em Reiter unb Unüberlegtheit. 

teilten feftfteheubeit ©ebanfen foitnteit fie in ben bielen Uuterrebungen faffen. Ood) 
— 0 Uitglitcf! Sei einem biefer ©efpradbe überrafdjte fie ber Sater. (Sr hörte baS ®e* 
ftänbitife ber Siebe feiner Sod)ter gitrn Süngliitg, er erbleid)te. 2Ser fann fid) bie Sud) 1 
beS flogen Ulrich bon Bornen, beS erften, mädjtigften dtitterS beS ©aueS, benfen, als 
er bernahm, feine einzige Sodjter liebe feinen ^ttedit. Sie ein mütljeuber Siger flog er 
mit -drei Oienerit auf bie Ungliicflichen loS unb befahl, fie gu feffelit. Oodj Seit entfloh 
ber fdjrecflidjen Strafe. So fomtte er fid) nur an dlbelheiben rädjeit. 2luf bem Schief 1 
hofe an ben Scbaitbpfahf gebunbeit, tiefe er fie fürchterlich geifeeln, unb fein dinge ergäbe 
fid) beim dlnbltcfe beS bom dUideit herabftrömeubeit SluteS. Sahrenb noch bie fcharfe 
©eifeel in beS Fräuleins gartent dtüdfen Sunben fcfjlug, fah ber Sittherid) ben alten Sater 
beS entflohenen tedjteS. dteue dButtj belebte ihn. (Sr liefe bie burdj Sdjmexi unb Slut* 
berluft ohnmächtig ©emorbene abbinben uitb in ihr ©etnad) tragen, ben unfd)utbigeit ©reis 
mit beit filbertoeifeen paaren aber entfleibett unb au bie Saute befeftigeit. „Ou fodft 
mir büfeeit für beS Sohnes $reoelthat," fprad) er, „unb folaitge gegeifeelt merbeit, bis 
Ou ihn mir mieberfefeaffft!" ^ein fliehen, fein Bitten half. Oer Sittel bodmg beS 
Ferrit Befehl unb geifeelte, ohne p ruhen, ben Sitten. Oodj faum eine halbe Stunbe 
trafen feine Schläge einen Sebenben. Salb mufete mau beit entfeetten Körper abbinben, 
unb er marb auf Ulrichs Sefehl anf einem nahen £ügel ben Sabeit gur Seute hingemorfen. 

25eit, ber fid) iit beit ungangbaren Klüften beS nahen SteiitgebirgeS üerfteeft, ent* 1 ] 
fefete fid), als er beit Oob beS SaterS erfuhr, unb dtadje mar fein erfter ©ebaitfe. (Sr 
hatte aud) üott ben Sanbleitten, bie ihm bie erfte fcferecflid)e dtaöhridjt gebracht, gehört, 
bafe Ulrid) feine Oocfeter, um fie noch mehr p ftrafeit, fchon Freitag iit’S nahe dionnem 
ftofter bringen mode. Oent modt’ er poorfontmen unb fie entführen. ©S mar OomterSs 
tag, alfo bie höcfefte 3 eit. dftit angehenber Oämnterung fd)tidj er ftd) auf unbefannteit 
$ufefteigen pr Sing. dllS bie dlad)t aitbrad), unb fein Sicht in ber Surg mehr 31 t febett 
mar, näherte er fid) ber dftauer unter bem f^enfter Don SlbelfjeibS Sd)lafgemadj. ©r 
flimmt fie hinan. Oft mufe er ruhen; bod) 9tad)e unb Siebe geben ihm mieber neue 
^raft. (Sr tritt iit bte $ugen ber grofeeit Ouaberfteine, hält fich an bie herauSgearbeiteteu 
gotifchert Sergierungett unb gelangt fo mit ungeheurer dlnftrenguitg 311 m fünfter. ©r 
fiöfet eS auf, ititb glücflid) ift er im 3imnter. ©r fchreitet 311 m Sette, mo er bie ruhig 1 
Schlafeitbe ermeeft, fid) auf feine Mee mirft unb bie fchöite dtbelfjeib bei dldem, mag ihr 
lieb ift, befchmört, ihren müthenben Sater p öerlaffeit unb ihm, mie fie fchon früher be* 
fd)loffen, 311 folgen, ©r ftedt ihr baS Sdjrecfen beS Slofterg, baS morgen ihrer harre, oor. 

Ood) brauchte er nicht ade UeberrebungSfimfte; bie SBidige fprang halb aus bem 
Sette unb eilte mit bem ©eliebten pm fünfter. dlber adgugrofe mar für baS fd)mache 
dJtäbchen bie £>öhe; fie fomtte nicht mie ber rüftige Jüngling am ©efimS hmabfteigeu. je 




§ipct 3 n 0 cn ^ er 3^^^ un 3 erl 1,011 ItHltibatb 2ttejis. 


U 9 


2>odj Siebe madjte fie erftnberifdj: Sie banben baS tauge ftarfe SBetttudf) an baS gfenfter, 
unb mit beffert Jpitfe formte Slbetheib bis an einen Stbfa^ fommen, bon melchent aus 
leichter ant ©eftein hinabgufbringen mar. ©S gelang. OaS Sttäbdjen fdjmang fid) leidjt 

sunt fyeitfter hinaus, lieb fid) am Suche ^trtaB ttitb gelangte gtücftidj gitr ©rbe. SSeit 

folgte ihr, unb gtücftid) erreichten fie mit eilenbetn (Schritte ben nahen ©ebirgSmatb. Oie 
Stocht mar falt unb minbig, unb faft erftarrte ^tbetfjeib bor fflte. Sefet erft fah fie, in 
melchem 3uftanbe fie geflohen: fte mar nur mit bem £entb betreibet; fo hatte bie (Site 
fie getrieben. Ood) maS mar gu thun? 3 u ^dfeilen fonnte fie nicht mehr, unb umtüfo 
Jöermetlen ant Orte formte Verfolger ermetfen. Sie befdjteuniflten baher ihre Schritte, 
rannten burdj SDtoräfte, Ooriteit, Oidfidjt unb 28albbäd)e, fbrangett bon iahen stippen, 
um burd) Suchen beS SSegeS bie Seit nicht gu berlierert, hinab nnb riffen fid) fo ihre 
ftilfee auf. Sie madtfen feine Stoft, ttitb halb formte 2tbett)eib, am gangen nitbeffeibeten 
törber fürchterlich bermunbet, nicht mehr meiter. SSeit nahm fie in feilte 2lrme unb trug 

fie bis gum bäntmernben borgen; bann a6er, faum beS 2Beiterfd)reitenS mehr fähig, 

legte er fie in einen berborgenen fteisfbalt, füllte feilten brennenbeu Ourft in einer OuetCe 
unb marf fid) erfd/öpft in’S ©raS. 

&ier blieben fie beit Sag über, mufdien, fo gut fie fonnteit, ihre SBunben uitb be= 
friebigtcn fümmertid) ihren junger burcb SSatbbeeren unb mifbe Früchte. 23et an* 
brechenbem Ounfel festen fie ihren 23eg fort. SBiebentnt manben fie fid) burd) bie bidjt* 
berfdifitngenen Steige unb ben S3oben übergoffen habenbe Oorneit. Oemt bamatS mar 
biefer Salb, obgleich noch fefct fdiaurig, öbe unb ohne orbentlidje SSege, hoch noch biet 
itnbetreteiter unb milber. Seber, ben nicht bie höchfte Stotbmenbigfeit gmattg, ihn gu 
burdigehen, rnadite Heber, ihn gu bermeiben, meilenmerte Ummege. ©r mar ber Sifc ber 
Sßötfe unb Barett, unb auf beit ©tpfetn ber hoben, fteifeit Reffen niftete ber Slbler. — 
2Rit ungeheuren 23efcbmerben festen and] biefe Stacht SSeit unb Stbetheib ihren 2Beg fort. 
Sa ber Srre umhergemanbert, ohne gtt miffen, mobtu, lagerten fie fid) bet ben erften 
Strahlen ber aufgehenben Sonne in einer ©rbböbte, bie bon bermortenetn ©efträud) unb 
Stachelmerf bebecft marb. 9tod) einiger dhtbe froch S5ett hinaus, um für ftch unb feine 
©eliebte mifbe Nahrung gu boten unb git forfdiert, ob er irgenbmo Verfolger gemährte, 
©r fudite feine laichen boll ©rbbeereit unb fdjüttelte boit einem Raunte biet mitbe hinten; 
bann flieg er einen 23erg hinauf unb ftetterte auf eine hohe Samte, mo er aus gmei 
SSogetneftern bie ©ier nahm. Schon mar er im föinabfteigcn begriffen, als er bon ber 
anbern Seite Leiter, bie er für Verfolger erfannte, gelagert fah. Schnell rannte er hinab 
burd) baS ©ebüfdi unb barg fidj in feine ©rube, mo er Stbelheiben feine Stochridt unb 
bie $rüd)te mittheitte. 93etbe be'chfoffen, ben Sag noch hier gu bleiben unb erft bei art= 
Bredienber Stacht in einer anbereu Stuhlung meitergitgehen. Sie bodfithrten auch ihren 
$Ian; bod) als fie ungefähr gmetbitnbcrt Schritte bon ihrem £ager entfernt maren, hörten 
fie hinter fid) ^ferbegeftampfe. Ote Leiter maren erft fehl aufgebrochen, nnb ber -Dtonb 
leuchtete fo hett, bafe fie gang gut bie beibert fttüchttinge fehen tonnten. Ood) gum ©tücf 
mar an ihrer Seite ein fcbitfiditer Smmpf. Sbn ereilten fie ltrtb bargen fid) im hohen 
Schilfe, bis au beit £>atS im Worafte berfitrfenb. Oie Leiter unb au ihrer Sbige Utrid) 
Sogen, ohne bie Siebenben gu erbltcfett, borbei. 2tlS biefe mieber frei athmert formten, 
mateten fie mit SJtühe burd) ben fchlüpfrigen Robert an’S Sanb unb gingen, iubem fie 
mehr ©rbgeifiern atS SJieitfchen glichen, auf ber bem 2ßege ber Leiter entgegengefefcten 
Seite meiter. Ohne befonbere Unfälle getaugten fie enbtid) nah brei Sagen gu teuer 
§öhte, bie Sie bort im Reifen mit fteiuem ©ingange fehen; bamats mar fie milb ber* 
machten, mie überhaupt bie gange ©egenb hier, unb nur bem Sobe ©ntftietjenben finbbar. 
Öier befhtoffen fie, faum fähig, beS SSegeS 23efd)merbeit meiter fortgufehett, gu bleiben, 
um entmeber nur einige Oage ficf) gu erholen ober ihr übrig Sebeit, bis eine girnftigere 
Seit fid) geige, hier gugubringen. 

Sie richteten bie £öhte, fo gut fie fonrtten, ein unb fammetten fid) SBurgetn, Leeren 
Steifet, lötrnen unb ©ier; bod) halb mar biefe Quelle berfiegt, unb ber SSinter nahte 






\20 - IHaj (Emert in ^annooer. - 

derart. Seibe, faft nacfenb, mußten gegen bie .tätte fid) f leiben; baber befcptoffen fie, auf 
milbc X^tcre 3 a flb 31 t machen. ©ie bewaffneten ftd) mit groüen Genien, gingen aus, 
unb ihr Unternehmen gelang, ©ine Sarin nnb ib)ve Sangen töbteten unb fcpleppten fte r j 
in ihre £öhle. 

San ben Setten Verfertigten fie fid) Kleiber, unb baS Seifet) — benn nagenber 
föuitger trieb fte — würbe in Ermanglung be§ Reiters roh gegeffen. ©er gute Erfolg 
ihrer erfteit 3 agb machte fie füpner, unb fie tnircbftceiften bie gante ©egenb um ihre 
§5hte. Salb fielen nebft aitberm flehten Silbe auch noch sWei Säten in ihre ftänbe. 

©ie hatten baS ©cpidial ber oorigeit, unb ihr T^tetfd) Warb für ben fpäteren Sinter 
aufbewahrt ©ie Oeffnung ihrer §öhte machten fie iefet burd) uorgeworfne, mit ßepm 
üerbunbene unb mit Safen bebeefte ©teine fteiner, tpeils bamit bie Stätte nicht fo ftarf-^j 
einbrange, tpeils bamit fie üor ben Serfofgungen ficherer Waren. 

Stuf biefe Seife lebten fie wohl ein halb 3ahr. ©urd) bie rauhe, witbe ßebenSart 
Würben fie immer fiihner, tapferer unb roher. Sbelpeib hatte burd) baS rohe SOTd) unb 
bie ewige Hebung fepon gans Seitens ©tärte erlangt, unb Seibe fcpweiften, feine Ser« 
fotgung mehr fürdjteitb, rtad) Sitb bitrch ben Salb. 3hre einzige Sefcpäftigung, ber 
Storb,' War suerft bringenbe Sotp unb Würbe piept ihr Sergnügeu. ©0 arteten fte 
immer mehr aus. 3pre ©Uten würben mit febern Sage roher. Sbelpeib Verlor atteS 
Seibtidje beS ©inneS. ©ie fonute fich eubtich entfddiefeen, mit Seiten, als einft ein 
Sauberer fich in ber ©egenb verirrt patte, biefen su überfallen, gu lobten, §u ptünbern. 

©0 würben fie Säuber unb Störber. Salb nachher hatte and) ein Sitter, ber burd) ben 
Salb ^og, beS Sauberer« ©epieffat. 3hm folgten mehrere, unb Slbetheib unb Seit jagten 
halb nicht' mehr bloS nach Saren, fonbern lauerten auch ben Senfeben auf. ©0 mürben 
burd) be§ SaterS §ärte bie Socpter unb ihr (beliebter geswungen, eieube Siöroer ju 

Werben. — , i 

Son iept au fehlt 12 3apr hinburd) bie Sacbricpt Von Seiben in ber ©eprift; and) 

bie ©age hat nicht« öon ihrem Sehen wäprenb biefer Seit aufbehalten, als bafe fie ihre 
Säubereien fortfefcten. 

Einft aber sog ein Sitter mit brei Rechten, um eiliger nad) feinem SeftimmungS* 
ort su gelangen, burd) ben Salb. SIS er su ber ©teile, wo jefct ber grofee ©teilt liegt, 
gefommen ftürsten plöglicp aus beut ©ebüfcpe brei fürchterliche ©eftalten: ein Staun, 
Seih unb ®nabe, alle grafelicp ansutchauen, halb nadt, halb mit gellen befleibet, mit 
ungeheuren beulen bewaffnet, ©er Sitter mtD feine ©efäprten fegten fid) s ij r Sepr, bod) ! 
fte Vermochten nichts gegen bie Siithenben. ©er eine Äuappe entflicht eitenbS, ben m* 
griff beS ®naben nicht auShaltenb. ©ie beibeit anberen Werben Vom Staune überwältigt, 
ber mm vom Snaben unterftüpt warb. Son ben Sferben perabgeriffeu, faUen fie unter 
ben ©eptägen ber ungeheuren beulen. ©a§ Seih aber fämpfte. uuterbeffen mit bem 1 
Sitter SergebettS fuepte fie ihm einen ©cplag auf baS §aupt beimbringen; er wehrte 
mit bem ©cpWerte ade Angriffe ab unb fcplug ihr eiiblicp gefehlt bie fleute aus ber 
ßanb. ©od) baS war fein Uuglücf. ©ie fpraug iept mit Siefeufräften auf ihn su, um* 1 
fafete mit ihren Srmen feinen §alS unb rip ipn vom Sfetbe. ®ann warf fie fiep auf 
ipn unb erbr off eite ipn mit ihren §änben, ipm bie ©urgel pbritöenb.. 3 # rtfj fie bem 1 
lobten ben £elm vom Stopfe unb erfannte in bem ©emorbeten — ihren Sater ulrtd) 
Von Sornenl 3pr ©opn, ihr ©atte ftürste piusu, unb biefer rief: „Stein Sater tjt 

geräcptl" — 

©er entflohene ftneept traf, als er sur ßanbftrape laut, einen 3ug Sitter unb er* 
Säplte'ihnen bie Segebenpeit. ©iefe [machten fich fogleid) auf, bie Säuber su fangen, 
(©ie umringten bie ©egenb unb griffen bie Störber an. Stein Siberftanb half. o^a* 
töbtete Sbelpeib einen iungen Sitter, ber su füpn fiep vorbrängte, bod) half ipr bteS nicht«, 
fie bereitete fid) baburep nur fcpwerere ©träfe. • ©ie Sitter unb Quappen mad)ten eme 
Sansenmauer unb swangen fo bie fiep VersWeifeft 2ßeprenben, fiep suergeben. S a 
banb fie an fcänben unb ftüpen unb fanb in ber &öple noch ein Stäbchen, mdlpM 




- gn>ei 3 ugettber 3 äf}lungen rott tüillibalb Ulejis. - \2\ 

®inb, ba§ iünger als ber SUtabe mar. Sind) bie batte baS gleiche ©djicffal ber ©Itern 
unb beS SruberS. Stau tüarf affe Sier mit ftarter Sache bis gur ©utfd)eibmtg ihrer 
©träfe in bie £öl)le. ©ilig mürben nach alten Gittern beS ©aueS Solen gefenbet, 
augenblicElid) ^um ©teinmalb 311 m ©eridft 31 t Eommen. Sinnen hier Xageit maren alte 
berfammelt. 3 der ber Störber marb einzeln berhört, unb jefet erfuhr mau pnt ©obreren 
2Wer, bafe baS Seih Sbelbeib bon Sornen, beS getöbteten Utricb Socbter unb Siörberin 
fei. Sachbent bie Dritter SlleS, maS flotter unb Ueberrebuug aus bem Slenfcben f)erbor= 
bringen Eann, erfahren, btelten fie, im Greife fisenb, ein feierlich ©ericht, an beffen ©bifee 
ber ehrmürbige Siourab bon ©tettenberg mar. QaS fd)re(ftidje Urthet marb augenblicflich 
bottgogen. ©S marb ein ©diciterhaufen errichtet unb ber ungeheure ©tein, beit ©te bort 
[eben, an bie ©teile, ioo Ulrich bon Sornen blutete, htngemätU. 2tn Seit Sübingtr marb 
merft baS Urthetl boltmgen. ©r mürbe als ©rttfübrer ber Rechter feines §errit, als 
Strafeenräuber unb Siörber, nachbem er mit glüheuben gangen gegmicEt morben mar, 
rbenbig berbrannt. ©ein ©ohn marb ebenfalls tebenbig auf beit ©djeiterhaufen gemorfen. 
Seine Tochter aber, obgleich fie noch nichts berbrochen, mürbe bennodj, nachbem ihr pnbe 
mb pfee abgehauen, an einem Saum aufgeffangt unb ber Seichnam ben Saubthieren 
meiSgegeben. 

ite fchrecftichfte ©träfe aber marb an Sbetfjeib bon Sornen, als an einer Sater* 
uörberiit, boöpgen. ©ie mürbe, nachbem fie bie Qualen ihres ©alten unb ihrer ®inber 
tut angefehen, entfleibet; brauf brannte man ihre langen »paare ab, Eniff fie, fotange 
mb fcf)mer§haft es nur anging, mit glüheuben fangen, unb an ihren pfählen befeftigte 
ttatt gtiihenbe ©ifeublatten. Nachbem fie fich mieber etmaS boit ihrem ©dimerge erholt, 
djmiebete man fie nacEenb mit auSgefbreizten Srnteit unb Seinen an ben ©tein, ber auf 
»er Storbftede liegt, unb hier ftach man ihr bie klugen aus. — Dies mar bie le^te 
Strafe, bie fie bon Stenfchenhänben embfiitg; aber noch fchredlidjere marteten ihrer. £ier 
nt biefem plfen muffte fie, ohne fich gn regen, Stiles auShalten. Sicht bie Eleinften 
Lhiere tonnte fie berfcheuchen; benn fie mar fo feftgefchmiebet, bafc fie nicht einmal ihre 
sUiiee bemegen Eoitnte. — 

Qie Sitter berliefeen nad) bollftrecftem Urtheit, unb nachbem ieneS .freuz bon ©tein 
um ©ebiidjlnifj ber ©diauerthat errichtet, bie ©egenb, fteßften aber Aachen in gehöriger 
Entfernung auf, bamit Siemanb ber ©efeffelten £>ilfe bringen ober menigftenS bie Saub= 
ögel berfd)eud)en Eönne. 

©0 mürbe Slbelheib benn bon allen Steufdjen berlaffeit. ©S fattben fid) aber bafür 
te Piere ein. Unzählige ©chmarme bon Piegeit bebedten ihren töper. Salb berbrängte 
ie aber anber Ungeziefer unb ftadh unb bife fie, unb ettblich fanbeit fid) auch, burd) ben 
ilerudh beS SlafeS aitgelocEt, Saubbögel ein. ©chrecElidje Qualen harrten ber Slrmen. 
Urt ©eier piefte ihr peifd) aus ben auSgeftod)eneit Slugeit. ©in Slbler haute in ihren 
kib mit feinem ©chutabel ein unb rifc mit feinen flauen ein ©titef peifd) aus, baS er 
toten jungen brachte, ©d)recflid)er Dürft quälte bie Ungliicfliche, ftatt beS SafferS er= 
üllten ihren Stunb bie Staben unb nagten fürditertidj. fliegen, Sieneit, Sefbett Erodjen 
urch baS bom Sbler gebiefte ßod) in ihren Seih. DeS SachtS tarnen bie Sahen unb 
culeit unb oerzehrten baS, maS bie Dagoögel übrig gelaffen. ©0 erlebte Sbelhetb ben 
ritten Dag, mit mi’ttbenben ©chtnerzeit gebeinigt. Da aber liefeeu zmei Slbler bon un= 
ebeurer ©röfje fid) auf fie nieber, gerfleifchten mit Tratten unb ©djnabel ihren &alS unb 
öbteten, ttachoem fie bis zum £crzen gedrungen, bie Satermörberiu. 





ItHlfyelm r>ort P0IC113. 1 

D ott ^ ' f ’ 

Sdugujt ftleörfrij Itraufe. V 

— Breslau. — 

§ ift mahr, ba§ £eben ift brutal; am brutalften oielleicbt je# 
in ber Seit ber Riafd)tnen, be§ mad)fenben Snbuftrialigmuä 
unb Sozialismus 5Der 2>afeinSfampf ift nod) nie fo graufam 
geroefen. ©r peitfft ben Rienffen aus einer ©oblagt in bie anbere, 
ftodjelt alle feine thieriffen Qnfiinfte auf unb lebrt iljit eine Brutalität, 
bie unerhört ift in einer ©poche 1)#? geiftiger Kultur. £>aS l) at bie Seele 
mübe gemacht. £>ie fteten hofften 2tnfpannungen haben ben Heroen eine 
Senfibilität gegeben, bie fiel) oft bis in’S tant’hafte fteigert. £)ie tanfenb 
lufbringlid)feiten beS £ebenS, bie oft eben fo tuet Banalitäten finb, jagen' 
bie moberne Seele in bie gluckt, benn fie ift leicht nerteptid) unb nid)t 
mehr tapfer. Schnedengleidj zieht fie fid) ganz in lidj felbft $urüd unb 
lebt ihrem eigenen Üult. ^ Jj 

So hat bie moberne Seit eine geiftige Slriftofratie heranmadjfen taffen, 
bie eben fo ftolz, bochfahrenb, eingebilbet, eyflufit) unb egoiftifdj ift tote bie 
SBelt ber gunfer unb ©elbbarone. Rur, baf; fie fid) nod) um ein gut 
£l)eil btafirter giebt. $)enn menigen biefer ©eifteSuriftolraten nur ift e3 
©ruft mit ihrem Slulturfdjmerz unb ihrem RHbernnllen nor ben Stuf- 11 
bringtif feiten beS SebenS. 3hre Mett zur Sdjau getragene Mturmiibigfeit 
ift nur ein neues Raffinement, baS bie überreifen ©enüffe beS mobernen 
Gebens gezeitigt haben. ij 

Unb bie wirflif Mturreifen, bie alte £eerbeuinftinfte in fid) über* 
munben unb ftf felbft als Snbioibnum gefnnben haben, bie leben nur 
bent Schmerz ihrer fenfitinen Seele unb fnfen ihn mit graufam moüüftigem 
Bedangen, mie bie Rtenge bie greuben beS Sebent fnd)t. gljre Beraftung 
beS Sebent ift eft; barntu verlernen fie baS £eben. Sie fennen nur eine 























Wilhelm non poleng. 


\23 


[©eßnfucßt: bte ©eßnfudjt nach ben unter ©Jauern erahnten Sßelten hinter 
ben Realitäten her finnenfäßigen 2ßett. So inerben fie wett- nnb lebend 
ifrentb nnb teben^nntüc^tig. 

Da3 ift audj bie Jtunft geworben: fiberfcßlanf, übergart, nnb auf ber 
pudje nach bem Riegefagten, Unfaßbaren, nur ©rannten, überftnnlid) nnb 
unirbifd). Sie bat Ratürlicßfeit, grifcße nnb Qmpulfiuität nerlorett nnb 
öJtonierirtßeit, ßleiugeiftigfeit nnb Dünfelßaftigfeit bafür eingetaufdjt. Der 
intenfioe ©lang ihrer Rügen ift gefcßwunben, jener bette, heitere ©lang, ben 
(aeßenbe Deidje, btanfe Fimmel, bunte, teucßtenbe garbeit ber Röälber, 
liefen nnb gelber gaben, ©ie ift 23ouboir= nnb ^affeeßaulfnnft geworben. 

Ruf bem tiefften ©runbe nuferer neroöfen $eitfeele lebt eine geheime, 
raunt eütgeftanbene Seßnfndjt nad) nngeberbiger Sebeuäfraft, unge&rodjenem 
2eben3mutß nnb unoertierbarer Seben3freube, bie ©eßnfudjt nach ber 
'öfnitg vom Ueberfcßwang romantifcßer ©efüßte, ttadj bem gewaltigen, ooßett 
nrfprüngticßen nnb naturfrifdjen Sehen felbft mit feiner ©röße nnb mit 
feinem ©lud. 

Rur bei wenigen Ru£ermäßlten ift biefe Seßnfucßt fcßoit ©rfüßung 
geworben, ©ie haben gelernt, ba£ Sehen in ber Rietfältigfeit feiner fe 
fcßeinungen ehrfürchtig gu lieben, fid) oor ihm in Demutß gu bengen; aber 
fließt von ihm fid) vertreten gu taffen. Denn fie lieben baZ Sehen auch in 
ücß felbft, in ber eigenen ^erfönlicßfeit mit ihrem Xfjeit non ©ott. Da3 
hat ihrem Rßefen ßraft nnb ©efuubheit, ihrem Sehen 3 i ml; nnb Qnßalt 
nnb ihrem Röerfe Klarheit nnb ©röße gegeben. 

tiefer wenigen Ruäerwähtten einer ift SSitßelm non Sßoteng. 

RBie eirte-o jebeit echten Di<ßter3 Sßerfe finb and) bie Sßoteng’fcßeu au§ 
nnerent ©rieben heraus geboren, ©r gefiel) t felbft, baß fie burdjweg 
Selbftbefenntniffe finb. Darum farm mau aud) in ihnen bie aßgemeine 
harafteriftifcße Siitie feiner inneren ©ntwidtung erfennett. Rur macht er 
)a3 fcßwerer als anbere Zünftler, ©r ift einer non benen, bie nur ein 
Spiegel ber 2Bett nnb beS Sebent gu fein fcßeinen, bie faunt ein bischen 
-igenen ©lang noch gu bem gurüdgeworfenen 33ilbe bagn tt)un. Rnd) ift 
Poteng, gum Unterfcßiebe non nieten nuferer mobernen Sitteraten, oer- 
jättnißmäßig fpät mit einem Sßerfe an bie Deffentließfeit getreten; fein 
Srftting etfd)iert in feinem neununbgwangigften gaßre. Da war ber 
'SkcßStßumSprogeß feiner «Seele fcßon weit oorgefdjritten, fo baß man bie 
rüßeren ©ntwidlungen faunt nodj ahnen, gefchweige benn erfennen fauit. 

Roleng erflärt felbft einmal irgenbwo nnb irgenbwann: „gdj befenne 
nit Stolg, baß ich mich als ^3robuft meiner länbtichen Umgebung fußte, 
)aß icß ein $inb meiner geit, Stinb meinet RolfeS nnb meiner Raffe, in 
eßter Sinie ©oßn meiner gamitie bin, and) als Zünftler." RuS feinem 
langen Rtilien heraus ift alfo baS SBefen ber Shmft beS Dichters gu er- 
tären, bort liegen, bei ben Rßurgetn feinet ©eins nnb feiner ßraft ancß 
ne Gurgeln feiner ßunft. Darum müffen wir — bei ^oleng tneßr, alz 





2luguft ^rtebrtcfy Kraufe trt Breslau. 


*2« 


bei einem anberen Dichter — fein Sehen nnb feinen ©ntmidlungSgang, 
bie Verhältniffe nnb itmftänbe fernen lernen, bie ihn gebilbet haben. 
Vergangenheit nnb Drabition, ©eburt, ©rziebung, Umgebung nnb baS Sehen 
ber ©reigniffe, alle formen fie am 2Befen beS 9ftenfdjen. Jn ber 
©dplberung beS $olenz’fd)en ©ntmidlungSgangeS folge icf) zum Dtjeit auto; 
biograpt)ifdjert Aufzeichnungen, bie ber Dichter in freimüthiger SBeife 
gemacht nnb freunblidjft mir zur Verfügung gefteCCt hat. — 

Sßilhetm non ^olenz ift als ©ol)n beS ßanttnerherrn Julius non 
^ßolenz auf beut ©tammgute biefeS fächfifdjen Abelgefd)ted)teS in Dber^ 
©uncraalbe am 14. Januar 1861 geboren, ©ein ,£eimatSort ift ein grofeeg 
ASeberborf mit einigen Daufenb ©inmohnern, Jabriten, ©ifenbahn nnb 
^ßoftamt. ©S liegt in ber fächiliehen Dberlaufifj, nahe ber fchlefifchen nnb 
böhmifdjen ©renze, in lanbfchaftlich fchöner, gebirgiger ©egenb, bie reich 
an fozialert unb Vaffem©egenfät 3 en ift: Jnbuftrie nnb Sanbnurthfcfmft 
merben non D eutf djen, Vöhmen unb SBenben betrieben. ©d)lo& Ober^ 
©unemalbe ift uriprüngtid) eine Art SSafferburg gemefen, bie bei ber 
©ermaniürung beS forbifdben SanbeS in baS malbreiche ©unematber Dhal 
als JufludüSftätte gebaut morben ift. 

Von ben lanbmirthfdjaftlidjen Veizen feiner Heimat, ben hiftorifd)en 
Veminifcenzen beS DrteS unb ©utSfifzeS unb ben bunten ©egenfäpen in 
ber Vemohnerfchaft biefer ©egenb ift bie Vhautafie beS Knaben früh er* 
griffen morben. Jrütje fdjon fuchte er rege Jühlung mit ber Dorfbepölferuttg; 
babürch mürbe in bem fdjarf Veobachtenben ber ©inn für baS VolfSlebett 
unb bie tppifchen ©eftalten ber börflidjen Veoölterung zeitig gemedt. Die 
Atmofphäre beS VaterbaufeS mar eine ftreng lutherifd^djriftlidje. Der 
Vertehr ber Jamilie befebräntte [ich auf bie ablige Vachbarfdjaft unb bie 
gro&e Verroanbtfcbaft in ©achten unb ©djlefien. ©inen großen nnb naefp 
haltigen ©inbrud machte auf ben empfänglichen Knaben ber beutfdj*fran* 
Zöfif ehe $rieg unö medte in ihm eine ft arte nationale Vegeifterung, bie 
im ©ntbufiaSntuS für ipreupen, ViSntard unb Vtoltte gipfelte unb im 
©egen ab z ur ©efinnung beS Vaters ftanb, ber mehr fäd)fifd)?partitula? 
riftifdj etnpfanb. Vad) ber Vorbilbung burch einen theologifchen <&au3; 
lehrer tarn ber ßnabe zu feiner Vkitcrbilbung in ein enangelifcheS Sanb« 
Pfarrhaus, in bem er nier Jahre blieb, unb fpäter auf baS Vifcthum’W* 
©pmnafium in DreSben. Der $reis ber ^ameraben, in bem Volenz bort 
aufmudjs, mirb pon ihm felbft als ein feubalariftotratif^er bezeichntet, in 
bem ein leichtlebiger, übermütl)iger, zum Dheil oberflächlidjer Don h^rfch^* 
DaS Jntereffe für $unft unb SBiffenfäjaft mürbe ftart in ihm angeregt 
bureb ben ausgezeichneten Sitteratur- unb ©efd)id)tSunterrid)t beS ^rofeffor» 
Dieftel. Der religiöfe ©inn bagegen, ben baS Vaterhaus in feiner ©eelc 
grobge^ogen hatte, ging ihm nad) nnb nach perloren. ©ein Jreimiüigem 
fahr biente Potenz, nachbent er einige ©emefter in VreSlau fiitbirt h att ^ 
bei bem ©ädjfif<$en ©arbereiterregiment unb zwar in ber ©Sfabron be3 








, 

! 






HHIfjetm t>on polenj. 


125 


bamaligen SliftmeifterS «Worife »on ©gibt) ab, ber auf ben ©barafter beg 
jungen SWanneg großen ©influß gewann. Qn öerttn, wo er weiter ftubirte, 
: würbe ber ©id)ter ftarf in bie nationale antifemitifdje Bewegung hinein* 
geriffelt. Stber aEntatilicßi gewann bod) eine aitbere «Richtung in ihm bie 
Dberbanb. Sieben feinen gacbftubien befdjäftigte er fid) ftarf mit ber 
mobernen fyorfcbung auf pbitofopbifdjem, ttieotogifcfiem unb naturwiffen* 
fdjaftlidhem ©ebiet. ©djopenbauer unb ®armin, aber and) «Büdmer, §ädet 
unb ©trauß jogen itm in ißren Sannfretg. ©ine peffimiftifche, "beinahe 
nifjiliftifdfe «Eßeltanfchauung war ber ©rfolg. 2 tud) fein äußereg Seben 
blieb uidjt unbeeinflußt baoon. Stad) eigenem freimütbigem unb bartim 
um fo wertbnoKerem ©efiänbniß war eg ooller Slugfchweifungen. ®ag 
war bie Seit beg Stingeng mit ererbten unb anersogenen 2 lnfdjauungen, 
beg Sudieug nad) neuen, eigenen, fubjeftioen SBatirbeiten, beg ©äljreng 
unb SSrobetng in Äopf unb jjers. Unter Errungen, SBersweiftungen unb 
Kämpfen wirb in foldjer Seit ber ©barafter geboren. ®ie jerriffene 
' Stimmung biefer ©ntwidlunggepocbe, in bie an äußeren ©reigniffen bag 
juriftifdje ©taatgeyamen, bie Verlobung, ber Slbfdjieb non ber Surifterei 
unb gefd)id)tlid)e wie national=öfonomifcbe ©tubien in «Berlin fallen, unb 
bag ©udjen nad; einer feften, fetbfterrungenen «ffieltanfd)auung fanben @e* 
ftaltung in bent erften «Roman*) beg ®id)terg, ber in jener Seit entftanb: 
„©iilme." 

©ag «Problem ber ©icbtung ift niefit gerabe neu unb originell. ©od) 
batnuf fant eg «Polens nicht an. ©r wollte non ber ©dmtb unb ©ülme 
jweter SWenidben erjählen, bie fiel) gegen bie ungefdjriebenen ©ittengefeße 
ber «ffieltorbnung nergangen unb ilir SSerbredien mit Jammer, ©tenb, Stotb 
unb ©ob haben büßen muffen, ©r moUte „bartlmn, wohin im allgemeinen 
bag aibmeidjen non ber ©itte führt, wohin ber SWenfd) gelangt, wenn er 
fidj gegen urewige ©atjungen aufteßnt". 

, ® 0I $ 9 «abe biefe Aufgabe, an bie ber junge ®iditer mit hohem 
Sittlichem ©rnft, bem eg nielit um «pifanterien unb ©ettfattonen 511 t()uit ift, 
mit tiefem unb warmem ©mpftnben unb einer ungewöhnlichen ©eftnltungg* 
traft berangegangen, bat er nid)t ju erfüllen nerntodit. ®enn ber Unter* 
gang ber beioen Siebenben refultirt nicht mit eherner «Rotbwenbigfeit aug 
ihrer ©cbnilb, fonbern aug ihrem ©barafter. Sticht weit fie bie ©he ge* 
brachen, weil fie einen alten, efjrwürbigen, gütigen «Wann, ber bie Siebeng* 
würbigfeü unb fyreunblichfeit felbft ift, betrogen, weil fie aller göttlichen 
unb menfchlichen Drtmung in bag ©eficfit gefdjlagen haben, gehen fie elenb 
jtt ©runbe, fonbern weil ihre ©barnftere nicht juiammett paffen, ©in 
junger, in ber Itmofphäre eineg fittenftrengen öauieg aufgewachfener, non 
ber Stothwenbigfeit einer fittlidjen SBettorbnung überzeugter, ernft benfeitber 
unb ernft ftrebenber «Wann unb ein teicf)tlebigeg, leicfnfinnigeg, nach ber 


*) SreSben unb Seipjig, Jgemrid) fflinben 1890. 





\26 


21 u cj u ft ^rtebrid? Kraufe tn Breslau. 


SBefrtebigung i£>rer ©inne tedjjenbea egoiftifcbeS junges SBeib, bem Siebe 
nur ©imtenraufd), bie @f)e uur Reffet ift, unb bei bem im Kffeft alle 
tbierifcben gnftiutte burcE) bas bissen «öilbungSptter hinburdjbreclien unb 
allen ßerpnStaft oerleugnen, roerben nie in ber reinen Harmonie innigiten il 
ebelften SiebeSglüdeS pfammenftimmen, ob eine fernere ©diulb ben Konflift I] 
noch oerfdiärft ober nidjt. ©ie fönuen fiel) immer nur im SiebeSraufäie 
finben unb flüchtig angeboren. 

©cljulb unb ©üljue ftefjen aljo nicf)t in urfäd)licbem gufamntenbang, II 
baS Problem ift nid)t gelöft, baS ift ber gebier beS «Romans, ber fonft I 
uiele SSorjüge aufroeift. Kod) ranft fid) freilid) um bie fjauptbanblung p I 
uiel epifobifdjeS «öeüoerf, fiört bie Klarheit ber Kompofition unb bemmt 
ben fortfdjreitenben (Sang ber .önnblung. ®er ©tit ift fdiou flar unb 
lebenbig, Ijat aber nodj nidjt bie föftlidje ©infadjbett unb martante $rä> 
gnattj ber fpäteren unb bie oornebme ©legans ber jüngften 2Ber!e. SKancbe 
«Perfonen leimt man fdiou, fie haben noch etwas KonoentioneHeS unb 
©djablonenbafteS, anbere aber rcieber jeugen non bebeutenber Kraft realifliffy 
plaftifdjer ©eftaltung, fcfjarfer Beobachtung ltub einem feinen gnftinft für 
baS «Natürliche unb Sppifdje. ®er mit liebeoollfter ©orgfalt mobellirte 
originelle, in’S ©rojje geredte ©barafter beS Butt läßt in feinem Schöpfer! 
fcbon ben fpäteren fraftooHen ©efialter plaftifdjer SDtafdjentgpen offnen. — 

«Kit biefent «Roman batte fid) Polens noch nicht ganj non ber jer= 
riffelten Stimmung feiner inneren ©ntroidlung befreien tönneu. «Kit feiner 
jungen grau abmedjfelnb in Berlin, Dber;6uneroalbe unb ©nglanb lebenb, 
fdjrieb er in rafdjer golge Konelien unb ®ramen, bie auf ben peffimifti* 
fdjen ©runbtoit feiner «Beltanfdjauung geftimntt ftnb unb einen ftart fatirn 
fdjen unb ffeptifdjen Beigefdjmacf haben, gn feiner ©tubie „Berfudjung" 
perfiflirt er mit feinem, trod'euem Runter bie lanbläufige Subenbmoral 
nuferer „grommen*, benen ber ©d)eiit SllleS ift. Kit fachlicher Katürs 
licljteit, bie ihm eine ftarte Ueberlegenheit feinen Konflitten unb ©barafteren 
gegenüber giebt, er;,ät)lt ber Siebter bie Berfudjung, ben ©nnbenfatt unb 
bie ©eelenfämpfe eines nainen, faft }i» trottelhaft gewidmeten ©tubenten 
ber Rheologie, ber, an ber eigenen Kraft unb ben bisher geglaubten 2Iutorü 
täten oerjroeifelnb, allen Kampf roiber bie natürlichen Sriebe aufgiebt unb 
geniejjt. GS ift ein ©tüddjen SeSillunonirungSpropfi, bem mir hierbei 
jiifehen. Sie Strbeit geigt bie Sechnit beS SichterS in fortfdjreitenber 
©ntroidlung. @r hat bie ©ouoeränität beS KünftlerS über ben fpröben 
©toff geroonnen. ®arauS quellen alle Borjüge ber mehr tedjnifd) aß 

inhaltlich roertbooHen ©tubie. fr. 

gnnerlid) uernmnbt mit ber eben befprodjenen ©tubie ift bie Siteb 
nooelle beS ©tissenbanbeS: „Unfämlb unb anbere geberpidjnungen" *). 
pfpdjologifdje ©ntroidlung unb Kotioirung beS am ©diluffe attsbrecfienbeit 



*) Treiben unb Seipjtg, Sßterfou 1892. 












HMltierm oott polettj. 


\27 


3 rrftnn§ ber ffetrten fedjgehniährtgen Selbin, ber in einer franfbaffen, burch 
ben Urtoerftanb ber Umgebung gefteigerten ©innlidjfeit begrünbet liegt, ift 
lücfenlo» unb mit tecfmifcher Routine bargefteüt. Ter ©til ift non einer 
burch ben ©toff bebingten, fonft bent Zünftler ^oleng fremben, leife 
nibrirenben Aeruofität. Aber e£ fehlt ber Vooelle bie ftille, unau^gefprodjene 
hinter ben Gingen unb allem ©efdjeben ftehenbe, -Alle§ burchmärmenbe 
Anteilnahme be<§ Tichterä an feinen ^erfonen unb ihren ©efchicl’en. ©3 
f lappt Sittel mit mathematifcher (Sicherheit unb ©enauigfeit. Tiefet 3Jlits 
gefügt be3 ©chaffenben läßt bie befte ©figge biefe3 Vanbe3, „Dr. Pflaume" 
nicht oermiffen. ©3 geht ein ©trom heißen, rothen «!gergbtute3 burch bie 
©eftalt biefe§ macferen ©pmnaftalfehrerg, ber feinen jungen nidht als 
Sehrer, aber im Tobe für feinen fchlimmften unb bo^hafteften ©chüler al§> 
33ienfch gu imponiren weiß. Ta§ Vcitleib, ba§ biefe Tichtung in uns 
roecft, quillt nicht aus ben SBorten beS TichterS, fonbern aus bent oon ihm 
geftalteten ©efdjehen. TaS finb bie echteften ASirfungen eines SlunftroerfeS. 

2Bof)l nicht bloS einer gufäßigen Vefchäftigung mit bent ßiftorifchen ©toff, 
fonbern ber bamaligen neroöfen, romantifch^peffimiftifchen ©eelenftimmung 
beS TichterS oerbanfte baS oieraftige Trauerspiel „Seinrich oon steift", 
baS barnatS entftanb, feine ^ongeption*). @<3 pulfirt eigenes, fdjmergltdje3 
©rieben in biefer Ticßtung, unb baS giebt ihr fünftlerifdjen Söertf). Auel) 
rerräth es ©efdjicflichfeit unb Vühnenfertigfeit in ber Venüßung mancher 
äußerlichen Theaterroirfungen. Troßbem ift baS ©tücf erft an brei 
Theatern gur Aufführung gekommen. ©S fehlt ihm bie für bie Vühne 
nothmenbige ftarfe ©teigerung beS ^onflifteS bis pr Äataftrophe; benn es 
ift nur ber leßte Alt ber großen ^leifttragöbie. Steift ift fchon im erften 
Aufpge ber Ticßtung mit fiel) felbft verfallen, innerlich gebroden unb lebenS* 
unfähig. Tie ^ranfßeit feiner übergarten unb überempfindlichen ©eele, 
bie, oorn harten Seben brutal mißßanbelt, in ber fie gang faScinirenben 
TobeSfeßnfucht „höcßfte Vernunft, ©efunbßeit, ©dhönßeit, Harmonie, Qbeal" 

. fieht, fönnte fchon am Anfang beS ©tücfeS pr leßten Hataftropße führen; 
eine ftarfe ©teigerung ift nicht mehr möglich- Ter Qnßalt ber Ticßtung 
ift nur baS ASeggießen ber lebten ©tüßen, nur bie 3erftörmtg beS lebten 
fraftlofen SängenS feiner ©eele am füßen Seben, ber leßte Verfucß einer 
Teilung, beffen geßlfcßlagen bie f<^on längft unuermeibliehe Vernichtung 
bringt. 2Ber an ber naioen £ebettsfreube nicht mehr gefunben fann, ber 
trägt ben Tob im Sergen. Teffen fernere, bunfle, entneroenbe ©timmung 
hängt barum fchon toie bichte Vacßt über bent Anfang ber Tötung unb 
läßt feine Soffaung für baS ©nbe mehr auffommen. TaS ©tücf giebt ben 
leßten Abfchluß einer ^ranfengefRichte unb beeft uns nicht bie erften Ur^ 
fachen unb bie allmähliche ©ntmiefetung ber ßranfßeit auf. Tarum glauben 
mir nicht an bie Vothwenbigfeit ber furchtbaren SebenStragif unb fühlen 


*) Treiben unb ßeipgtg, ©. Sßterfott. 1891. 

Sforb unb @üb. IC. 295. 


9 





\28 


2hignft ^rtcbrtdj Kraute trt Breslau. 


ihre 2öuc^t niefit mit. ©§ Taften nur ©nge, Dumpfheit nnb Monotonie 
auf bem Drama, ba§ bod) Höeite be§ 2lu3blid3 in Vergangenheit nnb 
3 ufunft, buntem £eben nnb (53efd)e^en bringen fott. 

9tber gerabe biefe Dichtung ertaubt un3, wie faunt eine anbere, tiefe 
©inbltde in bie pfpcbifche ©ntwidlung Sßoteng’. 35>ir fefien, baß auch er . 
feine romantifdje ^periobe gu überwinben gehabt hnt. Der non ber Dual I 
be§ Denfen§ nnb Vingen3 germürbte nnb ben tiefen Sinn aller 2Mk 
binge erfeßauernb 2Ib)nenbe ift auch gepadt inorben non ber gewaltigen 
Sehnfucfjt nach bem Dobe, bem enblidjen Mnber aller lebten ©eheimniffe. 
Seine Dobe§fehnfud}t freilich ift nidjt bie beS Oranten, ber feine Hoffnung 
mehr hat, fie ift bie be§ ©efmtben, in beffen .Slbern bie $ülle ber Sehens* 
fäfte überfdiäumen will, ber wollüftig mit bem Dobe fpielt, weil er ihn 
noch fern weiß. i 

2öie f(fineE ^oteng’ bobenftänbige Straft biefe gefährde ©podfe innere 
liehen SßadjSthumS gu überwinben im Staube getnefen ift, geigt unS ber 
weitere Verlauf feiner ©ntwidelung. 

gwei ©reigniffe waren e3, bie bamalS ^3oleng ftarf beeinflußten, baS 
eine ben Vtenfdjen, ba§ anbere ben dichter. 2lm Slnfang ber neunziger 
Qabre trat beS Dichter^ ehemaliger Vorgefeßter, Vioriß non ©gibp, mit 
feinen „Prüften ©ebanfen" an bie Oeffentlicßfeit. ^ßoleng theilte nicht, 
wie aus bem Vornan: „Der Pfarrer non Vreitenborf" nnb beffen 3 Ui 
eignung an ben früheren Vittmeifter beS Dichters gefolgert worben ift, 
bie an ber Oberfläche bleibenben religiöfen Vnfchauungen ©gpbiS; aber beut 
perfönlidjen ftarfen 3 au ber, ben biefe reine fraftnoüe ^ßerfönlid^feit aus« 
übte, fonnte er ficf) ni<fit entziehen, ^oleng h a t treu in greunbfdjaft gu 
©gpbi gehalten, ohne fein jünger gu fein, bis gum Dobe biefeS VolfS* 
freunbeS im Qaßre 1899. Dem ©ebäcßtniß beS Dobten wibmete er einen 
poetifchen Vachruf, ber in ebten Sinien nnb warmen färben, wie nur 
baS £erg fie geben fann, bie nornehme, liefite ©eftalt beS Verdorbenen 
nadfgeidhnet nnb fein bie Votl) beS Vollem ftfimerglid) mitfühtenbeS hoffnung^- 
gläubiges $erg. VUt ber gamilie biefeS ebten VtanneS nerbinben ihn no<h 
jefct bie ftärfften greunbfdhaftsbanbe. 

Das gweite epodjemachenbe ©reigniß war für ^3oten§ baS ©mpor* 
fommen beS jüngften Deutfchtanb in ber Sitteratur. VUtten im bamaligen 
titterarif(fien Seben nnb Dretben Verlink fteßenb, blieb er mehrere Sabre 
binburd) in gühlung mit ber jungen, fraftood, muthig nnb erfolgreich 
aufwärtSftrebenben jungen Vewegung; er war befreunbet mit ihren $aupt* 
nertretern wie Vruno 9Biüe, Vtap $albe, Otto ©rid) ßartleben, ben ©e* 
brübern «gart, $ßaul ©obre n. V. nnb ein Vtttbegrünber ber „freien Volf^ 
bühne" nnb beS „$an". Sein Vonettenbanb „Karline*)" ift bem „©rünen 


*) Verlin W., Montane u. So. 1894. ©benba crfchtenen bie Ü6rtgen Sßrofa* 
werte be§ Dichters. 














- JDUfjelm Pott poleti3. - ^29 

®eutf<$faTtb jugeeigttet itub bie eütgehteit ©tücfe cutfiet beit ofrett genannten 
ftreunben ßauptmann, Otto (Srnft, Sitiencron, «Bierbaum, galtet ©onrab 
fjolj, Selimel u. 31 gemibntet. 

©te Jiout'ffen biefe» 33anbeS finb (tut beften als ©tubieu gu bezeichnen, 
©ie oerratlieu febou bte intime Kenntnijj beS börflidjen Sebett» unb 
SCreibenS, ®enfen§ unb ©mpfinbenS ber Sanbbeoölferung, bas ohne ©djminfe 
unb Karifatur eine einfache, feil [teilte unb frnftuollc ©eftattung finbet. ®ie 
präditigften ©titd'e finb bie ©itelnooede, eine pfpchotogifdj feine ßliarafter; 
ftubie, nnb „©ine Partie ©Ent". 

STiefeä unb marine? ©ntpfinben fcfilägt oft in ben fraftooden, marftgen, 
ganj unlnrifcben ©ebiditen burdi; fo 6efonberS in „@ine Königin" unb 
„33or einem Gf)tiftu«6i(be". ©eine ©ebiebte finb nteift Heine «Rooetfen in 
Betfen. 2tud) in ihnen fdjon offenbart fidfi bas ftarfe epifdje Talent «Polens’, 

ttaä fteft non nun an in grofgügigen «Romanen ood Kraft, «Bucht unb «piaftif 
tuSleben burfte. 

Seeinftuft non ber ©gibpberoegung unb bem mobernen «RaturaliSmuS, 
tem er fein oodfommeneS tedmifcheS «Rüftgeug nerbanft, fd)uf «potenj feinen 
iineiten grofjen «Roman, ben „«Pfarrer non 33reitenborf". 

®a3 SBerf fdjilbert bie ©rlebntffe, ©rfnljrungen unb bte ©ntroieftung 
lineä enangelifdfjen Sanbgeifttichen, ber mit lebenSfrembem QbealiSutuS in 
ein 2tmt tritt unb nach unb nach ade feine Qdnüonen muh gerftiefen 
eben. ®aS brutale bie ben reift ihm ade Ijbeale tnie bunte lyebeit herunter, 
trm unb naeft ftebt feine Seele mitten in einer «Belt uod rauher, um 
'armbergiger «BirHichfeiten. ©S ift ergreifenb, baS feife, unabläifige «Ringen 
nefeä ehrlichen ©harafterS mit 2Räd)ten gu feilen, benen feine Kräfte nicht 
tetnachien tinb. mit bem Ungiauben, 3lberglaubeu, ber ßiobotetü, 33ornirt; 
leit unb SSertEjiertheit ber länblichen 33eoölferung, mit ber aSerftänbnifloftg; 
eit, Qntolerang, IRücfgratlofigfeit, erbärmlichen ©cbeinheiligfeit unb um 
auteren SBeltHugheit ber firdjlicben tBorgefeften unb SlmtSgenoffen, mit bem 
hrlidjen, überzeugten SltfjeiSmnS unb bem irottifcfi=fatiritefjen SRaterialiSmuS 
ufierfirc£)[id|cr Kreife. ©r mnf fa biefen ÜRächten als ©ingelner unter; 
legen. Slber in feiner «Rieberlage finbet er ben ©ieg: feine oon adent am 
rjogenen unb barum uniebenbigen ©tauben, angelerntem «Phrafentfmm unb 
der fchtoächlichen Kompromißlern freie «Beltanfchauung, bie aus bem 
Diener ber Kirche einen «IRenfchheitSpriefter macht. Unb er finbet in feinen 
iämpfen nor 3ldem fid) felbft als freie, ftarte unb eigenartige «Perfönlidifeit. 

®er «Roman fteltt nicht bie Söfung eines «Problems bar. ®r ift ber 
änftlerifdje SluSbtmf jener burdj feine eigenen ©taubenSfäutpfe unb bie 
in 3eitpf)änomen barftedenbe ©gibpberoegung in bem ®id)ter auSgelöfien 
Stimmungen, bie eine Iräftige iBerftärfung fanben burdj ben adgetneinen 
eligiöfen 3erfe|ungSprogeh in ben Schichten ber ©ebilbeten, ber befonberS 
uä bem Slufleben ber «Raturroiffenfdjaften im mobernen ©eiftesleben re; 
rltirt. ©arum ift ber «Roman feine ©enbengbiditung, fonbern ein Kunft= 

9* 




1(30 - 2tltgnft ^rtebrtd? TCraufc ttt Breslau. 

mxt geroorbeit, .in beut baS eigene, gewaltige gingen beS £)id)terS um 
eine fefte, Kare unb inbinibuette 2Beltanfd)auung feine prägnante, lebend« 

notte ©eftaltung gefnnben bat. . > f W 

9Jtit betn „Pfarrer non Breitenborf' begann ^ßoterts bie Vettje feiner 

großen ^utturromane. 

3tuf ber Spotte, bie ifen geboren, bie ibn mit allen in ihr fd)tummerw 
ben (Säften unb Kräften genährt nnb grofegegogen feat, ftebt, wie ber 
Vtenfd), fo auch ber Siebter ^oleng. Saufenb unfiebtbare gäben nerbinben 
ibn mit ibr, gäben, bie eine lange, lange Vergangenheit feines erbgefeffenen 
2lbelSgefd)leä)teS, eine mitten unter länblicben Verbältniffen unb börflidjert 
Bewohnern auf heimatlicher Sdjotte gelebte gugenb, unb ein Beruf, ber 
£ag für 3Tag ibn mit ber @rbe in Verübrung bringt unb ibm ©rbbuft in 
feine Seele weben läfet, gefponnen betben. Sief in ben heimatlichen Soben 
bat er feine SBurgeln gefcblagen unb ift mit ibnt nerwaefefen, in Siebe 
nnb in Seib. Polens ift Sanbwirtb mit ganger Seele, er liebt biefen 
Beruf, wie er ben Boben liebt, ber ibn näbrt. Seine Seele fann barum 
mie fetten eine bie furchtbare fragil eines ©efcbid’eS empfinben, baS ben 
in feinem Boben geftgewurgelten ans ber Sdjotte reibt. JB , 

Vtan bat ben Vgrarroman „Ser Büttnerbauer" immer nur als groben 
focialen ^ulturroman gewertet. Vottftänbig geregt wirb man biefer 
Dichtung erft werben fönnen, wenn man in ibr ein $erföntid)MtSbofument 
fiebt non eigenartiger Spröbigfeit unb $älte. Steinbar mie in Stein ge* 
meibett, marmorn unb fatt ift biefeS Zünftler merf, hart, gefühllos unb 
graufatn in ber notten SBudjt feiner Sragif bis gur Brutalität. Hub boeb 
!ann man ben gudenben Vern fühlen, ber biefe Sittung burdhbebt: bie 
heiße Siebe beS SitterS gu feiner Schotte, in ber er murgelt; man tarn 
in ihr bie fdjmerglid) potenbe Seele meinen -— nein, nicht meinen, ftumnt 
unb tbränenloS fdjlutgen hören, bie in ihr lebt. Ser Siebter tritt un* 
geraöbntid) meit bmter feinem Sßerte gurüd; baber bie fdjeinbare, fühle, 

antbeittofe Dbjeftinität, t 

gm „Büttnerbauer" ergäblt $oleng bie ©efd)id)te beS Verfalls eines 
Bauerngutes unb bamit — beS BauernftanbeS. @S beberrfebt ben Vornan 
bie furchtbare Vothwenbigfeit beS SdjidfalS, bie ber ^auptmefenSgug aller 
ed)ten fragil ift. Stritt um Schritt roirb ber Büttnerbauer feinem Unter* 
gange entgegengebrängt, er mag fich fperren unb fträuben, fo riet er will. 
@r leibet nid)t an eigener, böefeft perfönliter unb barum ben Unbeteiligten 
wenig intereffirenben Sdjulb, fonbern an ber Sdjulb eines gangen Volles. I 
Vicht ein felbftgegimmerteS Sdjidfat bridjt über ihn betein, es finb bie 
graufamen Seitbeugen einer ehernen Seit, bie ihm feine Vernietung bereiten. 
Sarum ift beut alten Bauer, ber non biefen Senbengen nichts weife, baS I 
VtteS fo unbegreiflich, fo unfafebar unb unglaublit. ®icfe felbft weife er. 
frei non Scbulb am Untergange feines BefifetfeumS. @r bat feinen Merl 
gehegt unb gepflegt mit feinen «ßänben, „er mar ihm uertraut mie ein 







HMIfyelm non polen3. 


greunb. @r fannte alle feine ©xgenarten, feine Sdjwädjen rote Vorzüge 
m in’S Kleinfte hinein. @r ftanb 31 t biefem Voben, beffen SJogn er mar, 
bodj wieber wie bie Vhitter jurn Kinbe; er batte tg m non bem ©einen ge' 
geben: feine Sorge, feine Siebe, feinen Schweif?". Unb gwifdgen ihn nnb 
biefen hobelt fdjob ftd; nun ein furdübareS ©twaS, baS er nicht faffen, 
ni4t swingen fonnte, bem er preisgegeben war. „Qrgenbwo bg braunen' 
unfaglidj für feinen ungelehrten Verftanb, gab es ungefdgriebene ©efefce’ 
bie mit eherner SRotgwenbigfeit auf ihm nnb feineSgleicben lüfteten, ihn in 
unfidtfbaren betten hielten, unter beren ©ruef er fiel; wanb unb su £obe 

quälte." @r fannte biefe Mächte nicht, bie ihn non feinem Voben weg* 

ciffen nnb nerniegteten. „£raugott Büttner hatte nur ein bumpfeS ©efügl, 
nne bunfle Sl^rmng, bag ihm grogeS Unrecht wiberfagre. Slber, wer wugte 
Denn gu fagen: wie nnb non wem! V>en follte er anflagen? ®aS war 
a gerabe baS Ungetmlidje, bag es eine (Märung nicht gab. $DaS Ver^ 
Derben war gekommen über Vad)t, er wugte nicht, non wannen. 3Wenf$en 
iatten Rechte über ihn nnb fein ©igentgum gewonnen, gtanbe, bie ihm 
)or gwei fahren nodj nicht einmal bem kanten nach befannt waren. @r 
iatte biefen Seuten nichts VöfeS angethan, nur igre <gilfe, bie fie ihm 

tufgenötgigt hatten, in Slnfprudg genommen. Unb barauS waren, bnrcl) 

Borgänge unb SSenbungen, bie er nicht nerfianb, Rechte erwadgfen, bnreh 
,»ie er biefen ^Uenfdhen in bie £änbe gegeben war. @r mochte fieg 

•en Kopf zermartern, er fonnte baS ©ange nicht begreifen. ©ineS blieb 
;ls Untergrnnb aller feiner ©ebanfen unb Gefühle: ein buntpfer, fdjwedem 
?er Ingrimm. 3gm war unfagbareS Unrecht gesehen, ©ein SRunb ner* 
Ifummte, hätte er ihn aufgetgan, es wäre eine Klage erfchotlen, bie fein 
dichter biefer 2Mt angenommen hätte." 

Unb fo geht er benn audg ju ©runbe, fopffdjüttelnb über eine 2Belt, 
ie er nicht nerftegt. 

Qn bem tragifchen ©efegid biefeS oftelbifcgen Kleinbauern uotlgiebt fid) 
aS Gingen ber alten mit ber neuen Seit. @S ift ein grogeS Stüdf SEBelt, 
Deiches in ben Magmen biefer £)id)tung gefpannt ift. £)aS beftimmt bie 
3röge igreS VßertgeS. — 

Polens entflammt einem altabeligen ©efdjledjt. @r trägt Vergangen* 
eit in feinem Vlute nnb Ueberlieferungen. 2Bie Kiitb feiner Seit, fo ift 
c and) Ktnb feines ©efcgledpeS. $>ie Vergangenheit giebt feiner all* 
emeinen menfcglicgen Vßefengeit ein lebhafteres unb beftimmt gefärbtes 
olorit. 2lus ber Siebe $u feinem Staube, bem bentfdhen Slbel, bie ans 
-inem innigen S u fammengange mit ber Vergangenheit refultirt, ift fein 
ioman „SDer ©rabengäger" geboren. £)ie ©egenwart ift aber in ber 
Serfönlicbfeit beS SDidgterS mächtiger als bie Vergangenheit. @r fteüt für 
:tnen Stanb baS erfte, bewugte SoSlöfen non Ambitionen bar, bie feinen 
^ebenSwertg mehr in fidh tragen: ©r ift erft V?enfcg unb bann Qnufer, im 
iegenfafe zu feinen StanbeSgenoffen, non benen er baSfelbe nerlangt. 






\32 


llucjuft ^riebrid) Kraufe in Breslau. 


Ohne, ba& aber ber gunfer Polens eS rnerft ober merfett toill, giebt ber 
üflenfd) unb Didjter ^olenj fo baS gunferthum auf. 2BaS er im gunfer 
retten miß, ift neben bem Sftenfdjen ber Sauer. diid)t ber Runter f)at ben 
Soben fultmrt, fonbern ber Sauer, ob er ein „non" oor feinem tarnen 
trägt ober nidjt, ift gleich. 

DaS Kulturbilb, baS ^oleng in biefem Vornan giebt, ift meßeicht 
ein farbigeres, bewegteres unb lebenbigereS, aber fein fo großes unb 6e= 
beutenbeS mie im „Süttnerbauer". Die 5Rötfje beS 2tbelS, feine Schwächen, 
gebier unb Sorgüge finb ber mobernen 3eit unb Kultur weit weniger 
wichtig unb intereffant wie bie Üftöthe ber ©roj^ unb Kleinbauern. • 

31ber and; als Kunftwerf an fid), ftßf)t ber Vornan hinter bem oorigen 
gurücf. 3lnt gaben einer fdjroad) bewegten .ganblung werben prädjtige 
unb bunte Silber tofe auf gereift. 3lber fie werben nicht organifd) mit 
einanber oerbitnben; eS fehlt ber «fbanblung unb ihrer ©ntwicflung an 
gwingenber diothwenbigfeit unb machtooßer (Steigerung. 2Bir erleben nicht 
wie im „Süttnerbauer" ein tragifdjeS ©efdjiä, baS uns erfd)üttert> fonbern 
nur wie aus bem Seutnant ©rieh non Kriebow auf ©rabenhagen ein 
tüchtiger, ber mobernen Seit unb ihren gorberungen fid) anpaffenber ©rofr 
grunbbejtper wirb, ober richtiger, gu werben fid) entfd)lief$t. 

Die gleidje Sorliebe beS Did)terS für länblidje Serhältniffe unb börf« 
liehe Sewohner, bie er mit fnappen Striaen gu geidmen nerfteht, wie in ben 
beiben eben befprochenen Romanen, nerrathen bie unter bem Ditel „SuginS 
lanb" gefammetten Dorfgefchtdjten. Sie geigen bie gleiche Eigenart ber ob? 
jeftinen, unintereifirten Schilberung. Die fed)S Sfiggen biefeS SanbeS 
wirfen nicht, wie ber „Süttnerbauer", burd) 2Budjt ber ©reigniffe, fonbern 
mel;r burd) bie fräftige fßlaftif ber ©eftalten unb bem ihnen innewohnenben 
ungebrochenen, fräftigen ©mpfinben. Die werthooßfte ber flehten ©rgählungen 
ift „Der arme ©rule". 9Jtit ben einfachften, prägnanteren Strichen unb 
gefcbidter, burd) bie Sdjmerglid)feit ber ©reigniffe wirfenber Steigerung 
fchilbert ber Dichter baS fdjlidhte, ergreifenbe ©efd)icf eines armen, burdh 
einen Streif brotlos geworbenen ^anbwerferS. — 

©inem perfönlichen ©rlebnifj beS Dieters entfprang baS Drama 
„3InbreaS Socfholbt"*). DaS Stüd geigt aber nicht bie blutenbe gtifcfje 
ber ©mpfinbung, bie folgen Dichtungen meift eigen ift. 2lud) fehlt 
wieber fraftooße, leibenfcbaftlid) erregte Steigerung, bie unaufhaltfam ber 
Kataftrophe entgegentreibt unb barauS refultirenbe bunte güße unb Sc* 
weglichfeit ber $anblung. 3lnbreaS Sodholb ift feine tragifdje ©eftalt, 
bie an bem TO&oerhältnifj gwifdjen Kraft unb Sßoßen fdjeitert, fonbern 
nur ein närrifcher gbealift, ber an einem feelifdjen Defeft, bem Mangel 
an 2Birftid)feitSfinn, gu ©runbe geht. 

gn fßoleng’ fünftlerifdjem Schaffen finb beutlid) gwei §auptperioben 





*) Bresben unb Seipgig, ©. ^ierfon. 1898. 














2X>i11]e 1 m r»ort polettj, 


\33 


ju erlernten. Sie erfte erreicht ihren fünftlerifdien ^ö^epunft im „Büttner* 
bauer" unb fchlicßt mit bern „©rabenhäger". Sind) einige 3ioueCCen be? 
weniger bebeutenben Banbe? „Dieinijeit" unb }um STijeii bie Sorfgefchiditeu 
„2ugin?(anb" geboren biefer qSeriobe nod) mit an. Sie jrueite beginnt 
mit ber 1898 erfdjienenen Seemeile „SBalb". 

3 « bie fable, obieftiuiftiicbe Slrt ißolenj’fcber SBeltbetrachtung ift eine 
tiefe, marine gnnerlichfeit gefommen. Gr finbet für bie ©efüblsroertlje ber 
©rfcheinungen ftimmung?ootleren Slu?brud. ®? ift, als hätte er nun erft 
bie ganje (Seele ber Singe entbecft. (Seine Slntheitnabme an ber eigen 
geraffenen SBelt äußert ficß nicht mehr blo? in ben Greigniffen, fonbern 
audb in feinen ©djilberungen. Sa« ift nidjt eine Slenberung im SBefen 
feine? fünftlerifdjen ©cßaffen?, wohl aber eine Slenberung ber Sifianj 
pnfdjen bem Sidf)ter unb beu Singen ber SÜBelt. Gr fiebt bie «Seit nicht 
mehr außer ficb, er fühlt fie in fidj. Sa? giebt ihm einen feinen ©inn 
für bie innigen 3ufamment)äuge unb aBecßfelbegiebungen, bie sroifcben 
3Kenfdj unb 2Be(t beftehen. Gr fpürt bie £eben?ftröme, bie non bem 
aiJenfchen auf feine tobte unb tebenbe Umgebung übergehen, unb fühlt nun 
erft gang, roie auch bie Umroelt ben SStenfdien beeinflußt unb geftaltet. 
Siefe Betrachtung ber Singe ift eine tiefere unb freiere, ©ie refultirt 
au? be? Sicßter? Bobenftänbigfeit unb bem bewußten Sufammenhang mit 
ber Scholle, auf ber er Tebt, unb mit ben Singen, bie biefe ©cßolle trägt, 
fomie au? einer intenfineren Betrac£)tung?meife. 

SBie ben Singen, fo fomrnt er and; ben ©eelen ber Sltenfdjen näher, 
©eine Sichtungen werben baburdj intimer, pfphotogifdi tiefer unb weicher 
in Sinie unb gort». 

3n feiner Stooelle „9Mb" erzählt «Polens bie ©eelengefdßidite eine? 
-jungen, in bumpfer ffi>ettabgefd»eben£)eit an ber ©eite eine? älteren, aller 
innigen ©efüßle baren ©atten baßinlebenben Sßeibe?. 9)tit fpürfeinem 
gnftinft finbet ber Sichter alle SBechfelbesiehungen auf jmifdjen ber inbi= 
oibueüen SBefenßeit feiner bDbenfcfiett unb bem Sßalb, in bem fie leben. 
Sein Berf)ältniß jur Statur ift ein lebenbigere?, innerlichere?, feelennollere? 
geworben. Gr hat bie Seele be? SBalbe? erfannt. Ser Dberförfter ©elt= 
nann, ber trocfene harte Beruf?menfd) freilid) fpürt fie nicht. Ser SBalb, 
ier ßöfserne SBalb, ben man fdjlagen, berechnen, wieber aufforften fann, hat 
hnt bie Seele an? bem Seihe gefogen, baß auch nicht eine ©pur non tieferem 
3Jefül)l für SBeib unb ffiinb übrig geblieben ift. grau Slnna bagegen hat 
n biefer bumpfen, engumfcbloffeneu Ginfatnfeit ihre ©eele noch nicht finben 
önnen. Sie fcßläft noch, feit fie al? junge? unreife? SKäbdjen bem bereit? 
ilternben SBittmer in feine ©inöbe gefolgt ift. fyn biefer 3eit jagte ißr 
iuch ber SBalb nicht?. Grft al? bie Siebe über fie fomrnt unb ihre ©eele 
oecft, entbecft fie auch be? SBalbe? ©eele. „Sinn l) Q tte auch Slnna ben 
!Beg gefunben jur Statur. SStit einem SJtale mar ihr ber Sauber be? 
Balbe? aufgegangen, in betn fie sei)' 1 Qaljre gelebt mit oerfdjloffenen 



^3^ - 2luguft ^rtebrtdj Kraufe tn Breslau. 

3 luaen. 3 ept roar baS SMrdien entsaubert. ©ie fab bie $rad)t bet 

mächtigen non taufenb Säulen gebilbeten fallen, baS luftig geroöibte (Sad): 
barttber, bie fdiiUerrtben ^liefert beS «oben?, bie leudjtenben pnfter, burd; 
loclctie bie Sichtweiten ungehinbert auS> unb einfloffen. (Sen ©inn für bie 
©dtönheit beS Kleinen unb Kleinften erruachte in ihr, toie liebte tie auf 
einmal all bie barmlofen Seberoefen um lieb her tu Suft unb Grbrcich, 
beten ©afein fie oorher faunt beachtet tiatte. DRit linblicber peube be* 
obadjtete fie baS SBibbeln unb Kribbeln 511 ihren ppen, baS ©dnepen unb 
©priefjen au (Baum unb ©traueb- Gntsüctt laufcf)te üe bem ^jubiliren ber j 
«Böget unter bem »lätterroerl. (Ser (Salb mürbe ber Uebfte peunb ber 
»eiben. @r fdjien fie 511 oerfiehen, mie fie ihn oerftaitben; er mar oer- 
fdptüegen, fab alles unb fagte nichts. ®r raufdfte ihrer Siebe eine bunbert= 
taufenb Sabre alte, einfache einig fifiöne ISRelobie." »alb mit ordieftraten 
Säuen, batb mit meinen, leifen (Regiftern fpielte ber ÜBalb nidtt bloS ihrer 
Siebe bie »egleitung, fonbem and) bem erft füfsen, bann immer bunfler 
unb fchmerer roerbenben ©ü)idfatsliebe biefer armen pauenfeete. 

(Sie Stonette „SBalb" ift mie ein IprifdteS @ebid)t, notl munberbarer 
©diönljeit. (SaS tiefe Otaturempfinben beS (SidjterS Kommt in ihr in allen f 
Sonnüancen jutu SluSbntd. (Polens liebt bie Statur. Sillen ihren nielfältigen I 
©rfdjeinmtgen gebt er mit forgfältig beobadjtenber Siebe nad). Unb itt | 
feiner Künftlerfeete erwachte fte ju reichem Seben, baS bie ©igenart unb 
SBättue feiner ©ntpfinbung atbmet. ©0 ftolj unb grofj unb befjerrfcfienbj 
hat ber (Sidjter jur Slatur noch nirgenb in feinen (Sidjtungen geftanben. 

Unb noch nie fo nabe. . 1 

3 um erften ÜRal geftaltet (Polens in biefer (Rooelle ein pauenjdjtdjal. 
(Rieht in allen (pbafen feines SebenS hat ber (Sidjter ben pauen in gteidjer 
Steife gegenüber geftanben. 3 m Seben beS jungen ©tubenfen in »erlitt, 
fpielten fdjuell angelnüpftc »erhältniffe mit pauen eine grope (Rolle, unb 
feine innerliche ©teltung sur pauenroelt mar eine siemlidj oberflächliche, 
Sunt Shell fogar frioole. ®aS änberte fidt aber, als er in einem reichen, 
ihn ganj beglüdenben pauenljersen, baS fid; mit allem phten ihm ganj 
ju eigen gab, bie ganje pauenroelt ertaunte. (Polens’ Familienleben i 
feine ©attin hat ihm oier Kinber gefdienlt — ift ein feiten gtücflidjeS. 
®S bebentet für ihn eine Duelle ber Kraft unb »eriitngung. ©eine 
fahruugen im Familienleben unb tnand)e intimen Grlebniffe haben iljn Sit 
einem ernften »ereilter ber pau gemacht. 

3n »erlin tarn (Polens auch mit ber ntobernen pattenberoegung in 
»erührung unb lernte bereu £auptführerinnen perfönlid; Kennen. ®aS 
mag eine äupere »eranlaffung mehr geroefen fein, bap er fid) mit bem 
(Problem „SBeib" innerlich befdjäftigte. Sffiie anbere fociale pagen bisher, 
trat nun auch bie pauenfrage in ben Kreis feines (SenfenS unb inteveffirte 
gar halb ben Kopf unb baS §erj beS OidjterS. »orfidjtig unb mit ben 
Sarteften Organen feiner fettfibler geroorbenen ©eele taftete er fid; h incin 




- ttMlfyelm fort polen^. - t35 

in bie Seele bergrau; erlebte fidj in fte hinein, bis er baS 2£eib erlebte 
unb gang in ihm untere unb aufging. 

gtt Dhefla uon Sübetinb hat Polens baS gbealweib geftaltct, inte es 
feiner (Seele fich gezeigt hatte. Qu biefer grau 'lebt „bie angeborene, unb 
unausrottbare (Bitte ber SBeibnatur, welche bie gel)ler beS Faunes, unb 
mären fie blutrot^, in fcfineeroeifs oerraanbelt". Diefe (Büte ber grauen« 
feele wirb trau ben grauenredjtlerinnen, bie für alle mögtidjen unb unmög« 
lidben Rechte beS SBeibeS fämpfen, ftetS oertannt, weil fte nicht raiffen, 
„baß im SBergeißen ber Schmale gum Starten wirb". (Büte unb Siebe 
itnb barum bie Seele btefer grau, il)r felbft unberaubt, benn erft gule^t 
rafennt fie ißr tieffteS Sßefen. So geht fie bie S'öege, bie baS gerg ißr 
raeift, baS gerg, baS immer ihrem Stopfe oorauS ift, „ihr unflugeS, eraig 
unberaeßrteS gerg". Daufenbfältig irrt fie, eine Siebe flößt fie gurüd, bie 
nur ihr gerg begehrt, eine aubere erhört fie, bie ihr (Mb gemeint hat. 
Unb boä) hat fte fo thun mitffen, raie fie getrau, fo lieben muffen, raie fie 
geliebt. gßr gerg raar ber Verführer. 

■3Jtit feinem SBerftänbniß rührt hier Sßoleng an bie gnftinttnatur beS 
ÜBeibeS, baS, einem bunflen Drange folgenb, unbeirrbar oon ©efefeen, 
Regeln unb Meinungen, burdj Scbulb unb Schicffal gum enblidjen, guten 
giele fdjreitet. Damit bedt Polens bie ticfften Duellen beS raeiblichen 
SßefenS auf, aus benen alle ©ebanfen, SBorte unb ganblungen ber grau 
n eraig ununterbrochenem Strome fteigeu. 

Der Vornan „Dhella Sübelinb" ift bie ©efchichte eines gergenS unb 
)arum eines SchicffalS. 

Die Siebe ift beS SBeibeS SEßefett; erft in ber Siebe unb nur in ber 
Siebe finbet bie grau fidj felbft. gn feinem graeiten grauenroman, „Siebe 
ft eraig", giebt $oleng bie ßmtraidlungSgefdjichte eines SeibeS, baS fich 
)itr(h taufeubfäitige grrungen, bie ihr SBjtnben um SBunben fdjlagen, 
spröbigfeit unb herben Stolg überrainbenb, gur Siebe unb bantit prn 
Beraußtfein ihrer SBeibnatur htoburdjringen muß. Die gange (Srgäßtung 
ft ein einziges SBacßfen, Serben unb Reifen, ein fixeres ginburdjftnben 
)eS gnftinfteS gur SBefeußeit beS SöeibeS. 

gn beiben Romanen geigt ^ßolenj, raie er, wenig freilich raoljl im 
Sinne moberner grauenrechtterinnen, baS 2Beib erlebt hat. SJiit bent tiefen 
Berftänbniß ber raeiblichen Statur hat ber Dieter bie goße feiner ßunft 
erreicht. Denn im SBeibe erft erlebt ber SOtann bie gange SBelt. Stidjt 
ene äußere, bie fich tagtäglich ihm iu’S Singe brängt, jene innere SBelt 
vielmehr, bie nur bie feiuften Organe ber Seele fühlen tönnen, bie erft 
ne äußere beraegt unb belebt. 

$oteng’ ftunft ift bisher in beftänbiger ©utraidlung geraefeu. Shtn 
te ihre göße unb Steife erreicht hat, fittb Ueberfcßau unb Abwägung raoßl 

nöglidj. 

fpoleng ift ein Stinb feiner geimat. 9Jftt ad’ ißrer Straft unb @igen« 




*36 


21 uguft ^rtebrtcb Kraufe in Breslau. 


' 


art lebt fie ungebrochen in feiner ©eele. Von ißr bat fein innerliche^ 

2 öefen grifcße unb gärbung ermatten. gbr banft er feine bobenftänbige 
Straft, feine lXrfprüngliCbfeit unb feine ©efunbbeit. Der Realismus be3 
Stünftler» fßoleng ift nichts äufeertidh 3XngefCogene§, SlngelernteS, ift feine 
S0iobefacbe. @r refultirt aus beS Dichters gugebörigfeit unb feiner Siebe 
gur Heimat. Die SSelt ber (Srfcheinungen brängt fid) mit aller güde nnb 
garbe feinem Singe nnb feiner ftinftlerifdj arbeitenben ©eele entgegen, 
©eine Siebe lehrt ihn, bie güde biefer Grrfdjeinungen gu faffen nnb treu 
miebergufpiegeln. gebe (Singelbeit feiner Heimat, feiner SBelt, feiner 
©(Jolle, feiner Seute ift ibm raicbtig unb raertt). SiebenoH §eicf>net er Sitte»- > 
nach, bie Vorgüge mie bie ©djmädjen unb gebier. Denn feine Siebe ift 
feine ntoberne Slffeniiebe, bie fälfdht unb betrügt, ©iefe Siebe gum Sehen 
in allen feinen (SrfcbeinungSformen unb gur Heimat giebt, weil ibm Sittel beS 
©eftaltenS mertb erfCheint, feinen Dichtungen bie oft behagliche, auSrubenbe 
Vreite, bie bem fcblefij(Jen Dbeil feinet SßefenS medeicbt entftammt. 
©eine ©djilberung jebocb ift fnapp unb prägnant; er hat eine febr ftarfe 
©eftaltungSfraft, bie nicht malt, fonbern plaftifcß formt, ©tarflinig fpringen 
feine giguren aus bem ©tein. Dagu hilft ibm eine fdjarfe ^Beobachtung^ 
gäbe, bie fofort baS SSefentlicbe einer (Srfdjeinung erfaßt. Säe ift ein (Srbtbeil 
feinet acferbauenben ©efcßlecbtS. Stuf feiner ©cßode, umgeben uon einer 
güde ber (Srfdjeinungen, bie täglich unb tägltd) mieberfebren, lernt ber 
Vauer ihre Sßefenbeit erfennen. Sille» Undjarafteriftifdje nerliert fiel) auf 
bem SBege gu feinem Singe, unb nur baS GJarafteriftifcbe malt in feinem 
Sluge baS Vilb. ’ 

fßoleng bat, beftimmt burdj Slbftammung, Heimat unb Veruf, feinem 
innerften SBefen unb feiner (Sntmiälung nach gutn VealiSmuS gelangen 
muffen. Der Slbel feiner ©eele, ber aus feiner nornebmen Vergangenheit 
auf ihn gefommen fein mag, ber garte, feine Daft, ben eine liebenb er* 
giebenbe SJiutter in ibm groß gepflegt bat, haben ihn aber nor bem rohen, 
brutalen VeatiSmuS ber äußerlichen (Srfcbetnung bemabrt. SSorte aus 
feinem erften Vornan gehören ihm auch ihrem ©inn unb ihrer Meinung 
nach: „geh gehöre nicht gu benen, bie in einer tnöglidjft getreuen, gleijfam 
Photographien SBiDergabe ber Statur ben gmeef ber Stunft erbliden, ij 
ftrebe gmar nach VealiSntuS, aber nach einem ibealifirten, geabelten. 
Söogu hätten mir benn fonft eine Stunft, menn fie uns nichts VerebeltereS, 
SlbgeflärtereS git bieten oermöcbte, als baS häßliche, nüchterne Seben." 

SSeil fßoleng baS Seben in allen feinen (SrfcbeinungSformen liebt, 
racil er belle Slugen hat unb über ben Dingen ftebt, fühlt er fiCh bem 
Seben überlegen. Daher fommt ber «gurnor, ber feine Did)tungen manch* 
mal überleitetet, ber gemüthnolle, trodene §umor ber ©ituation, nicht 
jener biffige, uerleßenbe beS SSorteS, ber mehr ein fehlest verhehlter Slerger 
ift. (Sr quillt ihm aus ber oft originellen unb tomifchen ©ruppirung ber 
Dinge, bie baS Seben fo oft liebt. 







tXHlgelm üon polettj. 


137 

Qn bem «ßofeng’fd&en ©garafter lebt ein gutes ©tüd norbbeutfdger 
©emiffengaftigfeit; biefe lägt ign jebe ©rfdgeinung überlegenb ab mag en unb 
igrem SBertg entfprecgenb einfdhägen. ©r liebt fie alle unb geftattet fie 
alle, aber in ber Betonung madgt er, ber 2Bidjtigfeit entfprecgenb, gerecgte 
Unterziehe, ©o begatt bas Sßeltbilb and) in ber non igm gefcbaffenen 
©ruppirung feine innere 2Bagrgaftigfeit. teilte ©enbeng, feine Auflage, 
;ein leibenfdjaftlidgeS Urtgeil ftört bie aus bem Qnnerften quellenbe Harmonie, 
jßoleng ift wahr bis in bie fleinften ßteinigfeiten ginein. ©aburd) erlieft 
er feine 2Birfungen. ©itrcg bie SEßagrgeit ber ©reigniffe werben mir madgt* 
ooller erfdgüttert als burd) tenbengiöfe Verfdgiebungen im SBettbilbe. 

©ieie Vemagrung ber inneren SBagrgaftigfeit mirb igm um fo leicgter 
nögtidg, als feine Seibenfdgaftlidgfeit fein Urtgeil beeinflußt unb trübt. ©iefe 
BeibenfdgaftSloftgfeit ftammt audg aus feinem norbbeutfdgen SBefen. ©r rüdt oft 
o weit non feinen ©eftalten ab, baß feine unparteiiZe Dbjeftimtät als teilte, 
©leicggiltigfeit unb Unintereffirtgeit erfdbeint. SJfit ber in feiner gm eiten 
SdhaffenSperiobe gewonnenen Qnnerlidjfeit ift audg fein fubjectineS, martneS 
Mtempfinben mehr gurn 2luSbrud gefommen. ©rogbem ganbeln feine iperfonen 
aod) immer aus einem rugigen Qmputfe gerauS. ©ie fennen feine Slffefte. 
Unb wo ber ©idgter bodg einmal «ganbfungen Zitbern mug, bie aus fotegen 
•efultiren — wie in „©geffa Sitbefinb" baS Verbrechen ©abriet VartufcgS 
— tgut er es auf inbirefte Steife, er lägt banon ergägfen. ©o erreiegt er 
jeroiffe Slbftänbe, bie eine fügfere unb rugigere ©arftellung mcglicg maegen. 
Keil igm bie ftarfe Qmputfimtät fegtt, fennt er audg feine leibenfdgaftlidg 
bewegte §anbtung, bie mit fortreißt wie ein fiel) überftürgenber Vergftrom. 
SineS folgt bei igm auS bem Slnbern in rugigem Qtug unb ruhiger 
Steigerung, «hierin liegt wogt audg ber ^auntgrunb, bag fßoleng auf ber 
Bügne wenig (Erfolge gat. ©ie Vügne will leibenfdgaftlidg bewegte £>anbtung, 
iyirt in bebeutenben Momenten, ftetige, unaufgattfame ©teigerung; feine 
ugige, in jebem igrer ©lieber liebeood bargefteUte ©ntwidlung. 

©er Zünftler ^joleng gat eine eigentgüntliege 3lrt, baS ©ppifege in 
>er Sßelt ber ©rfegeinungen aufgufaffen unb wiebergufpiegeln. ©o fegr 
eine Sftenfdgen audg SJtenfdgen finb unb igr cbarafteriftifdgeS Qnbimbual« 
eben gaben, gunäcgft finb fie boeg ©ppen igreS ©tanbeS, igrer Stoffe, igrer 
Heimat unb igrer Stoffe. ©aS giebt ben ^oleng’Z^ ©idgtungen igre 
Broggügigfeit unb igre Vebeutung als JMturbilber. ©enn wie ber 
Didjter im ©ingelmenfcgen immer erft baS Qnbiuibuum liegt, fo fieht er 
:ud) int ©ingelfcgidfat baS ©efammtfegidfat eines ©tanbeS, einer klaffe, 
ineS VerufeS. Qm ©ingelmenfcgen unb feinem ©dgidfal rerförpert er bie 
jfreuben, Selben, Hoffnungen, ©rwartungen, 2Bünfdge, ©egnfücgte, Qbeen 
mb ©gatfadgen einer ©efamrntgeit. ©o fdgafft er wie einft ©ugfow, 
Spielgagen unb ©uftan greptag groge Slusfdgnitte aus bem ßulturbilbe 
•er ©egenwart. 

^oleng ift bei ben äugeren ©rfdgeinungSformen ber Sßelt unb beS 




*38 


21 uguft ^rtßbridj Kraufe in Breslau. 




Sebent nicht fielen geblieben. (Sr I)at tiefer gegraben unb in bie Stammen* 
hänge ber Singe untereinanber, ber SJienfdjen nnb ber Singe f)inetn= 1] 
gefeben. (Sr bat bie ewigen Beziehungen gwifcben allem ©eienben er* 1] 
fcbauernb abnen gelernt. 2ßie fein weife er nicht bie taufenbfältigen gm 
fammenbänge nnb beftimmenben dßechfetwirfungen zuufcfeen $tenf<h nnb l] 
Statur, gwifcben Heimat nnb (Sfearafter aufjnfpüren unb barzufteden. ©olj 
oeranfert er feine $ienfd)en in einem ewigen ©runbe. (Sr weife aber i 
auch, bafe e§ gebeimnifeoode Berbinbungen giebt ^wifcfeen bem (Sfearafter 
ber Sdtenfdjen unb ihren (Srlebniffen. (Sr empftnbet bie 9iotl)mcnbigfeit nnb 
©efefemäfeigfeit jebeä ©djitffals. Unb wieber and) weife er, bafe baS 
©cfeicffal bocfe fdjtiefelid) nur eine golge be§ inbimbneden 2öefen3 ift. Slber ij 
reftlo§ enthüllt fich auch ihm nicht bie 2Mt. 3h r tieffteS Siefen bleibt and) 
feinen hedfeherifdjen Gingen oerborgen. Heber aden medjanifdjen Snfammew 
fjängen ber SBeltbinge ahnt er geheimnifeood wirfenbe Kräfte, bie nnferem 
Verfiel)en fich entziehen. 

©o nodgieht fid) vor feinen Gingen ba§ Seben, beherrf<3fet non SBidfür 
unb (sBebunbenfeeit. 

„Vorbei an Sibgriinben, bie man fannt erfannt, burcfe fonnbeglänzte 
(SJeftlbe, wie burcfe nebeloerfeangene Sanbfdfeaft, innerhalb ftet<3 wecfefetnber u 
Ufer war man geführt worben oom (Strome ber 3 e it, unbefannten 
(Schmerzen nnb unbefannten greuben zu. Sa3 war fchliefelid) ba3 SBefic 
am Seben, bafe man nicht im Borau3 wnfete, wo e§> einen lanben würbe. 
Unbewitfet wacfefen wir wie bie Pflanzen, entwideln un§, gebeiben nnb 
oergefeen nach ben bunflen ©efefeen nuferer 2lrt, aber eine £>anb ift boäfe 
ba, eine unficfetbare, bie un& erzieht. -idtandjmal gelingt e§ un£, ihr (Stw 
greifen z u oerfpüreit, in begnabeten Slngenbliden ihre SBinfe zu ahnen. 
2lber e§> ift nicht ade Sage geiertag. ©ed)3 SBerftage l)ut bie SBocfee, fed)3 
lange graue Sage ber Arbeit nnb ©orge. 2lu§ taufenb nüchternen steinig? 
feiten fefet fid) ba§ Sldtäglicfee zufammen. SBäferenb wir am ©tufele fifeen \\ 
nnb weben, erfennen wir nicht ba§ Söilb, weites nufere «fgänbe bereiten. 
Sie grofeen nnb wichtigen Singe gehen in ben Siefen fern unferm Bes 
wnfetfein oor fich. üftidjt mit bem Hopfe bauen wir nufer Seben, fonbern i 
mit bem §erzen." 

3 m letzten ©runbe ift e» bocfe ba§ (Sefübt, ba§ 2lde3 entfdjeibet. 
Sie dßeltanfchaunng, bie fich in fßolenj unter 3rren nnb Kämpfen au$ 
Sßefjuntömuä nnb Setermini§mu§ heran^gebilbet b a t/ ift ein gläubiger 
3 beati3mu3, ber an bie ewige B>anblung3fäl)igfeit be» -äftenfcfeen, an bie 
nnoerlierbare (Bitte feinet ^erzeug nnb bie (Swigfeit ber Siebe in ber 
menfehtidjen Bruft glaubt, ©ie ift eine tief refigiöfe unb giebt barnrn 
einen feften, unoertierbaren ©runb, auf bem feine ^erföntid)feit fleht, ficfeer 
unb frei in ihrer freubigen Sebenäbejafeung nnb au£ bem feine Sichtungen 
wachfen. 

^olenz ift ein echter $eimat3bicbter, benn bie Heimat lebt in feiner 





Züt Ifyelm t»on polett3. 


m 

Seele. ®ie fjeimatli^e Stoffe giebt tfjm fein 33efte3: ßraft, ©efunbbeit, 
5 rifd)e unb üftatürlid^eit. Gsr ift eine eigenartige unb reiche ^erfönlidifeit. 
Die bie raffinirte Ueberfultur ber ntobernen Seit in fidj überwunbett unb 
Da3 Seben in Siebe wiebergefunben bat. 5Darum ift er ein Sßegweifer in 
dö§ Sanb ber Sutoft. 3)ie ©rennen feiner geimat umflammern ibjtt nicht 
anb engen ibjn ni<®t ein. 9Jiit feinem innigen, glaubend frohen $beali£mu3 
oerflärt er Heimat unb Sffiett, weift er bie gebunbene 9J?enfd)ennatur mit 
ihrer heiligen gimmeläfebnfudü über ficb felbft hinauf wo aCle^ ewige 
$e|*d)eben fid) rodjieht. 

SBilbelm non ^ßolenj ift feiner ber wenigen größten Zünftler, bie ihre 
üöerfe einer SBelt gaben, weil bie gange grobe SBelt mit allen ihren .gäben 
anb Slbgrünben fid) barin fpiegelt. $)afür finb feine ülftenfcben p fleht, 
[eine 23erbältniffe p eng, feine ©cbidfale p gebunben. &§> finb £>urd)' 
fdinitt^menfdhen, bie in nichts über ben Mtag bhtau^ragen, feine in’S 
©rojje geredten (Sb^aftere, bie Fimmel unb göüe pfammenwerfen. Slber 
er ift ein grober @pifer, ber bie ©efchicfe non ©efammtbeiten p geftalten 
weih, ber bebeutenäfte beutfche $ulturbid)ter ber (Gegenwart. 






















Die Welt als Wille. 

Dort 

frans ^erfaig. 

— Danjig. — 

ec^ert SXbenb fam ber ©turnt. (Sine blaufdjtnar^e ^iefentnolfe 
flog nor ißm ber. 23on ibjren gittidjen fd)lug £ob unb 23er* 
berben. 2tngftnoü brüllte bie ©ee auf unb warf ftdj bonnernb 
über ben ©traub ber Qnfel, baß ber junge gifeßer bi3 an ben Selb untl 
toft war non tnirbelnbem ©ifd)t. Saftig fprang er prüd, tnie ba§ Unge< 
beute gurüdfcßtnoll. §ößer empor, $)ie 3ttönen taumelten tnie belebte 
^Tättjer in ber Suft, fcßredlid) fid) abßebenb gegen ben tobtfcbmar§en ©runb. 
2 Xu§ bem gifdjer ftieg e3 auf, tnie tnobltg ba3 £eben tnäre benen, bte e3i 
fo leicht nähmen, fo über ißm tankten tnie bie bort über bem 9fteere. ©leid) 
aber festen feine ©ebanfen §ur ©etjnfu^t nach ber beliebten jurüd. 
©eine 23lttfe gingen hinüber an ba3 jenfeitige Ufer, unb er meinte au§ 
ber ginfterniß ber £ölle ein Sid)t $u feßen. .gitternb && rer um utti) 
faßte ba§ 2300 t, legte ben -äftaft um unb padte e£ an, e» in bie bonnernbel 
glutß ju gieren. 23ont ©traub ßerab eilte fein 2£eib, ba§ Qüngfte ge* 
borgen eng an ber feudjenben 23ruft. ©in blaffet, nertneinteä, nerroilberteS 
©efießt ftarrte ißn an. ©te fpraeß nießt, nur ba3 $inb wimmerte leife 
unter ben eigfalten ©tößen be£ ©turrnä. £)er giftet preßte bie gäufte 
auf bie 23ruft unb ftößnte. 

„2Ba§ toillft ©u? ®u?l 9Jftd) ßolen? ©eß’l gcß ^uüber. — 
9Jhtß! i£)a§ ift nießtä 9Jtenfcßlicße3." 

£)a3 Seßte murmelte er. ßlagenb fleßte fein SBeib, 


























-— Die Welt als ID Ule. - 

§u iEjr. 9tur jcftt nidßt. 3tö$t in bem Sturm. ^cß mia 
ließt Sid), und nicht Seine Siebe. 3cß will nur Sein Sehen, nur Sein 
tadte3 Safein, baß ich einen .galt hübe int Sehen." 

Sie ftanb unb laß gebeugt gegen ben Sturm. Sie wollte ihn um* 
gingen, aber fie trug ba<3 $inb. 2Bie Re eine ganb non ihm löfte, 
»acfte e3 ber Drfan unb brobte e§ p entreißen. So tämpfte fie nnb faß 
ffn an. ^lößlicb fußr er au§ feinen ©ebanfen auf: 

„feilte nocß! Unb morgen ift fie fort!" 

Sie Sßogen rollten höher nnb höher, lieber bie 2Boffer fuhr eine 
umpfe fdjneibenbe Silage wie ber Sobeäruf tanfenber dtfenfcßen. (Sin Schuß 
ca<ßte bumpf burcß bie SRadßt. Sann noch einer. Sa jaudjtfe bie $rau. 
Den giigel hinab mußten bie Zubern tommen, pr Rettung ber ba braußen 
littgenben. Sie mürben auch ißn jwingen. Slber wie fie ßinblidte, war 
J in 33oot fdjon hiuau^ in bie Sftacßt. Sa fiel fie um. — 

Ser gifdjer rang gegen ba<3 SJteer. ginfterniß umgab ißn. Qn ba3 
Donnern befreiter ©(erneute tönte ba§ Slracßen be£ Scßiffe3, ba3 an ben 
'tippen fcßeiterte. ©r hörte ba§ ©etreifcß ber 3Jtenfchen unb faß pr Seite 
untel ba§ SSrad. ©r arbeitete normärt^. Söegeßren in jebem -Utero. 
Men in jeber $afer. Sinter pcften burct) bie 5Rad)t. Wateten fcßoffen 
uf. 3ßre Straßfen waren unficßer in bem brauenben ©ßao<§. Sie Stelle 
iarf feinem 33oot einen ertrintenben Körper nach. ©in junget 2öeib. 
uf bem SXbßang ber gebäumten, fdjwarggrünen Sßoge, woran bie weißen 
5cßaumbäd)e nieberriefelten, tauchte ißr weißet 2lntliß auf. Sie faß ba3 
ioot. ©in ßer^erreißenber Schrei gellte ißm in bie Dßren, ba3 Sönnern 
mßer überwinbenb. gwei 2lrme griffen nach bem SBootSranb. Sa warf 
* fid) rüdwärts mit SJtacßt in bie 9tuber, unb ba§ SßeiJb oerfant. — 
Sumpfer unb wilber braufie ba3 üdteer. Sturmfcßwalben tlatfcßten in 
in ©eficßt. 2lu3 ber Siefe umßer grinfte e3 in Millionen Sitanen* 
Richtern unb fraßen be3 2lbgrunb3. ©r fcßloß bie 2lugen unb feudhte. 

„§eute noch, unb morgen ift fie fort." — Sein Sehen war oertauft, er 
ßtete e3 nicßt meßr al3 fein§. Sange tämpfte er weiter. SBolten in geßen 
riffen weßten über ben gimmel. ©inmal fiel ber ßeitere Sroft be3 9)tonb3 
‘rein. Sa faß er fich um unb erblicfte ba3 Seucßtfeuer. Slber gewaltiger 
te bie offene See padte ißn bie SBranbung, welche pnfcßen Klippen 
aufte. ©in mächtiger 9tud riß ißm ein 9luber au§ ber getrampften 
anb. ©r ftürjte ßinterrüdsS in ba3 23oot unb fcßrie auf. SSirbelnb 
eßte ba3 fid) um fid) felbft unb ftürgte gerfplitternb non ber göbe ber 
■’oge auf ben Reifen. Ser gifcßer wollte fid) erheben, im Sämmer be3 
■rfdßwinbenben $ewußtfetn3 trachtete er hinauf. Slber er oermocßte e§> 
; d)t. ©rft bie nacßbonnernbe, fcßmäcßere SBoge warf ißn ßößer in ben 
'tffen Sanb. Sa lag er lange. Starren 2luge3 emporfeßenb, oßne Sehen 
ub bo(ß pm Sehen ermacßenb. Stumm richtete er ficß auf unb wollte 
ißen. 3ftehrmal£ bradjen bie Slnie. 2lber er fcßleppte fid) weiter, ©r 




142 


an3 fettstg in Danjtg. 




ftanb auf ber £>üne unb btidte uorau§. mit xm «ano war ein asiap. 
cvß r Qi&i bur^fuljt’s. ^ er ® r uft empor, 

sßont Xobe üerfc^mäfjt, braufte ba3 Seben witber in ibm. trieb iJ^n über 
ben trüaertfdjen Sd)webeboben be3 9Jloore§ bem Scheine ju. ^ irt ©Rattert 
fcnn an ihn heran, ein fjunb heulte f)eifer ju il)m empor unb fprang nadf 
feinem $al8.‘ ®r pacfte ba? ©hier unb marf e? ermürgt jut ©eite, ©eine 
güfe uerfanfen beim äßeiterfürmen bi? an bie Knöchel tm Sumpf. _ ©rrtf ft$ 
mit iebem «Schritt Jraftiger empor, ©ine ungeheure SebenSthaftgteit treifte 
in ihm. Slu? ben ungeahnteren Siefen ber menfcbticbert 9mtur quollen 
neue Kräfte, unb alle brängten auf ba? einfame Sicht }u, ba? rotier unb 
größer mürbe, ©eifergleich sogen bie roeifen SSirfen noruber unb mehrten 
mit ben flatternben Sinnen, ©in paar morfche Sßeiben nor ihm jerfplittertäti 
fraifienb uor’m ©turnt, unb ein Raufen elefttifcf) funlelnben §ol?.meht?Ä 
heran?. Sieben ihm jog ber «agenbe Stuf einer aufgefcheuchUn ©ule. 
%tt überlief?, ©ine Satte gauft fab ihm im SlacEen. ©r bltclte nicht jurud. 
Stur uorroärt?, roo bie©rfüHung be? gemaltigftenVerlangen? ihn ermattete. 
«Kitten in ber £ölle feiner Umgebung ftieg ba? Sitb tn ihm empor unb 
machte ihn rnitber. ®a? enge, teppi#ehängte ©emach ber fremben tfran, 
ber brennenbe Kamin. Stuf bem tneifen Stutjebette ba? hertltchfe bet 
Sffiett non ber matt brennenben Simpel mit ruhigen ©chauern ubergoffen, 
- ba fchrat er jufammen. ©r Rief mit bem Kopf an einen 3«««. 
ftolperte an ihm entlang unb blidte hinüber. 3m ©dxiuerlichte ftatter» 
ben gjtonbfcfiein? fal) er ©räber. Sßeife Steine unb ein pa«r hang 
«Säume, ©in ©troa? richtete Reh langfam nor ihm auf. @r blidte erftart 
hin. @? mar nur ber fahle ©c£)ein eine? Sicht? au? bem ©obtengraoer 
hau? ©r eilte norüber unb blidte in ein genfer. ©a muffte er ftiU 
flehen unb fich ben SIngftfchmeif mifchen. ©r fah einen erbrochenen S«P 
tut g[ur unb ben grauen Sitten, bet einer Ktnbe?lei<he bte golbenen Stag 

©Vubernb r faffte fich ber giftet auf. Stahm einen fjmeren ©tet 
unb fchleuberte ihn burch ba? genfer nach bem Sitten. Slber ber SSm 
traf bie Sfßanb unb fiel jerfcfimetternb auf ba? Stntlih ber tobten, 
lief er normärt?. Slber er fah nicht? mehr. Wit iebem Sprunge folpet 
er ®a? araufiqe S3ilb mar ihm im §irn unb nermirrte ihn. ©r t>oti 
fdjon fern bie ©hüre be? ©obtengräberhaufe? in’? Schloß fallen unb feu# 
meiter. Stätjer fam er bem nerbeifenben Sicht, härter unb tro U 

mürbe ber SSoben. ©er ©türm lief nach. »t&emto« Ä.,“'ebränatc 
bi? er nor ber Pforte ftanb, bie ben ©arten netfdjlof. ®te gebrang 

©atmen barin hielten ba? Sdioubiicht jurücl. ©r trat gegen te 
©ie ging auf. ©er $unb fcEjtug uidf an. ©? erfaunte ihn. M 
oben fchimmerte nod burch bte Vorhänge be? genfer?. Über e? be 8 
ihn nidht mehr, ©ein guf trat gegen etroa? SBetdie?; er fafte banah 
fühlte ba? äottige gef be? tgunbe?, ber fich «W ™hrte. Sßte er fei 


/ 








Die rDeit als Wille. 


H3 

fiuub emporbob unb ber blaffe £icf)tfiraf)t barauf fiel, fab er 33Cut. ©in 
• menlofe3 ©ntfefeen pacfte il)u. $)ie ©djmere t)oit 2©etfen bing an feinen 
güßen. (Sr atljmete pfeifenb. v dftefferfdjarf ful)r ein Söinbftoß burdj ba§ 
naffe 3 eu 9- ^ am in ben ^paugflur nnb taftete nach ber kreppe. 3lu§ 
einem ©palt ber oben ftet £id)t bomb. ~(Sr ftanb ftitt nnb tjord)te. 
(Brauenburdimübtt. dM)t§ regte fid). 9)iit ferneren ©dritten nahm er 
©tufe für ©tufe. Sluf ber einen btinfte etma§. (Sr büdte ficb fcbmer^ 
fällig unb nal)m e§> auf. (S§ mar ein Strmbanb. @r fannte e§. (Be= 
bant’enlo3 ftieg er bie lebten ©tufen btnan unb ftiefc mit ber gauft bie 
£t)ür auf. (Srft fal) er nic^t. (S§ tanken Junten in beut £)unfet, ba§ 
um feine Gingen tag. (Snblid) bedang ber milbe (Btanj ber Simpel ba§> 
gurdjtbare. (Sr fab auf beut (Srbboben einen erbrodjetten haften unb fal) 
meiter. $om SMjebett berab büugenb lag bie (Beliebte. £)ie frembe ©d)öne. 
£)en nacfteu S3ufen nerunftattete ber bunfle, breiedige $untt nicht, unb 
ba§ rotbe (Berinfet non ba fyexab über bie bängenbe ©Butter mar grauem 
baft fd)ön. $Der feine, ebte Slopf b)irtg b^tab unb bebecfte mit fd)mar§em 
faaa r ben gubboben. 3b r SJiitnb ftanb offen. £)er gifdjer murmelte 
regung§lo§ an ber Xb)ix r. ©eine Siber blieben ftarr unb ^udten nid)t. 
3lu3 ben liefen feiner $ruft, langfam, brobenb taut ein Krampf. Unb 
ba ftürgte ber gifcber otjne Saut, tobt norn über bie ©djmeüe bin. — 



'Jiorb unb öitb IC. 295. 


10 







3IIuftrirte Bibliographie. 


fRottta« bott Sriftan mtb Sfolbe. Pott Safebh 33 ©bier. 3n’S S)eutfdje 
übertragen non 3uliuS 3eitler. Verlag oon Hermann Seemann Nachfolger in 
ßeipgig! Slluftrirte Prachtausgabe: NUt ca. 150 Poßbilbern, Septiduftrationen 
unb gefdjmüdt non Nobert ©rtgelS. £e£tauSgabe: NUt ©eleitmort non ; 

©afton Paris. 

3u jenen poetifdjen Stoffen, bie nnfterbltd) burch bte Safmbimberte, gu immer 
höheren formen fid) lüuternb, manbelit, gleichfam als ob bie unbegmittgliche Sehnjucht 
nadj ihrer fdhledjthin nodeitbeten Perförperuttg, non Nnbegimt ihnen mitgegeben, fie nicht 
ruhen Iiefje, unb bereu ©eftalten uns non jenem ©migteitSgeljalte, non fo tiefft menfdjlicher 
Befenheit erfüllt fdjetnen, bafg mir fie nicht mehr meggubenfen Dermögeit, bafe mir unS 
nicht norgufteUen im Staube finb, fie mdren einmal nicht getoefeu, gehört and) bie 
©idhtnng non Sriftait unb 3folbe. Nachbem fie burdj SBagnerS ©eniuS ihre geioaltigfte 
unb reinfte $orm erhalten, finb ihre ©eftalteu in bie Nahe jener einigen Summationen 
beS NtenfdjenthumS geriidt, bie als Prometheus, fjfauft, S)ou 3ucnt, &oit Quijote aßen 
SBanbel ber 3ett unb beS ©efchmadeS überbauern. Unter beit großen SiebeStragöbien ber 
SBeltlitteratur ftefjt bie non Sriftan unb 3folbe obenan; fie ift bie SiebeStragöbie. Unb 
muitberbar ift eS, mie tief fdjon bie alten Raffungen in ben reichen Schacht biefeS 
Stoffes gefdjürft höben; — Xriftan unb 3foIbe haben auf bem tneiten SBege non ihr® 
feltifdjeit Urheimat bis gu bem großen beutfchen ÜNeifter fid) meuiger gemanbe.lt, als ber 
loeit jüngere $auft bis gu feiner poetifdjen ©rlöfuitg burdj ben göttlichen 2Bolfgang. 
23er beffen inne merben miß, ber greife gu bem fchöneit Pudje, baS mir bem ^rangofen 
3ofebh Pebier berbanfeit unb baS in trefflicher beutfdher Uebertragung non SuItuS 3dtler 
im Perlage non Hermann Seemann Nad)f. in ßeipgig in gmei NuSgaben erfchienenift; 
einer oon bem Niündjner Zünftler Nobert ©ngels ißuftrirten Prachtausgabe ttnb _ einer 
einfachen XeptaitSgabe, meldjer ber befamtte herborragenbe Nomanift ©afton Paris ein 
„©eleitmort" beigegeben hot, in meldhem er uuS über bie pbifolDgifdjett ©runbiagett beS 
NomaitS unb feinen Mturgufammenhang belehrt unb auch über bie äfthetifdje unb 
ethifche Pebeutung ber Dichtung manches feilte unb anregeube 23ort fagt. 3ofeph Pebier 
hat fid) bie Aufgabe gefteßt, für unfere 3eitgenoffeit bie Sriftanfage in ber älteften $orm 
mieber gu ermeefett, bie fie in ^ranfreidj angenommen hat, ober bie mir menigfteitS er® 
reichen föitnen. 5Diefe Aufgabe befriebigenb gu löfeu, fomtte nur einer Perjönlidjfeit 
gelingen, bie als ©elehrter unb dichter ben in fo Dielen oariirenben fragmentarifdjeu 
©eftaltungen borhanbenen Stoff gu meifterit Dermod)te. Pebier mar biefe perjönlidjfeit. 
3hm ftanben, mie ©afton Paris bemertt, ba bie Dichtungen Don ©Ijmftien Don DropeS 
unb Don ßa ©hebre ooßftanbig untergegaitgen finb, gmei 2Bege offen: ber Nnfdjlufj an 






































- 3Uuftrtrte Bibliographie. - 

23erouI ober ber an DbontaS Don Bretagne, uott bereit Dichtungen ettoa je 3000 SSerfe 
erhalten flnb. f^itr beit Stnfchlufr an DhontaS fpradf) ber Umftanb, ba& baut beit 



2(u3: 2>er 9toman bon SCriftatt unb Sfolbe. S3on Sofepl) S3ebler. Qttuftrirt boit Robert (SngelS. 

SSerlag bort Hermann Seemann 3^af., ßeipjig. 


fretnben Unterfefcuttgen bie SSieberberfteEung einer üoEftanbigen unb einheitlichen Stählung 
gefiebert erfebien; bagegen fpradj, bafe barnit bic am loeuigften urfpriiitglidje ber Driftan= 
Sichtungen, iene itämlid), „in ber ba§ alte barbarifdje (Element am üoEftäubigfteit üom 

10* 

















Seift unb ben Sitten bet anglofranjofifctai SÄitterfcfjaft affimilirt Worben tft," erneuert 
worben Ware. ®a bas ber oben angeführten 2tbfid)t Sebicrs nicht entfprach, lehnte er 
(ich an JSeroul an, beffen ff-ragment er fo getreu Wie möglich übcrfejste, unb beffen (Seift 
unb ersahlertechnit er fich böltig ju eigen jit machen fuchte. ®aS aeroul’lche Sruchltud 


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mufete ipm ben Stapf für feine 3fa#$öpfung geben, beffen ftopf unb ©lieber bie ber|d)iebenett 
anbereit Xriftanbicbtungen liefern mußten; nämlid) bie be§ XbontaS, refp. beren frernbe 
Umarbeitungen, ©ilparts bnn Oberge, ©ottfriebS bon €trafjburg u. f. to. — t 8lu3 jo 
mannigfachen Xfjeiten ein lebenbigeS organifdjeS ©ange gu fefjaffen, bas ben ©eift einer 
alten umgberfloffenen Mturepocpe uuberfätfdjt miebergiebt unb bod) marm unb ergretfeno 
















3Huftrtrte Bibliographie, 


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3 um fieraeu ber (Segentoart fbricht, baS [teilte an bie nnffeufdjaftliche, ftdfjtenbe, fombtmrenbe 
unb poetifch nacfjfchaffenbe Äraft beS iuagemuthigen Unternehmers Slnforbermtgett, bte erfüllt au 
[ehcit nufere bolle »etounberung peroorruft. 2SaS iutH es bet ber fo bottfommenen 
3n[ammen[chiveifeung fo bieler, perfchiebenartiger Idrnchftücfe befagen, toenu hie unb ba 



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:tne uubebeuteitbe ©pur, bie btefe ScfpbetfeungSarbeit berrätp, bemerfbar ift, fo, trenn ber 
■mtnberbare öttnb ?J5etit ©reu, ben Sfolbe tm ©ap. XIY. bereits iu’S 9Jteer geworfen 
:)at, im XVII. ©ap. toieber auftaucht unb fiep ber örtlichen ßtebfofuttg feiner Herrin 

erfreut. — 


























ZTor& unb 5iib. 


H8 


2)er Sftadjbidjter bat fid) g m ttt bie jflode eines alten JrmtbabourSbeS 12. Sabrj 
fmubertS einqelebt; int Sone unb (Seift eines folgen, ntttien (Sigenfjetten bei Xedbntf 
beS bortraqenben (SrphlerS fprid)t er p uns lute 311 einem ^nbltfum Vergangener ^at)r= 
fiitnberte in bie er felbft fid) prücföerfe&t. (Sr bat fid) mohl ge^utd, burd) Sertnengung 
be§ Sitten mit üDtobernent bie S)id)tung bem heutigen Sefer munbgeredjter p machen, er 
vertraute auf beit burch ade frembartigen füllen beS SJoftumeS, ^er JMtur, aden 
befrembeuben ©geuheiten »um Xroh fiegretd Prd)bred)enben etmg menfdjl^en «alt. 
ber Sichtung, bie in bem SSefentliehen, in ber Sdilberung ber erottfdjen ßeiben|chaft, bte 
fidi über iebe Sdranfe, tebeS ©efeß hinmegfefct, bie tüte etn unafitoenbbareSJBerhangntfe 
Sie Cilen Überfällt unb mit' elementarer «tritt fortreifet, fo m<Am. 

mirft. Sa§ betannte SBort eines neueren Sinters: „gur perlen, meide lteben, gtebt e§ 


@ünbe nicht, noch Sdulb" tann leine getoaltigere Sduftratiou ftnbett, als in bem 
SSerhaltnife XriftanS unb SfolbenS, baS, ade phhfifdeu unb moraltfden ^tnbermffe beftegmb 


bem ßafe ber 2ftenfden mie ber Elemente tro^enb, bis pm Sobe, ja über ben Sob 
h mtts bauernb, - tuaS fo fd)ön burch bie über ben ©rdbern ftd üeretntgenben örombeer» 
Sehe tombolifirt mirb - ber gemöhnliden ^ergäuglidfeit ber £erpnSnetgmtgen gegen# 
über ein h'odjfteS gbeal aufftedt. freilich hot biefeS Sbeai, lute (Safton $artS mit föecL 
bemerlt etloaS gefährlich SSerfithrerifdjeS unb „hat geiotß auch tu mehr als eine Seele etn 
£s©iftgegoffeu"- „unb heute noch hat ber ßiebeStrauf unter ber mobernen ^agd, 
bk ihm auV noch bie 2Jtad)t ber muftfalifden 3aubetforrael hmpgefugt hat, # ftderltcf) « 
mehr als ein §era oerftört, uiedeidt fogar in bie grre geführt." — Slber mte ©a)ton > 

SßariS ferner fagt — „eS giebt fein Sbeal, beffen s Jtet^ ntd)t fetne (Sefahr hatte, unb 

bennod) mürbe mau baS Sehen beS SbealS nicht berauben, ohne eS pr ^atdeit 

ober utr trüben Senmeiflung p Perurtheilen." — 3n bem oorltegenben ^ade mirb bte 
mit bem dteije berfnüpfte ©efahr burd bie gerne, in melde Walten unb Vorgänge 
geriidt finb, burd) bie frembartigen 3üge, bie unfer gntereffe aufjtd) Stef)en, burd)) geratffe 
dtaioetäten beS SluSbntcfS ober ber fittlictjeu 2tnfdauung ; bte etn letteS ladelu heruorprufeit 
aeeianetfinb fehrqemilbert. S)er ßefer, ber hiftorifdenSinn mit poettfdjem(Smpftuben ueretnt, 
mirb aber nicht nur burd) ben großen 3ug ber ßeibenfdaft, ber burd) baS ©ait^e geht, burd 
bie Reinheit ber ^3ft)d)oIocgte, namentlich beS grauenherjenS, burd beit poettfden ®uft 
einiger ^aturfdilberungen; burd baS ©emifd von „felttfderJdtefandolte unb franmftidet 
(Sraüe^ qefeffelt, entpeft unb gerührt merbeit, er mtrb and unter ben ftetfen aidatfden 
gormen baS lebenbig 3Jtenfdtid)e erlernten; unb er mtrb and bort ben Schlag eine| ij 
25idterhergenS fühlen, mo beit Slttberen bie Ungelenfhett uttb bte ^atuetat be^ alten 

*»* Beta, bit > bf « dl ' tet t butd > »5Dtu«0, 

freubia bie ©eteqenbeit begrüßen Werben, baS alte Urbilb tenneu ju lernen. Unb bieiemgen, 
Weid/ mit bem littevarifdtjen unb poetifctien ©enuß einen tunftleri(cf)en uerbmben moUen, 
werben bei ber 3Huftrirten Sprad)tau8flabe Bott auf ifire 3iect)inmg tomraen. ®te uon bem 
befannten »ebener Stöbert ©ngelS fle ä eicl)neten ©eftalten mit 1 )" 10 ? b 1 “ 11ä l'" if ^ 
fie aeftellt finb, mit bem ©intertirunbe beS gewaltigen 9Jleerc§ atfjmei lene berow 
©rbfee bie bem ©barafter beS 2Serfe8 entfpridjt. Sttanbleiften Sierftucfe unb 
rabmunaen finb mit oollenbetem Stilgefübl erfunben unb »ermertbet. @o ift em »t 
emftanben, 'a8 bem .Sitteraturfrennbe, bem Sunftliebljaber, bem SibltopMen eine Omtte 
reinften unb erbebenbfteu ©enuffeg fein wirb. @8 fei bemertt, bafi neben ber |racbtanä- 
gabe, bereu Weis 18,00 3Kf. beträgt, eine £iebl)aberau8gabe in M einem Sebevbanbe 
ättm greife oon 50 3darf in 50 nummerirten (Sjemplaren hergeftedt morben tft. 

0. W. 


(SuftaU Sfteobor ^cd«ev. 9tebe jttr geier feines hunbertiahrtgeu (SehurtStageS 
gehalten uon ffitlhclm ffiunbt. ßei^ig, ©ngelmann, 1901. ^ 

‘ ®ie ^ouigl. Sädftfde ©efedjdaft ber SSiffenfdaften hat am 11. ptat b. o- ut 
ber 2lula ber UuiOerfität ßeip^ig gur dtadfeier beS^ hunbertiahrtgeu Geburtstags gedue^ 
eine offeutlidc Sifcung abgehalten, in meidet SStlhdm SBunbt bte ^yeftrebe htelt. ^ i 
ift nunmehr mit einigen merthPodeu Beilagen bereichert im ^ruefe erfdtenen. 

(SS braudt hier fein SBort über bie Setcutung gednerS unb SöunbtB ocrlorcn 
p merbeit, gedner mie SBunbt mohnen bereits 23eibe, obmohl ^ {e ® r ^ e , rei 

in greifbarer dtähe ju fielen fdeint unb bie beS Sluberen bte heutige SBtffenfdaftSmelt aiS etn 




Bibliographie. 




lebenber ©eifteSfürft be^crrfdjt, in jenen aEer XageS* unb EftonatSfritif für immer ent= 
rüdfteit (Sphären, iit bertett mir bie großen Rührer aller 3ateu ehrfurcptSOoE erblicfeit. 

Ungemein anziehettb ift eS natürlich, EBunbt einmal über Rechner ausführlich rebeit 
gu hören. $iefe ^eftrebe aus fo bebeutungSfdjmerent EJtitube fann als eine ber inter- 
effantefteit ©rfcheinuugen im UnioerfitätSleben ber lebten 3apoe bezeidptet merbett. Sie 
ift, abgegeben oon ihrem inhaltlichen Eßertpe, ein muitberooEeS ^uuftmerf jener in ber 
heutigen ©eteprteumelt tit Aufnahme gefommeiteit gefchmacfooE fd)mucflofeu Etpetorif, 
tueldje aE ihr Pathos aus ber unmittelbaren Vepanbluitg beS ©egenftanbeS geminnt, ohne 
aus ©efiipleu periönltcher Voreingenommenheit für ober miber bie Sache gu fdjöpfen. 

3n anfprucpSlofer Scplidübeit ziehen bie Vilber eines mit fruchtbarer Elrbeit über* 
reich gefegneten, nach außen ooEftiinbig abgefchloffenen ©eleprteulebenS an itnferem Eluge 
Dorüber. 3)ie unendlich rejpeftable, liebeitSmürbige, befcheibene ©rfcpeimmg beS eblen 
^enferS mirb uuS Oon Wilhelm ESunbt unnad)ahmlich fch'ött üor bie Seele gezaubert. 
EBir erblicfeit ben inneren Eöerbegang feines ©eifteS unb erfahren zugleich, beinahe ohne 
baß mir felber beS Verfahrens gemahr merben, too bie feine uttb gurücfpaltenbe Sfritif 
beS EtebnerS Sterbliches auSzufdjeiben finbet. 

2$of)l hätte Eiiemanb heute eine ähnliche Etebe über 3ed)ner hatten tonnen, ©in 
begeifterter Einhänger hätte möglicher ESeife einen fhmärmerifhereu %on angefdjlagen, einen 
tiefer miirbigeu als ben hi^' gemählten mirb man fid) fdjtoer üorgufteEeit üermögm. ^Den 
ßefer EBuubt’fher Elrbeiten berührt es öieEeicht eigeutpümlih, baß er ben fonft in einem 
unermeßlichen Shatfacpengebiet fouoerän fdjaltenben ©eift hier einmal gleicpfam fo freunb* 
fcpaftlicp einen perjönlicpen Vegirf befchreiten fieht, eine ©mpfinbung, bie etwa berjettigen 
gleichen mag, bie mir fühlen, menn uns in ber 3liabe Römers ber gemaltige, männer* 
morbenbe Heftor in milber Etaft, bei feinem ^näbleiu unb EBeibe begegnet. 


ppilofoppifcpe Sitteratur. 


(yinleüuug in bie ^UofoMie. Von 

Sßrof. EBilhrlm 3erufalem. Eöien, 

Leipzig, 1899, EBtlpelm VraumüEer. 

EMS 3 EJtf. 

$er Hauptborzug beS üorliegenbert 
VucpeS befteht in ber Etappen nnb nteift 
präcifeit EluSbrucfSloeife nnb in ber Ueber- 
ficptlichfeit, in ber ber große Stoff — 
Virologie, Sogif, ©rfenntnißtheorie, 9Ma= 
PhPlif, Eleftpetif, ©tpif, Soziologie — feinen 
Hauptpuitften nad) georbnet ift. 2)er Stanb* 
puntt beS VerfafferS ift ber empirifhe. Eftit 
bejonberem Etacpbrucf macht er auf bie Ein* 
menbuitg ber geuetifhett EEetpobe, ber bio= 
logifcpeu fomie ber foctalen VetrachtungSmeife 
auf philofophifdje ©egenftänbe aufmertfam, 
ohne baß eigentlich bie ©rgebniffe — etma 
abgefefjen oon ben iifthetifchen unb ben etpi= 
fheit ©rörterungen — eine mirflicpe Veeitt= 
ßuffung burch jene ©efidjtSpunfte aufmeifeit. 
3m ©ingelnen bietet bas EBerf ber frttif 
biete SingriffSpuufte. EllS Hauptmangel beS 
©angen ift gu bezeichnen, baß biefe 2)ar= 
fteUur.g •— neben erpebliher Eiiicpternbeit 
— an . einer Klarheit im üblen Sinne, 
einer irrefuprenben Klarheit leibet. ®ie 
Vpilofophie fängt überaE ba an, mo bie 
Selbftoerftänblichfeit aufhört. 2)ieS EBerf 
üermifept baS ^roblempafte ber EBelt, eS 


läßt nicht ahnen, meldje $üEe irrationaler, 
b. h- unferem Verftepen nicht zugänglicher 
$aftoren ihr innemohneu. ©S mirb ben 
ßefer, befonberS ben Einfänger, für ben hoch 
eine (Einleitung in erfter Sinie beftimmt ift, 
im Unflaren über bie ©reitgen ber menfcp= 
liehen Vernunft laffen, über bie auch bie fort- 
fepreitenbe ©rfaprung mit aüen gorfhungett 
unb ©gperimenten nicht piuauSgelangeit 
fann. 

^Warginalieu uttb fHegifter $u $tant§ 
$rttif ber reinen Vernunft boit 
©. S. El. EJlelün. EieuperauSgegeben 
unb mit einer Vegleitfcprift: 3^r 
EBürbigitngber iftritif ber reinen 
Vernunft oerfepen oon Dr. ßubmig 
©olöfcpmibt. ©otpa, 1900. ©. 
Xpienemaun. EMS 6 2Jt. 

S)er EJtagbeburger 5Prebiger EEeEin, 
einer ber gemiffcnpafteften unb fteißigften 
©cpüler ^auts, ließ 1794 eine ©rläuternngS» 
fdjrtft gitr Sfritif ber reinen Vernunft er= 
ffeinen, ©r gab barin furz zufammem 
faffenb ben pauptfäcplidjften Supalt jebeS 
einzelnen Paragraphen mieber nnb fügte 
ein genaues Etegifter über aEe mieptigeu 
Vegriffe mit HinmeiS auf bie betreffenden 
Stellen hinzu. £>ie EieuperauSgabe biefeS 







\50 


Zlorö unb Siib. 


forgfamen SSerfeS, bas für’S (Stubium ber 
berühmten Sbrittf ein öortrefftidjeS SbilfS* 
mittel bietet uub bem Sefer manche Rlüfje 
im flaren (grfaffen ber ©ingettjeiten, töte im 
Ueberbticf über ben organischen 3ufamnten= 
hang beS (Sangen erfparen Wirb, barf als 
fehr üerbienftüoll bezeichnet Werben. (Mb* 
fchmiöt hat ber Riettin’fdjen Schrift eine 
tangere Rbhanblttng gur SBürbigung beS 
^antifchen BerfeS öorauSgefchidt, in ber er 
fidj als überzeugten eifrigen Anhänger beS 
^önigSberger Philofoppett geigt. ©r befinbet 
fid) babei im SBiberfprudj mit ber 3Retjr* 
gabt — tüie man tooht fagen barf — ber 
gegenwärtigen PhüöfoPhen, bie bet aller 
Rnerlenttung öoit ÄantS Riefenarbeit bod) 
bie ßeiftuitgen beS auf ihn fotgenben 3abt= 
hunberts nidjt für bebeutungSloS, jonbern I 
für einen ^ortfdjritt eradjten, bie fid) noch 
immer an Sani orientiren, aber nidjt mehr 
orttjoboje Kantianer finb. 1 

£ie moderne Seele* Son 9Ra£ 
Keffer, ßeipgig, 1899, Hermann £aade. 

Sem Suche als Riotto üorangeftettt ift 
ein RuSfprud) üon RoöaliS: „Sie Trennung 
üon fPhitofobh unb dichter ift nur fdjeinbar 
uub ginn Radjtheit Seiber." Ser Serfaffer 
mag bieS Sßort als Rechtfertigung für fid) 
fetbft anfehen, benn WaS er bietet, ift nicht 
wiffenfdjaftlid), auch nidht eigentlich togifd) 
begrünbete Pbilofophie, fonbern bie bidjterifdj 
fdjtüungüotte RuSfPradje eines phantaftifdjen, 
nad) neuen, höheren geiftigeu Rieten febn= 
füdhtig öertangenben ^ergettS. ©r brüdt 
Weber ftar aus, Was er befämpfen Witt, 
ttod) WaS er als 3beat ber 3ulunft erftrebt. 
©egen ben SfeptigiSmuS unb PeffimiSmuS 
uttferer 3 e ü fallen fräftige RSorte, gegen 
bie gange lebensunfähige Sergangenheit er= 
hebt er Proteft, ohne baS lebensunfähige 
attberS als anbeutungStüeife gu bezeichnen, 
©benfo läfct er über feine 3ütt im Un= 
ftaren. Rknn man fid) an bie Rameit ber 
am meiften öon ihm als immer „ntobern", 
als Führer ber SJieufdjheit gepriesenen 
Rtänner ^ält, fo finb eS etwa neben SefuS 
üon Ragarett): Plato, Sutljer, Swebenborg, 
Söagner, aus ber (Segenwart: Surne=3oneS, 
3bfeit, Solftoi, Riehfdje, STtoeterlind, Peter 
Ritenberg, ©r bemertt babei nicht, baf$ 
gleid) bebeutenbe Riättner im Inhalt beffett, 
WaS fie uns geben, grunbüerfdjieben fein 
tonnen, baft beifpielSweife SSagner, 3bfeu, 
Solftoi inhaltlich brei gäugtid) üerfdjiebene 
2ßege gehen, bie fid) nidjt bereinigen taffen. 
Senn es hanbett fid) hier nicht um ihre 
^ünftterfdjaft, fonbern um beit 3beengeha.lt 
ihrer SSerfe. SorWiegenb SBagner fpiett in 


biefem Suche eilte herborrageitbe Rotte, ©r 
ftetü für Rteffer „als Zünftler fo hoch 
über allen Zünftlern wie ©tjriftnS über 
ben Rienfdjen". ©leidjniffe aus feinen 
©djöpfuitgeit reihen fid) an Deutungen ober i 
richtiger Wohl Umbeutungen ber 3öeen in 
Sriftan mtb 3otbe, im Ribetungenring unb 
im Parfifal. Ser wefentlidje Schalt ber 
beibeit tefctgenannten RSerfe fott bie Sar* 
ftettuug ber ©rlöfuttg beS fübifdjen ©eifteS i 
burdj’S ©hriftenttjum fein! R3aS in biefer 
furgen Sbonftatiruitg übrigens wuttberlidjer 
als im Sudje fetbft ftiitgeit mag. Sa§ 
Sud) als ©aitgeS ift mehr mpftifdj ats 
logifdj, mehr wiberfpruchSüott als fonfequent. 
SieS tjinbert nicht, bafe . fid) im ©ittgelnen 
fehr anregettbe, fünftterifch auSgefprochene 
©ebaitfeit fittbeit — befonberS in ben Se= 
merfungen über bie Shuift. 

Stiftern ber %&evtf)tf)eovxe. Sou Prof. 

Dr. ©hriftian b. ©tjrenfelS." 2 Sbe. 

Seipgig, 1897 u. 98, 0. R. ReiStaitb. 

Seit ßope finbet mau in ber Philo* 
fcptjie Wieberhott baS ©ebiet beS menfdjlidjeit 
©eifteStebeitS in brei grobe Segirfe ein* 
getheitt: Prinzipien, Sfjatfadjen, Berthe. 
©§ ift eilte iittereffaitte unb neue Rufgabe, 
bie bitrd) bie Berthe gebilbete ©nippe nidjt 
nur, Wie eS fonft üblich ift, allein in ber 
©tfjif gu betrachten, fonbern eine Sheorie 
beS Berthens überhaupt aufgitftetten unb gu 
begründen. Ser Serfaffer unterzieht fid) 
biefer Rufgabe, inbem er im erften Sanbe 
beu Berttjbegriff unbbieBerthberänberungen 
entwiefett . . . bereu ©efe^e nadjguweifen 
fudjt, fowie eine Pfpdjotogie beS SegehrenS 
giebt, im gWeiten bie ©runögüge einer ©thif i 
erörtert. 3« einem brüten Sanbe fott bie 
^Bearbeitung ber öfottomifdjen 'Ißerthprobteme 
folgen. SefonberS bie pfpdjologifchen Rb* 
fdjnitte finb öon attgemeinftem Sntereffeij 
Sie Setibengeu ber SöerttjbeWegung werben 
auf ihre biotogifdjeit ©runbmotiüe gurüd* 
geführt. SarwinS Sehre öom .^ampf um’S 
Safeiit unb öon ber RuStefe ber Sauglih 5 
fteit finbet ihre RitWetibuug auf baS ©ebiet 
ber SSerthbiSpofitioneu. RlS biologifdje 
Sauglidjfeit einer RserthbiSpofitioit > eifdjeint 
nidjt ihre 3toecfmäf3igfett für’S 3nbiüibmmt, 
fonbern für ben ©ntwidluttgSgang ber ©e= 
fammtheit. Ser Serfaffer üerfüprt bitrd)* 
Weg nach ittbitftiöer Riethobe, inbem er oon 
ber Prüfung ber fprad)üblidjen Segriffe 
auSgetjt. ©r öermeibet apriorifche unb 
bogmatifirenbe RitSeiiianberfe^ungeit; er be* 
ftreitet — gegen ^aut — bie ©£ifteng ber 
für abfotute 3mperatiüe uöthigen SorauS* 
fe^ungett iit ber £onftitutiou beS menfch s 












pfjtlofopfytfcfye £itteratur. - 


trficit ©efühtSlebenS, ohne bantit in ©fepti 5 
fömuS su berfadeit. Oen fBittelpunft 
einer 2lu§füBrungett bilbet ber BadmeiS 
mb bie Öarftedung beS BnpaffungSproseffeS, 
er audfi in ethifdeit Oingett, lute tu beit 
fSertbitrtpenber 3)?eufcf)eit überhaupt obmattet. 
Da§ forgfam, toentt auef) etmaS untftänblid) 
:ef<brteberte SBerf ift etu betnenfenSmertheS 
}eugnife beutfdjer ©elehrteitarbeit. 

jitr SlttalhftS ber BStrfltdfeti* ©tue 
©rörtermtg ber ©runbprobleme ber BBtlo* 
fobbte. Bon Otto ßiebmanit. dritte 
berbefferte uitb bermebrte 2IitfTaqe. ©träfe* 
Burg, 1900, Verlag boit ^art 3- Oritbner. 

Otto ßiebtnnuu, UniberfitätSprofeffor tu 
3 ena, ift ntebt nur eilt toiffeufcöaftüdber, 
trünbüder Bhtlofoph, foitbern and etu ge= 
dntaefboder Oarfteder. ©etu 23erf, bas 
n beit bisherigen Auflagen Beifall geftutbeu 
jat, barf in ber felsigen ©eftalt itiufomeBr 
teilen ©rfofgeS fiefjer feilt, als ber Berfaffer 
itoar ntattde Kapitel, mte attdi bie tu beut 
Bitcbe niebergelegte BSeftanfdauung, un= 
leräitbert BeiBeBalten, bagegen beit $ort= 
idritten ber SBiffeitfdaft entfpredenb feilte 
KuSfithruugen burd) gahlreide ©rgaitsuitgett 
uitb 3ufäBe bereidert Bat, ßiebmattnS 
:emperamentboder, sitmeifen etmaS in’S 
fthetorifde fdlagenber ©tit madt bie 
iMtitrc Böd)ft geitufereid). Oie midtigfteit 
droblente ber ©rfenntnifetheorie, ber Maturs 
i&Bilofobhie unb Bfadjologie, ber Befthetif 
tnb ©thif merbeit flar anfgeftedt. Biftorifd 
tnb logifd entmicfelt, auf bie lebten grofeeit 
Segenfäbe sitrücfgefitBrt unb — nidt immer 
i— su einer abfdliefeenben ©ntfdeibung ge= 
iradjt. ßebtere erfdetnt oft felbft proble* 
matifd, — fo iit ben Slbfdnitten boit ber 
Seit, bon ber Sfaufatität, überBaupt überall 
)a, mo baS embirtfde BatttrgefdeBeit auf 
o gif de Berhältniffe iit ber tranfeenbenten 
Mrflidfeit suritefgeführt mirb. 3nbeffen 
'.§ fornrnt auf bie ßofung felbft nicht fo 
ehr an mie auf ben 23eg, ben ber Ber f aff er 
)ie ßefer füBrt, um fie über baS SBefeit beS 
)etr. BroblentS unb über bie befteheitben 
üöfunflSmögfidfeiten attfsuflären. Unb Bier 
ft er ein bortrefflider 2öegfitBrer, ber itm= 
idtig unb borfidtig ben Bf ab bahnt unb 
iu toeiteu unb Bellen BuSbticfen fitBrt. 
dis midtigfte Kapitel nennen mir, um su= 
}leid eine Ueberfidt über bie in erfter 
•3inie behanbelten f^ragen su geben: „Heber 
ne BBaitomenalitat beS Baumes", „3ur 
Ideorie beS ©ehenS", „Oie ßogif ber OBat= 
iaden“, „BlatoniSmuS uitb OarmiitiSntuS", 
*$te Bffoctatioit ber Borftedungett", „©e= 


Birtt unb (Seift", „OaS äftfjetifdje 3beal"' 
„OaS ethifde 3beal". 

,®ttr$c ©rflftruttfl ber (St feit batt 
©jJiitoäa unb ^arftettmtö ber befitti* 
tibett ^fntofoMic. Bon Dr. Bi darb 
SSaBle. SBieit unbßetpstg, 1899,2Bilhetm 
Braumüder. 

Bnd, hinter bem eine pbilofopBtfd 
burdiaebilbete itnb fampfbereite Berfönlid- 
Eeit ftebt — nameutlid) ^tino $ifder mirb 
befampft — mirb burd in berartigeit 
3uterpretation§fdrifteu nid)t eben un= 
gebraudlide Bemerfung eingefettet, bafj ba§ 
bebanbelte 233er? bi§Ber unüerftanben fei. 
©eaenüber beit furfirenben unridtigen 2luf= 
faffnnaen bon ©phtosa§ ©tbit mid SBable 
beit 3ntereffenten ber BBtlofopBie beit 
©dlüffel sunt Berftänbnife biefe§ SSerteS 
barreideit, inbent er ben nadteit Batura= 
fi§tnu§, Bofitibi§mu§ itnb 2ltBei§mu§ 
©piitosa? itadsumeifen fudt. SlbgefeBen 
baüou, baü btefer ©rflärüngSberfitd feine§= 
megS etma§ bitrdauS Beue§ bietet, ntitfe 
bem Berfaffer sugeftattben merbeit, baü feine 
©ntmidfitng ber ©phtotiftifden 3beeit flar, 
überfidtlid unb gritnblid ift unb auf 3u- 
ftintmuug in meiten Greifen ber 3uda^ D ^ ett 
ttub be§ bBifofopBtfd tntereffirten BublifumS 
rednert barf. 3ebenfad§ ift ba§ SSerf an 
Bidtigfeit unbXiefebem Bude.^uno 3dder§ 
überlegen. Bidt ba§ gleide ßob fauit bem 
smeiteit XBeile be§ 2ßaBle’fden Bud)e§ er^ 
tbeilt merbeit, ber eine ®arftedung ber 
„befinitibett" BBifofopBte, b. B. ber SBelt= 
anfdauung B3able§ geben mid. ®er Boft= 
tibiSmuB ober ridtiger BBüuomeitali§mu§, 
beit er lehrt, erblidt in betn ^onftatireit 
ooit Borfommniffen unb Borfommnifegruppeit 
ba§ bödft ©rreidbare, fdltefet bie > ber= 
meintlidie metapbpfifde Kategorie „Söiffen" 
ait§, leugnet bie Bidtigfeit ber Unter* 
fdeibititg bon ©ubieft unb Obieft unb behält 
afö ©rgebniü „bie unenblide Unmiffenheit 
unb nur bie unerfdütterlide SSahrBett, bafe 
mir ba§ SSiffen nidt als Bethatigung eineg 
eigenthümliden ©ub}eft=^aftor§, _ ber 
auberen gegeitüberftänbe, amtehmeit bitrfeu; 
nidtg bleibt un§ als bie ©iderhett, bafe 
ba§ fogeitaitute SBtffen, bte Bilber, bie 
Borfommniffe Brobufte bonUrfaftoren finb." 
3rgenb etmaS über bie 2lrt itnb SBirfianjs 
feit biefer Urfaftoren auSsufagett finb mir 
uidit im ©taube. ©§ ift mahrfdetnlid, 
baß biefe BhdofopBie bodj nod nidt bte 
befütitibe fein mirb. Oie SBenfdhett mirb 
e§ fid) nie nehmen laffen, über ba§ ©ebiet 
ber BBanomene hinaus borsubringeit. SBenu 
eS aber berboteit fein fod, fo ift e§ and 









*52 


ZTorb unb Süb. 


unmöglich, bie empiriftifdjen XT)atfad)eit als 
„fRrobufte" bou Urfaftoren gu erflären, ba 
bamit für biefe bte .Kategorie ber ftatt= 
falität in Stufprud) genommen mirb. ©in 
23ormurf, ber in gleicher $orm fcf) 0 n längft 


gegen ftant erhoben mürbe; bettn bie ,,Ur» 
faftoreit" fiitb im ©rnttbe itid)tS SlnbereS 
als baS an§ ber „ftritif ber reinert 53er= 
nuitft" befattnte „Xing an fid)“ in neuer 
@infleibuug. Br. 


Bibltograpfyfd?e Hotten, 


?KrBeit uub 9U)t)ifjmu8. $ou Dr. 

ftarl S 3 üd)er, orb. fßrofeffor ber 

Siationalötonomic au ber Uniberfität 

Seip 3 tg. 3meite, ftart Permehrte Sluflage. 

Seip,;ig, 1899. 33. ©. Xeubner. # 

Sitte SlrbeitSPerridjtitngen, bie fid) 
gleidjmähig mieberholen, haben bie Xenben.3 
gu rhptbmtfcher 33emegmtg. Xurd) ben 
SthhthmuS erhalt bie SIrbeit automatifchen 
©parafter, maS pgleid) ^rafterfparnife be* 
beutet, lieber bie ganje ©rbe, bei allen 
SSölfern, in faft allen ©enterben läht fid) 
baS beobachten, ber Sdpmieb, ber Schloffer, 
ber Klempner laffen ben Jammer in gleichem 
Xalte auf baS 9Jletatt nteberfatten; in rbt)th= 
mifcher Stnorbnung fdjattt baS ©eräufd) ber 
$lad)Sbred)e, beS Beberfd)iffd)enS, ber 
3immermannSad, ber $f(afterramme, beS 
SteinmehmeihelS. Stuwer bem Xaftfcfjatt 
ber 2 Berf*euge bient 3 « ber rhPtbmen* 
bilbenben Dtegitlirung ber Slrbeit unter beit 
fünftlühen Mitteln in erfter Sinie bie 
menfd)Iid)e Stimme: SlrbeitSgefänge be* 
gleiten baS tthtberit, Sttablen, Spinnen, 
Sßeben, baS fragen Poit Saften unb biele 
anbere Verrichtungen in allen ©rbtheilen. 
Sie Perftummen erft im Särnt bec Sabrif, 
in ber bie 2}ieufd)en faft 3 U Xpeileu beS 
ttftecbaniSntitS merben; fie fittb um io Per= 
breiteter bei ben 33ötferu, bie mir Statur* 
Pölfer nennen. 9Jlit großer Sorgfalt unb 
limficpt bat ber Verfaffer baS Problem 
ber 23e3iel)ungen smifdjett Slrbeit uub ÜlhPtp* 
rnuS 3 n ergrimben uub nach allen Seiten 
3 U beleuchten Perftanbeu. Vefottberett SBertp 
hat er feinem Vucpe burd) bie 3 u fatnmen= 
ftettung eines überaus großen ttftaterialS 
Pott StrbeitSgefüngen aus allen 3eiten unb 
3onen Perliehett. SBeldje Verfpettipeit fein 
SBert nicht nur auf uationalötonontifdjem, 
fonbern auf fulturgefd)id)tlid)em ©ebiete 
überhaupt eröffnet, geht befonberS aus bem 
fiebenten Slbfcpnitt berPor, in bem er auS= 
führlid) über ben Urfpruug ber Voefie unb 
Sttufif fpridjt unb bie burd) eine tauge 
ftette empirifdjer gorfdjungen mahrfdjeinlid) 
gemadjte Theorie aufftettt, bah biefer Ur* 
fprttng in ber energifdjeit rbpthmtfdjen 
ftörperbemegimg, inSbefonbere berientgen, 


bie mir Slrbeit nennen, 3 U fliehen fei. Xa§ 
33ud) ift eine fetter Sdiöpfttngen, bie auf 
bem ©reit 3 gebiete mehrerer äöiffenfd)afte.n 
entftauben finb uttb baher mattnigfad)en 
3 utereffett etttgegenfommen. $ür Stationat* 
ölononteu mirb bie Seftitre nicht minber 
anregenb fein, als für litterarifch. futtur* 
hiftorifd) unb philofophifd) intereffirte Sefer. 

Br. 

SicueS Sehen* Xichtuugen (1899—1900) 
Pott ftarl pendelt. Vilbfcpmucf bon 
3’ibuS. 3i'trid) unb Seipjig, Verlag Pon 
ftart pendelt n. ©o. 

XaS 33ud> trägt bie Sßibntung: deinen 
mahrett $mmben. $reunbfd)aft medt be= 
famttlid) Vertrauen. SBir fittben es baher 
natürlich, bah fid) ber dichter in Den 
Stan 3 cn, melcpe bie (Einleitung uub gugleid) 
bie Hälfte ber Porliegenben Xid)tungen 
bilben, über mamhett unb man^eS meniger 
poetifd) als offen auSfprid)t, unb rufen 
lädietnb ihm nur bie SBorte %a t bie er 
felbft au fein ^er* richtet: „©rfcpredt haft 
Xu mich oft, ftumpan ba brinnen, mit 
manchem jähen ^aft Xu nicht gefehnl 
^•ährft ftreitj unb Ouer burch’S maderftc 
beginnen nitb tieheft SBeg unb 3 tel 3um 

Xeufet gehn.-Xas mar nicht fcfiön, 

bie Wahrheit Xir gu jagen, bod) benf’ id) 
nicht bavan, Xir’S nachgutragen/ 
gittert 31 t ftart jene Saite, Pott ber er fo 
treffenb unb treuherzig berichtet in bem @e« 
bid)t: ©runbton. 3u meiner Seele gittert 
eine Saite, Xief mit ber SBurgel meines 
©eins berfnüpft; SBettn mit bem Mogelt 
id) barüber gleite, ©efd)ieht’S, bah JPfW 
felbft bem Saut entfdjliipft. Sott id) ber 
©pradje grobem Ohr oerrathen, SBaS in 
ber feinen Seelenftimme fingt?: „Xu liebft 
gumeift bie jungfräulichen Xhatett, Xte 
©rfttingSopfer, bie Xeitt f5*wl)ten bringt. 
Ob’s gliidt — mihliugt? . . Xie Xhat 
fchott ift erfüllen, 2BaS b’raus erfolgt, fiept 
nicht itt Xeiner §anb. XaS SMtgeheimntp 
mühte fid) enthütten, SBär* Xir ber «Um¬ 
gang XettteS XhnttS befaitnt. So geh’ tw 
©inflattg mit bem ©attg beS 23luteS, Unb 
gieb Xid) liebettb ln n 3a unb Sietn. 










23 i b 1 i o g r a p \} i f dj c ZT o 1 13 e tt. 


\53 


[ftommt’S and) einmal berfeljrt heraus, toa§ 
ttjnt e§? ©rgebmjj nidjt, ©rlebitife nur 
ift 2)ein . . pr foldje ©rftlingSopfer 
feines p&fenS, iüelc^e al§ litterarifcbe unb 
politifdje 2lbf<f)toeifungen bie cin()eitlici)e 
(Stimmung bc§ erfteit XfjeileS äutoeilert 
ftören, entfcfjaöigt nnS reicf) bie ansgereifte, 
echte fßoefte ber Slbtljettmtgen „Sntermefäü" 
nnb „pttb nnb SBtnb". 2Bir etnbfinben, 
inaS ber £icf)ter am (Sdfjlufe feiner 53e= 
fc&toöruttg fagt: „MeS e mutige — ©es 


fnnbe, maS berfdjtoiftert meinem SSefen, 
fitdjt ©enefen bei bem reinen föaitd) ber 
Stuiibe". ©ebidite tote: SSertnft, Xroft, 
S5efd)toörnng, ©ommermorgen am @ee, 
Unbefiimmert, 29iriibliitbe, Selige 9Tad)te, 
3Jtaigefidit, ©eftcinbitife, 2>ie Sanne, farbige 
^Iittben, 2tm äöafferfatt, Zünftlers Selbft= 
genug, ©rfotg, Sauerfimt, Stuf ber §öf)e, 
— oerbieiteu uidjt nur Sluerfeunung, 
fonbern beu tudrmfteu Sauf. 

K 


lebersieht der wichtigsten Zeitseliriften-Aiifsätae 

von Ernst Weiland-Liibeck. 

Abkürzungen: B. u. W. = Bühne und Welt. — D. Re. = Deutsche Revue. — D. Ru. = Deutsche 
Rundschau. — I. L. = Internationale Litteraturherichte. — Kr. = Kritik. — Kultur. — L. E. = 
Das literarische Echo. — N. = Nation. — N. u. S. = Nord u. Süd. — R. U. = Reclams Universum. 
— t. = Türmer. — W. Ru. = Wiener Rundschau. — Z. = Zuknntt. 


Alexis, Willibald, Zwei Jugenderzäh¬ 
lungen von. Herausgegeben von Max 
Ewert. N. u. S. 1901. Oktober. 

Bayreuth, Jubiläums-Festspiele in. Von 

M. Krause. B. u. W. HI. 22. 

Bedeutung: der Nahrung in gesunden und 

kranken Tagen, Die. Von H. Eichhorst. 
D. Re. 1901. August. 

Berliner Kunstausstellungen, Die. Von 

W. Gensel. D. Ru. 1901 August. 

Berliner Secession. Von K. Scheffler. Z. IX. 
17. 

Bierbaum. „Irrgarten d. Liebe.“ Von H. 

F. Frey. I. L. VIII. 17. 

Bismarcks Künstlernatur. Von L. Aegidi. 

I). Re. 1901. August. 

Crispi. Von 0. Olberg. Z. IX. 48. 

Crispi, Francesco. Von Th. Barth. N. 1901. 
46. 

Dialekt auf der Bühne. Von L. Bräutigam. 
B. u. W. III. 21. 

Dichtungen in den Wissenschaften. Von 

B. Weinstein. D. Re. 1901. August. 

Döllinger. Zum Leben D. Von Th. Ziegler. 

N. 1901. 44. 

Drama, Das moderne. Von M. Maeterlinck. 
Z. IX. 44. 

Ebner, Maiie, Neues von. Von J. Minor. 
L. E. III. 22. 

Ebner-Biographien, Zwei. Von 0. F. Walzel. 
L. E. III. 22. 

Emminghaus. Von A. Mayer. N. 1901. 46. 
Exlibris, Die, Von F. v. Zobeltitz. L. E. 

III. 22. 

Faust. Zur Erklärung von Goethes F. Eine 
Entgegnung von Herrn. Türck. B. u. W. 

III. 21. 

Fische als Chirurgen. Von W. Marshall. 
R. U. 1901. 49. 

France, Anatole, Von A. Brunemann. 
L. E. III. 21. 

George, Henry. Von P. Bigelow. N. 1901. 47. 
Geschichtsunterricht, Die Neugestaltung 

des G. Von 0. Wendlandt. Kr. 209. 
Gibraltar. Von R. von Bieberstein. Z. IX. 41. 

Giers, Gertrud. Von W. Kropp. B. u. W. 
III. 21. 


Grillparzer, Franz. Von M. Necker. B. u. 
W. III. 22. 

Grimm, Herman. Von A, Semerau. N. u. 
8. 1901. Oktober. 

Hausagrarier. Von C. Becker. N. 1901. 46. 
Jahrhundert. Das achtzehnte und die 
geschichtliche Welt. Von W. Dilthey. 
D. Ru. 1901. August. 

Idealismus, transcendentaler oder tran- 
scendentaler Realismus. Von A. Korwan. 
Kr. 203. 

Khayyam, Omar. Von M. Schelick. Z. IX. 45. 
Kloos, Wilhelm, als Dichter und Aesthe- 
tiker. Von O. Hauser. N. 1901. 46. 
Kulturgeschichte, Neues zur. Von G. Stein¬ 
hausen. L. E. III. 22. 

Land der Kunst, Das. Von G. Göhler. 
Z. IX. 46. 

Lemaitre, Jules, als Dramatiker. Von E. 

Tissot. D. Re. 1901. August. 

Luise, Königin und d§r Geheime 
Kabinetsrath Lombard. Von R. Krieger. 
D. Ru. 1901. August. 

Lyrik, Finst und Jetzt in der deutschen 

L. Von Tb. von Sosnosky. N. 1901. 47. 

Munkacsy, Aus dem Nachlass M. Von F. 

W. llges. D. Re. 1991. August. 
„Musikverständniss“, Zum Kapitel. Von 
H. Stehr. Kr. 203. 

Neugriechische Lehr Weisheit. Von J. Eysen- 
hardt. Z. IX. 46. 

Nietzsche, Friedrich, und Hippolyte Taine. 
(Briefwechsel.) Von E. Förster-Nietzsche. 
D.-Re 1901. August. 

Nietzsche-Unterschriften. Von L. Berg. 
L. E. III. 22. 

Nordenskiöld, Adolf Erik von. Von S. 

Günther. N. 1901. 47. 

Polenz, Wilhelm von. Von A. F. Krause. 
N. u. S. 1901. Oktober. 

Prinzregententheater in München, Das. 
B. u. W. III. 23. 

Ranke, Leopold von, und Varnhagen 
v. Ense nach der Heimkehr aus 
Italien. Von 'Jh. Wildemann. D. Re. 
1901. August. 

Raphael als Weltmacht. Von H. Grimm. 
D. Ru. 1901. August. 







Hort) unb 5üb. 


* 5 * 


Recltation, Ueber das Wesen und die 
Aufgaben der. Von K. Holm. B. u. W. 
ITI. 22. 

Reichstag 1 und Zolltarif. Von Th. Barth. 
N. 1901. 45. 

Religionsunterricht, Der. Von E. Key. 
N. 1901. 47. 

Renaissanse im Kunstgewerbe. Von. 0. 
Stoessl. N. 1901. 46. 

Saba, Königin von, Das Land der. Von 
F. Hommel. D. Ru. 1901. August. 

Sardou, Victorien. B. u. W. ITI. 23. 
Schauspielerkrankheiten, Ein histor. 
Gutachten über. Von G. Kärpeles. B. u. 
W. III. 23. 

Schlegel-Tieck. Von W. Wetz. Z. IV. 45. 
Schulreform. Von K. Lehmann. Z. IX. 45. 


Schweighofer, Felix. Von E. Isolani. B. u 
W. III. 22. 

Selbstverwaltung der Städte im Römer¬ 
reich, Die. Von O. Seeck. D. Ru. 1901. 

August. 

Socialismus in Japan. Von S. J. Katayama 

Z. IX. 47. 

Staatsanwalt, Der. Von W. Bode. Z. IX. 48. 
Sudermann als Bekenner. Von S. Saenger 

Z. IX. 48. 

Theater, Kundgebungen im. Von T. Kellen. 

N. u. S. 1901. Oktober. 

Theatrokratie. Von K. Strecker. L. E. III. 21. 
Weltgeschichte. Von H. Schiller. Z. IX. 45. 
Zola und Gorjki. Von A. Arpad. I. L. VIII. 18. 
Zoll. Der Kampf um den. Von Plutus. 

Z. IX. 45. 


Besprechung nach Auswahl der Redaction Vorbehalten. 


Eingegangene Bücher. 

Amateur-Photograph, Der, Monatsschrift für 
Liebhaber der Photographie. Band XV. 
Heft IX. September 1901. Düsseldorf, Verlag 
des Amateur-Photograph. 

Aus fremden Zungen. Halbmonatsschrift 
für die moderne Roman- und Novellenlitte- 
ratur des Auslands. Elfter Jahrgapg 1901. 
Heft 15, 16. Stuttgart, Deutsche Verlags- 
Anstalt. 

Below, Helene von, Fussreise durch Ober¬ 
bayern und Tyrol. 4 Briefe an meine 
Tochter. München, August Schupp. 

Brausewetter, Ernst, Finnliindische Rund¬ 
schau. Vierteljahresschrift für das geistige, 
soziale und politische Leben Finnlands. 1901. 
Heft 3. Leipzig, Duncker & Humblot. 

Breitenbach, Dr. Wilhelm, Gemeinver¬ 
ständliche darwinistische Vorträge und Ab¬ 
handlungen. Heft 1. Die Abstammungslehre. 
Von Prof. Dr. L. Plate, Berlin. Heft 2. 
Die Biologie im 19. Jahrhundert. Von 
Dr. Wilhelm Breitenbach. Edenkirchen, 
Dr. W. Breitenbach. 

Busse, Hans H., Der Tod des Sonnen- 
Suchers. München, Karl Schüler (A. Acker¬ 
manns Naclif.) 

Dähnhardt, Oskar, Heimatkläuge aus 
deutschen Gauen. III. Aus Hochland und 
Schneegebirg. Mit Buchschmuck von Robert 
Engels. Leipzig, B. G. Teubner. 

Die wissenschaftliche Lösung der sozialen 
Frage. Jedem Bürger ein jährliches 
Minimal-Einkommen vou einer Million Mark. 
2. Auflage. 1901. Wiesbaden, Buchdruckerei 
S. Schabei. 

Engel, Dr. Th., Die wichtigsten Gesteinarten 
der Erde nebst vorausgeschickter Einführung 
in die Geologie. Zweite vermehrte und ver¬ 
besserte Auflage. Erste Lieferung. Ravens¬ 
burg, Otto Maier. 

Gugitz, Gustav, Leben! Eine Wiener 
Geschichte. Minden i. W., J. C. C. Bruns 
Verlag. 

Hilm, Carl, Der Sklavenkrieg. Ein Trauer¬ 
spiel in fünf Aufzügen. Erstes Tausend. 
Wien, Wilhelm Braumüller. 

Lessings Werke. Mit einer biographischen 
Einleitung von Ludwig Holthof, dem Bildniss 
des Dichters und drei Tafeln Abbildungen. 
Stuttgart, Deutsche Verlags-Anstalt. 


Lee, Heinrich, Rosen-Rosel. Ein Roman aus 
der Reichshauptstadt. Berlin. Carl Dunckers 
Verlag 

Lu-Rewall, Aus dem Leben. Dresden, E. 

Piersons Verlag. 

Mombert, Alfred, Der Denker. Minden i. W., 
J. C. C. Bruns Verlag. 

Poths-Wegner, Kreuz- und Quer fahrton. 
I. Korsika. — II. Capri-Venedig. — 
III. Dalmatien-Montenegro-Albanien. Berlin, 
Paul Schellers Buchhandlung. 

Quintieri, Riccardo, La Rassegna Inter¬ 
nationale della letteratura e dell* arte 
contemporanea pubblicazione quindicinale. 
1 Agosto 1901. Anno II — Vol. VI. — 
Fase. III. Firenze, Direzione ed ammistrazione, 
via Tornabuoni, 6. 

Saenger, Carl, Das freie Wort. Frankfurter 
Halbmonatsschrift für Fortschritt auf allen 
Gebieten des geistigen Lebens. 1. Jahrgang. 
1901. Nr. 10. ll. Frankfurt a. M., Neuer 
Frankfurter Verlag G. m. b. H. 

Schlaf, Johannes, Jesus und Mirjam. Der 
Tod des Antichrist. Minden i. W., J. C. C. 
Bruns Verlag. 

Thula, Im Zaubergarten. Skizzen und 
Stimmungen. Dresden, E. Piersons Verlag. 

Tolstoi, Leo, Die Kreuzersonate. Deutsch 
von Th. v. Galetzki. Illustr., von Han3 
Volkert. München, Aug. Schupp. 

Volkmann, F„ Null und Unendlich. Berlin, 
Fritz Rühe, Friedrichstr. 52/53. 

Wachler, Ernst, Deutsche Zeitschrift. 
XIV. Jahrgang des deutschen Wochenblattes. 
Nationale Rundschau für Politik und Volks- 
wiithschaft, Litteratur und Kunst. XIV. Jahr¬ 
gang. 1901. Heft 21. 22. Berlin, Gose & 
Tetzlaff. 

Werneck, Otto, Die Geschlechter. Frau Elly. 
Novellen. Dresden, E. Piersons Verlag. 

Westermanns illustrirte deutsche Monats¬ 
hefte für das gesammte geistige Leben 
der Gegenwart. 45. Jahrg. September 1901. 
Heft 540. Braunschweig, George Westermann. 

Wohnlich, Hubert von, Menschen, Menschen 
sind sie Alle. Illustrationen von Hans 
Volkert. München. Aug. Schupp. 

Woerl, Leo, Führer durch die Residenzstadt 
Darmstadt nebst Umgebung 1 und die Aus¬ 
stellung 1901. VIII. Aufl. Leipzig, Woerls 
Reisebücher-Verlag. 


Hebigirt unter DeranttDortlidjfeit bcs Herausgebers. 

Sdflefifdie Budjbrucferei, Kimfb unb DerlagsGlnftalt t> 5. Scfjottlaenber, Sreslan. 
Unberechtigter llachbrucf aus bem 3nt)alt biefer geitfdprift unterfagt. Ueberfetjungsrecfjt porbet]aH en - 


t 

















































































Höntgmftrafyfert. 

HoDelle. 

Don 

^agoüett faon afodjatijt^mpntot. 

— potsbam. — 

(SdjUlfj.) 

arett hatte ba3 (Befühl gehabt, at3 ob er fid^ auf Sßilbentbat ftürgen 
unb iljn mit rähenber gauft erwürgen fottte. SIber fofort auch rang er 
mit ber $raft feinet eifernen 2 öitlen§ feine Empörung nieber. 2Ba3 
Ejatte er beim eigentlich gefebjen? Qmi ©habet, beren burhleuhtete 9ttu3fel* 
heile nerfdjroommen ba3 buntle ^nodjengerüft umgaben, unb bie fi<h im' 
öilbe fo in einanber fhoben, bah an§ beiben köpfen einen Moment lang 
mr eine einzige buntle 9Jkjfe geworben mar. @3 tonnte ein heimlicher 
^up geroefen fein, ber biefe§ theitweife gufammenfliehen ber beiben ©Ratten' 
iilber nerantaht hatte, e3 tonnte aber eben fo gut burd) eine anfällige unb 
moerfänglidje Bewegung ber beiben $öpfe ein 33ilb entftanben fein, ba3 
hn nur teuflifh narrte unb beffen Deutung nur ba§ (Sr§eugnih feinet 
hon roahgernfeneit 9Jiiht?auen3 mar. Sönrbe fid) benn Anna heimlich non 
:inem fremben Spanne fitffen taffen? 2 Bar ba$ möglich? mar ba§ über= 
hanpt nur bentbar? Unb befah er, ©aren, benn fo geringe 9Aenfhem 
s enntnih, bah er fidj non einem gemiffentofen Abenteurer unb £)on Quan 
hätte fönnen täufhen taffen? A3ar ihm Sßitbenthal nicht al§ ein am 
'tänbiger, eljrenfefter unb bur<hau$ oertrauen^mürbiger SDiamt erfdhenen? 
gatte er, ©aren, fi<h nicht fofort ju bent fremben Sftanne hfnge^ogen ge* 
: übtt, fo bah er mit ihm gefriihftücft unb ihn unbebentlich in fein .&auä 
telaben hatte? Aein, ber gluore3cen$f<htrm muhte ihn angeführt haben! 
Die ^Deutung be§ barin erfdjienenen 23ilbe3 mar offenbar eine fatfche ge= 
nefen. (Sin (küct, bah er, ©aren, fi<h fo ficher in ber (Gewalt Igatte, bah fein 
mbebad)te§ Aßort feinem Aftunbe entflohen mar. (Sr räufperte fi<h, um feine 
Stimme tlar 51 t mähen, unb fagte im erzwungen ruhigen Xon be3 (Srtlärenä: 

11 * 
























































H56 


Dagobert ron (SerfyarM^myntor ttt potsbatn. -: 

„geh habe t)ier einen gluoreäcensfcfitrm. 3Benn Sie, ®etr ®oftor, 
it,n einmal oor meine SBruft Ratten wollen, fo roeröen Sie meine IRippen als 
fdjroarp Sinien erfennen, roäfirenb bie bahnten gelegenen Sungen als gellere, 
geroiffermajjen nur ieicfjt fdjraffirte Pfeile beS Silbe« erfcE>etnen merben." 

SBilbentljat hielt ben ©chtrm mit bebenber $anb. @r mar pr ©elbft= 
befinnung prürfgefetjrt, unb ©<f)am unb «Reue folterten ihn, bafe er fidj 
in fo unbegreiflicher «ÜBeife batte oergeffen fönnen. — 3Bie oerädjtlidj 
muffte er je|t 3lnna erlernen! Unb ioa§ müfcte ber Strjt non ibm benten, 
roenn er Slugenpuge jene« nerbrecberifcben ffiuffe« geroefen märe? 3UI-- 
mächtiger ©ott! unb roenn nun ©arett oermöge biefeS gauberfchirmeä ber 
SSorgang wirtlich er?paf)t halte? ©iefcr ©eufeläapparat werriett» ja felbft 
im ©unfein, felbft in ber fchroarjen ginfternife biefer göf)le, nicht nur bie Um-- 
riffe ber menfdjlid^en ©eftalt, fonbern auch beten fonft unerfotfpche§ SmtereS! 

2Jtit ber jitternben «Rechten hielt er ben ihm anfgebrungenen ©djirtn, 
er ftarrte nertwunbert auf ba« flimmernbe SSilb, au§ bent ba§ SBruftbein 
unb bie «Rippen beS nor ihm ftehenben SlrateS beutlich hernortraten unb 
in bem ein anatomifch gefaulte? luge auch bie feinften Skräfielungen ber 
Sungen Ijätte erfennen fönnen. 

/; S)a3 ift ja wie ein SBunberl" rief er unwiHfürlid) au§. „3m 
finfterrt Vaum bie§ itberrafdjenbe Aufleuchten be<§ Sd)irme3 unb bie Sidjtbarj 
merbung uon Gingen, bie fonft ewig unfern Vlicfen nerfcbloffen bleiben. 

„2Bie idj 3hnen fd)on fügte," ftimmte Saren bei, „biefe Vöntgem 
[trabten burd)bobren unficbtbar and) bie ftärfften (Steinmauern unb bringen 
ba§ Verborgende an’3 £id)t. @3 fehlte nur nod), baß man au<$ bie ©e* 
banfen im Serben eines Anbern lefen fönnte. Sie feben bod) mein §erj? 
ben eigenartigen, faft breiedigen Schatten?" 

„3a, id) febe es . . . aber 3bre ©ebanfen vermag id) freilidf) niä)t 
ju lefen." ©er ©on Hang fd)er§b^f 1/ <*ßer beimlid) erbebte ber Sprecher, 
benn er wußte in ber ©bat nid)t mehr, ob ber SXnbere ben £uß bemerft 
batte ober nicht. 

„3<b benfe, griß, nun b<*&en wir genug," fagte Anna su ihrem 
hatten. „®iefe§ nach Säuren buftenbe ©emadj ift nid)t adju eintabenb 

. . . ich [ebne mich nach Siebt unb Suft." ’i 

Sie öffnete bie ©hür unb trat in baS Aebcngemad) hinaus. 

©)ie beiben Herren waren it)r unmittelbar gefolgt. Sie begab fidj an 
eines ber genfter unb öffnete eS. 

„deinen t>erbinbiid)ften ©an!," fagte SBUbentbat sunt Arste, „Sie 

haben mir einen groben ©enuß bereitet." 

(Sr erfdjraf über ben ©oppelfinn, ben biefer VJort für Annas Obren 
haben mußte. Unfidjer wanbte er fid) an bie ©ame beS Saufet unb 
fügte in einem Sone, ber fie gewiffermaßen um Verseilung bitten foUte, binsn: 

„Vergeben Sie mir, gnäbige grau, wenn id) bie Urfadje geroefen 
bin, baß Sie infommobirt würben." 






Köntgenftrafylen. 


\57 


£>a 2 lmta nidjtä ermiberte unb nur burctj eine leiste ßopfbemegung 
ben Empfang biefer b ö fltd)en Vebeitäart gu betätigen fdfjien, lehrte er fid^ 
mieber bent 2 lr§te zu: 

„©3 mar eigentlich meine 2töfidfjt, (Sie um bie ©ßre §u bitten, mit 
mir iju fpeifen; id) fe£;e aber ein, id) barf (Sie Q^rer grau ©ernannt 
nicht länger entstehen. So geftatten Sie mir, baß id), nochmals banfertb, 
3hnen Sebemoßl fage. $)a3 fertige Vitb fenben Sie mir mobl freunbtidbft zu." 

er batte feine Sterte zum ©ruße fcßon fjalb au»geftredt, aber e 3 er* 
fcfjien ißm mie eine feige Uneßrlid^teit, bem Vtanne, ben er foebeu erft 
heimlich beleibigt batte, nun in erheuchelter Vieberteit bie ganb §u brüden. 
So 3 . 0 g er unauffällig feine ganb zurüd, um uor 2lnna eine tiefe acbtungs* 
rolle Verbeugung §u machen, unb trat bann, geleitet ron bem 2 lrjte, über 
bie Scßmelle. Sie burdjfdbritten mieber ba3 gerrenzimmer unb bie Vüdßerei, 
traten aber au§ biefer burdjj eine anbere Xt )ür unmittelbar auf beu ßorribor 
hinau», ber nach bem Vorflur be£ gaufe3 führte. 

SDort nod) eine ftumme Verbeugung, unb SBilbentbat eilte aufatßmenb 
hinauf in’S greie. 

S)ie beiberfeitige VerabfSiebung* mar bodj ein menig fteif unb mort* 
larg geraefen; e3 batte etma3 in ber Suft gelegen, ma§ bie frühere gerz* 
liäjfeit unb gmangtofigleit nicht mehr fjatte auffommen laffen. 

Sind) Saren empfaub bie». ©r l;atte bem ginauSeitenben nadjgebtidt; 
Dann tnirfdjte er leife burdß bie gähne: 

„Unb er bat bocß ein fcßtecbte^ ©eraiffen! Qd) habe mich nicht 
ketäufdjt.’" 

Seine gänbe ballten bie -üftugfeln feiner 2trme mürben ftraff unb gart. 

„2Set<he Vöde bat Slnna bei jenem Tete-a-Tete gefpielt?" fragte er 
'id) im Stillen, „eine aftioe ober nur pafftoe? Xa§> muß idb erft er* 
forfcben . . . menn icb bie SBabrbeit meiß, bann maßre $)id), £)oftor 
IBilöentbal ... bie stäche foU SDicß ereilen!" 

geften Sdßritte§ lehrte er nach feinem $abinet für Vontgenftraßlen zurüd. 

Slnna mar nicht meßr ba. 

Sucßenb burcbfcßritt er bie Salons im ©rbgefcfjoffe. £)ie ©attin mar 
irirgenb» zu finben. VBo tonnte fie bittgegangen fein? 

©r flieg bie kreppe §um erften Stodraerl empor, mo fidg ba3 ge* 
meinfcbaftlicbe Schlafzimmer befanb. 2ln beffeu Xfyüx Hopfte er an- 
leine Slntmort. Vorfidgtig öffnete er unb ftedte ben $opf burdß bie Spalte. 

„ 2 tnna?" 

Sillen blieb ftumm; ba» gimmer mar teer. 

ßopffdbüttetnb ging er ben Horribor biefes Stodmerte£ entlang unb 
aufd)te an ben £ljüren, bie fyex zu ein paar grembenzimmern unb ner* 
dhiebenen 2lufberoabrung§räumen führten. Virgenbä ein Saut §u uernebmen. 

5lm ©nbe be£ ^orribors mar nod) ein gimnter, beffen beibe genfter 
)en Slugblid nach ber See gemährten. 2lnna batte e§ fid) at» ein reizen? 




Dagobert rort <Sßrtjarbt*2Itriyntor in potsbam. 


\58 — 

be» unb anbeimetnbeS Sßerfted eingerid&tet, in bem ein mit perfidem ©eppid) 
bebedter ©inan 311t !Rnt)e einlnb; fie nannte e§ immer ii)t buen-retiro. 
©ort blieb Saren fielen nnb Köpfte tnieber an bie X'fyiix. I 

„äßet ift ba?" ertönte ibnuas Stimme. Sie t'lang etraa-o caicferoaen. 

"gcfl büt e§ . . . grife. ©arf icfe eintteten?" 

„©ofort. 3d) roerbe gleicfe öffnen. _ . i 

©ie batte fiefe atfo eingefcfeloffen? Unroillfürltd) ipannte liefe ber 
ßörnero be§ ©inlafe Segeferenben. ©r nemafetn ein ©eräuföfe, 

Semanb einen ©d,ub beinegte; bann tönte ba8 teife flirren M ©«eil. 
(g a tte anna getrieben? unb nevftecfte fie icfenell ba§ ©elcfettebene, 

inbem fie e§ einfcf)Co^? , , , 

3 e|t bewegten fid) Stritte anf bie ©l)ür 31t, etn Siegel würbe gurufc 

gesogen, unb ber Türflügel breite fiel) um feine Singeln. 

3m Stafemen ber geöffneten ©feüt ftanb bie junge ,yran mit ge= 
rötfietem änttifc. ©ie begrübe fefer freunblidj, aber ein mentg befangen, 

ben eintretenben hatten. rr , ou 

©u l)aft ©id) eingefcbloffen ? fiaft ©n gegeben« 

„dtetn, grtp . . . nnr ein wenig gernbt. 3d) emen 

non Slopffdjmergen fcefommett." . 

(garen erfdjraf. SBarum tankte ibn SInna? @r batte barauf 

febmöreu mögen, bafe fie niefet geruht, fonbern gefeferieben featte ^ 

„®u fietift erfeifet au§, mein ©efeafe. Safe boefe einmal wen. 

©r featte ifer £anbgelenf umfafet unb prüfte iferen $ulS. 

„©in nienig aufgeregt," brummte er uor liefe fein. 

„9tun fefe ©iefe nur roieber unb rufee ©itfe, iefe will Sieb baoon mrat 

©r geleitete fie jurn ©inan, liefe fie bort nieberfifeen unb unfern neben 

,,3d) mufe noefe nad) ber ©unfeHammer prücKeferen, feob er unbe= 
fangen, aber bie ©attin unauSgefefet fefearf beobaefetenb, an, „um tue 
gertigfteUung unferer Slufnafeme p befefeteuuigen, bie iefe bem ©ottor 

Sßilbentfeal 311 fenben netfproefeen feabe." 

„■©itte, fenbe fie ifem niefet!" fufer 2lnna läfe unb letbenfefeaft liefe 

^r^Vßarum beim niefet?" fragte er üfeerrafefet unb immer fcfeärfer mif= 

merfenb. „ . „ . r , , * 

„ÜBeit meine £anb mit auf bem Silbe ift. 3 <fe nntt niefet, bafe I« 

biefer — SOienfcfe beftfee." ,, 

„©iefer SKenfcfe? roaS feaft ®u gegen ifen? 3<fe benfe, 3fer feib alte 

SBefannte?" 

„SfflerbingS ... iefe feabe ifen früfeer ja manefemal gefefeen ._. • abei 
er ift mir unfptnpatfeifdj, iefe inöcfete niefet, bafe er roieber in linier s au- 
fommt." 





- Köutgenftrat}Ien. - J5C) 

»3$ begreife biefe ptöfclicJje 2T6rteigung nidjt. fiat er £)ir etwag 

getrau?" 

füllte er wagen!" verfemte fte heftig, faft Ijeraugforbemb. 
/,9teto/ grit 3 , getljan I;at er mir nid)tg," fügte fte weniger leibenfdjaftlidj 
fjittp, bemt fte bereute, bab fte fo unbebaut (jerauggeplapt war, „aber td; 
mag ib)n nidjt (eiben, $erfpridj mir, baf 3 5Du ihm bag 33itb uid)t fdjicfen 
wirft, unb wenn eg fidj nicht vermeiden läßt, fo febrteibe wenigftenS vorher 
bag 2i6biCb meiner «ganb ab." 

,/Jtun, nun . . . beruhige $>icfj nur . . . idj witt fehen, wie eg fidh 
einridjten läßt. Qdj verftelje 3)idj aber gar nicht . . . ich firtbe Sßilben* 
t()al fef)r nett" — (er betonte bag „fehr") — „er fdjeint mir ein 
äußerft anftänbiger unb pverläfftger dftann p fein . . . eg überragt 
mich, bab uttfer Urteil über ihn fo biametral augeinanber gebt." 

£)ie junge grau würbe immer verlegener; fie fab wie auf Mjlen. 

„©ei mir nicht böfe, grib," bat fie mit fdpteidjelnber Stimme, „eg 
ift gewib recht albern von mir . . . aber (abe ihn nicht wieber in nufer 
Sans." 

©arett triefte nur mit beut ftopfe. ©r war aufgeftanbeu, um fidj 
pm ©eben p wettben. 

„ttiube ®id) bi§ put SJlittageffen . . . £)u haft nodj eine halbe 
©tunbe big ©edjg . . . Sfbieu, ©cfjab." 

galfthbeft, ®ein dtame ift 2öeib! fnirfdjte er jwif<h^n ben gähnen, 
a(g er fidj brauben im föorribor befanb unb ben mübfant behaupteten 2lm 
f<hein innerer S^uhe fahren lieb. £)ag war ja 2ltteg £ug unb 5£rug non 
ihr! ©g mub jwifdjen Reiben etwag vorgefatten fein —, and) hat fte ge? 
fchrieben unb nicht geruht. Db fie fidh fdjon fo weit vergibt, bab fie 
beitnCidb mit if;m forrefponbirt? Unb iljr pr ©chau getragener -Mberwitte 
gegett ihn? witt fie mich bamit in ©orglofxgfeit eintutten unb verbinbern, 
bab mein SDiißtrauen wadj werbe? 2lber idj werbe auf beut ^often fein 
unb bie Gingen aufthun! man fott mich nidjt h^tergeh^n! Sßenn fie an 
ihn gefdjrieben hat, fo wirb fie ben Sßrief balbmöglid)ft beftetten (affen; 
wir wollen fe(jen, wer fdjlauer ift, id) ober fie? 

@r feßritt mit gerättfd) vollen ©djritten bie kreppe Ijinab, nahm «gut 
unb ©tod im Sforribor unb verlieb bag «gaug, inbent er bie «gaitgtbür 
abftdjtlidj mit (autem Sprach pfatten lieb. 

,3ur Sinfen von ihm lag bag ^urljaug. ©r fchfug aber bie entgegenge= 
fe^te Dichtung ein, um bie ihn etwa heimlich beobadjtenbe ©attin p täufchett. 
^(3 er aber bie erfte vom ©tranbe wegführenbe ©trabe erreicht hatte, bog 
er fdmell in biefe ein unb ging nun befdjleunigten ©djritteg auf einem 
Umwege bodj nad) beut ßurljaufe, an beffett ©ingang er fidj unauffällig 
aufftettte. 

2Bag er erwartet hatte, fottte halb eintreffen; eineg feiner «gaugutäbdjeu 
taut eilig auf bag SUtrljaug p. 




\60 


Dagobert tioti (Scrtjarbt'^lntyntor ttt potsbam. 

ßv ging bent üRäbcfjen entgegen unb fragte freunbtid) unb ohne bas 

geringfte SDüfstraueu p nerratljen: ; ; 

„9iun, SJtarie? rno motten ©ie beim noch t)in?" 

®ie Gefragte f<bien binfidjttid) i^rcr Slntmort etmaä unfreier p fein: . 
„3d) foH . . . ict) und jum • . . geirrt ®oftor SBilbentbat." 

„Unb maS motten ©ie non it)m?" 

„geh foll it)tn einen »rief bet gnäbigen grau überbringen. 

Sie hielt ein »rieften in refebafarbenem llmfditag in ber £anb. 
„©eben ©ie nur her, SJlarie. ®aS »erbe ict) beforgen. gef) treffe' 
midj noch mit bem .öernt ©ottor." 

®aS iHiäbcbcu jögerte. 

„get) meifs nicht, §err ®o!tor . . . bie gnäbige grau fjat nur ein* 

gefdiärft, ben »rief perföntid) p übergeben ■ ■ ■" ' 

,®ummeS geug!" ©areu lactjte gemütblid) unb fcbeiitbar in bogent 
©rabe beteiligt. „2BaS ©ie beforgen fotten, baS fann id) bod) felbftner* 
ftänbtidE) eben fo gut tt)un. ©eben ©ie nur ber. SBenn ©ie übrigens 
einen ©abet ber gnäbigen grau befürditen, fo fagen ©ie breift, ©ie batten 
ben 93rief perföntid) abgegeben; icfj bürge 3bnen, bafj ber gtjnen geworbene 

Stuftrag pünfttid) non mir auSgefübrt mirb." 

gjfarie gab ben »rief. ®ie SBorte i^reS »rotberrn batten fie nottig 

beruhigt. 

„®arf id) ber gnäbigen grau metben^ bafe &err ®o!tor 2Bitbentt)al 
ben »rief aus meiner ^anb empfangen bot*“ \ ' Jfl 

©areit ladjte. 

„2lber natürlich . . . iDettit ©ie biefe fieiite 9totl)tüge für geboten 
batten, fo fagen ©ie eS nur . . . i<b werbe ©ie nicht ber Unmabrbeit 

Seiten." „ , ' _ . , 

»djen l)ufcf)te befriebigt banou, unb ©aren $ielt ben £rtef 

tu ber bebenben §anb. 

„(Sie ift in bie gatte gegangen/' trium#rte er, obgletd) er nor 
innerem SM) taut hätte auffdjreieu mögen, mir »erben gleich fet)en, une i| 
meit bie ©adje gebielgen ift." 

©r fdjritt über ben bö^ernen ©teg nach bem ©tranbe t)inab, manb e 
Üd) bort tinfS unb ftrebte beim ®amenbabe »orbei bem einfameren ®t)eile 
beS ©eftabeS p. 

®er 2Binb batte fid) uöttig gelegt, ©in blauer, nur non feinen 
fitbernen ®unftfd)teieru umranbeter Fimmel lenzete über ber ©ee, beren 
erregtes ©emoge aber noch fortbauerte unb bis in bie äufierfte gerne 
hinaus roeifse „Katzenpfötchen" erjeugte. Stur im ffieften, ba »o baS fanft 
gefebmungene Ufer meit in’S SJteer norfprang, maten bie ®unftfd)teier ju 
grauem ©eioötf nerbidjtet; es fd)ieit, als ob itad) bem fdiarfeit Siorbtnin e 
non tjente früh Siegen einfeben mürbe. Stoch Itanb bie ©ouue über bem 
goripnte unb nerttärte mit ihrem ©tanje Sanb unb ©Baffer. ©Bie um 








Königen [trabten. 




uSipredjiicb ()errüc^ unb ergaben mar bie Statur! unb roie fieinlidj unb 
rbarmlidj maren bie Sorgen unb 2Xengfte beS furjlebenben, fid) in ben 
börn^tften Kämpfen ner^ebrenben Btenfdgen! Saren nahm ben «gut ab 
tnb mifd)te fid) bie feinen perlen non ber Stirn. £)ann ftülpte er ben 
3 ut rnieber auf, raarf einen fdjeu prüfenben S3ti d in bie Bunbe, unb 
tacbbem er fid) überzeugt Ijatte, ba£ fein fäftiger Beobachter in ber Stäbe 
rar, b)ob er baS erbeutete Briefeben in Seljmeite nor bie Singen. 


$)aS mar ihre ganbfdjrift! iljre feinen, fieileu, fingen, beinahe etwa» 
nännlidjen Sdjrift^üge! ^öarntbjerjiger ©ottl mar es benn möglich, bafe 
ein SBeib, feine gotbreine Slnna, für bereu Smgenb er bie ganb in’S 
5 euer gelegt hätte, hinter feinem Büd’en mit einem anberen Spanne Briefe 
oecbfelte? Seine -Bienen nahmen einen bitten, faft graufamen SluSbrud 
m; fein Blid trübte fidj, fo ba& igm bie [cbmar§blauen Butbftaben auf 
)em lid)tgrünen Rapier unbeutlid) nerfdjmammen; aber mit fefter, rüdfid)ts= 
ofer ganb öffnete er ben nod) feudjten Berfcbluft beS eben erft uerflebten 
MefeS unb 50 g baS barin enthaltene 3etteld)en bernor. 

@r mar fo erregt, bafj ibm gar fein an ber Berechtigung 

feine» Sb^nS aufftieg, unb menn igrt rairfiicb fein ©eroiffen gemahnt unb 
.bin bie Bebenftid)feit einer Bergung beS BriefgebeimniffeS uorgebatten 
batte, er mürbe fotdje Mahnung uöttig überfüllt gaben. Sein Blid fud)te 
Den Inhalt beS 3ettelS gu uerfölingen, mäbrenb ihm baS ger§ in verlang* 
[amten, aber fdjmerjli$ nerftärften Wulfen bis an ben gals fd)lug. 

Btäblidj glätteten ficg aber feine $i\ ge, unb mie ein Seufzer ber @r* 
[öfung quoll eS befreienb aus feiner Bruft. S)aS mar fein ^ärttidjeS 
pebeSftammeln, maS er ba gelefen gatte; baS mar melmebr ein Snterbift, 
DaS bie empörte Sdjreiberin gegen Sßilbentbcd fdjleuberte. 

„Betreten Sie nie mieber mein gauS!" fo begann, ohne jebe Slnrebe, 
Die fleine flammenbe ©piftel, „nur um einen ©flat $u uermeiben, nur 
juS Sorge um meinen ©atten §abe ich gefdjmiegen, . . . menn Sie mich 
aber nod) einmal gu beleibigen magen follten, fo merbe id) mich unter ben 
3d)up Neffen ftellen, ben ich non gerben lieb habe unb ber mein berufener 
Bertbeibiger ift. ^ 


gaftig, mit fliegenber ganb maren biefe menigen fttiien auf’s Rapier 
geraorfen; für Saren aber enthielten fie ein ©oangeiium non ber uner- 
l$iittertid)en Siebe unb Beinbeit feines SöeibeS, unb er hätte baS Blatt 
Danfbar an feine Sippen preffen mögen. Sie mar alfo fcbutbloS, aber 
jffiUbentbal, ber Berraegene, batte fie beleibigt, er mar il)r im Schule ber 
Sunfelbeit §u nabe getreten. £)er gluoreScengfcbirm b a tte nidjt getauscht: 
*3)er Jrenler gatte fie §u füffen geroagtl ga, meid)’ eine Schmach! meid)’ 
unerhörter Berratb! Slnna hätte bie Siebfofung aus Slngft unb Sorge um 
ihn, ben (Satten, fdjmeigenb erbnlbet; nun mürbe SBilbentbul fid) für be- 




\< j 2 - Dagobert rou (5ert)arbt*2lmyntor in potsbam. - 

rc^tigt galten, feine VerführungSfünfte weiter fpielen 51 t (affen unb bes 
nerratSenen (hatten ©lüd unb Ehre fdjnöbe in ben (Staub §u treten. 

Ein roilber gah gegen ben blonben gitnen lochte in (SarenS gerjen 
auf. Der ^eud;lerifcf;e r nur bie VlaSfe ber Ehrbarfeit tragenbe Ver* 
führe r war fdjulb bar an, bah Saren heute Dualen unb gweifel erbulbet 
hatte, bie er nie wieber aus feiner Erinnerung würbe auSlöfcben fönnen. 
Unb je tiefer ifjnt ber bohrenbe Schmers biefer Eif er fuchtS quälen unb biefer 
3weife( an ber Dreue feinet SBeibeS gebrungen war, um fo heftiger padte 
ihn nun ber ©roß gegen SÖilbenthal, ber ben heiteren Sonnentag feinest 

ehelichen ©lücfeS fo f<hmäbti<h getrübt batte. 

Er fann unb fann, wie er ben Verwegenen §ur Verantwortung sieben, 
auf welche empfinbtiche 2 öeife er ifjn beftrafen foUte. Slber über bem 
Dunfel unb ©raus biefer rahebrütenben ©ebanfen lachte hoch immer 
wieber ber Sonnenfd)ein ber greube, bah aße feine Vengfte unbegriinbet 
gewefen waren, bah 2lnna, feine Vnna, frei non Sdjulb unb gehle war, 
bah ein breifter griebenSftörer wohl einmal an feine Pforte gepocht, aber 
bie Schweße 311 m Slßerheiligften feines gaufeS nicht hatte überleiten fönnen 

Er sog bie Uhr: fdjon fedjs oorbei. Er muhte eiten, wenn er nidji 
SU fpät su feinem VtittagSmable fommen woßte. 

2Iber ber Vrief? 

Er nerfuchte, ben Umfdjlag wieber sufammensufleben. Das getane 
nicht mehr orbenttich; bie Spuren, bah er fhon einmal geöffnet worbet 
war, liehen [ich nicht gans befeitigen. So foßte ber Vrief auch nidtf meb' 
an feinen Slbreffaten gelangen. Saren fteefte ihn in bie Dafhe unb fhlug 
in fharfeS Vachfinnen nerfunfen, ben geimweg an. 

2lnna empfing ihn im Speifesimmer. Die tiefe Vötbe ihrer SBanget. 
hatte ber gewöhnlichen ©efid)tsfarbe ^lap gemacht, greunbticij begrübt 
fie ben ©emabt unb fepte fi<h mit ihm an bie Dafel. 

„Vun, Scha^/ y fragte Saren, „was machen bie ßopfhhmerjen?" 

„Die finb weg, grip ... ich glaube, ich batte fie nur non ben 
©eruh in ber Dunfetfammer . . . id) fann biefe Säuren nicht »ertragen/ 

Der ©alte fhmunselte. Er wupte gans genau, woher jette $opf 
fchmersen gefomnten waren, fagte aber nichts. 

Vnna fat) befrembet fein ungläubiges Säbeln. 

„SBarurn lachft Du, grife? ©taubft Du mir nicht?" 

„Vein, ich glaube Dir nicht, ©etiebte. Du bift fo fhlicht unb auf 
richtig, bah i<h Dir and) bie fleinfte Defonomie ber V>ahr(jeit nont ©efief 
ablefe." 

„Vber grip, — ich muh bo<h bitten — wiefo jeihfl Du mich eine 
Defonomie ber Sßahrheit?" 

ViS unter’S Stirnhaar war fie bei biefer grage errötbet. 

„Die ^opffhmersen hat Dir ja 2Bilbenthal bereitet," fagte er gemütl 
lid) unb jebett Umfdjweif nernteibenb. 




- Höntgenftrafjlen. - \65 

„£)u . . . weifet . . fam e3 faft tonlos ooit ihren Sippen. ©ie 
jaf) ifen erfd)rocfen mit ängftliZ gefpamttent 23tid an. 

„greiliZ, iZ weife 2ttteS. SBo^u hatte idj bemt meinen gluoreScen^ 
f^inn? 3Z habe nnr nidit genau ermitteln fönnen, ob er DiZ auf ben 
9 Jtunb ober nur auf bie ©tirn gefügt hat?" 

„9?ur auf ben £als, grife," fuhr fie rücfhaltloS heraus, „nur auf 
beit £als! aber audj baS war fcfeoit gräfelid) genug. 9Jieitt ©ott, grife. 
Du fiebft fo nterfwürbig aus . . . habt gljr (Such gef plagen? feaft Du 
if)n oerwunbet?" ©ie hatte Zre £janb auf feinen Unteramt gelegt unb 
prefete ihn frantpfhaft, als fönnte fie fo ein offenes ©eftänbnife erzwingen. 

„33angft Du um ben -Jftiffethäter?" 

„dtur um Dicfe, grife . . . id) utöd)te DiZ in feiner ®efafer wiffen." 

©ie war attfgefprungen unb ftanb nun neben ihm, ihren Irnt um 
feinen Jadeit fZlingenb. 

Er fal) gtüdlid) gu ifer empor. 

„©orge Dieb nicht! aber ber . . . $tenfZ ift nicht wertfe, bafe er in 
ben SBefife Deiner .ganbfZrift fommt, wenn fie ihm auch weiter feine <Süfeig- 
feiten §u foften giebt. £ier feaft Du Deinen 23rief wieber. Den gnbalt 
werbe id) bem Patron münblidh mittheilen." 

Er hatte in feine Dafdje gegriffen unb überreizte ifer baS geöffnete 
©Treiben. 

„Du . . . feaft . . . ifen gelefen?" 

„^ergeifee mir, ©Zafe . . . aber eS ging nicht anberS. geh mufete 
boZ erfahren, was meine grau für §eimliZfeiteit mit biefem etwas aü^u 
fühlten Witter ^atte." 

„©o haft Du an mir ge^weifelt?" 

„ s JtiZt einen Slugenblicf. Der Deufel wollte mir ^war allerlei Seun* 
rtthigenbeS in’S Dfer raunen, aber in Erinnerung an meine ftot^e, tapfere 
grau habe iZ feine Slnfäüe ftegreiZ abgefZlagen. 2 Xber auZ eine nur non 
ber 2 Ingft biftirte feeimliZe üorrefponben^ mit SBilbenthal woüte iZ uiZt 
bulben, eS giebt beffere Mittel, ihn non Deiner ©efinnung gegen ihn ju 
unterriZten." 

„Du wiüft DiZ mit ihm fZlagen!" rief fie entfefet unb fZlang betbe 
dritte um feinen s Jtacfen, wie um ifen fdjüfeen $u wollen. „Du wiüft DiZ 
mit ihm fZlagen!" wieberfeolte fie aufeer fiZ/ ,/grife! Zu’ baS um ©otteS- 
wiüen niZt! iZ befZmöre DiZ! iZ überlebe es niZt, DiZ um biefeS 
SJtenfZen wiüen in ©efabr $u wiffen." 

DaS §er^ beS fo leibenfZaftliZ 93eftürmten ^üpfte heimlid) nor 
greube. ©ie hatte ihn alfo boZ lieb! fie bangte um ihn unb fein Sehen! 
nur um fein Sehen! DaS ©Zidfal beS Slnberen war ihr nöüig gleiZgiltig. 

Er 50 g fie nieber auf feinen ©d)oofe unb ftriZ Zr befänftigenb über 
baS 5lntlife. 




m 


Dagobert von (Ser^arbt»2tmvntor in potsbam. - 

„ISerubige ®idj, liebe5 Kinb! Ueberlajj Stiles getroft mir ltnb gicb 

®icf) feiner unnötigen Sorge l)iit." 

$a? mären leere 9ieben?arten, er füllte e? beuttidj genug; berat im 
©ebeimen bacljte er adcrbingS an eine £erau?forberung be? Sterroegenen, 

beit er pdjtigett raoUte, süchtigen muffte. 

„Sei oernünftig, mein Sieb/' er füjjte fie auf bie fd)ön geformte 
Stirn, „unb gel/ unb feb’ ©id» mieber unb Cafe ba? gebratene &äbnd)en 
nicht falt merben. 2Ba? fod. ber ©iener benfen, roenn er bereinfontmt unb 
finbet, baf; ®u gar nielitS gegeffen CjaftS" 

Sie gebordjte unb naljm mieber ihren /d«lj ein. 

„SBillft ®u mir »erfpredien, grib, baf; ®u ©ich in feine ®efahr be= 

geben roirft?" 

„2tber fo lab bieS STtjema bod) jefet roenigften? ruben/' bat er au?- 
roeidjenb, inbem er bie SBeinflafcfte ergriff unb ber ©attin ein ®la? SJiofet 
einfdienfte. „Jlad) ©ifdj fönnen mir ja roeiter barttber reben, jefet motten 
mir fröblid) fein unb auf fernere? gute? ©lud mit einanber anftofjen." 

©r jagte e? fo lütter unb frob gelaunt ... er raubte bod) roobl 
feine blutbürftigen ©ebanfen in feiner Sruft begen. Sie beruhigte fiel), 
ergriff il)t ®ta? unb Ctefe e? mit bem ©lafe be? ©atten pfammenttingen. 

„®a? ift recht/' belobte er fie, „unb nun triuf au?! ©? lebe bet 
SBein unb bie Siebe!" 

Um fieben Uhr befanb fidi ba? junge $aar int 2 Irbeit? 5 tmmer be? 
£au?bertn unb nahm bort ben Kaffee. Saren batte fidj eine Gigant am 
gejünbet — bie erfte, bie ihm beut fein 33eruf erlaubte — unb fdjritt 
behaglich im Simmer auf unb ab, mäbrenb ütnna am ©if* faff unb ihre? 
Imte? an ber Kaffeemajd)ine mattete. 

Sie moHte gerabe mieber auf ben beim ÜJlabte nerbanbetten unb bann 
uerlaffetten ©efpräcb?gegenftanb prüdfoutmen unb ben ©atten fragen, auf 
roeldte 3Beife er benn ohne ©efabr für fein Seben bie peinliche Ungelegen* 
beit p erlebigen gebähte, at? ber ©iener bereinfam unb eine 23efudj?tartc 

i pirtum (Spvrvt iiftpTTPtcfltP 

„Dr. Otto Sßitbentbal?" la? biefer CjatbCaut unb ftarrte befrembet 
auf bie Karte. 

Stnna hotte e? gehört. 

Sie fpraitg auf unb trat bicht an beit ©emabt heran. 

„empfange ihn nid)t . . . je|t nicht!" bat fie einbringlidj/ aber au? 
gtüdfiebt auf ben anroefenben Siener mit gebäinpfter Stimme. 

Saren pdte bie Stdjfetn. 

„Kinb, ba? gebt nicht ... ich muh bod) erfahren, roa? er null. 
Saffen Sie ben §errn bereinfommen," befahl er bem ©iener. 

SBäbrenb biefer binau?ging, fafete Saren 2Cnna bei ber §anb unb 
führte fie mit teifem 3mange na* ber anfiofjenben SBüd^erei. 

„®eb bi« biitbur* ” 0 * ben Sßorberjimmern, bamit 3fer ®uch 





- Königen ft rafylen. - J65 

egegnet. Sei" hoch mir ruhig, mein Sieb; ich nerfpredje f£)ir, ich merbe 
tief) gu beherrfdhen tüiffert." 

©r friste fie fcljnefl nodh auf bie (Stirn, 

$aunt hatte fie bie $£{jür nach bem näd)ften Safoit hinter fid^ ge^ 
dhloffen, als Söilbenthal nont ^orribor her in bie Vücherei eintrat. 
Stumm nerbeugten fid) 33eibe nor einanber. 

SarenS bunfle Singen fanbten lanernbe Vlide burd) bie Vrittengläfer. 
„©ntfchulbigen Sie, $err SDoftor," fagte SBitbentljal gemeffen unb in 
emifferntabeu feierlichem £one, „wenn ich noch einmat Qhre Seit in Stm 
uudh neunte. ©S ift ber Slrgt, gu bem ich in erfter Sinie fomme; fpäter 
abe i<h 3f)nen noch eine Sttittheilung gu machen." 

Saren blieb ftumm. ©r beutete mit ber £anb nad; bem benachbarten 
IrbeitSgimmer, mohin fich nun Veibe begaben. 

®er ©ang gu Saren mar SSitbenthat nicht leidet gemorben, menn er 
m fcfjtiefjlid) auch nach fangem Sinnen unb ©rübeln als fitttic^e £Rot^^ 
tenbigfeit erfannt gu ^a6en glaubte. 

Slf3 Sßilbentfjat nadh bem erften Vefucfje beS ärgtlid^en Kaufes inte 
freie getreten mar, hatte er fid) nicht nach bem Slurhaufe begeben, fonbern 
)ar non Vene unb Unruhe gefoltert, immer am Straube entlang nadh 
öeften gu meiter gemanbert. < 3u feiner Sinfen hatte ihn bie bemalbete 
Mitte gelodt, unb fo hatte er baS offene ©eftabe nerlaffen unb mar immer 
efer in baS pfablofe unb auf gerflüftetem S3oben üppig gebiehene 2Salb= 
idicht eingebrungen. 

Stad) bem gangen ©ebaren, baS Saren ihm gegenüber befunbet hatte, 
neifelte er feinen Stugenbficf mehr, ba£ biefer entmeber ben Staub beä 
: :uffeS gefehen, ober boef) minbeftenS einen fdharfen Verbacht gegen feinen 
toft gefaxt haben muhte. gn beiben fällen muhte es früh aber fpät 
ir Slitefprache graifchen bem ©hepaar fommen, bie fehr leidet bebenfliche 
Plgen für baS ©lüd ber jungen ©he haben fonnte, unb fefbft menn Slnna 
en §ergang genau fo fchitberte, mie er ftattgefimben hatte, unb menn ber 
'rgt feiner ©attin auch roden ©tauben fdfjenfte unb ihr feinertei Vormurf 
tachte, fo blieb bann bod) immer noch baS ©ine beftehen, bah er, SBilben* 
)at, im nngünftigften Sichte eines leidjtfertigen griebenSftörerS erffeinen 
lufüe, per fidh in fchtimmfter Slbficht einer tngenbhaften grau genähert 
nb, nadjbem er ungmeibeutig non ihr abgemiefen morben mar, feige unb 
efchämt ben Stüdgug angetreten hatte. 

®aS Vlut fchoh ihm bei biefer Vorftellung gu Raupten. Stein, eine 
) jämmerliche Volle raollte er hoch in ben Slugen ber fdhönen grau nicht 
pielen. Viel lieber märe es ihm bann nodh, menn Saren Silles erfuhr 
nb ihn nielleicht mit ber SBaffe in ber £anb gur Verantmortung gog. 
Sann erfdhien er menigftenS nicht als geigling. SXber mürbe benn ein 
Jroeifampf eine befriebigenbe Söfung bieten? SBenn er ben Slrgt nieber- 
h)°6, bann häufte er ja nur ein neues Verbrechen auf baS alte, unb menn 




^(56 _- Dagobert ron <Serfyarbt‘2imyntor in potsbam. - 

er "fetSft jiä) miberftanbSloS nieberfdjie&en lieg, bann blieb befien galleS 
immer bie ©attm beS Siegers btofegeftettt, unb bie gefChäftige gama mürbe 
^on für allerlei fd)änbli<$e Entfettungen beS magren SadmerhattS gu Un* 
gunften einer meljrtofen Ehefrau forgen. IXttb mürbe es bcnn nicht albern, 
nid)t gerabegu finbifä) fein, menn er fein junget unb jufunftSreiCheS ^eben 
wegen eines Muffes, ben er einer frönen grau geraubt hatte, megmürfe? 
®a§ märe ja bie ^l)at eines unreifen Stubeuten, bie nnr ein mitleibigeS 
Säbeln nerbiente unb in ben Stugen eines reifen Cannes nimmermehr als 

eine vernünftige Söfnng gelten fonnte. 

©r b)atte hin unb her gefonnen unb mar bod) ju feinem einmanbs= 

freien Ergebnis gefommen. 

@S mar mitttermeile Slbenb gemorben. gm Sßeften hatte W baS 
©emölf purpurroth entjünbet unb fanbte flammenbe Strahlengarben bis in 
bas tiefe Blau beS motfenfreien 3enitl)§ hinauf, ©ine teu^tenbe garbem 
fpmphonie ftanb am Fimmel unb entglitte ben Blicf beS Bielgereifteit, Der 
unter allen Sreitengraben fo mannen (Sonnenuntergang beobachtet unb aber 
noch feinen herrlicheren unb glorreicheren gefehen hatte. Sollte ihm bie 
Dtatur fo ad oculos bemonftriren, mie munberbar fdjön ne mar unb mie 
lächerlich es märe, ber geheimnisvollen Schöne biefer erbe Met gu fagen, 
um eines SBeibeS mitten, baS einem SInberen gehörte unb für einen felbft 
nicht mehr erreichbar mar? 

3lber er mieS folChe entnervenbe ©ebanfen meit von fid). er f;atte 
gefehlt, unb es galt ju hanbetn unb biefen geht mett $u machen. 

er fonnte ja nach gaufe fahren, bort feine Koffer paefen, — nichts 
hielt ihn in ber geimat — unb fiCh mieber auf ferne Sßeltreifen begeben. 
$Dann blieb baS ehepaar hier gurüd unb fonnte jufehen, mie ber Sturm 
im ®tafe SBaffer, ben er, Sßitbenthal, burCh feine Stedheit aufgeregt hatte, 
aitStobeu mottte. Slber bann mar er ber glüChtling, ber liCh ber Vertretung 
feiner SaChe feige entzogen hatte, ^ob unb Teufel l er mar ein beutfefjer 
tapferer SJlann! eine fotche gahnenflud)t fottte ihm deiner vorraerfen bfirfen! 
$DaS Einfachfte mar, er ging noCh einmal &u Saren unb Tagte biefem in’s 
©efidjt: gier bin id), ©aS unb £)aS habe iCh getban, nun tf)u’ 2m, maS 
®vl m thun für angemeffen hättft, ich bin mit Sittern einverftanben. ga, 
baS mar eS! baS mar eine Söfung! bann hatte er fiCh nichts mehr m 
gumerfen, unb mie nun bie meitere Erlebigung beS galleS gu bemirfer 
mar, barüber mochte fiCh bann ber Sinbere unb nid)t er, SBitbenthat, ber 
<Ropf ^erbrechen. 

@S mar ihm plöplid) leichter gemorben. befreit von ber Dual eines 
unerguieflidjen ©rübelnS machte er $ehrt, fChrägte aus bem SSalbbidiCh 
mieber nad) bem Straube ju unb hi^lt bie Stiftung naCh bem Saren fch^ 

gaufe intte. . | mm 

Stuf ber ^erraffe beS teljaufeS, bei ber er fdjnett vorüberging, geittj 

eben baS tägliche 3lbenbfon§ert begonnen. 






- Köntgcnftrafylcn. - 3(67 

„9Rufe i benn, ntufe i bcmt gurn (Stabile hinaus . . tönte es 
.itljin burd) bie Stille beS IbeubS. 

Sößilbenthal tädjelte trübfelig. Saju formte Rath werben; auch er 
rbe 6alb biefeS IbfdjiebSlieblein fingen. Söenn ihm baS £eben blieb, 
tn wollte er beit Staub ber «geimath non feinen Schuhen flopfeu unb 
*ber f)inau^ 5 ieb)en in bie baS gerg ftiüenben (Sinfamfeiten ber SBüften 
) in bie farbenprächtigen SBunber ber £ropenwelt. 2BaS follte er hier, 
baS einzige lugenpaar, baS ihn etwa noch entgüdt hätte, nur noch 
i einen Inberen ftrahlte? 

loci) immer glühte ber Ibenbhimmel in ber garbe ber Slutorange, 
er bie ©lode am portale ber ärgtlidjen RiKa ertönen tiefe. @r hatte 
ine nolle Ruhe wiebergewontten unb faf) ben ©reigniffen, bie ba fommen 
;;rben, mit faltem Stute entgegen. 

US er nun mit Saren in beffen IrbeitSgimmer eingetreten war, 
tute er ihm feft in’S luge unb fagte ruhig, faft gefipftSmäfeig: 

„Qd) habe eine grage an ben Irgt gu richten." 

„Sitte," crwiberte Saren, nachbem er fiä) teidjt geräufpert hatte, 
; ehmen Sie gefättigft $lafe." 

$)ie Ruhe unb Sidjerheit SBilbenthatS machte ihn felbft unficher. @r 
de, bafe Söilbenthal nidjt nur als Patient gefommen war, unb ner« 
ichte fid) bodh flicht gu erftären, warum biefer überhaupt bie Qnitiatioe 
i einer Sache ergriff, gu bereu Inangriffnahme er, Saren, gang allein 
ufen war. 

> Sßilbenthal fefete fidf beut Irgte gegenüber unb hob an: 
j ,,3d) möchte non 3fenen erfahren, ob es möglich ift, bafe ein Rienfch 
it fünf gefunben Sinnen, ber fid) immer forreft benommen unb ftreng 
'ifd) gebacht unb gehanbelt hat, plöfetid) einmal unguredjnungSfähig wirb 
io fid) gu irgenb etwas Unbebautem hifl^etfeeit läfet, baS mit feinen 
i feigen ©runbfäfeen im fcbärfften Sßiberfpritdje fteht." 

Saren wufete erft gar nicht, wo biefe grage lfenau3 wollte. 

; nbelte es fid) um ben grager felbft ober um einen feiner greunbe ober 
der ©ienftleute? lud) ging es ihm wiber ben Strich, mit einem 
Lanite, ber erft oor wenigen Stunben feiner grau einen fhtfe geraubt 
i te, fo ruhig unb fachlich eine melleidfe nur afabemifdje grage oerhanbeln 
Moden. 2Bar es nicht richtiger, wenn er aufftanb unb biefe ihm wiber« 
(benbe Unterhaltung mit ben SBorten abfdjnitt: Saffen Sie midj mit 
[ feem ©efchwäfe in grieben! geben Sie mir erft Rechenschaft über 3h r 
galten am heutigen Rachmittage! Sie haben meine grau. Sie haben 
h auf’s Sdjnöbefte beleibigt unb Sie follen ungegüdfeigt biefeS gtmmer 
■ )t oerlaffen! Iber ber Inbere fah ihfl fo feft unb offen au, er oerrieth 
(gar nid)t ben luSbrud eines fdjeuen, fdjutbbetabenen ©enüfeling§, eines 
(oiffenlofen äöeiberjägerS, bafe Saren wiberwillig an fidj ffeelt uflb in 
'flfo fadjlidjem £one erwiberte: 





\68 


Dagobert üon (Sertiarbt«2tmyntor In potsbam. - 



„©otdie gatte tommen oor; fie finb fogat gar nidjt io fetten, 
giebt pftxJjifdje etementarftörungen, bie plöfclid) unb fdjeinbat unoermütett 
bei fonft ganj normalen 3Kenfcf)en auftreten tonnen; eine ©inne§täufdju% 
eine SBa^nnorftettung tann §anbtungen auStöfen, bie fief) nur aus einer 
franfbaften, menn auch oorüberget)enben Unfreiheit ber SBidenlbeftimmung 

erflären laffert." 

„(Sie mürben atfo einen von einer pfpdjifdhen (Slementarltörung 
faüenen für baS dbfonberlidhe, ba3 er etwa währenb folcher Störung fo 
gefet, fitttief) nicht oerant wortlid) machen?" 

<Saren ftufete. £)a3 fai) ja wie ein Befe non (Schlüffen aus, bas 
ihm ber SInbere über ben £opf werfen wollte. «Sollte-er fich bar in fangen 
unb munbtobt madjen laffen? 


Eifrig nerfefete er: 

„$a3 fommt bod) feijr barauf an. SBer B. einen 9ttorb beginge 
unb fid) mit einer augenblidlidhen UnzuredjnungSfähigfeit entfdfjulbigen 
wollte, ber würbe bei mir niefet gerabe niel (Gegenliebe fiubeit." 

„Slber ber Strafrichter barf fet folgen Begleitumftänben bodf) niemals 
nerfdhliefeen. Unb id) benfe, was bem Suriften siemt, ba3 siemt auch bem 
•Jttebiciner, ja, jebem fühlenben Sttenfdjen. 3$ null aufrid)tig gegen Sit 
fein unb als 2Renfö zum GJtenfchen reben. 3d) habe mich beut Badhmittae 
febwer gegen Sie Hergängen, ohne jebe fcfelimnte 2lbfid)t, nöllig unbewußt 
wohl im 3wange einer foldjen pipdjifcfeen (Glementaritörung. Bitte, ^ötet 
Sie mich ganz ruhig an; 3hrer Beurteilung be§ Falles will ich in ieine. 
3Beife uorgreifen; Sie mögen b)interb)er tbun, was Sie thun zu müjfet 
glauben. 2US id) neben 3hrer grau (Gemahlin in ber ®unfelfamme: 
ftanb, wo idh nidjts fühlte, als bie unmittelbare 9cät;e ber grau, für bi 
id) nor fahren im Stillen gefchwärmt habe, ba uerfanf plöfelid) für mid 
bie ganze SBelt mit allen ihren Beziehungen unb fittliäjen Berpftidhtunger« 
Bur fie unb ich waren allein im kannte übrig geblieben, unb wie ber 2ln 
bärtige, ber oor einem (Götterbilbe in frommen Schauern fein $ni 
beugt, fo beugte id) mid) zu ihr nieber, bie ba§ gbol meiner Qugenb ge 
wefen war, unb ftreifte mit einem in nöHiger (Geifteäabwefenheit gehauste 
Äuffe ihren Baden. 3<h meife nicht, ob 3hre grau (Gemahlin mich fü 
einen Berbredjer ober für einen Berrüdten gehalten haben mag; nod) fühl 
ich ben Stofe ihrer £anb, mit bem fie mid) wie einen ^eftfranfen al 
wehrte. «gerr SDoftor! idh theile 3huen bieS mit, bamit Sie Bid)ter i 
einer Sache fein mögen, bie Sie ja felbft angel)t. 2ßenn id) 3huen mei 
(djrenwort barauf gebe, bafe idh uur in einem Slnfaü plöfelidjer (Geiftes 
Umnachtung gefeanbelt habe, fo will id) midh bamit bnrdhanS nid)t etm 
eutfdhulbigen unb in feiner SSeife ben rädhenben 2lrm be3 beleibigten @h' 
gatten aufhalten. Bedungen Sie non mir jebe (Genugtuung idh 
fie 3hnen nicht oerweigern. Qt fühlte mich nur im (Gewiffen gebrungei 





Höntgenftrafylen. 


ftnen rüdfbaltloS gu beichten, beoor idj, faßs mir baS Seben bleibt bicfem 
Tbtßeit wieber beit ^üdfeit febre." 

Sßitbentbat ^cttte bieS rubjicj Dorgebracßt, objne jebe fcßärfere Betonung 
bne aßen rbetorifdhen Sdhwung. 3?a, er munberte ftcf) über ficß fetbft" 
a§ ihm biefe Reichte, gu ber er fidh erft mit einer gemiffen 2tnftreugung 
atte überwinbeu muffen, nun nicht riet fernerer geworben mar. (Sr batte 
nt gaß ergäbt als ob es einen 2lnbent beträfe, unb betjielt babei fo 
tet Sefonnenbeit, baß ißnt bie SBabrnebmung nicht entging, baß hier ge* 
mcbt morben mar nnb baß außer bem £abafsbampfe 'noch ein feiner 
:omatifcber ßaffeebuft baS gimmer erfüßte. 

©aren batte erft ingrimmig bie Säbne aufeinanber gebiffen unb in 
inen Ernten ein fampfgterigeS 3uden nerfpütt; aber je länger ber 
nbere fpracb, befto ruhiger mürbe auch er, ber 3ubörer. (Sr fing an 
in Gegenüber mit einem gemiffen ärgtlidhen Sntereffe gu beobachten. $aS 
ar unmöglich eine ^omöbie, ein fein beredßneteS Spiel, baS ber 9ftanu 
t oor tbm aufffibrte. 2iad) gurcbt nor einem SBaffengange fab ber btoube 
eäe nicht auS;^ wenn er troßbem fein ganges £erg fo rückhaltlos auS= 
nittete, fo mußte er anbere 23emeggrünbe haben. Unb biefe batte er ja 
(bft genannt: er rooßte fein ©emiffeit entlaften unb nicht als ein fyeia- 
’tg erteilten, ber fidh naß) nerübter TOffetßat fdjiteß nnb beimlidh banom 
■ad)t Sr mar atfo bod) fein gewöhnlicher £)on Quan, fein leichtfertiger 
r 5 rfübrer, ber bie Sbre unb baS ©lüdf eines -Jßitmenfdjen für nichts 
#ete. 2)iefe (Srfcnntniß fdjmeid;elte bem 2lrgte, ber fidh beute früh affo 
idh nidjt getäufdjt unb mit feinem Unmürbigen fo fdmeße Sefanntfdjaft 
imacht batte. 

„2barum ergäbleit Sie mir bieS 21 ßeS?" bob er nach furger ^aufe 
üt etwas raußer Stimme an. 3u feiner eigenen Ueberrafdfmng batte er 
'efe grage uerbältnißmäßig rußig gefteßt. 

„2beil idh ber Stimme meines ©ewiffenS folgen mußte. Qetjt ba 
( i e erfahren haben, worin id) gefehlt habe 

"3$ mußte bieS längft," unterbrach ißu ber 2lnbere. 

„Sie mußten eS? unb haben midh bocß noch einmal empfangen?" 

„2Beil (Sie mid) gemiffermaßen überrumpelt haben. SBären Sie 
ti)t miebergefommen, fo mürben Sie morgen früh beit 23efud) meines 
imgeit erhalten haben." 

Sßilbentbal uerneigte fidj gum Seichen ber Suftimmung. 

„®as begreife idß twßfommen. 2lber . . . nun?" 

Saren ftanb auf. 

„2iun miß ich einen anberen Sengen baten, in beffen «gänbe ich bie 
atfdjeibung beS gaßes legen werbe." 

(Sr^ging gur 23ibliothefthür unb öffnete fie, um feine grau gu fucheu. 
iberrafcht ftußte er, als er 2tnna unmittelbar gegenüber ftanb 

„2Bie? $u bift hier?" 

Worb itnb @itb. IC. 296. 


12 




\70 


Dagobert üon (SerfyarbtOlmyntor in potsbam.- 

w g<x, i d) bin hier," — fie trat über bte ©hmede uub richtete nun 
ba3 SBort an betbe Herren — „uub idj l)abe geborgt. 3h beule, biefe* 1 
«ßorc^en mar gerechtfertigt, ba ber gad, ber nerbanbelt mürbe, bodj baupP 
fächticl) mich betraf." 

„Merbing§," uerfepte ©aren, bem ba§ prompte (Srfheinen feiner ©attin 
gar nicht unermünfebt mar. „ttnb ba $Du nun meifjt, morunt e§ fi<h 
banbett, frage id) $ih*. fannft £>u bem fierm $oftor SBilbentbat fein 
^Benehmen non beut Vadjmittag, für ba§ er eine momentane Unpredmung^ 
fäbigteit in Mfprudj nimmt, oerjeiben? (Sr mit! mteber in bie meite 
SBelt hinaus unb mitt nicht non hier geben, ehe nicht in biefer ©ad)e baS 
lebte SSort gefprodfen ift." 

3m fielen ber Gefragten mailte eS auf non innerer Stanfbarfeit 
gegen beit befäuftigteu, nertrauenSnoden hatten. (Sin fo unerschütterliches 
Vertrauen pr Feinheit feinet 2ßetbe§ tonnte ihm nur bie mabre, echte 
uub heilige ©attenliebe eingeben. 

„3a," erflärte fie mit beder f tangreicher ©timme, „ich ner^eibe ihm," 
unb mit einem leuebtenben Mfbtid p ihrem fie fo reich begtüdenben 
hatten fügte fie §inp, „weit £)u ihm fd)on ner^ielien baft." 

„Söann reifen ©ie, £err ©oftor?" fragte ©aren ben tief befhatnten 

©aft. 'I | 
„3<h reife morgen nach Hamburg," nerfebte biefer, „unb fobalb id) 

einem bort lebenben fetter bie Vermattung meinet ©uteS übergeben haben 
merbe, befteige id) ba§ e tfte fädige ©djiff nach ©üb=Mxerifa." 

„©o geben ©ie meiner grau einen — MfdnebSfufj jnm Seihen, 
bafe mir ohne ©rod non einanber febeiben." 

$Dur<h ben SBudjS beS ftottlicfcen Cannes ging ein Sittern. 3ögernb 
nabte er ber $)ame beS Kaufes, ergriff ihre fdjtanfe §anb unb führte lie 
tief bemegt an feine Sippen. 

„SBarum fo fteif unb förmlich?^ fügte ber 3lr§t nicht ohne §utnor. 
„Mna, gieb bem «gerrn £>oftor pm Mfdpebe ben Eu& non beut diafy 

mittag prüd." t f 

©ie junge grau lächelte, ©ie Strahlte nor ©lüd, baff ihr ebter 
®atte biefen erlöfenbett unb jebe SSitternife befeitigenben StuSroeg gefunben 
batte. Sicht trat fie oor äßi(öentf)al bin, ergriff fein Haupt mit heiben 
Hauben unb brüdte ihm einen tjerj()afteu ßujs auf bie ©tim. 

,,© 0/ $err Softor, mein fdjroefterlicfjer SibfcfiiebSfui Vergeben unb 
nergeffen! Sott behüte ©ie auf ntteit Öhren Sßegen! 3$ tjabe ©ie früher 
immer at§ meinen fyreunb betrachtet; erhalten ©ie mir unb meinem 
fDtanne auch fernerttiu Öhre greunbfdjaft." 

©ie batte bas SBort „greunb" fo nacfjbriicflicb betont, baff Sßiibem 
tftal »ottEomnten ihre 2Xbfidjt uerftanb: fie hatte ihm }U nerfte|eu 9*« 
motten, baff fie ihn nie geliebt hatte unb baß nur er fo thöridjt geraefen 
mar, fich mit uubegrünbeten Hoffnungen ju fdfmeicheln. 





I 


Höntgenftrati len. 


\ 7 \ 


3Bie betäubt roanfte 2BUbentt»al ginau§. 

2H3 er gegangen war, flog feie junge grau an bie 33ruft igreS (Satten, 
unb beibe Slrme um feinen Staden fcglingenb, jaucgjte fic: 

® u lieber, lieber SWann! roie baute icg ®ir, bag ®u micg non 
aller Slngft unb Sorge um ®icg befreit Ijaft! Sage mir nur baS @ine: 
niie oermocgteft ®u eS nur — ®u, ber ®u fonft fo teicgt ein Äribbet* 
topf wirft — ©einen Bow fo oöHig nieberjupittßen?" 

er fügte ba§ fcgwetlenbe Sippenpaar ber gragerin, bann fagte er in 


Beantwortung igrer grage: 

„sjßeigt ®u, ©cgag, auch ba§ menfcglidje 2tuge gat gelegentltcg feine 
Diöntgenftraglen, mit benen e§ tief in ba§ faft unerforffgftdje ®unfel eine« 
fremben öerjeuä einbriugen fann. ®iefer Sßilbentgal ift trog atlebem ein 
(Sentteman; baä glaube idj, ficger erfannt su gaben, unb beSgalb ift es 
mir aucg gar nicgt fcgwer geworben, mit igtn grieben ju fcgliegen. -öätte 
®icg ein moralifcger Sump ju füffeu gewagt, icg würbe ign niebergefdjlagen 
gaben wie einen tollen £unb; aber fo . . . oerftege micg um (Sottet 
ggiüen nicgt falfcg! . . . icg fann aber beim beften 2Biüen in bem Streike, 
3 u bem ficg ber arme Kerl ginreigen lieg, gerabe fein Rapitaloerbrecgen 

erb liefen," 

Slnna niefte pftimmenb mit bem Sopf, beffen blonbe $aarfiitte fie 
ficg an ber SBruft be§ geliebten SJtanneS arg jerjauft gatte. 

„®u gaft SJecgt, wie immer, ®u luft fo fing, wie ®u lieb unb 


gut bift." 

„ 3 $ bin c^lüdefeliö r beliebte, unb ba<3 nerbanfe id) ©ir. Sßeifet ©u, 
mer nach unferm ©filier glüdfelig ift?" 

„Sfotn?" 

„3eber, ber, um gu genießen, nicht nöthig 5at r Unrecht $u tljun, unb 
um fftecf)t §u tl)un, nid)t nöthig t)at, §u entbehren. . 3$ tonnte SBilbenthat 
gegenüber 9ted»t tljun, ohne baf> ich ©eine unb feine Sichtung babei auf § 
Spiel fe|te . . . im ©egentheit, mir h«ben mol)t 53eibe feurige lohten auf 
fein $aupt gefammelt." — 

„S3orraärt£l anfpannenl" fo rief menige Minuten fpäter ber ©ottor. 

mtbenthal in ben Stad be3 Ankaufes hinein. 

(53 mar Slbenb gemorben, unb bie elettrifchen S3ogenlichter erhellten 

ben Straub unb bie ©ünenftraffe. 

53alb barauf roßte ein 2ßagen mit flotten braunen ©rabern nor ba§ 
fportat be§ $urhaufe§. 

SBilbenthal ftieg in ba§ offene ©efäbrt, fommanbirte „£o§! unb bie 

feurigen ©ln ere festen fid) in S3emegung. 

©ent Snfaffen be§ Sßagen§ mar ganj eigentümlich §u Stfuthe. (Sr 
hätte freubig unb bantbar aufathmen mögen, unb bennod) hatte er ftugleidj 
bie ©mpfinbung eines* großen, unermeßlichen 33ertufte§. (Sr mar um eine 
holbe ©äitfchung, um einen fü^fd)meid>elnben SBahn ärmer gemorben. 




\72 


Dagobert non (Serpar!>i*llmvntor irt potsbam. 


Stufe patte ihn nie geliebt, baS patte er peute ungmeibeutig erfahren. Um 
io neibtofer fonnte er fie ja nun bern Strgt gönnen; für ihn fetbft märe fte 
ja hoch nimmermehr gu paben gemefen. ©r machte einen bicfen ©trieb 
unter bie Träumereien feiner gugenb — ober foDtte er fie ©feleien nennen? 

— einen biclen fepmargen ©trief). 

Sftit beut heutigen Tage begann ein neues Kapitel feines Sehens, 
baS ber reifen, nollberoupten Sftännlicpfeit. ©r mollte morgen bie «Heimat 
mieber n erlaffen; er hatte es nerfproepen, nnb ein beutfeper Sttann hält SBort. 

©S mar nielleicht reept gnt, raenn fiep meite gerne« gmifepen ihn nnb Slnfe 
legten — baS 33ergeffen mürbe iprn fo noch leichter merben, guntal er fie- 
ja glitcflicp mupte am Sergen eines Slnberen. ilnb biefer Stnbere mar ein 
ehrenfefter, ganger Sflann, ber ihn gmar tief bekämt patte, bem er aber 
bodj niept böfe fein fonnte. konnte er überhaupt gemanbem böfe fein? 
Satte fiep niept auep Slnfe gropmütpig nnb als edf)te, popeitnolle grau be* 
nommen? ©igentUcp mitpte er fiep ja ©lücf münfdpen, bap er heut gmei 
fo ebten unb liebenSroerthen Sftenfcpen begegnet mar. Unb er hatte fie ge= 
funben, um fie gemip nid^t mieber für immer gn nerlieren, benn menn er 
auch morgen gurücf in bie meite 2Mt mollte, er mürbe, baS fühlte er, 
menn ihm baS ©cbicffal eine glüetliche ^eimfehr gönnte, im Saufe beS 
Toftor ©aren melleidbt noep einmal ein gern gefehener ©aft, ein hoch 5 
gefepäpter greunb raerbett. ©o legte fiep über bie SBunbe, bie er fiep 
tpöricUter Steife felbft gefcplagen patte, ein mopltpuenbeS, fcpmergftillenbeS 
fieilpftafter, unb in fein aufgemüplteS unb germarterteS Serg gog ein ftiüer 
griebe ein, ber griebe meifer ©ntfagung, bie mopl baS ©epeitern einer = 
Soffmtng ergeben pinuimmt, aber tropbem ben 
neuer SebenSfoitnen unb neuer 33efetigungen 
raapren meip. 

Ter SSagen patte bie «göpe ber Time erreicht, unb Söilbentpal erpob 
fiep unb marf nodp einen ©cpeibeblidf hinter fiep auf bie ipm nun balb 
nerfinfenbe ©ee. gapllofe ©eftirue flimmerten norn molfenreinen Stacht* 
pimtnel pernieber, unb bie Söogen raufchten ipr gepeimnipnolIeS, träumerifdheS, 
feit Leonen unauSgefungeneS Stacptüeb. 

Stbe, abe. Tu munberbare, beutfdpe ©ee! 2Xbe, abe. Tu fdpöne, 
blonbe grau, bereu feufepe Sippe meine ©tirn berührt unb gefegnet pat! 
Ter Traum, ben icp pier geträumt pabe, mar ein beutfeper Traum; ein 
mälfcper SDtann mürbe ipn nielleicht belächeln unb befpötteln; meinem 
beutfepen Sergen aber pat er mopl getpan, unb menn icp Stufe auep ner* 
geffen muß, ein ©egen biefeS Traumes mirb mir bennoep bleiben unb 
miep pinausbegteiten in ferne Sanbe unb SJteere. 

©r fanf mieber auf baS ^olfter feines ©ipeS unb püllte fiep in feinen 
Hantel, benn füpt mepte es herüber non ber fiep in ©eptummer miegen* 
ben beutfepen ©ee. 


(Glauben an ben Stuf gang 
nertrauenSfräftig gu be* 







e>ur (Befcfyicfyte ö?s (ßottesbegriffes. 

Dort 

#an£ HCnibau. 

— Kortftantinopel. — 

urtferS 23ufert§ ^eine mögt ein «Streben 
@tcö einem £öbern, Steinern, Unbefannten ' 
2tu§ JDanffiarfeit freitofttig Ijinjugeben. 
©nträtf)fetnb fidb beit einig Ungenannten ... 

©oetfj e, „©legte". 

Sßerthaccent beS %%ma& trifft ben 2Iutor nicht. Offne afle 
oraltfd^e Unruhe fann au<§ ber ©chmadfe über baS £ödjfte 
regelt. ©r ift für bie SUdftigfeit ober (Schönheit feiner SluSs 
; l öe« nidtf weiter oerantraortlidf, als feine Kräfte reifen. 

®ie^ ift mir recht flar, menn id) b)ier pr ©efcffichte beS ©otteS* 
egriffg einiges fagen möchte. 2Wit bem Sßerthgehalte beS Stoffes fann 
$ ber Spredfenbe meber fdjmüden, noch befeueren, ©ott bleibt ©ott, 
3 mir ifjtt preifen ober leugnen, unb menn fein ©ott in ber Sßirflidjfeit 
:iftirt, fo iiegt es and) mieber außerhalb unferer Äunfl, einen p fdjaffen. 

^Ridjt barunt fann es fich ^artbetn, für ©ott p ftreiten. ©in ©ott, 
tr ben gekritten raerben mufe, ber in Sdfuh p nehmen ift gegen frembe 
ngriffe, ein foldjer ©ott ift ber ©piften^ nid)t mertlj. SBoffl hat Zeitiger 
•erjenSeifer für bie Sad)e beS «göchften einige mnnberbar tiefsinnige 
ienfd)enmerfe pm Sehen ermedt; aber fo Heb unb gut gemeint fie fein 
ag, eine SUjeobtcee bleibt immer ein unfinnig oermeffeneS Unternehmen, 
etbnts hat in biefer Ziehung tlnred)t, unb Voltaire hat Specht. OaS 
irgtnbert freilich nicht, baff mir Seibni§ um feiner frönen Regung mitten 
men unb oerehren fönnen. 

,^° ^ nüdf bei ^öehanblung ber ©otteSfrage gleid) für einen 

^ftanbig prüdhaltenben Stanbpunft entfdfeiben. Mdft barüber mitt ich 


















fjaus £int>au in Konftantinopel. 


entfcbeiben, ob e§ einen ©ott giebt ober nidjt, ja, md)t einmal übet bie 
gjatur bet ©ottbeit mödite i<b etwas ju aufeern maßen. ® nnb nur bet 
gjeflet bet großen Qbee, welcher übereinftinnnenb ein bo#er SBectf) bei* 
gelegt wirb, unb bie »eranlaffungen beS ©tauben«, benen icl) meine Stuf* 

merfiamfeit juroenbe. 

®a ift mit nun ju Wütige, als »«nehme i<b einen tna^tnott tonen* 
ben (Staat bie ©eifte§gefcE)i(f»te bet ganjen Wenfdfbett ohne Unteilafe butdj* 
H gen (SS Hingt be anbetnb füfj unb febnWtSnoU, unb bann meber 
fngenbäft, noll iet«et Saft unb Siebe, fPe&lidgaucb nodg betul,igenb, 
tinbernb, leibenftittenb unb gebetmnijjooU ergaben, ©te ßattjeSlala. meni^ 
liehet Setjenätegungen wirb burdfmeffen. Unb immer helfet eS ©ott, 
@ott in allen ©praßen, bie bie bunte ©tbe hat erftetien taffen. 

2Bie unbifiotifcb, wie bobentoS unpoetifd) ift ein 
roerfen all’ biefer itbifdjen Schönheit! 3ltS tnenn baS „Sott 2ttl)eiSim 
SS and, fd)on ?oefie im »ufen hätte, biefer fredje ©mporfommling 

ofjne 2ll)nen unb (Stammbaum! 

einem fo nüdgternen 2Bicht wirb balget beim and; non «Ken, bte bar 
unbefditeiblid) ©hrwürbige bet alten ©inge lieben unb nmtbtgen, bei 

Saufpafj gegeben. 

Sßifdiet unb Stiege - fluge Söpfe, aber^ fötefte Wufitanten 
menu man einige ihrer Saaten herauSgteift, um bannt ©tSharmonie anju 
richten _ TO aren gewife äfttjetifd) fein gebilbete Stotuten. d"bet Se 
banblung ftommet ©efühle ift abet bod, _wof)t et« anbetet 3leftl)et,fe 
SSitfeetin non Sumbotbt, glüdtid)« als fte gemefen. Steft man eff . 
Se e an feine Stennbin, fo tann man ft$ immer non feuern an b 
tiefen Steinzeit, Ält unb Schönheit feiner »een erqutefenSind, »anfe 
©otteSglaube ift ein »otn liebticbet unb erfreutet “jJ 

tonnte man noch manche' mobernen «Wannet nennen, bie fW unb mm 
ober and) inobl mit einem Slnfluge jarter Sßebmutb «ne Sevtte, 
©öttticbe berührt unb fleh unb anbeten barauS einen labenben ©tont« 
fdhöpft haben, »ei Seinem inbeffen, fo weit mein Juge reicht ,j 

««KÄt Ä t « 

SSffl E» * tV- ÄjS 

3anbctrnorte in ben fflhtnb gegeben, aus bet setf^lagenen Stell eine 

ju geftalteu. f , , 

Wan ift auch übet Sa nt *ur ©ageSotbmmg übergegangen. ®tl«ei 
©unbt, non ©einigeren ä u febwetgen, bat fidg mit ihm in, tnie td) glaut 
unübertroffen altgemeingiltiget Steife auSeinanbergeietst. 





\75 


- §ur (Sefd?id?te öes (Sötte sbe griff cs. 

I. Allgemeine ©cficfytspunfte. 

a. SteligiöfeS ©efübl. 

21(3 ©oetfje put lebten 3)iat in feinem Sehen non einer unglüdlidjen 
Siehe ergriffen nrnrbe unb nach feiner SBeife in ber ©icbtung fliufje unb 
Sinberung fucfjte, t;at er bie munberhnre „©legie" getrieben, in ber er 
feinen 3 u f tan ^ her Serciffenbeit ergreifenb auSfpridbt. ©ie3 ©ebidjt ift 
merfmürbig in boppelter ginficbt. 

9tie feben mir bie moralifd) fo ftarffnodjige, unhengfaute ©eftalt unfere 3 
größten $Dicf)ter 6 r de» ©ötterliebling§, in einer berartig haltlofen Sßetdfbeit. 
9)ian möchte beinahe an bie ©age be§ jungen SBert^er bertfen, ober an bie 
Seiten, mo bie erfte ©nttäufd)ung ben JUtabeit fo fc^mergtid^ nerrounbete. 
©r ift gan$ gebroden. Unb er mei§ ftcg nor Schmer^ nicht 51 t faffen. 

2 lber mitten hinein in bie mebe Slufgemübltbeit feinet Qnnern fallen 
23alfanttropfen böchfien Grafte», roie fie fo mobt auch faum fdöon norger 
gefomtnen maren. ©er männlich §ufammengel)attene ©eift, beffen pracbU 
rode Folgeridjttgfeit unb fKulje auf ben nerfcbiebenften ©ebieten menfdl)licber 
SBiffenfcbaft ©ücbtige§ unb bedeutendem leiftete, mirb bjier nun non einer 
jeltenen (Stimmung befallen. Qljre Sd)ilberung in ber ©legte ift nieUeidit 
eine ber fdjönften befdbreibenben ©efinitionen dem religiöfen ©efüblm, bie 
e» giebt. 

©oetbem grömmigfeit ermädjft aum bent Slnblicf ber ©eliebten. ©ie 
Ijolbe ^inblicbfeit ihrem SßefenS erfüllt auch fein gerj mit einem fetigen 
Streben, fid) einem unbefannten göberen fdjranfentom anjunertrauen. Sorg¬ 
los, tnie bie Silien unb bögel unter beut gimmel, befcbeibet er ficb, nur 
dam ©lüd unb ben Frieden dem Slugenblidm banfbar §u empfinden. 

©r legt ber jungen Ulrife einige fjofjeitsnolle, fdjöne Sehren in ben 
3Jhmb, bie fid) auf dam berbältnig dem Sftenfdjen gum geute unb jum 
©eftern unb borgen belieben. 2 lnberm flingen fie freilid) alm bie nielleidjt 
befanntere ©oetljeformel nom llar unb offen liegenden ©eftern unb dem 
borgen, auf dam man bjoffen fann, raemt man frei unb tüchtig fyeute mirfe. 
$>am dort gleidjfant in C-dur erflingt, tönt b)ier in ß-moll ober Es-moll. 
23ont ©eftern bemalten mir menig, unb dam borgen fönnen mir nicht 
miffen, unb bo$, ©tunb’ um Stunde, müffen mir dam Sehen alm eine 
freundliche ©abe empfangen. 

©ine Iprifdje 3artl)eit bebjerrfc^t bie gan^e Stimmung, eine Sel)nfitd)t 
nad) ©bränen, in denen fid) ber ©rucf non ber Seele löfen foll. Unb 
biefe durften denn auch fliegen, alm fid) bie unaumbrüdbaren ©efül)le in 
mufifalifdher Schönheit einen befeligenben Slumbrud fuchten unb fanden. 
2 lufgelöftheit dem Qarnmerm, finblicber ©taube unb am ©nbe bie 5Dtufif als 
Retterin — in biefem Greife bemegen mir unm fonft feiten bei beut 23er= 
faffer ber Farbenlehre! 




\76 


fjaits £tnbau in Konftantinopel. 


Unb bod): ©3 formte ihm uidjt frernb fein, fid) au<3 bem fiebeooden 
Vetracfiten ber unergrünbtidjen SJfädjte in ber Vatur frommen grieben&roft 
51 t fd^öpfcn. Unb ber ©ebanfenauffdjlag auf bie ftets oorftedbare ^f)atfac^e 
be£ Unerforfd)lid)en ift c£ ja, in bem ade feine religiöfen Regungen %e 
Währung finben. — Qn ruhiger Verehrung tiejs er e3 weife für gewöhntid) J 
bamit fein Veweuben fjaben. (Sr uer§id)tete auf tran^feenbente ©rübeleien. 
(Sr war, wie er woljl felber beutlidj füllte, über bergleidfen längft beruhigt. - 
Dime ntoralifdje Unruhe bachte er an ©ott, wie ein befonnener $anbwerf§; 
meifter art ben fernen Katfer benfen mag. geft auf feinen gü^en, hielt 
er’3 mit ber nahen (Srbe. 

Vidjt minber tief unb feft im Qrbifdjen wurjetnb unb ben Kopf frei i< 
in ben .Düften, ftefjt neben ihm ©chitler, ber ewig jünglingf)afte 9ftann. 
Dafs ©djider bie ebelften Vorftedungen non ber ©ottljeit f)aben muffte, bie 
überhaupt in feiner geit gebaut würben, war bei biefent eminent pbjifoi 
mm veranlagten Kopf nidjt anber£ 51 t erwarten. Slber wätjrenb ©oetlje 
am liebften von bem ©eheimnifwoden fd)weigt unb nur ben ©timmungsbuft 
gewahrt wiffen mö^te, fennt ©djider nicht fo §arte Vebenfen. (Sr ift 
überhaupt rafdjer mit bem SBorte beraub al§ ©oetlje. Unb fein fyimtw 
lifd^er -Sdutf), bie jugenbfrifdje Uubebenflidjfeit mosten oft auf ben ftideren 
greunb erfreitlid) unb begeifternb wirfen. (Spider tl)ürmt ©efühle auf 
©efühle gewaltig auf unb reifst fid) fo empor in jubelnbem Sluffdjwung ju 
bem Ijödjftert 2Befen. (Sr ergreift bie uolEäthümtichen Söenbungett mit 
bebenber «ganb unb benü£t fie §u feinen gwecfen. Dabei wirft er felbft 
mächtig ein auf bie fpradjbilbenbe Votföleiftung, unb feine ©ebanfen eiw 
pfangen zugleich wieber mehr nom Volfe au§ il)r ©epräge, al<3 bei bem behuk 
fanter, ja peinlicher wähtenben ©enoffeit. Die geläufigen Vorftedungen an* 
thropomorphiftifcher 2 lrt nimmt er ohne Voreingenommenheit an, unt fie in 
ber fünftlerifchen gorut feiner herrlichen ©ebidjte unter ben eignen Söiden^ 
hantmer §u zwingen nnb ber Dichtung feiner fdiänntenb baljinraufchenben 
©ebanfenftrönte gefügig §u machen, 

Denft mau fid) hüben unb brühen eine gewiffe tppifdje ©eite oerftärft, 
fo fann man niedeidjt mit ©ebider unb ©oetlje §wei dfidjtungen ber Spe^ 
fulation allgemein fenn^eidjnen. Die d)arafteriftifä)e Klangfarbe ber einen 
unb ber anbereit ©eele wirb burcf) bie uerfdjieben erregten Dbertöne gebilöet. 

gier ©djider fdjeint mir ba, ähnlich wie für feinen ©eifte^oerwanbten 
gichte, gunäc^ft Kantiger (Sinflufc ftarf in grage gu fommen. Vouffeau 
unb anbere granpfen mögen fid) ba§u gefeden. Da» moralifche $patho3, 1 
wie e3 ber $ionotljei3mu<3, foweit man eben baoon reben fann, eine» 
©enefa beflißt, ber fich ©ott als einen gufdjauer be§ VingfampfeS uorftedt, 
bem man burd) Ijelbenbafte Vraoour etwa ein beifädige3 Sädieln abgewinnen 
fönne, fcheint mir nicht gan^ fern gu liegen. Die ©otteäibec wirb babeil 
nicht blo» $ur teeren rhetorifd)en gigur. ©ie bient tl)atfäd)lidj $ur Ve^ 
lebung unb Slnfpornitng be£ ©itttid)en. 



U7 


- §ur (Sefc^id^te bes (Sottesbegriffcs. 

^on l)kv bi§ gu Spinoga ift aßerbingg ein weiter Stritt. £)ie 
verwegene Schönheit ber ©ottcSliebe, otjne Stnfprnd) auf ©egenliebe, bie 
©oetben in’g £erg brang, ift non ber SRömetiugertb fc&on burch ben 2Begfatt 

prunftwßen, moralifchen $atbog bemerfengwerth unterziehen, ©ine 
SotteSliebe, bereu SBefen barin gefugt wirb, bafs fie («Helbft genügt, ift 
Dag 3beal eineg non felbfiifdjen Regungen big in bie ge&eimften gafertt beg 
pergeug gereinigten £ebeng. 

3n bem föftlid&en 9iei<hthumggefühl beg Scbenfenben hat aud; griebrid) 
:lUet 3 l'd)e gu Seiten gefdjwelgt. ©ottfrieb Kelter bat in feinem ©rüuen 
beinricb einer anberen Stnfchauung aug bem fpinogifdjen ©ebanfenfreife, bem 
Determinigmug einen frönen, burcb mannigfadie ©lei^niffe anmutbig be= 
ebten Slugbrud gegeben, £)odj nicht nur ßeßerg bebeutenber Vornan 
piegelt in nuferer beßetriftifchen Sitteratnr fo religiög gehaltene ©ebaniem 
länge, £epfeg „Einher ber 2&It" nnb diofeggerg „©wigeg £id)t", 
jSilbranbt» „grang" ftreifen ober ergreifen bag ©ottegproblem, £artg 
^Jieuer (Sott" tonnen wir meßeidjt auch hierher rechnen, wäbrenb im 2tug> 
anb gbfen ©raub), Sjörnfon (lieber nufere ßraft), Sola (Les trois 
rilles) nnb Solftoi*) fidj madjtüoß äugern. 

ilnb b’a ift eg benn nicht gu nerwunbern, bag in ber wiffenfdjaftlichen 
Seit bei benen, bie, fogufagen, alg gelernte Sadwerftänbige für berartigc 
fragen angeftetlt finb, auch augergalb ber berufgmägigen Geologie nnb 
Mgiongpbilofopbie Rheologie getrieben wirb. 

2ßie eifrig ^at fid) 9ftay Füller biefent Problem gewibmet. Uitb 
•oie wunberbar tief berubigenb mutben bie STöne an, bie ber bebeutenbfte 
mter ben mobernen englifchen ^hilofopgen, Herbert (Spencer, anfdßägt, 
)o er, wie in ben „First Principles“, über bag llnertennbare banbett, 
^iefe fcbönen Slugfügrungen atbmen einen grieben, wie wir ihn in bem 
jeibeooUen gunern einer hodigeroölbten Kirche empfinben. 

Slitd) nufer grögter lebenber «pbjifofopb, SÖUhelm SBnnbt, bat an 
inigen Steßen feiner gasreichen Arbeiten gn ben tbeologifcben gbeen be.* 
eutfam Steßung genommen, ©g tann hier nicht meine Aufgabe fein, 
iefelbe beg Mähern gn begegnen. 91nr bag möchte ich fagen, bag mir 
ar gnbalt beg dieligiöfen nirgenbg flarer nnb heutiger entgegentrat, alg 
t biefen ©rörternngen, wäbrenb mir bie treffenbfte Säuberung beg pfpdjo- 
ogighen Verlauf? retigiöfer ©emütb^bewegnngen in ber erwähnten ©oetbe’* 
ben Dichtung begegnet ift. 

©o fcheint benn auf ber einen Seite ein tiefeg Drbnungg* 
ebürfnig, bag eine wiberfprudjglofe SBerfnüpfung aßer ©rfagrungen l)ev? 
ugeßen fucht, wenn eg bie ©rengen nnfereg Söiffeng erreicht, aße ©lemente 

*\ öefonberg bag gulefjt erfdjienene SSerf: Ser Sinn beg Sebeng, überf. bon 
uabttnir ©gumitotn, bet Gilbert Gängen, OMnchen, 1901. Schotte uttb eble ©ebattfen 
ber bett ©otteSbegriff enthalten bie ©runbpge ber S|5hilofopf)ie nnb ber Sheofobhic boit 
)r * Vernarb gif eher, Wl. Schäfer, Seidig 1899. 





j^78 - fjans £tnbau itt Konjlanttnopel. - 

ber EranSfcenbenj im Sichte ber befonnenften SBeltbetrachtung aneinanber 
jureitjen, raätirenb auf bet auberen ©eite bet ©dinterj bem flünftler bie 
feeiemnaiettbe üöiebergabe Aller bet (befühle unb Biegungen, bie bem Uiu 
enblidien gegenübet in einem rein geftimmten ©emüthe erraacfien, abringt 

b. .giftorifdje SSehanbtungSroeife. 

SBie fiel) bie ©otte3ibee bei beit nnfultimrten SSötferu 2lfien§, Sluftralien«, 
2lfrifa§ unb SltnerilaS fpiegelt, ift non oerfchiebenen ©eiehrten bet ateujeit 
bastelten nerfuefjt tnotben. ^Derartige ltnterfud)ungen bütfen nntürlicf 
mit (Begriffen, bie einet tiotjen Mturftufe angehören, nicht rairthfdiaften 
@3 fommt bntauf an, fitt) in ein primitbereä tBeraujjtfein tiineingubenfen 
®ie§ ift nun freilid; eine fo fchroere Aufgabe, bafi man an il)rer errcünfchtei 
gtücflidieu Söfung non notn herein nerjroeifeln möchte, ©ennod) bring 
jebeS (Bemühen in ber angebeuteten 3tid)tung rcat)rfd)einlich iinmettjii 
©etoinn mit fitf), unb auch tno nieüeid)t bem ©iusetnen felbft ber gortfcfirit 
im objeftinen ©rfaffeu fannt erfennbar rairb, ba mag et noch hLÜtiliches fü 
feine fötitarbeiter unb 2tad)fotger auf biefem ©ebiete geteiftet haben. . 

©urd) ba§ neun 3 el)nte gntirliunbevt gebt entfliehen ein hiftorifäe 
3ug. ®te abfurbe UngefdiiditlidjEeit, welche ben in ihrer ÜBeife fo ungernet 
bebeutenben pEjilofop^ifdien Arbeiten be3 aditjehnten gatjrhunberts anbaftel 
forberte eine Storrettur ber folgenben ©enerationen unabweisbar heraus 
©ie ift benn and) nicht au3geblieben. gn allen ^Regionen be3 ©eifteStebcn 
begann man tjiftorifd) ja inerben, unb getragen non bem poetifctien gaubei 
mantel ber 9iomantit, bem gefühtnoüen (Berfenfen in bie (Bergangenhei 
inagte mand)er Steifter ber ©arfteltung einen S8elebung3nerfudi entfdilafenc 
3uftänbe. gn SBiffenfdjaft unb Sunft äußerte fidj ein uerroanbteS ©tretet 
unb feiten trat bie bisweilen leicht ju überfehenbe STbiatfachie, baff b> 
©eiehrte and) oft ein fiünfiler fein müffe, tlarer heroor al3 in jenen ©aget 
ba fich fo niete bebeutenb lünftlerifd) nerantagte hßerfötttiäifeiten roiffei 
fdjaftlich betätigten, raätirenb umgetehrt auch Sünftter non (Beruf bei b 
SBiffenfchaft in bie Schule gingen unb gelehrten ©etüften fröfmten. ®£ 
umfaffenben naturmiffenfchaftlichen ©roberungljügen gingen fomit tau 
minber roichtige (Begebungen im UmfreiS ber @eifte3raiffenfd)aften parath 
®ie Sritit richtete fidj foraoht gegen bie mangelhafte ©inficht, roelche t 
früheren naturmiffenfchaftlichen fbppotliefen nerriethen, roie anbererfeits geg< 
baS fehleube pfpchologifche (Berftänbnijj für jurücEtiegenbe ®h nt f ac ^ en b 
©efchichte, ba3 bem ratioualiftifchen Seitalter eigen raar. 

3Rü biefen teitenben gbeen raar ohne gleifj unb ©ebutb fett 
nerftänblich nodj nichts erreicht. In abstracto au3gefprod)en, tönnen 
hohl nnb nichtig fdjeinen. ©rft bie güDe ber fammelnben unb fiditenb 
Slrbeit, bie in ihnen ihre Ueberfdirift frnbet, nerleitjt bem ©tidjwort reell 
(Berti). ®ie tphilofophen ber ©pftemjeit, bie e3 an geiftreidjeit SBenbung 
nicht fehlen taffen, haben geroih fdion gorberungen ätinlidien gnhattS * 




-(Sefrfjtdjtc be s (Sottcsbegriffes. - \?9 

hoben, mtb bocf; ging ißnen ber eigentlide ©inn für bie ©ade ab. ©ie 
mufeteit flug zu jagen, was fie zu t^un unterließen. 

itnb n)ol)l geber, ber mit ben befcßräntten Kräften eines Sttenfden 
an foldje dttefenunternebmen ßerantritt, wie bie ©Töpfer pßilofopbtfder 
©pfteme, muß es büßen, baß er am frühen borgen beS dttenfdbeits= 
QXrbeit^tage^ bie Ußr für ftd) auf 3wölf geftedt ßat unb ftatt Erfahrungen 
s u fammeln, in gemiffer SBeife ben Erfahrungen ihren Slbfdtuß btftirt. 
®ie wiberfpenftigen, in ein ©pftem gefperrten ©inge burcßbredeit ihre 
Umhüllung, unb ber gewaltfame Genfer fleht, wie bie fo fdjön gefdloffenen 
gf^inge allerorten plaßen. Slls ein leudtenbeS $orbilb abwartenber $or- 
forglidfeit ift bagegen beifpielSweife EßarleS Darwin 31 t nennen. 

2 Bäßrenb aber um bie SBenbe beS neunzehnten gaßrbunberts bie 
©pftemfünftler ber ^hilofophie mehr ober weniger fiäjer baS Enbe aller 
©inge in ihrer ©afde trugen, zeigen einige neuere ©xjftematifirungSüerfude 
in Eefdjidüe unb dtaturwxffenfdaft ein anbereS ®eßdt. ©ie gertigftedung 
prornforifcßer Stategorieentafeln bürfte für bie empirifden Arbeiten ein oer= 
bienftoodeS, ja unentbeßrlideä Unternehmen fein. Sangt hie unb ba auch 
nicht bie tantniß, fo regen fotdje mutigen SluSblide hoch bie Unterfudung 
in wünfdenSwertßer SSeife an. Sind) bie Klagen ber oorfidüigeren gorfder, 
baß hier ben ©ßatfaden gelegentlich ©ewalt angethan werbe, oerfümmern, 
wie ich meine, nidjt ben 2$ertß biefer Seiftungen. SluS bem ©treit ber 
Meinungen geht bie Sßaßrbeit berxwr, unb nichts fdeint wirffamer, Sidt 
auf ein ©ßema faden zu taffen, als wenn es zunädß falfd ober parabop 
berührt würbe unb ßd eine SUdtigßedung ber SXnfichtert admäblid), tßeidfam 
oor unfern Singen, entwidelt. Qu biefem ©inne finb and) bie weitgehenben 
EruppirungSoerfudje eines «‘gaedel ober Sampredt bantbar zu begrüßen. 

£)ie SBebanblung ber ©otteSibee in ber Eefdidte bat gwei gebient zu 
entgehen. ©er eine geht auf bie gönn, ber anbere auf ben gnßalt. ©en 
ber gorm habe id eben berührt. SJt an muß bie primitioe ober bißorifd 
irgenbwie bebingte ©enfweife pfpd°l°öß$ begrünbett fuden. ©aß mau 
bieS wünfdt unb unternimmt, entfpridt xwdfonxmen bem ©elfte unfereS 
lebten gaßrbunberts. — Slber nod eine weitere ©efaßr woßnt gerabe benx 
EotteSbegriße inne. Stuf biefe mödte id nun hiuweifen. 

c. tlnenbtid)!eit. 

Sßer über bie ©otteSibee fdreibt, bem fdtoebt feine eigene SBorftedung 
oom göttliden Sßefen bei ber Slrbeit immer nor Stugen. Er muß bod ßets 
mit bem oft erwähnten SBorte einen für ißn felbjt gültigen ©inn oen 
binben, unb obwohl ßd biefer ©inn in ber Ißßorifdjen SBeßanblung fort^ 
wäßrenb oeränbert, bat er and einen beßarrenben ton. 

©dmerer als bei anberen Gegriffen ift biefer 5lern adgentein z u 
bezeidnen. gd) wid es garnidt erft xwrßtdjen unb nur auf bieS pfpd°l°Öd'de 
SOioment ßingewiefen haben, ©er gebier, ber ßd/ twm ©adjliden artSgeßenb, 




*80 


Hjatts £tnbau in Konftantinopef. 


in ber BebanblungSweife beS S^entaS fo leicht aufbrängt, §at in unferer 
fubjeftioen ©otteSanfdbauung feine 3öur$el. «gier fäme eS nun barauf cut, 
ben gehler ol)ne bie SBurjel §u entfernen. 

2Ba§ oben als eine uerfrübte Arbeit gerügt würbe, bie ©infaffung 
unfereS SBiffettS in ein gefd)loffeneS ©pftem, ift int ©runbe genommen 
niemals nerfrül)t, weit eS niemals gut redjten Seit fomrnen fann, beim 
fertig mit bent ©ammein non Baufteinen werben wir ja nie. ©in üRotIj= 
bad) oljnc Sßrätenfion beS enbgülttgen 2lbfd)luffeS barf baber auch nid)! 
getabelt werben. 

©in folcbeS Botljbad) ift nun, wie mir fdjeint, allemal auch bie $u* 
fammenfaffung ber unenblidjen Söirflidjfeit in ben begriff einer Totalität, 
in ber, au6er ber ober nor ber nun noch baS ©efül)l ein böcbfteS SBefett 
poftulirt. ^ie Benennung ber I)öd)ft unerfafjticben dftannigfaltigfeit als 
SBelt madbt mit ber Betrachtung ein fd)nel!eS ©nbe. gebeS SAal, wenn 
ber -Warne ©otteS auSgefprod)ett wirb, ftnb int ©runbe unerfcböpfltd)e 
gorberungen an baS teufen gefteUt worben. gebeS 3Wal, wenn wir ba§ 
Söort „SBettganse^" auSfpredjett, geben wir bem Berftanbe ein nnüoüjie^ 
bares Problem auf. 

SBie es nun ftattl)aft, fogar nerbienftnod fein tarnt, baS ©ebänbe 
nuferer bdpotbetifdjen Söelterflärung burd) eine vorläufige ©pftematifirung 
^u frönen, wenn babei nicht nergeffen wirb, ba§ wir uns bod) im Unenb: 
licken befinben unb überall ber regressus in infinitum feinen gäbnenben 
©dblunb öffnet, fo fann es and) wohl erlanbt nnb ratf)fam bleiben, non 
©ott unb ber Sßelt $u reben. Bur fod man bebenfen, baf 3 wir non fo 
nnergrünb(id)en Begriffen nichts behaupten bürfen ohne Bergegenwärtigung 
ber ^batfad)e if)rer Unergrünblidjfeit. 


II. Die d5offesi5ee in nerfdjtebener (Seftaltung. 
a. £)ie ©otteSibee als Bielbeit. 


3öoI)t niemals ift bie ©otteSibee in einer bunteren, fd)öneren güde 
gefeiert worben, aiS bei ben Hellenen. 3b r SßolgtbeiSntuS, wie ibn ber 
fmtftfinnige BolfSgetft ebne eigentliche ^beologenarbeit gezeitigt bat, ift in 
feiner reid)en, üppigen ©ntfaltung bie greube nnb Bewnnbernng zweier 
Qabrtaufenbe gewefen. 

Bid)tS ift int wetten Betcbe ber geiftigen ©r^eugniffe an b°^ er 
©öbönbeit nnb gotbiger ©infalt ber ^onterifdjen ©ötterwelt vergleichbar. 
£>aS fpätere ©rieebentbum erreicht fie nicht mehr, in ber gefeit finft fie 
gur ^3arobie herab, aber nod) bie bumoriftifch nergerrte ©eftalt, in ber wir 
fie fo gelegentlich erb liefen, ftimmt frei nnb heiter, nicht itnr beS ntobernen 
3&i|gewanbeS wegen, fonbern wohl mehr nod), weil wir wieber mit bem 
alten, ed)ten Born ber größten ©idjterfraft eine 2lrt non güblung erhalten. 
Bus ihm haben fid) burftige fehlen oft genug einen nerjüngenbett £ranf 











^itr (Sefcfyidjtc b e s (Sottesbegriffes. - ^g^ 

fd&öpft. Sienaiff ance burfte ntau’S neunen, wenn bie Stntife beut 
fenfdpen roieber neues: Seben fpenbetc, Humanismus, wenn fie Um fo 
iner SJtenfdlidfeit frofe inerben liefe. 216er nidt nur bamats, ats unter 
utljerä madtnotler güferung in ®eutfdlanb bie ©eifter erroacfiten als 
an« Sac^ä tu fonulofem Ungefdicf fo tiebtufee SBeifen bem eblen 
'tdfjterfeerjeit cntlocfte, ai« ®ürer§ Siütnberg btüfete, — Ijatte ber SBinb 
:n Hella« feer mit tnofeligem Stroma bie Sltmofpfeäre qefcferodnaevt rnnfi 
’ ber Seit be-3 tteiuftäbtifcfeen Sinbenbufte«, ba bas 21-eimnrauer 
AeunbeSpaar bie ©artenaUeen burcfemanbelte, ©ditler unb ©oetfee ba 
iracfeen fie fteifeig oom Heibentfeum, unb 33etbe liebten ftcfe, roeil fie SSeibe 
fnfeen, bafe es bamnls fefer fdfeßn gemefen fein ntiiffe. 

®a« feaben bann and nod SInbere geglaubt, bis ein feintertiftiger 
nleferter ber Areube ein fdnelleS Enbe bereitete. StuSgerüftet mit ben 
tfeeimlidften SBerfjeugen ber ©droarsfunft ipfeilologie, feat er uns fdroan 
] f ,&erotefen, bafe eS mit bem fonnig fdönen Sraume and nidt 

nt feer fet, bafe man and bamats gefragt feabe, ja fogar redt feentid. 
:!r JJcörtH, ber bem fdjönen bräunt ein @nbe machte, mar ^afoB £ 3 urcf' 
irbt, - SSurdfearbtS Staute roirft aber berufeigenb. §ier mnfe man bie 
hffen ftreden. ®er SKann pflegt Stedt p feaben! 

©ine« feat aber gafob Surdfearbt bod nidt p oerfeinbern nennodt 
»; un« nämlid au« feinen eigenen SBerfen ein Haud non Slntife anweli/ 

' ntdt betrübt. ®ie üppige Slütfeenpradt ber feettenifden tpfeantafien' 

: bte« feltge unfelige ©öttermefeu fpiegelt fed in beraufdenber garben= 
i.c in Surdfearbts Mturgefdidten. SBie bie SSölfer feellenifder Station 
'..©rbfrcis mit iferem $oIt)tfeeiSmuS überpgen, ift, um felbft ein mptfeo- 

riicfees S3t(b p gebrauden, ber ftrafelenben gafert be« Hetio« über Sanb 
) SJceere 51 t Dergleichen. 

©arum, Specht hatten |ie hoch, bie SBeimaraner, a (3 fie ben ^Bolm 

.«um« befangen unb feiner Herrtidfeit nadfeufjten. SKodjte un« ber 

ftffenfeaffe gorfder in größerer Stäfee aud ein SInttife erbliden taffen, 

iöa« ftd galten be« Summers unb ber ©orge eingegraben feaben, fdön 

> bt es bod, unfterbtid fdön — fdöner als bie frudtbare ©rbe je eine« 

? paffen. 

b. ®ie ®otte3ibee a(s> (Einheit. 

©egenüber ber lidtnollen potptfeeiftifden SSorftellung non ben feimm= 
len ®tngen mutfeen bie monotfeeiftifden ©ebanfenfrjfteme pnädft un= 

! an ' ® 1,e ernfte Stfefefer non ber feeitern ©innenmelt begleitet 
u alIe tefmc unb ftarfe SlbfiraftionSfraft. 

Sofel fann banon bei $lato felbft nod nidt bie Stebe fein. 3 u leb* 

' n . niUld) em Pf nnb feine griedifde ©eete, um ©üte unb ©dönfeeit 
wo getrennt 511 fealien. SlnberS aber ftefet es bereits im jübtfdeu 
uothetsmus, beffen SBirfungen tneit über bas au«ern)ä 6 tte 23olf feinauS 
fenftentfeum unb S.iiofeamebaniSinns fidtbar mürben. 




\S2 


fjans £ inbau tn Kotiftanttnopel. - 

2ln unb für fich Weinen Einheit wie aSieltjeit 33eibe ein gleiches Siecht 
, m ©nmboltfirung beS ©örtlichen gu hefiiten. $ie fßielbeit ber ©rWeinungen 
Ut auf mannigfache treibenbe Kräfte fchlieften, unb intern SBeroegungS-- 
biete entnehmen wir ntiifjeloS ba§ 23ilb miteinanber tjabernber, ober fid) 
uir Eintracht uerftänbigcnber höherer Sßefen. 2f>o nun ber SSerftanb nicht 
aerobe barauf »erfüllt, in irgenb einer jnnefpättigen gornt bauernbeS ©enüge 
: u toben unb ben Kampf jweler ffMnjipien als tieffte gönnet für beit 
SBeltnerlauf bmpftellen, ba beruhigen mir uns eben gern mit entfalt 
Konftatirung einer unbefdjränften Sßietbieit orbnenber ®äcl)te. $aS toi 
bte ©ötter. (Sie regieren bie ©inge. Stun werben menfd)ltd)e 23erf)ctlt< 
niffe halb ba Ijinübergefpiegelt. So erblüht bie (iebtiche $oefie beS gonier 
thumJ fo aber auch bie norbifche ©ötterroett in ihrer grauen ©röfje. 

Än monotheiftifche «Regungen bleiben nicht aus. ®betls tmrb b« 
©ctinar ber ©ötter, roie ein ©anjeS als ©intieit jufammengefafjt, behanbelt 
theits metben fich abfiralte ©ebantengänge, bie auf eine SRebucirung be 
Vielheit hinjielen, beim ber «ötenfdj finbet auch in fich eine @mhctt um 
in ihr bie HBurjel feiner SßillenSftärle. So initt er auch tnmte 355611 
btlb non einem äB'itten burd)leu<btet roiffen. 

gjUt finfterer ©infeitigfeit ift ber Prophet beS gslam mieber un 

roieber auf ben ©ebanfen gefommen: ©ott ift Einer. @S 551 nur el 
©ott. Siefen einen ©ott muß man nerehren. ©inen anberen ©ott gtet 

e§ nicht als 3bn, ben alleinigen. . et ~ 

©r richtet ad fein ©ebnen unb ©innen auf ben einen ffsuntt. M 
ungeheurem Kraftgefühl ftettt er fich bem ©inen gegenüber. ©0 tpt erfi 
ficb einen bebeutenben <Sd)ritt ber Slbftraftion getljan, gleichet ob er it)i 
uorgemadjt würbe ober nid)t. (Sr begleitete biefen gebanflidjen aSorgar, 
mit unauäfpredrtkfien ©effi&len, unb biefe, fo meinte et, foliten ili 

@3 ift etgentl)ümiid) begetdjnenb, mit weld) wiifter Unbulbfamfeit bie 
— man tarn faum fagen, geläuterte — moniftifdfe Siidjtung nerbunbi 
auftrat, ©er SKuber^gläubige erfd)eint fogleid) befämpfenäwertl). _ ® er ^ 
bem fjarten ©afeinSfampf gefüllte £elbenmutl) be§ Sflanne3 wirb tn t 
feinfafrigen ©efpinnfte ber religiöfen (Spekulation übertragen unb Steltgti 

mit bem (Sdjwerte gepflanzt. . 

gfci$t lange fodte e§ bauern, ©ann regten ftdj aud) auf bem m 

be§ islanttfdjen ©laubenS&efemttniffeS unterfdjeibenbe geiftige SBebürfm) 
unb ein jartereä Seben unb Siegen in ben 3been warb wadj. @o lar 
ba3 wäfyrt, blüljt bie Religion. 

c. SßantljeiS mu3. 

2Bo hört ber «Monotheismus auf, unb roo beginnt ber «ßantbeiSmu 
Siefe ©ntfcheibung ift fdftner 31t treffen. 8t£ä eine reife gorm ber ©ott 
oerebrung treten bie pantheiftifcfen Strömungen im ©ebanlenleoen a 




! 


— §ur (Sefdpdjte i>es <5ottesbegriffes.- \85 

Dem 3uritcfgebliebenen erfdjeint oft gottlog, mag beut noc^ noeiter 23or- 
|iebrungcnen fromm befangen nnb finblich biinft. ©)er üftame beraeift aud) 
tidit riet, £ier fpielen oft äußerliche jftüäftdjten ihre berechtigte «Rotte. 
Int ßränfungen §u Perm eiben, bleibt ein alteg 2Bort hängen über einer 
leiten Slnftdjt. 3flan ift fel;r zartfüljlenb in religiöfen Gingen. Ueberbieg 
iarf hier nie - non gureidjenben 33egeid;nungen gefprochen merben. 2Weg ift 
n fließenber ©ntroicflung. 

3 n ber Söorftettuttg beg ^antßeigmug liegt bereitg bie SBorauSfefcuitg 
>er Einheit ©otteg eingefchtoffen. S)ag 3111 roirb alg eine Einheit betrautet. 
Da nun int 2 ßeltgan§en bie 2 Bege allenthalben ing Unenblidje führen, 
tirgenbg aber aug bem (Sanken h eräug, folange mir nicht ben Unenblidjfeitg^ 
.ebaitfen überspringen, fo lag eg fehr nahe, ©ott im 2111 zu erblichen. 
;inen ©eift außerhalb beg 2111 zu juchen, roirb oom pantheiftifc£;en ©tanb= 
unfte aug beghalb oertoorfen, meil geleugnet mirb, baß bag 2111 über? 
hreitbar ift. Qm 2 ltt ift 2 itteg. ©in 2 IU ohne ©ott märe fein 2111 , bemt 
Sott befänbe fidj ja nicht in iljm eingefchloffen. ©in ©ott ohne 2111 ift 
;ber and) nicht norfiellbar nnb nicht bettfbar, ba im 2 ltt fämmtlidje 2 ln^ 
»tagen, bie jur 23ilbung beg ©ottegbegriffg führen, gegeben finb. ©o 
t beim ©ott im 2111 ober bag 2111 in ©ott. 23eibeg finb ibentif<$e 23e- 
griffe, 23eibeg ift bie unüberbtidbar weite, gefeßmäßige, unenblicheSßirflidjfeit, 
in ©angeg, bag burdj nicßtg überflügelt werben fann, weil eg ber le£te 
ütgbrud bleibt für alle £)inge beg unbekannten 3 ufantmenhangeg, itt bem 
Inr leben nnb fterben. 

Sßantheiftifdje ©ebanfeu burdigiehen rooßl in mehr ober weniger beut- 
i(her 2 lugpräguug bie dieligiongfpfteme aller IMturzeiten. 9Jtan roirb itt 
er 23ibel auf fie geführt unb im toran nicht ntinber. SDie SDidjter ber 
(ntife roie beg TOttelalterg bringen pantheiftifdje ©rroäguugen in poetifdjer 
^leichnißrebe jur ©pradje. Qa, man kann jagen, feit Sich ber begriff 
9tatur" zu feiner ^eutioen umfaffenben Sülle entwickelte, ift in Sßedjfel? 
tirfung mit ber Gilbung einer theiftifdjen ©ottegibee pantheiftifdpeg Senken 
dtenbig geroefen. 3 eu 9 n ^6 bauott ab bie ©pradje in ihren 23ilbungen 
er abftraften Sotalitätgbegriffe, beren ttmfanggerroeiterung §anb in §anb 
ing mit ben philofophifcßen ©onberungen ber über bie 2 Belt unb bie 
Gottheit gewonnenen 2 tnfdjauungeu. 

2Bo fich in ber ©egenroart religiöfe 23ebürfniffe in uaturroiffenfdjaftM) 
rbeitenben unb gefchulten ©eiftern regen, ba pflegt fich bie «ßhantafie ju 
)rer 33efriebigung fd)ließlicf) in ein pantheiftifdjeg ©efpinnft ju flüchten. 
Die 23efeelitng beg Unioerfumg roirb entroeber offen proftamirt ober in 
ünerer 3ßeife alg roahrfdjeinlicb ^u bebenken gegeben. £)ie fidjtbare SBelt 
bann wohl ein 2 lugfdjnitt aug einem für ung unfidjtbaren größeren 
oanjen, bag unterhalb ber ©dhroette unfereg erfennenben $erftanbeg gelegen 
ä. 2 Bir finb SDheile beg ©anjen. Qlmt gehören roir an, unb in biefer 
Überzeugung gilt eg, ben ©goigntug ber ©onbereyiftenz abzulegen. 2 Bir 



m 


^ans £tnbau in Kortftantinopel. 


rnüffen füllen, nießt nur, baß etraaS größer ift als nur, nein, aud) böß 
biefeS ©rötere uns umfaßt unb bureßbringt. 2ßir (eben in einer SQBett, 
bie nufere menfeßließen begriffe berartig überftelgt, baß es feinen ©runb 
giebt, anguneßmen, bie -ilftaeßt, bie uns gu einem fo tßeilmeifen Ueberblid 
über uns unb fie ßeraufgefüßrt ßat, mcrbe in Suftwf* ermangeln, uns gu 
ißren 3™ecfen, non benen mir feine Ißnung befißen, meiterßin gu tragen. 
Vernunft ift in ber 3Mt mögließ geroorben. Sine üRatur, in ber Vernunft 
ßat möglid) merben fönnen, muß bod) moßl irgenbroie mit ber Vernunft 
gufammenßängen. dftan braucht ließ baS ja nießt fo norgnfteüen, als ob bie 
menfeßließe Qbee baS ©öttließe begreife. Sebiglid) ein ßeiligeS gragegeieße'n 
mirb fteßen gelaffen. SEBoßer £eben, menn nießt bie ^riebfraft beS SebenS 
in ber Statur irgenbmie felber ein, icß möeßte fagen, gefteigerteS, fießerließ 
für uns nnbefannteS, Seben ift? 

3u mancherlei nerßängnißtmllen SJHßoerftänbniffen unb gnm Sßeil 
fogar lebensgefährlichen folgen für bie untmrficßtigen Sfebner ßaben Sieuße* 
rnngen tieffinniger Slrt in einer allgu tßatfräftig pßilofopßirenben Umgebung 
ßie unb ba gefüßrt. ©erabe ben ebelften ©entern ift es nicht fetten ge? 
feßeßen, baß ißnen bie SluSfpraeßc beS ^öchften unb Dteinften, beffert fie 
fähig maren, ben bittern ©ob gefoftet ßat. Srgreifenb mutßet es an, nne 
fo feine ©eifter, benen boeß and) baS £erg für ißre bamatige Ummelt 
fchlng, nerfannt unb gemartert ißr ^aupt ftnfen laffen mußten. Sie 
ftanben geraiß in tiefer güßlung gu ißrem geglaubten ©otte, unb motten 
mir uns tröffen, fo rnüffen mir uns fagen, baß ber griebe beS Rimmels 
ißnen geßört ßat. 

Spinoga mürbe ans ber Spnagoge anSgeftoßen, roie bie ortßobope 
$ireße ßeute ben ©rafett ©olftoi anSfcßieb. ©iorbano S3runo mußte 
ben Scßeiterßaufen befteigen. ©roß ift bie 3<*ßt berev, bie für ißr <&eiligfte§ 
gut Seit ber Sßriftenoerfolgungen gelitten ßaben. Sind) bie ©efeßießte beS 
3Slam ift nießt frei non folgern Qammer. 

■•fließt nnäßnlicß bem ©ornenroege, ben ber Stifter ber eßriftließen 
Religion gurndgelegt ßat, erfcßeint ber SebenSmanbet eines ber erften, be* 
bentenben Sßantßeiften beS SfloßammebaniSmuS, beS SBoÜfrämplerS fiallag. 
SS mirb berießtet, baß er beßanptet ßabe, er fei ©oft. Söaßrfeßeinließ ßat 
er mit biefer Sleußernng einen Sinn oerbunben, ber feinen greunben ge; 
läufig mar, benn er ßatte eifrige Slnßänger. ©ie Drtßoboyen beS Qstam 
aber traeßteten ißm nad) bem Seben. ©ie Regierung mitrbe non ißnen 
neranlaßt, gegen £>allag eingufeßreiten. Sr ftarb ben ©ob eines SJtärtprefS. 
©ie große ^etbenßafligfeit feiner §atfnng mirb babei rüßmenb anerfannt, 
unb naeß feinem «ginfeßeiben ereigneten fieß nun aueß Vorgänge, bie mit 
ben uns fo moßl nertrauten einer anberen SeibenSgefeßießte unleugbar eine 
geroiffe SBermanbtfeßaft geigen. ©ie jünger ipallagS tonnten fieß nießt barein 
finben, baß fie ihren geliebten 9fleifter nun für immer nerloren ßaben 
follten. ©a gefdjaß benn baS SBunberbare. Stuf bem 2Bege naeß Sflaßraroan 




\85 


o)Ur (5 e f cfy t cfy t c bcs (Öottcsbegrtffes. 

fie ißn auf einem ©fet reitenö, wie es feine ©ewoßnheit fein mochte 
nb erjagte tfoen, fte fällten niä>t glauben, bafj man ißn gegeißelt mb 

®te ©rregung ber ©emütßer läßt MefeS poetifdje ©raumgeficßt roll, 
mtinen hegretfltd) unb ber rüßrcnbe fpintergruttb ber Serßältniffe ben 
fpcfjologifdgen 3ufammenfiatig in einem freunbticßen, troftreicben Siebte er» 
feinen. — ©5 bat bteJRofe uct) Befragt, baß fie fo furje Seit nur Muße, 
mtet ein orientalticße» ^.tebcßen (ivranj hat es munberooH Eontponirt) Unb 
tr Sröftung wirb ißr erjäßlt, baß fie unfterbticß im ©efang leben fol — @o 
ben and) biefe ©eifteShelben in einer bidjterifdien UnfterblidjEeit fort 
©en eigenartigen pantßetftifcßen Sorftettungen oieler ©icßter unb ©’enfer 
nb nmnbernolle ©rjeugniffe entfproffen. ®ie geßeimnißnollen ©cßäße tßeo- 
nßtfdier ©peEulation enthalten pweilen ©ebanfen non gewaltiger ßrnft 
nb ©d)önßeit. 2ßie eS reijood unb intereffant für ben SJteifenben ift 
enn er |td) nid)t nur auf ber allgemeinen fieerftraße bewegt fonbern 
iegentlid) auch Seitenwege etnfcßlägt, um bas innere ber non ibm be= 
ilten Sauber fennen unb fcßäßen p lernen, fo ift es auch in hohem 
rabe an^teljenb, beim ©tubtiim ber ^ir^engefdfjicfjte bte $fabe be<3 boq= 
atifdien £eßrplaneS manchmal p neriaffen unb fidi fonft bei ben ©meinen 
npfdmuen, roo baS religiöfe Sebürfniß in origineller ÜBeife fid) regt unb 
■eriönticßeS auftaucßt. ©o erfreuen mir uns heute an ben ftimmungS» 
den Werfen eines 2lngeluS ©ilefiuS, mie er in fühner go!geri<btigEeit 
m imtern ©tauge gehorcht unb ®inge pnt Sorfcßein bringt bte ber 
nbefattgene pnäcßft für naßep fecefnoniftifch mobern halten möchte. 

gür bie hitbenben flunfte fcßeint fa gerabep aller 9leij beS 5Pbi» 
buellen, Sefonberen außerhalb ber Schulen p liegen. 9iid)t im ßonoen» 
mellen berußt aud) auf religiöfeut ©ebiete ber ßöcßfte menfchlicße SBertß. 
tarle ©eifter möchten rnoßi pmeift MeS ringsum in bte eine ®afeinSform 
oingen, bie ihnen natürlich unb notßmenbig norEommt. ©ie ftiften ©dgulen 
»er ©eEten ober erneuern macßtooll einen überEommenen gmang 2Boßl= 
uenber erfcßeint mir bas SBirE'en ber tnilben Seelen, bte ber fremben 
tgenarl müßeloS ißre SRedjte gönnen unb für ficß nur eine {(eine greißeit, 
°mm p fein, mie es ißnen felbft geboten fcßeint, erbitten, 9Kit tiefer 
emheit hat £ertnan ©rimm in feinem Sehen fKidjelangetoS baS ©ßaraf= 

nfttidje lotcßer tppifcßen Unterfcßeibung anläßlich ©aoonarolas unb 
tetoles erläutert. 

d. ©ßeiSmus überhaupt. 

poltjtheiSmuS, «Monotheismus unb Pantheismus Fönnen auch in be» 
.mmten ÜBifchungSoerhältniffen auftreten unb bte ©eifter mit fucceffin 
ecßlelnbem §auptgepräge beßerrfcßen. Qn neuerer Seit wirb nun oder» 
ng» bte entgenannte gönn ber ©otfeSibee rnoßt nur in bewußter fünft» 
nicßer ©enbenj gebraucht; 3itd)arb SBagner glaubt nidrt an bie 

Worb unb @jib. IC. 296. 1 q 




*86 


^ans £tnbüu in Konftantinopei. 


norbiföett ©öfter unb ©ctiUler eben io wenig an bie olputpifcben, bie er 
anruft SlnberS mochte es bantals, als bet ^polptbeiämub bie bertidjenbe 
«Religion mar, gemefen fein. 2ßo l)iet luonottjeiftiidje ©ebanfen auftau^en n,o 
bie ©ötternerfammlung pr ©in^eit »erf$mUjt ober bem Slpollo tu Mette 
beimn>eisf)eit pnäcbft eine Hegemonie, bann tneüet^t and) bte alleinige ®afa 
beit pgefdftieben toirb, ba mufften fid) jrabrj<f|einlW& mit Men Stnfchnuungen :J 
bolie SBettbgefüble rerbinben. ©S mar ben 9Kenfd)en heiliger ©ruft. 

®ie Uebergänge aus bem Atheismus pm «Pantheismus brauen 
nicht immer ben «Monotheismus p paifiren. 2tn unb für 1«b hegt abetti 
BantbeiSmuS eine cinbeitlidic Sufatttmenfaffung p ®runbe, aber roo auf 
ben moniftifcben Begriff fein icbarfer Iccent fallt, nerfännnbet baS ©otter= 
rcefen fogleid) im gottbelebten 3111, ot)ne norbenge Konäeutrirung pr betonten 
äffieinbeit ber ©ottperfon. 3ItteS ift notier ©öfter Meä tft göttlich. SDte 
©efüMe ber »nbad)t unb Berebrung, bie man ben hoben Drbnern ber 
trbifcben $inge ju sollen geroobnt mar, manbern rort ber Borftettung ber 
Drbnenben in bie ©efebmä&igfeit beS B5eltpfammenb«ngeS herüber ®o 
aber ein «Monotheismus erblüht mar unb gegen IpantbetSmuS emgetaiildjt 
inirb ba begleiten bie religiöfen ©efüble ebenfalls ben emtretenben SBedtfc., 
unb nur met bereits ber ©ottbeit gegenüber falt gefiimmt erfcbien toirb 
es nun audi bem göttlichen SU gegenüber erfcbeinen. ©duoerertft ber 
umgefebrte Borgang porftellbar, bafe ein «Pantbeift bie wetbeoolle Betradtung 
besVturganjen für eine Berberrlicbnng ber ® otte ™bei' aufet'eb bemt tm 
«Raturganjen liegt ihm fcbon bie bauon unlösbare ©otttidjfeit unb ein Jot. 
außerhalb ber Matur mühte ihm befrembltd) bunfen. ®ennod) werben 10 . 
einer derartigen ©efinnung in einer bod) entroidelten Äulturjeit begegnen, 
uacbbem bereits bie mannigfachen tl;eiftifd,en ©ebanfengänge bnr^taujen 
umreit nnb pt Berfügung ftanben, obmobt fr«hcb nidtt jebem Cpat- 
geborencn fidler gange Meicbtbum ber prücfgelegten ©ntundlung m gleite 
Seife anbietet, unb man niemals ben geiftigen Beftb einfach ergreifen 

tarn, fonbern t()n erwerben utufj. „, r , s 6 

®er ©Treiber biefer Seiten ift tueit entfernt non bem ©laufen bj 
er ben großen ©egenftanb roeit genug überbaue, um fammtltdie porbanbenen 
©djattirungen beS religiöfen ©efübts irgeubtme and, nur auiiabetnb , 
leidmen unb roürbigen p fönnett. Sum ©lud braucht ba» auch <b 
notbtoenbig p fein. 3eber Sefer, ber felbft einen bebereu ©anbpunf. 
einnimmt, als ich ihm P bieten permag, fann erganjeub e^f i 
ntirb meine Unplangiidifeit nicht fdpben; nnb Mtemanbem fann überhaupt 

frember Beruht bie eigne Brüfuug enbgittig erfeheu. _ 

SBaltboffcnS neuefteS fffierf über bie ©otteSibee*), bte gebanfenretde 


*) Sie ©otteSibee in religiöfer unb (peMattoer 3ticf)tuuc,. ® ew f ff.f 
fteaung non Br. Wpotnt ÜSatter non Saltboffen. SBten nnb» Mfr 

^öraumiitter, 1901. 








- £iur (Sefdjidjte öes (Sottesbegriffes. - J87 

Arbeit eine« SWenfdjenle&en«, mußte mir bei öen eignen Benutzungen um 
mefetbe ©Zema als eine mitttommene £ilfe erfdjeinen. Qd) habe oft 
Streifet gehegt, ob eine berartige Seiftuug überhaupt mögticZ fei. ©ie ©e= 
cZicZte beS ©otteSbegriffS bilbet einen midjtigen BeftanbtZeil ber (Seiftet 
^efdjicZte ber SRenfdjZeit. ©ie wrfdhiebenen gönnen, in benen baS retigiöfe 
öebürfniß MuSbrud gejucZt unb gefunben hat, p unterfuchen, mürbe vkU 
.eid)t bie Kräfte eines ©inanen überfteigen, unb er mürbe ficZ nor eine 
unerfdiöpftidZe Aufgabe gefiettt feZen. geber Berfudj einer ©pftematifirung 
dürfte an ber fdjönen 9)?annigfaltigfeit beS Problem« febeitern, unb bod) 
ieZt fid) bie orbnenbe ©arftettung auf eine folcZe gemtefen. ©aß Zierbei 
BerßZi eben artiges nicht Zinreidjenb gefonbert unb mancZeS Bebeutfame moZl 
überZaupt ben pgreifenben «pnben entfdjtüpfen roirb, fcZeint nun ermeib litt). 
Um biefer Bebenten mitten fottte man jebodj nidjt gänzlich non bem rei^= 
jollen BerfucZe einer foldjen Arbeit abfteZen. ©ie SBaltZoffen’fcZe Arbeit 
ft baber als ein mertZootter Beitrag für ähnliche Beftrebungen anberer 
Mitarbeiter auf biefem unermeßlicZen ©ebiete banfbar p begrüßen. 

@o fcZön unb oerlodenb es märe, ficZ ber gührung eines tüchtigen 
MeifterS oertrauenSoott unb forgtoS unterftetten p tonnen, ertaubt möcZte 
)aS bocZ nur fein auf bie ©efahr Zin, fid) felbft ber unmittelbaren 2im 
djauung p entfremben. Bei einer BeZanbtung beS ©otteSproblemS in 
tnferem ©inn tarn es fid) nun freilich nidjt um bie pflege unb gort; 
jflanpng erbautidjer (Stimmungen in erfter Sinie Zanbeln. ©otteStiebe p 
»mieden, ift bie Betrachtung einer miebergefpiegetten religiöfen ©efinnung 
üol)t ßZmerlid) im ©taube. 2£enn mir nun aber aud) bie frifdbe Begebung 
um ©raigen felbft pnädhft auSfcZatten unb bem Meflep beS fßhänomenS 
(Hein Beachtung fcZeuten, MtaßZenliebe läßt fid) bei ber Bertiefung in 
nenfdjlüZe ©eetenpftänbe fd)lecZterbingS nicht auSßZtießen. Mur ein eignes 
JtaZetreten an bie $erfön(id)teit tann barum Zier baS liebenotte Berftänbniß 
: ür bie mancZertei abmeidjenben ©eftaltungen ber ©otteSibee erfcZließen, 
tnb iebe ©arftettung, bie mit bem Begriff ber ©teigerung p £öhepuntten 
jantirt, begeht ben oietteidbt überhaupt unoermeibticZen gehler, bem ©tnplnen 
•n feiner rollen ©iefe auf allen fünften ber aU ffteigenb erbtidten Sinie 
rieht Zinreidjenb gerecht p merben. ©arum ift eS münfcZenSmertb, p; 
ammenfaffenbe hiftorifdje Arbeiten nidjt lebigtid) als Quellen p benüßen, 
'onberu ihrer Settüre ein ©tubium beS behanbetten ©egenftanbeS beU 
jUgeietten. 

Bei^ biefer Bekräftigung fann ben Slrbeitenben moht attmählidj ein 
ZöneS^ ©efüht ruhiger greunbfehaft mit ben oerfdjiebenften ^Zafen ber 
ZeologifdZeu gbeenentmidlung übertommen. ©r fieht nid)t me|r non einem 
joreingenommenen gielpuntte herab auf bie gemunbenen SBege, bie herauf 
)u feiner <§öhe führen, ©r meiß, bie ©traße hat meber Biet xiodö ©nbe, 
Knb er tonne einfchlafen auf einer jeben Bant, bie ilp pr Maft einlabet. 
Rubere merben meiter bringen, fagt er fidj. 21ber an(Z Zier ift gut fein. 

13* 





f88 


fjaus £inbau in Konftantinopel. - 

e. ©eiätnuä. 

gjeOen bem XbeigmuS bat man in lebter Seit einen befonberen 

SeiSmnS genannt nnb biefen non bem [ateinifc^en SBort Deus abgeleiteten 

gjnmen non jenem anbern, ber bie grtehtfhe SSeseidjung birgt, 

unterfcfjieben. ®er ®ei§mu3 ift biftorijct) betrautet eine grucht ber 
englifhen Slufflarung. «ß^Uofop^f# angefetjen ift jein Sßefen jebod) 
bebentenb älter nnb fann fcbon in fernen Sulturjeiten anfgefunben werben. *) 
gjlan feilte fid) ®ott außerhalb nnb fosufagen getrennt non ber Sßelt not 
atä ben itjr unenblicb überlegenen ®errn nnb SDfeifter. ©ott bot biefe 
ggelt, in ber mir leben, gefd)affen. ©r jelbft ift entrüctt in ein eroigeä 
genfeits, auSgefdjieben au§ ber antbropomorpbiftifhen ®enfraeife. ©eine 
©rhabenbeit gilt eS mit feiner beterminirenben äfeftimmung anjutaften. 

© 0 tt ift fern unb grob, bie Sßett mirb als flein unb nabe, im ©egenfafc 
ju ibm, empfunben. SIber biefe üBelt ift bo<h fein SEerf, unb bie 
moralifdje Drbnung ber Singe ftnbet in feiner ©röjje ihren lebten 

Urfprung. , , _ , 

©er beiftifcben ©otteSauffaffung tä&t ficb SBürbe unb Robert gegenüber 

fonftigen gönnen biefer 'ßroblernftedung nicht «bfprccben. ©§ ift bie pfpb<> : 
logifdje Analogie mit einem SBerfnteifter, ber im ©toben fehltet unb 
maltet, ber nicht jeben Sag abreebnet, unattSgefptodjen im -ötiitergrunbe 
ä u nermutben. 3M)t um jeben irbifetten öuarf gesternt e§ fiä) für einen 
hoben £errn ficb ju befümmern. Ilfo auch nicht für bie ©ottbeit 5Wtt 
biefer Sinologie giebt man roabrfdjeinlid) baS SJiotio ber Slrtfcfmuung gietulid) 
ntbtig roieber, freilich nicht bie Infhauung fel6ft. MeS 30M<Pbe ® 
hier beroufet abgeftreift roorben. gn reiner Roheit ift ba§ ©örtliche bem 
SBeltlichen iclitedfetbmgS gegenübergeftellt. ©ott ift nicht in ber Sbelt, 
fonbern über ihr. ©ein ©eift roobnt ihr nid)t inne, er ift ihr eroiger 
©chöpfer unb ©rhalter. Unenblid) ift feine 2Kad)t unb Schönheit. Ser 
©ebante an feine SoKfommenheit mag uns int ©taube befeligen unb ju 
muthigem Streben nah bem ©belften entfahen. ©ein Safein ift ber tiefe 
Sroft im Unglüct. ÜHan barf nertrauen, bah ba§ göttliche ©ein in uw 
serftörbarer gerrlidjfeit bleibt unb mährt unb alles ©efhaffene mächtig 
überbauert. 

Steine Söunber geföe&en in ber Statur. giebt feine $ur#rec£) ungen 
ber ^atnrgefe^mäBigfeü. $Die§ mürbe ber Soweit ©otte§ nnb er) trete. 
$Die ganje Statur ift ein einziges SBnnber of)ne ©nbe. 2öer ba§ erfannt 
bat, roie ber non Kipling fo fein gefcfyilberte inbifefje ^eilige ^ßurnn S3agbat, 
für ben ^aben bie fteinen fogenannten 2£unber anfgebört. Qntereffe fatm 

*) SBaltboffen (a. a. O. <3. 832 f.) bringt Subenfl&mn unb 3*1am mit bem 
$ei§mu§ in SSerbinbung. Sn feinen gelftöoHen Erörterungen, bie öiel XreffenbeS 
enthalten, mißfällt e§ mir, bafe er ben aufjenmeltticfjen ©ott bietteiefjt bod) ein uemg 
aüw perföntief) (als feröbe ober ftol*) fcfiilbert. S<f) glaube biefe Hntöropomoi$t&tnm 
liegen ben Seiften im Eruitbe fern. 









- §ur (Sefcfjicfyte Des (Sottesbegriffes. - \89 

ber Sheofopp für bte einzelnen (Phänomene nur inbireft befipen, (Die 
3bee ber (Sottpeit ftef)t ihm unmittelbar nor ber (Seele. (Die (Bottbeit aber 
ift aud) ein emigeg Sdjmeigett, mie Slngelug Silefiug gelungen bat. 

f. 2Itpeigmug. 

2 Jcit bent Slugbrnd „einige Scpmeigen", mit bem (Bott außerhalb 
beg (Seltganjen, paben mir ung bereite einem Verfahren genähert, bag in 
ber rolligen Elimination beg (Sottbegriffeg enbigt. Sunäcpft fcpeint in 
biefer (Befeitigung ber uralt eljrmürbtgen Qbee eine gemiffe metantholifdje 
Sd&önbeit 51 t liegen. (Dag haben einige 2)idjter berauggefüplt unb, id) 
mödjte beinahe fagen, bamit fofettirt. (Die finblicp poetifcpe (Keife, in 
Der £eine mit ber (Borftellung beg lieben (Botteö umfpringt, möchte man 
M) nod) gefallen laffen, aber ber mangelnbe Ernft atpeiftifdjer (Keltfdjmersler 
ift fcpioer erträglich. Eg madjt ba öftere ben Einbrud, alg merfe man 
Sott oor, bap er nicht ba ift. (Mn menfcplidje Entpfinbungen merben in 

poftulirte Md)tg infonfequenter (Keife pinübergefpiegelt. (Kan be^ 
Dauert, baß bie Statur nicht helfen fönne, unb legt eg ihr pgleidj alg eine 
Sraufamfeit aug. (Kan fdjmodt mit (Sott, inbent man ihm im (Stillen 
nit Slberfennung bropt, ober man tropt grnnblog in’g finftere Kidjtg 
nnaug, non bem man fiep, ebenfalls grnnblog, fo niele Siebe oerfprocpen 
)atte. — 

@0 albern biefe (Sebanfengänge in ihrer Kacftpeit erfheinen, fo fdjön 
itnb glaubmürbig muthen fie an, menn fiep ein echter (Dieter ihrer am 
timmt. Eg ift bann bag tiefe religiöfe (Sefühl in einer tragifchen Selbft* 
tuflöfung erfühtlicp. — Ehrifti Seiben merben gefdjitbert unb am Enbe 
iem erbarmnngglofen Fimmel bie gauft entgegengeftredt. 2Be£;e (Dir, 
oemt eg mahr ift, bap £)n bem nidjt geholfen haft, bann fodte (Dir hoch 
oahrlich ber Gerechte für immer falt ben Küden lehren! — Klfreb be 
3ignpg (Kufe beftpt biefen pehren Ktpeigmug. 2lnd) griebridj ^peobor 
Sifcper nähert fiep ihm gelegentlich. 

(Die finnlofe Kpoftroppirnng beg Kidjtg mürbe itnfere Scnhluft erregen, 
oenn nidjt pgleicp eine ^üpnheitgroudung burdj bag geheime (Srauen nor 
>em greoelhaften ber Sache ma^gerufen mürbe. 2Iuc^ f^riebridh) Kiepfdje 
nt ftdh an biefer poetifchen ßedpeit erfreut, unb eg ift ferner §u entfcpeiben, 
nmiemeit bei ihm nidjt bereitg franffjafte (Belüfte alg Spmptome beg 
ereinbredjenben Uebelg gu fonftatiren ftnb. (Dag Qmponiremmollen an 
nb für fich ift ja bei ihm nicht gerabe norauggufepen. Er liebte jeboch 
eroifchen Selbft^roang aller 2 lrt alg ein moralifch üerbienftticpeg 5 Sb)un. 
Deftig begehrte er, fich tapfer nnb rein -$u bemähren. 

2lden ben pier genannten (Denfern unb Richtern: (Bignp, Kiepfcpe 
mb (Bifher ift nodj gemeinfam, bap fie bag fittliche (Sefüpl $u hoher 
>artheit in fich auggebilbet unb bag Schöne geliebt unb gefchmadüoll ge^ 
flegt haben. (Dieg läpt nieüeicht barauf fcpliepen, bap gelegentlich bie bem 




^C)o - fjatts £trtbau in Konftantinopcl. - 

fittlidi ©Uten ober äft|etifdi Schönen juftrebenben 2Bert|gefü|te eine 2lrt 
Serbrängung ber eigentlichen reUgiöfen Bebürfniffe p »oUjieljen fdieinen.l 
SBitt man bie leiteten in i|rer eigent|ümltc|en Sonberftellnng gewahrt 
nnffeu, atfo bet p!gifofop^ifd)en Spefulation ifjte einig prooiforitdie Krönung! 
im ©otteSgebanfen fiebern, fo mag bie? ©efdjäft mir nid)t nerfrüijt mit beml 
Sittlichen ober erfreulichen in ein? geworfen werben. 

e? tann inotit unter Umftänben, wie ba? Seifpiet Bigni)? *eigt,l 
ftiliftifd) ebet Hingen, unter Benüßuug ber nor|anbenen religiöfen ©efiible 
biefer «Stimmung einen tragifdien IHöfcEjteb ju geben. Ober e? mag in 
grenstem Ilmfrei? al? fittUdi oorne|m erfdjeinen, wie diiefefche e? tf)oi, 
iBvanour an ben Sag legen uub nicht Ueberfommene? ungeprüft acceptiren 
jit wollen. 3u weiterer fperfpeftine bünft midi febodi ein 2ltljei?mu?, wie 
er fid) etwa in bem ©ebidite Bifdier? über ben febleitben »ater im Fimmel 
au?fprid)t, meber preidjenb icbött nod) lauter, um bie bleibenbe Berechtigung 
ewigen Seben? p nerbienen; benn um» ift ber SBelt mit ber 3tid)tigfeit?! 
erflärmtg einer oielleicht p finblid) nerwegen geäußerten Hoffnung gebient? 

Q n ber ©efeUfdiaft non 2It|eifien mag man fid) nieüeidit p Seiten 
woßler füllen als in ber nnbutbfamer gottgläubiger, aber brefe fociale 
SBirt|lic|£eit i|re? SBefen? fpridit noch nicht für bie 2Bahr|eit ihrer 
Weinung; tann aud) mit ber IBejeidmung nielfach nicht bie Sache gebedt 
werben, foniel ift gewiß, baß mit ber pnääjft ertennbaren Stegation be? 
Sbei?mu? ber 3n|alt wert|ooHer Beftrebungen, o|ne ©egenleiftung, ent« 
fernt wirb. 3a, oft genug tann man nicht nur non 2lt|ei?mu?, fonbern 
einem etwa? gereiften 2tnti=t|ei?mu? fpredien. 

®a? ©runbübel ber at|eiftifc|en Senfweite fdieint mir in beut Um-- 
ftanbe p liegen, baß etwa? negirt wirb, beffen Sefinition a priori nbiolut 
nidjt feftfte|t. ©ott wirb geleugnet, ©ut, aber wa? ift ba? für ein 
©ott, ber geleugnet wirb? 3ft e? bie ©otteäibee in i|ter polt)t|eiftif(|eu 
Sßielleit, gegen bie wir Krönt madjen, ober ber außerweltliche ©ott ber 
Seiften ober ber dtaturgott be? fp|ant|ei?mu? ? 3 e nac|bem Ijanbelt e? 
fiel ja ftet? um einen partiellen 3lthei?mu§. 

Sie pant|eiftifd)en Senter Spinoza, Richte würben feinerjeit al? 
3lt|eiften nerfdjrieen. ©? war nicht ihr SSerfchutben. — §eute ift man, 
©ott fei Sant, freier geworben unb meint ben lieben ©ott nicht auju 
ängfttid) befdpßen p müffen. Sa treten nun aber »|eiften auf, bie 
fd)ted)t|in 2lt|eiften fein wollen, o|ne p bebenten, wie lächerlich e? ift, 
gegen einen Siamen al? ebler Son Quichotte p gelb p jie|en unb ferne 
3l|nung non bem, wa? hinter bem Flamen fteett, ju laben. _ Ser 3lame 
©ott tann pr 9iot| fallen gelaffen werben, obwohl bap eigentlich fern 
älnlaß oorliegt, wie bie innere fioutinuiät ber 3beenentwidtung lehrt. _ 
Sache bleibt. SSüer bie ewige SEBelt in i|rer unergrünblidjen heiltgteit 
leugnet, ber weiß eben nicht, wa? er fpridit. @r leugnet fid) felbft. 

3mmer|in möchte idi ben 2lt|ei?mu? nicht 6eflagen. 3m ©egeut|ei. 









- §ur <5efd]td}te bcs (Sottesbegrif f es. - \9\ 

$S ift ein erfreuliches $eid)en ber gefteigerten ©eifteSfreiheit. Söacfre unb 
jute ÜDicinuer bnben ihm jum Dafein oerhotfen, unb wenn man nielleicht 
md) über ihren Scharffinn Steifet hegen mag, an ihrer tüchtigen Sftenfdjens 
Freunbtidjfeü fob garnidjt gerührt werben. 9M;t ber melancholische SltheiS« 
nuS jebod) tarnt auf bie Dauer beliebigen unb ber umftürzlerifdj geniale 
ÄtheiSmuS in feiner Uubefonnenheit noch weniger. -Rur als tritifdje 
Regung gegen unbulbfamen Dogmatismus hat er ‘feine moratifcße Be= 
peutung. 

III. Peranlaffungen öes (Slaubens. 

a. Draußen. Dem Stttbertfen $a3cal§. 

Die Vergegenwärtigung zweier Dinge hat Smmanuel $ant als 
moerfiegbare Duelle feines ©otteSgtaubenS bezeichnet. Der Sternhimmel 
tm ihn läßt ihn in feiner Unermeßlichfeit an ©otteS Unenbtid)feit beulen, 
mb baS ©ewiffen in ihm, baS ©efühD ber moralifdien SMtorbnung am 
ugeßören, erfüllt fein ©emüth mit ©otteSglauben. Sluch lange oor biefetn 
i^önen SKuSfprudj unfereS großen ^ßh^tofopI;en haben in ber ©eifteSgefdjidjte 
»er SReufhheit wohl bie genannten gaftoren wieber unb wieber ihre fülle 
stimme zum btufe nah ber ©ottheit erhoben, unb ich ntöchte am Schluffe 
üeiner Störung einiger formen ber ©otteSibee benn auch noch biefe 
ßeranlaffuttgen beS ©laubenS zu beleuchten oerfudjen. 

1. Vaitrn. 

Um uns beljnt fidj ber unenbtiche Vaum aus. Unb nicht nur um? 
iugt er uns, nein er burdjbringt uns auch oöttig, wenn wir unfer lörpers 
.cßes Sein berüdiidjtigen. Dennoch erllären wir ihn als etwas z um 
■Draußen ©ehörigeS, weit wir ein tieferes geiftigeS Sein oon ihm unters 
heiben unb ihm gegenüberfteüen. Diefe ©egenüb er Stellung ift freilich leine 
nfdjaulid) noll§tehbare Dßatfadje, benn alle älnfdjauung ift unoermeibtich 
äumticber Slrt. 3Bir fehen nur baS eine Sttal bie Erfahrung unter 
löftraftion ihres tranSfcenbentaten guftanbelommenS an. Das anbere 9J?at 
ber gebenlen wir ihrer unmittelbaren Väbe unb oerftehen, baß aller Vaunt 
d) in nuferem Bewußtfein bitbet. Dann hüben wir unfer geiftigeS Seben 
erührt. Daoon nehmen wir jebodj hier vorläufig Slbftanb. 

Die Unenbtichleit beS VaumeS ift eine zweifache. Sie ift eytenfio 
nb intenjb. 3Bir lönnen überall in» BBeite hinaus, ohne baß jemals bie 
taumanfhauung burdj eine Begrenzung aufgehalten würbe. DaS Sßettall 
cfdieint fomit fcßraulentoS auSgebehnt. hinter bern 9Rild)ftraßenfr)ftem 
Derben üftebetftede, bie Sich auch als Sternfpfteme auflöfen taffen, oermuthet. 
)amit erreicht unfer aftronomifdjer JXoSmoS fein @nbe. Die philofopbifcfje 
Betrachtung aber überfteigt ihn. VirgenbS fann ber Vaunt aufhören. 
Allenthalben muß er fidj ins ©rengenlofe erftreden. Soweit unfere ©es 




\92 


fyaits £tnöau tu Konftantinopel. 


banfen i^rett 25 eg ins ungemeffen 25eite verfolgen, nirgenbs nerläfd fie ber 
2ianin. ttnenblid) ift feine StuSbelwung. 

'©iefe eptenüoe Unbegren^theit ift jebodj nid)t bie alleinige. Qh r tritt 
§ur ©eite eine nicht minber unabweisbare intenfioe Unergrünblidjfeit beS 
Raumes. Renten wir uns irgenb einen fleht gewählten 2lbfd)nitt im kannte. I 
@r foEC fo fleht fein, baß unfer 2tuge ihn faum wal)rnintmt. Nichts befto 
weniger ift felbft biefer fleine begrenzte 2taumab{dmitt innerhalb feiner 
©rennen intenun unertblid). 2Öir fönnen il)n tbeifen nnb bie §älfte wieber 
tl)eilen. 9Jcit biefer £l)eilung fönnen wir enbloS fortfahren, gumter 
Heiner werben bie gewonnenen 9taunttl)eildjen, aber fleinfte S^tjeile, £hetle,| 
bie ficf) nidjt weiter tl)eilen [affen, erhalten wir niemals. Sltonte giebt e§ 
nur bttrch einen widfitrlichen 9Jiad)tfprud) unfereS $DenfenS, ber in nnftati* 
bafter SSeife ber httenfio ttnenblid), oorbringenben 2htfd)auung ©tillftanb 
gebietet. $n 2Birflid)feit ift fein abfolut fleinfter 9taumtl)eit oorfteHbar. 
©tetS fann fidj auf3 9?eue bie gorbentng nach weiterer Serfleinerung er* 
heben. 2äe unb nimmer wirb fomit and) in ber engften @nge nnb £iefe 
ein räumliches @nbe erreicht. 3>er 9taum ift fowohl epteniir», nach allen 
©eiten, wie intenfio, in jebent fünfte ttnenblid). £)ie 2lnfd)auung giebt 
fid) bei feinem ©uperlatio -ptfrieben. ©rof 3 unb flein ftnb relative begriffe. 
©twaS abfolut ©rofeS giebt es ebeufo wenig, wie etwas abfolut kleines. 
Qmrner ift ein beliebig gewählter fftaumtl)eil fowoljl unenblich grob wie 
ttnenblid flein int 23erl)ältnib gtt ber unttberfei)baren Totalität beS fftaumeä, 
weldje als 23orftedung unooll^iehbar ift. 

2Benn bal)er $ant beit ©ternhimmel als einen Appell an bie unergrünb; 
liehe ©otteSibee anffafit, fo lägt fid) bem mit einem gewiffen Rechte and) 
wol)l ber «öegeFfche 2fpped an bie ©eite ftellen. Sind) beim 2lnblid eine»! 
^hferfede§ beifpielSweife fönnen wir uns baS itnenblidie nergegenwärtigen 
unb baS eper^ gur ©otteSibee erhoben fühlen. 

, 

2. Seit. 

Sticht anberS als mit bem Raunte ftebt cS mit bem attberen unferer 
2lnfdjauuitg untrennbar ittnewobnenben gaftor, ber S e ^- 3 e ^/ welche 
neben bem Raunte, als eine ttothwenbige gönn unferer anschaulichen 
SDenfenS begeid^net werben barf, ift ebenfalls fowol)l eptenfin wie intemw 
unenbltd). 

Ohne ©nbe behnt [ich gleidf) einer niemals beginnenben unb niemals 
aufhörenben Sinie bie Seit aus. 25tr können uns weber ihren Anfang 
norfteilen nod) ihren 2Ibfd)lu&. Qn ihrem 2Befen liegt bie unbegrenzte 
2lttSbehnung eingefdiloffen. ©S ift logifch unmöglid) ein 2k>rherfeht oor bei 
Seit §u poftuliren, benn im 23orherfeiit wirb bereits Reit uorauSgefe|t 
©benfo unmöglid) ift ein -Dtacbhetfein nach her Seh, benn auch bem 3iad)he? : 
fein wohnt noch baS Sedeferomh; inne. ©o behnt fie fid) benn erblos 
uor uns ober in uns aus. 2luf welchem fünfte immer wir uns ih ret 






i§ur (Sefcfytdjte öes (Sottesbcgriff es. 


\93 


Sauf ^gegenwärtigen, rafttoS eilt fie fort, ©er Mgenbüd i£;re§ (SrfaffeuS 
liegt felbft in ber geit. 2luS xljx heraustreten fönnen wir nach feiner 
Vid)tung. «Sie ift eptenfin unenblid) wie ber Vaunt, aus bem wir uns 
aud) nirgenbs ergeben fönnen. 

Mer auch bie inteniine ttnenblidjfeit läßt fid) bem geitnerlaufe feines* 
wegS abfpredjen. Sind) fie ift nicht nur unenblid) in ihrer MSbehnung, 
fonbern nid)t minber unergriutblid) in ihrer ©iefe an jeher Stelle. geber 
noch fo flein gewählte geitabfdmitt ift grofj im Verhältnis ga einem ferneren, 
nnb ein abfolut fleinfter geitabfchnitt ift ein ebenfo unmöglidfeS ©iitg, wie 
ein abfolut fleinfier Vaumtheil. Md) bie ©heile ber geit fönnen wir 
fortgefept nerfleinerit nnb gelangen niemals an ein ßhtbe. SSohl wirb es 
nuferem finnlidjen geitbewu&tfein halb nerfagt fein, ben gorbermtgeu ber 
©beilung nnb Verengerung ber ©heilten su folgen. ©S entfteht eine 
Schwede, unterhalb bereu wir bie eilig fleinen Momente nid)t mehr im 
gluge erhafchen, nnb hier ift auch fein Viifroffop benfbar, baS uns weiter 
blid’en lägt, als nufer geitfinn trägt. gür ein anberS befdjaffeneS 
appercipirenbeS Vewufüfein, als wir es befi^en, würbe aber baS, was an 
uns nnenblich fchned norüberhuf d;t, nod) seitlich ergreifbar gu benfert fein. 
Unfere Mffaffung non ber geit brauet hoch nid)t bie adgemeingültige 
©empobeftimmnng beS UninerfumS gu bilben. @S famt etwa geitlidje M* 
fchauungSformen in ber V>irflid)feit geben, für bie unfere Sefunben fehr 
lange geitftreden barfteden, ebenfogut, wie es anbere geben mag, für bie 
unfere gahrtaufenbe fanm erfaßbar fdmed norübereilen. Mch fchned unb 
langfam finb relatire Vegriffe. Sind) i)iex giebt es feinen Snperlatin. 
gebeS noch fo fcfmede ©empo fann langfam fein für ein nod) fdfnedereS 
unb ein noch fo langfameS wiebernnt fchned für ein nod) langfamereS. 

©ieS ift feine müßige Spielerei mit Gegriffen. V>er bie golgerid)tigfett 
Des ©ebanfengangeS anerfennt, ber wirb fid) baranS benfeiben ©roft_ : wie 
aus bem ©ewahrwerben beS nnenblichen VaurneS fchöpfen fönnen. ©ie 
erhabene ilnbegreiflichfeit non Vaum unb geit erhebt baS ©emüth gu (Sott. 
2öir laffen uns burd) nid)tS in ber 3Belt mehr bange machen. Vichts fann 
oon ihm uns trennen. Veit ihm finb wir unlösbar nerbnnben. Vtenfdj* 
id)e Autorität h^t ihre ©rengen, hter aber liegen bie tiefen SSnrgeln nuferer 
Freiheit in ber ©rfenntnig ber allgemeinen Vebingtheit. Vicht auf Vlenfchen* 
tnerthe, wie: hod) unb niebrig, flein nnb grofi, fdjned nnb langfam bürfen 
anr uns neriaffen. S M baS fann bnrch neue Sßerthe nmgeftoheu werben, 
aber baS ßwige nicht. 

gm ©otteSglauben liegt bie nnnerlierbare Sßürbe aud) beS geringften 
iVenfchen. MgefidhtS beS Unermefelidjen ift nichts flein unb nichts grojg, 
Snabe bnrchbringt bie Verbienfte. @S ift feine Vtöglichfeit, ihm gu 
imponiren, ober ihn gu tauften. Mer «ginterljalt mu§ faden, ade ©itel* 
-eit gu Sdjanben werben. 2Sir wiffen nicht, woher wir fommen unb 
tnoljin wir gehen. Mer wir wiffen, bafc wir im Unenblichen wohnen. 




m 


_fjflus Stnbau in Konftantinopel. 


Unenblidje ift unä feber 5 eit, fo oft mir motten, »or ben äugen.- 
fdiroeben über unerkannten Siefen. Sinter bltdt unä ber einige £unmet 
au mit äugen, in benen fein aRenf^enjorn unb feine ®fenfd)entreube 
funfeit, fonbern bie grenjenloä baä äCt burtfifcfiauen. JSiv flauen tu bte 
ÜSeft mit nuferen ©Liefen unb feljeit bie Singe im Std)te nuferer burdj 
eine tauge ©ntroicfelung gereiften äuffaffung. &üten mir un§ nor bertter* 
meffenen Meinung, ba& bie fo erblickte ©djeinmelt baä SBefen erfJogfe 
öüteu mir unä aber and) uor ber SoUfjett, beut geglaubten Heren 2Be|ett 
in allem ©rnfte SPräöifate, bie ber eigenen 2£ertbfcbät3ung entfpnngen, p= 
suiebreiben. ©djraeigen gejiemt unä, aber bie ©eiüble abnungäooUer »fe 
feiigung beim »ebenfen ber ungefdiloffenen üBeitenfutle taffen |id) Ht 

1, ieten 

^ »eint änblicf be§ ©ternbimmelä taudjen biefe ©ebanfengänge letzter 
auf alä in bent terfireueitben Sreiben nnferer alltäglichen 23iüt)en um a 
liebe »rot. Sa fönnen mir unä fammeln unb red)t im §immeläbome en 
unbegreiflich fd)önen Harmonien laufeben, bie auä all ben golbeuen »er* 
bättniffen Ber erfdiauten Schönheit unfern auffaffenben ©innen ertönen unb 
au§ ben ©innen einbringen in bie Siefe ttnfereä fdjtageuben ^ersenS- 


b. Irinnen. 

©egenüber Seit unb 3iaunt, mie fie unä bie objeftine 2Btrfltd)feit 
bietet, ftetlt ber 3Renfd) fein Snnereä als ein geiftigeä ©ein l)in, etn tune* 
tidjeg «eben, in bent fid) baä äußere alä ©piegetbtlb beroegt. o4W 
mich hier garnidjt in bie fubtilen Unterfheibungen emlaffen melcbe ber 
transfcenbentalenßrfenntnijjtbeorie angeboren. 9iur footel möge getagt raerben, 
bau bie tebenbige ©rfabrung in ihrer unmittelbaren Snnerücbfett ba» Cnbtett 
ancb lieb felbft als ein gebeimnifsuott nnergrünblicbeä 2Befen in ber unen - 

lidiett SBelt erfebeinett täfit. , . . 

Sa gebeuten mir benn nun beä jmeiten Sl)eitä jene? tteftmmgen 

äuäfprudieä non Emmanuel Staut, ber baä ©eroiffen imJKenfiH alä 

eine innere ©laubenänerantaffung bent SLnblicf ber jwetmeßtu$en äufeem 

weit an bte ©eite ftetlt. . 

baS ©eroiffen fei, fotl l)ier nun ebenfo wenig erörtert werden 

mie bie grage, ob gebermann eä fenne unb befifse. 2luf Sefintttonen unb 

»eitennungen fommt biämeilen roenig an. ®er •önuptroertb fdjem 

in ber angeregten ©ebanfenrid)tung ju liegen. , „ 

»ebenfen mir noch einmal recht beuttidi bie Sbatfadie unf 
©ebroebenä int Unenblidjen, baff ttnfere äugen fort unb fort einen a en- 
halben unenblidien ttiaunt burebeiten, unb baff unfer »emufetfem eine übern 
unenblidie Seit überfliegt, fo mirb unä angenebtä btefer bem &eba m e " ' 

nebmlidjen 2Bal)rbeit eine anbere ttßabrbeit, mie td) meine, um fo fiat 

uor bie ©eele treten. Sieä ift bie folgenbe. 

3n ber foldtergeftalt unbegreiflichen 2Belt nehmen mir eine gerot,|i 



I 


- §ur (Scfd}ict?tc bes (Bottesbegrif f es. - 

uns wof)l vertraute (Stellung inmitten uns wobt pertrauter Rerbältniffe ein. 
3Bir baben wobt oertraute Regierungen gu betonten Gingen angefpowten 
unb leben in ihrem Refce mit einer fogufagen pbilifterbaften Selbftoerftänb* 
tid)feit babin. Riebt baS Unenblidie unb Unergründliche merbert mir gewahr, 
fonbern baS ©rgrünblidje unb Regrengte. SBir feljen uns oor lösbare 
Aufgaben ber praftifdjen (Syifieng allerorts gefteUt, unb hierin beruht unfer 
,3Bot)l unb SBehe. (Gegenüber ber erfannten geograpbihMtftonfdjen ©rbem 
weit fühlen mir uns auf unferem Sßoften, bienen einer ©emeinfebaft, ber 
mir angeboren, finben pflichten unb greuben. £)te Siebe gu ben RüU 
mengen, bie gemeinfame Arbeit im SDienfte ber Rienfcbbeit mirb fomit 
unfer fittticbeS Sintiegen, unb außerhalb biefeS uns angeraiefenen SBirfungS* 
IreifeS geht uns baS Unenblicbe ntoralifd) garnichts an. ©S ift im ©egen* 
theit fo, als ob wir nach einer Rergegenmärtigung ber uns fremben 
Regionen bie h^imifche Sttmofphäre ber betonten Rerhältniffe bonnett 
merthnoll empfinben, als feien, mir in menfehenöber SBilbnih auf ©letfdjer« 
höhen geraefen unb fliegen nun mieber gu Xljal, mo mir bie Slnfiebetungen 
ber gteichorganifirten Sßefen polier Rehagen erblicfen unb uns in unferem 
Elemente fühlen. 

©aS Unenbticbe fleht mithin in feiner fülligen Relation gu uns. ©S 
gleicht einem ewigen genfeits, unb hier im ©ieSfeitS murgein alle unfere 
Pflichten. SluS ber Refinnung auf unfere moralifdje SBeltftellung entfieht 
jebod) ein nicht minber erhabener cpinmeiS auf bie ©otteSibee, als baS 
Durch bie räumltogeitticben UnenblidjfettSerwägungen ber galt mar. $Die 
^hatfadhe nämlich, bah mir Rernunft beft^en, bah es uns pergönnt ift, 
aus beut ©etriebe ber Söelten für uns giltige Regeln ober gbeert ber 
Söahrheit, ©üte ober (Schönheit gu oernebmen, läßt ben (Sd)tuh gu, bah 
Dies ©etriebe nicht fd)ledjterbingS btinb unb gufältig genannt merben barf, 
fonbern bie gbeale, bie mir in uns fubjeftin auSbilben, als irgenbmie im 
Reime oorhanbene Slnlagen in fidj bergen muh, i a minbeftenS bie Slnlagen 
gu unferen gbeaten, wahrfebeintieb aber weit, weit mehr, monon mir uns 
nichts träumen taffen, galfcb ift eS jebenfatls, bem Urgrunbe aller £)inge 
menfcbtiche Attribute beigulegen; benn ber Rtenfch ift nid)t baS lebte ©nbe 
ober bie lebte «fpöbe ber SBeltentroicflung, fonbern nur ein fßrobuft ber 
SÖeltPerhältniffe mie alles Slnbere, baS mir mahrneljmeu. 

®ie Rilbung ber ©otteSibee in ber ©eifteSgefd)id)te ift nid)t allein 
Deshalb ein bebeutfameS Problem, weit fid) hi er toe wunberoolle Sßoefie 
Der Rölfer ausbrütft. Uns geht bie grage noch tiefer gu bergen als anbere 
Wturgeburten ber Rtenfchheit, benn mir müffen anerfennen, bah ^ W 
hier um eine immer aftueüe (Stellungnahme gum ltnergrünblidjen btomtt. 
$3 ift ein emigeS Problem unb eine unerfc^iöpflid^e ©eifteSarbeit. Rie 
tnirb fie eingefteUt werben, wenn fie fid) aud) wobt noch in mancherlei 
neuen gönnen mirb bewegen fönnen. SBeiter reicht biefe (Sd)önt)eit als 
alles (Sonftige auf ber ©rbe. 




* 9 * 


ans £inbau in Konftanttnopei. 



$Der ©in^elne, ber ftdj folget Ueberleguttg ^ingiebt, läfet ba§ ntübe 
ßaupt halb finfen. ©r ergebt (einen Slniprud) auf ein einiges Sehen. _ 3H8 
ein aBoMtper tarnt ber ©ob ju ihm herangeritten unb mäht tfen nteber, 
roie et bie Mionen feinet Sätet bal)ingerafft l)at. Von äßeüem fteljt ttjn 
ber Sebenbe oft fdfon heraneilen. 21 m fiorijonte tarnet er auf, er reitet 
oljne Saft unb (ommt in jeber Mute näher. ÜBie halb er fein Siet er* 
reicbt, oermögen mir nicht *u fagen, benn mir roiffen nicht, mie fdiueU ober 
roie tangfani er ben Saum, Der ihn noch non uns trennt, burcpeffen 
roirb. aber er (ommt unb ertöft un§ non att’ ben Sorgen unb Stuben ■ 
bes ßebenä, auch non manchem Schönen nimmt er uns fort, beffen Oe* 
beiben mir gern noch aefeheu hätten. Ohne allen Schmers tarnt e§ nun 
einmal nicht abgehen. Iber bie 3Jtacf)t, ber mir Sehen unb Serftanb net» 
bauten, fie hat uns auch biefen Seiter gefenbet, unb fo bufen mir m# 
nertrauen, bafe e§ fo unb nicht anberS gut ift unb feine Sid)tig(eit habe, 

beffär als roir eS hätten einrid)ten tonnen. 

Solange roir leben, ift Siebe ju ben Sänften unfer S 008 unb untere 
Veftimmung. ©a§ lehrt uns bie ©rtennbarteit nuferer (leinen erfüllbaren 
Aufgaben unb pflichten in ber unerfannten Unenblipit. ©afl roir tm 
Stanbe finb, Pflichten jn tragen, Iäjst unS auf eine Drbnung in ber 
fcheinbaren gufülligfeit beS aßeltgetriebeS fpefsen. 2ln§ ber Statur unb 
uns nicht nur Safe, Stunb unb Singen, fonbern auch bie ©ebaufen, bie 
bem einigen napängen, entftanben. Unferer Vernunft entfpridjt etwas 
anher unS, baS mehr ift als Vernunft, baS roir verehren. ©er ©«ante 
an bieS VerebtungSroürbige burdjäieht bie ©eifteSgefd)id)te ber Stenfdgheit 
unb enbigt nicht mit unterem Sehen. 2Bir roerben mübe unb fchroacl), unb 
un§ naljt einmal ber erfehnte Slbenb, aber bie ©rbenarbeit blüht fort unb 
roirb neue ©eftaltungeu erfahren, ©er ©injetne jebod) finbet für 2 llte», 
roaS il)nt fterbenSroerth erfcheinen muh, einmal bas erhoffte ©nbe; benn 
bie Satnr, bie Stübigfeit erfctmf, roirb aud) ben Schlummer uns md)t 

x>erfagerr. 




Qch habe im Slnfang an bie fctjßne Sdülbermtg bes reltgiöfen ©efülgts 
in ©oetheS ©legte erinnert. Sun, ba ich ä ur ©efdüdjte beS ©otteSbegriffS 
einige Vemertungen niebergefpteßen habe, tonn bie refultirenbe Stimmung 

abermals an bie bort befpebene antlingen. 

2 ßenn eS bem Stenfdjen erlaubt roäre, irgenb einen SBunfcl) ju äußern, 
roeldjer eS fei, unb ber SBunfch füllte in Erfüllung gehen, ich glaube, ber 
SBählenbe mürbe fidj in ber flärtften Verlegenheit befinben. 2lngeftd)tS ber 
unenblichen Statur roirb er vielleicht am tiebften fpeigen unb eS ihr über* 
taffen, bie ©inge ju regieren. 

äluf eine reine ^erjenSfaffung bem ©roigen gegenüber (ommt es am 
Sie roirb burd) baS ©ebet erreicht, eine fjanbhmg, buvd) bie ber 9Jtenfch 








- gur (Sefdjt'djte bes (Sottesbcgr if f es. - 

ein SBünbnig mit feinem ©ott 51 t treten glaubt unb fid) fner ffiraft holt, 
iS ©ute 51 t tljun, unb bie SlßeiSbeit finbet, eä p crfennen. ®odj bte 
Stimmung ber Srljebung ptn ©öttlicßen ift an feinen formalen gJrojei 

: 6 unben. 

5fid)t§ ift (teilt unb nicfjtS ift grofe. Sittel ift im Sichte ber ©roigfeit 
drahtet gleidj roertlmoll ober gleidj nichtig. @§ ift fdjtiefjlid) gleidj, 
ornit mir uns 6 efd)äftigt, aber bie SIrt unb Sßeife, roie mir eS tljaten, 
nterläfjt ÜBirfungen in nuferer feelifdjen Drganifation, bie fid) fortpflanjert 
eiter, als mir beftitnmen Eömten. 

©0 fommt beim, beut unb immerbar, Stile» auf bie innere fjftfjtung 
it beut Steinen unb ©Uten in ber SBelt an. Sie §u gemimten, ift niemals 
unögtid), unb Slbergtaube ift aller ÜBaljn, baß man auf anbere äßeife 
lüd finöen fönne. ©tücE an fid) ift überhaupt ein oeräditlidjer begriff. 
t miberftrebt ber Sßürbe beS 2 Jtenfdjen. 3 n Serbinbung mit ©ubämoniS* 
itS mirb and) bie ©otteSibee neueret, bagegen fie in ben cblen etljifdjen 

'ebanfengängen bei aßilt)elm 3 Bunbt uns IjobeitSoolI anbKcft. 

H 










Der leiste Ausflug. 

(La derniere escapade.) 

Don 

$up öe jüaupaffant, 

Deutfdj t>on jfl&ap Ufaffmann. 

— Berlin. — 

I. 

(Ein großes, altes Schloß mit t^en IDänben, 

Die Stufen mac!eln, (Sras unb grünes ITioos 
IDädjft bietjt unb lang fyernor an allen <£nben 
Unb bec!t bie Kiffe, menn fie nod? fo groß. 

§mei (Efyürme t]at es, einer tragt bie rrpi^e, 

3 ebodj bes anbern fjaupt fdjeint abgefefylagen. 

Der Sturm tjat’s eines Bbenbs meggetragen, 

Dodj (Spfyeu flimmt hinauf burdj jebe Bi$e 
Unb ßängt rnie bie perriiefe eines Blten. 

Das IDaffer, bas fyerabrinnt an bem U-tynrm, 
fjat langfam bort gegraben mie ein IDurm 
Dnb ißn ber Sänge nad] breit aufgefpalten. 

(£in Baum, bidjt an ber aufgeriff’nen Illauer, 

Birgt alte, bunlle gimmer bem Befdjauer. 

Die ^enfter fetjeti ans mie tnübe klugen, 

§ur IDoßnung fdieint ber Bau Baum nod? 3 U taugen; 
3n biefem Biß, gleidj einer breiten Barbe, 

3n biefer ßäßlidjen Salpeterfarbe, 

311 biefem Dad? mit fyalbjerbrodjnen Riegeln 
Scheint gänjltdjer Derfall ftd? abjufpiegeln. 

Bingsutn beßnt fid} ein großer, bunBler Parf. 

(£r fdjläft am Sage felbft; balb leis, balb ftarf 
Die Blätter bort geheime §miefprad} tauften 
IDie an ber Biifte fanftes IDogenraufcfyen, 







































Der letzte Ausflug. Don (Sny be Ulaupaffant. 


^99 


IDettn unter’m blauen £}immcl glänjt bas Uleer. 
Ut^ähl’gc gmeigc tragen alle Bäume, 

Unb mie bie Sonne fid? and} müßt, nie mehr 
Befdjeint fte ber Ullecn ftnflre Bäume, 
fjod} rnölbcn ftdj bie IDipfet mte ein Dom, 

Die Strauber unter ihnen finb nerborrt, 

Unb ftcts ergießt fid] mobrtges Urotn, 

So mte am menfdjenleeren (Srabesort. 

Uuf ber derraffe bort, non meiner man 
Den baumumfäumten (Srasplatj fetten fann, 
(Srfdjeinen Diener jeßt unb führen leife 
gmei miihfam trippelnbe, gebeugte (Sreife. 

Sie fomtnen langfant mit unfidjren dritten 
Die morfd]en Stufen ftill t|erabgefd^ritten 
Unb taften mit ben Stöden r>or ftd? tjin. 

Sie finb fo alt, es macfeit fdjon ihr Kinn, 
mit melfer bfaut ift’s eine ^rau, ein Ulann, 

Unb man begreift nicht, baß fidj noch bas Sieben 
3n biefen trocfnen Knochen galten fann. 

3 n große £ehnftühl* läßt man fte bann niebcr, 
(Sartj frumtn gebiicft, unb Kopf unb Sjänbe beben. 
Sie heben faum bie mclfen Uttgeitliber 
Unb blidcn auf ben Boben t]in unb fd^meigeu. 

Sie benfen nichts. <£in em’ges gittern mill 
Ullein in biefem fdjmadjen £eib fid? 3 eigen. 

IDenn fte nodj leben, ift’s nur, metl fie ftill 
(Semö^nt finb, fo ju jmei’n 3 U leben fort; 

Dod? fdjon feit langem fpradjen fte fein iDort. 

II. 

Da mefyt ein marmer ^aucß mit milber Kraft. 

3m £etb ber Bäume regt ftd? frifd? ber Saft, 

Denn ihre fjäupter ftreidjelt fanft bie Sonne. 

Die IDärme fteigt empor mie UTeeresmogen, 

Unb auf ber lüiefe fommen angeflogen 
Die golbnen Schmetterlinge notier IDonne. 

(£s 3 irpt bis in bas ferne ^elb unb flingt, 

(Sin £ärm erfüllt ben meiten or^ont, 

Unb enblos feine muntern IDeifen fingt 

Das Dolf ber ^eimdjen, bas im (Sras fidj fonnt. 

Die Stcbensluft ift überall entflammt, 

Unb neu belebt burd? marmer IDittbe fächeln, 
geigt auch bas alte Sdßoß ein fteinern Säbeln, 
Das aus ben längft nerfloffnett geiten ftammt. 

Die Ulten bliden auf, 3 mar fchmadj unb matt, 

Doch ttidjt mehr regungslos, bas Sonnertbab 




200 


ITTaj bjofftnann in Berlin. 


Bringt in bie biirren (Sliebcr etwas £cben. 

Die falten £ungen trinfen Sonnenglut; 

3hr (Seift, ber bumpf fd?on wie im Schlaf geruht, 

£aufd}t auf bie Stimmen, bic fie rings umfcfyweben. 

Huf ihren Stocf geftüßt fel^n fie fid} an. 

§ur alten ^reunbin wende t ftd? ber IHann 

Unb fagt: „Schön ift es fieutl" mit tniibem Blicf. 

Sie giebt ben mübeti Blicf mühfam jurücf, 

Sdjaut in bie ^erne, bann 3ur (Erbe nieber 
Unb fpridjt: „Die fdjönen (Tage feeren wieber." 

Die Stimmen flingen biinn wie bie r?on Riegen! — 

Sie füllen ienjluft um bic Stirn fid? wiegen 
Unb finb r»erwirrt; ber Duft nom frifdjen IDalb, 

Der manchmal ftromgleich fommt, heraufdjt fie fo, 

IDie alter IDein 3um Kopf fteigt mit (Sernalt. 

Sie wiegen ihre päuptcr leicht unb froh- 
(Ein friifyrer §aubert]aud? webt aus ber £uft. 

Unb er, mit leichtem Schlurften plö^lidj ruft: 

M U)ie b^wfe war's roll Duft unb Sonnenfcbein 
3m IDalb bei unfrem erften Steübtcheinl" 

Sie fdjweigcn wieber. lUelancholifch benfen 
Sie an bie weit entfernte 3 u 9 ert ‘ :) 3eit, 

So wie 3wei Schiffe ftets 3um trafen lenfen, 

Durchfuhren fie bas UTeer auch noch fo weit. 

(Er brauf: „IDie lang’ ift’s h e ^ ?eh*t nicht wieber 

Unb unfre Steinbanf, brauf wir faßen nieber?" 

Da ift’s, als ob bie ^rau nor ^reube bebt, 

„U?ir wollen bingebn!" fpridjt fie, unb belebt 
Stehn Beibe auf unb wacfeln mit ben Köpfen. 

(Ein fonberbares paar, fo biinn unb fahl! 

3 tn alten 3 agbwams er mit golbneit Knöpfen, 

Sie im üerfdjoffnen, buntgeblümten Sbawl! 

in. 

Sie fpäb’n, ob nicht bie Diener fie crblicfen, 

Unb finb mit ihrem frummgebognen Kiicfen 
Befd^ämt, fo alt 311 fein, wo Ulles h^ter. 

Sie faffen fid? wie Kinber an ber fjattb 
Unb fdjreiten auf bem breiten IDeg im Sanb. 

Sie fchwanfen wie 3wei drunf’ne Iangfam weiter 
Unb ftoßen oft fid? mit ben Schultern an; 

Unfidjer unb im §ic?5acf gebt ihr Schritt, 

Die Stöcfe, bie bie £}attb nod? h a deu fann, 

Sic ftampfen wie 3wei Stegen feitwärts mit. 

Ku^atbmig fommen fadjt fie in bie Hab’ 

Des parfs unb auf bie große fjauptallee. 





- Der letzte Ausflug. Don (Suy be IHaupaffant. - 20f 

Dor ifynen manbelt bie Dergangenfyeit: 

Uls ob fte auf bem feudjten IDeg crbltcften 
Die Spuren nod}, bie ifyre ^füße briicFten, 

IDemt fte in ifyrer Siebe i frül}lings3eit 
Sidj Sag für Sag bafelbft getroffen Ratten. 

Die breiten Ulmen unb bie rief’gctt Sieben, 

Un benen minjig fie t>ortiberfdjleid}en, 

Umhüllen fie mit ifyrcm em’gen Schatten. 

Unb mie man blättert eines Bucfyes Seiten: 

„pier mar es," fpridjt er, unb fie fagt; „3a bal" 

„Küßt’ icfy Dir nicfyt bie pänbe bort?" — „0 ja!" 

„Unb bort ben ITTunb?" — „ 3 a bort!" — Unb fo begleiten 
Sie "Küffe ofyne auf ifyrent (Sang, 

IDie Kreuje einen pilgermeg entlang. 

Sie rufen fiefy bie fdjöne §eit 3urücf, 

Den Räuber, ber bie fje^en tjielt gefangen, 

Uls fie, beraufdjt com fußen £iebesglü<f, 

Sidj Uug’ in 21 uge ladjelnb feft umfdjlangen 
Unb ftumm, im Bufen munberbares Klingen, 

Uuf biefem felbett IDege einftens gingen! 

IY. 

Sie fefy’n bie Uioosbant jet^t, mie fie fo alt. 

„Da ift fie!" rufen fte unb fetten fidj. 

Unb burdj Erinnerung erhellt ftdj halb 
Die ^mfterntg, bie fd?mär3licfy fie umfdjliefy. 

Unb jtefye ba! Durdj bas feudjte (Sras fyeran, 

IDot}! tjunbertjäfyrig eine Kröte fcfyleidjt, 

Ulit ifyrem ungefdjicften Kriechen gleicht 
Sie einem Kinb, bas nodj nid}t gelten famt. 

Ein fyeft’ges Sdjlud^en ba erfdjiittert Beibe: 

Sie ift’sl Die erfte §eugin ifyrer Eibe, 

Die fie fid? fdjmurett, bie fie treu gehalten! 

Unb fie fennt auefy gar mot]I bie beiben Ulten; 

Sie fyält ftill an, als mollte fie fie grüßen, 

Bläfjt ifyren £eib, fcfyaut fie großäugig an, 

Unb an ber melden £iebesleute ^füßen 
Heibt fie gemädjlidj ifyren Körper bann. 

Ste meinen, plö^lidj tönt etn Dogeifang 
3 m tiefen IDalb. 3 f* ^as berfclbe nidjt, 

Der einft, t>or ad}t3tg 3 a fy ren liier ertlang? 

Ein milber Kaufet) 3U itjnen Bal}n ftd? bricht, 

Uus fernften Sagen fommt's fyerangefdjmommen, 

So mie bie tDellen eines Stromes fommen: 

3 l]r gan3es £eben, all ifyr (Sliicf, bie £uft. 

Die Kädjte, mo fie ruhten Bruft an Bruft, 

’lorb unb ©üb. IC. 29G. 


14 










202 


ITtas fjoffmauii tu Berlin* 


Das liebliche €rtnad}cn bann am morgen, 

Unb abenbs ber Spa3tergang in betn Sdjatten, 

IDo lT>ol]lgerüd]e alle Bäume Ratten, 

Wo fte fid] fügten cnblos, o^ne Sorgen! . . . 

Da weljt in if]re Kolben (Träume iiub 
Durd] bie Kllcc ein 3arter ^rütjlingswinb 
Doll Duft unb trifft bie Tje^en mit (Sewalt, 

€r bringt bie 3ugenbfraft derart nom IDalb, 

Unb tobte Blühen treiben itjre Tjer^en. 

Sie füllen faft ber Siebe X^eige Sdjmer3en, 

Unb menn aud] §äub’ unb Körper jittern muffen, 

Sie fd^aidn fid] an, als wollten fie fid] fiiffen! 

Dod] ftatt ber flarett Stirn, bem Sdjmel3 ber 3 u 9 en ^ 

Die fie, mit geift'gem Kuge riicfwärts lugenb, 

Soeben fal]n, bie it]re IDiinfdje wecften, 

SeVn fie 3inei alte, fdjeußlidje (Srimaffen, 

Uls fie fid] lädjelnb bei ben ftänben faffen! 

Da fd]ließcn fie, weil fie fid] fät] erfdjrecften, 

Die Kugen, unb es iiberfommt fte bann 
Die dobesfurd]t! . . . 

— „Komm weg!" fagt ba ber ITlann. 
Dod] Törmen fie fid] nid]t ergeben, feft 
Sinb fie bort auf bie falte Banf gepreßt; 

Sie fiird]ten ftdj, fo alt, fo fd]wadj, allein. 

Die Körper regungslos, finb wie von Stein, 

Unb als fte enblid] aufgeftanben finb, 

Da treibt es fte non biefem (Drt gefdjwinb. 

5ie äd]3en ängftlid], itjre frummen Bilden 
jX>i!l ^roft non oben langlam nicbcrbriicfett, 

Sie fticfen faft in biefer eifgen Suft, 
mit ber bie T^audje ber Berwcfuttg 3iet]en 
Seit t]unbert 3at)ren, wie aus einer (Sruft. 

Unb all 5 bie längft geftorbnen poefieen, 

Sie miiffen laftenb auf bas ^er'3 fid] legen, 

So baß fie taumelnb normärts ftd] bewegen. 

Y. 

Die ^rau finft l]in wie ein gefnicftes Boljr. 

(£r glaubt, baß fie nur etwas mübe fei, 

Unb l]offt, baß fie fid] wieber l]ebt empor. 

Dod] 3ittcrt fte beftänbig. Unb habet 
Erfaßt gan3 plö^lid] iX]n ein jäl]cr Sd]recf; 

(Er neigt fid] müt]fam, um fte auf3ul]ebctt, 

(Er quält fid] ab, unb feine fjänbe beben. 

3 l]r welfer Körper riibrt fid] nidjt nom ^led. 




203 


Der letzte Ausflug. Don (Suy be tUaupaffant. 

(Er ftctjt, fie liegt im Sterben, fte erfticft, 

Bad? f^ilfe fucgt er, als er bas erb lieft, 

Unb trippelt mciter ängftlid? unb ncrmirrt. 

Unb gan3 allein, fein Stocf tappt nebenher, 

< 5 efyt er giergin unb bortgin, freu3 unb quer, 

Bis gätf er auf bem IDege ftd? nerirrt. 

(Er guftet raffelnb, atgrnet fd?mer unb bumpf, 

Unb macfelnb fd?mattft er auf ben Minnen Beinen, 

Dag feine (füge faft 3U tariert fcgeinen. 

(Er flögt ftd] aud? an manchem alten Stumpf; 

Die Bäume fcgeinen luftig ftd? 3U mad?ett 
llnb merfen ign ftd? 311 mit leifem £ad?ett 
Unb freu’n ftd? über biefen Cobesframpf. 

Unb er iierftegt: Das ift ber legte Kampf! 

IDte beim (Ertrinfenbett fo leis entringt 

Sid? feiner Bruft ein Scgrei, ber gleid? nerflingt, 

Unb feuf3ettb fallt er niebcr aufs (Seficgt. 

(Er gort nod? irgenbmo, fcgon fiegt er nicgt, 

Das uttgeilnolle Kräd?3en eines Baben 
Unb eine (Slocfe, bie fcgrill tönenb ruft, 

Unb bann ift’s ftill, bie bicgten Scgatten gaben 
Uuf Beibe ftd? gefenft mie eine (Sruft. 

YI. 

Sie bleiben bort. Der dag erlifd?t. Die Scgauer 
Der Bad?t umgüllen fie mit igrer (Trauer. 

Sie bleiben bort, gefcgüttelt nod? rom lieber, 

So min3ig mie 3mei bürre Blättergaufen, 

Dag Uland?er acgtlos mürb 1 noriiberlaufett. 

Die dgtere gegen ftaunenb b’ran vorüber, 

Unb mancgmal fommt igr rug’ger (Sang in’s Stocfen, 
lüenn fte bort ginfeg’n furd?tfam unb erfcgrocfen; 

Dod? Knb’re eilen über fte gimueg, 

Unb fcgletm’ge Scgnecfen rnäglen fie als Steq, 

3nfeften tommen an, bie fte befüglen, 

3 « tobten Körpern glauben fie 3U müglen. 

(Ein Baufegen aber läuft burd? bie Ulleen, 

(Ein Begenftrom mtll burd? bie Blätter gegen 
Unb mug 31m (Erbe praffelnb nieberfaufen, 

Unb auf bie beibett (Sreife, bie nod? 3ittern, 

Strömt es bie gan3e Bad?t mit milbem Braufen. 

Unb als bann ginter rof’gen IDolteugittern 
Der dag fam, fanb man unterm naffen £attb, 

3 n igre feud?ten Kleiber eingeballt, 

§n?ei Heine Körper, leblos, ftarr unb falt, 

IDie 3mci (Ertruntne, bie bes llleeres Baub. 


14* 






Heues t>on (ßuftau ßüfyne. 

Hon 

Cttrjen 3!falam. 


— Berlin. — 


22. 2Ipril 1888 ftarfe in ®reSben ®uftau Äütme, ber tefetc 
Jener ®id)tergruppe, roeldje nufere ©roheitern einft baS „3unge 
______ $eutfä)lanb" nannten, 2tlS ich ben liebenStoürbigen ®«&ter» 

grei§ ein paar Qaiire norber fenneit [ernte, — es tnar auf feinem art- 



IjlClV lUl pwv vvvv/w - , 

mutigen ©ommerfife £oftermib an ber ©Ibe, bort roo audj einft SBeber 
an ber nolfStbümlidiften beutfdien Oper, bem „fjreifdjüfe", gearbeitet, — 
mar Kühne bereits burd) einen leichten @d)laganfatt, ber ben ®id)ter in 
feinem 77. SebenSjabre getroffen batte, jur geiftigen Untbätigfeit gelungen. 
Körperlich mar ber ©reis noch nottfommen rüftig, aber ber ©d)lag batte 
fein ©ebirn.tbettroeife berührt, ©ein Seift tonnte nidjts mehr Herausgaben 
bie einft fo fdiarfe ®enffraft mar nöttig abgenutzt. ®ie _ geifiige Stuf* 
nabmefäbigfeit batte nicht nottfommen gelitten, ©r fannte nicht nur ferne 
ftänbige Umgebung, fonbern auch bie roeitere Sefanntfchaft beS gaftfreien 
ijaufcS blieb ihm nertraut. Sei ben mufifalifcfpäftbetifdjen ®beeS, burd) 
loeicfje be§ ®id)terS an ©eift ihm fo nabe ftebenbe ©attin bie geiftige 
unb fünfilerifdje ©lite ®reSbenS in ihrem £aufe ju nereinen muhte, be< 
berrfd)te ber ßebenSwürbige alte £err fo nottfommen baS ©d)lad)tfelb beS 
Salons, begrüßte jeben ©aft mit freunblidjer Slufmerffamfeit, bie ©amen 
jumal mit jugenbltdjer 9iitterlid)feit, banfte mit berslidser fiöfßdjfeit benen, 
bie burd) ihre fünftlerifd>e SßirJfainfeit ben Slbenb uerfdwnten, unb bewegte 
fich fo nottfommen ficher in biefent ihm freilich burd) langjährige ©emol)tu 
beit fet)r nertraut geworbenen 3laf)men, bafs bem greraben auch nicht W 
entfernteren ber ©ebanfe auffommen fonnte, bah er einem ®eifteSfd)wacben| 

gegenüberftefye. 



















üeiies ton ®uftac Küfirte. 


205 


greitiä) war bie3 nur möglidh, weit ber greife dichter an gäben ge¬ 
leitet würbe, bie bem gremben unfidjtbar blieben, gäben, weldje bie ©attin 
beS S)idfjter3 in ben gänben biett nnb mit bem ganzen gart* unb XatU 
gefübt einer feinfinnigen grau fo fidjer führte, baß ber — fagen wir — 
„Trante" nidjt au£ ber Me falten fonnte, bie ibm non feiner ©attin 
auferlegt war, bamit er and) weiter noch fd^eine, wa§ er norbem wirtlich 
war, ja in befonberem Maße gewefen fein muß, ber Pfleger einer nor* 
nehmen geiftigen ©efelligfeit, ber anregenbe Mittelpunft em§> fidf) für alles 
Schöne begeifternben Streifes. 

S)ie gan§e nornehme Stnmuth feiner ^erföntidhfeit warb einem er= 
;tärtid) burd; ben breiten Staunt, ben in StütmeS Sehen bie fo lehrreiche 
,/Schute ber grauen" einnahm. Mit nieten ebten grauen feiner Seit 
ftanb Stühne im innigen perföntidhen wie fcbrifttichen $ertehr, unb non 
oiefen würbe er wohl geliebt unb angeföwärmt, er, ben Slmalie Sötte einft 
el)r treffenb einen „paffinen ‘Son guan" nannte. 

®en gößepuntt feinet litterarifchen 2BirtenS bilbete bie Seit feinet 
?eipjiger Aufenthaltes, bie Seit, ba er bie „geitung für bie elegante Mett" 
•ebigirte, bie nädhft bem ©ottaifchen Morgenblatte baS widhtigfte bellen 
riftifche gournal ber breiiger gahre war unb ftdfj im ©egenfaß ju biefem 
rnrdj eine norurtheilsfreie Stritit niete greunbe machte. Mas biefeS Statt 
•efonberS auS^eidjuete unb ihm in ber Sitteraturgefcßichtc eine banernbe 
■3ebeutung nerleiht, ift ber Umftanb, baß Stülpte bnrd) bie „geitung für 
)ie elegante Melt" pnt litterarifchen gerbergSnater jener hemorragenben 
talente würbe, bie, wie Start Sed, burdh baS Metternich’fdhe Spftem aus 
Defterreich nnb Ungarn nertrieben würben. 

Sn Seip^ig bilbete bantalS, in ben breifeiger unb weniger gahren, baS 
>auS ber grau gartorfcAberS ben glänjenben gefettigen Mittetpuntt beS 
tterarifchen Sebent, unb in ber anmutigen dichte biefer geiftreichen grau, 
ie bem jungen dichter eine aufrichtige mütterliche greunbin unb geiftige 
3erati)erin würbe, in genriette gartort fanb ©uftan Stüßne bie ©efährtiu 
ür ba$ Sehen, eine wahrhafte, wirtliche ©efährtiu beS ©idfjterS, eine Mit* 
Leiterin bis in’S hohe Alter Ipttein, bie ihm nicht nur in früheren gahren, 
)emt bie Verleger brängten, eine nnermüblidhe, fteifeige Abfdjreiberin war, 
onbern fpäter bann §ur geiftigen Mitarbeiterin beS Richters h^anreifte 
nb felbft fdhriftfteüerifdh ttjätig würbe, auch auf bem ©ebiete ber prattifchen 
rauenoereinSthätigteit in SDreSben eine fegenSreidfje nnb weithin bemerk 
are Mirtfamteit entwidelte, ohne babei nur im ©eringften bie ^Pflichten 
1 nernadjläffigen, welche baS burdh ihre ©aftfreiheit recht tompli^irte gauS^ 
»efen iljr auferlegten. 

grau genriette Stühne=gartort flammte aus bem bekannten weftfäli^ 
)en ©efdhledjt, beffen einzelne ©lieber fidi in ihrer geintat, wie in Seip^ig 
tb Serlin burdh ih?e inbuftrieüe, wie auch parlamentarische ^hätigfeit 
dannt gemacht haben. gljr Sater, ©buarb garfort, war einer ber 




206 


(£ugen 3f°iani in Berlin. 


jüngeren biefer verbienftvollen trüber fiarfort. ©r mar als ©eometer im 
Auftrag einer engliften ©efellftaft, melte ©garten miften heb, nach 
Mexico gegangen, unb liier mürbe ber junge beutfte ©etniter, ber ttod^ 
jung in ber §eimat fid) verheiratet hatte, in bie politiften Kämpfe hinein* 
gezogen. Slls Oberft tämpfte er für bie Unabhängigkeit SJtepifoS von 
Spanien fdpnaditete fogar eine Qtii lang für biefe Qbeale in mepifaniften 
©efängniffen unb ftarb frühzeitig als ein Opfer feiner Sprengungen unb 
be§ Klimas. ©eine Tochter aber h ß tte bei ber ©ante in Leipzig eine 
«öeimftätte gefunben, unb hier führte fie ©uftav Slühne als ©attin heim. 

ich grau £ül)ne kennen lernte, ftanb fie in ber dritte ber fetziger 
gahre unb war in ber ©rfteinung eine behäbige ©ante mit rounberbar 
anmutigen (25eficb)t§§ügert r bie mehr bie §erzenSgüte ber vortrefflichen graU 
iviberfpiegelten, als ihre außerorbentlid)en geiftigen Fähigkeiten, bie ne in 
vielfeitiger SBeife, bodi in ed)t meibliter, zurüdhaltenber 3lrt befunbete. 
0 ie bilettirte in allen fünften, bot tiid^t, um nat ber geroöhnliten 2lrt 
ber Dilettanten mit ihren vielfaten ©aben zu prunien, fonbern nur zur 
pflege ber ©efeüigfeit, jur Verftönerung beS eigenen £eimS, baS fie mit 
VorträtS en relief unb in Oel auSftntüdte. Slot a tS Siebzigerin fab 
ich bie geiftig beraegtite ©ame bei einem ihrer gefelligen Slbenbe barftellerift 


3t h<*k e baS Sßefen biefer feltenen grau l)iex auSführtit geftübert, 
meii ein paar ber ©ebid)te kühnes, bie it hier mittheilen tritt, an bie 
©attin gerittet finb. Stile bie hier fotgenben ihrem 3«halt nnb ihrer ©nt* 
fteliung nad) fehr verftiebenen f^oefien MpieS, bie fämmtlit bisher um 
aebrudt geblieben finb, finb mir von ber ©otter beS ©itterS, grau ©bgar 
Vierfon in ©reSben, freunbtitft tnit ber ©rtaubniß ber SberöffentticEiurig 
mr Verfügung geftellt ivorbeu. ©aß biefe bisher unterblieben mar, bafür 
mögen bie ©rünbe ebenfalls verftieben fein, ©er Hauptgrund bei ben 
meiften biefer ©ittungen mar mol)l ber UebenSmürbig vermittelnbe, friefc 
fertig, verföhnlite ©ßarafterzug kühnes, ber fid; naturgemäß im höheren 
Sitter mehr unb mehr auSbilbete. ©r motte mot)t feiner inneren Weber-; 
Beugung in kräftigen Porten ober in feiner humorvoller ©atire für fid) 
Stusbrud geben, ohne aber burt Veröffentlichung fotter Sleußermtgeu verleben 
* u motten, ©ieS ift fiter bie Urfate, baß bie Epigramme auf mm 
unb Saube ungebrudt blieben. Vad)bem mehr als ein Sahrzehnt m 
feinem ©obe verfloffen, mirb man faum zu irgenbmetten Vüdßtten m 
biefer Vezießnug verpflid)tet fein. Stnbere biefer ©ebitte trugen tmeber 
einen zu intimen ober aktuellen ©ßarafter, um fie fpäter in einer Sammlung 
aufzunehmen; baS eine ober anbere motte moht and) not ber lebten. get e. 
vom ©itter für mürbig gehalten merben, ber nitt peinlit 9 e uug tmmer 
tvieber an feinen ©ittungen verbeffern ionnte. . 

gntereffante Beiträge zur ©harafteriftif beS ©itterS ber ,,W#' 
novetteu" unb ber „Dmarautaine im grrenßaufe bietet aber jebe^> w ^ 








- Heues non (5 u ft an Küptte. - 207 

üebid)te, unb mau rnlrb bet feinem bie SBeröffentlidjurtg bereuen, ba gerabe 
oie S3ielfeitigfeit biefer fl einen SluMefe, raeldje SiebeSfteb, Epigramme, 
Öaßabe, Satire 2 c. vereinigt, in fleinem diahmen bie ganje 23ebeutmtg beg 
j&jriferg $üf)ne bartfjut, ber, obmoljl niete feiner <23ebid^te non namhaften 
lomponiften nertont mürben, als fold)er niel ju menig befaunt ge« 
uorben ift. 

2 )ie einzelnen ©ebidjte bieten menig Maß 51 t Sfnmerfungen. Qd; 
»eginne mit Sßerfen, bie ber ©attin gemiDmet finb: 

(551etd) urtb (Sietdß. 

SQSir haben ung fo unfägltch lieb, 

28et( mir fo unfäglidj üerfdjieben, 

Semt mären mir gleich, Sn mein ^erjjengbteb, 

2Btr hätten ung einig gemieben. 

Sie fagert, baß ©(eich unb ©leid) ftdj gefeüt 
3nt Seben, fo loie im Sieben. 

2Bie eitel! 28er fid) felbft gefäüt, 

S)er fifd)t gemiß im Srübett. 

- 

28är|t Su tnie ich unb ich toie 3)u, 
fftie hält’ tdj um Siete gemorben. 

3d) mär’ fd)on längft, gieb Sid) gur 3iul), 

2$or Sangermeile geftorben. 

5lnclj bie folgenben 23erfe, bie auf einer italienifcßen dieife 1868 en U 
tauben finb, finb augenfdjeinlid; an bie (Sattln gerietet, ba fie bag Saturn 
l)re^ ©eburtstageg tragen: 

23raun unb blonb. 

,3um 18. 2ioü. 1868. 

3n fKom. 

I. 

Ser gornaritta bnnfle ©lutbgeftalt, 

Sie tonnte tief mein tieffteg ^er§ berühren. 

Ser 2Biberftanb erlahmt, ba hilft fein lehren, 

Selbft fftaffael erlag oor ber ©ematt. 

3hr 23licf ift ruhig, bod) fie fcheint nur falt. 

Ser 2letna fchmeigt, unb hoch, tnie (ang mirö’g mähren? 

28tr fühlen fdjon fein Äodjen unb fein ©ähren, 

Unb menit er aitSbric^t, fehlt ung aller £>alt. 

Sie fchmar^gelocfte 23euug glüht in flammen, 

Sie einen 28e(tenbranb in ung entgünben, 

28ir Iobern auf unb ftnfen rafch in Staub; 

Seg ©rbbaüg Säuren brechen jäh gufammen: 

28er mill Oor btefer Saoa Rettung finben! 

Sein gangcg Sein mirb eineg Sämong fftaub. 

II. 

2ln ©luth, an Umflurs unb an bunflen Dualen 
§aft Sn genug fchon in ber eignen 23ruft. 

Srurn fud)’ ein ©tmag, bag Sir fttU’re Suft 
Urtb 23alfam fpenbet Seinen 28unbentnafjlen! 




208 


(Eugen 3f°i an i Berlin. 


23er ©lutl) fiit)It, fud)e fühle SJtonbegftrahlen, 

©ie fanft beglüdenb, frteblid) unbemufet, 

Stur nedifd) fptelenb, palb in SHnberluft, 

@td) Stacht» im 6 piegelbilb beg 0eeeg malen. 

3 ur blonben SSenug muft ich reuig fehren, 

0 elbft menn fie Sttiene macht, mid) absumehren, 

Unb fpröbe oft genug ©ianen gleidjt. 

SSulcan jucht eine ©öttin, bie oerid)miegen 
©em frtfdjen 0 d)aum ber SJteeregflutl) entftiegen, 

©ie ©luthen fühlenb ihm bie 53atme reicht. 

©ie nadjfotgenben fdjer$aften Meinte erhalten 2 £ertlj burd) bert, an 
beit fie gerietet würben. (Sie galten bent bebentenben Staturforfdjer Sdjleiben, 
ber, nadjbem er in Qena nnb Dorpat atg 5|3rofeffor ber 58otani! unb Slntljropos 
logie genürft, fid) 1866 in ©regben gur 9tuhe fefete, fpäter aber nach) 
2 Bie 3 baben nerjog unb bort 1881 nerftarb. Qn ©regben ^ielt er innige 
greint bfdjaft mit bent JMjne’fdien ©fyepaare, nnb §u bem erften ©eburtg? 
tage, ben Scheiben fur§ nor beginn beg beutf$=öfterreid)if$en ^riegeg in 
©regben feierte, fanbte ib)nt Online bie folgeitben launigen 58erfe, woljl mit 
felbft in feinem Sanbljaufe tpoftermip erzeugtem Sßeine: 

21 it 0 dpi eiben sum 5. Slprtl 1866. 

©in Sieb 31 t fingen in hebrangter friegerifdjer geit. 

Safet ung greifen 31 t ben Äffen, 

Stad) bem gieper, nach bem ©lag! 

581ut fdff fließen? 3 «/ Wir fefjaffert 
581ut im igoftermifeer Stofe. 

Stehenblut im neuen 58ed)er 
äßeib’n mir ein gum alten 58unb: 

Sehe hoch, ©eburtgtag§j$ed)er, 

0 d)leiben £>od) mit §erj unb SJtunb! 

©eutfeher 58uttb, ein 58unb oon ÜSrübern, 

Stebenfaft bag einige 581ut! 
geiern mir’g in frifdjen Siebern, 

©rtnfen brauf mit frifdjem SStutfe. 

gort bag ©roh’n ber ^Bajonette: 
griebengarbeit ift bag Soog. 

©enn mag brau’n ung ©abinette? 

©abinettgmein: bag mar’ grofe! 

©od) ung füllt ben neuen 58ed)er 
Stafe, aug Slrmutf) felbft erzeugt: 

Sehe brum ber gute 3e$er, 

©er frifdj, fröbüd), ungebeugt. 

©inen gemiffen litterarifdjen 3Sertt) wirb man ben nad)folgenben beibeit 
©pigrantmen itidjt abfpredjen fönneu, welche bie Stellung illuftriren, bte 
$üfjne 51 t feinen ©enoffen nont „jungen ©eutfdjlanb" entnahm: 




209 


Heues non (Suftan Küfjne. 


Saube. 

3dj fjielt e§ erft mit ber anttfen Siebe, 

Sog icf) ben Safjn’fc&en Wo ct and) an. 

3e&t halt’ id) fteif itnb feft am lodern ©crtbe, 
Sie „beutfdje Bobe" l)äng’ id) brum itnb kalt. 

© it 6 f o m. 

Sie freie treffe, ei, bie laß’ id) gelten, 

3d) unterfdjreibe mittig ©u’r ©efud). 

Sod) meine ©tüdd lafc’ id) brum nid)t fd)eiten, 
©onft %lnd) ber freien Sreffe, $lud)! 

Äffgemeinerctt Spalts ftnb bie folgenben ©ebicfjte: 

Ba§ Siebe f et ? 

2Bie mannigfaltig ift ber Siebe Balten, 

Oft ftitt begnügt, oft beife unb milb, 

Banbelttb in meierfei ©eftafteu, 

Becbfefttb iljr Bttlifc ernft unb milb. 

Oft ift’3 al3 menn bie Slbeitbmolfen träufeln 
3n lefcter ©omtenftrablen ©olb, 

Oft mie bet lauer Binbe ©äufeln 
Ser tttegen träufelt ftitt unb bolb. 

Sod) oft al» memt fid) Sbtere milb bedingen, 
toenn fid) §afj in Siebe mi[d)t, 

Bie Bogeit ted gen Fimmel bringen 
Unb zornig merfeit ©d)aunt unb ©ifdjt. 

^alb ift’ö mie menn Sepbbr’ um Doofen gauteln, 
Salb mie bie Botte raufd)t unb gieftt, 

Bie 5?äfer fid) im ^eldje fdjaufelu, 

Salb mie memt ©turrnminb Reifen tüfet. 

©turmbogelg 3ittidj — taubett 3 art ©efieber — 

Unb mie Sein Bfjern fteigt unb fällt, 

©leid) 3ttutt) unb ©bbe auf unb nieber — 

Sieb’ ift ber q3ul§fd^rag biefer Bett. 

Sachen uttb Beineu. 

Su ladjft? O benfe, mie gu ©itetfeiteu 
3ebmebe§ Sing in nid)t§ berfiuft! 

Sebent, mie in ber ©cböpfmtg Beiten 
Ser ©cbmers bie Kreatur bedingt. 

Ser ^inberfpiele muntern Zeigen 
Soft ab ber Sob, ber ttteft ift ©djmeigett. 

©iefe in Sein ladjenb §erg ben Bermutbkranf, 

Ser neben Sir ben Sranernben burd)brattg! 

Su meiit|t! Unb meifet nicht, baß im Sobe§fd)tner 3 
_©en Fimmel fteigt Sein gnte§ £er$? 

©«ttft Sieb, betäubt bott ©ram unb Seib, 

Sief in ein buuffe§ Srauertleib? 





2\0 


«Sucjctt 3folant in Berlin. 

2lud) ber £immel meint, bod) l)od) gezogen 
mibt fid) ber §reube Regenbogen. 

So fteigt an§ tiefftem ^ergenSleib 
Rud) Sir bie Hoffnung bod) nnb meit. 

5)a§ ift bie Siegepalme, bie Sid) frönt: 

tad)[t in Xbrcinen, — bann ift ©ott perfopt. 

%x ber Urjcfmft biefeS am 10. gebruar 1865 eutftanbenen ©ebi$te^ 
befinbet fic£) nod) für bie britte Seite beweiben eine Variante, bte Rufjne! 
in klammern beigefügt (jat, oljne bie obige gapng ju mroerfen. 3n 
biefer attberert gaffmtij ^ er 

w itnb mie in alter Schöpfung Seiten." 

Rur Rtutt). M 

(3m falten ^rütjling.) 

®ie SSinterfiürme ritt)’u nod) nid)t, 

£od) Xäfet bie 2erd)e fid) nicfjt ftören, 

Sie benft, ba fei e§ boppett Rflid)t, 

Sie muf$ ben Sens beraufbefdpören. 

Riet beffer fo, at3 loeuu fie fdpeigt! 

2BiU mit ©efang fid) aufmärtö fdpingen 
ltnb trillert fät Por f^roft oietteidjt, 

Sid) bod) ben Fimmel p eramingen. 

Somm, [title Radjt! 
totm, Sr oft ber ÜEßett, Su ftitte Rad)t, 

S)ie uu§ am ©nb’ bod) gtüdlid) tnadjtl 
Sie löft ben £aber nnb ben Streit 
Ron nun au bi§ in ©migfeit. 

Leiter Sinn nnb enge§ Seben. 

©ng nnb fparfam eingefdjtoffen 
SSinbet fid) ba§ Seben l)in, _ 

©rbe mirb faum f)alb genoffeu, 

£alb nnb <gatb ift fdjon ©eminn. 

Rrmer (Seift mit Seinen 3’tügetu 
Sd)lagft Sn au bie enge SSanb, 

Strebft fjinauf au Sonueut)ügetu 
3n be§ RMtallS meite§ £anb. 

Sdpeifft Pom Rorbeu bi§ $uv\ Süben, 

3ebe 3Utr burd)miffeft Sn, 

3a, bie Söett ift Sir befd)ieben 
©mig, SSanbrer, manbre p. 

Rber in be§ SafeinS Sdjranfe 
$et)re frot) nnb mittig ein, 

©mig meit ift ber ©ebanfe, 

Unb Sein Sieben eng nnb Kein. 








- Heues üon (Suftao Külpte. —- 2 \\ 

SDZiffeft Su Sein arnte§ Safetn 
3ftit be§ (Seiftet SSeltreoier, 

2Bet)e! ©oll Sir SSaljufimt nal) fetu! 

<yliel)e 2 tafd): l)ier liegt er, l)ier., u j 

®ie 3IuSit)al;( an 9Jomanjen, SMaben, Satiren unb anberen er= 
i^tenben ©ebidjten aus beit ungebrueften Sd)ä( 5 en MjtteS mar ant reid> 
aitigften. $d) tEteite fie otjne dtaubbemerfuug in bunter gotge mit, ift 
odj bort, roo bie Satire auf 3eit= ©reigniffe unb Stimmungen anfaielt, 
iefe älnfpielung teiefit 311 finben. 

S)er 3 imntergefeil. 

9?ad) einem alten 2 Mtbliebe. 

©§ toar einmal ein gintmergefeH, 

©in jung frifd) prächtig perg; 

®er baut’ bem alten 9Jlarfgrafen ein paug, 

2 ) a§ braefü’ iljrn parat mtb ©cbmer^. 

©oloie ba§ pau§ p ©tanbe toar, 

SSiel ljunbert Klafter tief, 

S)a toarb er müb’ unb legt fid) bin, 

®er 3 imntergefell unb fcplief. 

3) ie $rau ERarfgräfin fam unb fefjant* 

®en 3 itnmerg , feEu pr ©tunb’; 

8 ie biieft fid) über ilp f)iit nnb fprarf): 

„pier füj 3 mid) auf ben $tunb! 

,, 2 ld) nein, ad) nein, $rau üDtarfgräfin, 

®a§ bradjf un§ 23eiben ©djanb’l — 

©r tuebrte ftep, er fträubte fid) 

Unb füfst ibr g’fdjetb bie panb. 

®od) tote fie nun beifamnten toar’n; 

©ie meinten, fie toär’n allein, — 

3)er 3 twnterg’fell faftt fid) ein per§ 

Unb füf$t ibr bie Sippen fein. 

,, 2 ld), mein perr ÜÖtarfgraf!" fdjreit ber 33 ub’; 

£er peimlid) ba§ gefd)aut: 

„Sa§ Sounenoeiter foll iptr poTu! 

^iafd) einen ©algeit gebaut!" 

Xev ©algen fiuub. Ser Uftarfgraf rief 
3 u feinen Faunen aE’n: 

„Unb bat er nicht ben Sob berbient?" 

@prad) er p feht’n SafaE’tt. 

Sod) tüte fie nun bie $rau ©räfitt fab’it, 

60 fdpeetoeif), jung unb fein, 

Sa fpradjett fie, ba riefen fie: 

„perr 2 ttarfgraf, paltet ein! 




2\2 


- (Eugen 3f°l a ni in 23 ßr lin. - 

Oer 3immerg*felf, ber büfet beit £ob, 

Söeil er ihr lüftf’ ben SDtunb. 

£err SJtarfgraf, fd)aut bie Sippen roth: 

SBir thäten'3 Sill gur Stunb’1" 

®a ftufct ber SJtarfgraf fefjr unb fprad): 

„SSir tüott’n if)u (eben tan, 

SBeil deiner unter un§ Sitten t)ier, 

Oer ba§ nit auch gehont" 

$raftifd)eg ©hriftenthum. 

@in Oieb, ber gab ntdjt lieber t)erau§, 

SSa§ er bie Stad)t geftoplen. 

Orob inarb ber fßater toilb unb frau§ 

Unb rief: „Sta mart! Sei ©ott befohlen! 

©r hob ba§ tagtfig empor, 

33efdjmor ihn auf Sehen unb (Sterben: 

„Sonft toitt id) Oir, Ou arger Xfjor, 

SJlit bem trüget ba§ Seil burdjgerben! 

3cf) forbere Oid) bor ©otte§ ©erlebt: 

©efteh’ e§ im ©uten unb Oretten!" 

„©inen Prügel, £err $ater, ben habt 3h* ja nicht, 
SSomit 3h* mich tonntet burdjblauen!" 

Oa hieb ber Pfarrer mit bem $i£U§ barein 
Unb fdjlug ihm mürbe bie Knochen. 

Sind) bafür mu& ©briftu§ gut genug fein? 

Söirb fo bte SBahrljett gerochen? 

„©rbarmen, §err Sßater," ber $8ube fpridjt. 

„SBottt ©uren 3mm bod) gitgeln! 

©ern toitt gefteh’n, beim ba§ teufet* id) nicht, 
Oafe ber Herrgott auch gut gum prügeln l" 

Santa Sinominata. 

3n bem Streik öerbuhlter SSeiber, 

Oelburd)tranft unb falbenbuftenb, 

Sifct erfctjXafft ber Halfer 9tom§, 

Slufgebunfnen 2lngefidjte§, 

Ueberfatt boit all ben Stiften, 

Oie ihm liefern betbe SBelten, 

Orient unb Occibeitt. 

Sßalmett toelj’n ihnt hoch jn Raupten, 

$äd)er fühlen ihm bie Schlafe; 

Stur ba§ Singe brennt nod) lüftern 
Stad) ihm ungefanntem Steig. 

Stuf be§ ©artend Stofenbitfdje 
S3lidt ber SOtonb befdjamt hernieber, 

SJtitleib§üotl itt ©ram gebleicht. 




Heues d o 11 (Suftao Kühne. 


2\3 


„3ünbet rafd) baS $edj ber fyacfelit! 

Stuf beit ©olgfto {3 tritt beit Triften! 
^ölutrotf) fei bie 92ac^t erhellt! 
üftur ber Schrei, bte Slngft, ba§ s Jtöd)eln 
Oer berbeigefdjlebptett Opfer 
Sft’S ttod), toa§ beit Halfer freut!" 

3« ber ©aub ber ©eitfergfnedbte 
23ridjt ein fäftbadfer ©reis gufamntert, 

Oer für fidj fcboit reif gum Oobe. 

»©alt, 3br ©eitler!" 2tuS bern SSinfel 
©bringt Ijerbor ein ©briftenmäbdjen: 

„£afjt beit ©reis in ^rieben fterben! 

Seht bod), toie er faum ttod) atbmet. 

3übrt ftatt feiner mich gum ©olgftofe; 

3cb geb’ freubig in Den Oobl" 

Üacbenb retten fie bte Kleiber 
3b* öom £eibe; bod) fie mehrt fid), 

23äumt ficb auf in bitter ©lorie, 

(Sine ßilie, fdjamburcbglübt. 

„©igeit, feltfam!" ruft ber Gaffer, 
„Unerhört! ©er mit ber Oirne!" 

Unb fie ftebt bot ifjm, fid) neigenb, 

Unb berljüttt beS 23nfenS Schnee. 

SSar fo fdjöit fie? fMn, ibn fajjte 
Ungeahnt ein neuer 3auber, 

(Sine 9J?ad)t, noch unbefannt ihm, 

Silbe ^eufebbeit, bolbe Scham. 

„Q3leibe (eben, mir gu fiiebe!" — 

„Oir gum Spielzeug?" ruft fie goritig, 

Unb er fenft bor ihr ben S3Iicf. 
©anbertngenb fitiet fie nieber, 

Orängt fid) flCüfternb ihm pr Sette: 
„©afar," ftebt fie, „laft mich fterben!" 
„2Sie? fjreitoillig? Siebft ben Oob Ort?" 
„Unfer ©ott, er ftarb am ^reuge 
Billig, frei, ber Belt gum ©eil!" 

„Oeiite Später, Oeine 23riiber 
©oben fftom mir aitgegünbet, 

Unb Ou toirfft mir felbft ben Junten —" 
„Oir in’S ©erg? — ©err 3efuS ©briftuS, 
Sftette On mir meine Seele!" 

Sllfo ruft fie laut unb gellettb. 

Sie burd)brid)t ben SheiS ber ©enfer, 
Springt hinauf gum Scheiterhaufen 
Unb ftürgt in ibr gtammengrab. 

üftero meint. 3am lebten 2Me 
Sittert ihm baS melfe ©erg. 





2 U 


— Sugen gfolani tu Berlin. x - 

Xer fllofterefel. 

( 3 um beibnifdjett ©briftentbum.) 

(Sin gutes, treues (STiepnat 
©lieb tinberloS fdjon manches Sa^r. 

Xa fiel ben ©eiben fd)fiefeticb ein, ^ 

Xem ^errn 51 t bau’n ein ®löfterlein, 

Xenn Sünbenfdmlb bor allen Gingen 
&at Rimmels ©nabe su erringen. 

Sie mären beS ©elitbbeS frob, 

9 htr blieb bie grage nod): Sßo, mo? 

Soll l)ier, foll bort baS »er fteb’n, 

Db tief im Xbal, ob auf ben ©Hfa* 

@ie ftritten fid), fie sanften fid) 

Unb mürben nimmer einiglid). 

(Sr fpracb: im Xbal, am füllen ©ad)! 

Sie fdjrie: fftein, nein, id) geb’ nidjt nad)l 
Sie mollte ftetS gern oben ’naus, 

SSM auf bem ©erg nur bau’n baS §auS. 

3Ber foll im Streite Düdjter fein? 

Xa fiel ber grau maS kluges ein. 

„Xer ©ater geb’ uitS beit (Sntfdjeib!" 

Sprad) er; fie rief: „©efel)lt meit, meit! 

Xer ©ater, fdjlatt, ber nimmt ©artet, 

3d) miü nid)t, bab ber Siebter fei. 

SSeit lieber nod) in biefem gälte 

2Bär’ mir baS bümmfte Xl)ter im Stalle!" 

„Xer ©fei? @t baS märe fd)ön!" 

£ad)t er, bod) lafet er eS gefehlt; 

(Sr münfdjt nur enblid) 9tub’ im §auS, 

Sonft gel)t ibm bie ©ebulb nod) aus. 

Sie aber säumt baS buntme Xbier 
Unb siebt eS ftracfS am Obr berfür, 
hinauf sur fteilften bott ben §öl)’tt 
Unb fragt: „Soll hier baS »er fteb’n?" 
Xem ©fei sittern fd)ier bie ©lieber, 

(Sr mirft ficb auf bie ©latte itieber. 

XaS Sangobr gäl)itt: „3 ab, i ab!" 

Xte grau ruft: „§ört! er fpradj: 3®, i a ^ 

Xod) ob ber ^inberfegen fam, 

Xrob febmeigt bie (Sbronif mitnberfam. 

1 1 

©ibilebe. 

XaS Sftäbdjen fingt: 

£>ör’, bis eS fdjneit rotbe Stofen 
Unb regnet füfeen, fi'tblen ©Sein, 

Unb mir uitS metter nicht erbofeit, 

SoHft Xu allein mein ßiebfter fein. 

2 Bir finb ja felig, beiba bol 

grtfd), fromm unb allemeif bödilidj frol). 






ZI eit es oott (Suftao Kühlte. 


2\d 


2 Ba§ mittft Du fonft noch, liebes £ers, 
«£>aft bod) iuof)l meiter feinen Schmers? 
£>ord), iit ber Siitb’ bic 9?ad)ttgatl, 

3w füfeern Duft fontntt füfter Schalt. 

Der 23urfdje Haft: 

3d) faß' eg nimmer, Ha}* eg nur, 

^Qolb Sieb, Du bift auf falfdjer Spur, 

Der Stubenbaum mirb halb berbtüh’n, 

Die fftachtigatt mirb abmärtg stellt, 

Daun fteh’n mir mutter) eetatte tu, 

3 et)tt nur ein fd)immernb Kämmerlein. 

Dag äftäbdjeit fbridjt: 

Dag Mttcrdjen fifct auf unb macht 
Unb fjjridjt ju mir: Kinb, habe 2ld)t! 

2 BoH bat (Such 2 lntor augermähtt, 

Doch fcblimm, mernt ©otteg Segen fehlt. 
Hmor führt ©ud) gur Kammerthür, 

©rft meun ber Sßriefter tritt herfitr. 

©r fegnet (Such erft am §od)attar! 

@o fpricbt mein Httdjeit ftug unb mahr. 
Der Knabe hört bag finge SBort 
Unb Haft auf feiner 31öte fort: 

SBag Kirdhenthür, mag Kammerthür! 

Oft fnarrett beibe für unb für. 

Die Kirdje läfjt ung feine Hut)’, 
äftarna fd^liefet ung bie Kammer 51 t. 

Säfet ung bie ^immetgthüre ein, 

Söirb Kammer ung fdjon Kirche fein. 

2Ser ©ott im fersen immerbar, 

§at in fid) felbft beit Jgodiattar. 

Der heilige hobte 3afnt* 

Die frommen 23rüber im Kreife, 

Sie ftagten halb laut, halb leife: 

,,§ört, mag ung angethatt! 

©g ftahlen ung freche 23anbiten 
3$oit 3 gnas, bem Sohotiten 
Den ^eiligen hohlen 3atjn! 

&of)t mar er, adi, fcbon lauge; 

Drum bachteit mir ohne 23attge: 

2tn ben rührt feilte Ka&M" — 

,,©r mar ltttfre befte Reliquie!" 

@0 fchrie eine (Stimm’,, eine quiefige, — 
„Unfer fafrofantefter Schab!" 

„®r hat fdjon mmtdj 3 ahrf)unbert —- 
2Ser tjatt’ fid) brob bermunbert! — 

Der SBunber biete gethait. 

©g gogeit bon Often unb heften 
§erait 31 t ihm bie ©ebreften, 

Sunt heiligen höhten 3ahn!" 




2\6 


(Eugen 3f°^ an ^ * n Berlin. - 

Ser Srior fpradn „Seib [litte! 

2lud) baS fdjehtt ©otteS SBitte; 

Sod) liegt nid)t ölet am Bahn. 

Um bie Zapfet timt (Elfenbeine, 

©efdjmüdt mit eblem Steine, 

£at eS mir leib getljan. 

Xrnm lafet bie ©odeit lauten, 

Sie ©laubigen 31 t bebeuten, 

Safe mir um §ilfe fiepen. 

23ei ©otteS heiligen SBunbeit 
Safet un§ ber SBelt befunben, 

©in gretiel [ei gefeheh’n. 

Stuf, auf brum, fromme 33rüber, 

Singt gottgefällige lieber, 

Sen Settelfad gur §anb! 

Sei ben Propheten unb Sttofen, 

©eht [ammein frifdj Sllmofeit, 

©ef)t fechten burch’S gange ßanb! 

S ur um ber Zapfet mitten — 

©efteh’n mir’S ein im Stillen! — 

3 ft unfer §erg bebrängt 
Sie Sd)ad)tel, bie bod)to[tbare, 

©ie, 3-reunbe, [ie i[t baS SSafere, 

SQ 3 oran unfer ©laube hängt. 

Ser Bahn lafet [ich erfefcen. 

Sen Schaben auSgumefcen: 

SaS ift gar balb gethan. 

3d) lieft’ ©udj gleich gur Sütnbe 
2luS meinem eigenen äftunbe 
deinen befielt hohlen Bahn! 1 ’ 

^eine föeperei. 

Ser Slopberg mitt beritten [ein! 

©0 fprad) beS SorfS ©djulmeifterlein. 

©in Sefenftiel mirb’S auch mohl thun; 
Safet auf! 2Sir bürfen heut’ nicht ruh’u. 
SÖBalpurgiStag! Um SUtternadit 
Sa mirb bie §epenfahrt gemacht. 

§ier mott’it [ie fed) tierfammeln; 

Safet uns ben $lafe tierrammeln! 

Sod) meh, ei meh, baS hilft unS nicht, 

©ie halten in ber Suft ©eridjt. 

©0 lafet uns Sitte, ©rofe unb 0 ein, 
pbfch tapfer hier beifammeu [ein. 
Srefchflegel habt Shr bodj bereit? 

Jpört, hört, cS fommt, T S ift hohe Beit 

©ie laufcheu hin, fee laufchen her, 

Sie Suft blieb [tili, ber $lafe blieb leer, 
Som Xhurtne [djlug bie Stitternacht: 
Befet, Subeit, [efet tiietteidfe, habt Sicht! 









Heues non (Suftau Kühne. 


2\7 


2)a§ gange Storf fiel gitternb nteber, 

$eiit 23ube regte ferne ©lieber, 

@ie fallen nid)t§, fie Porten nicht*. — 
Sßofauneittou be§ SSeltgericbtg, 

Heibft ®u audj au§ gu jener (Stunbe, 
2Bemt SICCe fteb’n mit offenem Sttnnbe? — 
Sdjulmeifter, ad), mie munberfarn, 

Saft feine £ege gu itnS fam! 

@d)u(meifter lädjelt fein unb fpridbt: 

„£)a§ munbert mid) nod) lange nidjt, 

S)ie §egen, ei, mer bütf§ gebadjtl 
@ie bct’u fidj unfidjtbar gemacht. 

Unb ba§ mar juft bie ^ejerei; 

3>er ©üttfeibeiun§ Ijalf babei; 

®enn Stile müffeit mir geftebeit: 

©§ ^at fie deiner ja gefeben." — 

3) er §anbmerf§burfd), ber frempelt ficb 
®ie £afd)en um unb um unb fpridjt: 

©ott geh’ mit mir nicht in’§ ©eridjt, 

©§ leibet feinen sjmeifel, 

£a* 9Ud)t*, ba§ ift ber Teufel! 



S'lotb unb @äb IC. 296. 


15 




















urtb Prcffreit^cit am &ap unb in 3rlanb 

unb ber £rieg. 

Don 

föarl 25Unö. 

— £onbon. — 



enn td) an’S Kap jurüdfefjre, wirb mir üteiieic()t friegSgericbttidi 
SBehanbtung 51 t ©beit!" ©o' faßte mir uor Banaten £cr 
SDierriman, ber frühere ©taatSminifter ber Sap^annebetunc 


U1 '©r ift englänber non ©eburt unb retdiStreu, wie nur einer. J 
vertritt feineSmegS ben ©tanbpunft ber noUen Unabbangigfeit ber , ' 
afrifanifdjen [Republifen unb unterfdjieb fid) burcb feine aufserfte «Kafeißu 
non feinem mit ibnt nacf) Sonbon gefontmenen amtsgenoffen ©auer,, b 
ebenfalls früher SDUnifter ber Jtop*anjtebetung mar unb nur maljtenb [ein 
längeren Slninefenbeit unb 2 f)ätigfeit in englanb näher getreten ift. & 
föterriman ift ein bodigebilbeter 3Jlann, ber fid» ftets gern in ben• ©W» 
beS ftaffifcben SUterttiumS ergebt, ©ein erfter «Brief an nud, entbie# 
eine betreffenbe ©teile. ®ie Stngabe, er fei gubrer beS „afrtfanber=5&unbeS 
ift unrichtig, er, gteicbmie £err ©auer, ftimmten nod) J ; 

auSrüftung eines SriegSfdhffeS als ©efcfienf an englanb $aS Unb 
aber, baS ben englifdjen aSeHfeungen in ©üb=2lfrita gugefugt, bie Ungerecbt. 
teit, bie an ben bortigen greiftaaten uerübt niorben ift, empfmbet & 

^Dierriman allerbing^ tief. . 

ßanm war er in feine zweite ßeimat prücfQeMjrt, al§ er iuetjt c 

©efangener auf feinem ©Ute geljalten würbe! fKunmebr ift it)ni uorlaii 
bie erlaubnib junt aufenttjatte in Sapftabt gewährt worben. £alt w 
basu, bafi £err «Dterriman in ©adjen 3r(anbS reicbSfreunblid), umonifti 
gefinnt ift, fo geftaltet fid) baS »erfahren gegen ibn nod» ungeheuerlich 

^erfteije ba§, wer e§ fann! 





















Keöc= u. pre§frctl]ctt am 'Kap u. in 3 r t an ö u * öcr Krieg. 


2\9 


9 ttittlerweite genießen bie $üt)rer her xrifchen bationaUSiga eine 
beträchtliche bebe; nnb Sßrefjfreiheit. 2 ln fie wagt man fid) in Qrlanb nicht 
heran. 2)aS ift einer ber nieten fonberbarett ©egenfätze einer begiermtgS; 
jpotitif, bie fiel) unter Slnberem barin gefällt, in üDZalta, wo bodj Qebermann 
jbiSh er gnt ©nglanbsfreunblicfj gefinnt war, bie italienifdie (Sprache, bie 
Spradje ber bortigen ©ebilbeten, z u (fünften ber engtxfdjen amtlich 31 t 
bopfottiren, währenb bei ber neutiefjen allzeitifdjen berfanxnxlung in ^Dublin 
bie fogenannten „gmnf Nationen" biefeS Stammes fid) als Aufgabe now 
lebten, gange fianbeSt^eite bes bereinigten Königreiches fpradjlich mieber 
umzufeltifiren. 

2BaS in Qrbattb norgeht, wirb in ber Sonboner treffe nietfad) untere 
briteft, ober man ift nur fd)ted)t barüber unterrichtet. $Dte ^caffe ber 
[ßnglänber weif; nnb hört nichts banon, ausgenommen, wenn einmal irgenb 
ein fraffeS (Sreigni^ eintritt. @leichgiltig nimmt man bie bad)rid)t hin, 
wenn man fie überhaupt bemerkt, bafj bie gütjrer ber irifdjen Parlaments:; 
gruppe, mit «gerrn Qohn bebmonb an ber Spifze, im «gerbft eine bunb; 
reife burdj bie bereinigten Staaten non Slmerifa antreten werben, währenb 
für biefelbe Seit zahlreiche botf Snerfammtungen in Qrlattb geplant finb, 
auf beneit eS gewifj red)t ho$ begehen wirb. (Bar nichts aber erfährt 
baS oerehrlid)e publifum in (Sngtanb über bie Sprache, bie jefct in ber 
breffe jener Parlamentsgruppe in Dublin geführt wirb, ©in paar 2ln- 
beutungen mögen baher non buben fein. 

®a ift baS 2Bod)enblatt „Zl)t 8 ?ifh People", ber Spred)faal ber 
genannten Partei. @S ift geleitet non «gerru bUttiam D’brien, einem 
ihrer heroorragenbften UnterhauS^itglieber. Qn früheren fahren gab er 
baS „IXniteb Qrelanb" h erau 3, baS au ßafi gegen ©nglanb nnb an 
UltramontaniSmuS baS Stärffte teiftete; fo zum beifpiet burd) bezeichnung 
ber Stifter ber itatienifchen Einheit als „bäuber unb btörber". 9bit 
einem anberen, eigentlid) fenifdjen *£)ubliner blatte, beut „Qrifhman", 
fteht baS „3rifh ^ßeople" auf fdjledjtem gufze. £)em „3rifhman", in 
welkem übrigens bie flerifale 2Iber gelegentlich auch burchfdjfägt, gilt baS 
„Srifh ^ßeople" nämlich nicht als fdjarf genug. Unb hoch, wie um feine 
eigene (Befinttung and) bitblid) zu beweifen, fefct baS „Qrifh People" zwif^en 
alle feine rebaftioneüen boten freuzweiS eine ptfe (wie fie in beut 3lufs 
Üanbe non 1798, wo bie granzofen als berbünbete in’S Sanb lauten, ge- 
tragen würbe), unb eine brt £)onnerbüd)fe, ben früher niel beliebten ir u 
fchen Sdnepprügel beim agrarifdfen ^eefenfrieg. 

33 af 3 baS „Qrifh People" non bem „finbsföpfigen batfour" unb beut 
„blntrünftigen ©hamberlain" fpricfjt unb ben „Sachfen", baS ben 

©nglänber, bichterifdj als „mit ben flammen ber .gölte gefrönt" bar ft eilt, 
fei nur im borübergehen erwähnt. beuterfenSwertber ift fd)on eine beilje 
Ausführungen über bie 9Jtöglid)feit eines Krieges mit $r an fr eich unb 
über ben untängft erfolgten plö|tid)en Abbruch ber gdottewBbanöner, ber 





220 


Karl Bltnb in Sonbon* 


au3 einer eingetretenen Beunruhigung roegeu beS guftanbeS be-3 engtifdjen 
©efdnoaberS erliärt wirb. 

©enau wirb ba int „Srifh «ßeoqplc" auSeinanbergefeßt, an welchen 
gufatten eS gehangen, baf; bie im ®ecem6er 1796 beabfichtigte Sanbung ij 
§od)e3, ber 13,975 Wann, pradjtwotXeS ©efdroh unb 2Baffen für oietjig* 
taufenb gren an SSorb gehabt, tuifjglücft fei. Stur burd) bte ©eroalt ber 
©lemente fei bamalS ©ngtanbs Wacht in Qrlanb gerettet morben. ®euer 
aber fei eS „burch bie ©ee=Wanöoer Har p Sage gefommen, baß bie hodj* 
gepriefene britifche flotte unpoerläffig, lächerlich geführt unb in jeher So 
jtehung eben fo oerrottet fei, rote ba§ englifdje $eer, als e» feine Strobe 
gegen bfo§ ein Betmtel feiner Saht, nämlich im Kampfe mit beroaffneten 
Säuern, auf jroattsig ©djladftfelbern ©iib=2lfrifa§ p beftehen hatte“. 

„©obann," heißt eS roeiter, „haben bie granpfett angefangen, oor= 
treffliche unterfeeifäie gahrjeuge p bauen, ©ines biefer SerftörungSmittel 
fcljeint fähig, einen grojjen „Wagnificent“ ober „gnoincibte" in ben ©runb 
p bohren, unb jroar mit bcrfelben guten Sicherheit, roie h«nbert Sutern- 
in gcbedter Stellung taufenb SommieS über ein Sladifelb fp hüben 
gerfengelb geben machen ... Sei foldjen 3uftänben ift e§ bebeutfäm unb 
nicht unbefriebigenb, bafj unfere ®ränger neroöä werben; bah fte oon 
ber gurdjt oerfolgt finb, eine anbere, root}tau3gerüftete glotte fönnte, mit 
roilbem Subei oon Säuern in SBeft=6orf begrübt, jelm »bet p>an$igtaufenb 
Wann unb fmnberttaufenb ©entehre lanben." 

3roar glaubt baS „grifh tpeopte", bei ber ©elbftfudit, oon ber je|t 
alle Wäd)te' geleitet feien, auf foldje J&itfe gegenwärtig nicht gälten p 
fönnen. gmmerf)in aber fei es ermuthigenb, fidj baran p erinnern, bah 
©nglanb bei betn ©ebanfen gittert, bie ©ean Shan Shod)t’ (in gewöhnlicher 
Schreibung: ©hau San Sogljt, b. i. bie „arme alte grau" beS befanden 
SebeltenliebeS) fönnte roieber einmal fingen: „Sie granpfen finb auf 
ber ©ee!" 

finb fo bie frommen 3I'ünfd)e ber triften ^ationalxften^artei. 
9tmt nergleidje man bamit bte 35ehctubluug eine3 fo gemäßigten dhanrteä, 
roie Stterriman, eine» früheren £abinet3minifter3 nnb langjährigen $m ,; 
lament^SJUtgliebeä, be£ älteften am ßap, ber ba^u noch ein ber irifcheti 
©onberbünbetei abljolber ©nglänber non (Geburt iit! 

* * 

* ■' j 

©in anbere^ 23ilb. ' 

©ben jeßt hnt man in SBinchefier, ber alten ^auptftabt 2llfreb8, bes 
Königs ber SSeft^adhfen, bie taufenbjährige ©rinnenmg an biefen gürfter 
gefeiert, ber bie eingebrungenen hätten $u £anb nnb jur <5ee fdjjlug uni 
bannt ben ©runb gum lieber auf bau eines unabhängigen ©nglanbä legte 
3Jlan ehrt e3 an ihm, baß er an ber @ad)e feines Golfes nid)t nergtneifeltc 
obtnoßl er fidj eine Seit lang mit einer fleinen ©cßaar non ©ctreuen nu' 




I 


- Hebe« u. preßfrei^eit am Kap u. in 3rlanb u. ber Krieg. - 22 \ 

müßfant in einer Ede bcS £anbeS 51 t batten nermodjte. £)ie Diebe bei ber 
Enthüllung beS für ißn ernteten StanbbilbeS mürbe £orb Dtofeberp 
übertragen. 

SRerfmürbiger Dßeife bat Dtofeberp, jmar als geheimer, aber eigentlich 
bod; bekannter ©eher, auch eine 35ilbfäute ErontmellS für baS Sonboner 
Unterband geftiftet. 

2Bie ftebt es nun aber mit beS ebben £orbS (bebaßren gegenüber ben 
Kämpfern ber fübafrifanifcßen greiftaaten, bie bocb and;, gleid) ben Sadjfen 
!2llfrebS, für £anbeSunabßängigfeit ißr £eben einfeßen, ßoltänbifcß bleiben, 
nicf)t engtifdj merben molten? 

ga, 23ur, baS ift gan§ maS DlnberS! $Du bift jefet Brigant, SBanbit, 
Räuber unb Färber. £)u baft fein Dtedßt gur Kriegführung für bie Sa<ße 
©eines SßotfeS, ©eines SSatertanbeSl 

©a ift moßt eine Erinnerung an baS am *ptaß, maS Englanb einft 
im Kampfe gegen Napoleon I. unb für (Spaniens unb Portugals itnab- 
ßängigfeit tbjat. 3n Spanien bitbeten ficß bamals „(bueril!a"'-Sdjaaren; 
in Portugal bie fogenannte „Orbenan§a", eine 2lrt DMfSmeßr. $on ben 
granpfen mürben biefe SßaterlanbSoertßeibiger für „Dknbiten" erflärt, 
unb betreffenbe (befangene mürben erhoffen. Söir feitnen baS ja auch 
oon Seiten beS forfifcßen Eroberers in nuferer eigenen (55ef<^ic§te. 

2)a fcßrteb nun Wellington an ben DJtar)d)alI DJtaffena golgenbeS: 

„Was Sie dauern ohne Weßrtradßt (Uniform)' unb ,Wörber unb 
Straßenräuber' nennen. Das ift bie DSolfSroeßr biefeS £anbeS. Wie es 
Weint, verlangen Sie, baß biejenigen, bie friegfüßrenbe Dtecßte beanfprueßen, 
in Uniform gefleibet fein müffen. Slber Sie foüten ficß erinnern, baß 
Sie fetbft einft jum Dtußme beS fran^öfifeßen feeres beigetragen haben, 
üs Sie Solbaten befehligten, bie feine Weljrtracßt befaßen. ©ie einfad)e 
grage entfteßt ßier: ob ein £anb, in bas ein übermächtiger geinb ein- 
gefallen ift, baS 3^ed^t befißt, fid) beSfetben mit allen ißm $u (Gebote 
teßenben Mitteln gu ermeßren. 3 ft bieS Dtedjt uorßanben, fo ift Portugal 
jereeßtfertigt, bie ,Drbenan$a‘ in'S gelb §u ftellen, eine non ben SBunbeS* 
ließen anerfannte unb ißnen.gemäß eingerichtete Streitfraft." 

£)aS ift gan^ ber gaü ber D3uren. $ergeffen fei übrigens nicht, baß, 
tls bie gran^ofen fcßänblicber Weife bie DUeberfcßießung ber (befangenen 
mrcßfüßrten, bie fpanifd^en unb portugiefifdßen DMfSmeßren ißnen ebenfo 
leimjaßlten. 33iS jeßt aber haben bie beiben fübafrifanifeßen greiftaaten 
ßre engtifeßen (befangenen (bereu eS etma 20,000 maren) immer frei« 
elaffen. Diacß ^ötferreeßt märe bie Regierung §u Pretoria 1881 nodfontmen 
gefugt gemefen, gamefon als greibeuter §u ridften. Statt beffen lieferte 
(e ißn an Engtanb aus. ©er ©auf bafür ift ber jeßige greibeuter*3ug 
lummer graet. 

Würben moßt bie Engtänber, menn etma gran^ofen ober Muffen ein- 
'rängen, baS gan§e englifdje §eer naßep aufgerieben märe, unb nur noeß 






222 - Karl 23linb in Sotibort. 

eine Siinatit aSoltäroebr*©<f)aaren, ©ueritlaS, bas Sanb oertljeibigten, biefe 
il,re mutigen Sanbsleute als „Saubiten", als „Sichte unb Borber 

betrauten? 

9flan neunte einmal an: ©nglanb, baS einjt von ©d)Uler als bte 
„Snrannenmefjre" befangen umrbe, baS fidj aber Ijente. fc^mad)t)otX an.-berj 
Freiheit eines Keinen, tapferen Zolles nerfünbigt, lei feinerjetts bur| 
Irieaerifcbe Ueberata# bebrängt. 3m 3al)re 1066, als gleifteitig Hanert 
non Dften nnb Normannen non ©üben l)ßr baS Oieid) ber nnS ftannnrer^ 
manbten 2lngel*©ad)fen angriffen, mnrbe es bnrd) SKU£)elm ben Saftarb, 
mie er fetbft fid) rüljmenb nannte, baS Dpfer ber Eroberung nnb nerlor lerne 
alte Freiheit. 3a, nod) bis in’S fieb^ebnte nnb ad)t§el)nte 3 a brl)unbert b;erctn 
batte (Enalanb an gelegentlichen £anbnngSnerfnd)en ber gran^ofen gu leiben, 
4m SBeifpiel nad) einer 1690 nor 33ead)t) £eab verlorenen ßro&e» See* 
idiladd obtvobl bie iQodänber bamalS mit ben ©nglänbern gegen ue ?vtatn 
. 0 fen jufammen tämpften. ©benfo brang 1798 eine ©Jaar von nur 
1100 gramofen unter (General §nmbert, bem einige taipenb ^ren jultefen, 
bi« in bie 'Bitte grlanbS ein. ®r trieb 3000 Bann unter ©enerat 
fSutcßinfon, ber in ber ©ile fein ©efd^üfe surüdließ, in bte gtu^t unb 
tonnte erft nach einiger 3e« umringt nnb mit feinem Sanftem* tnfcßer 
IBunbeSgenoffen gefangen genommen roerben. 

Sei folgen Slnläffen fanben auch uorübergehenbe Sanbungen ber 
gransofett an ber Befttüfte beS eigentlichen ©ngtanbs ftatt. 

Bie nun aber, wenn ©ngtanb, mit einem aufrührerifdj gefinnten grtanb 
an ber ©eite, unb gleichseitig in ©ftb=2tfrita fetbft bie erfolgte 9lteber* 
roerfung ber Slepubliten oorauSgefeßt - bauernb in Slnfprud) genommen, 
non ftarfen ©roßmäditen angegriffen mürbe? 

©nglanbs regelmäßiges Sanbßeer behebt aus nur 250,000 Bann. 
®ie fdimeren teiufte, bie eS bis fetjt fcßon erlitten, finb befannt. B<t« 
bat unter Sietung non hohem ©olb, eine neue „Deomanrp unb Bannfet>aft 
aus bem grein>ittigem®eere angemorben; aber metche ©orte tarn boi ju= 
lammen! ßerstrante, ©djroachfüßige, ljal6 ©eläßmte, nur mtt erneut Slug, 
©eltenbe unb attbere Slrüppelgeftalten, bie überbieS meber retten no 
fließen tonnten, mußten non ©eneral tectjener maffenhaft uueber na 
©ngtanb surücfaefcbicft roerben. ©S fdjien, als ob bte Seute, bte tn be 
©ite gar feiner gebüßrenben llnterfucbung ober «Prüfung unterroorfar worbet 
mären, es tebiglid) barauf abgefeßen hätten, eine gaßrt nach ©ub=2lfw 
in machen unb bann mit bem Slnredtt auf 9iuheget)att, ntedetcht auch «» c 
mit einer ©l)rem®enfinünse, mieber eingefcßifft su roerben. ®er ©taube 
roar unfagbar. Bit ben fefeigen weiteren Bertiungen hat man and) mg 
befonberS ©tüd. Son ber alten ,,9)eomanrt)" haben ftd) nur 40, )a 
piersig, Bann im Saufe mehrerer Bocßen geftedt! gur baS regelmäßig 
§eer nimmt man, bem ©efeße suroiber, junge Surften an, bte meßt oa 




Hebe* u. Preßfreiheit am Kap u. in u. ber Krieg. 


223 


nötige SUter erlangt haben. Ueberall kapert es mit beit dtefrutirungen. 
Son allgemeiner Steßrpfticßt will aber Siemanb etwas hören. 

* * 

* 

Sin Streitmacht §u Sanb, alle funterbunten, fcßledjt jufammenpaffenbett 
£ruppenförper gerechnet, fann @nglanb 870,000 Staun anf bie Seine 
bringen, um feine anf bie fünf Stelttßeile nerfireuten, ungeheueren (Gebiete 31 t 
oeden. SDiefe gaßt fdjtießt jebodj bie farbigen Gruppen ein, non beneit 
feljr Siete aus ©riinben beS Simmelftridjs, bent fie entflammen, nicfjt 
außerhalb ißreS Sauber nerwenbet werben fönnen, wäßrenb auf einen 
anberen &ßeit biefer garbigen in einem Kriege, ber ©nglanb ferner in 
Stnfprud) nähme, wenig Sertaß wäre. Scßon bie Sipo p=Empörung 
non 1857, bie gtüdlidjer Sßeife er ft nach ©cßluß beS KrümKriegeS aus* 
brach, giebt eine Einbeulung für foldje Stögticßfeiten. 

®ie Schweizer ©ibgenoffenfcßaft, mit einer Seuötferung non nur 
3,000,000, befißt fraft allgemeiner Steßrpfticßt eine Sanbweßr non 
209,000 Staun, unb für ben äußerften galt noch einen Sanbfturm non 
276,000 Staun. £)aS f leine Rumänien fann für ben Krieg 200,000 
Staun ftetlen; Serbien 337,000. 

SDeutfdjlanb hat in griebenS^eiten 580,000 unb fann im Kriegsfälle 
bereu 5,000,000 auf bie Seine bringen. Defterreidpllngarn be^ießungS^ 
weife 354,000 unb 1,872,000 Staun. Italien: 260,000 unb 1,509,000 
Staun. 

granfretcß, ein möglicher geinb ©nglanbs, hält in griebenSgeit 
572,290 Staun unb fann im Kriegsfälle 4,053,000 ftetlen. Sußtanb, 
ein anberer möglicher geinb, begießungSweife 887,000 unb 4,556,000 
Staun. 

Böie fleht nun ©nglanb, baS mit feiner glotte längft nicht mehr bie 
auSfcßtießtid) gebietenbe frühere Stellung einnimmt, gegenüber fotcßen 
3iffern ba? gn feine Kauffaßrteisglotte werben non ben Sßeberu feit 
rieten gaßren immer mehr grembe aufgenommen. Seine DrlogS-Ote* 
fdßwaber fittb jebenfalls, wenn auch fonft tüchtig, untermannt. Sei bertei 
guftänben ift es ein hoppelt freuentticßeS Spiet, fid; in SüriElfrifa ein 
„^weites grlanb" in fcßaffen.’ 

©efeßt ben galt, es fei ftarfen geinben, etwa granfreich unb Etuß* 
taub, gelungen, mit großer glottem unb SeereSmadßt über baS in Gruppen 
P Saufe fcßroad) nerfeßene ©nglanb fo weit Serr 31 t werben, baß etwa 
Bonbon unb ein paar (Sifenbaßnlinien, jebodj faum meßr, im Sefiß biefeS 
geinbeS wären, wäßrenb bie SanbeSoertßeibigung pleßt nur nod) non 
einer 9in$aßt mutiger greifcßaaren betrieben werben fönnte, bie in iobeS* 
neracßtung noch nach gwei gaßren ben Krieg fortfeßen unb fetbft bie (Sifen- 
baßmSerbinbitng oft unterbrechen. 2BaS würben bie ©nglänber woßl fagen. 




22 \ 


Karl 231int> in £onbort. - 

/ 

meint ein fretnber gelbgerr beit SRanteit be§ „^Bereinigten ftönigreicgeä non 
©rofsbritannien nnb Qrlanb" für erlofdfett erffärte, unb au bie ©teile bcä= 
feiben ben bauten: „bie SCgentfe», £roeeb* unb £iffeu*3lnfiebelung" 
je(ste unb ba§ ganje Dicidt furjmeg an granfreicg aufdüiefjen wollte? 

Siegen bie ©nglänber cS fidj gefallen, ittre SanbeSnertgeibiger als 
„brigaitten" be^eictmet p gören? 2Ba§ mürben fie p ber ©infpernmg 
ooit grauen unb Sinberu in ©efattgenemSager, ju 2lu3gungerung§=S3erfucgen 
gegen biefe ©cgulb= unb ©cguglofen, pr maffengaften bieberbrennung non 
SBognftätten ber Sanbeänertgeibiger, pr Sßegfügrung non STaufenben non 
©efangenen in ferne SBelttgeile, pr bnbrogung non ©trafen, tnie fie burdj 
Sitcgeuers neueften Grlaf; itt 3Iu»ficgt gefteüt ftnb, fürs, p all’ ben 
©cgeufslicgfeiteu fngeit, non benen mir taglicg gören? 2Ba3 mürben fie 
non einem franjöfifcgen ober ruffifcgen Igeerfügrer beuten, ber bie lobten 
unter feinen ©egnern unb bie uon igitt gentaegten ©efangenen als feine 
Sagbbeute (bag) int ©egtaegt« ober nielmegr ©cgtacgter^sBericbte aupgrt? 

UBagrlicg, ein Sanb, in bent ©otcgeS möglicg ift, forbert fein ©cgicffal 
gerauS. 2Bir, bie mir fo lange in tgnt gelebt, etnpfinben barüber ebenfo 
tiefe ©ntrüftung unb Stauer, tnie ftet» fteigeitbe neue -fSeiorgnif;. 











Die Deutfcfym (Sefellfcbaften bcs adjtjßfjntm 

3af?t , f?urtöerts *). 


Don 

Cu gen 

- Kiel. — 

x neugeeinten 2)eutfdjen dleifye erfreuen mir \m§> t)eute eine» 
gefilterten 25etit3e» an nationaler Kultur, So niete Söünfcbc 
unb Hoffnungen nod) rege bleiben, fo niete Kämpfe aud) noch 
morftetjen: ber beutfdben Sprache ift im neuen 9^eic§e ein fefter Körper 
Raffen, beffen Stbern fie tebenbig burebftutbet; bie beutfefje 'Sbid^itung ner^ 
.gt über einen ftafftfcben (Schah, au§ bem unfer ©emütt)3teben immer 
ate Anregung fööpft; bie beutle 3Biffenfd;aft bat fii$ bie SBctt erobert, 
ttbung unb geifüge Stufftärung getten allen Stäuben ats Qbeat. Raum 
rntögen mir un§ ein beutf<te§ SBotf, ein beutfche§ £eben ohne feft* 

|grünbeten Seftanb biefer nationafen ©üter no raffelten. Unb bod) — 
H nidjt bie beutle Spraye nont Enbe be§ feef^ebnten big in bie 
:'eite Hätfte be£ achtzehnten Qabrbunbertg im eigenen Haufe einen $ampf 
® a f ein gefämpft ? bat nicht erft bie ffafftfdf;e Htteraturperiobe bie 
mtldje (Spraye unb Stiftung im Qm unb 2lu£tanb bauernb §u Ehren 
pratt? bat fdjliefjtidb ber miffenfdjaftlidbe ©eift nidjt Schritt für Stritt 
an Jlberg tauben unb bem biogen ©ogmengtauben Soben ab ringen müffen? 

\ ® tne ' rü ^ ere / ungefdfjidjttiche Stuffaffung mahnte, unfere grogen ©enien 
■ ° er fiätfte be£ achtzehnten Qabrbunbertg batten bie Erneuerung 



r„ nT ^banblimg ift gum groben £beit nach hanbförtftßd&en Duetten gearbeitet. 

[Ins a J er§ ^ ri ^ : «©ottfdbebS Stellung im beutfdfjeu 23itbung§teben", 53anb 

nD 11 (Stiel, 1895 unb 1897). 





























226 


iSucjen rOoiff in Kiel. 


unfere^ ©eifteälefcenS mit einem ©cfylage, mit einem füfjnert ©nff beu>ir!t. 
216er wo finb bie Duellen, aus benen fie lieb fpeiflen? wo bie ®olte= 
{reife melde für bie neue gelinge Soft empfänglich jetn Eonnten. 
fefeen bie Urfadjen tote bie SBufungen nuferer Hainichen -ittcratut unb 
«PbilofopMe eine Bewegung oorauS, bie bereit? ganje : 3cljid)teu beS berittenen 
«olfeS ergriffen batte. £ier ift weniger an einjelne »ortaufe^ i n 
breite Strömungen ju benfen, bie burd) baS geiltige -eben bev> JJattefc 
ftnnbe? flutbeten, «Riebt auf (Mjebung beS ©njelnen über ben «Übung», 
[taub ber «Blaffe mar eS abgefeben, fonbern auf Hebung brefer JJiajfe ooer 
bod, ,netter Greife ging baS allgemeine ©treben. 911# litteranfcbie ©eures, 
fonbern litterarifdie ©efellfdjaften fudjte man be?t)atb ju suchten: eu 
3 te| pon beutfeben ©efellfdjaften fpannte fid) im nortgen „jaljrljunber. 

über baS ganje beutfdie ©praebgebiet. 

©Aon ber fRame ift ein «Programm: ©eut|i$e ©e|etticbaften fcbtedjtroeo, 

_ tonnten baS btofje Drgane jum ^Betrieb itgenb einer beliebigen ©injel; 

fünft ober ©injelmiffenfdjaft fein? Men mir uns anbererfeitS nor vager 
«Berattaemeinermtgen tjüten, fo roerben mir genotbigt fern, bie gefammt 
©efd)id)te ber ©eutfeben ©efettfdiaften ju überbliden, et>e nur bem «egrn 

einen beftimmten 3nf)att geben. , . f - 

Qunäcbft tarnt bie ©ntftebung ber erften Bereinigung biefer Strt un 

möglid) belanglos für ©rfenntnifs ihrer Siele fein. Slidjt fogleidj unter bet 
ermähnten, tgpifcb geworbenen «Rainen trat bie berühmte Seliger ©tam.n 
mutter biefer gefellfdiafttidien Drganifattonen Sehen: 1697 bei t^ 
Stiftung ftiefe fie ja nicht ©eutfäie, fonbern — ©orh|ilcbe, unb nid)t fef 
feUfcbaft fd)led)tweg, fonbern fpoetifebe ©efettfdjaft. ©S wirb atfo 1$o 
(iuberticb Har, bap fie anfangs weber an Umfang, nod) an ^nbalt irg_ ; 
uinfaffenb fein mochte. $ie «Mtglieber flammen aus feorfiö unb> JM» 
fid) an ber Uninerfität Seipjig als Subörer beS «pol#ftorS Bur barb Dien 
' äufammen, um unter feiner Anleitung poetifebe Uebungen ansu teüen © 
1722 inirb auch für bie ungebuubene 9lebe rooc&entttdE) eine Uebung f 
angefefct, bod) nicht immer benufet; ferner foll tuuftig bie «Öntgtiebfcb« 
Angehörigen aller heutigen «Protnnjen offenfteben. ©er Karnewirb juno 
in ©eutfebübenbe «Poetifd)e ©efeUf^aft umgewanbelt - wohl unter & 
ftu§ ber injinifdien 1715 in Hamburg jufammengetretenen Aeut^ubeno 

^"''“Sf'feben unter ©influfs beS ®resbener fiofbicbterS 3 0 bann Ulv 
König böcbft cbarafteriftifAe Begebungen ein. Am 28. 3Rarj 1724 
biefer hierüber bem Sftricf,er Kunftricbter »bann ^afob .»obm«. 
haben in Seipsig einige fo aufgewecfte Köpfe unb sugletd) grunbgeleb 
Ä bafj i^baburdf aufgemuntert worben, 3bro IRafeftat inemeni . I 
gnäbigften Könige, einen öfter? roieberhotten Borhblag »» t&un, um ■ 
Slfabemie für bie ©eutfebe ©pracbe bafelb|t aufjunchten, worini = 
and) fdjon gnäbigft ©ebör gefunben, meil 3h« 9^ a i e f lat em unsein 




- Die Deutfd)eu (Sefellfcfyaftcn i>es achtzehnten 3 a ^ r ^ ull ^ er ^ s - - 227 

enrter unb ßiebfaber Q^rer -itatterfpradje finb, unb in Qljreit Säubern 
ie befte ©eutfcfe tambart gu fittben. ©a fidj’S bann bie Slfabemie für 
ne ©l)re fä)äpen mürbe, aud) auswärtige ©eutjdje ©etehrte non gutem 
jefdjmac! in ifjre ©efellfdjaft gu gieren." — Qoljann <SC;riftop§ ©ott* 
heb, ber foebert non Königsberg nad) Seipgig gefomnten, nimmt biefen 
tnerhalb ber ,,©eutfd)übenbeu poetifcben ©efellfchaft" fomit fdjon in gluf 
efiublidjen $lan auf. Um fid) gu einer ftaatlidj prinitegirten 3lfabemie 
uSgumachfeu, legt fie fich 1727 ben bebeutfamen bauten ©eutfdje ©efeEU 
ijaft bei unb neränbert ihre ©afungen non ©runb aus. 

„tar lauter gefd)idte Seute" (öden aufgenommen werben, „bie ent* 
ieber non 2lbet ober grabuirt finb, ober in Bebienungen (Slemtern) ftefjen 
oer fonft non befonberer ©efchidticffeit finb." ©er 3 ufammenfd)fuf 3 non 
> eie l)rt ent bunt unb 2lbel ift bereite für bie ©prad)gefellfd)afteit beS 
ebgehnten Qahrhunberts cfarafteriftifch. 2ßie aber bie ©efellfdjaft aufhört, 
neu ©tubentennerein gu bilben, fo tritt fie auch aus bem (St;arafter eine» 
ofaloereinS beraub, inbent fie auswärtige tatglieber guläfjt, ja, um fid) 
bon ein wenig als angebenbe 2lfabemie aufgufpielen, „Seute non betauter 
ftefdjiälidjfeit" burc§ bie (Ernennung gu tatgliebern ebren nnb — für bie 
jntereffen ber ©efellfchaft gewinnen will. 

Um außerhalb bie tafmerffamfeit auf bie ©efellfdjaft gu teufen, giebt 
Dottfdjeb, aügeit ein gewiegter Agitator, eine tacbridjt über ihre neue 
Einrichtung in ©rud. 2Bie man auf ben neuen tarnen nerfaüen, gelangt 
ier gu offener taSfpradje: er ift „nad) bem berühmten (Stempel" ber 
frangöfifdjen Slfabemie gewählt, „tannerlangen wir uns gwar weber 
uferer gähigfeit, nod) nuferes tafehenS halber, einer fo großen Slfabentie 
n bie ©eite gu feigen. 2Bir fennen nufere ©chwääje gar gu wobt. 
Infere Slbfidjten aber finb gum wenigften mit ben ihrigen 
inertei. ©enn alle nufere Bemühungen finb auf nufere tattterfprache 
ericbtet." 

©djon biefe grunblegenben Begebungen treten inbeb mit einer über 
aS rein pbilologifcbe Qntereffe biuanSgebenben ©enbeng b er uor. tat 
ationaleut ^atljoS betont ©ottfcheb bereits in ber tadjricht non ber 
DefeUfd^aft: bie tatglieber „machen fich nielleicbt noch mehr, als anbere, 
ine @bre barauS, baf fie geborene ©eutfdje finb". Unb nod) eine ber 
päteften tacbabmungen ber Seipgiger ©efetlfcbaft, bie ©eutfche ©efellfdjaft 
u SUtborf, erfennt 1762 in ihrer „9lttborfifdjen Bibliothef" gleicher Sßeife 
u, bie ©eutfd)en ©efettjdjaften feien „anfeer 3 ra eifel eine tadjahntung 
er frangöfifchen Sßabemien", um begrünbenb fortgufajjren: „©ie ©eutfdjeit 
nb ehrfü^tig genug, baß fie fich enblidj noch beibringen tiefen, eS fei bie 
röjjte ©djanbe, wenn fie ihre ©pracfe ungebitbet nnb unnerbeffert liegen 
iejjen. ©djnell entftnnb ein ©ifer in allen ©den ©eutfc£)tanbeS, and) beit 
•UBepten, ©eutfdje ©efeüfdjaften anguridjten. ©inige würben anSgelad)et, 
lft 6 fich mit ber fdjledjten bentfcheit ©pradje abgeben wollten; einige 



228 


(Sagen Ifolff in Kiel. 


fupte man p unterbrüden, roeit fte ma? neue? mären itnb für ben Staat 
unb bie «Religion gefäßrüp fein fönnten; einige mapten riefenmäßige Ser= 
fprepungen non iijren pr ©ßre ber beutfpen ©pradje gereipenben Se= 
müßungen." 

®ie nationale SCuffaffung ber fptaplipen SBirtfamfeit äußerte fip — 
mie bie ©inge in ©eutfplanb lagen — nor Ment polemifp. 3tipt raie 
bie granjöfifpe Sltabemie burften fiep bie ©eutfpen ©efedfpaften barauf 
befpränfen, pofitio an ber geftftellung unb SerooEfommnuug ber 9Rutter= 
fprape p arbeiten. Sorau?felpng blieb bei un? pnäpft, für Mroenbmtg 
be? ©eutfpen in ber Heimat felbft p mitten. Sefonber? bie pöperett 
©tänbe blidten mit ©eringfpäßung auf ipre — man barf nipt mept 
fagen: 2Jtutterfprape — auf ipre SolE?fptape; frangöfifp allein galt 
at? meltmännifp. Um unfere SBaßrnepmungen moglipft immer birelt aus 
bem £rei? ber ©eutfpen ©efel(fd)aften p fpöpfen, nergegenroärtigen roii 
un? eine SluStaffung non ©onnenfel?, bem §aupt ber SBiener 3meig=@e 
feUfcpaft, über bie beutfdje ©prape: „9top pat e? ipr niept gelungen 
fiep ben ©intritt in bie ©efeüfpaften be? popen Slbel? p öffnen. Sie 
ift, ßabe iep oft pören müffen, nid)t reip, niept gefpmeibig genug, bi 
©pradje be? Umgang? ber feinem Sßelt p fein." 8n fparfer Mmeifum 
folper meit uerbreiteten Slnflagen fpript ©onnenfel? bie Ueberjeuguni 
feiner Streife baßin au?: „©in «Dtenfp, ber fäpig ift, Sergleipungen pifper 
©prapen anpftellen, meiß ba? ©egentpeil ... Sei ipm alfo roirb biefe 
Sormanb nie gelten, ©r mirb nielmepr p fip felbft fprepen: fie fpätnei 
fip, p geftepen, baß fie ipre £anbe?fprape p menig fennen, um fie ju 
©pradje be? Umgang? p utapen; unb fo bemänteln fie ipr fpmape 
Stenntniß burp bie Seraptung." ©ociale? ©trebertpum beroirfte foga 
meiterpin, baß bie obere ©cßidjt be? Sürgertpum? e? bem Met an Ser 
tnenbung be? granjöfifpen unb bamit oermeintlip an Sornepmßeit gletcp 
tpun mollte. ®ie «Woralifpen «Sopenfpriften, bie pm guten ©pei 
«Könnern ber ©eutfdjen ©efettfpaften entflammen, paben mit befonberer 
KapbrucE ben Stampf gegen biefe Verleugnung ber Kationalfprape auj 
genommen. ' 

Seiber fndjte bie grauenroelt in biefer oornepmtpuenben grangöfele 
ben Scannern ben «Rang abplaufeit. Mbererfeit? mar ba? roeibtipe @e 
fcßledjt fdjon burdj feine ©rgiepung gegen einen pieitcn geinb gefeit, melde 
ber beutfdjen ©pradje üt ©eutfplanb felbft genäprt mürbe. Seopotbin 
fiaunip, bie ©djroiegertopter be? 9icicfjtaug 1 er?, behauptet oon bem öfterj 
reidjifdjen Mel gerabep: „«Kan finbet bei un? oiele grauen, melpe bi 
Settüre lieben unb fidj p unterrichten tracljten; aber e? giebt nur menig 
«Känner bei un?, toeldje fid) bartttn tümmern; bie meiften fpötteln, roem 
man ein gute? Sud) lieft . . . ®a? tommt baßer, raeil fie in iP re 
Qugenb nur lateinifdje Süper in bie §anb betontmen unb ipre $e 
mit einem abftoßenben, tangmeiligen ©tubiunt au?gefiillt i|t." 






Die Deutfdjen (Sefellfdjaften bes ad^e^nten ^atjrfjunberts. 


229 


Nicht riet anberS lagen bie Verfjäftniffe in bett übrigen beutfdjen 
lauen. 3>ie seitlich leiste Seutfcjje Gefetlfchaft, bie su Mannheim, bezeichnet 
oä) 1787 ben non ihr norgefnnbenen guftaub fd;arf untriffen: GS war 
ie feinere 2Bett unferer Stabt, sunt Xljexl in granfreid), meljrentheils non 
teinif$en Schullehrern ober fransöfifdjen gofmeiftern unb gofmetfterinnen 
•Sogen, gewöhnt an bie fransöfifcbe Sprache, unter bem Singgepräitge 
alienifcher unb fransöfifdjer Schaubühnen aufgemadjfen, umgeben non auS; 
ubifchen Zünftlern, Gelehrten unb gofleuteu, meiftentfjeils befannt mit 
m Nieifterftücfen biefer Nationen, burch bie gefdjmadlofe Schreibart ber 
mtfdjen Sdjriftfteüer noriger Seiten mit Vorurtljeilen miber bie jepigen 
ngenommen. 

Sunächft galt es alfo nadj adebent für Nnwenbung ber beutfdjen Spradje 
t Stelle beS wettmännifdjen gransöfifdjen unb ber lateinifchen belehrtem 
pradje su wirfen. ©aß nur ein gutes, gelenfigeS unb elegantes $)eutfdj 
iefe mächtigen Nebenbuhler nerbrängen lonnte, liegt babei auf ber ganb. 
>ie Ntannheinter Gefedfdjaft rühmt [ich benn and), bafj manche ihrer 
iitglieber „in bie «galten ber NedjtSgelehrfamfeit unb SöettmeiSheit, ber 
ternfunbe unb ber GotteSgeletjrttjeit burd) ihre Schriften Verfeinerung beS 
efdjmadeS, Neinigfeit unb giert icfjfeit ber Schreibart" trugen, ja, ba {3 
m ihnen bie ^amerat^iffenfdhaften, gauS; unb Sanbtoirthf$aft, bie 
rsenei unb Äräuterfun&e, bie Natur;, SBett; unb VaterlanbSgefdjidjte 
d)t nur SBerfe ber Nufflärung, fonbern auch Grftlinge ber nerbefferten 
pradje unb Nechtfdjreibung erhielten". 2)a mürben in ben GefetlfdhaftS; 
mngen — wie s* V. 1756 in getmftäbt — bie £h ema ta erörtert: „bafj 
w NedhtSgelehrter Gelegenheit genug habe, ftdj um bie beutfc^e Spradje 
rbient su machen," ebenfo: „ba§ es erlaubt unb nüptich fei, bie Nrsenei; 
Irtljrtljeit in einem beutfdien bleibe nuferen Vrübern norsutragert;" ober: 

)ie Vorteile, bie ein GotteSgelehrter non ber beutfehen Sprache erhält" 
bergt. — 

Schon infofern führten banadj bie SDeutfäjen Gefellf(haften ihren Namen 
11 t Necht, als fie bie beutfdje SNutterfpradje im täglidjen ßeben mie in 
ir SSlffenfdhaft roieber s u unbefdjränfter Geltung bringen wollten. Nber 
debe beutfehe Spraye? bie beS NorbenS ober beS SübenS? bie non 
'acbfeit ober Defterreich ober gar non ber Schweis? gft es bodj ein nodh 
irner ni^t gans anSgerotteter grrthum, bajs mit SutherS Gingreifen bie 
lauhlidje Ginigung ©eutfchlanbS im SBefenttidjen s um Nbfdjtufj gebradjt 

• aus ober; unb mittetbeutfdjen Glementeu gemtfe^te hodjbeutfdje 
^meinfprache war in SNittel; unb Norbbeutfchlanb ziemlich weit burd); 
Prangen; aber ber fatljolifche Süben unb Defterreid) fowie bie potitifdh 

^ e utfc6en StaatSförper geriebene Schweis ftedten in ber erften gälfte 

* a $Wuten gabrbunberts noch tief im 'Sdaleft; unb fogar im gersen 
j3utf^lanbs war bie gerrfdjaft ber h oc hfr e utfd)en Schriftfpradje nidjt be= 
njung§tog feftgelegt. Selbft bas Gntbrpo ber £)eutfd)en Gefedfdjaft in 




230 


(Eugen IPolff in Ktel* - 

Seidig, bic ©örlifcifcbe Boetifdje ®efettfd)aft, legte allen Hebungen bie 
fdjlefifcbe, bejiD. laufifefc&e (ötunbart ju ©runbe unb lieg Später baneben nur 
bie oberfädjfifcbe (meiBnifcbe) 51 t. ©emgegeniiber forberten bie neuen @e= 
je^e ber nuntnel)tigeu ©eutfdjen ©efettfcbaft non 1727 fategorifd): „Dllan 
fott fid) attejeit ber (Reinigfeit unb (Ridjtigfeit ber Sprache befleifeigen; b. i. 
nidjt nur alle auStänbifcben Sßörter, fonbern auch alle beutfcben unrichtigen 
2 lu®brücEungen unb tßrouinsiabDtcbengarten nermeiben, fobafj man webet 
©djlefifd) nod) 2Reifinifd), roeber gränfifdi nod) (Rieberfäcbfifd), fonbern rein 
£ocf)beutfd) fdireibe, fo roie man e® in gans ©eutfdjlanb nerfteljen tann." 
2 lber felbft feist muffte in beu 9 ieimen noch eine geroiffe proninsiette grei 
Ijeit jugeftauben inerben. 

gjtit eiferner ©ncrgie unb geroifj nicht ohne SSefdjränftbeit ^at namentlid 
©ottfdjeb bie ®eutfd)en ©efettfcbaften in erfter Sinie p Borfäntpfern bei 
§od)beutfcben gemacht, ©r fdiofj weit über ba® Siel, wenn er alle ©ialefti 
gerabcju ouäprotten fudjte. ©afe bie ©pradje unmittelbar als SJhmbari 
empfangen ift, abnte fein Sfrei® ebenfo wenig wie bie Bebeutung be 
gjtunbart aud) at§ Jungbrunnen pr ftänbigen ©rfrifdjung unb Beteicbetun 
ber Sdjriftfpradje. ©efto fcbnetter erreichte er fein 3«l. ®ie ©eutfdiei 
©efettfcbaften aller Orten legten minbeften® im fßrinjip bie tjoc^beutfc^ 
©cbriftfpradje ihren Hebungen p ©runbe unb uottbracbten pgleidj ein 
mirffame (ßropaganba im ©ienfte ber fprad)lid)en @inigung ; @0 wirb ii 
ggapent sugteid) mit ber Begrünbung ber 2lfabentie ber 3 Biffenfd)aften bi 
gorberung biateftfreier ©pradje erhoben. 91id)t ntinber nehmen bie fei 
©ottfdjeb® SBefucb in ttßien (1749) regen ©rörterungen über eine faiferltd) 
Sifabetuie auf bie pflege ber reinen bobbbeutfcben ©emeinfpracbe SBepc 
©® wirb 51 t bereu ©infübntng — faft möchten mir fagen: p bereu Jmpo' 
— bie Berufung eine® ©adjfen norau®gefehen, „ba in beu öfterreidjifdjei 
baperifdjen, fdjniäbifcben unb anberen fatboftfdjen beutfcben Säubern, n 
mau eine unangenehme 2tu®fprad)e habe unb fich aud) ber (Ridjtigfeit 1 
ber Schreibart nicht befleiße, wotjl fein Sehrer aufjufmben fein bürft 
roeldjer bie nötl)ige (Reinheit in ber beutfcben ©prad)e beiifjt." 

Befonbere Berbältniffe fdjeinen in ber ©ebroeis norsuliegen. $ 
geßbe, roeldje non beu Siiridjer Kunftridjtern Bobtner unb Breitinger gegi 
©ottfdjeb über äftbetifdje (ßriitsipienfragen geführt rourbe, bat inbefs bjj 
gleid)seitigeu fpradttidjen änfdjluß ber Schweis an ba® mittlere ©eutfc&lm 
nicht aufgehatten, in geroiffem ©iune felbft befdjleuntgt. .Buriädift tnüff 
mir in sinfdltag bringen, baß in Bern unb Bafel ©eutfebe ©efellfdjaft 
auffamen, bie, unabhängig non 3ürid), fpradjlidje gütjlung mit Seip; 
fudfen. ©er Stifter ber Berner ©efettfefjaft, ein ©d)üler ©ottfebeb®, I 
Seidfuet bie 3roede berfelben gans in fotdjem Sinne, ©ein eifrigster Bert 
©enoffe entfc£»ulbigt bie Sprache feiner Schriften auäbrüdtid) bei ©ottfdp 
„Sinb folcbe nicht mit ber (Reinigfeit getrieben, roie Sie wobt roünfd) 
fönnten, fo bitten roir 5 U gebenfen, bah e® ebenfo ferner fei, bie beutf 




- Die Dentfdjen (SefeHfdjaften bes adjtjehnten 3al)punöcrts. - 23 \ 

pradje in eine gängige (Einförmigkeit 51 t bringen, ab§ e§> benen ©riechen 
toefen, bie gleiche ■üttunbart in einem weit feineren Sanbe in gleite 
egetn p binben." ilnb bie ©efellfdjaft fetbft fdjreibt bent tonangebenden 
leipziger Spracbmeifter: „(Sn), ßocbeblen geben un§ pgleid) an bent Qm 
ilt 3b rer ^ritifdgen Unterfudjungen ein 9Jiufter an bie «ganb, mie man 
ob)i beurteilen unb pr ^eintidtfeit unb ^iertitfeit ber (Spraye gelangen 
nne." Reinheit bebentet biefer Beit immer ba§ greifein non biaieftifdjen 
puren. Unb biefent gbeal fud)en fid) auch bie güridjer attpttabern, 
bent fic gagre lang ihre ©Triften au^brüdltdj nad) Seipjig p fpradjKdjer 
)rreltur fenben unb bie au§ ©ottfdjebS $rei<§ ihnen pfontmenben geit« 
eiligen Mahnungen mie norberrfdjenben Angriffe für bie SSernofffammnung 
rer (Sprache fel)r raeit beherzigen. Die Deutschen ©efellfdpften 1)aben 
gar in ber Sd)wetg eine befonber3 grobe 2lu§bebnung gewonnen, infofern 
e ftnbirenbe gugenb p 53ern, Sürid) unb 33afel ficb gleidjerweife p* 
mmentb'at, „um ficb eine fließenbe unb reine Schreibart p erwerben". 

@3 leudjtet ein, bag fotege wöchentlich betriebenen Hebungen bie ©e= 
anbtbeit int münblidjen unb fcbriftticben 2 lu^brud wefentlid) erhöben unb 
ud) auf biefe Steife eine Söernollfommnung unferer Sprache berbeifübreit 
tugten. 2 öie bie ftacbridjt non ber Deutfdjen ©efellfcbaft in Seipgig be= 
utt, legte man auf bie fßrofarebe mit Sftedjt böb^e§ ©emid)t als auf bie 
oefie, unb auch bie ntünblicbe 33erebfamfeit fanb in allen Deutfcgen ©e* 
llfcgaften eine Stätte. Dft febwebten unmittelbar pra£'tifd)e gwede nor: 
e angegenben unb jungen ©elegrten wollten ficb für igr 3lntt auch nad) 
efer, im afabemifdjen Unterricht meift nernad)läffigten DUcgtung norbereiten. 
fit befonberer Stnfdpulicbfeit fprid)t ficb über 3Xrt unb ©rfolg biefer 
ebungeit ein 9)iitglieb ber Deutfcgen ©efettfegaft in 23ent, griebrid) non 
inner, auS: „Anfänglich übten wir uns in Ueberfegungen, hernach nad) 
beS Sßilltür, in Sieben, Differtationen n. bergt. Solche würben perft 
r (Eenfur eines ber gefdjicfteften Eöiitgtieber, gemad) in ber $erfamntlung 
-r Seurtgeilung aller ilebrigen unterworfen, alle fehlerhaften Stellen nad) 
mt fDtegr ber Stimmen nerbeffert unb bei btefen ^Beurteilungen fowobt 
e Spracip als SBoblrebenbeitSregetn nad) bent ©efdjntade ber beften 
'ittfdjen Sprachlehrer biefer feiten in ihren Duellen p fftatbe gezogen. 
0 würben wir alle unterrichtet unb aitgefrifcbet, p $aufe burdj gut 
iSgewäglte Seftüre uns p üben. Aid)t minber würben and) in benen 
erfammlungen gute neue 3ßerfe öffentlich gelefen, barüber biffertirt unb 
fo je einer noit bent anberen belehrt. 9ttan übte fic§ and) nach) bent 
ebrauege aller folcger ©efeüfdbaften, bei frifd)en Annennungen, S3eförbe- 
ntgen u. a. Vorfällen, Sieben unb DiSlurfen aufpfegen, bie nad) gefegebener 
^lefung ebenfalls wie oben beurteilt unb nerbeffert würben. — EDtan 
'trefponbirte auch mit anberen beutfeben ©efellfcbaften in Deutfdjlanb mtb 
^er Schweig: fnrg, wir liegen uns biefe nügltcge unb nötige $e= 
pftigung nerfegiebene gagre binbnrd) fel)r eifrig angelegen fein, unb niete 




232 


(Eugen iUolff in Kiel. 


unter uns fjaben bie grillte biefer Arbeit bte übrige Seit ihres Sebetts 
in geiftlidjen als weltlichen Vefdjäftigungen reichlich ejenoffen." 

Neben ben meift für (belehrte befümmten £)eutf<hen ©efellfhaften 
ftiftete ©ottf^eb befonbere Stubentennereine jnm betrieb ber SBerebfamfeit 
feine S^ebnergefetXfhaften. Tantal» war eS üblich geworben, „aus (Sotlec: 
taneen ober mit Sinnbitbern ober burd) allegoriföe Vergleichungen gi 
reben": biefer fdjematifdjen, nerfünftetten Sanier fudjte man eine natür 
tidje, freilich oft platte, jebenfalls aber fachlichere Nebeweife entgegen 
pftellen. ‘Die Körner nnb granjofen f$ webten als dufter nor. Dii 
Schwerer fanben ni<ht ganj mit Unrecht, baß bie Seipgiger bamit nur eir 
Schema burd) ein neues abgelöft hätten: ,,©S lägt nid^t anberS, als ob fi 
norher eine Saht Schönheiten ans geiftreichen Schriften gn Rapier gebrad) 
nnb ben Vorfaß gefaffet hätten, folcße in bas ©ewebe hinein§utragen.' 
2X6er bie dufter ber Deutßhen ©efellfdjaften brangen bei allem ^ßattjo 
auf Klarheit anftetle ber früher gefliffentlid) erftrebten bnntetn Verfliegen 
heit nnb auf ©elenfigfeit anftette beS n er fdjnörf eiten ÄanjleiftitS. 

Vebeutfamer nod) ats für bie roetttidt)e Verebf amfeit marb bie Df)ätig 
feit ber ©ottfdjeb’ßhen ©efellf»haften für bie geifttidf)e Verebfamfei: 
©ewiß ntadfjt fich gerabe hier bie Nüchternheit beS Nationalismus ur 
angenehm gettenb; jeboef) es gefd)ah ber entfeheibenbe Schritt non ber oei 
fnöcherten Nfethobenfünftelei hinweg. Da waren norbem attegorifhe un 
fdjematifdje Sdjäße, medjanifdje gädjer nnb Negifter, bie man nur § 
burchtaufen brauchte, um auf gute ©ebanfen gebracht §u werben, fowie eir 
fpißfinbige Drbnung nnb ©intßeilung ber ©ebanfen, bie ihrerfeitS möglich 
bunfet nnb unfaßbar §u fein ftrebten. ©ent gegenüber forbern bie Deutfdje 
©efellf «haften, baß aud) ber geiftttdje Nebner atteS Dunfte nnb Schwei 
erläutere nnb bie ©emüther burd) VewegungSgrünbe teufe. 3h^ $rebig 
methobe ift in jebem Sinne vernünftig: mehr Sogif, mehr gaßti# 
gewinnt nun bie geifttidje Verebfamfeit jebenfaüS. itub nicht nur b 
eoangelifche. Namentlich nod) in Venebiftinerf reifen DefterreichS nnb Vapew 
machen btefe Veftrebungen ©poche, wie fich ja in biefem Drben and) eil 
beutfdritterarifche ©efeüfdjöft bitbet, bie mit bem führenben ©ei|t bi 
proteftantifdhen Deutßhen ©efellfdjaften atsbatb güßtung fudjt. 

$Diefe Veftrebungen nach Natürtid)feit nnb ^orreftljeit beS NuSbruö 
faßte bie ©öttinger ©efellßhaft in ihrem V>at)tfprud) Jufammen: „U 
gezwungen nnb richtig l" Die überall in 2öort nnb Sdjrift erhielte © 
tenfigfeit, fo viet £oljf<hntttartiges ihr noch anhaftet, würbe §ur wirffame 
fogar unerläßtidjen Vorbereitung ber fpäterert ftaffifd)en ©efdjnteibigfeit. 

Ntandjertei weiter auSßhauenbe ^ßläne, bie ans ben fpradjtidjen ©ruit 
§ügen ber Deutßhen ©efetlf(haften heroorgingen, reiften nidht $ur Vottenbur 
Swar bie riet geforberte ©rammatif, bie, allgemein nerftänblich ui 
bran(hbar, bem neuen Spradjftanb entfprach, hat ©ottfdjeb allein 1748 
feiner „Deutßhen Spradjfunft" geliefert. Nb er febon baS Veifpiet b 




Pie Deutfcfjen (Sel'eHfcfyüften i)es adjtjefintcn 3al)t(|tmi>erts. _ 233 

franjöitfchen ättabemie rotes auf bie Unternehmung eines ©eutfchen 
BörterbucheS hin. $as rourbe jebocfi au* au fich im korben roie im 
Jübeti, in ber reforntirteu öchroetj roie iu öfterreichifdjen filöftern als 
IringenbeS Sebürfnih empfunben. ®er fpradhliche ßorreftor «BobmerS 
•tauber in Setpjig, forbert es; ©ottfcfjeb 6efd&äftißt fidh fortgefe(rt mit bem 
lebanEeit, fein beutfclplitferarifcber fjreunb, ber 53enebiEtiner=5pater ißlacibuS 
[mon in 2ME, beginnt mit ©ifer unb umfaffenber Sachfenntnifi bie Stos- 
ibrung. Spreng, ber Stifter ber SaSler ©efedfdpft, und freLK* Me 
)euttdien ©efedfchaften ber Schroeij meinen, um nur „bie ben Steuern 
gnen uub geübten ®eutfdjen anftöfige SBörter unb dfebenSarten jufommen« 
(tragen unb mit beigefügter reiner SerbeutfcTjung, unter bem kanten 
ueS hetuettfchen HBörterbucheS, feiner Seit herauSpgeben". So Meinen 
tun and) aitberer Drten bie Sonber^roecEe noch norgeijerrfcht in haben 
BenigfieuS behauptet baS Drgnn ber älltborfer ©efedfchaft 1762- gjtaii 
it ben Sorfchtag getfjan, bie ®eutf<hen ©efedfchaften fotten fidh oereinigen 
m tu biefer Söerbinbung ein beutföheS SBörterbudh liefern p Eönnen! 
ttan las ihn, aber roeiter tljat man nichts. Schier ift es eben fo gut: 
;itn man hätte lieh bei bem 3ufammentreten ganj geroifj über baS SireJ- 
irium gekantet, unb perft roohl über ben Drt unb bie Strt beS ßongreffeS. 
iahten hätte anher ^roeifet granEen, Schroaben unb oor adern bie tßfals 
m ber SöefchicEung beS ^ongreffeS auSgefchroffen ic." Qn ber ®[,at roar 
:e 3eit noch nicht erfüdt, baS fpracbeinigenbe Sanb noch nicht feft genug 
migt. 2Eu<fj ift ein EtaffifcheS ®eutfdjeS ÜBörterbuch erft nach bem um 

e SDtitte beS oorigen 3ahrl)unbertS angebrochenen titterarifeßen Reitatter 
Löglic^ geworben. 

3)iefe^> nidjt nur burd) 2Iu§M(bung ber ©pradje, fonbern audj burcfi 
rregung ooti titterarifdjem Qntereffe thatfräftig oorbereitet nt haben 
et6t ber «Ruhm ber ®eutfchen ©efedfdjaften. 

.^ ein aur ' ’ f|reu ätthetifhen SBertfj geprüft, forbern bie hanbroetfs-. 

aßtgen Reimereien, roie fie aus ben ®eutfchen ©efedfchaften heroorgingen 
im roeit «herrotegenben STtjeit IDfitteib ober Spott heraus. 2lber nicht 
lern ober auch nur in erfter Sinie unter biefeni ©efichtSroinfet taffen ü<b 
e poetpehen Söemülmngen ber uns befchäftigenben ©efedfehaften gef<hi<ht= 
? ro “ rbl 9 e »- 3tbgefehen roar eS oor 2ldem auf tBettjätigung beS Iitterari= 
Jen ^ntereffeS, auf Uebung im HuSbrucf ber ©ebanEen unb ©efülile, auf 
teranicfie SßfEege unb iJ'ereblung ber -Dtutterfprache. 

Iderbings rourbe ber SDtafsfiab beS 2Berthooden unb titterarifch roirE= 
t) öUrechmmgSfähigen ^ oorübergehenb arg oerfcfioben, inbem man fidj 
gen|eittg als gro|;e, jebenfadS als ernft p nehmenbe dichter fom= 
tmentirte. ©roteSE genug führt fidj fchon ©ottfeheb 1724 in bie Seipjiger 
' d. mi i einem „älnpgSgebidjt" ein, baS ben bejetdinenben ®ite£ 

• ; ",i uer 9 ebe nä unternommene ^Dämpfung unüberroinblicber poetifcher 
Jud) frappirt baS heute nachprüfenbe 2luge in ben Sammlungen 

n«rb unb Süd. IO. 296. ,n 




23^ 


(Eugen XDolff in Kiel 


foldjer poeti^en ©efettfdiaftsübungen bie gütte von gewöhnlichen ©elegeiw! 
beitsbwhtungen, bie bort bie ©önner* unb ©evatterfdiaft »cm ber SBiege 
bi§ tunt ©rabe begleiten. Unb bodj glaubte tief) bie Seipjiger fpeutfdie 
©efettfdjaft gar riet, als fie bei ihrer 9feorganifation „gemeine 
u. o. berat. Serie" auSfd)lo&. ©benfo eifert int erften Sanb if,ret 
©ebriften bie Sorrebe gegen bie in ber 'Uioefte üblid) geworbenen bloßer 
©litcfmünfcbe unb SCrauerfchreiben: jrnar feien ne nt^t ganältcb ju »er-, 
werfen, aber man muffe non ihnen wenigftens einen jri&att forbern, bei 
über bie blofje Serberrlichung einer beliebigen unbefannten 
hinausgehe, uielmehr eine beftimmte 2Jtatene als ©eljalt vn Wh fÄ 
2Bie troftloS übe muff bie SJtobepoefie im erften Stertel beS achtphntenJjahr 
hunberts gemefen fein, wenn bie mittetmä|igen Serfwhe ber Serif** 
feüfchafter fidj bem gegenüber als ncrgefdjrttten fühlen tonnten. Jttd) 
mittber hotten bie neuen ©efehe ber Seipjiger guten ©runb, ben grafftrett 
ben geholtlofen gormenfünfteleien Sttmt unb $bor SU verfd)liefsen: ,,©hyono 
fticha Mrofticba, Stnagrammata, ©edfftineü, Duobltbetc, «Rtngelreinte, Sil e 
reime, mit SBortfpielen angefüllte ©inngebichte, u. a. bergt, poettfd 
ajjiffgeburten follen aus ber ©efettfehaft güngüd; verbannet fern. 

2ßaS ber ©efettfehaft ber höhere Sion, bem fie fi<h pwenben mottt 
hiefe, wirb halb tlar. 3« [ihren „Oben unb Kantaten non 1738 ha 
baS I. Sud) — mie bie Sorrebe auSbrüdltd) jugefteht >e -ob* ur 
öelbenlieber auf gefronte unb burd)taud)te Rauptet in ndj. ®as . Su 
ftettet lauter ©tücfe bar, bie auf ff$erfonen aus bem hohen unb nute 
Slbet verfertiget tvorben. 3m HI. Sud;e tvxrft ®u (Sefer) auf b 
Wittelftanb, von verriebenen ©attungen, ©ebtdjte 
IV Suche tverben biejenigen Sieber erfchetnen, bte «jetls von alter 
freien unb gteichgiltigen Materien fmnbeln theijs auf^ttglteber ber 
fettfdjaft abgefaffet tvorben." ,3« ben „fielbenltebern beS I. SucheS c 
hörte benn j. S. eine Kantate auf ben StanenStag beS Surfurften v 
©achfen, ans bem 3ahre 1735; biefe von ©ottf^ebS getreustemSfr 
fnappen ©djmabe herrührenbe Seiftnng nimmt gleich tn ber erften Urte 

tollfüfmften Anlauf. 

brüttettben Bonner, itjr rauföenben fetter, 

@d)recft f)eute bie freubigen Stnben nur nidfjtl 
Xxeue §er§en 
2Men fcfjeiw 
S^re 23ruft 

sauft w ßuft , . 

2)en fdjmeictjelnben 3 e bt)W, ba§ betterfte 



3Bie wenig betjer^igen manche Oben unb Kantaten, u>a§ iw 
biefe§ ganzen titterarifefjen Greifes ein anbere§ ©ebicbt forbert: 

»ein Sdjmulft, teirt bürftig $ßra$en _ u 

DJiufe ben gedrungenen steint mit buntlern Silbern malen. 





Die Deutfcfyen (Sefellfdjaften bes ad^epnten 3af}rfjunberts. 


235 


2Bo bie Roefie ber Oeutfdjen ©efeüfdjaften aber ber Berftiegenheit aus 
)cm 2Bege get»t, wirb fic meift niebrig platt, £ief 3 ihnen bod) bte Hunft 
lidjts RitbereS als nüchterne Raturnadjahmung: 

„(Sin 2Mer unb Boet mufc bte Ratur öerftefjen, 

Unb feinem ift’8 erlaubt, öoit biefer abjugeben. 

3e beffer Ou fie triffft, je beffer, glaube mir, 

3ft teilte ©djrift ein Btlb, je größer toirb bie Ster." 

@3 ift noch gar nid)t genug beamtet, tute riet BerührungSpunfte bie 
leutige naturaliftifdje Ooftrin mit- ber äfifjetifdjen S^fjeorie ber (Sottfcheb’* 
c^ett Seit aufweift . . . 

liefern §ang zur Ratürlidjfeit lieg man befonberS audb in ben 
äuftgen «gochzeitSgebidüen unb Strofüranz^Reben, bie non ber Seitfitte für 
»en borgen nach ber Hochzeit beftimmt waren, bie Sügel fliehen, 
fingt rüie Selbftparobie, mentt bie Reufränfifdjen S e itungen, baS Organ 
iner f$er$afteit engeren Safelrunbe aus ber Seliger ©efellfä)aft, in 
atirifcher Saune bas angebliche Beoorftehen einer ftarfen (Sammlung 
,$oetifd)er SSünfdhe, bie nichts gefruchtet", anfünbigt: „Sur angenehmen 
Seränberung unb pnt Vergnügen ber neugierigen Käufer hat er nodh 
5000 ©lüdtnünfdhe aus aüerbanb «gochzeitgebidüen angehänget, um zu er« 
peifen, wie fruchtbar bie Einfallsfraft ber Roeten im RuSbrud biefer 
innigen SafeeS fei: bag bie Braut mit ber Seit einen jungen Sohn ober 
Mjter zur SBelt gebären möge!" Qu berartige banale Sßünfche unb 
pielungen münbete jebeS ©ebidjt foldjer 2lrt unfehlbar aus. 

Saffett fidj fomit non ben oerfd)iebenften Seiten gegen bie beutfd)* 
efettichaftlidjen Reimereien h^uothpeinlidhe Bebenfen erheben, fo trugen 
ie litterarifdjen Bemühungen biefer Greife hoch baS ßorreftto in fi<j£j, weil 
e gleichzeitig ben Sinn für Äriti! roedten, um ber eingeriffeneu äftfjeti^ 
heu Anarchie nad) ihren freilich fdbwachen Kräften zu fteuern. «gumoriftifdh 
ejeichnen wieberum bie Reufränfifdjen Sütuugen, in melier ^ofition man 
4e ©egner faf> Sie geben in gewohnter SBeife nor, einen neuen Rutor 
inzuführen: „(Sr wirb bttrd) eine unerhörte etpmologifche (Srftnbung geigen 
mb bemonftriren, bah ein Roet alles machen jfönne, wie er wolle, ohne 
A ött jentanbes gürfchrift zu f ehren." 

Reben ber Rrobuftion war oon oorn herein bie ffxitil ein wefentliche» 
dement ber ®efelffcbaftSübungen. Schon bie nach mancher Richtung nor^ 
übliche Seutfdjübenbe ©efeÜfchaft in Hamburg beftimmte, bah über bie 
•erlefenen Stüde „ein jeber feine ©ebanfen auf eine glimpfliche Sßeife 
l)ne alle Rcoquerie frei eröffnen, hmgegen ber Slutor bie Anmeldungen 
ine§ jeben ohne Berbrujz anhören, freunblich beSljalber fonferiren, feines* 
oeg§ aber flattiret zu werben prätenbiren foü." „Qu Ermangelung felbft* 
enmehter Sachen" war es überbieS geftattet, „RecenftoneS alter unb neuer 
3ücher oorzutragen, „infonberheit, welche unfere Sprach', Rebe* unb £idjt* 
unft, ober and; £eutfcblanbeS Altertümer unb ©efchichte angehen." Rieht 

16* 




236 


(Sugeu IDolff in Ktel. 


minber heben felbft bie in ber Sd)wer ö er gugenb auf (gerichteten ©entfielt 
©efettfdjaften als ihre £auptabfid)ten hetnor, „bafj unter ihnen bie beutfdie 
(Sprach, bie äritif, bie 2M)(rebenheit unb Oidjterei falten erlernt (!) unb 

getrieben werben." rr _' r , 

©ie Beiträge zur fritifchen «©xftorie ber beutfdjen «Sprache, Boefte unb 

33erebfamfeit bezeichnen fid) auSbrüdlicf) als h erau -9 e Ö e ^ en 1)011 einl Ö eit! 
üftitalieberrt ber Oeutfdjeu ©efettfdjaft in Leipzig. Oicfe 11011 ~°^ er an; 
aeregte halb non ©ottfeheb allein herausgegebene 3eitf<$nft ift als erfteS 
beutfcheS Organ für wiffenfdjaftliche Behandlung titterarifdier Themata zu 
betrauten. Oer bantaligen tammherzigen Seit fd)ten bie Mixt fogar non 
©ottfdjeb unb feinen ©enoffen z u f$ ar f öefjanbljabt. e>o fdireibt if;m 
evohann gabricutS bereits 1735: „gn Hamburg habe id) non ben bangen 
©eiehrten bie adergünftigften Urtbeile non ben Bemühungen ber Oeutf^en 
©efettfdiaft nernommen. Taxx waren fie mit berfelben in ber 2lrt, bie ges 
lehrten Ohorljeiten lächerlich zu machen, nidjt einig: benn fie Khien \§m 
non ben Regeln ber Satire bisweilen abjuweichen, unb fie glaubeten, baf 
bie ©efeUfchaft fid) baburch niete geinbe madjen würbe. Ood) fam es um 
aud) nor, als wenn einige unter ihnen feinen ©efdjmacf non einer reih 

lebhaften Sdjreibart hatten ..." t ' 

Unter ber Bezeichnung ^ritif gingen in ber erden ßalfte be^ ad)t 

lehnten gahr'hunberts and) alle Unterfuchungen noch, bie wir heute — na 
BaumgartenS Borgang - äftbetifd) nennen würben hat, m md) 
- ut Klärung ber «Dleinungen, io jedenfalls jur äluSbitbuug non iOieinungei 
unberechenbar beigetragen, bajj nun non Siet bis Bern an allen Stattei 
geiftigen Sehens faft attroöcbentlid) ä«etifäe (Erörterungen gepflogen würben 
g u biefen Girteln eutfpiunen fid) befonberS gerabe burdj (eibenidiaftltai 
äfttjetiidie ©isfuiiionen bie Borbebingungen beffen, was wir Pas litterarndi 

Seitalter beS beutfdjen BolfeS nennen. .„. Yr - , ,„ w 

ÜJJan tefe ®f)emata, wie fie in ber ®eutfdjen ©e)ell|djaft ju $etm|tab 

bebanbett würben: Db bie Sefung ber «Romane einem grauenjirnmer V 
trägtid) fei — baf; ber btütjenbe 3 u Ü ftu P ber ®id)tfunft jeberjett au et 
fitfiereS 3Rerfmat non bem gtor anberer fünfte unb SBiffenfdjaften angefebe 
werben Ißnne — Db bie «Ratur für fid) felbft ober bureft ben 3«f“f5.be 
fiunft nuferen Singen reijenber fürfomme — Bon ber Aufnahme ber ®«h 
fünft bureb bie ©unft ber ©rofeen - ®af; bie ©d)aubübne ben » 
unb bie ©bre beS Staats förbere — ®afe bie fd)önen 2Btffen|d)aften be 
«Reis beS grauenjimmerS nermefjren — Bon ben Bortbeilen unb Stnnebm i 
feiten, welche man aus fleißigem Seien beS fiomerS fdjöpfet - 
©utaditen non gewiffen Borfditägen jur Berbefferung ber beutföen fittdjei 
lieber nad) ben Siegeln ber beutfden Sprache unb ffßoefic ^a . 
3Bertb einer gelehrten ©efettfd)aft nid)t allein nad) ber «Wenge tb«t beraw 
gegebenen ©griffen, fonbern nad) bem «Rufeen, ben ne bem Staate u 
ber «Seit nerfebafft, ju beurtl)eilen fei u. bergt, mehr. äbenn wir |on. 





- Die Dcutfcfyen (Sefettfd}aften bcs ad]t 3 el]ntcn 3 a ^ r ^ u nberts. - 25? 

Stoffe, wie fie aller Orten in Fülle behanbelt mürben, nor nnferem 2luge 
lernte paffireit taffen, geminut nnfer ©inbruc!, bajü liier bie Sitteratur in 
■ien SZittetpünft einer SBelt gerüeft ift, einen feften Quljali. 

gur näheren ©harafteriftif ber nun auffommenbert äft^etifc^en ©is= 
uffionen überbliden mir bie midjtigften ©egenftäitbe, bie in ben (itterarL 
:ljen ©efellfdjaftcn ber Sdjroei^er afabemifdjen Sngertb §ur 23efpredjung ge* 
äugten: ©aS Sob ber ^oefie — SSerfudh einer ÜBert^eibigung ber ©rflärnng 
»er $oefie, bafi fie eine Zadjahmung ber Zatur fei — $erfud) eines» SBe* 
aelfe», baß bie poetifdje Sehrart bie befte fei jnr ^öerbeffernng ber Ztenfdjen 
- $erfud) einer SSertheibigung beS ©ebrandjs ber Mtif in ben frönen 
iSiffenfhaften — 23on ber poetifdjen Schreibart — ©iScurS non ben 
toören in ben ©rauerfpielen — ©runbfäfce einer benifchen lieber fetmng — 
•ritifche Unter fudjmtg ber Frage: moher es fontrne, ba§ man heutigen 
~ageS fo niele, aber fo menige gnte beutfdje dichter fehe n. f. f. 

So gering baS eigene poetifdje können ber meiften ©eutfd) 5 ©efefl- 
djafter mar, mufi both heroorgeljo&en merben, ba {3 fie theoretifd) in ihren 
fthetifdjen llebergeugungen &um guten ^heit über bie berüchtigte 33er* 
läfferung ©ottfdjeb’fdjer Dbfernanj §inan§getangten. Schon 1734 finbet 
Mfdieb ©runb gum Slrgmohn gegen bie nädjfte Schmeftergefeltfchaft in 
?ena, beren Anfänge bis in baS Fahr 1728 ^urüdgehen. Sßie man 
antals fein „mit Sdieere unb Meifter" gufammengeftüdelteS erfteS 
Driginalbrama", ben „Sterbenben ©ato", nicht oljne äöiberfpritdj hin- 
ahnt, fo näherten ftd) bie Qenenfer in ber Sitteratnrfehbe ben Süridjern. 
Manche fpätere ©efellfdjaften, mie bie 51 t «getmftäbt unb 31 t Zltborf, fteljen 
feoretifch burdjauS auf bem SSob'en ber norgefchrittenen ©idjtung unb be* 
.nmbern bie Malier, ©eitert, £agebont, Qohamt ©liaS Schlegel, gadjartae, 
dopftod, SBielanb unb fogar ftellenmeife fdion Seffing. Slnbere juchen, 
ei aller Sluerfennung non ©ottfdjebS fpradjlichen unb philofoptnfchen 33er? 
ienften, Htterarifd) eine entfcbjiebene Zentralität gu bemahren, befonberS 
ie ©reifSmalber unb ©öttinger. 

©enteinfam bleibt ben ©eutfehen ©efettfdjaften bei aüebem ber gng 
am 2 lefthetifiren überhaupt, baS «ginauSftreben über bie rein fpradjlichen 
fntereffen §n ben fchöne n 2Biffenfd)aften. ©in^etne beutfefje ©efetB 
haften fteCCen non nornljerein biefeS Siet f°Ö ar w ben Zorbergrnnb. ©ie 
■Freiheiten, ©inridjtung unb ©efetie ber ©eutfehen ©efeüfchaft in Bremen" 
ored^en §. S 8 . als ©nbjmetf auS: ,,fid) in ben fdjönen 2öiffenfd)aften über- 
aupt unb in ber beutfdjen Söerebfamfeit nnb ©idjtfunft inSbefonbere einen 
Uten ©efdjmad ^u ermerben", ohne baf 3 bodj bie fprachli($en SBeftrebungen 
ufier Sicht gelaffen mürben. — Qa, nor SXUent fefimebt ber Seip&iger Ziutter* 
efettfdjaft neben ber Academie Frai^aise erfid)tlich bie Academie des 
»elles Lettres als Sanfter nor. ©unbting erflärt in feiner „^iftorte ber 
>elahrheit^ fchon 1736 §nr tanseidmung ber Seip^iger ©efeUfdiaft gerabe^u, 
e ^ a be biefelbe Qntention mie bie Academie des Beiles Lettres. 



238 


(Eugen IPolff in Kiel. 


©ottf#eb fel&ft jcigt fi# na# ber gleichen «Richtung intereffirt. giadp 
bem iljm feine «eipjiger bcn Stuhl nor bie $t)ür gefegt unb griebri# II. 
ben preufcif#en Sfjron feeftiegen, uerfu#te er na# Berlin in fot#em 
(Sinne tunjuroirfen. Seinem ©önner, bem ©rafen ÜJianteuffel, beffen Be= 
jungen ju bem jungen £errf#er #n ermutigen, fu#t er bie 9M)= 
menbigfeit plaufihel ju ma#en, bah ber 3leorganiürten Societät ber 
2ßiffenf#aften eine Slfabemie ber f#5nen fünfte (des Beiles Lettres) an 
bie Seite gefegt mürbe; SDIanteuffel felbft benft er fi#.— als anbereiti 
9Ii#elieu — immer an ber Spille feiner in Sa#fen inte Sßrenfjen pro-, 
jeftirten afabemien. 2ltS meber liier no# bort bie £errf#er unb Beworben 
biefen auf fie gefegten Hoffnungen entfpre#en, f#afft fi# ber hettiebfame 
SOlann aus eigener Uralt eine neue Drganifation, inbem er bie früheren 
SRitglieber feiner 9Jebner=©efetlf#aften ju einer ©efellf#aft b er f#önen 
SBiffenf#aften unb freien fünfte jufammenfafet. 3« ber Betonung 
ber ©efeUf#aft§jroecfe ift bamit jroar eine Berf#iebung eingetreten. Sah 
es fi# aber no# um fein altes Streben l)anbelt, ber beutf#en Sprache' 
bur# notlenbetere auSütmng gu @hren ju nertjelfen, roirb f#on aus feiner 
an bie neue ®efetlf#aft geri#teten SlufmunterungSrebe Har: ,,©s giebt _ge= 
lehrte 2Ränner," ruft er ba, „bie, fobalb fie non ben f#öiten SBiffenf#aften 
ober freien fünften reben hören, nur an bie grie#if#e unb lateinifdn 
Spra#e beulen. Sltlein, »ergefjen Sie bei bem allen ni#t, bah @i< 
®eutf#e finb! Sie finb 3hren Sanbsleuten, Sie finb ghrent ganjet 
Baterlanbe eben bie IDieufte f#itlbig, bie normalS alle gelehrte ©riedjet 
unb Börner ben ihrigen geleiftet haben." 

au# bie Rieltfdje ©efetlf#aft ber f#önen 2Biffenf#aften gefteht #r 
SoKbarität mit ben £>eutf#en ©efeüf#aften ju: „Borerft entfxunben bi 
berühmten ©efettf#aften, tnel#e mit allen Bedungen ber Berebfamfeit uni 
$i#tfunft bie Beinigfeit ber teutf#en Spra#e oerfnüpfeten. .©ur# biej 
uorjügli#e Unternehmung gef#al) eS, baf; bie Siebe ju ben fcljönen fünften 
bie fi# bisher nur fparfam antreffen lieh, allgemeiner rourbe. ©in glüd 
li#er ©rfolg hat eS geroiefen, roie feljr babur# bie Senntniffe nermehre 
unb bie gäljigJeiten oergröfeert geworben finb/' So mö#ten biefe 3üng 
linge unb 3J?änner non „BelUlthen" — unter fol#er Sßoetiftrung thun fj 
nie, menn fie i^reu norbiicfjett 3Jcufenfit$ nennen fo möchten aucf) ft 
„Sugenb unb 33erftanb bnrd) Sfomutb unb burcb erfjö^en unb m 
beffetru —‘" offenbar fpinnt fid) jene Neigung an, bie Gebote non Reifem 
wie VtoraC burd) äftbetifebe Verfleibung einsufdmreidjetn. SJtebr noch, ma 
erörtert I)ier ba§ cbarafteriftifdje ^f)ema r ba§ bie Verabfäumung ber fqjötte 
2ßiffenfd)aften ben Verfall ber „E)öb)eren" Söiffenföaften nad) fid) m 
„bie unglüdfetige ^infterniff ber barbarifdjen Qabrbunberte riiljre nt 
bat) er, tt»eii man bie v ortreff liefen &enfma(e be3 fdjönen ($efd)tnade*v n)e 
bie Reiben nad)gelaffen batten, tbeite nnterbrüdt, t&eife anpgerottet ob 
menigften§ gans in Verachtung gebraut hatte/' Ungefähr gleichzeitig 1 




- Die Deutfcfyen (Sefcllfdpften £>es ad^e^nten 3 a h r h UT ü>erts. - 239 

,atte bie SDeutfdje ©efeüfdiaft §u «gelmftäbt auf bie £age3orbnnng eiuer 
sipung bie beiben fidj ergän§enben DXeben gefegt: „$on betn elenben gm 
taub berjenigen, bie feinen ©efdmtacf an ben frönen SOBiffenfc^aften finben," 
tebft ber 2lntroort „$on beut elenben guftanb berjenigen, roeldje bie 
Ikonen 2Siffenfcbaften mit ben f)öf)ern nid^t oerbinben." Unb gier roirb 
- in einem Vortrag über «gomer — verfochten, baß bie .gintanfetmng 
>er gried)ifd)en ^Dicgter eine non ben Erfaßen be3 bei un§ ©eutfdjen immer 
negr einreifjenben üblen ©efdjmacfe§ in ber $Did)tfunft ift. 

Qn ber Vieler ©efettfchaft begegnen felbft ©ebanfenblijse mie ber: 
(gort bie SXlten gälten ben fdjönen 2öiffenfcgaften ben $or$ug beigelegt, 
,bafj fie ba§ <gerj ntenfiglitg nnb §ur ©efellfchaft gezielt malten, nnb fie 
»eSroegen • bie SDt enf cg lieg e genannt (litteras humaniores, studia humani- 
atis)/' 2Ba3 feglt ba noch tgeoretifeg non beut £umani§mu3 nuferer 
laffifegen Sitteraturperiobe? 4 

SXeftgetifcge formen nnb Schlagroorte treten un3 benn audj überall 
ntgegen, roo non ^Dentfcgen ©efellfchaften bte dtebe ift. So gofft ber 
giftorifer SÖrudner, al§ er ber ^eutfehen (55efeUf(gaft in 23afel ein SBerf 
nibmet, fein fcfjraacfjer 33erfncg roerbe bem feinen ©efchmade ber ©efellfchaft 
liegt gnmiber fein. So fügxt fidj ber Geologe $a£fe al£ $Did)ter mit bem 
^imoeiis ein: „£)enen, bie mich gn fennen nerlangen füllten, fann ich fegt 
oeiter nicgtS fagen, al3 baf$ icg ein -Uiitglieb ber Teutleben (Sefellfcgaft in 
Jranffurt a. D. bin. Sollten biefe Sieber einigen Beifall verbienen, fo 
oirb bie ©efeEfegaft unb ber (Stifter unb SSorfteger) «gerr gofratl) n. Stein- 
regr einen großen Stntfjeil baran gaben, tiefer fegöne (Seift, ber ber 
jEßelt fd)on unter biefern (Egarafter befannt ift, hat an ber $etbefferung 
netne§ ©efdjmadeä gearbeitet." So giebt ©ottfdjeb feiner legten frltif(gen 
3eitfgrift ben bejeid&nenben £itel: „SfteuefteS an§ ber anmutigen (§>elegr^ 
amfeit''; fo bringt Sonnenfelb in 2öien auf „©ra^ie" in ber 2Biffenf(gaft 
ote im $erfebr3leben n. f. f. 

21u3 btefent beEetriftif(gen guge ber ^eutfdjen (S>efettf(gaften erflärt fieg 
w<h igre STIjeilnafjme für bie S3ügne. ®a§ fie roirflich litterarif(ge§ 
-eben nnb fünftlerifdjeä ^ntereffe prattifeg geroedt Ijaben, ergettt gerabe 
itadj biefer DXidjtung mit befonberer SDentü(gfeit. üfticfjt genug an (Sott« 
(f)eb§ perfönligem ©ifer für bie «gebung nnb görberung ber ifteubet’fdien, 
Sdjönemann’fchen nnb SXocfffdjen Sdjaufpieltruppe: e§ mar im $lane, 
jtoifgen ber ^»entfgen ©efeüfdjaft in Seip^ig unb ber erftgenannten Gruppe 
üne organifge SSerbinbnng ger§nfteEen. grieberife Carotine üteuberin be= 
geuert 1735, ai§> fid) igr bie 2Iu3ficf)t auf ein fefte§ Sfjeatergebäube in 
öeipjig bietet: „gef) nerfidjere, baft id) bei biefer ©elegenbeit in allen 
Etüden, fie mögen kanten haben, rote fie rooüen, auf ben rügmligften nnb 
^ften 9Xn|en ber gefammten iDeutfchen ©efeüfdjaft fegen nnb, ohne berfetben 
droas ©ute3 §u ftiften, meine eigenen SSortgetle nidgt einmal annehmen 
U0( g fugen roerbe, gnmal ba mir, obgleich im fdjroachen Sicht, eine ©e- 



2^0 


<£ugen IDoIff in Kiel. 


legenheit gezeigt wirb, baß idj ber @§re wol)l gefd;äl5t werben formte, etwas 
9tüßlid)eS mtb 9Utl)mticheS auSzurid)ten. Seipzig nnb mein 33ortf)et£ atletne 
foll nichts nor mid) jein, wofern nicht aud) eine fefte ©runbftufe nor biei 
Deutfcfje ©efellfchaft mit famt gebaut werben/' 

2Bie fid) bie TOtglieber ber leipziger ©efeüfdjaft nicht freuten, mit i 
ben Schaufpielern zu förmlichen Konferenzen zufammenzutreten, fo fu^t 
aud) ber leitenbe ©eift ber Königsberger Sd)weftergefellfd)aft, ^Profeffor 
glottwell, Einfluß auf baS Theater zu gewinnen. Beziehungen zu ben 
„unehrlidjen" ©djaufpielern galten bamalS noch für (belehrte als unerhört) 
mtb unwürbig. „Qd) fel)re mich/' äußert glottweü 1741, „nicht an bie 
Vorurteile, bie hier gewaltig berrfdjen, als wenn es etwas Unehrliches 
war, in bie Komöbie zu gehen ober mit ben SXfteurS umzugehen, Die new 
bäditige unb zuweilen nor Tollheit eifernbe ^riefterfhaft unfereS DrtS 
madjt beSwegen niel Samt." Schon 1736, faft unmittelbar nach ber 
Stiftung ber Deutfdjen (BefeUfchaft in Bern, gefleht ihr eigentlicher Be- 
grünber, ber Theologe «gmrner: „(SS finb nerfcßiebene finge Seute in ^iefiger 
<£jauptftabt, bie auf eine Einführung ber Schaufpiele bringen, Der neue 
^Präfibent nuferer ©efeüfdjaft, ^»err Slltgroßweibel greubenreidj, fiefjt biefe 
Bcotljwenbigfeit mehr als immer einer." Qn welchem 9Jiaße 3°fef non 
Sonnenfels zugleid) für bie Reform ber SBienerifdjen Schaubühne wirfte, 
ift befannt. 2lud) Freiherr Qofef n. Betrafd), ber Begrünber ber mit beit 
©ottfcheb’fchen Begebungen Ijurmonirenben Vcährifchen ©efettfchaft ber Uw 
befannten in Dlmitß, wenbet feine Slufmerffamfeit bent Dbeater zu, unb 
bie Deutfdje ©efeüfdjaft z u Slltborf giebt feine gefammelten Suftfpiele 
heraus, wie benn bie geitfdjrift ber Slltborfer wieberholt bramatifhe 33eU 
träge bringt. 

2öir mögen uns nun immerhin erinnern, wie temperamentooÜ Seffüto 
bie Berbieufte ©ottfdjebs nnb ber ©ottfdjebianer um bie beutfcße Büljne in 
2lbrebe fteUte. 2lber auch Seffing ift uns — bei aller iljm bleibenben Ver¬ 
ehrung — heute lüfiorifd) geworben, unb wir erlernten, eine wie notlp 
wenbige Borbebittgmtg bie SSirffamfeit biefer Kreife gerabe für feine flaffifh 
nationale Büljnenreform barfteüt. Vcodjten bie neuen „regelmäßigen' 
Stüde ttod) fo hölzern nnb nüdjtent fein:.im ©egenfaß z u ? Berwtlbermtc 
ber Bolfsbülpte war ein Banb zwifdjen bem Dljeater nnb ber Sitteratu: 
gefchluitgen, bie unerläßliche ©runblage für ein flaffifcfjeS Drama gefd^affen 
Unb wie bie ^ßrobuftion war auch auf biefent ©ebiet baS Bublifum burd 
bie Bemühungen ber Deutfchen ©efeUfd)aften ober ihrer Ijetworragenbei 
©efeüfdjafter redjt eigentlich gefdjaffeit unb erzogen: nur burd) ben pebantifc 
würbenoüen 2Inftrid), ben baS Drama norübergefjettb annahm, wuroen öi 
gebilbeten Kreife zum Dfjeaterbefudj non Veueut heranzogen. 

Slttch fonft forgten bie ©efelXfdpaften für bie litterarifd)en Bebürfniff 
ihrer -Mtglieber unb im weiteren Sinne beS gefammten fpublifumS. @iu 
Bibtiotljef non ntobernen, befonberS beutfd)en Dichtungen, ^profafcfgrifte 




- Die Dcntfdjcii Sefetlfdjaften bes adjtjelintcn 3al)duuitiect5. _ 241 

mb tbeoretifdjen Sibhanblungen bilbcte bie raidjtigfte SluSfiattung für jeben 
olcften neu jufammengetretenen Sreis. ®ie Setpjiger ©efellfdjaft befaß 
724 bereits 1000 Sucher. ®ergteidfen mar batnals neu unb eittjigartta 
tan tannfe nur gelehrte Südjerfammtungen, unb bie Mchtgelehrten fummelten 
behaupt nicht. 

3u aHebem tarnen bie eigenen 93eröffertttidfjungeu ber ©eutfdjen ©e= 
tUfdfaften. Sott roeit Euerer Sebentung als bie poetifdjen unb rbetori= 
ben Serfuclje ber Slitglieber mürben bie aus bem ©djoße biefer titterarU 
ben ®ereilte hernorgeljenben Beitfdjriften. ®ie fritifchen Organe blieben aber 
unter noch raefenttid) auf bie gelehrten unb bie probucirenben fireife befdjränft. 
ianj anbers bie «Koratifcfien SBodjenfchriften. Oiefe SJtobeblätter bes 
d^ehnten ^abrbunberts maieit mie in ihrer Heimat ©uglaub, fo natnent* 
d) itt ®eutfd)tanb uor Ment auf bie ungelehrte, aber nach SSilbung 
rebenbe 3Kaffe beS SiirgerthumS berechnet. ®ie ®eutfcben ©efeOfcfiaften 
nb nennanbte ^Bereinigungen, bie fich aller litterarifchen' 3 Jladjtmittel be= 
tätigten, toirften mefentlich au ber ©ittbürgerung biefer litterarifchen 
'tobe in ®eutfd)lanb mit. 

@<bon ber 9tame legt nahe, in biefen 2Bo<henfdjriften moralifche 
.mecle meiteiten Sinnes 51 t fuchen. ©0 merben mir noch in anberetn 
ufanttnenhang auf bie berartigen Journale näher eittgeljen müffett. Qm 
ttgenblicl banbeit eS fich um ihre rein litterarifclje SBürbtgung. ®a mürbe 
3 benn abermals bebeutfam, baß bie ©rfdjeinungen bes arttäglidjen Sehens 
1 titterarifdj4ünftlerifche gornt gefajgt, baß überall eine 2 lrt bramatifcher 
*etradjtung non tttenfchltchen ©haratteren eingeführt, unb fo roeite Greife 
1 einer gereiffen äjthetifdpfünftlerifchen SebenSauffaffttng angeregt mürben, 
krben hoch bie menfchticfjen ©chroadjen unb Safter nicht mit ber finftern 
tiene beS ©ütenriditerS gegeißelt, nietmehr mögtichft bttrch bie heiteren 
tittet ber Jtunft nerfpottet, unb ben Sttgenben getnannen bie 9 Koralifdjen 
Sodjenfchriften neben ber fitttidj mufterhaften, eine rührenbe, herjgeiutimeube 
■eite ab. ®aS mar ein ©etnanb, in raeldjent auch bie bittere Üßcrlirtjeit 
jfonberS nor bem Inttifc ber grauen erfdjeinett burfte. SleftEtetifcEt ein=• 
iiineictjetnb naljte bie Se£»re unb SKalmuug, auf beguemfte unb attgenehmfte 
-'eife nermittetten jene 3 e itfchriften baS, monadj baS StufflärungSäeitalter 
inner in leßter Sinie hinjielte: Sitbung. — (@*[„6 f „ [fl n 






— (Europa * 90 *. — 



ie oerbunbenen Slrbeitgeber unb bie oerbunbenen Arbeitnehmer 
haben fi<$ ju Kräften entroitfelt, beren ftünbliäj pnefcmenber 
Einfluß bie gefettfcbaftMje Drbnung ju erft^üttcrn broljt. 


^)urcf) biefe ©ruppirung wirb bie Soliöaritat jroücfjert StaatSange 
porigen unb (Staatsmacht in grage geftettt; ber 3 nbit)ibualiSmuS get)t in 
md ßotteftimSmen auf, bie feine Staatsgrenze fennen; ber Einzelne raub 
einer ©emeinfamfeit auf geopfert, bie ifjn als Sßerfzeug ilirer eini eittgett 
Ambitionen oerbraudjt, ohne ilpn bauernben Stf)u| gemäßen z u können. 

Sowohl ber Arbeitgeber als ber Arbeitnehmer haben baS golöette 
Mb zum allmächtigen ©ölen erhoben, beffeu 23efi| bie ©inen zu behaupten, 

bie Anbern zu erobern trachten. ■ . . 

©S ift bieS baS Schanfpiel, baS bie 5Aenfchh e ^ a ^ er © e 9 en ^ en 
Seiten geboten hat, bisher aber bloS auf einem mehr ober weniger be< 

fchränften kannte. t - 

$er Unterschieb zwischen einft unb je|t befielet einfach bartn, oap ote 

Anbetung beS golbenen MbeS, bie früher eine nationale mar, h* ut eine 


internationale geworben ift. , 

man täufche fich nicht. m$t im Stampfe zwifchen Äapttal unö 
Arbeit liegt bie ©efahr; bie ©efahr liegt in ber m öglt^teu 

eine S T1 unb"Se haben ein unb beleihe Siel im Singe: bie » 
beutung ber Konfumenten, ob Staat, ob Staatsbürger. Qn ihrem Könnt e 
hanbelt e§ fid) btoS um ben Söroenantheil ber Seute. 

Slicht im begleichen biefeS KonflifteS liegt bie Stufgabe beS Staate^ 
unb ber ©efetlföaft, fie liegt in ber bertheibigung beS StaatenthumS gegen 
bie angeftrebte eltt)errfcfiaft be§ (Soibe?. 






































üruft unb Staat. 


2^5 


©er ©freit pnfdjen Kapital unb Arbeit ift nur ein ©pmptont, nidjt 
liefet ift p bekämpfen. Rtan faffe baS Hebet an ber Söurjet. ©ie 
Surret beS liebet ift ber fteine unb ber große A3ud)er. 

©ie neuefte ©ootution auf öfonoiiüfcbem (Gebiete, bie ©ruft^otitif, ift 
icf)tS AnbereS, ats ber ^Serfnd^ beS großen AöudjerS, beu fteiuen 2öud)er 
u rerfdjlingeit. 

R>eitn ber fteine 2£ud)er fid) an ber öfonomifdjen ©ntwicftung beS 
teirten ^robu^enten unb an bem materiellen Sßoblfeitt beS ©urd)fdmittSs 
ionfumenten uergreift, fo ift ber große, Rhtcher gerabep eine 25ebrot)ung 
es ©taateS. 

©er fteine SBudjer fonnte nur bort SBurpl faffen, wo ber ©taat itpu 
teicfjgittig gegenüber ftanb; fid) nur bort entwicfetn, wo ber ©taat ifjn be= 
ünftigte. 

23egünftigt aber bat itjn ber ©taat aus oermeintlid) fisfatifdjent 
jntereffe, non ber grnnbfatfcben Auffaffung betbört, er fönne bie gefättigten 
3tuteget feinerfeit» nidit nur bequemer, fonbern aud) ausgiebiger 
apfen als bereu Opfer. 

hiermit bat fid) aber ber ©taat einen ^onfurrenten in ber Ausbeutung 
er Piaffen gepcbtet, einen Sfonfurrenteit, ber ihm fd)meicbett, ibm p bienen 
orgiebt, in 3Birftid)feit aber nur auf beit eigenen Rortbeit bebaut, baS 
pbn fdjtadjtet, beffen gotbene ©ier bie ©efammtbeit ber ©taatsbürger 
ätten erhalten follen. 

©inen ©beit biefer gotbenen ©ier ift ber ©taat berechtigt für fid) in 
tnfprud) p nehmen; baS «gutp p fdjtacbten ober burd) Anbere fcblad)ten 
u taffen, ift meber fein Redjt noch fein Zartheit. 

©in Rolf, beffen ©ut unb 33tut nur burd) ben ©taat be* 
:euert wirb, ift glücflid) unb reid). ©ie Steuerung burd) ^riuaH 
oud^er jjegtic^er gönn ift cS, bie Unpfriebenb eit unb Armutf) erzeugt. 

Rid)t fiebere Ringmauern merben ber ©efammtbeit, bem ©taate, burd) 
refen 2Bud)er errichtet; er erbaut Buftfcßtöffer unb ©empet für ben fefbftn 
i)en ©enuß Weniger, er erbaut fie aus bem «ger^btute Bieter; unb fetbft 
lernt er ©naben rertbeitt, gefebiebt bieS nid)t pm allgemeinen Aöoble, 
ntbern einzig pr görberuug fetbftifcher gweefe. 

3Bie ber fteine Rsucßer, fo bebarf aud) ber große SBudjer einer Unten 
;ü|ung burd) ben ©taat. Um ihn für fid) p gewinnen, bietet er ihm 
ie Glittet p einer imperialiftifdhen, b. b« R>e[ti)errfd)aftSpolitif. 

gn 3Birftichfeit aber fümmert fieß baS internationale Kapital um 
mie BanbeSgrenjen; es trad)tet nach ber öfonomifdien 2öettt)errfchaft; Arbeiter 
itb ^onfumenten fotten ihm auf ©nabe unb Ungnabe unterworfen werben. 

©ent ©taate giebt ber große ABucber oon feinem ©ewinne nur fooiet 
b, wie er will, unb ic mehr Rtad)t er ertangt, um befto weniger unb 
nter befto härteren Rebingungeit. 

Rieht nur in ber Regelung alter öfonomifeben grageit trachtet baS 






* 


* 


internationale ©t'ofjfapitnl ber ©tncitäregientng baä ijeft au§ bet -Söctub 
31 t reißen, and) in ber äußeren 9ßolit« null eä §err fein unb föleifter. 
Nomina sunt odiosa, aber bat c§ uid)t ben Slnfdfein, cd§ ob ncuefter 3^lt 
and) fd)on Stiege in beffen Qntereffe gefügt inorben mären? 

Unb immer nod) ift e§ nid)t ber ©taat, ber fid) gegen bie Ufurpation 
feiner d'iadit öutd) bab ©rojffapital empört; ber Heine, lofale Sßucber ift 
e§, ber fid) bebroljt fiefit unb nad) £Ufe ruft; biefer uertangt burdj ben 
©taat gegen ben internationalen 28ud)et gefdjütjt gtt merben. ®er Keine 
sjßudjer ruft nad) Slbfditiejjung ber SanbeSgrenjen, um äu£cmfe 
fein ^anbmerf ungeftört meiter treiben ju fönnen. 

$er ©taat befindet fid) einem ©ilemtna gegenüber. 2 Beld)eu biefer 
beibeit ßrebäfd)äben öfouomtfcl)er ©ntmidluug foll er protegiren, meldjeit 
befämpfeuS 

©urcl) ben lofalen Sßudfer würben innere Kräfte erhalten unb ent* 
rotcfeti: ber grope unb fletue ©ruubheiip, ber nationale Bergbau, bie 

nationale gnbuftrie, ber nationale Raubet. _ t 

©iefe Kräfte haben Ufytx ben ©taat erhalten, ihres ^Patriotismus 

meint man auch heute nicht entbehren §u fönnen. 


©inb biefe Kräfte aber auch mirflid) patriotisch? ©erath fittb fie 
patriotisch, aber fie fiub es als Äonfumenten. ©ie finb patriotifö, 
meil fie fiel) ber ererbten unb erworbenen ©üter unb 9 ted)te auf heimischem 
Boben erfreuen motten, ©ie linb patriotisch unb sieben begeiftert rom 
Seber, wenn es fid) barunt banbeit, bie SanbeSgreitjen, b. h- ben ^ 
lidsen'öerb (gegen frembe Gtubringliuge ju nert'heibigen. 

2 ßenu aber erworben merben foll unb aus bem erworbenen bet 
Sömenantheil beanfprucht, mit einem SBorte: wenn fie ^robugenten finb, 
nergeffen fie ihrer ©olibarität unb Bürgerpflicht. 

©er Agrarier wie ber ©rubenbefiper, ber gabrifbefiper wie ber 
Arbeiter, ber' Kaufherr mie ber £anb werfer, fie Sitte nerlangen vom ©taat. 
gegen etnanber unb iuSbefonbere gegen bie auSlänbifdje Slonfurrens gefepüp 

§u merben. . 

©aS internationale ©ropfapitat hiugegen beanfprud)t baS medit,. n 

aller Herren Sauber einsubrinaen, biefe ober jene Snbuftrie s u monopoliiirei 
ober ju uernidjten, bort su erzeugen, mo am billigften erzeugt wirb, er 

SU rerfaufen, mo am theuerften uerfauft mirb. 

Sitten bieS foll ihm ber ©taat beforgen unb auperbem auch noa 
barauf bebaut fein, bap fein s u lauter Klageruf ertöne, meint ba 0 e 
bort einige ©aufenb redüfdjaffeue, arbeitsluftige ©onberlinge, bie au 
©elbftftänbigfeit beftehen, einfad) non ber ©ageSorbnung geftrichen werben 
©omoht ber fleine als audi ber grobe SBudjer bel)errfd)en bie Ge 
fellfd)aft nicht mittelft wirflidjfer Sffierthc, fonbern mit fiilfe beS lanblauftge 
2 öertt)jeichenS. 








- (Eruft unb Staat. - 2^5 

Sehr bejeidjnenb für if;re KampfeSroeife ift baS (Selb, beffen fie fid) 
ebieneit, bie fogenamtte 2£äbrung§frage. 

©er internationale Sßudjer verlangt nach teuerem, ber lofale SBudjer 
ad) billigem (Selbe. ©a§ treuere (Selb, b. I). Sßertzeidjeu, ift ba» 
dtenere. £>er internationale SBucber ift 3lnl)änger ber (Solb Währung. 
Der totale 2Bucl)er fief)t fid) im Kampfe um ba§ feltenere (Bolb beut großen 
ßud)er nicht gewaebfen unb ruft nad) (Silber, ©inzelne Scblauföpfe, 
ie im ©rüben fifeben wollen, feben im Kampfe biefer beiben SBertbgeidfjen 
;tt neues gelb ber Agiotage unb reben ber ^Doppelwährung baS SBort; 
1 $ ob §ur Verwirrung beS SBertbbegriffS bie Slnerfennung 
ine § ScbeinwertbeS nicht genügen würbe! 

©er Staat bat abermals §u wählen; foU er (Solb begünftigeu ober 
Silber; ober ift e£ beffer, prifdEjen biefen Veiben zu lamrenV 

©aS fiefjerfte Mittel zur Sanirung ber (SefeEftaft, pr «gerftetlung 
e£ ofonomifeben (Sleicbgewid)te3, wäre bie 2l6f<®affung Veiber. 

©urd) ben im 18. Qabrbunbert eingefü^rten SJicrfantiliSmuS bat ber 
Staat feine öfonomifd)e Qnbimbualität erlangt. 

©ie öfonomifdie Qnbtmbualität beS Staates beruht aber, fowie feine 
olitifc£)e gnbioibualität, einzig unb alletu auf bem befeffenen Voben unb 
en Firmen, weite biefen p uertheibigen unb nutzbar p machen vermögen. 

Unb was haben bie Staaten begonnen, fobalb fie pm Vewuütfein 
)rer öfonomiften Selbftftänbigteit gelangt ftnb? Sie haben bie Sd)äpe 
es VobenS, bie Straft ber Sinne n.erfdjwenbet, um ©beimet alle p ge= 
innen. 

VebufS ©roberung non (Solbminen, behufs Sicherung beS ©yporteS, 
web weldhen für ^Berthe SBerthjeichen erlangt werben, haben fie Kriege ge^ 
it)rt. Unb mit welchem Vefultate? Sie haben bie Konzentration 
ix ©belmetafle tu fß rioatbänben ermöglicht, fie haben Militärs 
äre ge ft affen, bie ihnen heute bie öfonontifte SJtatt ftreitig mad)en 
tb morgen oieüeid)t and) bie polüifche 9Vad)t ftreitig machen werben. 

ttnb was feben wir bie Staaten p r Slbweljr biefer (Sefal)r heute 
tternehmen? 

Sie fcbliepen zur 3Bal)rung ihrer ötonomiften gnbinibnalität ihre 
rennen ab, fie greifen zum Schutzzoll, burd) welchen abermals bie ©infuhr 
m ^Berthen nerhinbert werben foll, um ben 3 ufluf 3 üon 2Bertl)zei$en zu 
rbern. 

2BaS einft Vapoteon I. bürt bie Kontinentalsperre gegen ©nglanb 
reichen wollte: beffen Vernichtung burd) Qfolement, baS verhängen bie 
taaten heute über fid) felbft unb meinen fid) baburd) zu nüjen. 

SßaS fümmert aber baS internationale (Srof 3 fapttal baS ©infuhr- 
dwt non V>ertl)en, folauge eS V>ertbzcid)en eiuführeu unb SlrbeitSfraft 
•tSfübren fann. 

©§ überflutet ben Staat mit (Solb unb läfgt feine Slrbeitsfraft ner^ 




2^6 


* 


* 


hungern ober ueranlafet fie pr 2lu3roanberung nad ©egenben, tn melden 
ee tl)rer bebarf. 

®ie fojiateit Probleme ber ©egenroart finb: 

Uebcrflufj ober «Mangel an Slrbeitsfraft an einem Drte; Ueberflujj 
ober «Mangel an Mabrungämitteln an anberem Drte; Ausbeutung biefer 
Uebelftänbe burd «Prtoatfpefulation. $iefe «Probleme muffen gelöft roerben. 

33 i§ jefst bat ber «Staat, felbft pr Seit ber freibänblerifden Strömung, 
bloS banadj getrachtet, bie SerfaufSfraft feiner Bürger p erhöben, fie 
möglicf# tuet ©elb erroerben p taffen, b. \ ben empört p förbern. Um 
ben tpreis, melden ber ejportirenbe Bürger für jene Sßaare p jaiilen bat, 
bereu er pr Stiftung be§ Sebenä p £aufe bebarf, bat man fiiij nicht ge= 

flimmert. , 

Xxot be§ t^eorettf^en -AacbweifeS fd)on burcb ©ir Sßittiam $atty, 
(1623—1687), ®ublei) Mortb (1691), Qobn Sode ic. unb enblid) 2töam 
©mitb bat man nergeffen, bafs burd) ben größeren S«ftu§ non Saargelb 
in einem «Staate bort notbmenbigerroeife and eine proportioneUe' Abnahme 
beä ©elbroertbeS eintreten muff, mit bern nielen entroertbeten ©elbe aber 
nidt ntebr getauft merben fann, als mit mertbnoderem ©elbe in geringerei 
9Jteuge. 

Unb bennod) begegnen wir ftünbttcfj begreiflichen SSeweifen biefes 
2(yiome0. ©er non Abam ©mit!) aufgefiellte (Brunbfab, bab <Belb nid) 

s Jteid)tl)unt fei, finbet tägige Seftätigung. ' 

©ie Agglomeration be§ (BoIbe3 an einem Drte bat bie $ertl)eueruit( 
aller wirftid)en j&ertbe gur gotge, nnb beffen einziges Stefuttat befiel) 
barin, bab ber Arme §um nadten Sehen, ber 9teid)e §ur 33eftreitnni 
bjö^erer Sebenäfreuben nteljr (Belbes bebarf als früher. . 

§ieran§ entspringt bei SSeiben ber ©rang, fid) im Gingen ntn bo 
golbene Mb gegenfeitig gu nernidjten. Heber biefe§ Gingen wirb Alle 

nergeffen, auch ber (Staat. _ 

©ab e£ überhaupt nötbig ift, beute nod) auf bie non Abam ©nutf 
^Ricarbo 2 c. fiegreid) nerfünbeten ©ogmen gurüd§u!ommen, ift ein Armut!)* 
jeugnib für unfer fonft fo norgefdjritteueä Zeitalter. 

©er gweifel an ber Unfehlbarkeit be3 greibanbek©pftem§ täfjt fr 
nur baburd) erflären, bab beffen @nb§iel nid)t beuttid) genug nor unf( 
Auge gebradjt worben ift. ©ie3 grobe Siel ift nichts ArtbereS als bi 
(Sicherung be§ $onfume3 möglidjft nieler 2öertt)e für bi 

mögtidjft grobe Anzahl t>ou 9ftenfdjen. 

Unb bie§ allgemeine, anfdjeinenb altruiftifdje Siel fteljt burd)au§ mc 

im (Begenfa|e gur ©inselentwidlung. 

gebe§ gnbinibuunt mub tradjten, möglicbft niet fonfumiren &u fönnei 
jeber (Staat mub trachten, möglidjft niete, möglidjft niel fonfumiren 

Bürger §u jabten. , . 

©er Staat aU ofonomifclje gnbinibuatität bat eine AftiengeielW 




- Cruft unb Staat. - 2^7 

x fein, mit ollen (Staatsbürgern als Stationäre. Die Dioibenbe aber 
n nicht (Selb, fonbern äBaare. 

Das ©elb famt getroft prioaten SJiittiarbären überlaffen werben, fie 
)üen zufeßen, wie fie bamit baS nadte Seben friften. 

Söenn ©elb bente allmächtig ift, fo ift eS bieS, weil es ben $rebit 
ebenst. (Gelingt eS, ben Ärebit nont ©olbe zu emanzipiren, fo wirb 
Bolb zu feinem Silanen. 

Non (55olb emanzipiren lann man ficß aber einfad) babur<h, baß man 
3 nicht z u erwerben trautet, nichts bafür .ßergiebt, beffen matt fetber bes 
arf. Sft uicßt ein Unbing, wenn in Staaten, bie (betreibe im Heber- 
mb erzeugen, burd) beffen übergroßen Epport in urfprünglidjer ©eftalt 
ber als 9M)l zeitweilig «öungerSnotß entftebt? Der reid)Ucbe Zufluß non 
Saargelb bietet hierfür leinen Erfaß. 

2 Bie 2lbam Smitb gleichfalls nacßgewiefen fyat, lönnen felbft Kriege 
bne Baargelb geführt werben. 

gum Kriege bebarf ber Staat: Ntenfcßen, Sßaffen, ^Pferbe, gugtßiere 
nb Nahrungsmittel. DaS Erfte, was ber Iriegfüfjrenbe Staat 
elretirt, ift baS NuSfußroerbot für biefe 2Sertße. 

SBarnm fottte biefeS Spftem nicht auch im gatte beS ölonomifcßen 
iriegeS zur Stnwenbung gelangen? 

Nicht bie Berechtigung beS Neiden, baS Sebett ohne Arbeit zu ge? 
;ießen, empört bie Ntenge. Stuf bie Erlangung biefer prinilegirten 
Stellung rietet fi<h baS Beftreben eines jeben Einzelnen; fie abzufd)affen 
ieße foniel, als ben EntwidlungSsNern bes QnbinibuumS unterbinben. 

SBaS aber empören muß, baS ift bie Beanfprucbung einer prinilegirten 
Stellung feitenS beS Neiden, auch wenn er in bie Nrena beS Erwerbes 
ritt. — 

Bom' Neichen wirb mit Ned)t nerlangt, baß er möglichft niel ton* 
nnire, um möglichft niete Nrrne fi<h an feinem Neicßtbume beteiligen zu 
affen. 9Nan gönnt bem Neidjen eine loftbare Equipage, nicht aber baS 
Vorrecht, in einem DmnibuS ober Dramwap=28agen bie beften $läße zu 
efeßen. 

Den ererbten ober erworbenen Ueberfluß fott ber Neiche nach ^erzenS* 
aft auSgeben lönnen, aber bem Nrrnen bie beften Erwerbsquellen ftreitig 
nacpen foü er nicht. 

Dem ©runbprinzipe jeber ©enoffenfcßaft, ber Strbeittbeilung, muß fi<h 
ud) eine möglichft gerechte Bereitung beS Soßnes ßtuzugef eilen. 

Die Bertbeilung beS £oßneS bat [ich nach bent SBertße ber Strbeit zu 
oÜzieben. Es wirb Niemanb bekommen, einem Ebifon nicht größeren Soßn 
ür feine Slrbeit zu gönnen als einem Saftträger. Die oft beitagte, uw 
ererbte Sobnnertbeitung wirb aber buuptfä<hli<h bur<h baS Uebergewicbt 
eroorgebracßt, welches bei jebweber ^robultion bem, in einer ßanb Ion- 
mtrirten Baargetb zu Dßeil wirb. 




2^8 


* * _ 

* 

©egen biefeS Heb er gemixt lehnt fiel) bie öffentliche Meinung auf. 
Mne Söaare läfjt fid) in’3 Unenbliche anhäufen; ihr 2öerth ift non her 
Bewegung, uorn Sanfte bebingt. Slo3 ba3 Saargelb entgeht fid) biefem 
©efe|e; bloS ba£ Saargelb tarn Sßiüfür treiben; b£o3 ba3 Saargelb rer- 
mag §u forbern, ohne §u leiften, fid) ben $f£id)ten gegen ben ©in^elnen 
mie gegen bie ©efammtheit, ben (Staat, $u entziehen. 

SBenn ber Agrarier fid) gegen frentbe $onfurren$ burdj Sd)u^of( 
fiebern will unb bie freihänblerifdjen Senben^en be3 Kaufmannes betriebt, 
fo gefd)iet)t bieS einfach barnm, weit ber Kanfntann, felbft wenn er arm 
ift," gewöhnlich über mel)r Saargelb oerfügt als ber £anbwirtl). 

Unbewußt unb unwillfurlidj finb bie oerfchiebenen Sei 
megungen ber dteu^eit: wie 2 lgrarpolitif, SlntifemitiSmuS, ja 
and) SocialiSmuS, ni<^t gegen biefe ober gegen jene klaffe, nid^t gegen 
ba£ ^rincip be§ SßriateigentfjumS, nid)t gegen ben Staat gerichtet, fonbern 
baranf, bie würfligen Berthe non ber £prannei beS h^rfdjenben SBerfy 
jeidjenS $u befreien. 

£)ie 3 bann aber nicht baburd) erreicht werben, bajg man fid) gegen 
©infuhr frember SBaare fdhüfet; man fd)üfce fid) gegen überflüffige ©infuljt 
fremben ©elbeS. 

SiS jjefet war baS internationale Kapital nur baburd) gefährlich, baf 
e§ mit irgeub einem non ihm begünftigten ^robufte ben SBeltmarbt über 
fluthete; heute brofjt e£ biefen ober jenen SBeltthetf bur<h aSorentbjaltunc 
irgenb eine» Slrtifels auSjuhungern. 

Sehen wir ben §all, es> gelänge bem l£rufü25efen lieh ber ^ßrobuftioi 
non SebenSmitteln ober be» SöeltoerfehrS ju bemächtigen. 

2luf irgenb einem ©rbenpunfte würbe bann ein Spnbibat wiüfürtic! 
ben ©etreibepreis für jeben beliebigen anberen Sunft beftimmen. 

Qn $änben einer ©ottl)eit, bie nach 33ebarf fpenbet ober oerjagi 
wäre bieS ba§ Himmelreich auf ©rben; in ber §anb einer 2 Suc§erer=(Sliqu 
bebeutet es bie <§ölle. 

Hub follte bie Kongentrirung non SebenSmitteln in einer «ßanb al 
Utopie erfcheinen, fo fragen wir, ob Kol)le unb Stahl für ben Kuttui 
menfehen nicht ebenfo unentbehrlich finb wie Korn unb ©erfte? ob m 
biefe Seiben beherrfcht, nicht bie 2Belt beherrfdjt? 

©egen biefe Sßelttprannei hot baS Qnbimbuunt, hüben bie Söller nr 
einen Sefd)üher unb Sefreier: ben Staat. 

Sod) finb bie Kräfte, gegen welche ber Staat fid) unb baS Qnbioibuui 
§u oertheibigen l) a t miteinanber im Streite, uod) finb fie nicht junt ooüe 
Sewufjtfein ihrer Solibarität gelangt. Sollte es aber bem ©rof)!apit< 
jemals gelingen, ba§ Kleinfapital §u afftmiliren unb mit ber Arbeitsfrei 
eine bauernbe Serftänbigung §u erzielen, bann ift e» um bie Selbftftänbi 
feit ber Staaten gefdjehen, unb fie werben auch nicht mehr in ber Sac 
fein, fid) mit einanber gegen bie gemeinfame ©efal)r 51 t oerbinben. 




- Cruft urtb Staat. -— 2^<) 

feilte F»at bag Staatentßum rto<$ einen großen Vorfprung 

IfferbingS ift es fcßroer, affe 2Racßtßa6er unb aSötfer unter’einen 6ut 

S“ 6ri "S en ' a6er Sifferenjen berußen meßt auf frobitioneffen Sßorur- 
ißetlen als auf materiellen ijntereffen. 

Äapitat unb Arbeit ßtngegen roerben burcß einen Stbgrunb getrennt 
ber fcßroer überbrücft roerben fann, burcß bag tägltcße Vrob. £ier banbeit 

e§ ncß mcßt um Vergangene» unb Sufunft, eg ßanbett ficß um ba§ 
aftuette Sattwerben. 

©ie ©inert motten Ijerrfdjen, bte Anbern, bis jetzt, nur (eben 
Der Verfolgung ißrer Sroecfe, büßten beibe Parteien um bie Unterftiifeung 
3 e§ Staate»; beibe tracßten (Sinfluß auf ben Staat ju geroinnen. Sag 
Sapital entfaltet bie fylagge be-3 3mperiati§mu§, inbem eg betn Staate 
jerfpricßt, feine 2 Jfadjtfteltung nadß außen 3 u förbern. 

®ie Slrbeitgfraft ftunfert mit focialiftifdßen Ißrinsipien unb ftefft bem 
Staate bte abfolute ©eroatt nacß Qnnen in srugftdßt. 

• ® e r a&er ßat beiben Vertorfungen ju roiberfteßeit. 

SBeber Sapital nocß IrbeitSfraft rootlen unb fönnen ben 
Staat erhalten. 

^)en (Staat erbalten will unb fann bloS ber ^oufument. 

Um fidj ber Verfölge feiner Angehörigen zu uerfichern, appettire ber 
otaat in ihrer ©igenfdjaft als ^onfumenten an fie. 

©ie Snbiuibualität beS Staates fann fidj nur baburdj behaupten, 
aß ber (Staat bie ^nbimbualität feiner Bürger ficherftettt. 3ur Sidjerung / 
® gnbimbuumS gehört aber uor Allem bie ihm gebotene attöglidjfett, 
ich innerhalb ber (Staatsgrenzen beS ©ZenuffeS aller tttatur unb $unft* 

robufte zu erfreuen, bie ihm aus atter «^errett Sauber preiSwürbia nu 
efüljrt werben. 

9ti<^t ein feber Staatsbürger ift ^probuzent, aber ein jeber ift <Row 
tment, — auch ber Agrarier. 

®er ©robgrunbbefiger uerfauft b(oS feine ^robufte, attes Rubere 
tu 6 er laufen, unter Anbernt and) bie ArbeitSfraft. 

©ur(h ben non ifjm angeftrebten Schutzzoll wirb er für fein (betreibe 
tterbingS mehr einnehmen als bisher, aber er wirb burch biefett gleichzeitig 
jungen, für feine Adergerätlje, für feine SupuSbebürfniffe mehr <55elb 
tSzugeben, befonberS aber [feine Arbeiter, Wiener unb Beamten, bereu 
>elbfterhaltung burch bie erhöhten ©etreibepreife tljeurer geworben ift, 
^ e r zu entlohnen. 

Ober meint er bie& uermeibeu zu fönnen, inbem er fie barben läßt, 
Sucher mit ihnen treibt? £eute üietteidjt, aber wie lange? 

2 )er Keine Sanbwirth, ber 23auer, mag Arbeitgeber unb Arbeitnehmer 
gteid) fein. 

Als ©rfterer gewinnt er burch S^ufeott am Aßertlje beS Verlaufs- 
'ItfelS; als letzterer an ©rhöhung beS SohneS; aber auch er ift ^onfumeut 

3J°tb unb 8üb IC. 296. 1 7 



250 


* 


* 


* 


unb jroar mit ber ftünblufi junehmenben Mtur ftünblid) in'Petent 

501 ^ucEi er Bebarf heute folget StrtHel, non benen feine nächften Söor= 

fabren noch leine SSorftetlung hatten. .... 

2 (ile 6 rleid)terungen in ber »enüßung non $ampf unb eieftncitat 
3 . 58. finb materielle »egiinftigungen, bereit ber Heine Sanbimrtlj 
eben fo tbeilljaftig wirb, tnie jeber anbere Staatsbürger. 

SBenn es iltnt burdj Straßen, Giievibaljnen, banale ic. möglich ttnrb, 
auf ber »ätertidien Spotte treu oerfiarrenb, alle Sebenäfreuben ju 
genießen, bie iljm aus allen SBeltgegenben um einen erfc^mngl^en »retS ; 
juf ließen; unb meint er anbererfeits feine «probufte, feine Jrbett otjne jb 
mg ju uerroertben in ber Sage ift; fo finb bie? bletbettbe ißorthetle, für 
bie er gern auf ben höheren @rtös, ben höheren Saglohn, nervten mb 
bie ber ©djufeoll ihm lünftlidi, aber nuruorübergehenb unb fchroanfenb 

M V" i 

Ö 3)urdj Stuft trautet baS internationale ©roj^apital, bie äbeltprobuf« 
tion in Mjetrfdjen unb baburd) and) ben Sßeltfonfum in itjre ®eroalt p 

Keine, totale Kapital begnügt fid) bannt, in Saufe auf bte Rm 

fnmenten in brücfen. w rr ... r 

tleberatt fetjen roir fßrobuftionS* unb .ganbelSÄnoffenf duften entließen. 

@g giebt faum einen (SrmerbSsroeig, ber fi<h nic£)t gegen bie Sonf umenten 

„erbinbet. Sitte «Betriebe wie neue Unternehmungen treten in ein @W 

unb Stufebünbnifj miteinanber. rr . , 

(v§ gilben fid) Keine §anbmexte ^uufleute^rufts, . anfdjetneni 

gegen ©ro&probuttion unb ©toß^anbel gerietet, in 2 BirKxd)fett aber jutr 
gtoecfe gemeinfd)aftUdjer Ausbeutung beS Eonfumenten. 

SaS Vereinstoefen nimmt einen gerabegn erftauxxlxdjen Anfügung, al 
immer nur im Sntereffe ber «ßrobuftion unb beS ^ermitttungSge^afteSi 
2£säre es nid)t an ber Seit, ba£ enbtid) and) bxe ßonfumentci 
pr «ßertlieibigung ihrer ^ntereffen biefelben »ahnen betreten ■ 
Satten nicht auch bie «onfumenten fid) miteinanber äu uerbtub^ W« 
mentemSrufts ju bilben, mit ben «probujenten tn birelte äSejtehungen j 
treten, um auch bie «probuttion non ber &errfd)aft ber (Mbmanner „u ema 
jipireit? Schließlich ift nicht ber ©otbmann Raufer fonbetn b 
kaffe ber ^onfumenten. Stur »langet an Drgantfation feiten« bei H 
fnmenten mad)t es Qenem, ber nichts probujirt unb nicht mehr , 

ein Slnberer, aber (Mb befifet, möglich, bie ihm gebuljrenöe »ermittle 
Stolle mit jener beS Serrfdjer« ju »erlauf^en. 

glicht um eine gtenolution h anbelt eS ftdj h«r, [ oni)ei 
eine Guolution; baS «Baargelb fott nicht abgefcßafft luerbcn,. « 
fdjränlt, man bebarf feiner ©ienfte, roirb ihrer immer beburfett, 
biefe fDienjte biirfen nicht teurer 311 flehen fommen, als ne roeith 




ruft unb Staat. 


25t 


Oie Intervention beS ©etbeS ift in vielen gälten unentbeßrlidj, aber 
baS ©olbfiücf foll nicl;t^ SlnbereS fein, als eine Summe von Scßeibentünpn 
in fongentrirter, leidjt bemegticßer gönn. 

Oort tvo burcß Oaufdj ober Gßed baS Vaargelb überftüffig tvirb, 
(affe man e£ in feiner SBertßßeim^affe liegen. 

Qn kleinem Greife ßaben fiel) $pvobu§enten unb Soufumenten längft 
burd) Oaufcßßanbet vom baaren ©elbe emangipirt. Oer Sanfter liefert 
feine SBaare beut Scßneiber, Väcfer, gleifdjer 2 c. beS gleichen DrteS unb 
erßält bafiir von ißnen bie VebarfSartifet, bie er brautßt, aber nießt erzeugt. 

Qn größerem Sttaßftabe märe bas gteidje Siefultat burd) Slffojiation 
p errekßen. 

Sllfo üonfumvereine? ©eraiß; aber Vereine für bie mögtießft billige ©r^ 
tverbung aller LebenSbebürfniffe unb SebenSfreuben von ber 
SBoßnung angefangen bis §ur Veife um bie SB eit. 

3BaS ein 2Jiaga§in bu Louvre, tvaS eine 2BaggomLitS=©efedfcßaft als 
Spekulation unternimmt, ßätte ber, ade Vebürfniffe umfaffenbe, Äonfum« 
verein pm adgenteinen Söoßle burdjpfüßren. 

@3 märe bieS feine Stüdfeßr pr parabtefifeßen ©infac§b)eit; feine ©elbft« 
befeßränfung auf LpfurgS eifernes ©etb unb itraftfuppe. Qm ©egentßeil, 
eS märe ber benfbar mädjtigfte QmpulS pr ^ßrobuftion unb fömfumption 
jeglidjer 2lrt, bie, befreit vom SBucßer beS Vermittlers, ftd) entfalten 
mürben, mie noeß nie! 

Von größter fokaler Oragmeite märe aber bie einßeitücße Drgani* 
fation ber Oienftleiftung auf VafiS gegertfeitiger Verfidjerung. 

SBaS pr Seit beS patriareßatifeßen SpftemS einigen ©roßen mit nießt 
geringen Opfern gelungen ift, im eigenen «gauSßalte p ermeden: baS Ve* 
mußtfein ber Solibarität pnfdjen Vrobßerrn unb Wiener, müßte im SBege 
ber 3lffojiation pnfdjen klaffe unb klaffe ßeute ein LeicßteS fein. 

Veßnten mir pm StuSgangSpunfte irgenb eine ©roßftabt unb in 
biefer bie üüittelf taffe ber ^onfumenten. ©inige ßunbert ober taufenb 
gamitien verbinben ließ p einem genteinfamen fiauSßalte, feboeß) bei voller 
Sßaßrung beS felbftftänbigen geimeS. 

Oiefer Verbanb tritt als ©efammtfonfument auf unb fueßt mit 
einzelnen Lieferanten, momögli(ß mit fdjon befteßenben ^robupnten- unb 
^onfumentemVereinen in bauernbe Ve^ießung p treten. 

Oie Slbminiftration biefeS VerbanbeS märe analog jener ber ßeute fo 
ßäufigen ©ranb*£ötets p organifiren. 

Vebft einer centralen Vucßfüßrung, einem centralen gaßlamte fodte 
uu(ß eine centrate Dberaufficßt ber Oienftboten unb eine centrate Oienft* 
Vermittlung p ißren Vefugniffen geßören. 

Verbinben fid) mit ber falcße Vereine beSfelben DrteS unb 
Staates mit einanber, fo müßten fieß bie Soufumenten p einer SJiacßt 

17* 






entroicfeln, mit melier Sßrobujenten unb Arbeitnehmer glücftid) mären in 
bauernbe Sejiehung ju treten. 

©tiblidi mürbe bie ßonfumption bie $robu!tion beherrfchen, baS An= 
gebot muffte fid) ber Nachfrage anpaffen, nnb nicht, raie bieS beut fo häufig 
ber galt ift, bloS barutn getauft roerben, um ben «ßrobujenten unb Ser= 
täufer überffüffiqer SBaaren leben ju laffen. 

gBie febr biefe ©nolution ben roirftichen Sebürfniffen ber ©efellfcbaft 
entspricht, beroeifen bie ßlagerufe jener, bie fie bisher ungeftraft aus-- 
gebeutet haben. 

ßleingeroerbe, ber ßleinljanbel und burd) bie Staatsmacht ge< 
fc()üht roerben, nicht nur gegen bie ßonfumnereine, bie fich ihrem 2Bucher 
entziehen, fonbern audj gegen bie ©rohmagajine, bie ihnen erfolgreiche 
ßonfurrenj mailen. 

@S ift nicht 5 « leugnen, baff biefe beiben gnftitutionen baS ßleim 
geroerbe unb ben ßleinhanbet bebrotjen. ^ugtetc^ aber bieten fie bem 
{leinen Staun neue, grojje unb fixere ©rroerbSquellen. S 

Selbe bebütfen eines £eereS Sebienfteter, unb roenn fich Me 
ßonfumnereine in ber oben angebeuteten SBeife entroicfeln, fo muh bie 
9Jaä)frage nach ArbeitSfraft eine nod) roeit größere roerben. 

$ie erhöhte Nachfrage roäre aber nid)t nur auf Quantität gerichtet, 
fonbern aud) auf Dualität, ©ute ffkobuftion unb gute Arbeit 

finben guten Abfah, aber nur biefe. 

(SS roäre bieS non grofser moratifd)er ©ragroeite für bie Arbeitgeber 

forooht, als für bie Arbeitnehmer. 

Um gut bebient ju roerben, mühte ber Arbeitgeber ben Arbeitnehmer 
gut beljanbeln. 

Um biefer guten Sehanblung roürbig 5« f«n, mühte ber Arbeitnehmer 
fid» gut »erhalten. ©ie beiben ßlaffen ftänben fich nicht als ©egner gegen* 
über, bie trachten fid) gegenfettig nach £erjenStuft auSjubeuten, roie bieS 
heute fo häufig ber gaH ift. 

©iefeS iPrinjip fehen mir bereits non ben groben gabriten unb groben 
SBaarenhäufern befolgen, unb mit bem beften Diefultat. 

©S ift bieS bie SBieberbegrünbung ber l;üerard)ifdjen -Drbnung, ohne 
roeldie leine ©efedfdjaft bauernb erhalten roerben lann. 

Unb ber ©taat? 

©er ©taat als ßörperfdiaft ift nur ßonfuntent; eS liegt in feinem 
gntereffe, mögli# gute ASaare mögtidjft billig ju erroerben, baher fann 

ber ©djuhäoll aud) ihn nur fdjäbigen. 

©ie innere ^robuftion fdtüfct fich felbft burch geringere ©ntfernung 
unb burch roedjfetfeitige ßrebiterttjeilung. 

gebermann tauft lieber, roenn er gleichzeitig nertauft, er sieht mm, 
mit felbfterjeugter SBaate ju bejahten als mit Saargelb, baS er nie et’ 
jeugt, felbft nicht als Sefiher non gbelmetall=©ruben, fomit immer erft 









- CE ruft unb Staat. - 253 

laufen muß, unb zwar meift uin cittctt nont Berläufer milliürtid) fefts 
gefegten ^ßrei^. 

®er (Staat mu& afferbings mit ©elb Bejahen, aber burcfjauä ntdjt 
mit ©olb, er be^atjtt mit ((Baufuoteu, bie aleidjbebeuteitb fittb mit bent 
@hed be£ $)3rioatmanneS. 

ber (Staat mirb fomit lieber zu ßaufe laufen als im dluSlanb, 
wenn bie heimifdhe SBaare nicht fdhledfjter unb teurer ift als bie frembe. 
■3ft aber ber gad, bann fcßäbigt ber Staat burdh Befchränlung * auf 
bett Ijeintif^en dJlarft fidf) felbft, er fchäbigt bie heimifdhe Sprobuftion, 
inbent er fie ber fo unentbehrlichen Slonlurrenz beraubt, aut meiften aber 
fdjäbigt er ben heimifd&en Äonfum entert, inbem er ihn zminat, um theurereS 
©elb fdjtedhte dßaare anzufdjaffen. 

®er Qmportjod hat für ben Staat bloS einen SBerth, bas hierburdb 
gewonnene ©inlommen. 

könnte biefeS ni<$)t auf eine meniger gemeinfdjäblidje Söeife 
eingebrad)t m er ben? 

SBie mir früher angebeutet haben, ift ber Staat in öionontifdjer 
fiinficbt eine dlltiengefellfchaft. ®ie ©runbbebiugniß beS ©ebeißenS feber 
Iftiengefeüf^aft ift aber ber größtmögliche Umfaß non 2Bertt)en. ge aus* 
gebehnter bas gelb ihrer Sßätigleit, befto größer ber Umfaß. 

£>ie Betheiligung am SBelthanbel, ob Import, ob ©pport, ift eine 
duSbehnung ber öfonomifdhen Shätigleit beS Staates. 

gebe fisfalifche Maßregel, burdh weld)e bie Betheiligung beS Staates 
m 2Belthanbel eingefdhränft tnirb, ift falfdj. dlber ber Staat muß auch als 
tlörperfdhaft am ©erainne betheiligt tnerben, ba er als &örperfd;aft fonfumirt. 

©r hat bas diedht, jebe gefchäftlidhe SranSaltion zwifdfjen sprobugenten 
tnb Äonfumenten, fob alb fie Beiben ©eminn bringt, p befteuern, 
jleidhniel, ob ber ^robugent ober ber ßonfument ober Beibe Staatsangehörige 
inb. dJcit biefent Rechte ift nur bie ^fließt nerbunben, bie Steuer in 
iner dBeife p repartiren unb einpbringen, bie auf bie Söerthberoegung nidht 
lemmenb eintoirft unb leine überflüffigen Soften nerurfadht. 

®en Söerthuntfaß hemmt bie Steuer am menigften, menn fie burdh 
en Steuerzahler mit bem entrichtet mirb, maS er hat, nicht aber mit bem, 
oas er erft laufen ntuß. 

©benfo unfinnig, toie eS märe, nom Banfier, oont Kaufmann zu ner= 
mgen, baß er bie Steuer mit $orn ober dftaftnieh bezahle, ift es, menn 
om Sanbmirth nerlangt mirb, er entrichte fie mit ©elb. 

BloS meil heute ber Sanbmirth feine Steuern in ©elb entridjten muß, 
erlangt er nom Staate, feinen Bebarf an dtohprobulten bei ihm an* 
ufchaffen, auch wenn er iljn anberSmo billiger unb beffer erlangen lönnte. 

28enn ber Staat mit feinen 5lngehörigen Bhtdher treibt, ober fie bem 
ßrioatraudjer ber ©eibmäuner preiSgiebt, mitt ber Staatsangehörige fidj 
aburcf) fdjabloS halten, baß er feinerfeits mit bem Staate mudjert. 




25^ 


3 n betben gatten gewinnt nur ber Agioteur, in lebtet Slnalrg’e ber 
internationale ©olbtnann. 

50ftan fann öas> (Sntfteljen oon SJttttiarbären nidjt gewaltsam rer? 

6 inbern, aud) nicht, baff M b» §anb bte Miarben automatifdj 
nermehren. ßefetercS ift fctbftocrftänbti^, ba bte Werten SMiorbare nicht 
genötigt finb, Strmeen, ipanjerftotten, gelungen jc. }u erbauen. . 

SJJan fanu fiel) ihrer nur entlebigen, rnbetit man fid) gegenfeitig Rrebtt 
ertbeitt unb stnar and) ber ©taat bem ©teuer&ahler, ber iferobusent bem i 
©taate Da aber ber ©taat als Stonfument and) feember Söaare, als 
©ebutbner auch frentber Sapitaliften ©etb braucht mufe innerhalb 
ieiner ©rensen ^ebermann einen Dheil beffen, mal ihm burd) beu @d)u| 
beS Staates an ©eroinn jugefCoffen ift, bem ©taate abgeben. 

9Mt ber ©in* unb SluSfuhrjott, nicht bie Sefteuerung ber Joertjeuge beS 
©etuerbeS, nicht jene beS noch nicht in beu SBaarenoerlebr gebrachten|ro= 
buttes fei bie Duelle, aus roelcher ber ©taat sn fdjopfen hat.^ Diefe 
Duette fei bie jnöglidjjt niebrig bemeffene Tantieme au» jeher 

thatfädiUch erfolgten SranSaftion. 

Sßenn non jebem Sehnmarfftücf, jebeSmal als eS ben fierrn medjtelt, 
ein Sehntet Pfennig in ben ©taatsfädel fällt, ift am ©nbe be» wahres 

Mo 3 biefer roll . . 

©er Sfteicbtbum be§ (Staate^ wäre aber burdj ba§ tn ferner 
fammer angehäufte Saargelb noch immer nicht gefiebert; biefer ift bebmgt 
non feiner otonomifdten Stellung auf internationalem ©ebtete. 

Der internationale Krebit beS ©taateS faun ^rg^enb burj 
©olbanhäufung ersmungen ober erf^en rnerben; tn SBnÄt$!eit ift aber 
nur jener ©taat reich, beffen Sobenföfifre burch feine Saal. erung mogli# 
noHlommen ausgebeutet, nerarbeitet unb möglich t probuftio Ä ll 
„erben; baS helfet: innerhalb beffen ©rensen bie moglet gro|e 3ta 5 ahl non 
fDJenfdjen, phpfifd) «nb moralifd) möglicfeft gut gebeifet. 

Sebarf bemnad) ber ©taat beS ©jportes überhaupt nicht. 

Nehmen mir au, bie gefammte ©rbe hätte fich sn einer «onotm Jen 
©inheit nerbunben; mohin lönnte biefe Einheit epportiren? Unb muhten 
bie ©rbberoohnet beShatb junger fterbeu? 

3 n noch fo niete politifche, b. £)• fetbftftänbig abmimftnrte ©ebi 
bie ©rbe aud) serfiete, ber größere ober geringere ©rab non «Jun 
jebeS berfelben märe einjig non ber Sefdiaftenheit beS befeffeneu SobenS 
unb ber SeiftungSfäl)ig£eit feiner Seoölterung bebmgt 

Unb morin mürbe fich ber größere 9teUWum biefes ©ebieteS auhj 
©injig in feiner JtonfumptionSlraft, m feinem Seburfniffe f J feem^ 
©ebiete ober beren ©rjeugniffe ansueignen. ©m unitreitig i J . 
unb gefunbereS aSerfeältnife, als jenes es ift, menn bie eigenen ©rjeugmff 
ober gar bas eigene ©ebiet für frembeS ©olb hergegeben rnerben. 



CCruft utti> Staat. 


255 


2 Bie würbe ein tüchtiger ßanbwirtß feinen 9tad)bar nerurtßeilen, ber 
fein $en nnb Stroß nerfauft, anftatt es z u verfüttern; wie jenen, ber es 
Zwar verfüttert, aber ben gewonnenen Jünger nerfauft, anftatt feine gelber 
bamit in nerbeffern? 

9M)t (Stoib ift Eicßtßunt. Eicßtßunt ift bie burcß Arbeit gewonnene, 
burd^ wecßfelfeitigen Ärebit ohne Ermittlung bes (StotbeS in ben £aufcß* 
verfetjr gebraute, bnrd) ben Staatsbürger fonfumirte ßeimifcße nnb frembe 
SBaare. 

(Mbfucßt nnb Meinung an bie 9ftad)t ber htolbmänner ift nur eine 
EquemticßfeitSs-JJtaßregel. 

üfticßts aber ift für bie £)auer foftfpieliger nnb gefährlicher, als baS 
SXufopfern wirfticßer gntereffen ber Equemlicßfeit beS 2lugenbtids. 

£)ie taufenb gäben, mit weldjen ber große Sßucßer ben fleinen Sßucßer 
umfpinnt, um ißtt in feine (Gewalt in befommen, ber Sitanenfampf zwifdjen 
Kapital nnb Arbeit finb interne ©pifoben einer wibernatürlicßen ßtoolutioit, 
jener ber SBettßerrfcßaftSsßtolüfte beS (StolbeS. 

2 Sibernatürticß ift biefe ©nolution, weil bie natürliche ©ruppirung 
ber 9Jtenfd)ßeit auf einem befümmten Sbeile ber @rbe nicht bnrd) bie 
Sflacßt beS (StolbeS allein vertheibigt nnb erhalten werben fann; aucß bie 
noHfommenfte MegSmafcßine muß burcß 9JIenfdßen geßanbßabt werben. 

2lber aucß eine nur zeitweilige Errücfung beS natürlichen 9Jtad)tnerßälts 
niffeS würbe genügen, um bie befteßenbe SBeltorbnung zu erfd)üttern. 

£)ie bnrd) baS Kapital entthronten Staaten müßten zerfcßellen nnb 
einer neuen Staatenbilbung weiten. 

$>urcß bie Söeltßerrfcßaft bes internationalen Kapitals wäre nicht nur 
ber SGöeltfriebe nicht geftcßert, fonbern im ®egentßeit, ber $ampf 2111er gegen 
2lüe wäre provozirt, baS gauftrecßt in neuer gönn würbe auferfteßen nnb 
fi<h über bie gefammte @rbe nerbreiten. 

23loS bie (Memttniß ber Qntereffeufolibarität aller JMturftaaten fann 
bie 2Jtenfd)ßeit nor biefer neuen Sintflutß bewaßren. 

3JUt Egeifterung werben bie Elfer bem Staate «öecrfolge leiften im 
Kampfe gegen biefe ©efaßr. £)ie Elfer finb nicht gewillt, ben «öerrn zu 
tauften; fie wollen ben Staat erßalten, ber fie erßält, nnb nicht non ber 
Söillfür jener abßängen, bie fte unterjodjen, oßn'e fie zu fdjüßen. 






3ulius Stettmtjeim. 

(£tn biographifdjditterarifdjes Portrait 

Dort 

Sfiboljjfl Öotjut. 

— Steglifc. — 



'■ \ 

er erfolgreiche unb efpritoollfte Repräsentant beS norbbeutfdjen -jj 

gumorS feit mehr als einem halben Qabrhunbert ift her 
berliner RriftophaneS Julius (Stetten heim, meldjer am 


2. Ronember feinen 70. (Geburtstag begebt, ©in unerreichter BirtuoS beS 
SöortmifeeS unb ber broHigften ©infälle, ein geborener Söortbriidenmeifter 
Zmifdjen ben heterogenften Gingen, befiljt er eine berounberungSmürbige 
Seidjtigfeit beS (Schaffens unb eine erftaunlicbe Bielfeitigfeü. Dbfchon er 
feit mehr als fünf Qahrgehnten einen fabelhaften 2BifcluyuS fid) geftattet 
unb in unzähligen gumoreSfen, Feuilletons, ©im unb groeizeilern,, Born 
motS, Slper 9 US, Couplets, hoffen, <Schmänfen unb Suftfpielen bie grüßte 
feines (Genius uns zu foften gegeben bat, ift ber Urquell feines gumorS nod) 
MneSmegS uerfiegt, er fprubelt nielmehr noch ebenfo üppig, mie za jener 


geit, als ber Rater ber „2ßefpen", ber (Sdjöpfer ber Xppen: „Sßippchen 


" 


' 


„Rtudenid)" unb anberer unfterblicher Figuren in gamburg feine erften 
littmrifchCmnorifiifdjen ©Poren fid) nerbiente unb überall burd) feine föft 
liehen Pointen unb ©alentbourgS bmuerifcheS (Gelächter hernorrief. 

9Ran hat QuliuS (Stettenheim nielfadj mit 9R. (G. (Saphir, bem 
beutfdjmngarifchen Söifebolb in ber alten, guten gelt, nerglidjen, — aber 
febr mit ilnredjt. 3£enn er aud) bem einft fo gefeierten unb gehabten 
(Saüriler in Bezug auf nerblüffenbe Rebemenbungen unb luhne Söort 
mibe gleicht, fo überragt er ihn bod) burch feinen umfaffenben gorizont, 
feine geläuterte 3Selt unb SebenSanfchaunng, feine flaffiftbe Bilbung, feinen 
gebiegenen (Gef dpuact unb fein tiefes (Gefühl. SDer 2Biü ift ihm nicht, mie 
(Saphir, ©elbftzmecf, fonbern nur RUttel znm 3™ecf, am za erheitern, 





























25? 


- Julius Stettenfyeitru - 

jjrhatten, p ßeffent ober p erheben. SMefer ßumorift Ejat, me toir 
:,t werben Iprtfde ©ebid;te oerfafet, melde nidt allein non bem täten 
mor, fonbern aud) oon ber ©rajie Des ©eifteS unb bem Olbel beS 
iiens öettflmß ablegen; er Ejat ©ebanfen ausgefproden, melde bie ibeafe 
itung btefeg ©djrtftftellerg Bezeugen. 

Som erften Stugenblidf feinet 3EuftretenS in ber greife unb in ber 
;ratur hat Stettenfieim nie aufgehört, 3ournalift p fein; immer fafe er 
faujenben aSebfrußl ber Seit unb hat bie poEitifdjen, gefeüfdaftliden, 
uartfden, funftlenfden unb ooKSroirthfdaftliden Vorgänge tut 3m unb 
taub frttifddumoriftifd gloffirt, p benfetben fdarf unb entfdieben 
,img neßntenb. @S nntfe ihm babei pm «Ruhme angerednet werben, 

• er, etn publtctfttfder »aparb ohne gurdt unb Sabel, feine fpifee 3ebe(- 
”“ r tn ben ® ien l’ t fe er Freiheit, beS Sftedjt« unb ber ©eredtigfeit 
, er ' me ‘ 3eit 9}cacf;tBa6ern beg Sageg ober ber blöbett DJcaffe 

rndjeliib immer ben 2Seg gegangen ift, ber §u ben £öl)en beg iblen 
inen unb ber ^enfdjtidfjfeit flirrt. 

Unb bod bat ber Sournalift, bem eS fonft rate bem «ERimen ergebt, baft 
ibte «Radroelt ferne firänje ftidt unb beffen fetbft fuperbfte Seiftungen ein 
not o°n geftern unb ein 2Big non beute finb, in $erS unb «Brofa 
i e unb btcftetbtge, ©driften »erfafjt, melde alle Seit einen unoeräußer' 
t ®d a b unferer bumoriftifden Sitteratur ßitben raerben. ift be« 
ctid, bag mir nod feine Ausgabe ber fämmttiden ©driften ©fetten« 
b Eiefifeen, läge eine folde ©efammtauSgabe uor, mürbe ber Sefer 

l f? r .Y 8« ® er niädtni§ eines ber erfinbmtgSreidften unb 

litbltdften ©driftfteller feinen flafftfden SBcrfen in ber .öauSbibtiotbef 
üben fonnen; benn gar Sieles bat unfer lutor gefdrieben, raaS bie 
n unb bte Sergdngltdfeit überbauern bitrfte. ©ein 3Bi| Etat nidts 
i |enbeS, roetl er nidt blos ein ©rgebnifj beS SerftanbeS, fonbern aud 
pemuthes ift.. 9tur feiten fänipft er gegen ißerfoiten, fonbern nur gegen 
t)rte unb tljörtdte ©runbfäfce, unb immer bat feine ©atire etwas Sem 
ubes unb Slnmutbiges. Me gebt er auf ©ffeft aus ober fudt burd 

‘ 'f! bte £ni ^ er au f f etner @«te SU haben — bafür bat er 

f wnfileniden ©tnn unb ein p feinfühliges, äftbetifdes «Berftänbnifc. 

> Setb, roaljreS llnglütf unb tiefer ©djmerj erregen ftetS fein $0Ut= 

" nb " ie ^ at er aud uur ben geringften «Berfud gemadt, bas 
■moüe, baS «Reine unb ©öttlide mit ber Sauge feines ©potteS p 
( eben ober aud nur pm ©egenftanb eines billigen ©derjeS p madeu 
ieb f ets ein ©entteman ber «ßubliciftif, an beffen litterarifdjem ©hren« 

1 mdt ber geringfte glecfen p entbecfen ift. 
jtalählid feines 70. ©eburtStageS mirb man ihn geroijj, mie bieS ja 
- erem lieben Seutfdlanb allgemein Üblid ift, über ben filee rühmen 
« «Bebeutung in'S helle Sidt fefen, aber bamit hat baS beutfde 
•dm gegenüber feine ©hrenfdulb nod nidt abgetragen. SEbgefeEjen 


258 


tfottut in Stegli^. 


bauon, bafe tute teiber, roie fdjon ermaßt feine toeinmmtau^abc b 
©Ariften ©tettenbeimä fjaben, rate eine We j. $. »affermann für c 
©iditungen non Silbetm Sufdi unternommen fiat, mufj bteier frucfitba 
unb beifpietloä fleißige 2 lutor nod) immer einen gar fjatten Sampf wi 
$ai'etn fämpfen. Sn granfreicb unb ©ngtanb gehrte etn 50 iann tote i 
jumal er feine ßeibenfdiaft at§ ^ö(J)ftcn§ für gute ©tgarren beft^t, latn 
fcbon 51 t ben mit ©tücfögütern gefegneten oberen ifefmtaufenb, beim fet 
«Berte mären mit ©otb aufgemogen raorben unb jeher Oebtlbete batte i 
©eioiffcn§pftid)t gehabt, neben ben Standern unb ber Stbel au^ b 
©tettenbeim fid) anjuf^affen. 9 tod) nor Supern fdjrteb nur bet_^ubt 
® feiner geiftnott Jtandiolifcben Seife u. 21 : ,,®a§ gacit meines Mt 
tautet: id> habe ein fapitallofeS 2 Uter erreicht, unterfingt non -ebenSfotc 

alter 2 lrt." 


* 


* 


* 


SitlütS ©tettenbeim raurbe in Hamburg am 2 . Stonember 183 

boren. ©ein Skter, ein Sunftbänbter, ftammte au§ 

nomen et omen, au§ — Sifienbaufen, bem treftttdjen ©tabtcben, 

beffen Sein befanntlid) jutoeilen eä „©füg" ift- Sn ben »£ e ' te “ n , 
iunerungen" - fie erzenen*) oor fünf Sabren - bte ber «er. 
"enfen feiner geliebten ©Item“ gemibmet, ergäbt er, baff ber 3 
natift fcbon frübjeitig in ibm erwacht fet, unb bafe er bereit» nt 
uuterftcn Staffen ber iSraelitifdien greifdjute tn Hamburg für ferne 1 
naliftifcben SSeftrebungen mit Sarjerftrafen belegt raurbe. ®odigere 
ben Snaben bie ©trafen, jutoeilen mit bem Santfdju oerabtetäit, 

bie ©rmabnungen nicht. ®a§ 1848 , ba§ » be * » ru | 

brachte in ihm bie journaliftifcben Snofpen jur noden «e. ©men ~ 
rüber afö in »erlin ber „SlabberabatfcT - am 7 9 Jt« -« 
Hamburg — 2 . Sprit — bte erfte Stummer be§ „fKepbtfiopb 1 *^ 
ber giebaftion non Sitbetm SKatr, im Vertag non £offmann u. C 
mo befanntlid) auch bie ©djriften $«nrl$ Seines unb oberer 
ber ®emolratie gebrucft würben, ©er frifdje, uner,d)rotfene ^ . 

nannten SStatteS fagte bem fedbjebniäbrtgen Süngling ju, unb halb 
Hutbete er e§ mit SKanuffripten, ohne bah er eS lebodj getnagt 
fidt bem „©^riftleiter" perföntid) oorjuftetten ober ihm feinen Samt 
nennen. ©ort erfdjienen feine erften Iprifdien .©einf&te; ba§ attemfl ( 
be 3 Hamburger ©pmnafiaften betitelte fidj: „aSolfgbeputatwn 
mar nad) ber SMobie: „©§ ritten brei Leiter jum More fcn«»* 
ben ungtücfticben »erlauf be 8 ©mpfangeS einer ^Deputation benn Som 
»reufsen befingenb. ©r blieb ein ftetfetger «Mitarbeiter be§ „®iep|™ 


*) Berlin, Silber, 316 6. 





-3ulius Stettenheim. - 259 

i) su beffeit leßter Kummer, bte ©nbe Quni 1852 erfdjien. Site gonorar 
Mt er wödjenttid; einige — greieyempfore. Menig, 06 er Je^Iidj! 

3 u jener Seit war er and) Mitarbeiter her „Reform", welche non 
' %. D^ic^ter gegrünbet würbe nnb nor einigen fahren eingegangen ift A 
gwrben. «gier arbeitete er unter bem Spfeubonpnt „gauft". Stuf 35 er' 
Raffung be3 genannten Verlages gab er einen bumoriftifcben ßatenber, 
> iteit: „gerr Meier", beraub. 

Mit 2lbolf ©laßbrenner, bem bantaligen ©enior be£ berliner 
! ße3, ber wegen feiner b'emofratifd&en ©efütnungen au£ Mecklenburg* 
Erelife au^gewiefen worben war unb in gamburg ein bumoriftifdjeS Blatt: 
,'rnft geiter" tjerau^gab, würbe er begannt unb befreunbet; ferner trat 
1 in freunbfdiaftlicben Berfebr mit bem ©^aufpieter ©beobor £obe, 
ttate Mitgtieb be£ gambnrger ©tabttbeater3. ©iefer forberte beit jungen 
jtrnaliften unb gumoriften, beffen üftante in ben fünftterifdjen Greifen 
;mburg» bereite einen gnten Mang fjatte, auf, e§ mit einem ©inafter 
i ba3 ©beater p nerfucben. ©0 entftanb ber ©inafter ©tettenbeimB 
üf bem Qungfernftieg" unb würbe pm Benefis £obe§ am 27. dionember 
[36 sum erften Male aufgefüljrt unb auch einige Male mit ©rfofg 
(eben, ©er ©ireftor ©. 21 . ©adjfe überfanbte il)m bafür ein gonorar 
n; — 2 ©ufaten. ©tettenbeim bemerkt, al§> er biefe ©baifadje erpbft, 
irtoriftifd): v 2IIIen meinen SMegen, bie gleichfalls feine bramatifdjen 
ibter ftnb unb bennocb für bie Bühne fcbreiben, wünfcbe idj einen aßn* 
ien Erfolg. @r geilt üortrefflitg." 

2iacb feinet BaterS ©obe 1857 überfiebelte er nad) Berlin, um an 
( bortigen Uninerfität 51 t ftubiren. Unter bem dieftorat be§ B^ofefforS 
j Mtborff würbe er am 31. Mars 1857 inffribirt. Qa — „ftubiren!" 
| fcböner ©ebanfe, aber es fant anberS. @r butte ben größten ©heil 
?e3 BaarnermögenS am ©ifenbahnfcß alter in gambnrg für ein ^Bittet 
1 ter Maffe — eine inerte gab es bamals nodj nicht — gegeben, unb halb 
3 : er wieber gezwungen, ficb ber Qonrnaliftif p wibmen unb ber Brob 
eenben geber ppwenben, wenn er auch ben breijäbrigen UuterridüSfurfuS 
cecbt unb recht n oltenbete. ßx würbe in Berlin mit gleicbftrebenben ©enoffen, 
i fpäter als hoffen* unb ©chwaufbidjter pr Berühmtheit gelangten, intim 
teunbet, fo s* B. mit ©buarb Qacobfon, gerntaitn ©alingre u. 21. 
rterer war ein Meifter in ber 2 luffinbung übermütbiger, luftiger Pointen 

verwegener braftifdjer ©üuationen, unb ber £eßtere, bie unnerfälfdüe 
loetät, griff mit beneibenSwerttjer Unbefangenheit p unb brachte 2MeS 
1 Rapier, was er für fomifd) hielt, fleißig fcßrieb ber Bruber ©tubio 
Itefpönbenjen unb ©ebichte, fatirifche 2 luffciße, fpmoriftifcb*politifcge 
fff en 2C - Unter ben bafelbft non ihm nerfaßten unb ueröffenttichten 
[poreSfen, Buffen unb ©ingfpielen nerbienen ber „2llmanach sunt Sachen" 

~ fech§ Suhrgänge — „Sobengrin" (tiumoriftifdje 2 llbumbtätter) unb bie 
uufgeführte: „Seßte gatjrt" hernorgehoben su werben. 




260 


Itöolpli Kotjut in Steglit^ - 

©ef)t bebeutfam für ißn unb feine Immoriftifcbe Stjätigfeit würbe bii 
Belanntfchaft mit albert ßofmann, bem Verleger be§ „Klabberabatfch" 
biefer erfannte bie außerorbentliche Begabung beS jungen ©cbriftftederS uni 
fpornte ißn gu reger SJtitarbeiterfdiaft an ber non ®aoib Äatifdj be 
grünbeten, gefcfjicft unb fcfjneibig rebigirten polüifdHatirifdjen aBochenfdjrif 
an. ®iefe BSirlfamfeit am „Stabberabatfdj" unb ,,filabberabatfd;=Menber' 
würbe für ©tettenßeim eine treffliche ©d)ule ber humoriftifdien «pubticifti 
unb Stebaltion. 

®ie ©eleßrten beS Älabberabatfd) fowoßl wie bie martanteften ©r 
Meinungen ber jungen Berliner ©cßriftftederwelt in ben fünfgiger Saßrei 
be§ »origen QahrßunbertS, mit benen ©tettenßeim in meßr ober wenige 
enge pljtung trat, fdiitbert er in feinen „^eiteren ©rinnerungen" mi 
großer anfd;aulid|ieit, gewürgt mit amiifanten Inefboten. fiier nu 
©inigeä barauS: ©eorg Bellt;, betannt burd; einige brodige unb originell 
bramatifdje ßleinigfeiten, wie „SJlonfteur fierluleS", war im Greife feine 
greunbe fo beliebt, baß ifjm fogar ber ©pelutor, ber ibn im auftrage eine 
©läulügerS pfänben fotlte, ©elb Keß, ftatt ißn auSgupfänben. ©ineS Xage 
ftürgte ber Bedp’fcße ©pelutor in bie ®öpfer’fd)e grüßftüdSftube unb k 
ben äBirtß, ißn gu nerbergen. 6r flüchte fuß not Beflp. ®ie Saffe be 
©ericßtSoodgieherS war erfd;öpft man beute tid; ben Beamten be 
BfänbwtgSamts, ber, weit er lein ©elb hat, t>or einem feiner Opfer flieh 
©in Original war and) ©uftan Stafd;, ber fein Sebeu baran gefeßt ha 
„uertaffene Bruberftämme" gu befreien. 3mmer unb überad betonte er i 
SBort unb ©chrift feine innere ©uidotine. „Stieoer mit bem Bprannen! 
rief er, ftatt friebliß „©Uten £ag" ober „abieu!" gu jagen. ®aS 3»l 
1866 wodte er um leinen ipreiS anertennen. Briefe an ©tettenheim, bi 
bamatö in ber Berliner Königgräßerftraße wohnte, abreffirte er ftetS nn 
ber tgirfcßelftraße — baS war ber einftige Baute jener ©traße. Stucß i: 
ber ©rfdjeinung war er tomifd). ©r trug u. a. einen uerblüffenb hohe 
fehr fcßmal geräuberten ©ut, non bem ergählt würbe, er fei nor 40 3# 
3Kobe gewefen unb bie ©efängnißarbeit eines ergrauten BerbrecßerS. 

«Mit feinen titterarifd;en unb lünftlerifdien greunben grünbete ©tette 
heim einen Berein: „$ie SBüfte", eS ging ba fehr luftig gu, unb gal 
reiche heitere Sieber unb ffkrobien erblidten bort baS Sidjt ber SBelt. I 
amt betrübtem bergen fal; ihn bie fröhliche SEnfelrunbe 1860 » 
Berlin fdjeiben, um uad) breijährigem aufentl;alt in ber preußifcßen 3)' 
tropole nach feiner Baterftabt gu überfiebeln unb bort journaliftifd) u 
rebaltioued tßätig gu fein. 3n Hamburg rebigirte er baS geuideton j 
„«Reform", bann baSjenige ber „Hamburger Bteffe" unb grünbete fdw 
ein humorifti' hffatirifcheS Seitblatt: „Oie Sßefpen", beffen erfte Stürmt 
am 1. Oltober 1862 erfcßien. SBenu aud; baS Sournal fel;r gefiel, fo tt 
bod; ber pefuuiäre ©rfolg beSfelben ein nur geringer, troß beS brüte- 
BreifeS — bie Stummer loftete einen ©dnding, ungefähr 9 Bfennige —, tu 






3uHus Stcttenfyeim. 


26 \ 

: trefftidjen BntjattS unb ber norpglidjen SHuftrationen. $abei I;ötte er 
i reiche ^tadereien, Magen feitenS ber ©taatSanmattfdjaft, ^onfiS; 
: onen :c. p erbulben. (Sr nerlor jebocß feinen Optimismus nicht nnb 
t mit feltener Unnerpgtheit, StuSbauer nnb Slnfprudjslofigfeit an bem 
ernennen feft, bis ihm ©nbc 1867, als er nach Berlin überfiebelte nnb 
bem 33erIagSbuchhänbler 33. 33rigl — biefer mar ber Urheber bes 
ügetten 3£ortS: „Oie ^oltfif nerbirbt ben ß^arafter" —, ber bie 
efpen" feiner Tribüne beitegte, in 33erbinbung trat, enblid) ein glüdlidjer 
rn p leudjten begann. 

$)a§> brantatifche unb bramaturgifdje (Gebiet, metdjeS non jeher itm 
ßtig feffelte, f;ielt ißn and) in Hamburg in feinem 33 artn. (Stjeri 
Utrice, ber berühmte Seiter beS %f)alia’%f)eatex$ p Hamburg, betraute 
: mit ber Aufgabe, mirffame berliner hoffen p lofalifiren unb für 
üben Couplets p fd)reiben. 2 Iber and) fetbftftänbige ©tüde nerfaßte 
fo 5 . 33. bie Sßoffe: „Ungebetene ©cifte", baS Sieberfpiet: „(Sine ner^ 
itte ©efd)id)te" unb ben ©djraanlf: „©otteS ©egen bei (Soßn". Me 

33ü^nenmerfe jeugen non ber hohen 33egabung beS 33erfafferS für baS 
'.nötige ©eure, unb eS bleibt beSßatb nur p bebauern, baß er feitbem 
1 Beater 33atet gefagt unb bafür nidbtS meßr getrieben (;at. Zünftler 
^art £etmerbing unb 2 tnna ©djramm patten manche Stollen, 
W ©tettent)eim gefdjaffen, p ißren ^araberotten. 

3Ber mar glüdtid^er als ©tettentjeim, als er ben Hamburger Biauh 
feinen güßen fdjüttetnb in 33erlirt als Leiter ber „33erli;ner 3Befpen" 

1 neues, pnt ^ußme füßrenbeS Seben beginnen fonntel 33ereitS mar 
9?ame über bie ©rennen ber freien unb fianfaftabt gebrungen, unb er 
J) e als einer ber begabteften ßumoriftifeßen ©djriftftetfer beutfdjer Bunge 
tont — aber nodj immer mar bei iljnt ©cßmalßanS ^üdjenmeifter. 

- fottte baS 3lüeS ein (Snbe neunten, benn ber berliner 33erleger he¬ 
gte ihm baSjenige, monad) fein «ger§ non jeher trachtete — 33orfd)uß. 
'r niemals einen 33orfcßuß brauchte unb erhalten hat," äußerte fic§ 
ir ber 33ater beS immer unb immer 33orfcßuß nertaugeuben ,2Bippd)en c , 
:n ^en ©egen eines foteßen nid)t mürbigen, bie 9Mobie beS SSorteS 
: etitpdenb finben, mie idj. $d) bin überzeugt, baß baS ©etriebe ber 
< außer bureß junger unb Siebe, namentlich burdj 33onf$uß pfammem 
).ten rairb. 33orfcßuß ift 33ertrauen, görberung, -ftädjfienliebe, Rettung, 
merbantt bie SJienfdjßeit große (Sntbedungen, fegenSreidje (Srfinbungen, 
ittung^ nieter 93tenfcßen unb Kräfte. gdj habe meinen Söippcßen mit 
‘Seßnfudßt nach bem 33orfcbuß erfüllt, nicht allein, um ihm ©etegent)cit 
'ben, feine ^ßlptttofie pr 3luffinbung immer neuer 9Jiotine in 33 emegung 
•ben, fonbern um ihm etraas UnfdjäßbareS auf feine journatiftifdje 
räaßn mitpgeben." 

33iele gahrjehnte hiuburcß gehörten bie thetls felbftftänbig, ttjeils als 
1[ ge ber „Tribüne", beS „33erliner ©ourierS" unb bes „kleinen QournatS" 




262 


Ubolph Ko^ut in Steg 


erschienenen unb non gutiuS «Stettenheim nidjt allein geleiteten, fonbet 
auch faft auSfcbtieblid) getriebenen „berliner 2Befpen" neben bei 
„Ätabberabatf<$" zu ben heroorragenbften Politiken Söifcblättern ©eutfd 
tanbs, unb bie Segnungen non ©uftan ©eil waten ^abinetftüde bt 
ßumorS unb ber Satire. 3n furzer Seit gewannen bie „SBefpen" bur 
ihren fatirifdjen Stadjel, bie fcharfe, geiftnode Spi^e, ben rüdfidjtlofc 
greimuth, bie ehrliche Sprache unb ben prächtigen 9Jtuttermife eine aufce 

orbentlidje Verbreitung unb ftarfen @influf3. 

Von Ved)tS wegen, Stettenheim erwies fid) als ein erfinberifd) 
@enie auf bem gelbe ber rebaftionellen ^ubliciftif. Ueber welch unerfdhö; 
lid) reichet Slrfenal beS (Spottei, ber ©raoeftie unb (Satire nerfügte e 
SSie niete unb wie fdjarf gefdjliffene «Pfeile barg fein kodier! @r fc& 
Xppen, giguren unb ©arfteduttgSfornten non eigenartigem Veij. $ 
^arlamentSnerhanblungen würben traneftirt gebradjt ^ als . „Varianten! 
geuideton ber Verliner Sefpen"; über hernorragenbe, bie ^ritif gebieten 
IjerauSforbernbe (Sreigniffe würbe int „@ttropäifd)en $oU§ciberid)t b 
Vertiner Söefpeit" referirt, unb §war int ©on ber polizeilichen ^olij- 
rapporte, natürlid) in ernfter SBeife, was bie Eoitti! beS Ganzen ni 
erhöhte. 

Unb nun gar 3hr gefunben unb gelungenen Slinber @ureS m 
müthigen, aitSgelaffenen Vaters, „2ßippd)en", „Vtudenicb , „2lujuf 
„Dr. VeptiliuS", „Unfer Mobiler", „©er gnteroiewer" u. a. r 
V>eld) heitere unb genufweidje (Stunben h a bt 3h r fielen -Jltidionen r 
Sefern bitrd) (Sure Veben unb ©haten bereitet! 

©ie befanntefte unb gtüdlidtfte gigur beS fiumoriften ift bie \ 
fantofen $riegSberid)terftatterS SBtppdjeit aus Vernau. 2öaS wollen 5 
VeclntannS „fedenfteher Vaitte", gutiuS (StinbeS „VHlhelmine Vud)h°' 
unb ber „Sdjulze unb Mder" beS Sllabberabatfch bagegen befagen! 5 
©unxorift nerfpottet in biefent ©ppuS aufs Slmüfantefte baS leidjtfitttti 
oberflächliche unb münchbuufenhafte ©ebaljren gewiffer Specialbericöterftati 
bie Verichte über (Schlachten fdjreiben, bie nie ftattgefunben h<M o 
benett fie nie beigewohnt, unb bie überhaupt baS Vtaue nont fiinti 
lügen unb beut ^ublüunt Vären aufbinben. Vei Veginn beS ruflt 
türfifdjen Krieges — unb zwar in ber Stummer txmt. 4. SJtai IS 
— begann SBippchen feine iriegSberid)terftatterliä)e ©hätigfeit, unb 
jener geit ging ein -Jdeer non ©eiterfeit non biefent winbigen, originell 
mit ber ©rammatif unb £ogil auf gefpanntem gufee lebenben, bie Sprc 
nerr eitlen ben unb alle Seit Vorfdjup nerlangenben Veporter aus. . 
gigur gelangte halb zu grober Berühmtheit; fein Vante unb feilt 
„Verzeihen (Sie baS Ijurtc SBort," hüben einen ^plap in VüdjmaunS ,f 
flügetten Porten" gefunben. 

Sogar ernfte (Staatsmänner madjten gern bie Vef’anntfchaft 
grofjw—ästigen «RriegSberidjterftatterS aus Vernau. 2l(S StetM 






3ultus Stettenßeinn 


263 


rtal in einer Ci>efetlfc§aft bem bamaligen (Grafen gerbert 53i£mard nor- 
»‘dt mürbe, jagte ber Sohn be3 Slltreid^fanjler^, baß, „menn Leiter 
d an ba§ Sopha gefeffelt fei, ihm bie Butter ober einer ber Söhne 
i! bem Sßippdjen noriefe, ma3 iljn feljr amüfire." Sfloltfe erfunbigte 
j 1880 im (Generalftal) 3qeBäube bei einem ber Oberen bort arbeitenben 
) giere, wie e§> mit einer foeben eingelaufenen nidjt unwichtigen ütadjricht 
i einem ber Donaufürftenthümer ftelje. 2113 ber Offizier ermiberte, baß 
i Diotig au3 einer nicht gerabe lauteren Duelle ftamme, fragte ber große 
:atege lädjelnb: „(Sie mirb bod) nicht non Sßippdjen fein?" 


Selbft in granfreid) fennt man biefen Daufenbfaffa non einem Special' 
e eßterftatter. “Dafür fpriebt eine Dtotig be3 „gigaro" gelegentlich ber 
mterung ber griechifd)en grage, worin e3 u. 51. hieß: „Da ftd) bie 
iDpäijchen (Großmächte über bie grtedjifdje grage nicht einigen konnten, 
cm fie befdjloffen, bie Söfung berfeiben einem Sdjieb3gericht anheim ju 
een. Diefe3 internationale Schieb3gerid)t folt au3 folgenben ^erfonen 
ejehen: für granfreid): genri Sftocßefort, für Italien: Signore $a3que, 
i Defterl'eid): Dr. Siptu3 2Jiüßerl, für ©ngtanb: 53iceabmiral Sepmour, 
e ßommanbant ber „ibeeüen Demonftration3flotfe'', für D^ußlanb: ber 
3 Attentäter gartmann, für Deutfchlanb — gerr Söippdjen au3 Bernau." 

58ie heroorragenbe Dieter über bie „Söefpen" Stettenheim3 bauten, 
•weift u. 51. ein bisher ungebrudte* ffoem gutiu3 2öolff3. Diefer 
3ieb im gahre 1874 in ba3 SBibmungSepentplar feinet 53ud)e3: „Dill 
cenfpiegel redivivus" bie folgenben 53erfe, welche er feinem gelben in 
•< 9Jhmb legte: 


31 n bie 

3 bitter mit bem gelben Scßilbe, 

&ß ©udj unb geti im SBefpenneft! 

3 felber einer boit ber ©ilbe 
3 2Jiotto: Sachen ift ber Dteft! 

3 ftacßelt, Siebten, unb Bßr ftreidjelt, 
l feßarfer Spieß mirb ftetS gemeßt, 

5 mirb geßedjelt unb geficßelt 
I auf bie ^cirrin ber 2tarr gefeßt. 


2 ßefpen. 

sticht Sßflafter fdjiißen unb nießt Salbe 
23or ©ure§ Stapels fcßneUent Stieß. 

Stuf einen Sdielm anbertßalbe! 

Da3, geftgefdßnürte, fag’ auch idj. 

Eomrnt, ba§ Baßrßunbert in bie Scßraitfen 
2Jiit ©ueß gu forberrt, 2irm in 2trm! 

Urt§ moßnen naße bie ©ebanfen, 

D’runt ueßmt rnieß auf in (Suren Scßtoarm. 


SJiit meiner Sßritfcße, ©urem Dorne, 

23er bann getroffen mueft unb gueft, 

2Ba§ fragen mir naeß feinem Borne! 

©§ mag fidß fraßen, men e§ jueft. 

2Bippchen3 fämmtltdje 53erichte finb gcfammelt in 14 33änbchen*) 


*) Verlag Don germann Sßaetel in Söerlin, mit 23ippcßen§ Porträt, 15. Auflage. 

t )B—1900. 






21 bot ptj Kot)ut in Stcjütj. 


26^ 

erfdßienen. Ser SBerfaffer nähmet biefetben bogßaft: „feinen lieben SoHegen* 
Heber bie ßeterogenfien Singe berietet biefer Sernauer gournalift feine 
SiebaEtion: ben orientalifcßen Krieg, bie Tarifen SSMtaugftetlung, ben Serlint 
Kongreß ben Kaffernlrieg, ben afgtjauifdjen Krieg, bie Krönung in dJiostm 
ben beutfcßMinefifdßen Konftift, bie ©nglänber unb bie Suren, bie Kan 
Iinen, ben orientalifcßen grieben, ben fran3ö|lfä)4inefifdßen Krieg, be 
griecßifcß=türfifeßen Krieg, bag ©eptennat, ©cßnäbele, bie allgemeine 31 
ritftung, König 9Mietoa, bie ©amoa=Konfetenj, bag geinte beutfc 
Sunbegfcßießen, ben Krieg gegen bie SuberEelbacillen, bie Königin'dötutt 
Slatalie, bie ©mfet Sepefcße, bie Sarjreutßet Sage, ben franjöüfdMuffifcßc 
Mianjoertrag, bag äroanjigfte gaßrßunbetf, Srepfuß ic. Sn roaßrßc 
äroercßfellerfcßütternber 2Beife geißelt ber SSerfaffer läcßerlicße unb gemei 
gefäßrlicße 2lugroücßfe im polüifcßen, fociaten, Eommunaten, litterarifcßen ob 
Eünftterifcßen Seben, unb Sßippcßen ift suroeilett gar nicßt fo bumnt, n 
er ju fcßreiben »orgiebt, fonbern trifft manchmal ben Staget auf ben Ko; 
felbft roenn er bie todften unb barotften ©pracß* unb ©tiloerrentung' 
junt Seften giebt. 2ltg fjköbdjen beg 2Bippd)en’fcßen $umorä fei ßi 
augjuggroeife nur bag Kapitel über „Sigmardg Slcßtäigften“ bat 
griebricßgruß, ben 25. SJiärj 1895 — unebergegeben: 

„ . . . Sag Slprilroetter ift roie bie Sotlggunft roedßfelnb. Sigma 
t)at eg an floß erfaßten. Siele uon ben ^änben, auf benen er getrag 
nmrbe, legen fiel) freute in ben ©cßooß, ritßren leinen ginger ober ball 
fieß jur gauft. Sie giiße, ju benen fie bem £erog tagen, finb oerfcßnmnbi 
unb eg giebt Siele, roeteße roünfcßen, ber erfte 21pril möge roie 3Kin 
fein, an Sigmare! oorübergeßen unb ißn nietft {ennen. »gell bin — o 
3 eit>eu ©ie bag Eiarte Sßort! — außer mir . . . £ier ertaube icß mir 
9Bort an ©eßtoeninger ju ridßten, an ben ©etbftßerrfcßer über bie ( 
funbßeit Sigmarclg an ben ©jatst, roie icß Um rooßt nennen möd 
Ser erfte 3Ipril beg größten Seutfcßeu ift non ungäßtigen ©ebiebten bebrt 
Sag unb 9iacßt breßt fieß ber ©pieß am §erb ber Serfefdpniebe. lieber 
ftampft ber ipegafus nor ber ^eyameterbrofeßfe bag ©traßenpftafter. » 
Seiet roirb gefeßlagen, baß man fie roeit unb breit jammern ßört unb i 
golbenen ©aiten oott Seulen finb. Sieberltcße Dteimer ber fcßliminS 
©orte ftecEen ißre fiänbe naeß unbetuaeßten Warfen aug — unb bie ( 
legenßeügbicßter betreten ben Sentpel beg Sigutard’fcßen diußnt» mit iß 
riidfidßgtofeu Sergfüßen, oßne biefelbeit norßer ju reinigen. äJJöge 
©eßroeninger getingen, biefe tpoefie non feinem großen Satienten fern 
ßalten, bamit Eein älnapäftßaud), bem bie ©tropße auf bem guße folgt, ■ 
grieben beg Sageg ftöre!" 

©tettenßeim ßat itd) nicßt bamit begnügt, feinen gelben aug Sen 
ung btog in profaifeßem ©eroanbe ju geigen — er läßt ißtt aitcß in 
Eteibfamen Sracßt eineg 9JZinnefängerg anftreten. Unb roaßrlicß 2BipP ( 
alg Sprüer ift ein ©cßaufpiet für ©ötter! 3 ro ei Sänbe Iprifcßer $0 




265 


3ulius 5tettenf}etm. 


t SEßippcä&en fjerausgegeüen, unb jroar: „UBiwd&enS ©ebidite "*1 unb 
Eipp^enä ®ebi$te. 3ieue golge"**). g„ föfttt^en Sorten oer= 
iev ® er ° er f a ll er ii» SSorroort jur erften Sammlung, baf er Silles auf- 

äU 2 KV )^ m ' bnß aBip . pd)en ni ® allS km Stammen feiner 
jirnattftifdjen iliatigfeit tu bie Sieiliert ber jßoeten trete — umfonft. 

nippten ift eben pm ©idjter geboren, ©eine SBiege umftanben bie 

'itfen, unb „frütg regte nc§ in ifjm ber «PegafuS", nur nie« er ßunger 

Itte, gnfr er, ein ©rtrinfenber, ä um ©tro^atm, ber ibm pfätttg — a e= 

loten in beit ®iunb fCog, „er 50 g bie .öippotrene" unb ttmrbe Sournalift 

Upgdjen abmt in feinen Siebern nictit o^ne ©tücf bie formen ben <?Ym' 

b ©ottä$nIi<$feit ber mobernen «Poeten näcf), tefmt fidj tute biefe~ — 

W oft p feft — an bie großen SOteifter an unb übertreibt Itäufig ba§ 

ütbftgefuijt unb bte founeräne Seraditung ber beftefjenben ©efeßföaftsformen 

rart, baf; man in Serfudiung gerät!), feine ©eb teilte all eine ©atire auf 
C3 moberrte £)id)ten §u betrauten. 

SBetdg’ nmnberticfjer Kollege ©Ritters, ©oetEies! unb feines ift bocb unter 
-■eunb SBippcben! gür t!)n ift grau tßenug au 3 beut — SReerfdiauut 
iporgeftiegen; ba§ 9fa6enl)aar feinet ©uftdienä au§ Stiebet Bannen ift 
inb; er meint, baf; roenn bie grauen ber fdjtoarjen Giferfudjt ©eftiifter 
)«ge, bann trage eine gebe eine §t)äne — im Sornifter; feinem ©retljdjen 
ilbert er bie ©iefe feiner Siebe „unter beut ©nmuti ber 33erfdjtotegen= 

)i . @r ertlärt ficf) unebetfjolt at§ einen «pecfjooget, für einen £»ob 
lern er u. 2t. fagt: " 


Bär’ icf) Sßetrarfa im ©efang, 

"önnf id) auf £aura lauern* lang; 
Bürb’ tcf) Satmeifter ©oetfee fein, 
Bär’ mir jeglidje $rau bon Stein. 


Hefe icf) auf einen Vornan midj ein, 
2Bär’ e§ feiner bon 3ota, nein, 

2Bar’ e§ einer, ber mir nicfet lieb, 
SBelcfeen bie feufdje 2)?arlitt fc^rieb . . . 


SBablt’ icfe 3 ufeiter§ geitbertreib, 

9föiljerte id) mtd) al§ £)d)§ einem SBetb, 

^räd)’ bie (Snrofea fid)erlid), 

S)afe icf) nicht feätt’ beränbert mid). 

Urfomifdjfte i|t bei biefem SBippdjen, wenn er feinen Sdjönen Siebers 
f üge macht unb and) bähet in feine Deport ergemotjnhetten nerfättt. So 
f aT $’er B. non feinem „SBunfdnneib", weit er „fuftfnapp" fei, 
jn SSorf^ufe non 20 Hüffen, ba er fonft „arm umarmt" fjerumtaufen 
r Darben müffe; bod^ prebigt er in metandjotifdjen 3Iugenhtidfen auch bie 
uoiopfjie ber (Sntfagung, meit man eine (Miebte nicht fo teidjt mieber 
werbe, baju fänten nod) bie Duaten ber (Siferfudjt, unb er fdjtiefet 
** txebenlmürbigen Betrachtungen mit bem Stofjfeufjet: 

*) Verlag bon S. ^ijcfeer, Berlin, 1889. 

*) ©benbafetbft, 1894* 

tob unb @iib. IC. 296. 


18 





266 


2lbolpp Kofyutiu Stcglit). 


3d) mid dom 2Seib iüdit§ miffen, 
gfttd&t lieben unb nicht füllen, 

S3oit ßn|t nnb $teub getrennt: 

0 toottte ©ott, id) träte 
$er §nbn nnr am ©efoeljre, 

$er feine §enne fennt! 

®ie neue gotge ber SSippäjen’f^eu ®ebicf)te setebnet }\§ bur<$ bie 
^ianuigfaltigfeit ber Stimmungen aus. $er ^erfaffer §at bxejetben feinem 
Scbmtegerfoljn, bent 33efi|er unb Seiter be§ Steinen Journal*, r. £eo 

Seipsiger, mit bem 9Rotto gemibmet: 

SSom 23e|ten, ftreunb, ba§ mir ba§ Seben 
©efdienft, id) W e§ $>ir gegeben, 
i|t mein 3nld)en, nn|er ^inb, 

Unb nimm’ and) meiner 9ftu|e tinber 
greunbtid) in’§ £au§, menn bie|e minber 
2Jtir and) an’§ £er§ geträufen |inb. 

Sffiie ^eiurief. Seine, io liebt and) ©tettenheim bie nerblüfcnbe 
pointe bo4 toirb “er nirgenbs cpnifd), wie fielt beim bte Wu\t m\m 
Joeten ftets burch eine geroiffe gü^tigfeit unb bie©d)eu oot bent öttrole 
unb ber fütlicfjen % äulnife auSjeiclmet. Stfö Heute Stichprobe mag b>er ttu 
ein fßoem mitgetljeilt roerben: ' 

5Jiad)t|cene* 

®e me* a«v W *7* » t! £ S Z K5 

sßott jeher mar es ber SieblingSrounfd) 3uliuS ©tettenhetntS, eu 
l)umorifti?d)e SRonattfärift 8« Waffe»/ treibe ber Wittel^nft ber Jutu^ 
fdjen Sitteratur in fceutidjlanb fein tollte. Son !88o btS 1S9 g 
bie illuftrirte 3Konats4rifh bumorifttfehe ®eutfd)tanb g 

in Stuttgart, bann itt SreSlau unb in Berlin - J> et 'me 
au biefer publi#ifd)en Schöpfung otel rfreube 5 « erlebe • «J 
ntitfte er fid) baoon itberjeugen, bap ber äumor auf beugen 
nicht gebeibe. ©elbft ein foldjer ©rofmeifter beS f u J" or ^, TO ^ 
sftaabe fdtrieb bem Seifer beS „fiumoriftifchen $eu4lanb bte pe 

fchen äbfagemorte: . . . „aSir armen Starren fallen ba mner o 

Heuern auf bie alte SlebenSart t>om Sernf beS beuttäen fßotls »um Sw 

» i» »«» M«l w* »«»»>> —» ?■““ *“ 

non biefer SluSertoahlung nuferer Station oov anbern tu bte 
Luten- unb in biefem taufenben 3<4, i» «»Wem ber Se leger ‘ 
Auflage meines „Säumlings" jn einer maxi bai> ©jemptar t°*'ief< 
er es für einen Shaler nicht lo8 getoorben tft, tanje 4 nicht, » ^ 
Solle „©pafi" jit machen. GtioaS ©letcheS hab 4 5«e Jntn)0 i® '| c( f® 
als oor mehreren 3ab«n - batualS eben mürbe mein Vto ^ 
36rem auSerroählten lmmoriftifd)en ©eutWlanb btdtgft mit einem 







3ulius Stettenfyeim. 


267 


lmfd)lag pr „ffteifeleftüre" angeboten — ber £err College Sohmeper 
»tuen ©djalf grünbete unb habe — D^ec^t begatten." 

SBeldje Volf^thümtidjfeit unb Siebe 3utiu3 ©tettenbeim, foweit nur 
ie beittfdje 3 UT1 3 e TOngt, geniest, beweift fdjon ber Umftanb, bafj 
>tne Vortefungen, bie er in gafdreichen ©täbten feit Qaljr unb £ag p 
eranftalten pflegt, ftch außerorbenttidjen 3ufpru<$8 §u erfreuen Baben. 
Illerorten würbe er non ben Vertretern ber ßunft, Sitteratur, 2Biffenfd)aft, 
keffe unb ber ©eifte^ariftofratie überhaupt gefeiert. £)iefe Vorträge unb 
hortefungen führten ihn burcf) gang £)eutfchlanb, Defterreich, Ungarn unb 
ie ©djmeig. 

Dbfcbon «öumorift unb ©atirtfer gehört ©tettenheim gu ben Autoren, 
lelcbe feinen perfönlidjen geinb §aben r unb feit einem Vienfdjenalter ftel)t 
: im SJtittelpunft ber titterarifd^en Vewegung unb mar begiehunggwetfe ift mit 
tf)lrei$en berühmten unb geiftreidjen ^erföntidjfeiten in innigem $onnep. 
ufeer ben fdjon (Genannten gähtte er p feinen Qntimen Start ©utsfom, 
lertholb Stuerbacfj, Earl non §ottei, ^3aul Sinbau, Ebuarb 
a3fer, $arl Vraun^döie^baben, Subwig Vamberger, Subwig 
öwe, 2lbotf S’Slrronge, Ernft $)ohnx, Vubolf Söwenftein, 
anne» Trojan, Wilhelm ©djotg, Subwig ^3ietfdh) r Vubolf 
>enee, 2tlbert Präger, Ebuarb §an§lid, Ebuarb Vacher, 
)anib ©pißer, fiugo SBittmann, SBitbetm ©olbbaum, Qutiug 
»auer u. 2t. m. Qn [einen „^eiteren Erinnerungen" gebenft er mit 
warmen — ernften unb fcherghaften — SBorten biefer feiner Vegielpngen, 
eher Üßiemanb äußert er ftd) fo begeiftert unb liebeooü mie über Vaul 
inbau, non bem er u. 2t. fagt: „3ch habe in meinem Seben feinen beffern 
reunb gefunben aiz Vaut Sinbau, feinen treueren ^ameraben, feinen 
oHegen, bem ich mehr Anregung nerbanfe, feinen, ber mehr ©chriftfteder 
ub Sournatift ift at§ er. Unb fo befifct er eine Eigenf(^aft, bie in 
nferent ©taube fo fetten gefunben: bie greube am Erfolg be§ Bodegen, 
a beffen Vorroärt^fommen. Er ift eine wahrhaft nornehme -Matur unb 
lat mehr (Seift unb ßenntniffe, at§ Stile, bie e§> al% eine 2trt ©port be* 
:eiben, über feine Seiftungen non oben l^xah p urtheiten. deiner in 
tefem geftrengen weifen ©anielcodegium fönnte ben $taf 5 , ben ^ßaul 
tnbau in ber Sitteratur einnimmt, wie er au^füden. Stden fehlt feine 
iietfeitigfeit, feine ©rünblichfeit, bie Siefe feiner ^Beobachtung unb fein 
»umor. ben heiterften ©tunben meinet Sebent rechne ich bie, wetche mid) 
tit ^aut Sinbau pfammenführen, ba3 Eigenartige unb bie £)auer feiner 
uten Saune finb ohne ©teilen, wie fein latent, aden ©ituationen unb 
rfchetnungen, bie nid^t gang edü finb, bie Stomif abpgewinnen. 2ludj in 
an ©tunben, in benen ber Ernft be3 Sebent unb be3 Veruf3 jebe gröhlidi« 
dt nahm, habe id) Sinbau ftet3 bewährt gefunben; hier geigte fein SBefeu 
ne Qnnigfett, weldje ber ©atirifcr unwidfürlidj Perbirgt, unb welche, 
‘ei oon jeber $ßh?afe, mitfühtt unb aufricbtet." 


18* 




268 




2Xbolpti Kout tn Steglitj. 


linier Subüctr beutst eine mo^Igeotbttete unb überaus nachhaltige 
Slutograp^enfatnmlung, bereu fetten bie nieten on itm genuteten 'Briefe 
„nb ©ebidite finb. 2Iu3 bet pHe betfetten fei e» tmr geftattet, bter ttttrl 
Einiges mitjutfieiien. Staus ©rotl) überfanbte if)m aus Stet, 8. -ejember i 
1892, feine gefatnmetten Sßerfe unb benterfte babei: 


w ®u fdjrebft mi: ,23tib a§ ®u bift/ 
£ier fjaft S)u ©m, fo a§ be ift. 
io merb be toul blieben — > 

$enn be mag nis ntebr Trieben." 




3uliu§ Hohenberg fc^rieb il)tn — «Hamburg, 25. September 1860 

in’S Stlbum: c . r _ . 

„Unb febteb er gern bon btefem Straub, 

3a, batte ihn ber £afc bertrieben: 
m frembem Me unb frembent. Sanb, 

O Heimat, lernt man 2)ich erft lieben 1 

3um Stnbenfen an 3f)ren aus Sonbon fjeititfeftrenben greunb." 
§erntan ©atingrö oereratgte net) mit ben SEorten: 

w Senn Sinei fid) lieben unb friegen fub ni<h, 

@o haben fte fid) 

51ud) gleich fürcfiterlicf) — 

Snbeffen fo bei fid) — ba benren fte mb: 

— ift e§ mal nid), 

S)enn ntdjr . : 

öaHto? finb bie ©etegeutjeitSgebicfjte, roetdfe auef) ber Betfaffer in baS 
Sttbum feiner greunbe fcfirieb ober bei fonftigen fatmtraren ©retgtujfen 
fang- fie mürben, gefammett, mehrere bicle Bänbc füllen, ycf) 6m tn j 
ber Sage au§ ber ptte biefer feiner erjeugniffe bie nadffietjenben urtge* 
brndten ifJoefieen, toelcEie eine »a$re ©elifateffe ber ©etegentjeitäM unb, 

mittljetlen ju formen: iqqov 

31n ben tonifer ®irarbi febrieb er m ÄarlSbob (l/.^ult 1882). 

2)u brauebft feilte ^ur, beim 2)u bift ohne ©leicben, 

2öer föunt’, ©irarbi, ®tr beim aud) ba§ Sßaffer reichen! 

21rt ©buarb £an§Itcf richtete er bie Werfet >; 


j 


©ans red)t, gang recht, 

©§ ift nicht echt, 

3)er Sßunberfpeer im ^argtfal, 

®er echte ift bon blanfem Stahl, 

3n Scbmars getaucht, bom feiuften Schnitt, 
®u febreibft bamit. 


2Xuf 2Igue3 SormaS gächer: 


teilte £anb mit beut jacher fpielt, 
$afr er bie ©lutb ber langen fühlt, 
21ber ad), mir armem SUtamt 
S’ad)t’§ bie ©lutb im bergen an. 













- 3ulius Stettenheim. - 269 

Unb nun — jur St&roedjStung — jtoei ernfte ©ebidjte, tuetdje ben «Beweis 
.efern, bafj ber ßumorift audj roiirbeuod unb feierlich fein fann, roenn 
; nur will, ©a3 eine ift an .geinricfj Saube ju feinem 70 . ©eburt»-- 
ige, 18. September 1883, gerietet, atfo tautenb: 


knn icb in $avl§bab bann nnb toann 
lit 2)tr §unt fyreunbfdjaftSfaal gefdjteubert, 
a fab unb hörte icf) SMr’ä an: 
n fjift ber jüngfte alte Sftann, 
ich bat bie 3<üt ttodj nicht üeränbert. 

üte frifcb fdjofc be§ ©ebanfenS 23Iiß 
t§ 3>tr beroor, tute fonnt’ft ®u toettern, 
tb reichlich floß ®etn fcbarfer SBtfc, 
te bamate, al§ Dom hoben @iß 
,x tfjronteft auf ber Hofburg Brettern. 


®ann hört’ am ©oetbetag ich £id), 

S)a ®u beS 9fteifter3 23iib entbüttteft 
Unb mit ber fftebe jugeublicb 
3)ir aus ber (Seele brangenb fid) 

®ie bergen aller §örer füllteft. 

/ 

Unb beute itodj, mie frob unb frei 
aff ft S)u an deinem 2lrBeit§tifcbe! 
®tr toimfcben fann icb nichts, öergeib’ — 
®em heutigen fungen Steutfdjlanb fei 
23efd)ieben deines SltterS $rifcbe! 


SBäbrettb gar Diele Sumoriften, bereit ©driften uns in bie beiterfte 
aune perfetsen unb uns bie fröhlichen ©tunben bereiten, im Sehen 
.ijpocbonber, griesgrämige ©efellen finb, ift ©tettenbeim ein gar luftiger 
•tauberer unb ©efellfcbafter, beffen SBifce unb Bonmots ft<® grober 23e= 
ibtbeit unb SBoItetbümtid^feit erfreuen. 9?ur einige biefer günbenben 23e* 
urfungen feien hier raiebergegebett. 

2ll§ er einft in ber berliner teftauSftellung an ber bekannten ©ruppe 
(»erfteinS: „©er OornauSgieber" porüberging, bemerfte er mit einem Hicf 
cf ben jungen Sftann, metdfjer lädöelnb bie Operation am gufje ber ©etiebten 
triebt: „2Bie fann man nur gu einer fo graufamen Sanbtung lädjelnl 

arm ^ Sttäbdjen bot fo nichts an, unb nun §ief;t er ibr audb noch ben 
tym aus." 

©r ftanb im goijer eines S^b^ater^ unb unterhielt fid) mit beut ©enerak 
:[fut 36., ber erft por Äurjem gu biefer SBürbe aoancirt mar. ©in ge* 
['infamer SBefannter trat heran unb begrüßte ben ©eneralfonful mit ben 
^orteiu „©uten Stbenb, £err ßonful!" — „2Bie fönnen ©ie £errn 36. 
iftful tituliren," fragte ©tettenbeim, „ber £err ift ©eneralfonful. $onful 
(n Seber fein — Napoleon mar aud) $onful." 

Sine aus Zünftlern unb ©djriftftellern beftebenbe ©efedfdjaft hotte 
1 au f ^e ©inlabung beS SßerfafferS eingefunben. 2ln gmei giften 
Urnen bie $orlefer por fleinen Laternen ^ta^, ber ©aal mar im 
hrigett, fo gut eS ging, perbunfelt, mit dtüdficbt auf bie Silber, 

"; e no $ fetten por einem ©tüd eine fotcbe ©pannung gefuitben," 
tmte ©tettenbeim gu feinem üftadjbar, inbem er auf bie in ben groben 
^men gefpannte Seinmanb geigte. 

® r machte feinem einmal auf ber SBübne beS ©eutfchen ©b^oter^ per« 
3tbeten greunbe Otto ©ommerftorff eine ^ranfenpifite. „2öen foll idb 
i ben? fragte ba3 ©ienftmäbchen. „©agen ©ie §errn ©ommerftorff. 





270 


-Tlbolpfr Kotlut in Stegltfc. 

e§ fei Qemanb ba, ber it)tn bal üttafe sunt ^et'rolog nehmen will. 
3}läbd)eit geht hinein unb ntelbet: „^er ©chnetber i)t braunen. 


* 


* 


* 


ggenben roir un« nun ben übrigen, bisher noch nicht harafterifirten 
litterarifhen Arbeiten ©tcttenheiro« p, fo roerben roir finben, bafc er m lebem 
©eure ber gefettfhafttihen, litterarifhen unb {uuftCcrifdjen $umote8fc, ©attre 
«Barobie unb Sraoeftie p &aufe ift unb bie bte«bepglthe Sitter^ur bur§ 
mächtige SBerfe bereichert hat. ©ie bitben eine ftattlidie «eine StMiotJet 
8h nenne hier nur al« bie bebeutenbften non feinen ©chriften: „©umoreä en 
unb Satiren"*), „Weitere« ©inerlei"**), humonfttfh*fatmföe 
genitteton«, „Sroblofe fünfte"***), S 3 lide hinter bie ©oultffen to 
©efellfhaft«;ßomöbie, „®er inoberneßntgge i), Settfabenburd) ba«3<# 
unb bie ©efeilfhaft, „$a§ Sieb non ber »et ««Jetten ®^°de unb 
anbere iparobien"tt), „guhrmann Senf hei t11)/ »® l . n 
3)ionopotcigarren"t*)/ „@auer mäht uftrg! + ), ©«) Äor6 ^ 
au« ber äßeinfabrif jc., „a3urle«fen"+*** *4 tomtfhe »or emngen uu 
bumoriftifhe SSorträge hat er unter bemaltet: „Suftige ©efeilfhaft f) 
unb pnbenbe ©enteren unb SKayimen: „Sauienb ©tn* unb Sroet- 

Seilet" *t+) l)erau§qegeben. > t 1 

©tettenljeim seigt [xc§ l)ier überall all ein Reiftet bet ©auferiß, bet 
ebenfo Warfen toic pfychologifdj feinen Beobachtung unb all ein BtttuoS 
ber unterhatteuben ©arfteüung. ^runter trifft er ben Stagei auf ben fioyf, 
fei e« bie eine ober anbere Unart, bie eine ober bte anbere Regelet, 
ber er p Seibe geht. Me biefe ©haften finb noh je|t lefen«ioerth, 
unb fie werben inobjt ihren Sßerth für immer behalten, B>ie tetjen tf. 
«iht ba« 33üd)tein über bie brobiofen Stünfte, roorin «, aber m# t« m 
reiher, fonbern ftet« in amüfanter unb anregenber 2Beife, über bte Sw «» 
Seroirthen«, ber Unterhaltung, be« ©efäffigfein« tc„ foroie über bereu »offtge 
Sternahtäffigung au« beut Seben gefdjöpfte, überaus härtere Sßmte gte 

*) Berlin, 1896. greunb unb Secfet. 

**) Berlin, 1896, ebenbafelbft. 

***) ^Berlin, @. fyifdoer, 1890. , 

fj Berlin, 1899, 21. fcofmaim & ßomp., 2 Banbe, ßettfaben burd) ben 

uub ßeitfaben burd) ben (Sommer. 


j-f) ©harlottenburg, Blas ©irnfon. 
ttt) Berlin, 2t. foofmauu & ©omp. 
f*) Berlin, @. f^ifeijer. 
f**) ©benbafetbft. 

-j-***) ßfjartottenburg, Simfott. 

*f) Berlin, 2t. föofmantt & ©omb. 

*++) Berlin, fjreuttb unb Sedel. 

3Jiandje biefer Schriften finb burd) Sttuftrationen namhafter tunftlei ge 



fdjtni’td 




tirgenbä madjt ficf) in feinen Büchern ein Sluäbrucf ber Sangenweile be* 
tterfbar, benn er ift immer intereffant, nnb bie phfreicßen ©tjarafterpge 
itb Unef boten, bie er einftrent, üerleiljen felbft einem fpröberen ©toff eine 
igenthümliche SBürje. 

„£)er moberne Knigge" gehört §u ben lannigfien (S5efeIlfcf)aft§bücT;ern 
er ©egenwart, nnb Qeber foEte biefe3 ebenfo nüßticße raie boshafte 33abe 
itecum ftetä bei fid) fiteren. (Einige f. g. „golbene" 2Borte barauS werben 
pofyi fcljon bent geehrten Sefer bie eigentliche Statur biefer ©efeEfdjaftS* 
ßilofophie entßüEen. SJtan höre nnr, mal tpr uout' 23aE gejagt wirb: 
3m Sufammentreffen mit älteren nnb energifcß au^febenben grauen fei 
tan non 33orfic§t befeett, wenn and) ©oetße febjr richtig fagt, ber Umgang 
xit grauen fei ba§ Element guter ©Uten. @3 giebt eine grobe Stupid 
trauen, bie nur eine gute (Sitte fennen: ba§ (Stiften non ©ßen, nnb bie 
ierin fcßon bie glänpnbften ©rfolge aufpweifen hüben, ©ehr niete ©hen 
rtb auf 33äEen angeftiftet worben, nnb wenn ©heleute mit guten ©ebäcßt 2 
iffen auf ben Urfprung ißreä fo fdjönen 33unbe£ prücf gehen, fo werben 
e wahrfcheinltch auf einen 33ad ftoßen, auf welkem eine gewohnheit3= 
tägige § eirat h^ftifterin irgenb ein Hers balbowette, ba£ noch frei war nnb 
effen fie ftd) fofort annahm. 22er alfo Suft nerfpürt, unnerlobt ben 33aE p 
erlaffen, fei, wie gejagt, älteren grauen gegenüber noriidjtig. ©ic haben 
ntweber felbft Töchter ober haben eine greunbin, bie nor Töchtern nicht 
cßlafen tarnt, nnb ein junger SOtann hat bod) feinen begriff hauon, wie 
afd) er mit ber Butter fprecßen nnb nerlobt fein fann. 

SJtan rebe eine SDame nicht an, wäljrenb fie gragiöl ihren gädjer nor 
a£ ©eficht hält, fo baß man nnr iljre Singen fleht, ©ie gähnt nämlich 
n biefem Slugenblid. Stuf hätten ift ©äßnen eine§ ber unt> er äußerlichen 
Uenfcßenrechte, nnb bem nerbanft ber gädjer einen großen SEjeit feiner 
syiftenj. 

©inmal tanp man mit ber Schwiegermutter be3 33aEgeber3. ®a§ 
’t bie ©ewerbeftener. 

Sßäßrenb ber Shthepaufen im ©otiEon fucße man feine &ame beftenä 
it unterhalten. 33on ben ©egenftänben, welche babei thnnlichft p nermeiben 
nb, nenne ich ben <Räfe, ben Suftmorb, ben 3i^fuß, bie egpptifcße Ungern 
canfßeit, bie SJtüEabfuhr, bie $lauenfeud)e nnb ba§ Hühnerauge. Sludj 
ie SBanberraupe berühre man nnr flüchtig. 

3ft man ein ©fei, fo gebe man fich feine SMlje, ein tieben^würbiger 
Eenfch p werben. ©» nüßt abfotnt nid)t§, ein ©fei bleibt ein ©fei. 

$eine§faE3 bleibe man bi3 pm teßten £art§, ba fpäter aEe ©arberobe 
auf einen HohenpEernmantel ttnb einen Helm fort p fein pflegt." 

$)er Genfer ©tetteußeim geigt fid) befonber£ in bem fcßon wieberßolt 
euannten prächtigen Sßerfcßen „Süufenb ©in- nnb gweipiter", worin 
ach bem SJiotto, baß ^ürge be£ 3ßiße3 ©eete fei, über aEe£ Mögliche, 
amentlich über Männer nnb grauen, Siebe nnb ©he, Xßeater, ßunft nnb 




272 


Ubolpfy Koput in Steglttg. 


«ßreffe, aus ber ^Ijierraelt 2 c. in ein ober gwei geilen nnoergängtidje 2Ba!)r^ 
beiten ausgesprochen n)erben. ©£ finb gotbene grüßte in silbernen ©(baten, 
fvaft jeber Stusfprucb ift ein ©djtager, ba£ ©rgebnip langjähriger ©r* 
fabrmtgen unb angeborenen p^üofop^tf^en -ftad)benten£. 9Jtirga ©cbafjp, 
SBeftöftticber £)ioan unb ©aptjir mit einanber barmonifcb perfcbmotgen unb 
barauS ein munbgerecbter (Sytraft gubereitet — ba£ finb bie Srtufenb ©in; 
unb 3w^eiter. 

2 Bie alle ©atirifer bat audj ©tettenbeim bie grauen nidjt immer gtimpftid) 
betjanbett unb bie ©dpoacben berfetben gegeigt, mie bieS fdjon bie nad)ftet)en= 
ben ©pigrantme in fßrofa betreffs be£ „©wigsSöeiblicben'' betoeifen werben: 

„^3ei ben 2öeibent miiffen biejenigen Männer bie meiften £aare taffen, 
bie feine mehr haben. 

SBenn ©djweigen ber ©ott ber ©lüdlidjen ift, fo erttärt eS fidt), bajj 
e§ fo wenig glüdticbe grauen giebt. 

S)a£ Söeib ift entweber ein 23ud) mit fieben ©iegeln ober eine 
©orrefponbengfarte. 

$iete grauen möchten gerne treu fein, wenn fie nur wüßten wem. 

9 Jtan vertritt feine ^inberfdjube, aber niemals feinen fßantoffel. 

gn bem 5lugenbtid, wo ein 2öeib gu einem Staune £)u fagt, wirb 
er gur gweiten fßerfoit. 

£)ie Jungen Sttäbdjen bebeden ihr ©efid)t Jefet berart mit fßuber, bah 
fie ftetS per inet) tt auSfeben. 

©ben unb ©efängniffe werben geschloffen." 

lXnfer gubilar ift ein flaffifdj gebitbeter $iann non echt ibeater 
©efinmmg, ein geinb ber jüngftbeutfcben naturatiftifcben Dichtung in ber 
$oefie unb im Urania. £)ie beiben ^arobien, wet^e er auf ©erbart 
«ipauptmannS „gamilie «öenfdjel" unb „äterfunfene ©lode" gefdjrieben, 
geboren gu bem ©elungenfien, wa§ wir in ber parobiftifdjen Sitteratur 
überhaupt befitgen. S)ie ©ntrüftung beS ©atiriferS über ben Unfug, ber 
pon ben reatiftifdjen ^aturatiften geübt wirb, fomntt namenttid) in feinem 
Sieb „pou ber perfuntenen ©lode" gunt SluSbrttd. geh taffe Ijter nur bie 
©ddufeftrophe berfetben folgen: 


Unb ©d)au= unb £uft= unb Srauerfpiel 
2tnftreben füllten fie bieg gtet: 

©ic füllen ppotograppifd) fcpitbern, 

2ßaS Wir mit ber Kultur erreicht, 

2Bie ©itte unb 2Jtoral torwilbern 
Unb jeglidjeS ©eptru erweidjt. 

SSie (Selb unb Kleiber 2We§ gelten, 
2Sie Sttaitn unb Söeib begetterirt, 

Unb wie bie befte aller ^Selten 
üftur itüd) wirb üott ber 9iotp regiert; 
2öie tief uerfitufen ftecft in ©iütbeit 


Unb in &erbred)en biefe gett, 

Unb bafj in feiner ©eeF gu finbeit 
©in gatnfen Warmer fyröplicpfeit. 

Safc glüdtid) finb allein bie Sübten, 
Unb eilte ©pracpe wirb gepikt, 

Sie un§ in gebem gteid) beit knoten, 
Ser in üjm lebt, erfentteit leprt. 

Unb wie jept über allen £anben 
©in Sßeftbaitdf) ber 23erWcfung Wept, 
Unb alle§ ©cpöite, baS entftanbeit, 
äßertp ift, bafe es gu ©ruitbe gept. 


* * 
■ * 







273 


} 


« 

3ultus 5tettenfyeim. 


Qnbem ich t)oit bem Beweglichen, fyzittvexi, etctftifdjen, eraigjungen 
ber nun W* Sitter tritt, SXbfc^ieb nehme, möchte iä) mm 

'(hluffe noch be£ 5turiofuut3 Erwähnung thun, bajs er fleh nor gerabe 
■) fahren, al§ er feinen 30. EeBurt^tag Beging, fc^on gemiff ermaßen für 
nen alten cperrn t)iett. Sch laffe ba§ Bi^Bjer ungebrudte Sßoem be3 alten 
-rrn non 30 Söhren §ur Erheiterung meiner Sefer hier aBbrucfen, ihm 
:)ieu jurufenb in ber «goffnung, bem Sitten — uergeihen (Sie bas "harte 

- °rt! — nach ^wei B i§> brei Sahr^hnten auf 3 Steue in „Storb unb ©üb" 

- Begegnen: 


2. Stobember 1861. 


b Sreunbe lachen: £eute nullt 
\c ©tettenhetm §um brüten Bäte, 

B 2)retfetg hab’ ich, bte fatale, 

'n benn erreicht. Soch nur ©ebulb! 

'h achf tclj nicht ben heitern Spott, 
r h führ ich nicht bie lump’gen Stullen, 
' h hob’ ich meine Sugenbfchrnllen 
b nach beneib’ ich leinen (Sott. 


Berat andf) ba§ Sitter teife pocht, 

ES fommt nicht über meine Schwelle, 
3<h bin ein mutfnger ©efelte, 

®en e§ fo leicht nicht nnteriocht. 

Sch fag’S mit Stecht; benn heut entfalt’ 
Bauch Battta ich bon füfjen Rauben, 
SSerftohlen mußten fie e§ fenben, = 

2)a§ fagt mir, ®u bift noch nicht alt! 


®ie Sreunbe tarnen, unb e§ galt 
Ein ^anbebrüefen unb ein ©rußen, 

S«h barf ber ^reunbfdhaft (Slucf genießen, 
®a§ fagt mir: $>u bift noch nicht alt! 










\ 



§ mar ßerbft. 

alte Mofter. ©ie legte fiel) über ben alten ©arten mit ben 
uiclen regelmäßig abgetl,eilten »eeten, ne tief bie fdwurgeraben 


wsSäSBat vielen icycuuupiy ' 1 ■ ■ e , . 

©ängT^nab unb füßte bie weißen »turnen, bie boeß unb ftetf_ tu langen 
gleißen ftanben unb warteten. ©« war ein großes Starten bieier ©alten 
ein ©ebnen, ba§ fieß im Saufe ber gaßrßunberte fiter angefantmeb. ßatte. 
llnb jefet wudiä es, nerbießtete fiel) unb fcßwoll ju einer betaubenben ©timm 
au. ®§ mar Serbft, unb bie Pforten bei KtofterS waren geopet, unb 
ben Sßoren bi« weit in ben fiauptgang bmetn ftanben ju 6etbe ” ® ei 
beS SBegeS ftßmar ä e grauen, ©ie waren aufgeregt wie bie großen■ fg ' 
Humen unb unter ber märmeuben ©onne tonte tffr Gelang, ilte 
ftart unb mäd)tig, wunberbar fern, rulgig unb weltfremb, aber jebe etnje n 
biefer grauen legte tßren eigenen Sott in ben ©efang, unb er würbe na| 
perföntid), er verfeßmots mit ben ©timmen ber »turnen ju einem neue 

0det @§ war £erbft. Unb bie ©onne überflutete in einer gotbenen M ( 
bas lange fötanle hübten, baS ber »forte stritt. @>e faubte em gWI. 
©trablenbünbel auf bas rotße fiaupt tierab. ®aS 9Kabcßen muß 
ßinbureß arbeiten bureß baS ©ebet, baä e§ empfanb unb boeß nidtj» 
fteben nermodjte. ®§ batte fie nie uerftanben, biefe feßmarjen grauen, » 
bie reinen »turnen pflegten, unb bie fo bete ©ebete langen, 
an bie «einen rotfjen Sutpen, ihre gingen lebenben tfreunbe tu au 
groben (Stnfi, bie im SBinter }U ißr gefommen waren, unb bie U ) 

taffen muffte. 























































- Hofenlegenbe. - 275 

Sie jogen an, bie eiere, bie ad)te, fte wuhte uidjt, wie eiet, unb 
breit fie hinein in bag Sanb; fie muffte itid)t, in welche». 

aber ihr ©atte liebte, weit fie nidjt muffte, unb nannte fie Seele unb 
jcnfte ihr weihe feibene ©emänber. @r war ait, grau, oerfallen, coli 
cfüljl. Sein ©efübi reichte weit über feine gingerfpihett tjinanä, begftalb 
'|j er in ihre Stoffe große ftitie 3ri» weben unb l)iefj fie weich faltenbe 
i pißen tragen. 

So lebte fie ihr alte» Sehen, nur intenftcer, oerfeinerter. ®ie ©arten, 
reit £errfd)erin fie war, paßten fich il)r an, bübeten eine Spmphonie, 
e auf itjren ®on geftiimnt war. 3n beut alten Sttofter Eiatte fie fo oft 
uten leifen Sffiiberfprud) in ihrer Umgebung binöurd) gefühlt. 

Sie fprad) feiten, wenn fie fprad), fo hanbelte eg fid) nur um fid)t= 
■ re Singe, beren imterfteg SBefen in ihren »Sorten wieberfiang. Iber 
■an oerftanb fie nid^t, unb fie felbft »erlangte eg nicht. Sie batte bann 
4r ju fid) atg p ben Slnberen gesprochen. 

Üßenn fie mit ben langen rofenrothen gingen: ben Md) ihrer Sieblingg= 
turnen gefditoffen hatte, ging fie hinauf in bag graue Schloff, unb an ihrem 
‘mfter ließ fie ficb »on ben weichen armen ber Dämmerung in bie 9tad)t 
Inüber tragen. 3h« äugen blieben bann coli Siebe auf beut alten Saum 
fr bem Schlöffe ruhen. $ag war ihre älbenbanbadjt. Ser alte, atte 
hutn, ber galjr für 3af)r im grühling ftttofpen anfefete; ber 3alir für 
;ihr aug ben ftnofpett Heine lichtgrüne »lütter tierauäfefjätte. Ser atte 
-tum, ber »tflthen, ber fchwarje reife grüd)te trug. @r war fo treu in 
iner Slrbeit. gm fjerbft hingen feine Zweige big tief pr @ r be herab, 
:tb fie faß am genfter unb fühlte phpfifcf) bie Saft, bie ber greuttb p 
ttgen hatte. @g war ihr, atg nähre eine ©rohmutter ihr Mtb mit ihrem 
ftrjblut. 

Unb ber Saum hielt fich tapfer unb trug wieber unb wieber int 
‘«ühlinge lichtgrüne »lütter. 3m £erbft aber waren fie fo bunfel wie 

!r Stamm; befdjtmtßt, beruht. Sie cerftanb nicht feinen 9JM).- 

j 3 m erften 3ahre ihrer ©he hatte fie ben Sitten iltreg ©atten, an 
iner Seite p empfangen, nachgegeben, 2llg fie am Sltorgen — eg war 
c feinem Namenstage — iljr anfteibejimmer betrat, erwachten alte ©r= 
iterungen in ü)r. 3u beiben Seiten beS Spiegetg ftanben brei Silien, 
t:i weifee ßlofterblumen, unb cor ihr lag ein ©ewanb, auf beffen matt* 
füttert ©tunb große Sitten in Silber gefticEt waren. Sie fenfte bag £aupt 
tb blieb fpradilog ftehen. ®ann wanbte fie fid) mit einer rafdten Se ; 
tgung ab, öffnete haftig bie genfter unb lieh bag reine Sicht auf fich eitt= 
fttjen, fie babete fid) in ben Sonnenftral)[ett unb umfing mit ihrem »lief 
^ fterbertbe ©rütt. 

31^ )ic fpäter bleich unb fremb im Salon erfdjien, empfanben 3XUe 

non bem Sitten, Sebenben, ba£ iljr gehörte, unb bie Keinen bunKen 
-Italien brängten in wirrer £aft auf fte ein — um if)r ba§ p entloden. 




276 


llnfa mann \n Altona. - 

roas tönen frentb, um fte p enthüllen, 5 « äetgen, bafe aud) fie nicht anbetö 
fei, um lief) p reinigen in ihrem £id)t. »bet nur einem mar fte eine 

Offenbarung. 

@te erfcfjieu nie tuteber. Unb nielleicfjt mar e§ unbewußt, 91iemanb 
wollte fragen we^atb. 


0 o gleiten bie 3 af>re in ewigem 2 Bed)fel non Sehen unb Sterben 
babin. Oer £erbft fdjafft für ben grüpng. @r beginnt, er enbet tu ber 
einen grofeen Sorge: ba<S fommenbe Einb. Seine SebenSfraft p oerboppeln, 
bafe e§ in ber furzen Spanne S e ^ rofenrotb) leuchte unb bie 35>ab)rt)eit 

uertünbe, ba§ ift feine Aufgabe. 

mar £erbft. Oie Sonne lag blutrott) am Simmel unb füllte 
Mjlafen geben. Sie aber woEte nicht taffen non ber flehten @tbe, 
finnigen greunbin. Ob fie e§ benn nicht lernen mürbe, ba§ Sieb bad fte 
ibr Borgens unb 2lbenb§ fang: Oa§ Sieb nom geuer. 9iott) foEte fie 
ftra^ten, bie falte, fchmar^e greunbin. Unb bie Sonne fang unb lang. 
Unb eine grofje weidje £anb legte fid) auf fie unb tauchte ge leije, letfe 

unter bie Sßogen. 

0 ie wollten nidit fdjtafen, bie $öget aEe, weit fie §u fagen mußten 
nom lebenben Sehen. Unb fie wollten nicht fd)lafen, bie buftenben Sumen. 
Oer Oob fonnte fomnten über Stacht, unb fte mußten wadheu unb ungen. 
©ro^ unb noß foEte e 3 fd)wingen auf ben SBeEen ihre^ OuftS, ba§ 

Sieb ber Siebe. 

$ie fäötanfe grau legte lüljleub ihre rofeurotl)en ginger auf ihren; 
fiel*, aber bie ginger petten unter bem fiebernben $ul§fd|la 3 , unb |ie 
neigte fid) in einem füllen Stufe p ilpen herab, aber ben ®iunb nerfengte 

ein lebenben geuer. 

©a fanf fie in bie SÜtie, ftredte oerlangenb bie Slrnte empor unb 609 
bie rofenfdftoereit Stefte p fid) herab. Sßie ein ©urjlenber in jittern et 
Saft bie ©cfiale an ben SKunb fefet unb trinft, mie ein ©urftenber in ben 
füllen ©tun! hinabftarrt, mie er lädielnb ben Singen beä ©obeS auf bem 
©runb ber ©diäte begegnet unb trinft, fo tranf and) fie. 

@3 mar fel6ftt>erfiänblich, bafe fie jefet ihren ©stten begleitete. ©« 
fudjte SJteufchen, unb bie SJtenfchen fuefeten fie. ©ie Meinen bunften © • 
ftalten raaren ihr plöfelid; näher getreten, unb bod) empfanb ne e» all« 
roehmüthige ©enugthuung, bafe fie nicht P ihnen gehörte, ^n. ihrer » 
felinte fie fid) nach ben füllen Blumen ihres! ©artenä, unb ne W >. 
fort aus bem £ärm in ben grofeen grieben be§ diofenftraudjeä. iwt 
bem ©uft ihrer Diofen aber, ber fie liebenb nerftanb, brad) fie m Al)tau 
aus unb erbat mit fehnenben Sinnen, fie nmfete nicht roaä. 






Kofenlege nbe. 


27? 


@ie Ia§ jefet tnel, unb ba ßefdjafy e£, böfe iie groifcfjeu ben 23üd)ern 
: «™n Sud&c fel&fl wieberfanb. gijr fd)lug. f^r ganzes ©ein 
inerte. SH« fie aber erfuhr, baß ißr ©atte bas Sud) gefdjrieben, fucfjte 
i ifm in angftuolfer greube — fudite feine ©eele. 

©ie fanb einen alten 2Kann. SBoHte er fie nicfjt oerftetjen? ©ie 
lßte erft in SBorten erElären, was ©eele p ©eele hätte fagen fotlen. 
Ejroere, lange SBorte, lange weite SfBege. 

llnb er fächelte fo feltfam fremb unb fpracfj bann rnübe unb langfam, 
i fucße er nacl) etwas weit fernem! 

„es ift nidjt mein Sudf. 216er idj bannte ifm unb liebte ifm, ber es 
idjrieben. 

®r war jung unb reidj, benn itjm gehörte ein ganzes »olles Sehen. 
)d er war groß in feiner reinen greube. @S laut aber ber Sag, wo er 
c, baß er allein war. ®a ging er fort unb fuc£)te. Unb wenn er Serge 
i'feßen müßte, er wollte es finben, mit fefmenben Innen wollte er er= 
in unb ßeransießen baS, was ißm pfarn. ®S teßrte ja 2MeS, baß baS 
fen ben ©udjenben fättigt. 

2 lls er wieberEant —" 

„Sa?" 

„Sa ßabe idj ifm unter fatten füofen begraben." 







Pott 


3Bofef ^öEobor. 


Breslau. — 


1 


litte, tritt injwifcfeen ein. 3<b »iß nur für ^eifeeS SBaffa . „ 

yi Qft ba§ fall. <Sorg T nur für etnen anftanbtgen ~opf. 

®er Softor »er tappte bur* ba? buntie Ute 3im«a i» P 


SÄ fe' mw jmu Ybo bk W ftanb. ©r war in ber «mmg fein, 

freunbe? Sianptb oriemirt. Sam, n,ad,te er fäjt; 8M in to 
behäbige,, 2lrt, bie biefen »tarnt bejeidmet. Unb al? bann ba? große 3wvm 
netten rufeigen £id,t burcfeleudjtet war, 50g er bett ©djautelftufel, beit Stau Matwl 
immer' noch ju »eit juiMe» Siban unb »erwanb brdngte etn 
unb lief, fid, mit (eifern grofteln feineinfallen. 9 iun brannte er ftd, eure «•" 

wippte ben Stufet ein wenig mit bem rechten gufe. Staufeen ijw 

SBaiwatbt in feiner nerPbfeu, fahrigen Sffieife. Ser Soltor fanb, bafe eä n ® 
nicht gut ftanb. Ser »tarnt batte ifem 31t Piel bofe »erbengefebiditen j« mel» 
Sann tarn fjelmricfe herein; er ftotperte beinabe über De»t ndt= b m M 

5 tt, ftrid, junt fJiaucfetifd), ben er 仫cfeen Stban unb ©cbauIelftubUtetite 6 " t 
fßfenenb auf ben Sioan, inbent er feine ßigarette Berqitalmte. ~ olt ” « 
mittlerer gigttr, mit einem runben Söaucfelein, , ba? er et gu er.*r e tne SBW 
ftunbament" sut nennen pflegte. UeberbteS §terte feinen runben Uopf 
KTetim Zm etfd,einen liefe, ©elmrid, aber War beinahe W«a#,g,. 

bisdjen groß, mit einem fatblofen, serwüfetten ©eftefet. 

Sie »eiben Waren gute greunbe. Sie batten bte Sßrerjtg bratet fid). 

Sie qualmten um bie ffiette, bi? ba? ganje 3immer in ben grauen Mta ft 

gefeiMt war. 211? ber Softot anfällig 3 « Sedc Mutte, erhob et ftd) W »1 i «- 
bie 2 lfd)e ab unb trat laugfam in ba? finftere »ebenstmmer, Wo “ ^ ®J . ei ^. ( i 
Sann flehte er fid, breit Bor feinen greunb unb tagte, «km « M ««gmtrt «4^ 
9 ht toerben mir ln Dpi lieber auf bte ©ltdie gepen muffen, ^a^ 3 e S 
becfeanteit ift nicht mehr menfdjenwittbig. Sa? Wat heut sunt »eifptel ein erbärmlicher S 
Unb §elmrtcp gdpute, opne fiep §u ritpren: _ , u 

„»(einer Sren! 2Sir werben un? eine ffixfetn nehmen ntufeen 
Samt griff ber Sottor nad) einem Such, legte ftd, tn beit Stuhl un 
©0 Berging bl 3eit, bi? grau SBtaiwalbt mit ber bampfenben Serrtne er|d,ieit unb 






















































































I 


3urtggefellen 4 


279 

? afdfjett uttb £ucfer auf beit ©ifd) [teilte. ©er ©oftor madpte fiep au beit ©rog, fttiff 
\ SBirtpiit fräfttg iit beit Sinn, ma§ bte ©ante unter Sfreifdjeit uttb ©dumpfen gutn 
‘rfd)ra inbett beraitlaßte, uttb fragte, tnbem er auf luftige Slrt eilt Singe gubrüdfte: 
„Siel?" 

„Half and half. Unb eilten lütten ©dpufj Stotpmein." 

„?>a, hör’ ’ntaü ©a§ ift eilte gehörige Portion. Sfttt ©eilten Sterben . . ." 

,,©ei fo gut, berbirb mir bie gute tarnte nidjt." 

©ie ftarrten fiep ait uttb brachen über biefett glattgenbeit SBip tu eitt fdjadeitbeS 
ülädjter aus, bi§ fie fdpliefcliep ipre Stopfe in bie pradptbod buftenbeit ©roggtäfer ftedteu. 
:^mäf>Ii(f) befauteit tfjre Singen ©lang unb Sebeit; ipre Stopfe begannen fiep gu rötpen. 
':r ©oftor fcpimpfte itod) einmal auf bett miferablen pfan, beit mau ipnett pent SIbettb 
i : ; ihrer SSeinfneipe borgufeßen gemagt patte, auf pan SMmalbt, bte nie iit iprem ßebett 
aen bernimftigeit ©rog brauen lernen mirb, unb lobte [dpließlidp mit gemtffent, midpttgeut 
(uft fein eigenes ©ebräit, bon bem fie eben ba§ britte ©Ia§ trauten, ©dpliefilicp muffte er 
ierpaupt finbeit, bafs biefe SBelt ba§ ©cplimmfte nod) iticpt ift. Sftan muß bte ©efdpidpte 
vntliep berftepen, fiep als alter Ster! feine Sdufionen madpen. SJtit flareit Singen in 
de§ ’reingudeit. §epe! SIber §elmridp [prang auf; fein ©efiept gitdte, unb mit ber 
Uitft feplug er auf bie ©ifepplatte, bafc ©Icifer unb Pafcpen taugten, maprenb er mit 
ipeitber (Stimme fdprte: 

,,©agu aber pabe icp beifpielsmeife feine Sufi. 3dp mid ntt mal niept iit SIdeS 
’iitgucfen, am adermeuigften mit flaren Singen, berftepft ©u? ©n bift überhaupt ein 
iferabler Sterl, ©oftor, ba pörft ©u*§. ©in Padjfopf uttb ©dpmäper!" 

Sftit einem 9)Me mar ber ©oftor ititdpterit: 

„SBarnnt benn, Säterdpen? SBarum uidpt bie Siafe iit bie ©efdjidpte reinftedfeu? 
ut, icp mid’S ©ir [agen. SSeil ©u metfd, bafi nidpts ©nte§ babei ’rauSfommt. Söeil 
io erbärmltdp ift, ma§ bapinter ftedft, pe? ©arum midft ©u partout itirgenbg gupadfeit. 
f:e polbe Sttufion fonferbiren! ©aS Seben boder Sitgeit erhalten; früper fagteft ©u 
bpi ,3beale c l SSie, mein altes ©feldpen?" 

^elmridp lepnte [icp gegen [eilten ©tupl, ftreefte bie Seine meit unter bett ©i[dp, 
fite bie Puffe iit bie ^ofentafepen unb brummelte: 

„©u bift eitt ntiferabler ®erl, ©oftor."-— 

©cpliefdid) loaren bie Seiben arg begedpt. ©er ©oftor ladpte unabläffig unb er= 
?jlte ein paar [aftige Sunggefedenmifce . . . „^apapa! $pr SJiann [elbft ftedfte ba§ 
uimtpfbanb in bte ©afdpe unb [agte gang parmloS: pp fann bie ©igentpümerin beim 
Itett Sßitten nidpt finben. ©er eigene SJiann! ©iefeS StpinogeroS bon ©pemattn! £apapal" 

. . Sn £)elmridp arbeitete eS. Sefet begann [eine 3eit. 3'mnter nod) löfte ipm ber 
Utfdp 3unge unb §erg. ©r legte bie ©öenbogen breit auf beit ©ifdp unb [dpob [eilt 
Stn in bie Raufte, ©eine Singen maren größer gemorben unb gliiitgeitb mie in ge= 
itnem puer. '©nblicp [agte er gang leife: 

,,£>ör’ ’ntal, ©oftordpeit. Sfannft ©n ratpett, mo icp peut Stadpmittag mar?" 

©er ©oftor brüllte bor Vergnügen unb [dpiug [idp mit beibett Rauben auf bie 
I erfepenfeli 

„0, ©u infame Kreatur! SBeldpe ©ame alfo paft ©u mieber begliidt?" 

§elntridp läcpelte boSpaft, arrogant; [eine Stafe mürbe gufepenbS [pi^er, unb nun 
ide er e§ ipm eiitfa^: 

„SBo benfft ©u piit, mein ©peurer! 3rt ber S?trd)e mar icp." 

3IHgemeine§ ©ntfe^en. Serblüfftpeit. 

„SSo marft ©u?" 

Unb opne [idp gu rüpren, [agte .'gelmridp immer itodp mit bem mofanten ßädjeln: 
»S?a, in ©eufelS Stamen, in ber Sütdfe. ©u meifet mopl itid)t, ma§ ba§ ift, pepe! 
f . in ber SJtorienfirdpe. SJienfdp! Sn ber Sfirdje ber gebeneibeten Butter ©otteS." 
©arauf ber ©oftor, an adelt ©liebem [tarn 




280 


3 ofef dtjcobor tu Breslau. 


w ©u bift mobl berrüdt?" 

„$e$ei 23a8 faßft ©u iefct?" . 0 ., A T 

Se^t bergog ber ©oftor feinerfeitS baS ©efid)t gu einem breiten Sachein, beften 

§armlofigfeit bei ihm gefährlid) mar: 

„Unb was haft ©u bernt bort gemalt, menn id) fragen barf? 

35aufe 

Unb nun fprang ®elmrtd) auf, ftüfete fid) mit beiben 2lrmen auf ben Xifd), bog M i 

weit gu feinem fjteunbe grübet unb fdjrte: . . Jü. 

Sa§ id) bort gemadit habe, fja? ®aS fottft Xu totffen, mein Sunge, baä fo(I|t 
$ u gang genau loiffen. Xort habe id) uiimlicf) . . . ifa . . . gebetet. «erftepft Xu, Ijä? 
©ebetet! Xer Sßfatter fprad) bann mit mir über ba» SSbrtiein: Xie 3br miibfelig uitb 

belaben'feib . . . Sla, ba tjaft Xu bie ©efd)id)te." 

Xer Xottor ftanb langfam auf, ging jur SBüdierwanb unb fagte bann: 

„SKmtid) ber fiftiferabte bou un§ «eiben bift Xu! Ober geftatteft Xu xir, auberer 

dlnfidjt gu fein?" „ . 

Jgelmrid) frodj rafcf) gmtfdjen ©ifdj unb ©tut)! herbor, fant au beu ©ottor getan 

un'b jupfte nerBöS an feinem «arte, ©eine äugen waren weit aufgeriffen, unb feine 

Stimme war Wer unb entfett: __ „ , 

„Xu Wirft Xid) bod) ntcf)t ewig auf ben .gelten' auttptelen Wolfen! iM ift ja 

gang unfaf«, unb baS glaub’ id) Xir einfad) nidjt." 

2)auu padte er feinen lyreunb an betbeu Sdjuttern unb tdjiittelte ihn tüchtig. 
7sJtenfd) ©oftor, fjaft ©u benn eine dlhnung, maS in mir borgegangen ift! Sft es ©ir 
nid)t auch fo jammerbod gegangen? 3ft ©ir nicht aud) gufe umgufc ber fefteSobm §er= 
brodelt? dldeSelenb, gebroden, tobt, leer? dJtein himmlifdjer SSater, biefe entfetsliche Seere! 
Statt aller Slntmort mad)te ber ©oftor feine Sdjultern frei unb murmelte: 

„m (Sott, ©u bift total berriidt. 3d) follte ©id) einfperren taffen." 

Sie maren S3eibe gang erfd)öpft bon biefen ©ingen unb fielen mieber in ihre Stühle. 
Melmrid) hielt beu topf gejenft mie ein ertappter Sünber; ber ©oftor giinbete fid) guerft 
eine Zigarette an unb fdjentte bann bie (Släfer bod. SRun ftanb er mieber auf, nahm! 
bie Sampe unb hielt fie gegen bie 33reitmanb bes 3immerS, an ber ein grofeeS ^afteH= 
bilb eines jungen, bliiljenben ddäbchenfopfeS hing, ©ann fagte er gang ruhig, inbetn er 

bie Sampe in bie dritte beS ©ifd)eS ftedte: 

„So geht ba§ nämlich nicht mehr weiter mit ©ir. Ober halt ©u fdfjon bie ©ute 

gehabt, ©id) gu fragen, mo baS enben fod?" ' . 

^elmrid) fafe brütenb unb in fidj gufammengefauert ba, unb ber ©oftor fuhr ton. 
©ie Sad)e mit ©ir ift nämlid) bie: ©ir belommt ber,ältere 3unggefede‘ nicht. 
bei Seite, baS ift bie ©efdjfo&te. ©u hatteft ©id) biedeidjt bor acht 3'ahren berheirathen foden." 
Unb als aud) barauf £etmrid) nid)t reagirte: _ , 

©ein ganges Sehen befteht auS bobenlofen ©ummheiten. S3iS gum heutigen ©age 
bift ©u ein grengenlofer ©fei geblieben. ©aS ift fo meine Uebergeugung . . . ©enfel 
uod) eins, §eimridi! ©iefe jämmerliche (Sefd)id)te üou £eben ift bod) fchliefelid) bagu ba, 
fie anftänbig tobtgufchlagen, ohne Aufregung, bitte. Ohne (^altationen. 2BaS [ W 
inbeffen gethan? dta, gelinbe gejagt, ©u haft bie Sadje fentimental angefafet 
Söeifpiel: biefe ©efd)id)te ba." @r mieS babei mit bem Ringer auf baS dJlabchenbta 
§aft mir grofee ©öne ergählt, als eS öorbei mar begeidjnenbermeife, tote ©u )te gelieoi 
haft. Siebe hin, Siebe her! ©eufel, marmn haft ©u fie nid)t geheirathet?" 

§elmridh rife beu Sbopf empor, in feinen Slugen mar jefet ein ftarreS ©langen: 
medjanifd) mieberholte er bie $rage feines ^reunbeS: 

„©eufel, marum habe idh fie nicht geheirathet?" : ^ 

dtun mürbe ber ©oftor mieber lebhafter: 

„3a, meife ber tudud, mie ©u ©ir SldeS gerrinuen läfet. ©aS mar bo^, menr 
idh ©ir glauben barf, ein brillanter M üou döeib. ©u haft fie geliebt, immer ©eine 







I 


- 3 uttg gefeiten. - 28f 

jenen 23efenntniffe. Sn ^aft fie geliebt, auf eine befonbere 2lrt, tote man ettoaS 23uitber= 
i re» liebt, obtool)! ich fo ’toaS nie begriffen habe. Sie bat Sich geliebt. Schließlich 
:t ®n ber ©adbe ans bem SBege gegangen, baft fie einfach bei Seite geflohen uub Sir 
: : ur baS 53ilb in’S 3immer gebangt, in baS Sn üermutblicb noch beute oerliebt bift. 
;1 gefiebe, baß icb Sich im «erbacbt habe, Su tooUteft Sir biefe Siebe auf eine gang 
: ärmlich romantifd&e 2trt fonferbiren, baft Stngft gehabt bor ber 23irflid)feit, baß bas 
■ unberbare* nicht ©taub halt. 2ttit einem 23ort: Su toollteft Seine berlogene Sebent 
i nicht auf’S Spiel fegen. 2BaS märe baS benn auch mit ber Siebe, toenn bem Beibe 
: glich entfällt, Äinber gu befommen, be?" 

Jpelmrid) brummette: 

„fßein, bei (Sott, baS ift eS nicht.'' 

„Unb ich fage Sir, baß eS fo ift unb nicht anberS. 3br fönnt @ud) nämlich 
iht mit ber Sftatnr bertragen, möchtet ben lieben Herrgott bitten, bie ©efdfjidfjte 
wenig göttlicher eingurid)ten, bababa!" 

3egt begann £elmridj: 

„Softor, fo toar eS auch einmal, m idh noch gang jung toar, begreifft Su! 

3mit batte idh mich fdjließlidj berföhnen fönnen; ich habe mir fo allmählich barüber 
i meggebolfeit. fftein, nein, Sieber, ba finb noch gang anbere Singe . . ." 

Seine Stimme tourbe hier flüfternb, als hatte er baS ©eheimnißboafte aus feinem 
; gen gu fagen: 

öict fürchterlichere Singe, mußt Su toiffen . . . 3«h habe fie nämlich nicht 
;ebt. «flicht fo, toie man fid) ie biefe große, auSfüllenbe Siebe benft. 3d) habe über= 
i pt niemals geliebt. So arm unb ausgebrannt ift meine Seele, baß fie niemals bie 
Jlt umfpannen fonnte. £örft Sn, toie entfeßlid) bas ift! Niemals habe ich toirffidb 
m, toirflich baffen fönnen. Unb bccb, allmächtiger (Sott, brannte SllleS in mir banach, 

11 f<hrte oor Sehnfucht gum Fimmel, unb ich betete in ben Mächten: £err unb $ater^ 
i barmhergig unb gieb, baß ich fie lieben fann. attad)’ mich blinb mit meinen furchtbar 
cen Singen, mach’ mich taub mit meinen guälenb fdjarfen Ohren. Safe ich bie taufenb 
r etlichen SFtd&tigfeiten nicht febe unb biefe marternben toibrigen atebenlaute nicht höre 
, Umfonft. 3ch habe feben unb hören muffen. Niemals hat mich ein Strubel ge* 
V, ber mich herrlich mitgeriffen hätte. Niemals . . . Sangfam tourbe Sldes falt eife§= 
j unb toüfteleer . . . Unb biefeS 23ilb, Softor . . 

^ier begann £elmri<h gu fdhreien, als fönnte er eS nicht länger in fid) berumtragen: 

„. . . Unb biefeS SBilb liebe idh auch nicht. Dber ich liebe eS üiedeicht, toie man 
:n tounberbollen, fernen Sraum liebt. Bk man bie ©efdncbten liebt, bie ben ^inbern 
i Slugen weiten unb bie Slrme breiten in unenblicber Sebnfucht nach bem großen, herr* 
;:n Seben" —• unb fegt plößlidj umgefdjlagen, ironifch, „baS fo fchön in ben Suchern unb 
Richten gefcbilbert ift." 

Ser Softor brannte fid) eine neue Zigarette an unb brachte enblid) heraus, toährenb 
:mrih toie erfcßöpft unb erlöft in feinen Stuhl fanf: 

„5Si(h begreife, toer mag. 3d) fage nur, baß eS mit Sir nicht gut ftebt, baß Su 

$ f ür ^ toirft thun muffen, unb baß es abfolut uotbtoenbig ift, Sich toeniger mit 
3ilen berumguplagen." 

9tmt faßen bie Reiben eine SSeile toortloS ba. 2US ber Softor bann auf bie Uhr 
1 fprang er auf uub jagte: 

"Sie Seit bergest; es ift halb @inS." 

. f tanb auc f) ^elmrich langfam auf, ging gur Sbür unb rief mit belegter 
:t f lTne aadh ber SBirtbin, bie in ber Sfüdje fchon ein toenig eingenicft toar. 2113 fie fid) 
-ich melbete, bat er fie: 

„Erbarmen Sie fid) nufer, $rau üflaitoalbt. Aachen Sie rafch einen anftänbigen 
<ee. Ser Softor toitt halb nad) §aufe . . 


unb ©Üb. IC. 29G. 


19 






3Uuftrirte Bibliographie. 


Hutev Sem ©rttticUcviirten Worten «vcuj im »uvenftieBC oon Dr. med. % 8 

(Suter. 3JUt 132 Blluftrationen, gacftmtle*93riefen, Tofumenten unb einer Starte. - 

ß ®er%e?fafTer! 1: Oberleutnant unb Slrgt ber Sdjmeizertfdien ^elbbatterie 29, toa 
Anfang beg Bahreg 1900 auf 33efd)tufe beg „Schmeizerifdjen Dothen touzeg" mit bei 
Herren Dr. be 9)iontmotlin aug Steuenburg unb Dr. totig aug fern nach bem fm 
afrifanifchen toeggfdhauplafe entfenbet morben. — 2ßa§ er bort als 2lrj$fc einer Slmbulati 
fotoie al§ BelbsSlrzt bei ©eneral be la Step unb bei Slfftftent Gommaubaut ©eitere 
(Sbriftian 23otl)a erlebt bat, ba§ fchilbert er in bem borliegenben SBerl. bat alio ba 
eigentliche fyelblebeu ber 33uren, foiuie überhaupt Sanb unb Seilte, febr genau rennen gt 
lernt. SBenn and) fonft über ben fübafritanifdjen Stieg biel geschrieben tuorben ift, io fui 
bodi aerobe bie SWittbeilungen beg SSerfafferg auf bem borbeaetchneten Gebiet bon gar 
befonberem Bntereffe. Sin ber &anb eineg forreft geführten Tagebuches i^ilberte er i 
fur§er, prägnanter SSeife in 18 Kapiteln feine, ©rlebniffe unb gemachten ®rfahrunge.i 


tUlavli f'HlUllWiUvl (vvtl| V Uv O-W kW** ! M __ *-> _ (-V Y 

— Slm 29.' Sanuar 1900 verliefe er bie Schmelz, um über Neapel, mo am 2. pcbrm 

C. ... r V i . f IX. 91t Wofum ntttO UD 


bie (Sinfd&iffung erfolgte, fid) nad) bem toeggfchauplafee zu begebem Tie Steife ging ub 
Sßort*Saib, Slben, SJtombatfa, Tanga, Sanfibar, Tar=eS=Salaam, SOtosambique, fetrarto 
Souren 9 D SRarqueg. Tie auf allen biefeu Stationen empfangenen ©tnbrucfe werben 
intereffanter SBeife gefdjilbert. 9tacf> biermöcpentltdjer feefahrt erfolgte bie W# 
bie Telagoa=S3ai unb bon ba bie Söeiterreife nach Pretoria. Stuf einer bem 2Beit bei 
fügten tote tonnen bie bom SSerfaffer zur ücf gelegten SBege bon Ort gu Ort Mt ö 
folgt merben. Sin allen Söahnfjöfen, aber and) in gemiffen Stbftanben langg ber W 
bahn, namentlich an ben Brüden, maren bemaffnete S3uren %u Sehen. 

Tie Slnfunft in Pretoria erfolgte am 7. 2toz — alfo nad) ber ©efangennab 
©ronjeg, nad) bem (Sntfafe timberlepg unb nad) bem Slbzug ber J&axttt m ? J» 
Um biefelbe „Beit ftarb ber alte Somuianbant Boubert, ben ber ferfaffer als £ ne ”£ 
ftarrföpfigen, in feinen Bbeen berbohrten SSuren bezeichnet, ber [ich tu feinem 
bon fftiemanb rathen liefe. Ratten iunge Kräfte zur 3^t an ber Sptfee ber.$ . 
ftauben, mürbe fid) SSieleg mohl ganz anberg gestaltet haben. SBenu auch mjw 
bereite eine Sanitatg^ommiffion ejiftirte, „bag S3ureau beg Dothen tazeg ber g 
afrifanifchen Stepubli!", fo beforgte biefeg mehr bie Bufammenft^ung ^nb fewpe 
Iichuug ber SSermunbetem, Äranfen* imb Tobtenliften. Slmbulanz*J3erfonal mx fontt 
Pretoria genug borhanben. mt ein m Slmbulanzzuge begab ftö berjßerfalfcr ^ 
SJtdn über Stemcaftle unb (SÜencoe u d) Siatal. Tort mar aber fchliefelid) nicht « 
Sir beit borhanben, ba bie !ömen fid) in ihrem Säger ruhig berhielten, unb fo erfolgte m 


























3Huftrirte Bibliografhie. 


283 


e fftitdfebr nadj Pretoria, pr ttebernabme bet pflege bcr in Sßaterbal unlergebradjten 
glifd)eit ©efangenen. Sn btefem, nörbltd) üon Pretoria gelegenen Orte befanben ficb gegen 
500 englifdje Kriegsgefangene, unter beiten OppbitS, OpSeitterie unb Maria betrete, fo 
.6 eS üiel p tbun gab. Oie befangenen mären in nichtigen Paraden unterbracht, be= 
acht bon einem, tnetft aus alten Seilten beftebenben Suren=Kommanbo. $lud)tberfud)e fanbeit 
elfad) ftatt. Oie Suren bemerken eutmeber biefe nicht ober fd)offen aus ©utmütbigteit 
ld)t auf bie Jliebeuben. SSurbeu $lüd)tlinge ehtgebraebt, fo mürben fie für einige Jeit 
ein aus SMbled) erbautes ©efängnife geftedt (f. Slbbilbuug), um nadj furzer Seit 
ieber iit’S offene Säger zurüdfebreu p bürfett. 9flit melier (Strenge haben bagegen 
; ©nglänber bie gefangenen Suren bebanbelt! Oer Serfaffer erhielt aisbann ben 2luf= 
tg, [ich mit einer. Ambulanz nach bem fjfreiftaat p begeben, mäbrenb feine beiben 
)Üegen baS Spital in Johannesburg übernehmen fottten. 

Oa ber 2lm&ulanj als Knechte unb Schiente Kaffem pgetbeilt mürben, fo erzählt 
c Serfaffer etmaS aus bem Sehen biefer dttenfdjenraffe. OaS hodjfte jtel, baS ftdb 
>er iunge Kaffer geftedt bat unb mofür er arbeitet unb fpart, ift, fo biel p ermerbeu 



5lu» %. 2t. Suter, Unter beut ©djroetjerifcfyen 3totf)ext Sreuj im 23urenüriege. 

Setpjig, ©djmibt u. ©üntljer. 


n fid) fobalb als möglich eine $rau laufen zu fönnen. 2luf ber umftebenben Slbbilbung 
i eine Kaffernfcbönbeit bargeftedt, bie ihrem Sater einen SerfaufSpreiS bon etma zehn 
-Ofen einbringt. — 

Jn Sranbfoort angelangt, melbete ficb ber Serfaffer beim ©eneral be la Set), ber 
H Säger etma 'eine Stunbe füböftlid) bon Sranbfoort aufgefcblagen batte, ©r mürbe 
tu ©eneral äufcerft liebenSmürbtg empfangen unb erhielt bon ihm ben Sefd)eib, ficb als 
- 3 t bem SaderftroomsKommanbo anzufdjliefzeit. (©in Sorträt beS ©eneral be la Set) 
egt bieumftebenbe Sbbiltmng.) — 

Serbaltniffe im ^reiftaat fomie bie militärifebe Organifatton unb Semaffnung 
j( Suren merben näher befproeben. 2lm 30. Spril madjte ber Serfafier baS erfte ©e= 
jit mit unb befcfjreibt einige fdimere Sermunbitngen bei englifdjett Offizieren, bie er zu 
tianoelu batte, ©inige Oage fpäter erfolgte ber grofte Singriff feitenS ber ©nglänber 
c- bte Stellungen ber Suren bei Sranbfoort. Sou ben ©inbrüden, bie ber Serfaffer 
U'bet empfangen bat, namentlich über bie SBirfung beS ©efdjüfcfeuer?, entmirft er eine 
t ereffartte Sdjtlberung. Sluf bie oielett OetailS, fomeit fie namentlich auch bie ©nglänber 

19 * 














betreffen auf bie Vegriffe bcrfelbeit bon 9Dtein imb Sein u. f. w. näher ergeben, ift 
Her leiber nidjt moglid), unb mu& auf ba3 Original berWiefen Herben^ 

©S feien nur nod) einige nötige kontente berborgeboben. Za t)t 3 nnad)it gtt er== 
toabnen bie Slnfunft SouiS Votba§ mit Verftarfung, ba3 Vuftaudjen be§ ©enerate be 
Set ber Vücfsng nad) ftroonftabt nnb bie Verlegung beä VegierungSfifeeS nad) fcetlbronn, 
ber kücfsug ber Vuren au§ Vatal, ba§ Vorbringen ber ©uglänber nad) Sobaunesburg 
fomie ihre Zahlt 31 t Anfang be§ Krieges unb im weiteren Verlauf beSfelben. Sit ben 
Verwmtbeten gab e§ oft fdjmere Arbeit, fo nameutlidi, al§ am 19. Suni 600 gefangene 
©uglauber über ®tanberfon in ©rrnelo anlangten. 3 nt ßanfe be§ £age§ ertbeilte ba ber 



2lti3 %. 21. Suter, Unter beut @d)tt)eijerti(f)en s Jtott)en S?reit 3 int Surcnfricge. 

Seidig, Sd^mibt u. ©untrer. 


Verfaffer nidfjt weniger al§ 86 Sbufultationen. Vebcn ber ©d&tlberung ber ^ueflSeuitg' 
titffe mad)t ber Verfaffer intereffante Vtittbeilungen über bie Vuren nnb ihre ßebenSwet e, 
über ba§ S?linta, ben Xabatäbau in £ran8baal unb bgl. Sn Saterpalonber batte Bei 
Verfaffer baä @attitat§material 3 « rebibiren, ba§ bon ber „Societe des dames a 
France“ gefanbt worben war. ©§ ift mtglaublid), fdireibt er, Wa§ fid) ba für unftnmge 
Beug borfanb. Von bort begab fid) ber Verfaffer wieber nad) ber gront ■ 

Von ber £rnbbenftärfe ber Vnren, uamcntlid) aber üou ihren Verluden fmo do 
ben ©uglänbern sntncift übertriebene Eingaben gemacht Worben. Heber bie, bKifaa) 
Untenntnife ber ©eufer ^onoeutiou, berubeubeu Vtifbräudje führt ber Verfaffer Vefcb 






287 


- Bibliograph 

^ulrefornt tritt anftette beS ©riednfchen 

I ) ßateiitifchen baS ©nglifche fe^en, obtrohl 

nicht flar trirb, ob trir int 20. Sabr* 
]tbert bett feit Sahrhunberten geftetgerteu 
rnpf strifdjett Rlbion unb ©ermania gn 
rcn haben tnerben. £>aS englifdje Rolf 
bis §u ben neuefteit Rurennieberlagett 
i.)t ben ©tttfd)Iuü gefaxt, ber attgemetnett 
] brpflicht auch fid) unterguorbnen, troburch 
‘amberlaitt allein nur mit fixerer Haitb 
) 3ufunft entgegentreten fönnte. 3n 
5:na haben fid) fämmttiche Xruppeit ber 
i Staaten ©uropaS, RnterifaS unb 
•janS unter einem preufnfcheit $elo* 
irfchatt gufammengethau. 3n bie Rügen 
tiitgenbe §elbenthaten finb nicht rott ihnen 
t richtet trorben. Xtx Rame ©hitta ift 
^h nicht reif für bie europäifchen ©rofc 
ixten. £aS 400=2fttttiouensReid) muf 3 
i erft an uns anreihen, ehe es alle ©eredjt= 
ue mit mtS theilt. 

®aS bentfdje Reich, aus SjSreu^en herbürs 
taugen, hat in ^riebrtch bem ©rofeen baS 
.iberfalgente herborgebradjt baS im 18. 
jrhunbert bie ©rofjthaten gur Rusführung 
)d)te, bie ein einiges Sieb fingen: ,,3cf) 
>te!" 0. 

u, Sein Sehen und 

Sitten, 3lrei Ränbe. Unter Rtit- 
nrfung ber Familie Don ©gibt) nnb 
nter Rlitarbeiterfchaft öon Arthur 
Mberger, fotnie einiger ffreunbe (grau 
ImtSridjter 5t. ®eutfd) unb §err Sehrer 
Inerter) herauSgegebett Don Heinrich 
)rieSmanS. SDreSben unb Seipgig, 
p. RierfonS Vertag. 1900. 

2>aS Dorliegenbe 23erf giebt in an= 
ienber $orm ein Rilb ber Rerfönlichfeit 
t beS 2)enferS 2Rori§ Don ©gibt). X er 
r, mit bem Portrait ©gibt)S gefdhmitcfte 

II if ixt _ sehn Rbfdjnitte getfjeilte Rattb 
Hält bie gefammelten Schriften unb Ror* 
t}e mit Ausnahme ber in Rrofdjüren 
rjienenen^ ber streite Ranb, bem ein 
y firnile beigegeben ift, umfaßt ben äufjeren 
^nSgang unb irürbigt baS SSefen nnb 
Heu. Heber bie Reftrebungen biefeS am 
'• , 3)egember 1898 hcintgegaugeneit 
leigen ©eifteSfämpferS hcrrfdjt noch 
[Od)e Unflarheit. Xk ©inen halten ihn 
11 e iaen ReligionSftifter, bie Ruberen für 
« Reformator. 2SaS Rt. D. ©. trollte, 

J fagt er flar in feiner Rfingftbetrachtuug 
J I S. 109: „ttJtein Rfingftgelöbnij 3 ift: 

- teuerer treuer ^Bannerträger 
5 ich fein!" Unb toeiter: „RBaS ich att- 
;1) e, ift nicht, bafe Rubere baSfclbe glauben, 
h ich glaube; traS id) anftrebe, ift, bafc 


ifdje ITott 3 en.- 

Seher glauben unb nicht glauben barf, maS 
feiner inneren Rcfeligung bient, unb traS 
ihn sum Sienfte am Rolfe, sum $ienfte 
an ber Rienfchheit tüchtig macht. 28aS ich 
anftrebe, ift, bafe trir bem Staat bie Rn= 
mafeung enttrinbeu, barüber befinben gu 
trotten, traS ber Rtenfd) glauben unb maS 
er nidjt glauben barf; richtiger, bafc trir 
— ber Staat finb immer „28ir" — uns 
SU einer ©efinnung ergießen, bie baS 
Innenleben beS Ruberen als beffen heiliges 
unb unantaftbareS Sonbergnt betrachtet 
unb bem entfprechenb behanbelt. Religionen 
fönnen überhaupt nicht „geftiftet" tnerben; 
Religion ift ber, ber Rtenfchheit auf ihrem 
©nttnicfelungSmeg mitgegebene Xxanq gur 
Rerbottfommnung, SSir fönnen hödjftenS 
Don £onfeffionS*Regrünbem unb Don Refor¬ 
matoren innerhalb ber rerfchiebenen fon= 
feffionetten Richtungen fprechen. Xafc, unb 
Stnar in nicht ferner 3eit, fich innerhalb 
ber Mturmelt ein neuer ©otteSbegriff 
Sahn brechen trirb, ift fein Streifet; Rer= 
nteffenheit aber märe es, trenn ein ©ingiger 
je fid) als Regrimber biefeS neuen, unS 
Rtten inne mohnenben Begriffs begeichnen 
trollte. Rn bie Stelle ber heutigen Ror* 
ftettuug Don ©ott, perfonlid)er ©ott, ©ott 
ein ©eift, ©ott als SSefen, S)reieittiger, ober 
felbft ©iniger ©ott, mirb bie SSorftettung 
Don einem „heiligen ©ntmicfelungSgefe^" 
treten m f. m." d. ©. Derftanb unter ^ampf 
freilich nicht ein häßliches Rerunglimpfen 
Rnberer, ein pietätlofeS Schmähen Der^ 
gangener SSeltanfchauungen. Sein ^ampf 
galt ber Schlaffheit unb Saghaftigfeit 
nuferes RotfeS, baS fich nicht auf feine 
©igenmürbe befinnett unb ^ront gegen bie 
23eüormunbung unb Unterbrücfung machen 
tritt. Xa Herausgeber Derbient nid)t nur 
ben Xant ber grennbe unb Rnhänger 
©gibt)?, fonbern and) aller berer, meldje fid) 
über baS ßebett unb SSirfen biefeS ©eifteS= 
helben unterridjten trotten. N. 

tmobetne ©ffahS, Ron Rias Rieffer. 

Bresben unb ßeipgig, Reifener, 

1901. 

Rtoberne ©ffat)S, bie bereits theilmeife, 
in Beitfchriften hte nnb ba gerftreut, an bie 
Oeffenttichfeit gelangt finb, trerben uns 
nun Don ihrem Rerfaffer gefammelt in einem 
ftatttidjen Ranbe Dorgelegt. ©S finb geift- 
Dotte Klaubereien über moberne Kinge, — 
moberue Kcxfönlichfeiten, ^unftmerfe unb 
Probleme —; gelegentlich mifdjt fidh ein 
poetifcher Hauch, ein ßofalgauber, ein, meitu 
auch baS Räumliche fogufagen gu SBorte 
fommt, unb 2Siett ober 2Ründ)en mit ihrer 









288 


Zlorb uttb Siib. 


ihnen eigenen (Stimmunggfarbe bargefteEt 
Serben, — int StEgemeinen übermiegt aber 
moljl ber berftänbtge fritifdje ©eift, bag 
Mangen nad) Stugeinanberfepung, ttärung 
unb Drbnung. 

2}iele ©eficbter merben ung ba bor* 
geführt: SJtaetertincf, SBagner, ©merfott 
unb Stiepfd)e fuhren ben Zeigen. 2ßtr 
feben bie geiftreidjen ^bbftognomieen ber 
norbtfcben ©eifterfcbaar: 23iömfon, 3bfeit, 
©arborg, SHeEanb unb SonaS Sie im 
£intergrunbe. Stuf «strinbberg, Dia 
§anffon, ßaura Sftarbotm loeilt ber ©lief, 
ßubmig 3acobomgfi, Hermann S3abr, ©uftaö 
SD^acafi), Julius $art, 3iobor ©fologub, 
ffticarba £ud), Sorrefani, ©leonora Sufe, 
bie Sanbrocf unb bie Sßad&ner unb mancher 
Slnbere nodi fdjreiteu an uns vorüber. SSoit 
(Sttrner hält Sftag SJieffer 8 ar ^ 3°^ n 
£enrt) 3Jtodai) mirb ung atg fein Sünger 
borgefübrt. Stber and) eine berliner $unft= 
auSfteEuitg fommt pr föefprecbung, über 
bag SSefen §amlet§ mirb gebaut, unb 
©onrab ^erbinanb Sieber erbalt einen Siacb* 
ruf. — @o biet bunte moberne ©etftegmelt 
mirb bureb bie ©ffapg umfpannt ober 
herauf befebmoren. 

Stm Schluffe beg SSanbeg rebet ber 
SSerfaffer über ben Sauf ber Äritif. SSag 
er ba fagt, Hingt bertrauenSboE auf bie 
Dbieftiüitat unb 2Siffenfd)aftIid)feit beg Skr- 
fabreng. — SJitr aber toiff eg m ber* 
trauengboE, p fidjer febeinen. SMeidjt 
bat er Siecht, nnb bieEeicbt ift eg eine 
(gdjmadbe, bie fubieftiben Stimmunggergüffe, 
bie ung getbiffe Krittler ftatt einer buffen* 
fcbaftticben Unterfudjung bieten, beit ernften 
fritifdjen Slugetnattberfelpngen borppben. 
3d) betenne, bafe bie fubieftiben ©ffapg 
für mich einen mümberfteblidjen Stets ber 
liebengtoürbigen Skfcbeibenbett nnb beg ge= 
mütbticb 3tüartgIofen befi^en, uttb bafj mir 
immer bang um’g §ers mirb, menn id) bon 
irgeitb mewjen bogmatifdjen SBabrbeiten 
b’öre. Sie ipauptfadje bleibt boeb, baf$ mir 
ung $reube machen, unb mit ber Sßabrbeit 
auf bem ©ebiete ber fritifdjen ^orberungen 
ftebt eg fo unficber. — Sie guten Sfritifer 
^•ranfreidjg bon Montaigne, bem erften 
©aufeur, big auf Stnatole Trance, ben 
feinen Sfeptiter bon beu te, _— id) berftebe 
unter einem Sfritifer alfo nicht blog einen 
Siecenfenten — fiub fo munberooE un» 
fbftematifcb fubjeftib! 3$ beute mir, auch 
SJias SJieffer bot ba am beften gearbeitet, 
mo er gar nicht febr obfeftib ift. H. L. 

(StoetljcsBveöiev» ©oetbeg Seben in feinen 

©ebicbteit, berauggegebett bon Otto ©ri dj 


£art leben. Breite, berbefferte unb öer= 
mehrte Stuftage. SJiiutcben, Si. Stcfermamtg 
Siacbf. 

§arttebeug ©oetbe=S3rebier mit ber federt 
afabemifcb übermütbigen Skrrebe, in ber 
bie 3rage, mar um nicht fdjon fleißige Thilos 
logen auf ben gtücfticben ©infaE ber d)totto* 
togifeben ©ebiebtganorbnung gefommen 
feien, bitter beantmortet mirb: „aber. Su 
Heber ©ott! —: morauf fommen Äbtlo» 
logen atteg nicht! —", £>arttebeng @oetf)e= 
Sdrebier liegt in enieuter ©eftatt, mit 
neuen Schaden bereichert nnb auch einet' 
neuen SSorrebe gef^müeft, bor unferen 
Äugen. 

©g ift ein feftlicbeg ®anfgefcbenf bei 
bon febmeren Seibeu genefenben SJlannel. 
Steuer Sebengmutb, bantbare Steconoatel: 
centeuftimmuug befeett ihn, unb er fegnet 
auf’ä Sieue bag liebe ®afein, bie füfee 
mobnbeit, 8tunb’ um 0tunbe finbtid) bin* 
gunebmen. — Strmer Otto ©ri^, S)u 
Haft 2)id) beranbert in -ben fiebert Sabren, 
bie S)ein S3rebier erlebtet 2)er Xon ber 
smeiteit SSorrebe ift ein anberer atg ber in 
ber erften. SBobt lacbetft ®u noch, aber 
anberg: ©g ift nicht fpurtog an feiner 
@eete borüber gegangen, bafe S)u Seib er= 
fahren. — Unb boeb, glücfticber Otto 
©rieb t Seibeitb ternteft ®u biet. ©rnftere 
S)inge liegen S)ir beut am tgersen. ®ein 
©eift ift gemaebfen mie ©pbeu um ben 
©iebbaum ©oetbe. 2)amatg bebeefteft ®i 
ihn bürftig. feilte umranfft Su ibj 
febon inniger. — Stber mie mirb bag ejtbeni 
©ebtiefetieb . . . febtiefetieb mirft ®u um 
bieEeicbt boeb noch bie aitfangg fo Der 
pönten ,4ämmttid)en SBerfe" , atg tßreöte 
borfe^en! 

ltnb bag bieEeicbt mit Siecht. — 

H. L. 

Laboremus. ®rama bon S3jörnftienr 

33iörnfon. München, SUbert Sänger 

„SSir foEen arbeiten!" Sag ift bß' 
SJiotto beg bieEeicbt manebmat tnigber 
ftanbeiten iüngften Sratnag bon föiorn 
ftjerne 33for nfon. Sag munberbar [timinungs 
boEe SBerf enthält bie ergreifenbften @^or 
beiten. Strbeit unb ^tebe fteigen ai 
megmetfenbe 3been aug. ben _ gefd)Eöertei 
tieffinnig burdjfcbanten menfd)Iid)en Mal 
niffeit empor, ©g ift febr fein, bap w 
fEieifter bie Siebe ohne aufortugltcb & 
prebigten SJioratton tief unb innig ung M 
ebetn lafet. SSir foEen arbeiten. _3M bl 
bie Strbeit ift sugteid) in ung. @tc m 
mit ber ^erpngmärme pfammen. 

H. L. 











£3 ibliograppifdje notigen. 


289 


Jtt HauS. Sd)leSmig*HoIfteinifcbe Bo* 
bellen bon SuifeSdbenf. ©reSben unb 
ßeipgig, E. BierfonS Verlag. 


£. Sd). bat üoit ihrer fdiriftfteCCerifd;eit 
Begabung bereits toertbboHe groben ge* 
[eben, g. 58. 33raftltamfcf)e Bobeflen. 
Wüblengefdjidjten. Btoberne Bomfabrt u. a. 
lud) ihr neues Buch reibt jtdj jenen Bor* 
ängern mürbig an. Es enthalt fedös Er* 
äblungen: ©oblenfatb. Sn ©auben. 
Jtamfett unb Snfpeftor. Sieb leiber. Blobnt 
mtra Blobnt. ©aS ältefte Brob. Ent* 
jridbt audb ben Bnforberungen einer guten 
ioöette nur „Blobnt contra Blobnt", fo geigt 
od) jebe einzelne Ergablung in bobent ©rabe 
ie feine Beobachtung* unb ©arftettungS* 
ibe ber ItebenSroürbigeu Scbriftftelleritt. 

N. 


ie Prüfungen Dev Sitytiften m ßittlc* 
DiUc. BonHeinrichBft&ner. Stuben 
i. SSefif., 3. ©. ©. BrunS Berlag. 

hinter biefem ernften SCitet berbirgt fid) 
r beiterfte Snbalt. ©er Sefer erfahrt, 
eltben argen ©äufdjungen bie ©emeinbe 
r Baptiften gu SittlebiHe bei ber SSabl 
neg JSrebiger§, eines Drganiften, eines 
afriftanS unb eines ©bormeifterS unter* 
gt. 2lber mie föftlicb mirb bas berietetl 
Bf. ftefft ficb mit ber Sdjilberung biefer 
difnngen in bie Beipe unfrer gemanbteften 
'•Äer unb beften Humoriften. Er befugt 
'bt nur fdiöpferifcbe Bbantafie unb grobe 
üfdjaulichfeit, fonbern audb eine bebeutenbe 
."aftberSnbiöibualität, bie felbftimSHeinften 
,) djarafteriftifd) äuüert. (Sein öumor 
mit bem beS Btarf ©main, hält ficb aber 
itt ungebeuerlicbeu liebertreibungeu unb 
pteSfeit Slusfcbreitungen fern. Um feine 
Üben glaubmürbig gu machen, berlegt er 
t Sdjauplafc ihrer ©baten auf anterifani* 
m Beben unb bergiebt bei ihren ergöfe* 
)en Abenteuern feine Büene. 2US echter 
-rnortft erhielt er feine Sßirfmtg bureb 
1 e ernfte §eiterfeit, meldje Biabante Stael 
nnt: ,,La gaiete serieuse, qui ne 
time rien en plaisanterie, mais amuse 
8 * 8 le vouloir et fait rire sans avoir 


^etbes SSevfe. Unter Btitmirfung 
nebrerer Fachgelehrter berauSgegeben bon 

w°I’ ?c ^ e tnemann. ftritifch 
mrdjgefebene unb erläuterte Ausgabe 58b. 
' 8,12. Seipgig unb 2Sien,' Biblto* 
UapbtldjeS Snftitut. 

We neue ftritifd&e, mit Erläuterungen 
Kbene ©oetbe=2luSgabe, um meldje 


„Gebers ®laffifer=Bibtiotbe£" bereichert 
mtrö, begrüben mir auf’s Freubigfte; neben 
ber gro&en SSeimarer Ausgabe, bie bureb 
ihren Umfang unb ihre $oftfpieligfeit natur* 
gemafe auf einen berbaltnijgmäfjig engen 
totS befebränft bleiben mirb, ift eine fleinere 
btdigere BuSgabe, mefebe bie in jener ge* 
lieferten te^tfritifeben Seiftungen benufcenb, 
etnen bem neu errungenen Staube ber 
Forfdjung entfpredjenben ©oetbe ber großen 
Schaar ber ©ebilbeten ober BilbungSeifrigen 
bietet, biebeS großen DIpmpierS ergiefjenber 
©cmalt ficb btngeben möchten, gerabegu 
notbmenbig. Unb ba baS Unternehmen 
ben redeten Hauben auüertraut ift, Dürfen 
mir einer forgfamen, faebfnnbigen ©urd)* 
fubrung non öornberein fteber fein, mie benn 
auch bie bisher erschienenen Bättbe begeugen. 
2llS Herausgeber ift 5J5rof. Dr. tot Heine* 
mann, bem mir bas fdhöne Buch über 
©oetbeS Butter unb eine gebiegene ©oetbe* 
Biographie üerbaitfen, genannt, meil er, 
mie bas Bormort gum erften Banbe mit* 
tbeilt, bie größte 3abl bon 58anben über* 
nommen bat. ©en $lan ber Bearbeitung, 
über ben leiber baS Bormort nichts BäbereS 
bertauten läfet, bat jebodj $rof. Dr. ©. Elfter, 
ber Herausgeber bon Biebers ^lafftfer* 
Bibliothef, aufgefteUt, unb bie Seitung beS 
©angen unterfteht ihm. Bur Beit liegen 
brei Banbe (1, 8 unb 12) bor. Banb 1: 
©ebiebte, bon Brof. ^arl Hetuemann be* 
arbeitet, enthalt eine gebraugte ©oetbe* 
Biographie unb eine ©barafteriftif ©oetpeS 
als Sprifer. Bon Büttbeilungen bon SeS* 
arten, mie fie bie Weimarer BuSgabe giebt, 
mürbe abgefepen. ©em Banbe finb gtnei 
FaffimiteS unb StielerS ©oetbe * Bortrait 
in einer guten Babirung bort trauSfopf 
beigegeben. Banb 8, bon Dr. Biftor 
Sdjmeiger bearbeitet, enthalt „Berthe rS 
Seiben", „Briefe aus ber Scbmeig. 
©rfte Bbtbeilung", unb „©ie 2Babl= 
bermanbtf(haften; Bo. 12, bon Brof. 

Heinemann berauSgegeben, bringt ,,©id)= 
tung unb Sßabrbeit". ©ie ©inleitungen gu 
ben eingelttenSSerfen, mie audb bie in richtigem 
Biafee beigegebeneit Erläuterungen unb 
fritifebett unb litterarifeben Bumerfuitgen, 
geugeu bon boüer Beberrfcbung beS ein* 
fcblagigen BtaterialS unb fiebert burcbauS 
auf ber Höbe ber neueften miffenfdbaftlicben 
Senntnife. ©ie BuSftattung ift gebiegeu. 
©ie grau*grünen mit einfad^en, golö* 
umranbeten Sinienornamenteu gefdjmüdteit 
Eiubanbbecfen fiitb bon einfadb=bornebmer 
SSirfung; nur bie auf ber Borberfeite an* 
gebrachte BiaSfe barf nicht auf allgemeinen 
Beifall rechnen. —1—. 











290 


Xloxb unb Siib.- 


($c&icf)te tjott 05uftatj ^w(cy. 

©cftmargeuborfÄrltrt, Verlag Mt* 

”®F mit 2lbficf)t [teilte ©. ©cft. baS 
©ebicftt „jftetf" an bie ©pt^e femej SSucfteS. 
©in beffereS 3Hotto, eine treffenbere ©tollte- 
riftit [einer felb[t fonnte er mcftt ftnberr. 
2Bie er in ©tropfte 3 bie[e3 Siebes [agt: 
„©in grübleri[cfteS Sengen zum SebenSireft 
ftinab. ©in fludftnmfdjattet Zeigen ju 
unb £ab nnb ©tab!“ — fltcbt [einen 
Siebern eine [cftmennntftige ©ttmmimg, ftat 
als 9teif baS reicfte Sliitften[elb gejcftlagen 
unb in [eine ©onnentnelt ben Sob getragen. 
©elb[t im „Slugenblicf be§ ®UWfö #< trmfe er 
meinen nnb [ein Sieb „5ltt ben ©turnt 
fdjiiefet mit ber fraget 2ßo er [ein ber= 
jagenb Seben enblicft bette, mte er auS ber 


2 Ieng[te Sieben fid) in ftiUfte Kammern rette! 
Snr [eiten, mte in „SBalbfeier" unb in bent 
©pflnS „Siebe" [i'tftlt er [id) genefen, etlöft, 
[elig $ie Klange ber 2 JMancftoIte, ber 
SSeftmutft, ber Trauer übermiegen bei iftm 
unb taffen iftn 31 t feiner [eelifcften Befreiung, 
m feiner reinen SebenSfreube fomnten. 
Stern bie[er ernfte ©nrnbton [pmpatftijcft 
i[t betn [eien biefe ©ebicftte marm empfoßen. 
groben mie: $er grtebftof. 2 M. Simm 
bod) ftinmeg bie Sojen. Sn bie groben 
lobten. 3 n ber fyabrit. ©ommermorgen. 
5er ungeberbige ©nbatterne. Siebe. 814 
fragt beS SHeeeS Slnmen. ©cftön Söfelein 
üom ©runbe. Siabdjenlieb. ©in 3 tef)finb. 
Sud) ein £eilanb. ©ebet. Steiner tobten 
Scittter. Sbenbgebet — geigen, ba [3 ein edjter 
$id)tex 31 t uuS [pricftt. N. 


Uekrsieht der wichtigsten Zeitscliriften-Äufsätie 


von 


Ernst Weiland-Lüh eck. 


Abkürzungen : B. u. W,= Bühne und We». 5Ä 

Rundschau. — Gr. — Gesellschaft. - L L v^ A Be M Nation - N.u.&=Nord u. Süd.- 
- Kultur. - L. E. = Das htterarache Echo. - N. - Nahon^ " felmds( . lmu . _ z. = Zu- 

R. u. = Reclams Universum. - T. - Türmer^ ^ 


Antialkoholismus. Von A. Forel. Z. IX. 51. 
Achitektur-Ausstellung der Stadt Berlin 
1901, Die. Von A. ü. Meyer. N. 1901. 4h. 
Astrologie, Balcons und Shakespeares. 

Von A. Kniepf. W. Ru. V. 16. 

Bayreuth, 25 Jahre B. - 24 Stunden 
München. Von A. Seidl. G. 1J01. Sept. 
Bunsen, Die Familie. D. Ru. 1901. Sept. 
C’est la Russie. Von A. Hoffmann-Diederich. 

D. Re. 1901. Sept. 

China. Von Polytropos. G. 1901. Sept. 
Chirurgen, Die geschickte Hand des. \ on 

E. v. Bergmann. D. Re. 1901..Okt. 
Dante-UeberSetzungen. Von C. V. Susan. 

T F III 24. 

Darmstädter Spiele, Die. Von E. Büchner. 

G. 1901. Sept. _ . 7 1Y aq 

Deutsche Zukunft. Von F. Stein. Z. IX. 49. 
Deutschen Gesellschaften des achtzehnten 
Jahrhunderts, Die. \ on E. V olft. N. u. b. 

Englische Erinnerungen an den Karner 
und die Kaiserin Friedrich. Von R. 

Temple. D. Re. 1901. Sept. 

Ebräer als Mischvolk, Die. Von W. Born. 

Kr. 205. 

Fortschritte der Waffentechnik müssen 
die Kriege verschwinden lassen, -wie. 
Von J. von Bloch. D. Re. 190E ok ^\ 
Geheimnisvolle Todesfälle der Geschichte. 

Von Cabanes. D. Re. 190h Sept. 
Gottesbegriffes, -Zur Geschichte des. von 
H. Lindau. N. u. S. 1901 Nov 
Gottheit und Thier, Vor der Wahl 
zwischen. Von E. Below. Kr. 205. _ 
Gutzkows „Uriel Acosta“. Dramaturgische 
Beiträge I. Von L. Barnay. B. u. W. lü. 
24. 


Handelspolitik, Kommende. Von P. Delin. 

Harraden, Beatrice. Von C. von Tschudi. 

Hart, L Julius. „Neuer Gott“. Von M. 

Schwann. G. 1901. Sept. RH1 N 

Hebbel, Fr., als Gatte. Von R. Bohme. ' • 

Historische Litteratur. Von H. P. Helm- 
holt. L. E. III. 24. : 

In Schönheit leben (Darmstädter Er¬ 
innerungen). Von M. G. Coma . 

Intelligente Leibeszucht, von Th. Sichert. 

Internationale Association der A - ka ^ e 
mien zu Fans. Von H. Diels. v. 

Italien und^er Dreibund. D. Re. 1901. Sept. 
Takobiner der französischen Revolution, 
Ja Die Fouche. Von F. Funck-Brentano. D. 

Jessen, Kamerad. Von H. v. Beaulieu. D. Re- 

JetteUEugene. Von J. Elias. N.■ l^L* 48 - 
Kaiserin Friedrich. D. Ru. 1901. p-] u . ^ 
Kriminalistische Ketzereien. Von K. J 

Z. IX. 49. «... T? Igo- 

Kühne, Gustav, Neues von. ^on . 

lani. N. u. S. 1901. Nov. 

Licht und Kraft, Von L. Zehnder. D. 

1901. Okt. . v j. E. 

Litteratur, Das Kind m der. 

Poritzky. L. E. IIP 24- -cvinnerun- 

Loe, Generaloberst Freiherr, Erm ß 
gen aus meinem Berufsleben. 

Re. 1901 Okt. 













Sibti ograpljifdje ZTotijcn. 


29 { 


>rik, Zur modernen. Von St. Zwei?. Kr. 
205. 

Heterlinck. Von M. Jacobs. N. 1901. 48. 

].quel, Johannes von, Von P. Nathan. N. 
1901. 50. 

]ipoleon. Von R. Bartholomäus. Kr. 205. 

1 iturwissenschaft und Moral. Von K. 

Grottewitz. Z. IX. 49. 

I utürkisches Schriftthum. Von F. Schräder. 
L. E. III. 24. 

1 rwegische Bücher. Von M. Sommer. L. 
E. III. 23. 

C stfelders „Tagebuch eines Geistlichen“. 

Von D. Sprengel. W. Ru. V. 15. 

Ersifal, Zur Symbolik in Wagners. 

Von E. Lucka. W. Ru. V, 16. 

Essie und Prosa. Von K. Röttger. G. 1901. 

, Sept. 

E hl, Max. Von E. Zabel. Berliner Bühnen¬ 
künstler XIX. B. u. W. III. 24. 

EL. Auf dem Wege zum Pol. Von M 

v. Nadaillac. D. Re. 1901. Okt. 

F süssen und Frankreich im Jahre 1863. 

Von L. Aegidi. D. Re. 1901. Okt. 

3abe, Wilhelm, Von P. Gerber. G. 1901. 
Sept. 

• Von W. Paetow. D. Ru. 1901. Sept. 
AusW.R’s. Kanzlei. VonF. Poppenberg. 

-Von A. Warneke. L. E. III. 22. 

Sie- und Presefreiheit am Kap und in 
Irland und der Krieg-. Von K. Blind. 
N. u. S. 1901. Nov. 

3 nandialog-, Vom. Von A. Brunner. L 
E. III. 24. 


Schillers „Jungfrau von Orleans“. Von 

E. Isolaui. B. u. W. III. 24. 

Schlesien. Von K. W. Goldschmidt. L. E. 

III. 24:. 

Socialreform, Deutsche. Von L. Stein. Z. 
IX. 51. 

Sonnen, Neue. Von L. Brenner. D. Re. 
1901. Sept. 

Sommeropern. Von M. Martensteig. Z. IX. 
50. 

Stettenheim, Julius. Von A. Kohut. N. u. S. 
1901. Nov. 

Strafrichter. Die Aufg-abe der. Von R. 

von Hippel. D. Ru. 1901. Sept. 

Theater. Von den Berliner Theatern 1901. XV. 
B. u. W. III. 24. 

Die Pariser Theatersaison 1900/1901 II. Von 

F. Hofen. B. u. W. III. 24. 

Tonkunst, Alte und neue. Von K. Lam- 
precht. Z. IX. 52. 

Trust und Staat. Von einem Optimisten. 
N. u. S. 1901. Nov. 

Verdirbt die Schule den Stil? Von H. 

Schiller. D. Re. 1901. Okt. 

Voltaires Lustspiele. Von W. Bolin. N. 
1901. 52. 

Voss, Richard, Gruss an. Von L. Müllner. 
Z. IX. 49. 

Wechselfieber, lieber. Von C. Gerhardt. 
D. Re. 1901. Okt. 

Weltanschauung-en. Von E. Bertz. L. E. 
III. 23. 

Wilhelm Wundt. Von Th. Achelis. W. Ru. 
V. 17. 

Zola und Gorjki. Von M. Arpad. I. L. 
1901. 18/19. 


Eingegangene Bücher. Besprechung nach Auswahl der Redaction Vorbehalten. 


i)ine Majestäten und ihr Gefolge. Die 

Gebirgswelt der Erde in Bildern. Heft VIII. 
München, Vereinigte Kunstanstalten A.-G. 
A lefeldt, F., Camilla Feinberg. Erzählung. 
Berlin, A. Goldschmidt. 

^3 fremden Zungen. Halbmonatsschrift 
für die moderne Roman- und Novellenlitte- 
ratur des Auslands. Elfter Jahrgang 1901. 
Heft 17, 18. Stuttgart, Deutsche Verlags- 
Anstalt. 


3 th, Hermann, Konstantinopel. Mit 10c 
Abbildungen. (Berühmte Kunststätten Nr. 11. 
Leipzig, E. A. Seemann. 

Ifermann, Ludwig, Schiller. Mit 115 Ab¬ 
bildungen. Leipzig, E. A. Seemann & Ge¬ 
sellschaft für graphische Industrie, 
h z, Friedr., Blut der Nächte. Gediclite-Buch. 
München, Lyrik-Verlag. 

~R!. e Evangelien der gestorbenen Frauen. 
München, August Schupp. 

»K Leo ' Henrik Ibsen. Studien. Köln, 
( Albert Ahn. 5 

*’*» Eduard, Der blinde Eros. Roman. 
Dresden, Carl Reissner. 

* **» Deutsche Export-Revue. Eine 

Vierteljahrsschrift für den deutschen Export. 

Anstalt ‘ Stuttgart, Deutsche Verlags- 

X1 3 Die Wild- und Hauskatzen. Aus dem 
,ilnerleben (Meyers Volksbücher No. 1278.) 
-.eipzig, Bibliographisches Institut. 

Ue, Car 1 , Vagabunden. Neue Lieder und 

Äi hte ‘ Stuttgart, J. G. Cotta’sche Buch- 
landlung Nachf., G. m. b. II. 

^ er ^ a ^ er uu d die Söhne. Histori- 
mer Roman aus der Völkerwanderung 
vT?T 0ma T ne aus der Völkerwanderung. 
and VIII.) Leipzig, Breitkopf & Härtel. 


Die weite Welt. Vom Fels zum Meer. — 
Wochenausgabe. 21. Jahrgang. No. 1. 2. 
Bei lin, August Scherl, G. m. b. H. 

Ehlers, Wilhelm, Graf Hartenstein. Ein 
Schauspiel in 5 Aufzügen. Hamburg, 
Schröder & Jeve. 

Eschstruth, Nataly von, Sonnenfunken. 

_ Novellen und Erzählungen. Leipzig, Paul List. 
Friedlaender-Werther, E mma. , Aus Liebe. 
Humoresken und Novellen. Dresden, E. 
Piersons Verlag. 

Grimm, Richard, Frühling und Liebe. Eine 
Sammlung moderner Lyrik. Leipzig, R. 
Voigtiänders Verlag. 

Grunwald, M., Mittheilungen der Gesellschaft 
für jüdische Volkskunde unter Mitwirkung 
hervorragendor Gelehrter herausgegeben. 
Heft VIII. Hamburg, Selbstverlag der Ge¬ 
sellschaft. 

Gutheil, Arthur, Angelos Bild. Roman. 

Leipzig, Griibel & Sommerlatte. 
Handelsgesetzbuch. Textausgabe mit An¬ 
merkungen und Sachregister. Von einem 
praktischen Juristen. (Meyers Volksbücher 
No. 1273—1277.) Leipzig, Bibliographisches 
Institut. 

Hauff, Wilh., d. J., Das Reich der Freude. 
Eine moderne Geschichte. Illustiirt von 
Albert Stähle udd Hans Volkert. 2. Auflage. 
München, August Schupp. 

Hausser, Otto, Die niederländische Lyrik von 
1875—1900. Eine Studie und Uebersetzungen. 
Grossenhain, Baumert & Ronge. 

Hersch, Hermann, Die Anna-Lise. Schau¬ 
spiel in fünf Akten. (Meyers Volksbücher 
No. 1279.) Leipzig, Bibliographisches Institut. 
Höcker, Paul, Oskar, Weisse Seele. Roman. 
Leipzig, Paul List. 


VE 














292 


- Zlorb unö S üb. - 


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Hoop van Zegen.) Ein Seestück in 4 Akten. 
Einzige autorisirte Uebersetzung. Deutsch 
von Franziska de Graaf. Leipzig, Kommis¬ 
sionsverlag von K. F. Koehler. 

Jensen, Wilhelm, Die fränkische Leuchte. 
Roman. Dresden, Carl Reissner. 

Juraschek, Prof. Dr. Fr. v., Otto Hübners 
geographisch-statistische Tabellen aller 
Länder der Erde. Jubiläums-Ausgabe (50,) 
für das Jahr 1901. Mit einer graphischen 
Beilage: Die Volkszunahme im XLX. Jahr¬ 
hundert. Frankfurt a. M., Heinrich Keller. 

Kirschstein, Max, Merlin. Dramatisches Ge¬ 
dicht in zwei Aufzügen. Dresden, E. Piersons 
Verlas:. 

Klob, Carl Maria, Ernster Sang und Schellen¬ 
klang. Gedichte. Dresden, E. Piersons 
Verla 0- . 

Koehlich, Richard, Handbuch des gesammten 
Radfahrwesens. Mit Illustrationen. (Meyers 
Volksbücher No. 1271, 1272.) Leipzig, Biblio¬ 
graphisches Institut. 

Kohut,Dr. Adolf, „Allerlei neue Bismarckiana . 
Leipzig, B. Elischer Nachfolger. 

Krane, A. v., Sibylle. Roman. Köln, Albert Ahn. 

Leu-Steding, Günther, Bunte Theater-Biblio¬ 
thek. Mit Buchschmuck von Hermann 
Hirzel & Max Tilke. Heft 1—4. Berlin, 
Th. Mayhofer Nachf. 

Lublinski, S., Gescheitert. Ein Novellenbuch. 
Dresden, Carl Reissner. 

Maistre, Yavier de. Die junge Sibirierin. 
Erzählung. Aus dem Französischen von 
Ludovicus M. von Ahlen. (Meyers Volks¬ 
bücher No. 1288.) Bibliographiscnes Institut. 

Melschin, L., Im Reiche der Ausgestossenen. 
4us den Memoiren des sibirischen Sträflings 
L. Melschin. Mit dem Bildniss des Ver¬ 
fassers. Einzig berechtigte Uebersetzung 
von Heinrich Harff. Zweites Tausend. 
Dresden, Heinrich Minden. 

Meyke, Nina, Funken unter der Asche. Ro¬ 
man. Leipzig, Paul List. 

Müller, CUra, Sturmlieder vom Meer. Stutt¬ 
gart, J. H. W. Dietz Nachf. (G. m. b. H.) 

— Leonhard, Badische Landtagsgeschichte. 
Dritter Theil: 1825—1833. Berlin, Rosen¬ 
baum & Hart. , 

Mut atuli, Max Havelaar. Uebertragen aus dem 
Holländischen von Wilhelm Spohr. Zweite 
Auflage. Minden i. W., J. C. C. Bruns Verlag. 

Muret-Sanders Encykiopädisohes Wörter¬ 
buch der englischen und deutschen 
Sprache. Mit Angabe der Aussprache nach 
dem phonetischen System der Methode 
Toussaint-Langenscheidt. Grosse Ausgabe. 
Lfg. 24. Berlin. Langenscheidt’sche Verlags¬ 
buchhandlung. (Prof. G. Lungenscheidt.) 

Nebelong, Edith, Mieze Wichmann. Aus 
dem Leben einer jungen Dame unserer 
Zeit. Mit Porträt der Verfasserin. Einzig 
autorisirte Uebersetzung. Berlin, Axel 

Juncker. „ T . , ^ 

Otto, Ludwig Ernst, Rosa Violetta. Eine 
humoristisch-tragische Erzählung. Dresden, 
E. Piersons Verlag. 

Primer, Fred W., Die Grenze. Roman aus 
der amerikanischen Gesellschaft. Dresden, 
E. Piersons Verlag. 

Reimärdes, Edgar, Klingende Akkorde. Ge¬ 
dichte. Dresden, E. Piersons Verlag. _ 

Remer, Paul, Osterglocken. Ein Schauspiel. 
Berlin, Schuster & Loeffler. 


Rethwisch, Ernst, Heldra. Altnordische Er¬ 
zählung. Berlin. F. Schneider & Co. 

— Rurik oder die Gründung Russlands. Schau¬ 
spiel in 5 Akten. Berlin F. Schneider & Co. 

Ravel, Hugo Alphonse, Thanatos. Mystische 
Tragödie in drei Akten, einem Vor- und 
Nachspiel. Dresden. E. Piersons Verlag. 

Riemann. Robert, Björn der Wiking. Ein 
germanisches Kulturdrama in vier Akten 
Leipzig, Hermann Seemann Nachfolger. 

Riemasch, Otto. Die Episode. Schauspiel in 
vier Aufzügen. Leipzig, Hermann Seemann 
Nachf. 

Saenger, Carl, Das freie Wort. Frankfurter 
Halbmonatsschrift für Fortschritt auf allen 
Gebieten des geistigen Lebens. 1. Jahrgang. 
1901. Nr. 12. 13. Frankfurt a. M., Neuer 
Frankfurter Verlag G. m. b. H. 

Schafheitlin, Adolf, Lyrischer Erntegang 
Männlichen Geistern gewidmet. Berlin, S 
Rosenbaum. 

Schwarz, Dr. E., Dr. H. Schröder und du 
preussische Oberlehrerfrage: eine Ehrenschult 
Preussens. Schalke i. Westfalen, E. Kannen 


giesser. 

Somorjai, Arthur, Aus dem Märchen de; 

„Kater Hiddigeigei“. Mit Buchschmuck vor 
Enrico Castellaneta. Budapest, Sigmund 
Deutsch & Cie. 

Spielmann, C., Jotliam. Biblische Erzahluui 
(Buch der Richter 9). Halle, Hermanr 
Gesenius. 

Stein, PhiÜpp, Henrik Ibsen. Zur Bühnenge 
schichte seiner Dichtungen. Berlin, Otto Elsner 

Tabori, Robert, Das Leben in Fortsetzanger 
Roman. Aus dem Ungarischen von Ando 
von Spöner. (Meyers Volksbücher No. 1280 bi 
1282.) Leipzig, Bibliographisches Institut. 

Tanno, Wilhelm, Gedichte. Dresden, E 
Piersons Verlag. 

Telmann, Konrad und Hermione vor 
Preuschen, \ 011 „Ihm und „Ihi . Bilde 
aus dem Leben. Berlin, Carl Dunckers Veilai 

Thoie Henry, Die deutsche bildende Kuns 
Aus Hans Meyer, „Das Deutsche Volksthum, 
(Meyers Volksbücher No. 1283. 1284.) Leip 
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Aus dem Englischen von H. Löwe. (Meyer 
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graphisches Institut. ' 

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prügel und Gavotten. Wiesbaden. Rudo 

Bechtold & Co. . p . 

Versailles et les deux Tnanons. Kßieve 

et dessins par Marcel Lambert. Tex e pa 
Philippe Gille. A. Marne et Fils Editeu 
ä Tours. Leipzig, G. Hedeler, Kommission, 

Wengerhop, Philipp, Nach äusserem Schu 
Roman. Leipzig, Paul List. „ t , 

Westermanns illustrirte deutsche Monat 
hefte für das gesammte geistige Leoe 
der Gegenwart. 45. Jahrg. Heft 54 
Oktober 1901. Braunschweig, George Weste 


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Will-Miltenstein, Maria, Drama m 

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Wirth, Dr. Al or echt, Die Entwicklung, Kos 
lands. Berlin, Gose & Tetzlatt. 

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Kampf. Studien und Kritiken zur Literat 
der. Gegenwart. Oldenburg, Schulze 
Hof-Buchhandlung. 


Bebigirt unter DeranttDOrtliebfeit bes Herausgebers. 

Sdjlefffche Bucfjbrucferei, Kunjb «mb Derlags-Unjlalt v. 5. Scfiottlaenber, Breslau. 
Unberechtigter Ilachbrucf aus beut biefer geitfehrift unterlagt. Ueberfefcungsrecbt vot 




























Sch lesi scheV^rlags anstalt v. S.Sch ot fisencferi nBreslau:. 










































«gtmfd^n öem Coöe unb bem £e£xm. 

Phantaftifcfre (Ergählung. 

Dott 

JB. SUpudjtfn*). 

C’est un samedi 4 six heures 
du matin, qne je suis mort. 

T (@mUc 3oIa.) 


mar ad&t UEk 2t6e»bg, ate ber SIrjt fein Dt,r an mein £erj 
fegte, einen Meinen «Spiegel an meine Rippen Ejielt unb jtdj an 
meine grau menbenb, feierUd^ unb leife jagte: 
ift Me§ gu @nbe." 

3ln biefen Porten merfte id), ba& id) geftorben mar. 

©igentlid) mar icb fdjon riet früher geftorben. 
länger als taufenb ©tunben batte id) beroegmtgSloS bagelegen, otjne 
im ©taube gu fein, auch nur ein Söort gu fagen, aber ab unb 51 t atmete 
icb nod) auf. _ SBftljrenb meiner gangen ^ranf^eit fatrt es mir nor, als fei 
$ mit gabllofen betten an irgenb eine bumpfe, mich quälenbe 2 Banb ge? 
fdqmiebet. 'Mtnäblicb gab mic§ bie SBanb frei, bie Seiben mürben geringer, 
öie betten fdjraäcber unb neben auSeinanber. gm Saufe ber gmei testen 
Sage hielt midi nur ein fömale« $anb feft; je# mar cfudi biefeS geriffen, 
:ntb id) empfanb eine Seicbtigfeit, bie ich nie im Seben erprobt batte. 

Um mich herum begann eine unbefcbreibticbe $erroirrung. 9}?ein 
grobem 2lrbeit3gimmer, in meines man mich beim Anfänge ber ^ranfbeit 
gebradjt batte, füllte fid) mit Seuten, bie auf einmal gu flüftern, gu fpredjen, 
fU fcblucbgen begannen, $)ie alte 23efd)liej3erin gübifdma erhob fogar ein 
äammergefcbrei mit einer ibr fremben ©timme. gjteine grau rnarf fid) 
uit lautem Klagen auf meine 53ruft; fie batte fd)on mäbrenb meiner $ranf= 



*) bem 9bu)U[cben itöerfe&t timt Natalie tioit Söeffel. 


20 * 











29 ^ 


21 H. 2Jpurf>tin. 


Seit fo viel gemeint, baß id) micS munberte, rao fie nod) bie Sßränen Ser« 
naßm. Unter allem 2tnberen machte fid) bie greife, zitterige (Stimme 
meines ^ammerbienerS Samelt bemerfbar: üftodj in meiner tobßeit mar 
er mir ais Pfleger beigegeben morben nnb Satte nücß mein ganzes Seben 
nid)t neriaffen, jeßt mar er aber fo alt, baß er faft oßne ficß p befdßäftigen, 
baßintebte. Borgens reichte er mir ben Scßtafrod nnb bie Pantoffeln, 
ben ganzen übrigen Sag tränt er bann $8irtenfcßnap3 ,für feine (Sefunb; 
beit c nnb pnfte fid) mit ben anberert ®ienft6oten. SJiein Sob betrübte 
ißn nicßt fo, als er ißn erbitterte, babei nerließ iSnt berfelbe eine unge* 
raobnte Sßidjtigteit. 3<S Sorte, mie er 3emanbem befahl, meinen SBntber p 
Solen, einem Ruberen etmaS normarf nnb irgenb eine SInorbnnng traf. 

Steine Slugen raarcn gef (Stoffen, aber icS faS nnb Sorte 2Me§, maS 
um mi<S Ser norging. 

9)tein 23ruber trat ein, gefaßt nnb ßodjmütßig mie immer. ^Jceine 
gran tonnte ißn nicßt leiben, fie fiei tßm aber um ben §a(S, nnb ißr 
Sd)lucßpn nerboppette ficß. 

„(Senug, 3°®, ßöre auf, mit Spänen ift ja nicßt p Seifen," fagte 
mein trüber mit einem teibenfcßaft§tofen nnb gteidjfant eingeiernten Sorte, 
„fcßone Sid) für bie tober, glaube mir, bort ift ißrn moßter." 

9Jlit TOtße befreite er ftcß non ißrer Umarmung unb füßrte fie pnt 
Sopßa Sin. 

„@S müffen gteicß gemiffe Sinorbnungcn getroffen merben . . . Su 
roirft mir bocS geftatten, So®/ Sir beSitfticb p fein." 

„9lcß, 2Inbre, um (Sottet ^Bitten, beforge 2IiIeS . . . Sin üS bettn im 
Stanbe, moran eS and) fei, p benfen?" 

Sie fing mieber p meinen an, mein Sruber feßte fid) an ben Schreib* 
tifcf) nnb rief ben jungen, gemartbten Siener Semen heran. 

„Siefe 2Inpige mirft Su ber ,-ftomoje 2Bremja‘ fenben, bann mußt 
Su pm Sargmeifter fcßiden; man muß ißn aucS fragen, ob er nidjt einen 
guten Pfalmiften tennt?" 

„@m. Surißlamßt," antmortete fid) oerbeugenb Semen, „natß einem 
Sargmeifter brauet man nidjt p fd)iden; eS finb bereit nier, bie fid) feit 
ßente borgen in ber ©infaßrt aufSalten. SBir haben fie fcEjon gejagt, ge? 
jagt, fie gehen nid)t, unb es bieibt babei. Sefeßten Surtßtaucßt, fie herein? 
prüfen?" 

„dtein, id) merbe auf bie Sreppe gehen." 

9Mn Sruber taS bie non ißm nerfaßte Stnpige taut nor: 

„Sie fVürftin Soe Soriffomna Srubtf dgemSfi) tßeitt mit ^erjenStummer 
ba§ am 20. Februar 2ibenb§ um a<ßt Ußr nad) tanger unb fernerer tont? 
Seit erfolgte SIbteben ißre§ (Satten, be3 gitrften Simitri SIleyanbromitfcf) 
Srubtfcßemgfp mit. Sie Sobtengebete finben um pei Ußr Staißmittagf 
unb um neun ilßr 2lbenb3 ftatt." 

„3ft nocß etmag ßinppfügen, 3 0 ®?" 


\ 




295 


- § unfeinen öem CEobe unb bem Sieben. 

„9?ein, natürlich uidfjtä. 9citr warum f)aft ©u biefe^ fdjredtidje Mort 
,£er$en8fummer c getrieben? Je ne puis pas souffrir ce mot. Mettez: 
mit tiefem Schmerze." 

Allein Araber nerbefferte e3. 

„3$ triefe e§ nach ber Mowoje Mremja 1 . Genügt e§?" 

//8 a / tiatürtid) genügt e3. Mau fann e3 aber noch in ba§ Journal 
be St. ^ßeter3bourg‘ feiert taffen." 

' „©nt, ich werbe e§ bann noch auf franzöftfdj fdjretben." 

,,©a3 ift nidjt nöttjig, mau wirb e3 fdjon bort überfein." 

Wein SBruber entfernte fid). Weine grau näherte fid) mir, ließ fic§ 
auf beu an meinem 33ette ftefjenben ©effet nieber unb betrachtete mich 
lange mit einem flehenben, fragenben Slide. gn biefern finmmen Stide 
taS idj fefjr met mehr Siebe unb ©djmerz atö im ©d)lud)zen unb Klagen. 
Sie baeöte an unfer gemeinfameS Seben, in bem e3 nidjt wenig Auf; 
regungen unb ©türme gegeben hatte. gebt gab fie fid) an Altem bie ©d)idb 
unb überlegte, wie fie wobt bamalä hätte hanbeln müffen. ©ie war fo 
in ©ebanfen nerfunfen, baß fie meinen trüber nicht bemerfte, ber mit 
bem ©argmeifter gurüdgefehvt war unb feit einigen Minuten neben ifjr 
ftanb, ohne ihre Anbacht ftören zu wollen. Seim Anbtide be<3 ©argmeifter^ 
fchrie fie wtlb auf unb nertor bie Sefinnung. Man trug fie in ba3 Schlafzimmer. 

//©eien ©ie ruhig, ©urcßtaucht," fagte ber ©argmeifter, inbem er 
mir ebenfo ungenirt, wie einft ber ©djneiber, ba§ Mag nahm, „wir haben 
3IIte§ rorräthig: bie ©atgbecfe unb bie hohen Seudjter. 3n einer ©tunbe 
mirb man ihn in ben ©aat bringen fönneu. Megen be§ ©arge3 madjen 
Sie fich feine ©ebanfetu ein fo beguetner ©arg wirb e§ fein, baß man 
fich fogar tebenb würbe hitteintegen fönneu/' 

$>a§ Arbeitszimmer füttte fidj non Steuern. ©ie ©ounernante braute 
bie Sinber. 

Sonja warf fich über midj unb fdjtuchzte wie ihre Mutter, aber ber 
fteine ^olja ftemmte ließ, wollte bttreßauä nicht §u mir herantreten unb 
tjentte nor Angft. Aaftaßja, bie Siebling^jungfer meiner grau, bie im 
rorigen 3aßre ben Wiener geheiratet unb fid) in ber testen Sßeriobe ihrer 
©<f)tt>angerfd)aft befanb, feßteppte fid) heran, ©ie befreujigte fid) weitläufig, 
nerfnehte in einem fort fid) auf bie &nie niebergutaffen, ber Saud) 
tjinberte fie aber baran, unb fie fd^tud^gte taut auf. 

„«göre mal, Safija," fagte ©einen teife zu i()r „bilde ©idj nicht, fonft 
giebt e3 nod) ein Ungtücf. ©eh’ lieber nach $aufe, ©u helft ja ©ein ©e; 
oet gefprochen, ba§ genügt/' 

, fattte ich benn nidjt für ihn beten?" antwortete Sfaftafcja in 

teidit^ fingenbem ©one unb abfidjtlidj taut, bamit Atle fie hörten. „©3 war 
ja fein Menfd), fonberu ein ©ngel be3 §errn. 9tocß heute oor feinem 
-^obe hat er meiner gebacht unb befohlen, baß ©opf)ie gramomna mid) 
tttdjt im Stich taffen fotte." 




29<5 


21. 22. 2Ipud}ttn. 


Üftaftaßja fpracß bie SSaßrßeit; eS mar folgenberntaßen gefd)'ef)en. $>ie 
gan^e vergangene -Dtacßt ßatte meine grau an meinem bette meinenb gm 
gebraut. gum ©cßluffe erfdjöpfte eS mid). grüß am borgen, um ihren 
©ebanfen eine anbere 9M)tung gu geben, ßauptfäcßtid) aber, um gu rer* 
fud^en, ob ich nod) beutlicß fprecßen fönne, [teilte td) bie erfte befte grage, 
bie mir in ben ©inn fam: ob --ftaftaßja niebergefommen [ei? Steine 
grau freute ficß furchtbar, baß id) im (Staube mar, etmaS gu fagen, unb 
fragte, ob man nicht nadj ber bekannten Hebamme ©opßie grangonma 
fdjiden fode? gd) antmortete: „ga, fcßide nad) ißr." ^anacß fdjeine ich 
tßatfäcßlicß nidjts meßr gejagt gu haben, unb -ftaftaßja bilbete fid) nato ein, 
mein fester ©ebanfe hätte ihr gegolten. 

£)ie befcßtießerin gübifcßna [teilte enblich ihr gammergefdfrei ein unb 
begann auf meinem ©cßreibtifcße etmaS gu betradjten. ©ameli ftürgte mit 
Erbitterung gu ißr hin. 

,/Jeein, ©ie, braSforoja gübifcßna, müffen feßon ben fürftlicfjen ©ifd) 
in büße taffen," fagte er im geregten gtüftertone, „baS ift fein blaß] 
für ©ie." 

„2lber maS ift gßnen benu, ©ameti ^etromitfeh?" gifeßte bie beleibigte 
gübifdßna. „geh ßabe nicht bie 2lbfid)t gu ftehten." 

„2BaS ©ie ba gu thun beabficßtigen, rneiß id) nid^t, aber fo fange 
bie ©ieget nicht aufgelegt finb, roerbe ich -ftiemanben an ben £ifdj t;eran= 
laffen. Md)t umfonft ßabe ich bem fetigen gürften viergig gaßre gebient." 

„2öaS merfen ©ie mir gßre viergig gaßre an ben $opf? gd) felbft 
lebe länger als viergig gaßre in biefem $aufe, unb jeßt ft eilt eS ficß ßerauS, 
baß idj nicht mal für bie fürfilidße ©eele beten barf . . ." 

„beten bürfen ©ie, aber ben Sifcß rüßren ©ie mir nidßt an." 

3tu§ Eßrfardht vor mir befeßimpften [ich biefe Seute flüfternb, ich 
ßörte jeboeß beutlid) jebeS ihrer äBorte. ®ie§ munberte mich unenblicß. 

„gft eS mogtidß), baß id) fd&eintobt bin?" badßte id) mit (Sntfeßen. 
bor gmei gaßren ßatte ich irgenb eine frangöfifeße Sonette gelefen, in meldjer 
bie ©inbrüde eines lebenbig begrabenen ausführlich gefeßitbert waren, 
gdß verfudfte biefe ©rgäßlung in meiner (Srinueruug mieber ßer§ufteUen, 
fonnte jebod) gerabe auf bie «gauptfadje nicht fornmen, b. ß. maS er 
eigentlich getßan, um aus bem ©rabe gu fomnten. 

gm ©ßgimmer begaun bie Söaubußr gu fcßlagen; ich gäßlte bis elf. 
SBaffütfa, bie im «gaufe als ftxufmäbcßeu biente, lief mit ber diacßricht 
ßerein, ber ©eifttieße fei ba, unb im ©aale märe 2lüeS bereit. 50tan brachte 
eine große, mit SBaffer gefüllte b>afd)fcßüffet, id) mürbe entfteibet, unb man 
begann mieß mit einem naffen ©d)mamme gu reiben, beffen berüßrung idß 
jebod) nießt füßlte; eS fd)ien mir, man müfeße irgenb eine frembe bruft, 
irgenb metd)e frentben güße. 

„bun, eS fd)eint bodß fein ©d)eintob gu fein," überlegte id), mäßrenb 
man mir reine Söäfcße angog, „aber maS ift eS bann?" 




§jtr>tfd]en bem CEoöe unb bcm £cben. 


297 




3 )er Slr§t tjat gefetzt: ,,©g ift Sittel ©nbe," man meint um mich, 

man mirb mid) gleich in ben (Sarg legen, unb in jtoei Sagen merbe ich 
begraben merben. Sec mir fo uiele gahre gehörenbe Körper ift jefct ntcf)t 
ntebr ber nteinige, id) bin nn^rceifelfjaft geftorben, unb babei fahre id) 
fort 31 t fehlen, §u hören unb §u »erflehen. Vielleicht bauert im Gehirn bag 
fiebert länger, aber bag ©el)irn ift bod) and) ein Körper, tiefer Körper 
mar rate eine äMjnung, in ber kl) lange gelebt unb bie ju »erlaffen id) 
midi entfdjloffen fiabe. ©ämmtlidie genfter unb Spüren ftehen roeit auf, 
fämmtliehe ©adjen finb bmcwggetragen, ade Semoljner finb fort, nur ber 
Hausherr ift am ©ingange ftehen geblieben unb mirft einen Slbfdjiebgbtitf 
auf bie gimmerreihe, in ber früher fieben mar, bie aber jetd burd) it) re 
fieere auffällt. 

«gier jum erften SMe blifete in ber mi^h utngebenben ginfternib ein 
Keiner, fchmacher £id)tftraf)t auf — l;alb ©efül)l, §aI 6 ©rinnermtg. ©g 
tarn mir »or, als ob ber guftanb, [ n fc> e m ich mich befanb, mir fchon be= 
fannt fei, ba§ iäj benfelben fchon einft, aber fd)on »or langer, fehr langer 
Seit erlebt hätte. 

II. 

©ie dtadjt brach an. geh tag im großen ©aale anf einem mit 
Wwarjem Sudje auggefd)tagenen Sifche. Sie Stöbet §atte man hinang¬ 
getragen, bie Vorhänge her untergelaffen, bie Silber mit fdjmar§er ©eibe 
»erhängt, ©ine Sede non ©olbbrofat tag auf meinen güben, in ben 
hohen filbernen Seud)tern brannten 2 öachgfid)ter. ^echtg non mir, an bie 
SBanb gelehnt, ftanb unbemeglid) ©araeli. TOt ben gelben, fdjarf heroor= 
tretenben Sadenfnodjen, bem fahlen ©djäbet, bem gahntofeu Vlunbe unb 
ben Stapeln um bie fmtbgefchloffenen Stugen erinnerte er mehr atg id) an 
bag ©feiet eineg lobten. Sinfg non mir ftanb »or einem Sefeputte ein 
großer, blaffer 9ttann in langfcböbigem dtode unb tag mit einer eintönigen, 
im leeren ©aale bumpf tönenben ©timme bie »orgefdjriebenen ©ebete. 

©crabe »or groei Monaten h^e in biefem ©aale ddufif ertönt, 
luftige $ßaare h a tt en ftd) int Sange gebreht, unb »erfd)iebene junge unb 
alte fieute fid) halb freubig begrübt, halb über einanber geläftert. geh 
habe nientalg Säde leiben fönnen, fühlte mich auberbem fchon feit ÜDMe 
dtooember rcdjt etenb unb hatte beghatb mit aden mir git ©eboie ftehenben 
Kräften gegen biefeg geft ©infpritd) erhoben, aber meine grau modte eg 
burdjaug geben, meit fie bie begrünbete «Hoffnung hegte, bab ung fehr hoch* 
fteljenbe ^perfönlidjfeiten babei beehren mürben. 2 Bir »erganften ung faft 
begmegen, aber fie feiste ihren SBiden burd). Ser Sad »erlief gtängenb, für 
midh aderbingg unangftehtich. Sin biefem Slbenbe fühlte id) mich pru erften 
SJtale lebengmübe unb erfannte beutlid), bab mir nur nod) menige Sage 
befdjieben feien. ^DZein gangeg Seben mar nnr eine S^eihe »on Süden ge- 
mefen, unb barin beftanb bie Sragif meineg Safeing. geh liebte bag Sanb, 




298 


21. ZT. Zlpudftin. 


bie Seftüre, bie gagb, liebte ein ftide§ gamiüenfeben unb ßabe boc^ mei 
gange Seben^geit in ber großen SBelt gubringen müffen, guerft meinen Ettei 
bann meiner grau gu Siebe, gef) habe immer angenommen, baß t 
•Jdenfcß mit febjr au^gefproeßener ©efdßmacf»ricßtung nnb mit aßen $eiut 
feinet zukünftigen Eßarafterg geboren mirb. ©eine Hufgabe befielt gera 
barin, biefen Eßaraiter gn oerwirdidjen; ade£ Uebte entfteßt baburd), bi 
bie Umftänbe einer berartigen $erwirdicßung guweiten «ßinberniffe entgege 
ftefXen. Unb id) begann mir affe meine fdjfecßten Jpanbfungen in’s» (5 
bäcßtniß gurüefgurufen, ade «öanbluugen, bie mein ©enriffen einft beunrußii 
batten. E§ [teilte fieß betaut, baß fie fämmtlicß au§ ber Hicßtüberei 
ftimmung meines EßarafterS mit bem non mir geführten Seben entftanb 
waren. 

SJteine Erinnerungen mürben non einem leisten, non re$t3 fomme 
ben ©eräufeße unterbrochen, ©aweti, ber fdjon längft gu feßfummern f 
gönnen, manfte pfößlicß unb märe faft gur Erbe gefallen. Er befreugic 
ficb, ging in baS SBorgimmer, braute fid) einen ©tußl, auf bem er nu 
mehr in einer entfernten Ed'e be£ ©aafeS gang aufrießüg einfdjfief. S 
gßfafmift ta§ immer feßläfriger unb feifer, bann nerftummte er gänglicß u 
folgte bem 23eifpiefe ©aweliS. ES trat Sobtenftide ein. 

gnmitten biefer ©tide breitete fieß ad mein Seben wie ein uno( 
meibficßeS, in feiner ftrengen Sogif furdßtbareS ©ange nor mir aus. J 
faß nun feine abgeriffene Sßatfacßen meßr, fonbern eine gerabe Sin 
bie am Sage meiner ©eburt ißren Hnfang naßm unb mit bem ßeuttg 
Hbenbe enbete. HBeiter fonnte fie nießt geßen, baS mar mir fo dar n 
ber Sag. UebrigenS ßabe icß feßon. gejagt, baß idß bie Häße beS Sob 
uor gwei Monaten erfannt ßatte. 

Hb er ade üDtafcßen muffen es unbebingt empfinben. SieS dSorgefr 
ift eine twn jenen geßeimnißooden Erlernungen, bie bem -Jdenfcßen g 
gänglid) finb unb oon benen er feinen Hußen gu gießen nerfteßt. E 
großer Sicßter ßat biefe Erfcßeinung munberbar treffeub gefemtgeießw 
inbem er fagte, baß „fommenbe Ereigniffe ißren ©cßatten twrauSraerfen 
dßenn bie Sdenfdjen gumeifen ffagen, ißr $orgefüßl ßätte fie getäufeßt, 
fommt es baßer, baß fie es ni(ßt oerfteßen, ißre Empfiubungeu gu gergfiebet 
©ie wünfeßen ober befitrdjten ftetS etwas befonberS eifrig, unb ißre Hn< 
ober ißre «Hoffnung ßaften fie für ein SBorgefüßl. 

gcß fonnte natürli(ß nießt beftimmt ben Sag unb bie ©tunbe mein 
Sobe§ begeießnen, aber icß mußte fie bodß annäßernb. $tein ganges Seb 
ßatte id) mieß einer feßr guten ©efunbßeit erfreut, unb pfößtieß, feit Hnfa 
Hooember, begann id) oßne jeben ©runb gu fränfeln. gcß ßatte noeß fei 
ßrattfßeit, aber id) füßfte eben fo beutlicß, baß id; midj „gum Sobe neigte 
wie id) es fonft empfanb, baß icß es gum ©eßtafe tßat. ©emößnlicß mad 
id) mit meiner grau feßon gu Hnfang beS -JöinterS unfere $fäne für b 
fommenben ©ontmer. Siefen •Jdal fonnte idß mir nidjtS auSbenfen, i 


i 





® luifdjcn i)em £oi>e unt> bem geben. 


299 


SMbcr für ben Sommer ließen fiß nißt pfammenftellen, eg ,'einen als 
ob el «behaupt fernen Sommer geben mürbe. ®ie ßranfßeit fatu aber 
injnnfßen nißt; fie braußte, rote ein Staatebefuß, einen SSorroanb Unb 
ba begannen non allen Seiten bie »orroänbe ßeranpfßleißen. @nbe 
Sejember follte tß auf bie Särenjagb faßten. ©ag fetter mar gerabe 
lebr falt, unb meine grau, bie oßne jeben ©runb anfing fiel; um meine 
©efunbßeit p ängftigen (roaßrfßeinliß fußte fie attß ein ÜBorgefüßt beim) 
fleßte miß an, p £aufe p bleiben, 3ß roar ein leibenfßafffißer Säger 
mtb entfßloß muß beSßalb, bennoß p faßten, erßielt aber faft im Singen* 
bhefe ber Greife eine SDepefße, baß bie fßären oerfßrounben roären unb 
bte-Sagb »erfßoben fei. ©iefeg fötal betrat ber Staatebefuß nießt mein 
® a f- ® me aBo( 5 e barau f neranftaltete eine ©ante, 'ber icß etrong ben 
«£«** e ™en pic-mc monstre mit ©ro'ifag, Sigennern unb 55 erg= 
ruticßen. ®te ©rfaltung märe babei unoermeibtieß geroefen aber meine 
grau erfranfte ßeftig unb überrebete miß, ben Slbenb p §aufe p „er* 
bringen, bielletßt ßatte fie faß nur etroag uerftellt, benn am anbereit ©age 
toar fie fßon.im ©ßeater. 2Bie bem aneß geroefen fein mag, ber Staate* 
be|ucß ging roteber oorüber. 3roei ©age banaeß ftarb mein Dnfel 2Baffili 
^roanorottfdß. @r roar ber ättefte non ben gürften ©ru6tfßerogft); mein 
Sruber, ber feßr ftotj auf feine äbftammung ift, fagte proeilen oon ißm: 

Ibgefeßen banon, ßatte icß ben Dnfel feßr lieb; eg roar unbeufbar, 
ent %raßntffe fern p bleiben, giß folgte bem Sarge p guß, eg roar 
rat furßtbareg Sßneegeftöber, icß fcßüttelte miß oor ßälte. ©er Staate* 
befliß jogerte nun nießt länger unb freute fiß berart über ben fßorroanb 
bag er benfelbeu Slbenb bei mir einbrang. 3lm britten ©age fonftatirten 
ote tterjte bei mir eine Sungenentsünbung mit allen tttöglißen Serroicfe* 
langen unb erflärten, iß mürbe feine jroei ©age meßr leben. Slber eg 
mv noß roett btg pm groanjigfien gebntar, unb früßer fonnte iß uißt 

r t x 'cm- a 6eönnn nun j ener ermübenbe ©obegfantpf, ber fo viele ge* 
leinte Banner irre füßrte. ÜSalb erßolte iß miß, halb erfranfte iß mit 

IIf U r e ! ®J Wd !' 6alb quäIte miä) ' bann ^ rte ^ »oUftänbig p leiben 
«iß bt» iß enbliß ßeute, naß allen ©efeßen ber fffiiffenfßaft, am felben 

pr felben Stunbe, bie feit meiner ©eburt für meinen ©ob beftimmt 
geroefen roaren, ftarb. 2ßie ein geroiffenßafter Sßaufpieler füßrte iß meine 

cm f }U ® nbe burc ^' ot>ne bem ,nir Dom Slerfaffer fßorgefßriebenen 
5 u 3 e ' e W ober etroag baoon geftrißen jit ßabeit. 

. ^ le / er r me ^ r at§ at) Sebraußte ISergteiß beg «ebeng mit ber Stolle 

Q?r fpie er§ er ^ ieIt für einetl tie f en @i««- ®enn roenn iß 
nabrfrfi^rj ro ‘ e 9 e, oiffenßafter Sßanfpieter burßgefüßrt, fo ßabe iß 

lefpieft " ^ anbere KolIen inne 8e ^ a6t ' ^ abe in anberen ©tüßen mit* 
®enn roenn iß naß meinem fißtbaren ©obe nißt geftorben bin, fo bin iß 




300 


21. ZT. 2lpud]ttn. 


maferfdjeintidj nie geftorben unb feabe fo lange gelebt, mie bie 9Belt befiel 
2$aS mir geftern mie eine unb entliehe ©mpfinbung oorgefcfemebt, oermanbt 
fiel) jetjt in Sicherheit. Slber metd)e Dioden, meldje ©tüde finb es geraefer 

3 $ begann nadj ber. ßöfung biefeS BätbfelS in meinem vergangen 
Seben gu fuefeen. 3$ begann bie feiner Seit mir auf gefallenen, non u 
befannten ©egenben unb ^erfönlic^ieiten Ijanbelnben träume mir §urü 
gurufen, id) badjte an oerfefeiebene Begegnungen, bie mir einen unbegre 
lidjen, faft mijftifdjen ©inbrud fjinterlaffen batten, Unb ptöfelidj erinnei 
id) mid) an baS ©cblofe Darocfee^obene. 

III. 

©g mar bieS eine ber intereffanteften unb rätfefetfeafteften Begebe 
beiten meines DebenS gemefeu. Bor einigen Qabren batten mir meg 
ber ©efunbfeeit meiner grau faft ein fealbeS %ai)x in ©üb franf reich \ 
gebracht. ©a malten mir unter Slnberem auch bie Befanntfdjaft ber fe 
fpmpatbifcben gamilie beS ©rafen Sarocbe^obene, ber uns eines ©ac 
auf fein ©efetofe einlub. 

3cb meife nodj, bafe meine grau unb id) befonberS oergnügt mar 
2Bir fuhren im offenen Söagen; es mar einer oon jenen mannen Df tob; 
tagen, bie gerabe in jener ©egenb einen eigenen Qauhtx befifeen. 3 
oerobeten gelber, bie oermüfteten Sßetnberge, bie bunten Blätter ber Bäu 
— baS MeS nahm unter ben liebfofenben ©trabten ber nod) beiden ©ot 
ein gemiffeS feftlidjeS 2tuSfefeen an. 5Die frifd)e, feergfeafte Duft raedte i 
mittfürtiefe gröbtid)feit, unb mäbrenb ber gangen gafert ptauberten i 
unaufbörlicb. 2IIS mir aber baS ©ebtet beS ©rafen BXobene erreicht 
oertiefe mich meine £eiterfeit augenbtidlid). BM) ergriff plöfelid) bie G 
pfinbung, als fei mir biefe ©egenb fel)r nahe befannt, als feätte id) ei 
hier gelebt. ©iefeS feltfame, unangenehme, bie ©eele bebrüdenbe ©ef 
mud)S mit jeber Biimtte. 2flS mir enblicf) in bie breite, gunt ©d)h. 
füferenbe -doenue einbogen, tfeeilte ich eS meiner grau mit. 

„Felder Unfinn!" rief fie aus. „Dlocfe geftern fagteft ©u mir, l 
fogar in ©einer ^inbfeeit, als ©u mit ©einer feligen SJtutter in 
lebteft, 3br niemals bekommen fetb." 

3d) erroiberte nid)tS, mir mar niefet barnaefe. Bteine fpbanta 
einem ooreitenben Boten gteid), metbete mir 2ldeS, maS mir gu fe 
beoorftanb. guerft ben breiten, mit rotbern ©anbe beftreuten fiof, bi 
bie mit bent ‘dßappen ber ©rafen Darod^-Diobene gefrönte ©infafert, eub 
ben burd) gmei ©todmerfe gefeenben ©aal unb ben grofeen ©alon mit 
gamitienbitbern. ©ogar ber befonbere ©erud) biefeS ©alonS — ein 
3ftof<$uS, ©d)immel unb Bofenfeotg gufammengefefeter ©uft — fiel mir 
etmaS gu BefannteS auf. 

gd) oerfiel in ein tiefes Badjbeitfen, baS fid) nod) oerftärfte, als ' 
ber ©raf Darodie^obene anbot, einen ©ang bareb ben Sßarf 3 U 1111 





§mtfdjcn bem dobe unb bcm £ebett. 


50 \ 

neunten. <£)ier jtürmten non allen Seiten fo lebhafte, iDßitit auch oermorrene 
Erinnerungen auf midfj ein, baß id) es faurn oermochte, auf beu £au3berrn 
§u hören, ber feinen ganzen Vorrat!) au £ieben3roürbigfeit oerfdhroenbete 
um mich gum Sieben ju bringen. 2lfö id) enblidj auf 'eine feiner gragen 
6tnc gar §u neifcl)rte Slntmort gab, fab) er mich non ber ©cito mit bem 
2lu§brud oerraunberten 3Jiitleibe3 au. 

„Staunen Sie nid;t über meine gerftreutbeit, ßerr ©raf," fagte id), 
feinen Slid ert)afd)enb, „id; erlebe eben eine gar feltfame ßmpftnöung. gdj 
bin unzweifelhaft jum erfteu 3M in 3hrem Sd)loß, unb babei fommt e§ 
mir oor, al3 hätte id) jahrelang hier geroeilt." 

„Satin ift nichts Söunberbareä: ade nufere alten Schlöffet feben fid) 
unteretnanber ähnlich." 

„3a, aber ich habe gerabe in biefem hier gelebt . . . ©tauben Sie 
an bie Seelenmanberuag?" 

„ s 2£ie fall id) ghnen barauf antworten . . . SJieine grau glaubt baran 
i$ aber uid^t Befonberg . . . UebrigenS ift ja 2Me8 möglich." 

„diun jagen feie fetbft, e§ fei möglich, unb ich überzeuge mich jeben 
Slugenblid mehr unb mehr baoon." 

Ser ©raf ermiberte barauf mit einer fiebensSmürbig fcfjerjhaften 
Lebensart, inbent er bem Sebauern 2lu»brud gab, nicht fchon nor hnnbert 
|3afjreu hier gemahnt §n haben, meil er mich and) bamab§ mit bemfelben 
Vergnügen mie jeßt in bem Sdhloffe empfangen haben mürbe. 

_ „Sie merben oietteid)t gu tadhen aufhören," fagte id), inbem id) mein 
©ebädjtniß unauäfpredjlidj anftrengte, „menn id) ghnen fage, baß mir jept 
gleich eine breite ^aftanienaüee betreten merben." 

„Sie haben ganj Stedjt; fie ift hier linfö." 

„Seim Serlaffen biefer SlCCee merben mir einen See erbtiden." 

ift §n tieben^mürbig aon 3hnen, biefe 9Bafferfläd)e See §u 
nennen. 2öir merben einfach einem Seiche gegenüberfteben." 

„3a biefem gaüe müffen Sie auch mir erlauben, nachgiebig §u fein. 
@3 rairb ein fleiner See fein." 

3$ ging ni(ht, ich lief bie ßaftanienallee hinunter. 21m ©nbe ber= 
lernen erblidte id) mit allen ©injetl)eiten jene§ Silb, ba3 fchon feit einigen 
Minuten meinem geiftigen Singe aorfdhmebte. Sd)öue, m unb erlief) geformte 
Blumen umrahmten einen breiten Seich, ein Soot mar an eine gäfjre 
gebunben, am gegenüber liegenben Ufer ftanben ©ruppen Srauermeiben . . . 
iucetn ©ottl Natürlich hatte idh einft hier gelebt, in einem ähnlichen Soot 
gerubert, unter feinen Srauermeiben gefeffen, biefe rothen Slumen gepflüclt 
• * ^djmeigenb gingen mir am Ufer entlang. 

„Stber geftatten Sie," fagte ich unentfdjloffen nach red)t3 blidenb, 
ü)ter muß bod) noch ein ^meiter, bann ein britter Seid) fein." 

^ein, theurer gürft, ©ebädhtniß ober 3hre ©inbitbungSfraft 
milcht Sie in biefem galle. ©inen anbereu Seid) giebt e£ l)i er nid)t." 




302 


2 t. tl. 2t p liefet in. 


,,316er es ^at beftimmt einen gegeben, Sehen Sie fic§ btefe rottjen 
Limiten anl Sie umfäumen biefe SBiefe gerabe mie jetten Seid). ®et 
gmeite Seid) mar tjier, er ift gugef^üttet morben, es ift augenfdjeinlid)." 

„Srojg meinet SBmtfdjeS, Qtmen beigupflid)ten, teurer giirft, oermag 
idj bod) nicht, es gu tfjun. 8$ werbe batb fünfzig 8af)re alt fein, idj bin 
in biefem Sdjloffe geboren, nnb idj gebe Sonett bie Nerfidjerung, es hätl 
hier niemals einen groeiten Seid) gegeben." 

„Nber oielietd)t lebt irgenb ein alter ©inmohner beS DrteS bei ^bjnen?" 
„Niein Vermalter Qofept) ift oiel älter als icf) . . . mir mollen il)tt 
bei nnfrer Nüdkehr in’S Sd)lof 3 fragen." 

gn ben SBorten beS ©rafen Niobene blidte bnrd) ihre gange auS: 
erlefette Höflidjkeit beutlid) bie Nefürdüung Ijeroor, bafe er es mit einen 
Nifionären, bent man nicht raiberfpredjen bürfe, gu tl)nn hätte. 

3llS mir oor Sifd) in fein 2lnfleibejinxmer gingen, um für bie SafelSoilettc 
gu machen, erinnerte ich ihn cm gofeplj. Ser ©raf tiefe ihn gleich rufen, 
©in rüftiger, fiebgigjäljriger ©reis trat ein nnb ermiberte auf alle meint 
•Nachfragen auf» Neftimmtefie, es hätte niemals im ^art einen gmeitei 1 
Seid) gegeben. ' 

„UebrigenS finb fämmtlidje alte $läne bei mir aufbemal)rt, nnb mettn 
ber Herr ©raf biefetben gu bringen geftattet . . ." 

„D ja, bringen Sie biefetben, nnb gmar möglichft fdineCt. Sie grage 
mufe jefct entfliehen merben, fonft mirb unfer theurer ©aft feinen Riffen 
anrühren." 

goiepl) brad)te bie fptäne, ber ©raf begann fie träge gu burd)fuchen 
nnb fd)rie oor Nermunberung auf. Stuf einem alten glatte aus einem 
unbekannten Qabre rcaren beutlidj brei Seid)e begeidjnet, unb fogar biefer 
gange Shell beS ^ßarkeS trug ben Namen: les etangs. ,;v > 

,,Je baisse le pavillon devant le vainqueur,“ fprad) ber ©raf ntii 
angenommener Heiterkeit, inbem er babei leidet erblafgte. 

Qd) fab) aber gar nicht mie ein Sieger ans. Qd) mar burch biefe 
©ntbedung mie vernichtet — es mar mir, als ob ein tängft gefürchtetes 
Unglück eingetroffen fei. 

NtS mir pm ©fegimmer htantergingen, bat mid) ber ©raf Ntobene 
feiner grau gegenüber nichts baoon gu ermähnen, ba fie eine neroöfe, gum 
NipfüciSmuS neigenbe Natur heftige. 

|jum ©ffen oerfammelten fick) viele ©äfte, aber ber Hausherr unb id 
maren bei bent Nial)le 33eibe fo fd)meigfant, bafe mir non nuferen ©h ej 
hälften einen ^oltektivvermeis für nufere UntiebenSmürbigkeit erhielten. 

Nad) biefem Norfall hat meine grau nod) oft im Schlöffe Sarodj^ 
Ntobene als ©aft gemeitt, ich bagegen habe mich nie entfddiefeen können, eS 
gu betreten. Sftit bem ©rafen befreunbete ich rotdj innig, er befud)te midj 
oft, beftanb aber nicht auf feinen ©intabungen, ba er Nerftänbnife für meine 
©efühle hatte. 




o) um f cfy e tt bem ilobe unb bcm Sieben. 


305 


®te Seit ueruüjcljfe aUmäfjKcI) ben burd, biefe feftfamfte SeqeBenBeit 
meine» ßebenS gemalten ©mbrucf, id; gab mir fogar 2 M;e, baran rote an 
jtmaä ©tlnuereä ntcfjt äu.benfen. Seist in meinem ©arge tiegenb, ner* 
lucbte tcf) btefen Vorfall mit alten ©injefbeiten in mein ©ebäditnif; mrücf* 
inru en um beufetben [eibenju beurteilen. ®a id; je|t beftimmi 
DU);te, baß tcjj et;e tdj prfl SCrubtfdjeroSft) geroefen, fdjon auf ber Seit 
gelebt, io zweifelte id) aucf) nidjt baran, ba§ id) einft im ©djtoffe fiarocfie- 
WobSne geweilt fiatte. 316er in roefdier ©igenfcbaft? .patte i* bort be = 
laubig geroofjnß ober mar id; nur anfällig Ijingerattien, mar id) bort ©ebieter 
satt ©taUfnedjt ober Sauer geroefen? $iefe pagen fonnte id; nid;t be¬ 
rat toorfen, nur eine Stbatfa^e Wen mir sroeifetlos' 3 u fein: icß batte mid; 
iort feljr nngiudttdj gefüf;tt; e-3 gab fonft feine ©rffärung für biefe-3 brücfenbe 
aauugrett^gefütjt, ba^ f id) meiner bei ber Einfafjrt in bas> ©dblofi bt' 
iiäcbtigt, mld)e% mid& jefit nod) ergreift, wenn baran heute. 

guweiten nahmen biefe Erinnerungen eine greifbarere ©eftatt an 
tira§ mie ein gemeinfamer gaben festen bie abgeriffenen Silber unb £öne 
cnntibeit gu wollen, aber ba§ nereinte ©ämardien non Saioeli nnb nout 
Mmtften gog meine 2 Iufnterff amfeit ab, ber gaben rifj, unb e§ war mir 
idjt mehr möglidj, meine Gebauten gu fammeln 

©oweli unb ber SPfalmift ^liefen lange. 2 )ie in ben bolzen ßeud&tern 
ett bremtenben ßergen trübten fit %, unb bie erften ©trabten be§ ftaren 

oftgen £age3 blidten mich fd)on tängft burd) bie fjerabgelaffenen SBorMnae 
großen genfter an. 

IV. 

©aroeti fpraug oom ©tuble auf, 6 efreu ä igte fidj, rieb fid; bie Slugen, 

A ben fd;[afenbcn ipfatmtflen bemerfenb, roedte er ifm auf, rooBei er‘ficfi 
cl~u 6,ete S en ^ eit entgegen lieg, if;n mit ben bitterften Sorroürfen m 
S"®"' ® ann «f«ß hinaus, roufö fi<$, m fid, etroaS an, tranf 
bf^einttcb einen tüchtigen ©ctjtudf SirfenfdjnapS nnb fam nofffommen 
Itarrt wteber. 

. ® er JPfalmtfi ßatte injnnfdjejt mit einer roeinertidjeu ©tintme baS 
]en wteber aufgenommen. 

®a3 -Saug mürbe fe&enbig. Sn ben nerfdjiebenen ©den beSfelben 
roe ein gefdjafttgeS Treiben hörbar. ®ie ©ouuernante brad;te roieber 
Ätnber herein. ©onja roar biefeS 3 M rußiger, unb bie gotbene ®ede 
f' e ttoljaS Sofügefaffen, fo bafs er, ot;ne Slngft 3 u uerfpüren, mit ben 
a en 311 fptefen begann. ®amt fam bie Hebamme Sophie pausorona 
• mad;te ©aroeti gegenüber eine Semerfung, bie oon fo großem Ser* 
° m ln r '° e 9 ra 6ntgange[egenbeifen fiunbe gab, roie man biefelbe feines* 
1 ^.°“" tI)rent S ad > e hätte erroarten fönneu. ©s erfreuen, um non mir 
Z” f ne ^ len: bie ■Öofbebienfteten, Jtutföer, ßüdhengehtffen, $au 3 = 
Wi, logar gauj frembe Seute, uötlig unbefannte, alte Seiber, Portiers 



SO'* 


21. ZT. Ztpndjttn. 


imb «gauäfnedjte ber Scadjbarhäufer. Sitte beteten inbrünfttg, bie alten 
Söetber meinten bitterlich. ©abei machte id) bie SBahrnehmung, baß atte 
ron mir SIbfd)iebnel)menben, menn e§ einfache Seute au3 bem $olfe maren, 
mich nicht mir auf bie Sippen fügten, fonbern e3 fogar mit einem gemiffen 
Vergnügen tßaten; bie ^erfönticßfeiten meinet ®reife§ jebod) — fogar bie 
mir am nädjften ©teßenben — beljanbelten mid) mit einem (SM, ber mich 
entfd)ieben, menn ich baranf mit meinen früheren, irbifchen Singen hätte 
fehen tonnen, fehr getränft haben mürbe. 

Staftaßja fdjleppte fid) mieber in einem meiten, hellblauen, mit rofa 
Junten beftrenten ©djlafrocf heran, tiefer SInpg mißfiel ©arneli, unb er 
gab ihr einen ftrengen 33ermei§. 

„SBaS fott ich aber tßun, ©arneli Sßetromitfd)?" rechtfertigte fid) 
Staftaßja, „ich habe ja oerfncht ein bmtfleS Meib anp^tebeu, aber ich friege 
fein einziges p." 

„Siuit, menn ©u fein* pfriegft, bann märeft ©u b eff er im 33ett liegen 
geblieben. (Sine Slnbere mürbe fid) an ©einer ©teile gefdjämt haben, mit 
einem foldjeu S 3 and>e an ben fürftlidjen ©arg 51 t treten." 

„SBarurn tränten ©ie bie SIrme, ©arneli ^etroroitfd)?" miföte fid) 
©einen ein. „©ie ift ja meine rechtmäßige grau, ba ift gar teilte 
©üttbe babei." 

„Qdj tenne fdion biefe rechtmäßigen ©chtumpen," brnmmte ©atueli 
unb entfernte fid) in feine (Sde. 

©iefe Lebensart brachte Scaftaßja berart auf, baß fie ihm mit einer 
oernichtenben ©tidjelei antraorten mottte, aber fie fanb feine 2 Borte bafür, 
nnr ißr SJtnnb nerprrte fid) oor gorn, unb bie Singen füllten fich mit 
©ßränen. 

„Slitf bie ÜRatter nnb ben S3afili§f mir ft ©u treten," la3 ber Sßfalmift, 
„unb ben Sömen nnb bie ©cßtange nerbrängen." 

Staftaßja trat gan§ nah au ©arneli heran nnb fXüfterte ihm p: 

„©ie finb felbft fo eine Slatter." 

„SBer ba§, id) eine Statter? Sich, ©n . . ©arneli oottenbete feinen 
©aß nicht, meil braußen lautet ©chetten ertönte nnb SBaffütfa mit ber 
Stad)rid)t hereintief, bie Gräfin SJcaria SJcidjailonma fei angefommen. ©er 

©aal leerte fich Im Sin. ( 

Sttaria SJiicßaitomna, eine ©ante meiner grau, ift eine feßr mid)tigc 
alte ©ante. Sangfamen ©drittel näherte fie fich mir, betete feierlich unb 
mottte mir einen $uß geben, überlegte e§ fid) aber anberS, Rüttelte mährenb 
einigen SJcinuten ihren grauen, mit einer möndjartigen £aube bebedten 
Hopf über mir, monad) fie, non ihrer ©efettfchafterin ehrerbietig geführt, 
fid) nach bem Simm er meiner grau entfernte. SDceiite grau hatte e ™ en 
meißen grifirmantel an, ihr §aar mar aufgelöft, unb bie Siber fo nont 
SBeinen gefchrootten, baß fie e§ faum nermod)te, ihre Singen p öffnen. 

„Voyons, Zoe, mon enfant,“ rebete ihr bie ©räftn p, v s °y QZ 





gnnfcfyen bem tLobc unb bem £eben. 


305 


ferme. ©enfe barmt, rote riet Kummer {<$ habe ertragen müffen/ nimm 
£)tcf) gufanmtett. 

„Oui, ma taute, je serai ferme,“ antwortete meine grau unb trat 
entfdjtoffeit auf mich p, aber roabr|d,eintidj §atte trf» midi roäbrenb ber 
ftarf oeränbert, beim iie toanfte pritcf, fdjrie auf unb fanf in bie 
Srme ber iie umgebenbeit grauen. Sie rourbe binauSgefübrt 

SKeine grau mar unsroeifelbaft fefir über meinen ©ob betrübt aber 
jebein öffentli^en Sfatöbtud ber Stauer mtf# lieb ftetS eine geroiffe $cfi§ 
tbeatraltfdber Sc^auMung bei, ber man nur fetten ftcb p entstehen oer- 
nag. ©er aufriebtigft betrübte äKenfcb Eann ficb nidit be§ ©ebanfenS er» 
rebreit, baß er mm Stnbereit beobadjtet wirb. 

©egeit jroei Utjr fingen bie ©äfte an ficb 31 t nerfantmeln. 2 t ts guter 

am ent großer nod; ni# alter ©eneral mit einem grauen, aufgeftufeten 

bdpurrbart unb mit einer TOenge Orben auf ber SBruft. @r näherte ficb 

mr unb rootlte mich anfebeinenb fiiffen, tbat eS aber boeb nidit unb fo 

reusigte ftd) tange,^ ofjne mit ben gingern bie Stirn unb bie Sruft tu 

lerübrem (onbern bie fianb nur in ber Suft beroegenb. ©aitit rcanbte er 
ai 31 t Saroelt. 

„3iun ms, greunb Saroeti, Ifabeit mir unteren gürften nertoren?" 

„^aroobt, ©tu. ©ycellenä, tnerjig gaßre tjabe idj bem gürften gebient 
mb tonnte td) rool)t annebtnen . . 

„Stabet nichts, fdjabet nichts, bie gürftin roirb ©id) nicht uertaffen " 

Kadern er Saroeti auf bie Schütter geKopft, ging ber ©eneraf einem 

etnen, gelben Senator entgegen, ber, ohne an mich beranjutreten, fidi 

a ß a “. f ^ ® tl1 ^ nu f roelcbem Saroeti 9Jad)tS gefeßtafen batte, nteben 
eß. ©in SuftenanfatI erftidte tfjn. 

"f e ^ n ® le nur ' 9 n,an @Pmitfcfj," fagte ber ©enerat, „roieber ein 
'ittglteb, bmS mir rerlterert." 

»3 a - feit Steujaßr ift eS fcf) 0 tt baS inerte." 

„2Bte, baS uierfe? Unmöglich!" 

./'®* •.««tnögticb 1 ? Stm ^eujaßrStage fetbft ftarb «potfiEoff, bann 
ort§ Slntomtfcß, bann ber gürft ÜBaffiti groaititfcß ..." 

„3iun, ben gürften SBaffiti groanitfd) braucht man nicht tu sätiten 
abrenb jroet gaßren ift er nie im Klub geroefen." 

„Stber er erneuerte bod) ftets feine Karte." 

„Wfifoff mar auch alt, aber ber gürft ©imitri Stteranbroroitfcb 

^ ^ 3 “ |re “ nb berS?rnft ' ^ ße ' Unber 
L'f^ ^ ba 5 U tl J un * ’®enu 3>fr wißt roeber ben ©ag, nodj bie 

; "^ n ; ba f ^es gan 3 gut! gßr mißt nidit, mißt nicht, — eS 
: äwar )o, aber e§ ift boeb fränfenb, ben Ktub Sl&enbS jn uertaffen, ofine 

* u lern, aut näcblten ©ege roieber fommen 31 t Eönncti! Unb nodj 




30 6 


21 . XI» 2Ipud}ttn. 


fränfenber ift eS, niemals im ©taube ju fein, ju erraten, roo biefer 
9tacfer ©nein auftauern wirb. Senn ber gürft SDimitri ateyanbromitfdj 
ift auf ber Seerbigung non Söafftli gwanitfd) geroefen unb bat fid) babei 
erfältet, unb mir finb and) mit glmen hingcgangeit unb Ejabevt nichts ab 
befommen." 

Ser Senator befatn einen neuen .ßuftenanfalt, wonach er meiftenä 
nodi bo^after nmrbe. 

„Qaroohl, nmnberbar ift baS ©djicffat biefeS gürften Sßaffift gwanitfdi 
geroefen. ©ein ganjeS ßebcn bat er gn^treicfje Stieberträdjtigfeiten begangen, 
bas tarn ihm ju. 91un ftirbt er; man müßte annefimen, baß biefen 
Stieberträdjtigfeiten bamit ein ®nbe bereitet mürbe . . . aber gar nid&t, 
auf bem eigenen SSegräbniffe bat er es nod) fertig gebraut, feinen leiblichen 
Steffen umpbringen." 

„Iber roaS für ein Büngetcßen ©ie haben, groan ©fimitfcb! SBenn 
©ie roenigftenS nur auf bie ßebenbeit idnmpfen wollten, aber nor gißten 
finb nidit ’mat bie »erftorbenen fidjer. ®S giebt ein ©priäiwott: ,De 
mortis, de mortibus 1 . . ." 

„Sie rooIEen raoEgt fagen: ,De mortuis aut bene, aut nihil ? 1 aber 
biefes' ©pridjwort ift abgefdjmadt, ich »erbeffere es einigermaßen; ich fage 
,De mortuis aut bene, aut male“, ©onft mürbe ja bie ©efchidjte net! 
fdjwinben, es märe ja nicht möglich, über einen biftorifdien fOtiffetbäter ein 
gerechtes Urzeit ju fallen, weil fie hoch alle geftorben finb. gn feinet 
Strt ift aber ber giirft SBaffiti eine biftorifdje «JßerfönticE)feit geroefen; nidht 
umfonft hat er fo niete übte ©efdndten gehabt ..." 

„gören ©ie auf, hören ©ie auf, groan ©fimitfd), ©ie roerben 
noch im genfeitS für gßr güngelchen büßen . . . Heber unferen tbeurenj 
Simitri ateyanbrowitfdj fönneu ©ie roenigftenS nichts ©dgEccfvteä fagen 
unb muffen eingefteben, baß er ein prächtiger aitenfd) roar ..." 

„2Boju biefe IXebertreibung, gerr ©eneral? SBenn roir fagen, baß 
er ein liebenSwürbiger unb umgänglicher 9Rann geroefen, fo genügt eS 
noüftänbig. llub glauben ©ie mir, baß bieS feitenS eines gürften £ntb-.j 
tfcberoSfp ein großes fßerbtenfi ift, benn im allgemeinen jeidmeit fid bie 
gürften SrubtfderoSfp nicht bitrd) übermäßige SiebenSroürbigfeit aus. 
trachten roir, um nicht weit ju getjen, feinen 33ntber Slnbrei . . ." 

„9hm, über biefen roerbe ich '»ich nidit mit ghnen ftreiten. Slnbrei 
ift mir gar nicht fpiupatbifcf). Unb weshalb macht er fid) fo roiditig ? 

„®r bat entfdjieben gar feinen @runb, fid fo wichtig P machen, aber 
baton ift fa nicht bie 9lebe. ÜBenn man einen foldjen fKann roie beB 
gürften anbre'i lEeranbrowitfch in ber ©efedfcboft bulbet, fo beroeift bieS nui 
nufere ungeroöfwlübe Dead)fießt. eigentlich bürfte man einem fotzen 
fDlenfdien nicht ’mat bie ganb reifen. SBiffen ©ie, roaS ich neulich auS 
befter Duelle über ilnt erfahren habe . . •" 






307 


^tpifcfycit i)em tEobe unb bcm £cbcn, 

3 n bie '' cnt 3f«0«t6K<f erfriert mein «Bruber, unb beibe ©precfier 
eilten igm mit bem StuSbrud ber lehgafteften ©geitnahme entgegen. 

, ® ann trnt nt ^ fcgüdjternen ©dritten mein früherer .ßanterab TOWia 
©rojagin geteilt. ®ie« mar ein fegt guter nnb fefjr öerfdjutbeter 9Knnr 
»fang® DEtoher mar er p mir gefommen, gatte mir fdne nmmeifette 
Sage gefcgdbert unb mich um fünftaufenb «Rubel, bie ign retten tonnten 
auf |roei SOionate gebeten. 9tacg einigem 3ögern fegrieh ich timt einen Gfiecf^ 
er bot mir einen SBecgfel au, bodg iä) fugte igm, es fei nicht nötbig 9M> 
SBertauf ber pei 2Ronate mar er natürlich nicht im ©taube, p pbten 'unb 
begann ftdj uor mir p nerfteden. SBägrenb meiner firantgcit lieg er ftdj 
ein paar 2Rat nad) meinem Sefinben erfunbigen, bod) felbft tarn er nicht. 
;3ttS er an meinen ©arg trat, las ich in feinen Singen bie uerfdjiebens 
retigften ©efügle. SSebanern, ©djam, rfurc£)t mtb fogar irgeitb mo, iit ber 
tiefe ber ißupillen eine tleine fjreube bei bem ©ebanfen bag er nun 
:inen ©laubiger IoSgeroorben fei. UehrigenS, als er fi d> bei biefem ©e= 
üfile ertappte, fdjämte er ücfi beffen lebhaft unb fing inbrnnftig p beten 
m. 3n feinem Innern entftanb ein ßampf. ©igentlidh mugte er feine 
Schulb gleich befennen, aber anbrerfeits — roop bieg tgun, ba er bo* 
licht jagten tonnte? ®iefe Scfmlb mirb er fdjon mit ber 3eit tilgen unb 
e|t... ineigüberhaupt Qemanb banon, ift bie©ijulD burdj midh in irgenb ein 
oudh eingetragen? Stein, eS ift burdjauS nötgig, fie fcgleidjp befennen 

ÜRiicha ©rojagin nagerte fich meinem Araber mit einem eutfcgloffenen 
luSbntd unb fing an, ilp über meine Sranfijeit auSpfragen. 

9Rein Araber antroortete ungern unb fah nach einer anberen ©eite 
in: Etnein ©ob gab ihm bas unbeftrittene fRecgt, unaufmerffam unb am 
tagenb p fein. 

„©egen ©ie, fyürft," begann ©rojagin ftocfenb, „idj roar bem <8et= 
orbenen fdjulbig ..." 

SDtein Araber gongte auf unb fag ign fragenb an. 

»3$ TO °ttte fagen, ich fei bem nerftorbenen Simitri SKeranbroroitfcfi 
ttenblich oerpflichtet. Itufer langjähriger ©teuft . . 

9ftein Sruber roanbte fidj mieber ab, unb ber arme SRifdja ©rojagin 
ahm feinen früheren «plag roieber ein. ©eine rotgen «Baden pdten, bie 
ngeit irrten unrugig im ©aale umher, .hier ptn erften 9Ral nad; 
leinem ©obe bebauerte idj, nidjt fprecgen p tonnen. 3dj gatte folcge 

uft igm p fagen: „Skgatte ®u nur biefe fünf ©aufenb, meine flitiber 
wen ja aitd^ ot)nebies> ©elb genug/' 

, ^ er füllte ftdj rafc§. ©ie Hainen famen meiften£ paar weife 
; rem unb fteUten ftd) an bie SBanb. (§& trat faft dtiemanb $u mir heran, 

} raar ' a ^,° 6 «tan W üor mir fdmme. ©ie uns näher ftehenben ©amen 
nmbigten fidj bei meinem trüber, ob fie meine grau fehen bürften, mein 
vuber beutete mit einer ftumnten Verbeugung nad) beut (Salon l)in. ©ie 
'amen blieben bann mit furjem Vebenfen an ber ©bür ftehen, wonach fie 

3 iorb unb Sftb. IC. 297 . 91 



308 


21. ZI. 21 pud?tin. 


mit gefenften köpfen fosufagen in ben Salon Ijineintauc^ten, Pabenben 
gleicl), bie nach geringem Sdjmanfen fttf) mit bem Sfopfe in’S falte Gaffer 

[türmen. , _ r _ 

Um gmei llfjr mar baS gange uorneljme Petersburg t>erfammelt, fo 

bafi, märe id) ehrgeizig gemefen, mir ber 2lnblicf beS Saales ein großes 

Vergnügen bereitet fjätte. @S erschienen fogar perfönlid)teiten, bereit 2ltts 

fünft meinem Pruber leife gemelbet mürbe, unb er ging iljnen bis auf bie 

kreppe entgegen. ril , , f .* 

batte ftets ben Sobtengebeten mit Führung juge^ort, obgleich nur 

PieleS barin unnerftänblid) blieb. PefonberS uerrairrte mi<$ „baS unenb* 
liebe Sehen"; biefer 2IuSbru(f f($)ien mir in einem Sobtengebete ein bitterer 
£ol)n in fein. Seist nahmen alle biefe Söorte einen tiefen ©inn für midi 
an. 3d) lebte felbft „biefeS unenblidje Sehen", ich befanb mich gerabe an 
bem Orte, „mo es meber tanfheit, no(b Kummer unb (Seufzer" gab. 

3m ©egentheil, bie mi(b errei(benben irbifchen ©eufter tarnen^ mir 
fremb unb unbegreiflich vor. 2llS bie (Sänger vom Schlucken am ©rabe 
i U fingen begannen, fo ertönte, einer Slntmort glei(b/ verhaltenes Schlucken 
in ben nerfd)iebenen Grcfen beS Saales. 9tteine ?^rau mürbe ohnmächtig, 

man braute fie mieber b^auS. , 

©ie panibiba*) mar @nbe. ÜZBäbrenb ber 'Dtaion xm ttefjten 

Paffe bie Scblufpoorte fpracb), ereignete itdj etmaS SeltfameS. 3m Saale 
mürbe es plötfid) bunfel, als ob bie Dämmerung bie (Srbe plöfclid) um* 
finge. 3$ founte bie ©eftdjter nid)t mehr unterfebeiben, fab nur fchmarje 
©eftotten. ®ie (Stimme beS £>iafonS mürbe fdjmäcber unb fdjien fidjj aß* 
mählich sn entfernen, ©nblid) nerftummte er gänglid), bie Siebter erlösen, 
MeS nerfdjmanb förmtidj. 3d) hörte auf eiumal auf gu feben unb gu hören. 


V. 


3<b befanb midj plöfctMh an einem bunflen, mir unnerftänblidien Drt. 
UebrigenS habe ich ben Drt nur aus alter ®emol)nheit ermähnt: es gab 
für mich feinen Pegriff mehr non Staum. @S gab auch feiue Seit vM 
fo bab id) nicht beftimmen fanu, mie lange biefer Sujtonb anhielt. M 
fonnte meber etmaS feben, noch hören, nur beulen, — i<b badjte beharrlich, 

angeftrengt. 1 

£)aS fiaupträtbfet, baS midj mein ganges Sehen gequält b^tte, m 

gelöft. @g gtebt leinen Sob, eg ßiebt nur ein unenbtidjeS Seben. jd; 
bin and) früher immer banon nberjeugt gemefen, nur nermod)te ic£) niemals 
meine Ueberjengnng beuttid) augjubrücfen. ®ieje Ueberjeugung ftüfste jti 
barauf, baß im entgegengefe^ten gatte bag ganje Men eine entfefeW 
2lbgefd)madtt)eit märe. ®er SKenfdj beult, fiißtt, ift fid) feiner ganjen w- 
gebung bewußt, genießt unb leibet, — unb oerfdjroinbet bann, ©ein Utt 


*) Sie Stoei m\ tagticfi am Sarge abgefialtenen Sobtengebete tragen biefen Hamen 






ämifdjen hem Cotie ttnb bem Sehen. 


309 

serfefet fiß unb bient jur Gilbung neuer Körper, — biefeS wirb non 2 lßen 
tägßß 6cotincE)tet. 3 lber wo bleibt baS, was ftcfi felbft unb bie umgebenbe 
jffieit erfnnnte? SBenn aber bie «Materie unfterbliß ift, warum foüte eS 
bem «öeroußtfein befßieben fein, fpurloS 51t oerfßroinben? «ffienn es aber 
oerfßwinbet, wo Eommt es t)er, unb was ift ber gtned einer fo ephemeren 

Srfßeinmtg? gß lieft bies für eine SlbgefßmacEtbeit unb permoßte balier 
nie biefe 9 Jiöglicf)fett eüt^urä unten. 

3e|t fa| iß aus eigner ©rfabrung, baß bas «Bewußtfein nicht ftirbt 
M B itb niemals aufgef)ört batte nub wabrfßeinliß niemals aufbören tnerbe 
i» Ietel - 3l6er 5 ur fet&en Seit entftauben aufbringßß neue „nerrnünfßte 
fragen" nor mir. SBenn iß niemals geftorben bin nnb immer non 
Neuem fortfabren muß, auf ©rben «Menfß p werben, weißes ift bann bas 
3 iel bi efer ftß ftetS fotgenben ©piftenjen? Maß roetcben ©efefeen entfteßen 
»iefeiben, unb p roelcbem enbgütigen Biete rnerben fie miß führen? $Babr= 
ißeinliß hätte ich biefeS ©efeß finben unb eS nerfteben fönnen, wenn 
id) miß an alle ober wenigftenS an etliche »ergangene ©yiftencen ' m er* 
innern nermößte, aber roarum ift ber «Dtenfß gerabe biefer ©rinnerungen 
beraubt? SBorum ift er nerurtbeitt, einig ein Unwiffenber p bleiben baß 
-ogar ber begriff ber Unfierblißfeit ihm nur als «Rätbfel erfc^eint» 'unb 
nenn irgenb ein unbeEannteS ©cfeß «ergeffenbeit unb $un(el forbert 
ramm fßimmert bann in biefe ginfterniß ptneiien Sißt burß, wie eS 

i(| 3. 33 . bei mir, als ich in baS Schloß ber SaroßetSKobene (am 
ireignete? ' 

®Jit ganjer Seele dämmerte ich miß an biefe ©rinnerung, inte eS 
in ©rtrinfenber an einen Strohhalm tbut. geh meinte, baß, tnenn iß 
mch auf mein Sehen in biefent Schlöffe befinnen (önttte, eS auch auf alles 
lebrige Sicht werfen müffe. Kein äußerer ©inbrud jerftreute miß iß 
onnte miß ungeftört meinen ©rinnerungen hingeben, unb iß gab' mir 
Kühe tneber p benfen, noß 31t überlegen. Unb ba begannen aus einem 
tefen ©eelengrunbe, wie ber «Kebet ans bem ©runbe eines gluffes, um 
eutliße, blaffe Silber fiß 31t erheben. Sa flimmerten menfßßße ©e= 
:aiten, tönten feltfame, (aum nerftänbtiße SBorte, aber in jeher ©rinnerung 
ab eS Süden, bie iß nißt im Staube tnar auSjufiilteit. ®ie ©efißter 
er «Wenfßen raaren mie in «Kebet gehü®, bie SBorte hatten (einen ita, 
immenbang, MeS beftanb aus lauter «Brußftüden. ®a ift bie gamißem 
ruft ber ©rafen SaroßeSKobone. Stuf einer weißen «Marmortafel felie iß 
eutltß fßwarse öuchftaheit: Ci-git tres haute et recommandable dame 
• • ®er _ «Monte fleht auß babei, aber iß (amt ihn nißt entjiffem. 
Daneben etit Sarfopfjag mit einer «Marmorurne, auf ber iß lefe: Ci-git 

t C ° e “ r dl1 -Marquis . . . ®a ertönt in meinen Obren eine fßreienbe, 
ngebulbtge Stimme, bie gemanben ruft: 80 ... Po ... gß ftrenae 

“ tn an unb Üöre ju meiner großen greube beutliß ben «Kamen: 

lOrobabel! gorobabel! $iefer mir fo befannte «Karne ruft eine gaitje 




21. 21. 21 p ließt in. 


3H0 


Ticilic von Silbern hervor. 3 'd) ßcfittbc mich auf beut ©cßloßhofe, tu einer 
großen ^enfdjettnteuge. „A la chambre du roi!“ ruft biefelbe dritte 
itugebittbigc ©timme. Sn jenem alten fraitgöfifdjeit Stoffe gab eS ein 
ÄönigSgimmer, b. I). ein gimmer, baS ben König, meint er jemals bas 
©d)loß bcfudjt, beherbergen foU. tiefes .Bimmer im (Schloß Sarodje* 
gjfloböue fel)e ich nun in ben fleinfien (Siugclheiten. Stuf ber $ede finb 
rofa Slmot«, mit ©uirlanbett in ben fiänbeu gemalt, bie 2Bäube finb mit 
Sagbf eenen vorfteKenben ©obclinS bebedt. 8$ felje beutlicf) ben großen, 
am 53acl)e vcrgmeifelt fleljeu gebliebenen «öirfcb mit beut langen ©ewciljc 
unb bie brei ihm nachcileubeu Säger. 3 m fiintergrunbe beS Simmer« 
ben von einer golbenen Grotte überragten Sllfovcit, auf beut blatten feibnen 
Himmelbette finb weiße ßitien eingeftieft. Stuf ber gegenüber liegenben 
©eite ein großes 93 ilb beS Königs in ganger gigur. Sch feße bie mit beut 
Kettcnhemb bebeclte Söruft, bie laugen, etwas fntmmen, in hohen ^iciter^ 
fliefein fted’cnben Seine, aber baS ©eficht tarnt ich unmöglich uuterfcbeibeii. 
könnte ich nur baS ©eficht feheu, fo hätte ich vielleicht erfahren, gu nieder 
Beit ich in jenem (Schlöffe gelebt; aber gerabe baS faitn ich nicht erb liefen, 
irgettb eine fefte, eigen finnige klappe null in meiner (Sriunermtg nicht 
anf gehen. 

„Borobabel! Borobabct!" ruft bic befehleube ©timme. Sch ftrengc 
meine gange Straft au, ttitb plößlich öffnet lieh in bem launenhaften ©e= 
bäd)tuiß eine gang aubere klappe. 3 )aS ©chloß £arod)es$toböne vev 
fchmiitbet, itub ein neues, uuermarteteS 33 ilb entrollt fielt vor mir. 


VI. 


Sei) erbliche ein großes, ruffifcßcS ®orf. £>ic mit ©trob bebeeften 
Mfeubäufcr gogett fielt am Serge entlang gtt beiben ©eiten ber breiten 
©traße Ijitt. (SS mar citt grauer Herbfttag, vielleicht auch ein 2lbeitb. 
(5iit {alter -Kegelt riefelte in keinen unb häufigen tropfen vom einfarbigen 
Himmel herunter, ber SSiub fnmmte uttb pfiff auf beut breiten 5 b ege, 
hob von bett halb abgetragenen Fächern baS ©trob auf itub wirbelte es 
in ber Suft herum. Steifer unten mälgte ein Keine« glüßcheu feine rafchen. 


Meifartnflcn, «ngcfcfyuolleuen glühen. Qdj (äug auf hie aithere ©eite beS 
glufTcS [jiitübev, hie frmnute, gctänhctlofe SJrücte erbitterte unter meinen 

. _ . / ,-v -v .. / w » -v L . 


©cßritten. (SS gingen gmei Stege von ber Srüde ab: linft, ben Serg 
hinauf fefete fiel; baS ®orf fort; rechts ftanb, mie über ben Sbgritnb ge¬ 
beugt eine alte Holgfircße mit einer grünen Kuppel. Sä) manbte mich nach 
recßtS. Hinter ber Kirche faß mau einzelne (Srl)öhungeu mit von ber Beit 
gefchmärgteu Kreugen, gwifdjett ben ©räbent fcbaufeltcu im SUttbe bie 
ttaffeit, faß entblößten riefte ber jungen Sirfett, ber gange (Srbhobcn nmr 
wie mit einem Teppich von gelbbraunen blättern bcbed't. SBciter gog fiel) 
ein fcßwargeS, gäuglich faßleS Selb hin. £rofc biefeS unerfreulichen Silbe« 






- gnnfcfyen bem (Eobe unb bem £cben. - 3U 

wehte mir bod) etraaS StermanbteS unb Siebes turn bem fernen, bort gm 
gebrachten Seben entgegen. Slber woher biefe dunfelheit nnb biefe 
kenfchenleere überall h^um? SSSarum ift fein lebenbeS Sßefen fid^tbar? 
SBarum fteben fammtltche gäufer offen? SSann habe ich in biefern dorfe 
gelebt? 3ft es gu ber Seit beS datarenüberfaüS ober fpäter gemefen? 
Öat ein grembting biefeS Steft gerftört ober haben einheimtföe diebe bie 
©inraoljner in bie Söälber unb Steppen verjagt? 

3<$ ^) rte 9 U Keinen 23rüde gurüd unb ging nadh linfs ben SSerg 
birtauf. Sind) bort berfefbe Mangel an SJtenfdhen, biefelbert Spuren ber 
-Berwüftung. Slrn verfallenen Brunnen erttbedte ich enblich ein tebenbeS 
Sßefen. ©S mar bieS ein alter, entfefelich abgemagerter, wahrfdjeintidj 
halbverhungerter gunb. das gange gaar hatte er verloren, ber Stftden 
unb bie Seiten geigten bie faft entblößten ^nodjen. ^3ei meinem SInblide 
ftellte er fich mit unglaublicher Slnftrengung auf feine Steine, aber ftdj gn 
bewegen vermochte er nicht nnb fing fläglidh JU heulen an, inbem er in 
ben Schmu! fiel. 

2ttit allen Kräften meiner Seele verfudjte id), mir biefeS heimatliche 
dorf in einer anberen Umgebung vorguftellen. denn auch hier mufjte 
man ja bie Sttorgenrötlje aufgehen unb bie Sonne ftrahlenb hinter bem 
Serge verfdjrainben fehen, and) hier hatte baS gelb mit Sichren fich be¬ 
redt, unb ber gange Sterg in ben falten, monbfebeinbetben Städ)ten mie 
Silber geglängt. Slber mie id) and) mein ©ebädhtniB anftrengte, id) fomtte 
mi<h auf nid)ts derartiges befimten. ©S mar, als ob ber graue Fimmel 
baS gange Qahr baS nnglüdliche dorf mit bem feinen Stegen befprühe. 
Der Söinb frei in bie offenen gäufer einbringe nnb bnreh bie feiemben, 
nu|(ofen Schornfteine fege. 

Slber jefct mitten in ber dobtenftille ertönt ©lodengeläute. der 
solang ber ©lode ift berart geborften unb fläglidh, baß er nidht mie 
Bauten, fonbern mie eine, ans einer franfen, fupfernen Struft bringenbe 
stimme flingt. 3dj folge biefern Sauten nnb trete in bie Slirdje ein. 
Diefelbe ift mit Slnbäd)tigen, gang einfachen Seuten gefüllt, der abge^ 
taltene ©ottesbienft ift ein ungewöhnlicher, bie Stimmung and) eine anbere, 
tlS rate bie fonft üblidhe. 3 e ümeife vernimmt man Stöhnen in ben ver* 
dhieberten ©den beS ©otteSbaufeS, dhränen fliegen auf ben verbrannten 
iroben Sßangen. Qd) bahne mir meinen 2Beg burch bie SJtenge, über ben 
mebenen, eingebrüdten Stoben nach redhtS, mo vor bem raunberthätigen 
ScuttergotteSbilbe viele bergen brennen, das Stilb ift fdfjraarg, ohne S3er? 
ierung, eingig ein golbener Steif ntngiebt ben $opf ber geiligen, ihre 
lugen bilden nidht ftreng, fonbern mit einem geroiffen gmeifelnben WliU 
nbe. Stör bem Stilbe hängen eine grofre Slugaljt gänbe, güjäe nnb Singen 
uS Silber nnb ©Ifenbein — lauter ©aben von nach geilnng fich fernen* 
ert Traufen. Ston ber ©rnpore erfdhallt bie greifenhafte, aber bentlid)e 
stimme beS ©eiftlichen, ber ein mir nnbefannteS ©ebet lieft. 



3\2 


21. ZT. 2lpud}tirt. 


„Barmherziger (Sott, blide auf ©eine t)ier uerfammelten ©flauen unb 
erbarme ©ic^ unfer. 

gür unfere ©ottlofigfeit ftrafft 25u uns, aber ju faxt ift für uns 
25ein gorn. 

D ©ott, halte 2)eine ftrafenbe £anb ein, unb fei un3 gnäbig. 

2 )er grimmige geinb bedingt un3, mir haben meber gührer, noä 
Behaufungen, noch Brob. 

gür unfere ©ünben gehen mir unter, aber mofür muffen unfer. 
$inber bitten. 

9 Bir finb gebulbig, deinem Men ergeben, aber mir unb bod 
■äJlenfchen, unb unfere Kräfte reifen jum Reiben nicf)t au3. 

Kämpfen fönnen mir nicht, «£>ilfe mirb feine fommen, unb ba [in. 
mir jum festen 9Me 25ir genaht unb flehen 2)id; an: rette un3! 

D ©ott, bringe un3 nicht jurn Durren, bringe uns nicf)t jur 33er 
jmeiflung. 25u gabft m§> ba3 Seben, entgehe e§ un3 nicht uor ber griff.' 

Unter ben SBetenben entftanb nun eine Bemegmtg. 25ie Stenge tra 
auSeinanber, unb rafdjen (Schrittet näherte fich ber ©eiftliche bem munber 
thätigen Bilbe. 25er ?ßriefter mar ein fleiner, alter 9Jiann mit einen 
grauen ftruppigen Barte. ©ein alte§, x)erfä)offene£ ©emanb mar ttich 
für feine ©rohe gearbeitet unb fd)leppte auf ber ©rbe. J| 

„Simmtifdje fierrfdherin," rief er mit lauter, erregter ©timme, 
ftehft unfereit menfdjlichen Seiben näher, 2)u h a ft bie Dual unb ba3 2)ulbe: 
gefannt. 

deinen geliebten unb fdjutblofen ©ohn h a ft gefreugigt gefe^er 
2 )n haft feine genfer erb lieft, bie ifa in feiner ©terbeftunbe ^öhtiten. 

2ßeld)er ©chnterj fann fi<$ mit bem deinen Dergleichen? 

©o fage ihm, 25einem ©ohne, ^Deinem ©ohne ..." 

2 >er ©eiftliche fonnte nicht fortfahren — feine ©timme begann i 
jittern, unb fcbtudjjenb raarf er fich auf bie ©rbe. ©einem 33etfpiel 
folgenb, fiel bie taufenbföpfige Stenge auf bie 5tniee. geht ertönte f^o 
ba§ ©töhnen nicht nur au3 ben ©den ber Kirche, e$ erhob fiel), eine 
feften 9Jtaffe gleid), raie eine 3Beihraud;fäule, bie jumeilen mitten it 
©otte^h^fe fteht. Sttein «gerj mar non Führung unb non brüberlidjei 
Mitgefühl für ben allgemeinen Bolf£f<hmerj erfüllt, ich fniete auch uieb. 
unb uergah mich. 

%{§> ieh ju mir fant, mar bie Kirche leer. 2XUe Sichter waren in be 
Kronleuchtern gelöfcfjt, nur eine flehte Sampe brannte noch nor bem bunfle 
Intime ber Butter ©otte§. 33ei ber trüben Beleuchtung mar ber 2Iu< 
brud ihres ©efidjteS ueränbert. 25aS dJiitleiben mar barauS entfdjmunbe: 
ihre lugen blidten theilnahmloS unb ftreng. 

gd) uerlieS bie Kirche mit ber fchraadjen Hoffnung, gemanben j| 
fehen, ju treffen .. . Seiber faxi\§\ um mich biefelbe ©tiüe, biefelbe Seer 
2 Sie norhin mölbt fich ber einfarbige graue Fimmel, mie uorhiu fchlägt b 







^unfdjcn bem (Lobe urtb bem £eben. 


5 \3 


feine Stegen bie gelbbraunen Blätter herunter, nnb biefer furchtbare mtanS* 
ftegliche SBinb beugt roieber bte fallen S3irfenzmeige bis §ur Erbe herab 
unb betäubt bte Seele mit feinem einförmigen pfeifen. 

VII. 

®ie Nahmen meinet ©ebädjtniffeS rücften immer met)r unb mehr 
auSeinanber. ES gingen au mir ferne, längft nergeffene unb, mie es mir 
fd)ien, nie gefeierte ©egenben, mitbe SBälber, gigantifdje Kämpfe, in beuen 
fid) §u beu tonfcben £b*ere gefeilten, noruber. Slber eS maren nebelhafte 
Stilen, aus beuen fein beftimmteS S3ilb hernortrat. Bitten unter biefen 
Silbern tauchte ein Heines SMbdjen im blauen bleibe auf. tiefes ßinb 
mar mir fcf)ort längft befannt; mährenb meines lebten ©afeinS erfdbjien eS 
mir oft im Traume, unb id) betrachtete ftets einen folgen Xraunt als eine 
fd)led)te Slorbebeutung. Es mar ein ungefähr zehnjähriges, mageres, bleiches 
unb löbliche» Sttäbcöen, nur feine klugen raarert pradhtnoll: fchmarge, tiefe 
(Sterne, mit einem ernften, gar nicht finblidjen StuSbrucfe. ^nmeilen 
brüdten biefe Singen ein foldjeS Seihen nnb eine folcbe Slngft aus, bah, 
nadjbem i d) biefem SBIide begegnet, id) fogleid) mit ßerzftopfen unb mit 
faltem Schmethe bebecft, aufmachte. fDanad) mar id) nicht mehr im 
Staube eiuzufd)lafen nnb befanb mich mehrere Sage in einem gereizten, 
neroöfen Suftanbe. 3efet habe idj mich banon überzeugt, bah biefeS fleine 
SJMbdhen thatfächlid) gelebt h<U unb bah ich eS einft aefannt habe . . . 
Slber raer mar eS? SBar es meine Tochter ober Schmefter ober ein mir 
Doüfommen frembeS SBefenV Unb warum brlidte fid) in feinen Singen 
ein fo nnmenfchiicheS Selben ans? SBelcheS Ungeheuer moto biefeS ßinb 
quälen? 

Vielleicht mar ich felbft berjenige, her eS einft gethan, nnb eS erfchien 
mir im Traume zur Strafe nnb als Vormurf. 

Sonberbar, bah eS unter meinen Erinnerungen gar feine heiteren 
gab, bah mein inneres Singe nur Seiten noll Hebel nnb Sd)tnerz las. 
Natürlich fgatte eS in meinen Epiftenzen auch fröhlidje £age gegeben, aber 
raahrfcheinlidj maren biefelben nur feiten gemefen, meil fie oergeffen raorben 
unb im SJieere nerf^iebener Seihen nerfunfen maren. Sßenn eS aber fo 
ift, meld)en 3m ed hat bann baS Sehen felbft? SJcan fann bocfj unmöglich 
annehmen, bah baS Sehen nur zum Seiben eingerid)tet ift. ^at es irgenb 
ein anbereS enbgiltigeS 3*el? Söahrfcheinlid) giebt es ein fotdjeS, aber 
werbe ich es moljl jemals erfahren? 

SlngefidüS biefeS SM)troiffenS mühte mir eigentlid) meine jetzige Sage, 
b. b- biefer 3u]tanb bcbingnngSlofer VeroegungSlofigfeit nnb Stuhe mie ber 
©ipfet ber Seligfeit uorfommen. Qnzmifchen hut ein feltfameS ©efidjl be^ 
gönnen, itd) unter biefem EljaoS nnbeutlicher Erinnerungen unb abgertffener 
©ebanfen emporznarbeiten: eS zieht mich mieber nach biefem Qamtnerthale 




21. ZT* 2Jpud?tin. 


sh 


hin, bas ich eben neriaffen habe. 3 <h b)abe uerfu<ht, biefe Erinnerung in 
mir 31 t betäuben, aber fie wuchs, uerftärkte fich, fiegte über alle SBeroei^s 
grünbe — unb ging enblich in einen leibenfdjaftlichen, unaufhaltfamen 
SebenSburft über. 

YIII. 

0 , nur leben! 3 <h bitte gar nicht um gortfetmng meinet früheren 
©afeinS, es ift mir nodkommen gleichgiltig, als was ich geboren werbe: 
als gürft ober Vauer, als Veidjer ober Bettler. ©ie Menfdjen fagen: 
„bas ©lüd liegt nicht im ©elbe" unb betrachten hoch als ©lüd jene ©üter 
beS Sebent, bie burd) ©elb erworben werben können. ©aS ©lüd liegt 
aber bod) nidjt in jenen ©ittern, fonbern nur im inneren (Genügen be 3 
Mengen. 2Bo beginnt unb wo enbet aber baS Genügen? Es kommt 
2ltleS auf ben Vergleich an, 2lfle§ hängt nont ©efid)tSpunkte unb uom 
Mahftabe ab. ©er Bettler, ber bie £>anb nadj einem ©rofchen auSftredt 
unb uon einem unbekannten Moljlthäter einen 9kubel bekommt, empftnbet 
niedeidjt mehr greube als ein Vörfenmann, ber unerwartet gweifjunbert* 
taufenb Vubel gewinnt. 2 ludj früher bad)te idj ähnlich/ aber bie non $inb* 
heit an beigebrad)ten, uon mir als dpiome anerkannten Vorurteile hinberten 
mich, biefe ©ebanfen in mir $u beftärken. Qet^t finb biefe ©rugbilber §er= 
ftreut, unb ich felje ddeS niel beittlidjer. 3 - 23- liebte i<h leibenfhaftlich 
bie $unft unb meinte, bah ber Sinn für Schönheit nur gebilbeten reihen 
Seuten eigen fei, unb ohne biefeS Element kam mir baS Seben §u bürftig 
uor. 2 lber was ift $unft? ©ie begriffe barüber finb eben fo bebingt, 
wie biejenigen über baS ©ute unb Vöfe. QebeS Qaljrhunbert, jebeS Sanb 
hat eine anbere Slnfidjt über baS !Recht unb Unred)t; was man in einer 
©egenb als «gelbenmutlj preift, wirb in einer anberert als Verbrechen an* 
gefeben. ; 

3u ber Frage über bie ßunft gefeilt fich noch anher biefern Unterfdjiebe 
uon Seit unb Drt noch bie unenblidje Mannigfaltigkeit beS perfönlichen 
©efchmadS. Qn Frankreich/ baS fich als baS gebilbetfte Sanb ber SBelt 
betrachtet, uerftanb unb erkannte man bis §u biefern Qabrhunberte 
Sljakefpeare nidjt an; man kann eine gan^e Menge folcher Veifpiele am 
führen. Unb ich glaube, bah eS keinen fo armen Schelm, keinen folgen 
Söilben giebt, bei benen nicht geitweife baS SdjönheitSgefübl emporlobert, 
nur ihr künftlerifcheS Verftänbnih ift ein anbereS. 

ES ift fehr wahrfdjeinlicb, bah ©orfbewotmer, bie an einem warmen 
FrüljtingSabenbe um ihren heimifdjen Vatalaika^ ober ©nitarref pieter auf 
bem Vafen lagern, keinen geringeren ©enuh habet empfinben, wie $ro* 
fefforen beS ^onferuatoriumS, bie in einem bumpfen Saale einer Vacb’hhen 
Fuge laufdjen. 

D nur leben! Vur menfdflidje ©efidjtcr fehen, ben Saut einer 
menfchlidjen Stimme hören, wieber in bie ©emetnfchaft mit Mengen 




gaifdjen bem (Eobc unb bem £eben. 


3(5 

treten . . .mit allen dftenfdfeen: guten unb böfen. (Siebt e 3 benn auf ber 
SBett unbebiugt fcfelccfete 9Jteufcfeen^ 3i>enn man bie entfetdicfeen 33 ebiugun- 
gen non ©cfewäcbe unb Unwiffenfeeit bebenft, unter welchen ber gflenfdfe 
nerurtfeeilt tft p (eben unb fidb p bewegen, fo fann ntan liefe e(jer wunbern 
bafe e§ in ber mit unbebingt gute 3ttenfdfeen giebt. 2 )er 5 Jtenfdfe weife 
ja nicfets non bem, mag er am notfewenbigften miffen müßte. @r weife 
riefet, warum er geboren ift, wofür er lebt, warum er ftirbt. (Sr nergifet 
feine früheren (Spifteuren unb nermutbet nid&t mal bie pfünftigen. (Sr be? 
greift nid&t ben 3 wed biefer aufeinanber folgenben (Syiftenjen unb nodbringt 
ba§ ifem unnerftänblidje Sebengoerfaferen inmitten ber ginfternife unb ber 
mannigfaltigften Reiben. Unb wie wüufcfet er btefer ginfternife p ent? 
cinnen, wie beftrebt er fidj p uerftefeen, wie bemüht er fid& feine Sebent 
raeife einpridfeten unb p uerbeffern, wie ftrengt e 3 feinen armen be? 
fdferänften SBerftanb an! 

Unb feine fämmtlicfeen Anftrengungen geben umfonft nerloren, alle 
?}' Axiale ®rftnbungen entleiben feine ber ifen erregenben fragen, 
meinem ©treben wirb ftet§ eine (Srenge gezogen, bie er nicht p über? 
freiten nermag. (Sr weife 5 . bafe aufeer ber (Srbe es nocfe anbere 
-Jöcltcn, anbere Planeten giebt; mit §ilfe mathematifcfeer Berechnungen 
reife er, wie biefe Planeten tidb bewegen, wann fie fich ber (Srbe näfeern, 
mb wann fie fich non ifer entfernen, aber was auf biefen Planeten nor? 
!e(jt, unb ob es bort ihm ähnliche (Sefdfeöpfe giebt — bieS fann er wofei 
termutfeen, aber befiimmt wirb er es nie erfahren. Unb bennodfe hofft 
mb fucfet er. gn Amerifa beabfidfetigt man, auf einem ber feodfeften Berge 
inen eleftrifdjen ©djeiterfeaufen p erricfeten, um ben ©inwofenern nom 
$ar^ ein ©ignal p geben. Qft benn biefer ©dfeeiterfeaufen nidfet rüferenb 
n feiner finblidjen Habitat? 

D, icfe will p biefen unglüdflidfeen, bebauernSwertfeen, gebulbigen unb 
Teuren (Sefcfeöpfen prücffeferen! gdfe will ein gemeinfcfeaftlidfeeS 5Dafein 
tit ifenen füferen, idfe will wieber an iferen fleinlidfeen Qntereffen unb an 
)rent (Sefcferoäfe, benen fie oft tnel Sßicfetigfeit beilegen, i£feeil nefemen. 
Me non ifenen werbe idfe lieben, mit Aitberen fämpfen, bie dritten feaffen, 
ber icfe will biefe Siebe, biefen §afe, biefen ßampf feaben! 

D, nur leben! gcfe will fefeen, wie bie ©onne hinter bem Berge 
atergefet, unb wie ber blaue §immel fich mit ©ternen bebecft, wie auf 
’r fpiegelglatten ddeereSfläcfee bie weifeen ©cfeaumfpifeen erfcfeeinen, unb 
ie unter beut Traufen bes unerwarteten ©turmeg gan^e Reifen non 
Rolfen fidh aneinanber prfcfetagen. gd) will utidfe im Keinen ^afene biefem 
türme entgegenwerfen, will mit einer rafenben i£roifa bie ©cfeneefteppe 
trcfeeilen, idfe will bem ergrimmten Bären mit Solchen entgegentreten, 
tu alle Aufregungen unb ade Slleinlicfefeiten beS Sebent burdfemadfeen. gcfe 
1 fefeen, wie ber Blife ben «gimmel burdhfdfeneibet, unb wie ber grüne $äfer 
' tt einem Sweige pm anbern friecfet. gdfe wid ben £>uft beS frifdfe? 




3\6 


21. ZT. 2Jpud?tin. 


gemähten «geltet unb ben ©erud) be3 Xfjeereä ernannten, will ben ©efang 
ber Stadpigall in ben glieberbüf djen nnb ba3 Dualen ber gröfcfje am 
Seiche, ba3 ©lodengeläute in ber Dorffirdje nnb ba3 ©eräufd) ber SBagen 
auf bem ^flafter hören, id) will ben feierlidjen Slflorben einer h^oifchen 
(Sijmphonie nnb ben flotten Sßeifen eine§ SigeunerUebe^ laufen. 

D, nur leben! Sta bie SJiöglid)!eit Ijaben, bie irbifcbe Suft eingm 
atbmen unb ein menfd)lid)e3 Söort au^gufprechen, nur auffdjreien, auf* 
ffreien . . . 

IX. 

Unb ptöblidj fdjrie id) auf; aus ganger SBruft, au§ ganger Äraft fdjrie 
id) auf. (Sine finnlofe greube ergriff midj bei biefem <Sd)reie, aber ber 
Saut meiner ©tmrne fehle midj in (Srftaunen. <33 war nidjt meine ge< 
roö^nti^e (Stimme, e3 mar ein fdimadjer, matter £on. gd) öffnete bie 
Singen; ba§ grelle Sicht eines; falten fetten Borgens bienbete mich faft. 
gd) befanb mid) in SRaftafeiaS gimmer. (Sophie grangomna hielt midj auf 
ihren Sinnen. Sfaftafeia lag hodjgeröthet, mit Riffen geftüpt, im $8ette unb 
athmete ferner. 

„göre, SSaffütta," ertönte (Sophie grangoranaä (Stimme, „bränge 
Sich irgenbmie in ben (Saal burd) unb rufe (Semen auf einen Slugem 
blid heraus." 9 ] 

„Slber raie merbe id) midj ba burdjbrängen fönnen, Santdjett," ant* 
mortete SBaptfa. „£)er gürft mirb eben hinaus getragen, unb es fjaben 
fid) ba maffenfjaft ©äffe nerfammelt." 

„diun, bränge Didj nur irgenb mie burdj, rufe ign nur auf eine 
Minute heraus, benn er ift ia bod) ber Später." 

Sßaffütfa oerfchmanb unb fant halb mit (Semen mieber. @r §attc 
einen fchmargen, mit ^ßteureufen befehlen grad an unb f)ielt ein furdjtf>a? 
grojgeS 23ud) in ber ganb. 

„SBaS ift benn?" fragte er hereinftürgenb. ■ 

„Sille» glüeflieg abgelaufen, ich gratutire," fprach feierli^ Sop^ 
grangorona. 

„3?un, ©ott fei ©auf," fagte «Semen, unbohne mid) nur eines 
S3tideS gu mürbigen, tief er mieber meg. 

„(Sin gunge ober ein SJtäbdjen?" fragte er fd)on nom gture aus. 

„(Sin gunge, ein gunge!" 

„9tun, ©ott fei Sani!" mieberbjolte (Semen unb nerfchmanb. 

SBäljrenbbem beenbete gübifd)na ihre Toilette tmr ber $ommobe, auf 
melier ein alter, fdjiefer (Spiegel in Jlupfereinfaffung ftanb. dtadjbem fid 
um bem S3egräbniffe gu folgen, ein fchmargeS, modeneS Dud) um ben W 
gebunben hatte, marf fie einen mifjbittigenben S3tid auf Staftahfa. 








3J7 


gtüifdjcn bem Cobe uttb bcm £ebett 


//fiat ficö audj eine Seit auSgefud# —■ ift nichts barüber p fagen. 
®en gürften trägt man $inau3, unb it;r fällt e3 ein p gebären . . . D, 
bag $id& ..." 

Qübifdpa fpucfte erbittert aus, unb fidj anbädjtig befreujigenb, fegelte 
fie ben ©ang hinunter, ^aftaf$ja gab ibjr feine Antwort, lädjelte ifjr nur 
befeligt nad). 

3Jtan babete midj in einem £roge, micfelte midj unb bettete midj in 
eine SBiege. 

3 $ fdjlief fogleidj ein, mie ein oon einer langen anftrengenben dteife 
erfd)öpfter Söanberer unb oergafj raäbrenb biefe^ tiefen ©djlafeä alles mit 
mir bis p biefern 2Iugenblide ^orgegangene. 

9tad) einigen ©tunben machte idj als IjtlflofeS, gebanfenlofeS unb 
fdjnxidjlicbeS, p ununterbrochenem Seiben beftimmteS ©efcfjöpf auf. 

3 d; trat in ein neues £eben. 










fjcinrtd] bitter r»on XXeber. 

Pott 

S&ensmann. 

— XPtlmersborf b. S erlitt. — 

> xd) ben S)td)ter «geinridj oon lieber kennen lernte? Surd) bt 
5Ründ)ener geitfdjrift ber SJiobemen: „Sie ©efeüjdjaft". Rebe 
war non ben älteren Sidjtern ber einzige, ber in biefer uri 
anberen mobernen Qeitfdiriften, unb gwar redjt oft, mit poetifcben 33ei 
trägen ersten, lan braudjt nur bie ©ebid)te non Reber gu tefen, un 
man wirb e3 erflärlidj finben, baß bie Qugenb iljn oereßren mußte, bö- 
feine Rtannßeit, feine griffe unb toft, feine gange ftarfe unb ftolg 
^ßerfönlidjfeit ißr rorbilblid) werben fonnte. SXber nic^t allein biefe grifd) 
unb Ratürlid)feit gog bie 3ugenb an. Reber3 £unft ift and; al§> folcf) 
mobern im beften ©inne. ©ie ift wujlidje ßunft, nidjt l)eroorgegangei 
au§ abftraften Reflexionen, fonbern wie erlebt, fo gebietet. 2Ba§ bie befiel 
ber dRoberneu in formeller Begießung erftrebten: 2lnfd)aulid)feit, Ratürlid 
feit, ^rägifion unb ^ßrägnang be§ 3lusbru<f3, Knappheit ber gorm, $lafti 
neben melobifd) unb fjarmonifd) wirfenber Slbtönung be3 RerfeS, be 
©tropfe, be§ gangen ©ebicf)te3, furg, oolle (Sinljeit gwifdjen Qnfjalt un 
gönn: ba§ Me§> bot RebetS ßunft im reidjften Rtaße. @3 war abe 
woljl nod) etwa£ 2lnbere§, wa£ bie beutfd)e Sugeni) P liefern greifei 
Siebter mit beut ewig jungen bergen, mit ber reinen, ftolgen unb ftarfei 
(Seele l)ingog, etwa3, ba§ fie im Kampfe um neue Siele ai§> ba3 eine un' 
ewige giel ber beutfdjen tonft bunfel empfanb, etwa3, ba§ Ijodj über ifj 
ftanb int milben, 2llle§ umfaffenben unb oerföfynenben ©lange: @3 nia 
ba§ ®eutfc§e, ba£ ©ermanifdje, ba§ au§ Reber3 $unft fprid&t, ba§ übe' 
ben Parteien ftebt, ba§ beutfdje ©emütl), ein Sidjten, ba§ au£ ben Siefei 
ber t)olf3tl)ümiid)en Shmft, be3 Rolf£liebe§, ber RolMmllabe, ber beutf^ei 











5\9 


- Ejeinrid; Hittcr t)on Heber. 

(Sage fdwpfte. OaS immer SAoberne fpridjt ftarf aus Gebers ßunft. Ab- 
gelegen twn bem, mag uns bie gnbimbuatität beS OidtferS faßt, liegt 
bierin bie SSebeutung Siebers, welche bie Sitteraturgefdgcßte, bie man über 
untere Seit bereinft fd)reiben wirb, bie fefte Ueberjeugung habe ich, am 
«tarnen wirb. Sieber gehört woßt etwa neben (Beibet, Singg unb Anbere, 
aber noch riet meßr neben Siliencron, SAidßael ©eorg J^onrab, Stidmrb 
Deßmel unb ©uftan gälte, ©eine ßunji repräfentirt mit ber SiliencronS 
unb galtet bas beutfdjwotfsthümlicße Element innerhalb ber mobernen ßunft. 
3Bie bieS 51 t nerfteßen ift, mirb noch flarer aus folgenben Ausführungen 
unb (Eitaien werben, gier fei pnäcßft Siebers Sebeutung feftgelegt. ©ine 
befonbere 53ebeutung erhält feine ßunft noch einmal jeßt, ba man überall 
luteber an bie bentf^e Orabition bireft unb bewußt angufnüpfen fucßt, ba 
eine neue SBlütße ber IBaUabe, ber geimathsfunft beuor^uftehen jcßeint. OaS 
ift ber befte beweis bafür, baß Siebers ßunft ©wigfeitSgeßalt, in biefem 
Sinne, birgt, gdj bin ber Ueberjeugung, baß riefe non ben jüngeren 
Dichtern — unb id) fpredje hier aus eigener ©rfaßrung, — non iljm ge* 
lernt haben, unb nicht §u ihrem ©djaben. 

SieberS Äuftft wädßft aus bem Seben beS OidüerS empor. OiefeS 
Dichterleben muß baßer berjenige, ber ficß mit Siebers Oicßtungen be* 
Saftigen will, genauer teuren fernen. ©S war ein nietbewegtes unb bietet 
'cßon, rein vom menfd)tid)en ©tanbpuntte aus betrautet, riet beS gnter- 
effanten. giß folge in meiner Oarfteüung beS SebenS Siebers ßauptfäcßtich 
Den Ausführungen ©ruft ÄreowStiS, ber ben ©icßter perfönlidj fernen ge* 
rrnt ßat (rgt. „Breslauer SftonatSblätter" gaßrgang 1892, SJiär^, SMv 
mb gunißeft, ben Artifel^reowStiS „Sitterar^efeÜfcßafttidheSauSSJiünchen'O. 
SS fei rorauSgefcßidt, baß geinricß Siitter von Sieber feit gaßreit als 
Dberft a. O. in SAüncßen lebt. ©0 fcßitbert ißn toowSfi: „Oen ©cßlapp- 
)ut energifcß in’S fcßarfmarfirte ©efidjt gezogen, barunter blißenbe geuer* 
tugen; fräftig gebogene Abternafe, grauer ©dptau^ uub ^nebelbart; eine 
ioße fcßlante ©eftalt mit bem um bie feßnigen ©lieber gefcßlagenen Sßetter^ 
nantel nach militärifcßem gufdjnitt — poß 33liß: ein Original, ein ^racßt- 
erl! SBäre er jemals in ©urer Sftitte gewefen, ber erprobte gaubegen! 

blißte unb wetterleuchtete es bann balb ßim unb herüber. Oie gungen 
a§ / gl)t gungen, $ur Siebefcßladjt! geigt, was gßr tonnt. Siidßt lange 
eplänfelt. £ein btaubunftigeS ©eflunfer. Oßatfacßen, Oßatfacßen! klingen 
rab aus! gaßaßa, er wäfdßt ©uch gehörig bie ßöpfe, er btißt ©udß niebcr! 
ihr grollt? ©cßmungelnb brennt fidj „Aßotan" eine frifcße ©igarre an unb 
eßnt ließ im ©effet. Siur feine S]erfnöcßerung, nur feine ©reifenßaftig- 
; it. Söo jugenblicße geuergeifter fcßarf aufeinanberplaßen, ba ift feine gm 
eßörigfeit. ger, gßr ©eifteSfämpfer, junge unb alte, wenn ©udj ©cßaffenS? 
’eube bie ©eele fcßwellt! ©r ift ber ©ure, gßr bie ©einen!" Oiefe non 
^licßer S3egeifterung eingegebene ©dßilberung mag baS Portrait beS 
'lenfehen Steber noeß beutlicßer erfdjeinen taffen. 




320 


ßans Bergmann in rDilmersborf bei Berlin. - 

lieber ift ttnterfranfe. ©a§ frühere NeidjSfläbtdjen üReüri^ftabt ift 
feine fieimat. .gier mürbe er feinem Sater, einem ©erid)t3ar§te, am 
19. Niär^ 1824 al§ ber nierte ©ohn geboren, ©eine Vorfahren batten 
im Nufe grober ©elefjrfamfeit geftanben. ©e§ ©id)ter§ ©rofmater, ©oftor 
ggna^ Neber, fo ergä^tt ßreomSfi, mar ein grunbgetebrter 2lrgt unb freU 
mütbiger ©cbriftfteUer; „babei ein Wann, beffen ganzes Wefen flaffif^ell 
©röbe atmete, beffen Renten nnb £anbeln au§ einer für greiheit, Wenfdp 
lidjfeit unb Saterlanb gtübenben großen ©eete flog/' Nm 30. Nuguft 1796 
mürbe er burdj frangöfif^e 3Jlarobeur3 unter gourban meudjlingS erhoffen 
(man uergl. hierüber teora§fi§ Nuffafc: „©in Sergeffener", Nürnberger 
Slngeiger Nr. 838 u. 342, 1891). gm elterlichen fiaufe Neberä berr^te 
ber ©eift ber flaffifdjen Gilbung, bie lateinifche ©pradje mar gemiffermafeen 
Umgang§fprache jmiföen ©Itern unb ®inbern. ©er Sater mar ben Äinbetn 
auch ber befte Sebrer für ihre humaniftif^e NuSbilbung. Neber befugte 
bie Sateinfchule unb bie ©pmnafien gu ©d)meinfurt unb Nfcbaffenbnrg, 
metdje er mit größter Nu§geidjnung abfolnirte. ©ie malbreidje unb natur? 
frifdje Umgebung feiner Heimat unb poetifd)e3 ©mpfinben hatten in ibm 
bie Vorliebe für bie Naturmiffenfdjaften erroedt, unb fie mürben e§ benn 
and), benen er fid) auf ber gorftafabemie gu Nfdjaffenburg eifrig mibmete. 
Nadjbem er biefelbe abfoluirt nnb ein gabr al<§ «ßraftifant im äußeren 
gorftbienfte »erbracht hatte, befudjte er bie llnioerfität Ntüncben, um feine 
©tubien in nernoüftänbigen. ©r mar bei größtem gleite fein ©tuben« 
hocfer, in ©egentljeil, er mar gern bort, mo ba3 Seben fprubelte unb 
fdjäumte, er mar ein nirtuofer ©än§er, ©djmimmer, ©djlittfchuhtäufer, 
Neiter, nor SWem aber ein unüberminblicher fiieb* unb ©tobfechter, ben 
geber auf ber^Niettfur fürstete, unb mar bei ©tubentenfommerfen gumeift 
al§ ©precher an beriete, ©enior ber Surfchenfchaft §ubertia, ift er iljr 
eigentlicher Segrünber geroefen. ©a fam ba3 gabr 1848, e§ rief if)tt, 
ben bantalä gerabe Wehrpflichtigen, §u ben Waffen. Nb er an bemfelben 

©age, al§ er in bie ^aferne einrüden füllte, mürbe er auf ©runb feiner 
©tubienjeugniffe §um Leutnant im 1. 2XrtüIerie=^Regiment ernannt. §ier 
in Niünchen fanb er halb Serfebr in litterarifdjen Greifen unb Nnb 
nähme in ber ©efeüfchaft „fßoetemSerein an ber gfar". ©iefe ©idfter 
hatten ihre gufammenfünfte im fogenannten NpoHofaat ber altmündjener 
Siermirtbfdjaft „§um grünen Saum", ghr $rei§ beftanb nur au§ 
menigen Nfttgliebern. ©iefe maren: Nuguft Seder, ber ©ichter be£ 

gungfriebel; ber Segrünber ber ©efeüfdiaft Dr. Ntebicuä, ber unter bem 
Namen g. feiler fdjrieb; ber ©ialeftbichter Dr. ^anfofer; Heinrich Neber; 
beffen Sruber gohann Saptift; $arl Walbemar Neumann, ein Waffen« 
unb ©angeSgenoffe Q. Neber3; Seonljarb Wohlmuth, ber Serfaffer ber 
baperifchen ^önig^hparne, unb Dr. ©obmann, ber Sater ber befannten 
©djaufpielerin grieberife ©Obmann. Neber blieb ber militärifdfen Sauf« 
bahn getreu, aber er ftubirte unb bidbtete eifrig fort nnb betrieb au$ 






tod) fpöter, afö er C&erteutnant getoorben war, baS ©tubium ber 2Merei, 
u melier ißn ein außergeroößnlidjeS latent befähigte, ©ein Seiner mar 
er betonte Sanbfcßafter 3Mer. 1854 gab er mit feinem greitnbe 
ßaibemar iitenmann ein 83änbdßen ©ebießte unter bent Sitet: 
©olbatenlieber non jmet beutfdßen Dfftgieren" ßerauS, melcße 
d) in miiitärifcßen Krcifen großer Seließtßeit erfreuten unb gerne gelungen 
’urben. 1859 ließ er einen 348 ©eiten ftarf'en 33anb „©ebießte" erfeßeinen. 
Bering non DSfar Sefemfelber, «Memmingen.) Macßbent «lieber 1861 ein 
Sänbdjen ©ebidßte feine® ffreunbeS, beS 2lrtilTerie=Dffi$ier3 ©eorg '«Beßet, 
uä beffen «Jiacßlaß ßerauSgegeben ßatte, neröffentlicßte er eine Wonograpßie 

ßaperifeßen SBalbeS unter bem Xitel: „®er Barjerroalb, gefdßilbert 
nb illuftrirt non .Schuld) Siebet." 

Unterbeffen ßatte ließ, begünftigt non bem Innftiiebenben König «Kap II., 
ne neue Künftiergemeinfdßaft in «Diüncßen gebilbet, unter bem «Hamen: 
<Dte Krofobüe". ®er König feibft ßatte bie ßerüßmte „£afetrunbe", bie 
3- »w Kautbadi auf einem großen Detgemäibe feftgeßalten bat, baS fieß 
« üayimitianeum beßnbet, gegrünbet. Um in äroangtofer «Seife noeß 
tßerbem miteinanber nerfeßren ju tonen, batten bie Künftter noeß eine 
oeite ©emeinfdßaft gefeitbet. ©ruft KreoroSfi erjäßit über bie ©ntfteßung 
-3 SereinS „ber Krotobile" feßr niei Suftige® (ngt. „33re§iauer «Dlonato 
ätter 1892, ©eite 42). ®ie Steraniaffung ju biefent fonberbaren «Hamen 
it rooßi bas folgenbe fßoem Hermann SinggS gegeben: 


3nt heiligen £etd) gu Singapur, 
a liegt ein atte§ ^rofobtl 
ott äufcerft grätntidjer Statur 
tb faut an einem ßoto§ftiet. 


©§ ift ftocftanb uttb oöttig blinb, 

Unb tnenn e§ manefjmat friert be§ üftad)t§, 
$ann meint e§ bitter tote ein ®inb, 

£>ocf) menn bie Sonne fdjeint, bann tad)t’3." 


^)ie§ @ebi<$t, fo ergäbt KreoroSfi, nmrbe atebatb in ^oetenfreifen 6e= 
nht unb gab and) ©eibet bie Anregung §u bem tuetgefungenen 
tubententiebe: 


„©in tnft’ger SJhtfifante 
Spazierte einft am üftit, 

0 mores! 

®a froef) mobt au§ bem SBaffer 
@in grofceä tofobil, 

0 mores! 

£a§ mottt’ ifjn bab berfdjlingeit, 

SSer toeife, mie ba§ gefdjab), 

0 tempo, — tempo, — temporal 
(Mobet feift ®u jeber^eit, grau üßufifa. 


tiefer ©efellfdjaft ber „^rofobite" gehörten unter Ruberen ©mannet 
-ibet (Obmann), $aut feer) fe, feanZ Hopfen, 3utiu3 ©roffe, «geinridj 
;Utt)otb, griebridb ‘öobenftebt, getip ©a$n, SBilfjetm fierfe, ©raf non 
;5ad, Hermann Singg, D<Sfar x>. ^ebraife, & SB. Victor v. Sdjeffet, 
tron Robert non ^ornftein, ber bekannte Sieberfomponift, unb mete 





3 22 


fjans Bergmann in IDilmersborf bei Berlin. 


Inbere an, and) «geinridj Sieber, barnalä fiauptmann. Qd) tieft mit $lb 
ficht biefeö reiche unb fröhlidje Bitb roieber aufleben, um ba§ Seben unb 
Sßefen unfereS Siebter^ näher gu d;arafterifiren. Qn biefem Greife tarnen 
bie bid)terifd)en (Srgeugniffe ber 9ftitgtieber pr Berlefung. geierlicheä 
©chtveigeu b)errfc£)t e iebe^mal, menn ©erbet bas> ^ßobium beflieg, fd)on bama(§ 
mar er ftolj auf feinen 9M)m, ben er bei allen Badfifdjen Seutfchlanbä 
genoft. Sie ©efetXfc^aft löfte fid) auf, nadjbem fie gmangig Qahre fegend 
reich gemirtt hatte, «geinrid) Dteber hat i&r @ube in einem humorvollen 
Keinen ©ebidjte befungen: 


Sie 3ett ift längft Vorüber, 
Stfö fdjWarttm ba§ „ßrofobil", 
3u TCndjen in beut Reiche, 
©ntflol/it bent trüben s JHf. 


3tt einer buntlen Kneipe 
@3 iämmerlid) Verfdjteb, 

Sod) hört man nod) btStoeilen 
23ott ihm ein alte§ Steb. 


©obalb andb bte§ öerfc^ollen, 

Sann wirb ber Seid) sunt Sumpf, 
Unb in bem Setdje feiern 
©ibedjfen ben Srttttnpf)." 


Sind) fonft hat dveber bie ^rotobile mannigfad) befangen, ^reoradt 
theilt ein fehr humorvollem, launigem längerem ©ebicht an angegebener 
(Stelle (©. 72—73) mit. >, • 

DIeber hatte unterbeffen auch alm ©otbat manchem burdjgemadjt. 1866 
nahm er Shell an ben ©efedjten bei Dtoftborf unb 3 e ^e, Stiffingen, 3io^ 
brunn unb ^ettftebt. ©efdjmüdt mit bem ^Jiilitärverbienftorben II. klaffe, 
aber bie SBruft voll bittrer (Shupfinbungen, tehrt er heim. (Sr machte batauf 
eine ©tubienreife nad) (Spanien, befugte Gibraltar unb bie -ftorb^üfte 
2lfrifam. Qn ©panien lernte er bie Remter näher fennen, bereu Sehen 
unb Sßefen er in manchem Siebe verherrlicht hat. Sn ftideut ©(hoffen 
verbrämte er bann bie uächften Qahre, bim ber $rieg 1870/71 auch ihn 
rnieber p ben Sßaffen rief. Sie im Sabre 1891 erfdjienene „©efdjidjte 
bem königlich Baperifdhen britten gelb=2Irtitterie=9tegirnentm Königin fintier" 
(bearbeitet von Suitpotb Suft, .Jgauptmann in biefem dtegimente, Vertag 
Sheobor Sldermann, SUtündjen) giebt Sluffchluft über bie rühmliche 2lu^ 
pidmung ber von ihm fommanbirten 8. Batterie. lieber hat feg^eljumal 
im geltet geftanben, fo audj bei Beaumont, 9?emiüp, ©eban, Drleatrö, 
ßoulrnierm, Beaugencgsßrauant. Sw ber ©d)lad)t bei Beaugenct) am 
8 . Se§ember mürbe er burd) ein ©haffep>ot=©ef(^o§ vermunbet unb fatupf* 
unfähig gemacht. Ereornmfi theilt ein paar prächtige £riegmgebid)te 91eber§ 
mit, bie in ihrer diealiftif unb fräftig inbtvibueHen ©chilberung, weihe 
unm bie gro^e fur^tbare ©timmung ber ©ct;tadht fd)on burch bie erften 
geilen fuggerirt, nur noch etroa in ^riegmgebidjten Siliencronm unb be|j 
fd)lefifd)en Sid)term unb -JUitfärnpferm dieberm Sheobalb s Jtöthig (man vergl. 
namentlich bem letzteren prächtige ©ebidde „Bei ©ravelotte" unb „2luf bem 
©djlachtfelbe von dftarm la Sour") ihres gleichen finben. @m märe intern I 






eiTmtt, einmal bte EriegSpoefte ber genannten Sidfjter, bie roirftidie ißoefie 
{ein £ttrrafegefcferei unb fein a&ftrafter ©tngfang ift, pfammenpftetten 
nnb tmtemanber p nergteidjen. 3# möchte roenigftenS eines biefer 
©ebicfjte DleberS — gevabe fie finb unbebingt djarafteriftifdj für biefe 
frafttge ®idjterinbit>ibuaiität — tmtfljeiten. 3ßit 3fed)t roeift EreoroSfi auf 
ben fdjneibenben Eontraft non ®ob unb «eben in beut fotgenben @e' 
biente lfm: 


2tor ^öaseilleS int Straßengraben 
Sag erftarrt ein junger Säger, 

©titer öoit beit blauen Teufeln, 

®ie bet Betßenburg gefönten, 

Stuf beut braunen Obel fdjtoantmm 
©eine braunen SUngedoden. 

Unb fcaätotfdfjeu gingen fd^miertg 
©iftig grün Kartoffeltnoden. 

©röfeer Faum tote 2JtormeIfd)uffer, 

®ie ben Kinbertt finb ein SfrieltoerF, 
©rub er fie beim galt tm 2ftarfdje 
3Jlit ben Ringern au§ bem gelb. 
Slufbetoabrt für’3 nädjfte Boouaf, 
Baren fie am feinem 23rot[ad, 
er führte, au§geroitnen 


2lit ber ©rabenböfdjiutg lagen 
^andjer XurFo unb Suaüe 
Otetf tu ifjren $luberljofen, 

Sn ben £>änbeu ttodj ben (S&affejJot. 
Sbre fen^teu ^etorattonen 
gingen au§ ben 23ted)gefd)trreit 
©ran unb ftumjjig am Sornifter, 
Keffer faum als bie Kartoffeln. 

§ier nnb ba braunrote tupfen 
Klebten auf beit Uniformen, 
ed)mu£bebedt Oout ©taub ber @tra^e 
Unb bem lebten Sagerbl^. 

Oobn ber Silben, Oobu ber Büfte, 

Ou üerlorn’ $arifer Kinb! 

Zimmer fattn idb ©ud) bergeffen 
2JUt bem SSbienfledgefidjt. — 


Sn ba§ ©olb bon feinen Soden. 


Sßlaubernb ritt eilt Otab boritber, 
Bar gefolgt bon einem Bageit, ' 
Slngefüdt mit Otenftpabieren, 
^otbtoetn, Schufen nnb Konferoe 


^ ^ ner ^nuunbuttg feljrte ^eber Ijetm. Slußet bem 

fömüdfen nun noch ba<§ auf bem <S$ad&tfeIb erworbene ^ittertrein 
• unb bas eiferne Ereu ä II. klaffe DleberS Stuft. 1871 tnurbe er ad 
-taior pm 2 2lrttIIerie={Regiment uerfefet. 2ttS DBerft ging DIeber roegen 
es äugenietbenS in {ßen)ton. ®en perföntidjen Stbet tjatte er mit bem 
%=3ofepIpDrben ({Ritterfreuj) ermatten. 

L ß n6 ^ efaer einige neue Sucher fjerauS. 3m laftre 1885 

»eberje^nungen aus {ffialb unb glur". {Reber Bat bas „nonum 
rema ur in annum“ mefer als nötfeig beamtet SRadjbem ber erfte $8erfitc6 
f öeberjet^nungen feerauSpgeBen, burcB ben Sanferott bes {ßertegers - 
Sogen mären fefeon gebruett — mifegtücft mar, tiefe ber ®idfter fie 
mrunbäroansig Safere feinburdj in feinem Sßulte liegen Bis pttt Satire 1885. 
eipitdj nerfiält es fiefe mit ber ®icfetung „SBotanS fieer", meiere 1892 
Dreien, Bet {ßterfon) erfefeien. 1853 featte {Reber bte prächtige ®i*tung - 
t Sanbau tu ber {Rfeetnpfals Begonnen unb im DftoBer 1886 auf ber 
ottmannSfeöfee am ©tarnBerger ©ee »offenbet. ®ie ©rünbe für biefe 
rrsogerung lagen anbererfeitS aber aud) in ber militärifcfeen iBefcfeäftigung 
•« Stüters, roetcfee ifem fetten Seit p titterarifdfeem ©Raffen geftnttete, 

^orb nnb ©üb. IC. 297. 22 





324 _ §ans'Sen 3 mann in tPilmersborf bei Berlin. - 

- 

unb audj in ber Ibfidit beg ®id)terg, nur mit «ßoefieen, roetdie er nad) 
eigenem firengen Urteil für gelungen hielt, uor lag «ßublifuin ju treten. 
Siebet neröffenttidjte nodj: „©otbatenlieber non brei beutfäjen 
Offizieren", Sluggburg 1893, (SSertag ber 6. Sieic£)enbad)’fd)en 8uM 
bruderei), „Siottjeg unb blaueg Shit" (Vertag Dr. SCIfeert u. ©o., 
gjitincfjen, fefet ©dufter unb Söffter, Berlin), „Sprifdjeg ©fizzenbud" 
(jetst ebenfalls bei ©dufter unb Söffter) unb „Wein SBanberbud'’ 
(SSertag Way Sßofilfart, Wünden; teiber ift lieg Sud roegen 93anferotte§ 
bc§ SSerlegerg garnidit int fßudhanbet erfdiienen). 8n ber „©efetlfdiaft" j. 
unb mehreren anbeten Igtifden SBlättern finb miiljrenb ber leiten Satire 
eine groffe 3tn}a()t non ©ebidjten non Siebet erfdiienen, melde er big je|t 
in einem fBanbe gefammett batte, aber nad) ben trüben ©rfafirungen mit 
ben SSertegern unb ben beutfd)en Sefern nidjt berauggeben mag. ©erabe biefe 
©ebidfte, fotneit id fie aug bet „©efettfdjaft" unb anberen Seitfdriften 
feuue, getjören zu ben beften unb fünftterifd) reifften Sieb erg unb zeigen 
ibn nod in ganz anberem Sid)te tnie bie in beit 33üd)ern neröffenttiditen. 

®ie im Sabre 1859 erfdiienenen „©ebidite", bag ©rfilinggroerf 
Sieberg, zeigen bie ®igentt)ümtid)!eiten beg ®ic£>terg fc^on in ftart «ug= 
geprägter Weife. ©g ift ein reicfgeS unb tiefeg 25ud), bag fid non jeife 
genöffifdien äbnlidgen Werfen einmal burd bag ftart SSerfönlidje unb Snner= 
liebe, bag fid) in liefen ©ebid)teu augfpridjt, bann aber burd bie 2trt ber 
fiunfiaitffaffung, burd» ben groben Sieidjtbum an mirftid ftimmunggnoEen, 
metobiöfen unb fid) burd) lebenbige 3infd)autid)feit attgzeidmenben Siebern unb 
SSattaben im ed)ten notfgtbümticben Mabenton unterfdieibet. Wan finbet 
in ibnt Inf tauge an feilte unb bie Siomantifer; in liefen Bügen aber er= 
kennen mir mehr ben Seitgeift alg eine beraubte ober unberoufste Wufe 
abmung. Siebetg Satent ift non Anfang an ein fo originelle^ unb frutbl 
bareg, " etn fid) fo reid) ergiebenbeg, bab eg einer Meinung unb ®tü|e. 
nidt durfte. Wan mub ftaunen über biefe Sieberfülle! ®ie ganze 
fugenbticbe grifde bet ©mppubung, atterbingg aud) fitgenblicbe ©ntpfmb* 
famfeit, fornrnt in liefen nieten Siebern jum Stugbrucf. Sieber bat fpäter 
originellere ®öne geftmben, bie fräftiger unb and) ftimmunggnotler roirften; 
aber niematg raieber b«t et fo fe|r ben ®rang gehabt, fid» unmittelbar 
Zit offenbaren. (Sg raat bie Beit ber fugenbtid)en fSegeifterung, ber über* 
ftrömenben ©efübte, ber Sbeate, ber Hoffnungen, ber Siebe: 


9Jtetn .^ers tft mie ein tiefer 0ee, 
33ou SBalbeSgrün umfaumt, 

3n beffert $Iutf) bie fctjbitfte fyee 
3nt 3)ionbenfd)eine träumt. 


2luf feinem ©ruube ftefyt ein £d)lofc 
35ort ©belfteiit unb (Mb, 

®artu id) treu bie $ee üerfdjlof}, 
SDiein £iebdjen immberljolb. 


SBetdje 3 ar ^^t, welche SJtelobtf bet Sptaclje unb roelc^e 5vMe ber 
^ßljantafie, gebannt in ein fletne§ einfach Sieb, tnie e§ äfjntid) bie 
fanget fangen, äfjnlidj bie Sftomantifet, cifynlid) bie SDeutfcfjen immer wieber 






^ctitrtd? Hitter von Heber. 


325 


fingen «erben! 216er man nergleide biefeS Sieb mit fpäteren unb mntt 
tnitb tm SConfaH unb im ganjen Slufban, in ber «piaftif, bie Ijier aller- 
bing§ und) nne Filigranarbeit anmutbet, fcbon ben ©idter ber «nrifcben 
©tiSäen“ unb „Feberpidnungen" reife berauSE)ören. Qcb bebe sunäcbft noch 
bie anmutfngen ©t)«en: „©er galfonier" unb „Dliua bie Sigcuuerin" 
beroor. biir biefe albernen, bie übrigens jeitgemäfj nmreit unb auf bie 
Komantif prücfmetfen, anbererfeits aber fiinüberleiten pr ffadien Kontanti! 
eine» putinä SBoIff u. a. unb auch pr roinantifd fociateit 33ettler= unb 
Sßagabunbenpoefie^ j. 33. einer 3lba ©briften, batte lieber non Slitfang an 
eine getoiffe Vorliebe, fo bag fte immer roieber, fei es Cprifd ober epifcb 
ron ibm uerroenbet «erben, ©s finb ibm im ©iupinen in biefer %t 
f^iöne Sieber gelungen, im Mgemeinen aber imegt gier baS Kbftrafte unb 
öentimeniaie nor, unb mir «euigftens finb bie fräffigen Sieber in SanbS= 
EnetfitSton unb bie ©olbatengebitfite niel lieber, Fd' möchte aber bod ein 
ungemein iprtfd empfttnbeneS Sieb aus bem ©nfluS „Dlioa" hier citiren 
bas «unbernoEe, «ie «Kuftf mirfenbe ©dlummcrlieb: 


Sd)tumm’re, Stinb,. eg rinnt ber iBacii, 
£rüb unb traurig rinnt ber 23 ad). 

Sie bie Setten riefetnb rinnen, 

M mein ©ebnen, ad mein ©innen 
^iunt in Kranen, mit bem 23 ad). 

©dfifumm’re, $inb, eg fingt ein ©d&toan, 

©terbenb fingt im ©c^ilf ein ©djman. 

Sm ber £äufcf)img $feit getroffen 
M mein ©tauben, alt mein hoffen — 

©terbenb, fterbenb fingt ein ©dfjtoau. 

38ie hier mit ben ©mpfinbungen ber «Kutter bie ber Katar nerrooben 
nb unb alte» ©mpftnben gteidjfam in ©ine§ pfamtnenttingt unb träumerifd 
ertlingt unb nermebt, — ba§ ift Ijobe fprifde fiitnfi! Sefonbers fei bin= 
erotefen auf bie prächtigen «Karden unb SMabett, bie man in ben ©nften 
-rraumgeftatten", „Qm «ÜBaib unb auf ber tgaibe" unb „(Sagen" 

;nbet -.. Hjllen 5 ei St f'd beutiid KeberS fiarfe, edjte Begabung für bie 
'OlBtfiimitide «BaQabe. ©ine ber fdönfien 33atlaben, bie er gebidtet fiat 
nbbie M) fenne, ift „©er arme ©ünber". ©ie ©röfje unb Urfprüng* 
dfett bes ©afenteS KeberS fommt in ibr, fmuof)I in ben eimeinen 
«menten «ie in bem ganzen Sfufbau unb namentlid and in bem nntuber= 
au natüiiid ftdj ergebenben ©ding, ber bie (Spannung gleidfant nod 
'da fpannt, olnic in eine geiftreide «ßointe p neriaufen, nnlt pr Dffem 
nung. Fd ntödte baS ©ebidt trog feiner Sänge hier gaitj citiren, sumal 

) glaube, baf; man biefeS ältefte ©ebidtfmd KeberS faum mehr im 
udbanbel erljält. 


re, stmo, es metjt Der ^5tnb, 
Seife Satter metjt ber Stnb. 

Sie fte fttegen, lote fie f daneben, 

2ttt mein Sieben, alt mein Sebeit — 
Seife Blätter toefjt ber Stnb* 


22* 





326 


£|ans Bergmann trt IPtlmersborf bet Berlin. 


Stuf ober £aibe ragt baS &o<fjgeri<bt 
©efpenftig in bte Stacht hinein, 

©rbeüt üom smetfelbaften SCtlortbenltd)^ 
Sreibeinig auf einem Straus üon Stein. 

Unb flappernb au bem feMgexnett ©efted, 
S3om Sßinbe fyn unb her gefdjmenft, 

Bft bod) hinauf ein fdjlotternber ©efed, 

Sin banfgebrebtem Strid geteuft. 

®ein Singe marb bei feinem lebten ©ang 
S3on einer Xbräne füll betbaut, 

23eüor er bon ber Seiterfproffe fprang, 

§at ftetjenb noch fein Slug’ geflaut 

©§ ftanb ringsum ein bicbtes SJtenfefeenbeer, 
Sotoeit, fomeit er traurig fab; 

Sa marb bem armen 29urfdjen baS §er§ fo 

f «ferner, 

Stein einziger ftreunb mar fern unb nab- 

g^idbt SSater unb Butter, nid)t Sdjmefterlein, 
.teiu trüber unb fein treues Sieb, 
tein einziger $rettnb in ad beit bidjtenSteib’n, 
Ser treu im Unglüd ibm berblieb. 

Sa bat er ftatt %vl beten milb gefinkt, 
Sem Später geflucht, ber {fett gezeugt, 

Sa bat er ftatt m beten milb geftudjt, 
Ser SJtutter geflucht, bte ibn gefangt. 


S i't it b e r. 

©efCud&t beS SageS golb’nem Sonnenftrabt, 
SeS blauen Rimmels frifcber ßuft, 

©eftudjt bem Sßalbgriht unb bem SBiefentljat, 
Sem Vogelfang unb Humenbuft. 

Ser Pfaffe fpracb 3 n ibm üom gütigen (Sott j 
Unb feiner Stdbarmbergigfeit, 

SaS büufte bem inngen Hute mie §obn 

ttitb Spott: 

„S3armbergigfeit, mie bift Sn meitl" 

Sie Beit ift um, ttod) einen einigen Htcf 
Stuf alles Beben um ibn ber, 

©in Stofe hinab, öoIXbradbt ift fein ©effeicf, 
Unb ringsum marb eS ftill unb leer. 

@o btng er brobett fdjon ein ganges Safer, 
SSom Stegen unb üom Sf)au gebleidjt; 

Um tbn herum bie finft’re Stabeitfdjaar 
9)Ut beifrem Strädjgeu freifettb ftreicfet. 

So hing er beute bis m Sditternafet, 

SllS über bie §atbe bie SöinbSbraut fprang, 
Safe im ©efnge baS ©erüfte fracfet 
Unb febril! serrife ber morfebe Strang. 

Bu föobeit ftiixgt baS ©erippe gerfcfeetlt, 
Ser S«feäbel rollt üoit Stein 3 U Stein, 
Unb burd) ben Sturm ein milber 2Seferuf gellt, 
SllS fluche mteber baS Stlapperbein. 


2 Ief)ultcf) icfiörtc Saltaben finb „®ie wUbe ffahre", „®e? äbtnb- 
mutler? ®öchtertein", „3?an" unb „®er % riet enhäufer See". 
58on Märchen feten genannt: „König Gäberief)“, „(pertmütterlein 
unb ba? ganj prächtige „®a? ®onnerroetbdien y< . SL'ietfnd) hat bei 
®i($itcr ju biefett Sk (laben unb Wärmen rootit Sagen feiner fräntifetjeu 
•geturnt nenuenbet. — ®ie noct) übrigen Gatten be» (Buche? „Sanbk 
!necfit?lieber", „®er putrid)" unb „Im ©adjtfeuer" finbet man burcf) 
nod) c£|ara¥teriftifcfiere Stüde erweitert, audj in bem fpäteren Midjleui 
„Solbatenlieber". ®tefe ©ebidite, bie meines ©rächten? einen §öf)epuntt 
im Schaffen be§ ®icf)ter? bebeuten, werben bei ber (Betrachtung ber weiteten 
©ntwicflung Sieber? ausführlich befprodjen werben. 

®aä nächfte ©erf (Heber? ift bie Monographie be? Baperifdjen (ffiatbes: 
„®er (Baperwatb" (1861). Sch lernte ba? ©er! nicht, ba e? im Süffle 
hanbet (eiber vergriffen ift. ÄreowSfi rühmt an angegebener Stelle ben 
gtemjenben (profafiit, bie gemüthuotten, walbfrifdjen Sdiitberungen, bte 
patriotifdje ©tone be? (Bortrag?, ©r gtebt auch ein (fSrobeftücf ber poetu 








I 


- tjetnridj Hitter non Heber. - 327 

fdjen Sdjilberungen, baä idj Ijter ebenfalls wiebergeben möchte: „QerSBalb 
fdjmüdt, erljält unb näljrt ben S3oben. SJtit riefenbaften gädjem bewegt 
er bie Suft in unaufljörlidjer (Strömung, ©rftidenbe ©afe atljmet er ein 
unb Ijaudjt fie nerroanbelt au3 als Suft be£ Sebent für Dienten unb 
?TE;iere. SSon feinen blättern träuft bcr perlenbe Qljau, burcfj feine Styale 
luattt ber bnftige hiebet unb lagert ftdj über feiner grünen tone al§ 
regenfpenbenbe SBolfen, au3 feiner Siefe fpringen bie Quellen unb füllen 
bie glüffe ber ©bene. SB a§> märe ber „SBalb" ohne SB alb? ©ine lang« 
meilige tote non «bügeln unb S3ergen, ein S3tlb oljne garben, eine 
Bcper oljite Saiten, furz, ein Sanb oljne Sdjönljeit unb ^poefie". Sieber 
fdjilbert in feiner Sdjrift ferner ba£ SBefen ber einzelnen SBalbbäume, ber 
■SHrfe, Qanne, Sktdje u. a. Qem S3udje ftnb nach geidjnitngen Sleber.3 
golzfdmitte beigefügt. 

Sdjott im Qafyre 1854 Ijatte Sieber, mie bereit» bemerft, ein SSüdjlein 
„Solbatenlieber non pvei beutfdjen Offizieren" (©. SB. Sleumann unb 
g. Sieber) Ijer angegeben, ebenfo im gal)re 1861 bie ©ebic£)te feines 
igrcunbeS ©eorg S3e|et au§ bem Sladjlafg beSfelben (23e£el, ebenfalls 
Offizier, mar in Schwermut!} nerfallen unb Ijatte fidj im galjre 1857 in 
dug^burg erhoffen). Qm Qaljre 1893 erfreuen beibe Sammlungen in 
mtern 33nc^e unb burcb ©ebidjte SleberS nermeljrt in neuer Stuflage unter bem 
Oitel „Solbatenlieber non brei beutfdjen Offizieren" lierau^gegeben 
ton ^einricE) non Sieber (Slug§burg, SSerlag ber ©. Sfteidjen&adj-fäjen S3udj« 
truderei). ©3 fei norau3gefdjidt, bafj audj ber anbere greunb, ber Qnfan« 
:erie;Offizier ©arl SBatbemar Sleumann, ein tragifc^eS ©nbe Ijatte. ©r er« 
’djofj fidj im Qaljre 1888 in SlegenSburg offenbar in einem Slnfalt geiftiger 
Störung. Qa§ S3üd)lein „Solbatenlieber" ift zunädjft beS^alb fo intereffant, 
»eil fidj in ben Siebern ber brei Offiziere brei ganz nerfdjieben geartete 
perfönlidjfeiten offenbaren, aber in fo glücflidjer SBeife, baß biefe Sieber 
it ihrer ©efammtljeit gewiffermaßen ben ©efammtdjarafter ber beutfdjen 
Solbatenpoefie z um Slu3brucf bringen. So gefällt fidj Sleumann auf bem 
ngbegreuzten gelbe ber gemütlichen tof erneu« unb Sagerpoefie. ©r lebt, 
rinft unb fingt mit ben gemeinen Solbaten. ®eorg S3e|el bagegen ift 
ine tief angelegte, grüblerifdje Slatur. ©r ift ber Vertreter be3 großbeutfdjen 
pebanfenl non ben Oreien. Seine Sieber ftnb Klagen über bie ßerriffenljeit 
bamaligen Oeutfdjlanb, fie ftnb burdjglüljt non tiefer, Ijeißer States 
anbsliebe unb non ber Seljnfudjt nach befferen guftänben. Sieber, ent« 
Rieben ber S3egabtefte non ben Qreien, fingt edjte Solbatenlieber im SMfSton. 
5eine ^poefte ift bie be3 gelblagerS, ber Sdjladjt, be3 SßatrouillengangeS, 
Solbatenlebenä im Kriege, ©r fdjilbert bie ©mpfinbungen be3 einzelnen 
Solbaten nor, mäljrenb unb nadj ber Sdjladjt, er giebt toegg«($enrebilber. 
5eine Sieber ftnb außerorbentlid) frifd) empfunben, eine berbe (Befuubljeit, 
ra ffe Slealiftif, ein trodner «gurnor, ber Sapibarftil ber edjten nolfstlgüm« 
Sjen, anfdjaulidj wirfenben unb melobiöfen Solbatenlieber finb bie c^araf« 




328 


fjarts 23entmann in IDilmersborf bet Berlin. 


tcriftifduften ©igenthümtidjfeiten biefer ^ßoefien, bie mit bas SSefte bieten, 
tnaS Sieber gebietet bat. Debets ©ebichte verfallen in mehrere 2X6fd^nitte, 
non betten jeber in ficft jufammenhängenbe Sieber enthält. „©ie Sanb& 
Inerte", „©er gähnridj", „Qm Stegreif", „31 nt Sagerfeuer"J 
„3nt grieben". 3Iuf BeberS prächtige Sanbsfnedjtlieber möchte ich bei 
ber Betrachtung be3 ©poS: „Bßotanä §eer" eingehen. 3lnS ben anberen 
3lbfdmitten treibe i(h folgenbe charafteriftifthe Sieber mit: 


2ßa§ hilft benn toohl auf ©rben 
©en ^er^eleib itttb Bothl 

,,©a ift fein taut gemadjfeu, 

©a hilft allem ber ©ob. 

Uttrtü fe 

©g fchritten brei Solöateit 
3ur ©d)lad)t in einer Beth’. 

©er ©ine fprach: „taiterabeit, 

Xrifft mich ein töbtlid) Blei 

Uttb bringt 3h r Qlixcfltd) beim ben Seib, 

©o, forget für mein junges Söeib." 


ltnb ift fein taut gemachten 
Unb hilft allein ber ©ob — 

2Bid ich ein Beiter merben 
Bod) üor bem Btorgeuroth. 

©er dritte fprad) mit Beben 
ltnb hat bagu gelacht: 

„©S liegt mir nichts am Sehen, 
£>ab’S ©eftament gemacht. 

Sch taff* ein falfdjeS Sieb allein, 
Sßer’S mid, ber fall mein ©rbe fein." 


©S fprad) barauf ber 3meäe: 

„SBemt ©ud) baS SooS nicht trifft 
Uttb ich ben ©ob erletbe, 

Bemahret biefe Schrift, 

©ie ift, bon mancher ©brau betljaut, 
©er leide ©rufe au meine Braut." 


So fpradjen bie ©olbaten, 

3llS eilte Sauget fam 
Hub adelt brei Sbameraben 
3ugleich baS Sebett nahm. 

©ie lagen auf bem 3-elb umher, 
Hub deiner badjt att’S Sieben mehr. 



©nnäljnt feien noch als äufterft gelungene badabenartige Sieber: „©ie 
©adjauer BiooSjagb", „©ie Pappenheimer", „©ie Brüberfdjaft", 
„©a§ trene Bob", „©er alte ©rettabier", „©aS tefete £odj",i 
„31 nf Borpoften" unb baS feine Stimmung§bilb „«gab’ 3Ic£)t". 

3llS BeberS näcljfteS 3Serf möchte ich baS ©poS „BßotanS «öeer", 
baS ber ©idjter bereite im Qahre 1853 begann, betrachten, ©ie to 
regungen Ijierp empfing ber ©idjter mohl im „poetemBerein an ber Qfar". 
©amatS, mie gutin^ ®roffe in einer Bcfpredmng non „3ßoian3 fieer" 
in ber „3ldgemeinen Leitung" mittheilt, mnrbe unter ben „Poeten an ber 
8 far" ber Kultus bei ©po£ mit Qnbrunft betrieben. 3Jlan entnahm bie 
(Stoffe ans ber ©bba, aus ber mittelbeutfcfjen (Sage, ©er befang bie 
tau^üge, biefer irgenb ein erlangtes §errfchergefdjtecht. 3lud) §einrih 
Beber arbeitete bamatS an einem grofeen ©poS, am inilben Qäger, 
QuliuS ©hoffe ein beraufchenbeS ©emifdj non 3tachflängen ber ©bba, 
3igennerlprif unb höfif<her Bitterromantif im Bibelungenton nennt. ©<hou 
bamatS genofe bteS ©poS im engeren Greife beS h^c^ften 3tnfehenS. 8aljr s 
zehnte lang hat Beb er fein SBerf auSreifen taffen. 3tuS bem romarttifcfc 
mpftifdjeu Bitterepos ift ein mächtiges SMturbilb, baS bie Sitten uitb 





ffetnrip Kitter r>oit Keber. 


329 


gbeeit, bie Menfpeu unb ©hüten beg gu ©nbe gel)enbeit Mittelalterg 
wiberfpiegelt, ift eine tieffinnige, gebanfen* unb poefiereipe ©iptung ge¬ 
worben. „Man fann barüber ftreiten," fagt ©roffe, „ob eg erlaubt fei, 
bie ©eft alten beg Motan unb ©nette, ber ^rau Verpta, beg getreuen 
(Säart wie beg ftiegenben §odänberg, beg «gacfelbergg unb D^obenftein alg 
reale ©eftalten in naheliegenbe hiftorifpe Seit 51 t oetfepen, aber beuutnbern 
mujs man ben Magemutfj unb bie poetifpe ©pöpferfraft, ber eg gelungen 
ift." Vefanntlip Ijat fid) bie ©age 00 m mitben Säger aug bem Sßotanmijtpug 
felbft perauggebilbet. ©er milbe Säger ift bie 00 nt ©hriftenthnm herab* 
gefepte ©eftalt beg ©ötteroaterg. hiermit oerbunben mürben halbpiftorifpe 
Sofalfageit, fo bie «gargfage oont. emig jagenben «gaäelberg (er mar gum 
ewigen Sagen oerurpeilt, meit er am heiligen gefttag bag oerbotene Maib* 
wert betrieb unb bie dauern mit «gunben pepte) unb bie rpeinifpe «giftorie 
rom bauernfpinbenben Stobenftein. 

Mie lieber alle biefe ©agen ntiteinanber unb mit ber non ihm frei 
erfunbenen Sabel oerfpmolgen l) a U wirb citrt beftert bie Miebergabe beg 
Sipalteg geigen. ©g fei oorper aber nop barauf pingeroiefen, bap ftp bag 
@po3 roit ber lange Seit tnuburp blipenben Vupenfpeibenpoefie nipt allein 
burp ben kräftigen originellen ©tit, burp bie ungemein plaftifch unb lebend- 
roll wirfenbe ©arftedung unterfpeibet, fonbern and), mie id) fchon an« 
gebeutet, burp ben ibeenreipen Suhult- ©ine Meltau)chanung mirb in 
biefer ©id)tnug oerfünbigt. ©er «gelb ift bie ^ßerjonififation germanifpen 
Mefeng, bag nid)t gang im ©hriftenthnm aufgugepen oermag, fonbern aug 
angeborener Neigung immer mieber fid) ber Statur unb ben in ihr mattenben 
Kräften mit heimlicher mgftifper Snb^unft ober offener ©mpörung gegen 
ben fremben ©hriftengott §tngiebt. ©in Sluggleid) gmifpen ©hriftenthnm 
unb gerntanifchem Statur*2ldgefül)l pat fpeinbar im Saufe ber S a h rs 
punberte öfter ftattgefunben. ©efinitio ift biefeg Problem aber big heute 
nidjt getöft. Vielleicht fpeitert bie Söfnng, bie and) oon mobernen philo* 
fophen unb anberen ©intern genugfam angeftrebt mirb, heute mehr alg 
je an bem ortpobopen SUrpenglauben. ©iefer ©ualigmug erfpeint alg bag 
tiefe Problem hiuter bem bunten Mturbilbe in Sieberg ©iptung, bie beg* 
Ijalb aup ein gmiefpältigeg, halb gum ©hriftenthnm, halb gum Statnrglanben 
hinneigenbeg Mefen geigt, hierin aber gerabe bie gange grope ©prlipfeit 
iljreg ©pöpferg oerrätp, ber eben eine f{peinbare Söfnng — einen 21 ug> 
gleid) and) am ©pluffe ber ©itptnng — nidjt gu geben oermag unb iti<pt 
geben wid, meil biefer 2 luggleip nicht nur bem ©eifte ber in ber ©iptung 
gefpilberten Seit, fonbern aup ber gangen bigperigen ©ntmicflung ber gcr* 
manifpen Sbeenmelt miberfprepen mürbe, ©ag ©pog — man hett bagfelbe 
uipt gang mit Unrecht: ein Stationalepog genannt — ift unb bleibt trop 
ber Iptifpen Veigaben eben ein ©pog, entpüdenb feine fubjeftioe, perfön* 
lipe SJteinnng, feine Meltanfpauung in biefem ©inne, fonbern bie ger* 
utanifpe Meltanfpanung, bie gmifpen ©hriftenthnm unb ^antpeigmug. 




530 


£) ans Seiijinann tn JVtlmersborf bei Berlin. 


graifeßen dJtyftit unb naturraiffenfeßafttid) geflärten 9Inf(hauungen bx^^er ßim 
uttb ßerfeßraantte. 

©er gunter dBotfer non dtobenftein raäcßft auf ber etnfamen Dbem 
raatbburg gum güngting heran unter ber gteief) ftarten d3eeinfluffung graeier 
©eraatten, beS bämonifcßen ©nette unb beS guten, getreuen (Mart. d3atb 
gießen ißn ber dJiärcßenfput ber ^untelfiube, batb bie ©agen unb SBmtber 
beS döatbeS unb ©ebirgeS, halb (Marts fromme ©rgäßtungen mächtig an. 
©r gerät!) in ©cßulb, ats in gotge feiner leibenfeßaftfießen gagbtuft fein 
dSater ©rting ben ©ob finbet. ©ie dhißelofigteit, ber ©ärnon ©nette ge= 
minnt in feinem gergen meßr unb met)r bie Dberßanb. 33ei einer rauften 
geeßerei vertiert er an ©nette baS atte ßeitige gamitiengut bie d3urg ©cßnetterts. 
©inmal non Uebermutß unb döilbßeit getrieben, überfällt er baS Säger ßanm 
tofer Qigenner. ©r nerfüßrt Otina, bie ©od)ter beS ^ 9 euner ^nig§ 3dnbet, 
unb brießt ißr bie ©reue unb ift hiermit and) gegen ftdj fetbft untreu unb 
uttraaßr; benn er liebt Dtina. ©ein dtitterftotg befiegt bie ©reue. gmmer 
meßr gerät!) er in feetifd)e Verirrung unb dSergraeiftung. döotanS gunbe 
©tutb (©dptb) unb diene (diene) ßeßen feine irrenbe, ßaftenbe ©eete. ©ie 
diatur nerfübrt, aber beftraft auch! — Stuf einem ©urnier gu geibetberg 
gerainnt döotfer baS gerg dJtariaS, ber ©od)ter beS Sturfürften. StCtein 
feine Werbung rairb non bem SBater gurüdgeraiefen, raeit feine t)eibnifd)e 
©efinnung unb fein S5erfet;r mit Sigeunern befannt geraorben fittb. Stur 
bann fott ißnt bie ganb ber (beliebten p ©fjeit werben, raenn er non ben t 
bergen gstanbs ben meinen galten tjoten unb fid) non ben dSergeßen 
reinigen rairb. döotfert unternimmt bie gaßrt. ©nette unb (Mart gefeiten 
ißn bureß bie ©cßreditiffe beS dfteereS. ©amt muß er auf gslanb fetbft 
allein feine ©rlöfung /finben. dBoßt errairbt er mit gitfe beS 3 wer 9 e ^ 
Sttber ben raeißen gatten; aber er lernt hier erft reeßt bie atte ßeibnifeße 
dietigion unb nor Ment bie ©age ber ©bba tennen. ©r nermag put 
(Sßriftentßum nicht mehr mit reinem, gang ergebenem gergen gurüdguteßren. 
©r nimmt bie innere gerriffenßeit raieber mit in bie geimat gurüd. gier 
rairb bie goeßgeit mit dJtaria gefeiert. Stuf bem guge non getbelberg uad) 
feiner d3urg rairb er non rebetlifcßeit dauern Überfällen, fein dBeib bitrch 
einen vergifteten Spfeil beS 3^9 eutier ^ ©ingat, raetdjer dtadje für Dtina 
nehmen raxtt, getöbtet. döotfer ftüdjtet mit ber Seiche naeß bem dlobenfiein. 
©iefer rairb belagert unb gebrochen, döotfer irrt rußtoS in ber ©Bett umher, 
er feßtießt fid) einem Saubstnecßtsßaufen an unb finbet feinen ©ob in ber| 
©d)tad)t bei ^3ania. gut ©eßtußgefange geigt uns dteber in büfteren, 
fd)attent)aften garben bie raitbe gagb. ©ie non dtene, ©eßnfucßt unbä 
graeifet gerriffene ©eete beS dtobenfteineS tarnt niemals dtuße finben. 

©ie ©id)tung ift rei(h an großartigen bramatifch beraegten ©ceneit. 
©ie dJienfdjett mitten äußerft lebenSnott. gutiuS (Broffe beramtbert mit 
dteeßt an ber ©ießtung „jenes magifeße gneinanberraeben non ©agenraett 
unb SBirttidjteit". ,,©S ift ein bämmerßafteS 3raietid)t über bie ©ießtung 




^etnridj Kitter oon Heber. 


35 \ 


1 s rn r t tr ® e f ttter 3 eit ber 23auernfriege, ber Deformation 
mb bei o5fter6enben HtttcttyiinS mit ben fernen geuergatßen ber iMäubi= 

$en ©öba nerfdjnnmmt. ®te ©agengeftalten fließen ficßtßar'fißer ben 

Pf" r^f” Öe s Jr 1 • ^“ ntof}i ^ en ® er 8«^ng liegt ein ßaudj 
iauißacß icTjcr unb Scßmtitbtcßer fiompotitionimeife, nnb ,bie§ ßeftätigt bie 

ßeljauptung, ,bie atimcljener Sitteraturßlütße oor öretßig Qaljren fei im 

jefentlicyen afö Deflej ber großen .fiunftepocfie berfelßen 55eit rid&tia ’u 

mrbtgen. * ' ö 9 


Sefte aber an ber ©ic&tung in fiinftlerifcfier Stellung finb 
lerne« @racj)ten§ bte ewgeftreuten Sieber, namenttid) bie Sanb«EneditS= 
mb Sauentlieber. Qn ifmen geigt Debet bie ganje Grüße feines SaleutS 
änige biefer ©ebidfite finb gerabept ein ä ig in ißrer Sir. ®ie ganie «traft 
nb ©erßßeit, ber edyte finmor beS beutfeßen SolMiebeS pulf ren 
men 2Ber fie einmal gelefen ßat, ber oergißt fie „idyt inieber nnb 
to^te an tßrer griffe unb «traft, an ißreut DßptFjnmä fidj immer «lieber 
.Irenen. 3d; will roenigftens ein paar ©tropfen non je einem SanbS* 
tecpt= unb Kauentlieb citiren: 


(Sin Sieb ber 
de frommen £anbgfued)t finb mir genannt, 
'a§ macht un§ meber Schimpf nod) Sdjaub. 
Oieloeil mir finb bie sperren. 

un§ ^ er Gemacht, 
uf freiem $elb in blut’ger ^d)Iadf;t 
dorten nah nnb fern, 
ie brummen fdjlagt nm 
iit Kämmerlein pum! 


Sanbg fuedjte. 

ung ber S?aifer guten £of)n, 
@0 festen mir für feinen Spron 
SJtit (Stofe unb Schmerterftreidj. 
So^ feat er nicht im Sädet (Selb, 
©inb mir auf anber Seit’ geftedt, 
3n ©rümmer geht bag dteidj. 
äftit Kämmerlein pum, 

SSart’ taifer, id) fumrn’. 


3u Siorn menn mirb ein Ktan gefjedt, 
So fealten mir ben Spiefe geftredt, 

S)rei Männer ift er lang. 

SBir rüden an mit Sturmegfcferitt 
Unb fürchten Steht unb Kanuftrafd nit, 
Sanft Ketern mirb eg bang, 
äftit Kummerlein pnm 
SSart, Kfaffe, ich fumm’! u. f. m. 


(Si n Sieb 

$ bin ber arme tunrab 
ab fomnt öon Stof) unb $ern 
£>artematt unb ^nngerrain 
Ht Spiefe unb 2)torgenftern. 

;& mid nidjt langer fein ber Unecht, 
Zeigen fröhuig, ohne Siedjt. 

<j! öteijjh ©efefe, bag mid icfj han, 
am dürften big gnm Kauergmamt, 

-) bin ber arme S?unrab, 

©piefe öoran, 

©rauf unb brau! 


ber Kauern. 

3d) bin ber arme Shmrab 
3n Stberacht unb Kann, 

S)en Kunbfcfeuh trag id) auf ber Stang’, 
£ab’ @etm unb £arnifd) an. 

SDer Kap ft unb ^aifer hört mid) nicht, 
3dj halt’ nun felber bag ©eridjt, 

(Sg geht an Sddofe, Stbtei unb Stift, 
üdidjtg gilt atg mie bie hUPQe Sdjrift. 
3d) bin ber arme ^uurab, 

Spiefe Oorait, 

©rauf uitb brau! 






352 


£}ans Benjtnann in tDilmersöorf bei Berlin. - 

Scf) bin ber arme ^uitrab, 

Stag $ed) iit meiner 
§eiio^! 9tun gebt* mit Seitp unb 2l£t 
2üt Sßfaff unb ©beimann. 

Sie fdjlngen mtd) mit prügeln platt 
Unb machten ntid) mit junger |att, 

Sie sogen mir bie £>ant üorn Setb 
Unb traten Sdjanb an ®tnb nnb SBeib. 

3d) bin ber arme SUtnrab, 

<Spief3 formt, 

®ranf unb bran! 

Qm dtnfchtufs an „SßotanS £eer" möchte id) bie beiben ©rgäbtungen 
in (prifdjen ©ebidjten: „Sßerner ber gatfonier" nnb „Die gifc§er= 
rofet" (ngt. baS 23ucb „ifiotbeS nnb binnen SBtnt") befpre^en. ©3 
ftnb gwei poefieburchtränfte, anmutfjige SiebeSgefdjicbten, an welchen mir k' 
wunbern fönnen, wie fet)r bie Ännft dteberS in formeller 23egiebung reifer, 
fräftiger unb ftimmungSuoder im Saufe ber Satire geworben ift. -Mt 
feinem funftterifdjen ©efcbicf ftnb Iprtfcbe ©(erneute mit beut fortfdjreiteubeit 
©ang ber «ganblung nerwebt. „ferner ber galfonier" fpielt im dJUtteb 
atter, „Die gifeberrofet" in ber dteugeit. 33eibe ©ebichte geigen aber 
biefetben güge: DaS romantifd&e d3itb ift fecf realiftifd) geftaltet, bie 
moberne SiebeSgefcbidjte mit einem romantif^en Sauber umgeben, welcher 
fie ftitiftifcb ats ein feinet Sßenbant gut anberen ©efd&idjte erffeinen lägt. 
3nfo(ge biefer Sftifdmng non dteatiftif unb wettabgewanbter ißoefie wirfett 
beibe Dichtungen fo anmutig unb reignod. ©rgreifenb finb bie eingeftochtenen 
Sieber auf Subwig II. in ber gweiten ©rgäbtung. Sie ehren in ihrer 
rübrenbett $lage, in ihrer garten gornt beit tobten $önig mehr, a(S fdjtmmg* 
rode Drauerbpmnen. ©S ift übrigens ein SBunber, bafe biefe frif<$en,| 
fröhlichen unb wehmütigen Sieber noä) feinen ^omponiften fanben. 3 n 
ihrem ©mpfinbungSgebalt, in ihrer formeden ©efdjloffenbeit unb rt|ptt)mi- 
fchen Harmonie wirten fie an fid) fdjon äujgerft melobifcf). 

Die brei Bücher „gebersgeidjitungeu", „dftein döanberbudj" 
unb „SprifcheS Sfiggenb ueb" fönnen gufammen befprodjen werben, ha 
fie reine Sprif enthalten unb uns beit dJienfdjett unb Dichter in feiner 
©ntwieftung unb gewiffermafjen non aden Seiten geigen. 3 n formeller 
33egiehung ift ein fteter gortfdjritt beuttich gn erfettnen. dftan bemerft ein 
immer ftärfer fiel) geigenbeS ßeroortreten bcS gnbimbueden, beS $erföw 
liehen, beS ©rlebten aus beit adgemeinen bidjterifcben Stoffen unb gönnen, 
ans ber dteflepion unb bem oberflächlichen Spiet mit dfbptbwtuS unb dieim 
Hub je inbinibueder bie ©mpfinbung fich geigt, befto prägnanter unb prä- 
cifer erfdjeint and) ihr fünftlerifcher dluSbrucf. SlnbererfeitS erfennt war 
auch ein Sßaäjfen ber 3Be(tanfd)auung beS Dichters, ein ftideS SfuSreifer 
ber ©mpfinbungen unb gheen, eine Sßanblung nicht in ben ©rmtbanfcb a | 
ungen felbft, wobt aber in ber 5lrt, bie Dinge git betrauten, baS Sehen ft 











£?einricf? Kitter von Heber 


333 


&eofmd)teit unb mit biefern bie persönlichen ©mpftnbnngen urtb Slnfidjten 
in Harmonie gu bringen. Qmmer umfaffenber wirb bie SSettanfdjauung beS 
Sinters, weil fte ni <%t mehr non eigenen ©pftemen unb ©ebanfen aus 
lelbft wrlen unb emmxten will, fonbern bas gange Seben auf ficfe mitten 
(aBt unb btefeS nimmt, mie es ift. ©o wächft mit bem fünftlerifchen 
pfmben au<$ bie $erfönli<$feti beS Sichters gur Dbjeftimtät empor 2luS 
Dieier tiefen 9Mje beS ©emütheS blüht in wahrhafter griffe eine non 
neuem jugenblid), flott, optimiftifd), farbig, elaftifdj, nie btafirt erfcbehtenbe 
Bprif, bie ßunft ber Iprifdjen gebergeidjnungen unb ©üggen, burd) welche 
)ieber äufeerft originell im Sone wie im gnljalte wirft. 3u äufeerft rei 3 , 
jootter äbirfnng rnifdjt fid) in biefeS immer jugenblicfj tapfere unb frifdje 
Impfinben bfe feine gronie beS 2I(terS. ©o entfielen jene meift bret- 
tropfeigen ©ebidjte Gebers, bie in ihrer Knappheit unb ihrem ©timmungS* 
behalte als 9)ieifterwerfe ^ moberner Stjrif angufefeen finb. ©ine herbe 
Schönheit atfjmet namentlich aus ben reinen SRaturfümmungen biefer 2lrt. 
j'mmer wieber weife ber ©id^ter feine heimatlichen ©ebirge unb 3Bälber 
iimmungSüoll in furzen äwölfgeifern gu falbem: 


9ftit $urpurglutfe burdjbrtc^t ben 2Safb 
Se§ SageS ©djeibeftunbe, 

Sie Saunte geigen fcharf ficfe ab 
Sieffcfemarg auf gofbnem ©runbe. 


Sie üftacfetigall beginnt-ben ©artg, 
Unb mit ben lefeten ©lutfeen 
Scheint heifeer ihre ©efenfucfet fidfe 
3m Siebe gu berbluten. 


$?it falten garlen taucht ber Oft 
Sen SSalb in ftiileS Sunfel, 

3fer Sieb nur bringt tarauS empor 
SSie 2tfcnbroth=©efunfeL 

©ntgücft un§ in biefem ©ebicfet bie füge, fülle, abenbfdjwere ©timmung 
er ^anbfdjaft, bie routantifche Weichheit ber ©mpfinbung, ber garben 
nb Söne, fo überragt uns gteidj bas folgenbe burch bie ’ fräftige, frifcfee 
veaiifüf unb burch ben gauber beS perfönlicfe ©rlebten. 


®n Urhafen folgte tief im gorft, 
®r’fd)fiff unb fnappte brünftig; 

84) fprattg ihn an bon ©tamm gu ©tamrn. 
Ser Slugenblid mar günftig. 


3$ gielf unb fcfeofe; ber ©djtaue lag 
gm 2Jioo§ gu meinen güfeen; 

Safe ihn bie Siebe blinb gemacht, 
SaS mufef er bitter bitfeen. 


Sodj feltfam mürbe mir gu Sfiutfe, 
dftein ©lud mar mir üerleibet; 
gu fterbeu in ber Siebe ©luth, 

34) feab’ ihn brum beneibet. 


(Seibe ©ebtdjte au§ „gebergeidjnungen".) 

ga)t fautn ein anberer moberner ©icfiter fiat bie Sltpenroeft in tym 
mjeii SroBartigfett, baS «eben ber Sfetpfer, ber Wirten unb Sennerinnen 
Jo Haren, Enappen unb farbigen Silbern bargefteHt wie 3ieber. 3lm 
ronften nnb jebod) audj hier bie feinen, füllen Stimmungen. SBunberoolf 
'ettftb, ungefudjt unb öod) überrafdjenb ftifin beutet ber ©idjter ba§ «eben 






33 ^ 


fjans 23en3mann ttt USilmersborf bet Berlin. 


ber Statur, inte überhaupt bie meiften biefer ($>ebid)te nidjt nur blofee 
Stimmungen finb, fonbern Offenbarungen einer SDtoft^enfeele nod tiefer 
Spmholif unb origineller, au3 bern Qnnerften be£ Siebter^ Ijernorquedenber 


Qbeen. 

3n einem Steinbrudj fafe xd) taug 
Stuf einem 23tocf unb fantt, 

Siemeit born Staube manchesmal 
Sa3 StieS Ijerntebcr tarnt. 

Sa fu^r td) auf. 2.ßosu bte £efe, 
©ebrange, Srucf unb Stofe? 

3d) eir btttmeg unb badjte mir, 
Sem gleidjt beS üDienfdjert Soo». 



Xraiterfang fdjott mir entgegen, 
Stuf ber Srage tag ein Sarg, 
Ser tu nadteu gidjtenbrettern 
©iiteS StelpterS föütte barg. 


©erötte fdjob fidi taugfam fort, 
Suftfprünge machte ber Stein, 
Sod) fd&liefelicb tagen alte ftitt 
Stm 23joben grofe unb dein. 


SBentg haben ifeu begleitet, 

Strm unb fdimudtoS mar ber 3% 
Sod) fern SSeib mtb feine Sthtber 
Ratten au beut Seib genug. 


©laubig, ©ott bertraueitb fdritten 
Sie beit fdjmaleu Steig ber Sßanb, 

SBabreitb id) mit meinem 3^ ei M 
XroftloS üor bent Stbgrunb ftanb. 

(23eibe au§ „ßt)rtfd)e§ Sfi^enbudj".) 

dtidjt allein bes SidjterS Sehen unb SSeltanfcbauung, uidjt adeitt bie 
Statur unb bie Seele fpiegeln fid) in biefen toppen Werfen, fonbern audj 
bie Sttenfcbbeit, ba3 grofee fojiale mie ba3 flehte gefedfdjaftlidje Sehen. 
So roerben biefe furzen ©ebid)te oft gleidjfam §u Stoeden, oft gar §u 
Romanen, bie ein gan^e» Sehen unb ganje Sehen§uerf)ältniffe unb Sdjidfale 
im fnappfteu Sialjmen nur anbeutenb, aher befto mirfungSuoder fdjilbent. 


3m 2Mb ftebt eine Sttübfe, 

©in grau nertoettert §au§, 

Sort bräugt au§ enger fyelsfd^lucht 
Ser SSitbbacb fid) herauf. 


Sie Stt it b t e. 

SeS StbenbS fifet am fyeufter' 
SeS SftittterS iungeS SSeib 
Hub fd)aut auf» alte Sdföpfrab 
3u tanger SSeil* Vertreib. 


SaS SSaffer fdjiefet bmunter 
Unb brebt im Sturj ba§ Stab. 

Sag SBeib bret)t einen ©arnftraitg 
Unb fiitut auf böfe Sbat. 

(2lu§ „ttttein SSaitberbucb") 



gaft erfennt man l)ier ben 23adabenbid)ter namentlich in ber gtofc 
artigen lebten Strophe mieber. $od luftigem «Sgumor unb feinem SarfaSntttä 
finb oft bie Sdjilberungen ber mobernen ©efedfehaft ober ntoberner Sx)pett- 


SMrt fdjritt am SMenabeitb 
§tnaug iit’§ grüne gelb, 

©r mar oergramt, gerfatten 
Sttit Sttenfdjett, ©ott unb 2Belt. 
Sie 2Bad)tel fdjlttg tut SUee. 


©r gäblte ftitt bie Sdjlage: 
m$ bett Stüd, bitef ben jftücf! 
Sod) meit er fid) uid)t bndte, 
So batte er fein ©titef. 

Sie SBacfetet fd)Cng im $lee. 











- fjeutrtcfy Kitter non Keber. - 335 

Sttt (Sinnen ging er toetter 
31 t bern bintfelrt Sßalb. 

®r langte, lote üoit ferne 
2 )er SSadjtelruf ttoef) ballt: 

Bücf ben 9tücf, biief beit 9 tücC! 

(3(u§ „Sijrtfd&eS (Sftsgenbudj".) 

8$ f)off baß e3 mir gelungen ift, in meinen 2ln§f übrungen ein 
einigermaßen flare3 unb oollftänbige3 Bilb non bem ©ntmicflung^gange 
Diefe^ edjten bentfe^en Poeten gu geben, 9teber ift ein burdjauS in fiel) 
gefeftigter ©ßarafter, eine bi($terifc^e ^erfönlffeit non fittlfer ©röße unb 
Feinheit. ©erabe feine gefnnbe (Sinulffeit, bie gugleicb gefünbefte (Sittlfs 
;eit ift, läßt ißn als echten beutfdjen Qidjter erf^einen. ©barafteriftifdj 
für ilm ift neben biefer Ijödjften ©brlffeit, neben bem (Streben nadj ©röße 
mb £iefe, nach nolfötfjümlidjer ©infaäjßeit nnb Infcßanlicßteit bie ftete 
Arbeit beS QfterS an fiel) felbft, bie ängftlidje (Sorge, nur baS Befte gu 
jeben. 9©ir nmnfcfjen non fiergen, baß 9teber fidj entfließen möge, and) 
)ie ©ebfte, bie bisher nur in 3eüf riften ober garniert veröffentlicht mürben, 
)er Deffentlidjfeit gu übergeben, (Sie merben für biejenigen, bie ff nun eins 
nal für bie gange fdjnöbe 3)ecabence^oefie ber Prüften nnb Ueberbrettl= 
Poeten nid^t begeiftern tonnen, eine Quelle reinften ©emtffeS fein. 9teberS 
tunft ift echtefte «geimatsfunft, meil fie bie einer beutfdfjen Sßerföntf feit 
ft, weil oor 2Wem ißr «Stil autodfon, barnm beutfdj ift. 

9M) ein SSort über ben totaler nnb Sfcf tter 9teber. (So feßr er 
f von bem Bilbermarfte fernhielt, gelang e§ ihm boeb, unter ben Zünftlern 
f einen gearteten tarnen gu ermerben. 5Die „$unft?(f ronif' braute feiner 
}eit eine feine ftimmnngSnollc gebergef nung oon 9teber: „2luS bem 
Dachauer 9)toor". 3atjlrefe ©emälbe nnb (Sfiggen, bemerft 9t. (Sdjröber 
n berfelben (Stelle in einem fleinen Slrtifel über Steber, birgt fein f öneS 
}eim nnb bemaljren feine Etappen; feine farbenprächtigen Silber oerratßen 
'ie Bereinigung beS Poeten nnb 9Jtaler3; feine Qeiü )ttnngen reben mie ein 
i>ebft gn uns. 







Dk Dcutfchcn (Sßfellfdjaftert bes achtzehnten 

3ahrhunöerts*). 

Don ' 

Cttgen äJ^alff- 

— Kiel. — i 




(@d)IUB.) 

£)eutfdjen (35efeUfcf)aften mären burdj i'fjre Hebungen non norm 
herein auf miffenf^aft ließe 23etßätigung ßingemiefen. Sttbent 
fie nadj ^ernodfommnnng ber gönn ftrebten, nnb bie gönn gerabe 
nidjt meßr — als äußerliche Mnftetei, fonbern ats Mittel pnt flaren nnb 
einbringtießen SluSbrud: ber Sadie faßten, mußten fie auefj bem Qnßatt ernfte 
Slufmerffamfeit praenben. Schon bie Hamburger SeutfcßHlebenben taffen bie 
mannigfadiften Stoffe p: „5Die einpbringenben ^piecen fotlen ßauptfädjlidj k> 
fteßen entmeber in Theoreticis, ats nämtieß teutfeßen grammatifalijdjen, orato* 
rifeßen, poeüfeßen u. bergt. Observationibus; ober in Practicis, nerfteße 
einer ausgearbeiteten Prosa ober Carmine, eS fei fetbft erfnnben ober au3 
anberen Sprachen nberfeßet. 9iädjft biefen aber bürfen aueß historica, 
antiquaria u. a. philologica, jebod) fo niet mögtid; pm 3med fommettbe 
Specimina auf bie 23aßn gebraeßt inerben." dtießt minber ftetXten bte 
meiften S)eutfd)en @efetlfd)aften — mie es ein 25aSfer bezeugt — „einem 
jeben frei, fid) eine beliebige nnb etwan in feine übrigen ©efdjäfte ein? 
fd)tagenbe Materie p ermäßlen." $Da finben mir neben ben fpradjlidien, 
poetifdjen nnb fritifeßen Stoffen STßemata mie: lieber bie 2lnneßmlid)feit 



—"— ; — ■ 

*) Ste Sl&battblung ift gurn großen Sljeit nad) fjanbfc^rtftticfjen Cuetteit gearbeitet. 

SSergl. be§ 23er f aff er§ Schrift: „@ottfd)eb§ Stellung im beittfdjen 23ilbungSteben", 23attb 

I nnb II (fiel, 1895 nnb 1897). 



















































- Die Deutfefjen (Scfcttfdjaftcn bcs ac^tjeljnten jobrfimibscts. - 337 

>« Vergreifen — Von bent Vergnügen aus ber 3Ir§neinriffenfd&afi — Von 
en Duetten ber Verachtung ber ©eifilic^en — Von beit Beften Mitteln, 
m ©efeße in Stufnahme p Bringen u. bergt, affgeiuein gntereffirenbeS 
tehr. Ober man wählte gefchichttubc ©egeitftäitbe, ober man üherfeßte 
tgenb einen, fei es antilen, fei eS ntobernen Slutor, barunter attefi tuiffen= 
cfjaftfitfie non ftaffifdjem ttßerfti. 

UeBer foteße nur mittelbare Vefdjäftigung mit ber 2Biffenfdjaft ftreBen 
ebodfj bie ©eutfeßen ©efetlfcfjaffen hinaus. SBä^tte man bod) in ber 
sötttngcr pr ©röffnungSrebe bie Vetractjtung „Von ber notßwenbigen Ver> 
tnbung ber ©pradjen mit ben 2Biffenfdßaften". ®ie „Vergnügte ©eutfeße 
lefettfeßaft" in ber Verner atabemifdjen Qttgenb roitt taut ©jungen Bei 
er Aufnahme neuer OTitglieber „auf tugenbßafte SieBßaBer ber SBiffenfdjaft 
Beo", unb oor ber Stufnaßme muß „ein ©tubent aus ßiefiger ©tabt p>ei 
;at)r in bem pßitofopßifdjen ^örfaal pgebraeßt Baben", ©en ©eutfdßen 
iefeltfdjaften in ©reifSwatb, .gena, fialle, Seipjig, ©ßttingen, (Mangen, 
’önigSberg unb gelmftäbt rühmt bie ©uisburgifdje ©eteßrte ©efettfdßaft 
atB, baß fie außer ber ©pracße „nidjt nur bie fdjönen, fonbern and) bie 
itjern SBiffenfdßaften fetbft prn Slugenmerf hohen". 2 Bie tonnte es fonft 
.tarnen, baß ©ottfdjeb feine 2 Birffainfeit pr Rettung ber Seipjiger ©efett= 
haft ohne SBeitereS als wiffenfcßafttidjeS Verbienft anfaß? 2l(§ ber junge 
ytraorbinariuS ber ^tiofoptjifcrjen gafultät am 8 . 2 M 1733 ein ©efudj 
m Vefotbung einreidjt, madjt er gettenb, er habe „bureß unaBtäffige Ve< 
«Bungen bie Biefige ©eutfdje ©efettfeßaft, bie bod) ber gaujen Uniuerfität 

attegeit Bet SluSwärtigen ©ßre gemacBet unb fteß tägliiß mehr 9iußm 
roirBet, im ©tanbe erhalten." 

Sie nädjftliegenbe iDiffenfdjaftlicBe ©ilciptin Blieb naturgemäß bie 
efdhljhte ber Sitteratur. ©S ift taum ein gufatt, baß Vurttiarb 
lende, ben wir als teitenben ©etft in ben erften Slnfäitgett non ©e= 
(tfcßafts&itbungen biefer 2 lrt tennen lernten, in ©bßrift unb 9 tebe mit 
«djbntct ber Sitteraturgefidjte als neuer SBiffenfdßaft Vatiu nt Brechen 
^te. ©ottfdjeb in feiner praftifdjen Strt arbeitete unermübli<| an ber 
üsfüßrung biefer gorberung. 9Kit ©pürftnn Bat er altbeutfcße ,ganb= 
irtften ßerauSgegebeu unb ©rüde gefammelt. Vamentlidj in feinem 
JStßigen VorratB pr ©efcßidßte ber beutfeheu bramatifdien ©idjtfuuft" 
Iferte er einen annehmbaren ©runbriß. VeigaBett 51 t feiner „©entfetten 
(ä)aubüßne" unb erhebliche ©Beite att’ feiner fritifeßen 3eitfcßriften Bieten 
tettfatts titteraturgefcßicßttiche SJiateriatien nebft gorfcßuitgen. Qtucfi feine 
‘efeüfdjaften weiß er ttadj biefer 9!idjtung p interefnren. ©0 unterftüfet 
i r SBortfüßrer ber ©reifSroatber ©ottfcßebS tßeatergefcßicßtlidje 3 iacfi= 
Eichungen, gßre ©Beitnahme für altbeutfcße Sitteratur BetBätigt nament= 

1) auch . bie Vaster ©efefffdjaft, in ber Durch ©rottinger unb ©preitg 
puaniftifeße ©tubien eingebürgert werben. 

2ttS echte ©eutfeße ©efettfeßaften Bteibeit biefe Vereinigungen nicht Bei 




338 


(Eugen tüolff in Kiel. 


ber (Sefdjidfjte bet* Aationallitteratur fielen, Sie ließen fich im weiteren 
©inne bie SBiffenfchaft oom ©entfielt insgemein angelegen fein. 2 öie 
bie Söa^ler betont namentlich bie Altborfer (Befeüfchaft, baß fte riete für 
bie ©rläuternng ber oaterlänbifcßen (Befdjichte nüßlidje (Begenftänbe 
bearbeite, ©benba begegnen mir einer melfagenben „Betrachtung über ben 
fruchtbaren ©influß ber Bemühungen ber ©eutfdjen (Befetlfchaften in ba§ 
beutfcbe Staat Brecht". ©eit Bftittelpunkt ber «gelmftäbter (Befellfchafi 
bilbete Johann griebridj (Sifenljart, ber als einer ber bamals bjetüot: 
ragenbften gorfdjer auf beutfdßrecfitlic^em (Gebiete gilt. Sogar bie ©eutfcb. 
Sitterarifdje Benebiktiner^lBefcltfchaft ftetlt bie ©rforfdjung ber beutfdßeri 
(Befchidite unb ber beutfdjen 2XItert§ümer in ihrem Programm rorun; fü 
plant bie Ausführung einer beutfchgefd)id)tlidjen Bibliothek, einer Sammtunc 
potitifdjer Urlauben, eines SchaßfäftteinS beutfcher Altertümer, einer präg 
ntati)dien (Befd)ichte unb einer nielgeglieberten SUrdjengefdjidjte ©eutfdjlcmbs 

Einige ©eutfcße (Befeüfchaften, wie bie ju Qena unb (Böttingen, er 
weitern [ich fpater bireft jn a%emeinwiffenfdjaftlid)en Vereinen. ©ii 
Qenenfer gaben fidj 1753 eine neue Berfaffung, wonach fie „nidjt bloS ir 
ben frönen fünften, fonbern auch w hm hohem SBiffenfdjaften arbeiten' 
wollten. ©ie (Böttinger behnen feit 1762 ihre Bemühungen auf bi 
beutfche Sitteratur weiteften Sinnes aus unb begreifen barunter nicht nui; 
Spradje, Berebfamkeit unb ®i<3^tfunft, fonbern auch Sänb erlaube, (Befdjichte 
Altertümer unb Rechte unfereS BaterlanbeS. — ©ie Greife, mel^e ii 
beit riesiger fahren ben akabemifdjen (Befetlfchaften $u güridfj unb Ben 
anaeßört hatten, fanben fid) 1755 gu einer wiffenftaftticfjen, befonberS bi 
naterlänbifche (Befdpdite pflegeitben Bereinigung gufammen, bie fidi lang 
Qaljre um Bobmer fdjaarte. 

©er gufammenhang ber fpratlich'litterarifdjen mit ben allgemein 
miffeitfdjaftlidjen (BefeüfdjaftSbefirebungett erhellt befonberS in bei 
fatßolifchen Säubern, bie um biefe 3eit rühmliche Anftrengungen unter 
nehmen, SBiffen unb Bilbung §u nerbreiten. Sdjon (Bottfdjeb, als er 1741 
iit Sßien feinen Akabetnieplan unterbreitet, beult fidf baS neue JMtitu 
§war auf fpradjlidjer (Brunblage, aber auf alle wiffenfchaftlichen Sitteratur 
gweige übergreifenb. B e l rö f4 t>erf<hiebt int Saufe ber weiteren Berhanb 
langen ben Schwerpunkt nod) weiter nach ber wiffenfdjafttichen Seite, inbetij 
er ben $lan einer m Sßien feßhaften Akabemie entwirft, „welche bie Bei 
befferuitg ber äöiffenfdjaften unb fünfte §u beut SBoht unb Aufnehmen be 
öfterreidnfdjen ©rblanbeit 31 t beförbent hat". Sine klaffe benft er [ich „fü 
bie 2Btffenfhaften, weldje SBeltweife, Baturkunbige, Aer^te, Blathematiklj 
Aftronomen utitfaffe, bie anbere für bie frönen fünfte, Be<htskunbe, 
fd)i(h te, AlterthumSlunbe, (Srbbefchreibung, Sprayen, ©idjt* unb Bebekunjt" 
Befonbere Betonung legt er bei attebent nod) immer auf bie fpradjliM 
Reformen. Au bem non 3 e fuiten umlauerten «gofe 9ftarta ©h ere ft ö 
konnten all’ folcfie ^rojecte nicht jur Erfüllung reifen. 








Dte Deuifcfycn (Sefellfcfyaften bcs ad^e^nten ^afjrfiunberts. _ 339 

2BemgftenS hatte fßetrafd) in feiner D(mü|er „©efdlfdmft ber un= 
befannten ©etilen (ober fetjweg „©efellfchaft ber Unbefannten") bie 
otelbehebte ^eretmgung ber fronen mit ben höheren 2Biffenfdfjaften uolljieben 
tonnen, put bte wöchentliche Berfammtung fe£te baS ©tatut nn: „©rftiicb 
rotrb tn letbtger, fo ein SUttgiieb eine ©ntfdjeibungSrebe über einig gelehrte 
® a f oorJe en mH ober überfdjicfet bat, mo aber nitfjt, eine anbere bergt. 
ane§ geietjrten SWnnne» abge.efen. Stach biefem, fo jemnnb einige gute 

? r°r er f f e neu[i ^. empfangen bat, bann er fie 

oer ©elellfebaft oorlefen, .baraitf Berichtiget ber ©ebeimfdjreiber bie ©efeü= 

4aft bereit bttrch Briefe jugefenbeten SteuigEeiten (fo!). Unb enblid) mirb 

»s mi ®, elej f? en obei ' ÜOn bem qjräRbenten gebaitenen 

V 'ff'"* .® ie a “ §TOärti fl en ^Beifitjer waren oerpflidhtet, monatlich 
« e c? rtm p m S fetten ll NS SanbeS p meiben. „®ie ©d;üler ber 
f c “ Waft n,erben ennabnet, fidfi emfig alles p Stufen madhen, was p 
Mangung eines guten ©efchmacfs in benen SBiffenfcßaften beitragen 

xt-x ® e ™ rt hur^fcbtingen fictj fortgefefet fcböngeiftige unb ftrengmiffen» 
ajaftlidhe Qntercffen. . 1 


. e§ in ®'öndjen. ®ie italienifdhen Slfabemien unb 

te norbitcbeu ®eutfd)en ©efellfcliaften regen Sori, ben (Stifter ber baib 
nr »fabemie umgeroanbelten „Baprifdgen ©efellfchaft" gteidhmäjjig an 
reinem ßauptberather, bem tropft granciScuS in Gotting; fdbreibt er am 
4. Siouember 1758 im ^inblict auf bie Stuguftiner unb Jyefuiten, bie bem 
«ane natürlich entgegenftanben: „©tfjon lange märe es notbmenbig geroefen 
m liocfimütbig unb groben Ignoranten bie 3äfme p weifen, es ift aber 
lemals eher p wagen geroefen, ats eben jefeo, ba man aller Orten bie 
.’rtietbeten Söwen getrauet anpfaHen, bie ft<h nad; RriegSmanier nidit 
ebr oertbeibigen fönnen, bereu ©rebit bei £öfen finfet, wo fie fonft, als 
ücgle unb Staben, manchem efjrCidjert Spiere gefdhabet haben." Unb biefeS 
baä beftimmt war, ber Qgnoranj in Bapern entgegenpwirfen, 
m bte Kultur unb Steform ber ©praefje int ©inite beS ^odjbeutfdjen eine 
tuet erften ißflidjten fein, errichtete »orübergeljenb fogar eine eigene belle» 
tfiifcfie Stoffe. @S wirb tlar, baß in ben gefeUfdhaftlidjen Begebungen 
atjrenb ber fünfziger ^afire faft allerorten bie fprachßdhditterarifdhen fidb 
trefj roiffenfcbaftlidje Begebungen ergänzen. 

©ie nach bem ÜKufter oon ©ottfdjebs fpäteren ©efeUfdpften organi» 
:' fe »®efefffd&aft pnt Stufen ber Siinfte unb Mffenfchaften" in gtanf» 
Irt a. D. betonte in gleicher 3«fammenfaffung: „Stile Slbhanbtungen aus 
‘tit hohem aßiffenfdhaften, ©efefhehte, ptji/ifdje unb öfonontifdie Bcrfuche, 
udjttunft, Berebfamfeit, ©prachen, furj adeS, was in bie Silbung beS 
ften ©efchmacES unb beS ^erjenS ©inflttg hat biefeS ift audf ber ©egen» 
mb ber Bemühungen unferer ©efeüfchaft." 

3Kait lieht fchon, wie burdj foldfe Berührung aitdj ben ftrengen SBiffen» 
aften ein gewiffer äfthetifcher Sluftrich oerliehen wirb. Obcmata wie bas 

^orb unb Sub. IC. 297. oq 




(Engen IDoIff in Ktel. 


3^0 

. 33 . 1754 in igelmftäbt geftettte: „Sie Vorpge einer leisten .unb fafeUcften 
äMtioeiSbeit für einer tiefnnnigen unb attp abftraften" finb trjpifcEi für 
bie§ Seitalter. DTcatt „menbet alles an ben ©etnnuef ber aBahrfteit, um 
bcibcS, baS ©emiitb eine? Einfältigen p ermeefen, als eines tiefnnnigen 
greifen p nergnügen," — wie in ber ftielifdjen ©efellfdiaft ber frönen 
äBiffenfdiaften nacftbrüdlid) betont wirb. ©oll bod) auch ber DJebner roic 
bet Siebter, ber Sßabrljeit bienen, ihr „Sugang in bie ©emütlfer p er= 
werben" fueben. 

^ebenfalls ift nidit ju oerfennen, bafj bie wiffenfchaftlidje Vefdjäftigung 
ben urfprüngtichen Seutidien ©efettfebaften nicht als eigentlicher ©el 6 ftp>eä 
galt, ©djöngeiftigfeit, ftSopularroiffenfchaft ift eS, roonadi fie fagen. ©e= 
heimrath SarfeS, als fßrotettor ber nennsehn ©tubenten, weldie bie ©e- 
feUfchaft pm 9tu|en ber fünfte unb 2 Biffcn?d)aften in granffurt a. D. 
grünbeten, äußert in einem Bericht an grebrich ben ©rohen nom 
22 . gebruar 1765 gerabep: „ . . ©o habe ©tu. ft. «Kafeftät atterhöchften 
Söeftimmung atterunterthänigfte gotge p teiften, ihnen einen 5ßlnn ber 
9tad)al)unma ber refp. ftönig(id)en unb ^erjoglicben Seutfchen ©efeUfdiaftert 
in ©Otlingen, gena unb Seipjig entworfen, hoch mit einer auSgebehntern 
2lbfid)t, weil es mir bie Erfahrung gelehret, ba§ bie beftänbige Se= 
fdjäftigung mit ben fog. frönen 2Biffen fchaften bei nielen bie 
«uft jit reellen Singen manfenb gemacht." .'«i 

Soch auch abgefehen non biefent fchöngeiftigen guge mar ber triften 
fd, a ftlidie Setrieb ber ©efettfebaften in ben Sienft einer über bie Jlo&i 
goridjung hinauSgeljenben Aufgabe aeftellt. Seseidjnenb für ben ©eift bet 
ganjen Seit fahen mir fefton 3Babrbe it, nicht blofieS SBiffen als 3« 1 & e 
jeichnet.' 2Iud) mo es in ben ©eiettfehaften p ernften ©injelforfdiungei 
fommt, fdjmebt als lebtet unb eigentlicher Smed bie Inwenbmtg ber SBiffen 
fdjaft/bie prattifebe Ausübung ber aBaftrheit, lufflärung, Silbttng, 

ftultur nor. , . 

gjlittelft «p^ilofotptiie unb Dlaturmiffenfchaft fudite bas Seitalter bes 

«Rationalismus nicht nur ben Verftanb aufsnflären, fonbern auch für bii 
gjjoral eine 2lrt empirifdfer ©runblage sn geroinnen. Sie intimere« 
©eifteSseugniffe triefen non Variationen beS SoppelllangeS „aBahrheit uit 
Sugenb". „äBie glüdlid) mären bie ÜJtenfdien," tönt eS aus ber ftielw 
©efettfebaft ber fdiönen 3Biffenfdjaften, „menn fie biefe fieittge Verbinbun 
niemals trennten!" 2lber eS roirb auSbrüdtid) bellagt: „®mge Utct)e 
bie aBahrfteit nur um ihre ©rfenntnift p erweitern, unb weil ber 3tuh' 
einer meitläufigen aßifferrfctjaft ihrer ©itelfeit fdnneidiett, unb fie P 
übrigens inegen ber Ausübung berfelben wenig befümmert." Seifte am 
bie pilofopbie ber Sugenb unenblidie Sienfte, bennoch fjabe bie Aei 
Weisheit etwas «RaufteS, währenb bie frönen SBiffenftfiaften ben SBeg Df 
Sugenb mit Vlumen beftreuen; fie nerftärfen unfere ©ntfdflie&ungen, » 
Inüpfett bie Seibenfdmften mit ben vernünftigen Srieben, ftellen nor altei 







1 


Die Deuttefjen (Scfell|d)aften bes adjtjetntten 3abrhimberts. _ 3^1 

fimtbilbiidje Beifpiete nor, weil bie Srägheit ber «Kennen oft glaube es 
merbe unbittiger SBeife ihren ßräften etroaS pgemutfjet, luctcbeS bie Uten ich= 
lid&e Statur p erreichen uiel 51 t fchraadj. 

9Kora t pIii[ 0 f 0 pt)ie in poetifdjetit ober rhetorifcljeut ©diinucf wirb 
teShaib pr betiebteften SBiffenflhaft. Sfeetngta aus biefent ©ebiete be- 
tegneu m ben Seutfdjen ©efettfdiaften nicht ntinber häufig ats fpradjlicfie 
mb äfthettfefee. Von beut ©iücf, tnelcheS oft ben lafterhaftefien iütenfeben 
legegnet, ntenn iie nur Steidjthümer befiijen — Sie ©niigfeit ber ©eete 

— Von beut rechten ©ebrauch beS Vergnügens — ®a§ Sob ber 
Sdjmeicftefei, fatirifefe — Ser tDcenfchenfeinb — Cb ein Sichter ober 
«ebner bem ©tonte bei Ausrottung beS SnfterS unb Verbreitung ber ^uqenb 
itehr nü|e — Safe ber SBertfe ber ^rennbichnft otsbonn am größten 
oiirbe, ntenn mir uns be§ VorpgS, Btenfcfeen p fein, am ntürbigften 

’ a ^" T. ~ b ' C|e i’" nte ^“ fterfarte Uem 5- »• bas SahreSprogramm 
|.er Setmftabter ©eiettfchaff 1754. Qn beit ©chtoetjer SiinglingSgefett* 
ijaften fniben tütt bergt, unter anberem: 33ott ber magren (Sjröjge -— 33on 
er Urfadje unb beut Allheit ber Verfdnebenfieit ber menfchtichen Steigungen 
ßurpr ©nttnurf eines SMfen, in reiutfreien Verfen — Sie ©röfee 
er menfdiKcfeen ©eete, in einer Dbe befungen — Von ber Vortrefftidifeit 
;§ Atenldien oor anberett ©efeböpfen — Von bem Stuben ber ©irbegierbe 

- StScurS non einer {Ingen Aufführung - Von ber Sufriebenheit - 
,on bem Stuften ber ©tttenlefere — Von ben Vorjügen ber SMigion — 
rfath non ber Verachtung ber Sugenb u. f. f. 

Soch fejbft an berartigen, fefeon auf praftifdhe BSirfung in bie 
1 ?!; n ein * l ^ ,cr hinjietenben tfgeoretifeften ©rörterungen [affen fiefj bie 
teutfehen ©efettfdjaften unb Vereinigungen nertnanbter Art nicht genug 
m. Sie inerben aggreffio, inbem fie Allem p Seibe gehen, tnaS nnS 
^bereit Duetten als bem Senfen unb Beobachten fdjöpft. Von pofitiuer 
tbeutung tft nach biefer Stidjtung ihr ßamp f gegen ben Aberglauben 
lioorben. BefonberS barin roirb offenbar, bafe bie Seutfcfeen ©efettfdiaften 
'tetett pm Banner ber Aufftärung fianben. Als ©hriftian ©ottfieb non 
nilenborf ein atetbophilifcb gefinnter greuitb beS ©rafen SJtonteuffel, baS 
ua|tbium beS fächfifchen DberfonfiftoriumS übernimmt, fpriebt ihn ©ott* 
f tm Aamen ’ 3er SetPäiger ©efettfd)aft als ©eftittiungSgenoffen an: 

„$er ©infatt imgeftatteä .Htiib, 

An ©infidit fdnoaef), att§ Aitbad)t filittb, 

Ser Aberglaube iutrb Xirfi jcfieitcn: 

Ser ©euditer fdjtau derfappte 3 unft, 

Ser ©taubenSfpötter UnPermtttft 

SBivb Sein üerflärter Stiel bitccfi ttugen (Snift jerjireitett." 

, imturmiffenfcfeaftlidien unb fchöngeiftigen ©rrungenfdjaften Seutfdn 

ä phfen bte ßieler ©efefffdjafter au ihrem ©tiftungSfeft 1755 neben 
«nber auf, um p geloben: 


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€ugen lüolff tn Kid. 


„$er Varbarei berljafete fftadü 
©rbitlben mir an feinem Orte." 

33alb mit fouueräner lleberlegenljett, halb mit giftigem ©pott begegnet man 
x,or gcffern jener ©pielart be§ 2Ü>erglauf>en§, bie au§ ftur$t not ungemötjm 
liefen -RaturerfMeinungen entfpringt. 9 ttit !KedE)t rairb bann bie Verbreitung 
naturraiffenf^aftlidjer tentniffe als Heilmittel folget unnötigen (Seiftet 
nerbüfterung geforbert. £>ie Helmjtöbter, bie fidj rnel bamit roiffeit, bie 
antile Anbetung beS 3Jtonbe§ al 3 Göttin gum Iberglauben ber Vorraett 311 
ftempeln, rühmen fid) angeiid&ts einer SJtonbfinfternife: 

„$er SSeife, bet fidj felbft bie SSelt im Steinen ift, 

®er feine §anblungen nad) fidjern ©rünben mifjt, 

£er 2>inge Urfprnng forfdjt, ber alles, mag gefd)iel)et, 

Unb auf ber SSelt entfielt, mit anbern Singen fielet 
2118 mie beS pbel§ 2Saf)n, ber ba§ für SSunber pt, 

2£aS nid)t ein jeher Sag iljm ücr bie Slugen fteUt: 

$er meifj, bafc mir ben ©runb bon biefen ginfterniffen 
@eI6ft in ber (Siuridjtung ber Sterne Wen müffen." 

3Son bert gal)lrei<^en $l)ilippifen ©ottfcftebS gegen ben Aberglauben be¬ 
tonen einige auSbriicEtid bie S£)eüna^me feiner ©efeHf^aften an öiefeiti 
fiampf. Sutreffenb fennjeidnet er bie (Situation: „ber roafjre Urfprung 
ber Siebe p ©ebeimniffen unb SBunbertt ift bie uns allen fo eigene Utr 
roiffenbeit in natürlidjen ©tagen. ®8 ift nod) nicht lange, baff man in 
©eutfdlanb, ja in gans Europa, alle etrcaS feltfame unb nugerootinlidbe 
Rrnnlljeiten bei Wenfden, ©1)««« ber Sauberei unb ber ©eroalt bei 
©atanS pgefdrieben. atßaä uor Seiten ein untoiffenber Slrjt ober Duads 
falber nidit p beiten mußte, baS t)ic6 beljept. Unb trenn gleich ber grafe 
©bomafüta mit feiner gülbenen Abhandlung de Crimine Magiae biefen 
eingebilbeten Steide ber ginfternifj großen Abbrud gett)an unb linjätiliget 
unfdulbigen Sßerfotten bas «eben erbalten bat, bie man feit fünfzig 3a&rer 
t;er boeb als £>eren uerbrannt haben mürbe: roenngleid bie 9iaturn)if[cn‘ 
febaft unb ber gteifs grofeer Wanner unb ganjer ©efellfdjaften taufen! 
Seuten bie äugen geöffnet, fo bafj fie nidit mehr beulen: biefeS ober jenes 
begreife i<b nicht, folglich ift eS eine fieyerei ober ein SBunbermerf: fi 
giebt eS bod) nod unenblid niete fd'nade ©eifter, bie fid baS SBunber 
bare, baS ©ebeimntfenoHe, baS Uebernatürüde nid)t motten abftreiten taffen. 

' ©bomaftaS roirb fdon nont „93iebermann", einer ©ottfdebfden 3 c ' f 
fdrift, als grofer £elb in Ausrottung beS Aberglaubens in’S gelb geführt 
„er bat ben Slocfsberg müfte unb ben ©atan mit feinem Anhänge ohn 
mädtig gemadt. Er bat uns non ber 5urd)t nor Stobotben, nor ®r 
fdeinungen unb 33efdwörungen alter SSetteln befreit. Wan höret nunmeb 
non feinen 33efeffeneu; man hält auf ©dafcgräber unb anb